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Donntag, den 24. Februar 1929.

Fuldaer Zeitung

3. Blatt.

Druck der Fuldaer Ackiendruckerei, Fulda.

6m Grabe Sonnenchseins.

Ohne offizielle Bindungen stand er da, ohne Amt, ohne Würden, ganz auf sich allein gestellt. Einfach: Dr. Sonnenschein. Seit er im Jahre 1900 zum Priester geweiht wurde und promovierte, hat sich an seinem- Namen nichts geändert. Nur daß dieser Name an Bedeutung wuchs und wuchs, be farmt, geliebt und geehrt wurde. Etwas von der freien Persönlichkeit der Apostel der Urkirche lebte in ihm. „Gehet hinaus in alle Welt und lehret alle Völker . . ." Tief und stark war in ihm der Zusammenhang mit seiner Kirche; ganz aus ihr herausgewactsen war seine Persönlichkeit und sein Werk. Die Bindung an Amt und Organisation je­doch fehlte — nicht einmal einen Titel nahm er an. Zu einem Prälaten kommen die Armen nicht, sagte er, als man bei ihm sondierte, wie er sich zu einer Ehrung stellen würde. Wie die Apostel der Urkirche ging er aus, ging nach der Welt­stadt Berlin, wie es vor Jahrtausenden Petrus und Paulus nach Rom zog. Ganz auf eigene Verant­wortung begann er, schuf Einrichtungen über Ein­richtungen, sprach und wirkte, ^nar für jeden da, half wo nur zu helfen war. Frei stand er auch ollen Bewegungen, .Richtungen, Theorien gegen­über, mit deren Hilfe andere sich erst zur Tat hin­durchringen müssen. Er brauchte sie nicht. Ein innerer Drang, ein Instinkt für das Notwendige und Richtige leitete ihn, und den Sinn der katho­lischen Aktion hatte er schon begriffen und in die Tat umgeseßt, ehe in Deutschland noch jemand die­ses Wort ausgesprochen hatte. Er erfaßte, worauf es ankam. Vergebens predigt ihr dieser Weltstadt das Evangelium, wenn ihr nicht l>elft, wenn ihr nicht dein sozialen Elend zu Leibe geht, wenn ihr diesen Menschen, die an allem verzweifeln, nicht das liebende Herz und die helfende Hand entgegen« streckt; die Tat ist die beste Predigt. Auch Dr. Sonnenschein bediente sich des modernen Mittels der Organisation, auch er gründete Vereine und Verbände Aber mit welchem Leben waren sie alle refüllt. Da war kein Plaß für bloße Theorie, feine Organisationen arbeiteten und lebten — tote Mit­gliederlisten gab es nicht! Die katholische Volks­hochschule, die Akademische Lesehalle, die katholi­schen Siedlungsgenossenschaften — sie sind da. ihre Räume und ihre Häuser stehen!

Und wie betreute dieser Mann, der so ins Große ging, auch das Kleine! Wie war ihm jede ein­zelne Seele lieb wie unermüdlich ging er, recht wie der gute Hirt, hinter ihr her, um sie zu ret­ten. Todkrank, rang er noch um eine Seele, die der Verzweiflung anheimzufallen drohte, und alle Bitten und Vorstellungen der Aerzte konnten ihir nicht davon zurückhalten. Tag und Nacht stand sein Büro offen, und wenn es 50, ja 100 Besucher am Tage waren, er fertigte sie ab, er riet und half, und keinen ließ er ünbeschenkt gehen. Und wenn matt nur etwas mit ihm besprechen wollte und gar fein Ansinnen sonst an ihn hatte und auf' seine halb verwunderte und mehrfach wiederholte Frage, womit er helfen könne, mit dem Kopf schütv teste, dann griff er wenigstens nach der Kirchenzei­tung. „Bitte!" Man sah, dieserMann mußte irgend­was schenken, er brachte es nicht über sich, jemanden von sich ztt lassen ohne eine Gabe. Und gerührt nahm man das Blatt aus feiner Hand.

Man sagt, Dr. Sonnenschein habe dem Katholi­zismus in Berlin zum Durchbruch vcrholfen. Das ist gewiß wahr. Es ist erstaunlich, was dieser Name und das Programm, das mit ihm verbun­den war, zuwege brachte. Vor ihm schwiegen alle Anwürfe und alle Einwände, dann beugte man sich und ahnte etwas von der im Katholizismus drin­steckenden Kraft der Reinheit, der Selbstlosigkeit, des Opfermutes, der Charaktergröße und auch der geistigen Ueberlegenheit. Fast sagt man nicht zu­viel, wenn man sagt: im Schutze dieses Mannes, an den fein Zweifel reichte, wuchs der Berliner Katholizismus auf — in zehn Jahren, welche Ent­wicklung! Aber nicht nur auf Berlin erstreckte sich seine üßirffanifeit. Sein Einfluß und seine Per- ,onlichfeit reichten weiter — nicht nur zufolge sei­ner Anwesenheit und feiner Reden anläßlich der verschidensten Ereignisse, sondern auch zufolge der suggestiven Wirfung, die von ihm ausgingen. Mehr und mehr setzt sich allüberall der Gedanke durch, daß es heutzutage nicht mit dem Lehren des Evan. gelinms allem getan ist. Nein, wir müssen im Großen wie im Kleinen das Evangelium sichtbar werden lassen, einer Zeit, die ohne das Evange­lium auszukommen sucht und sich infolgedessen in Irrtümer und Fehler aller Art verliert, einen Auf­bau zeigen, einen lebensvollen Bau, der sich auf die Fundamente des Glaubens stützt und der der Welt beweist, welche segnende Kraft die Wahrheit hat, der Segen des Evangeliums muß zu sehen und zu greifen Jein! Das ist katholische Aktion! Und in dieser Hinsicht ist Dr. Sonnenschein bahnbrechend geworden, em Vorbild, das dadurch, daß es in der Haupt- und Weltstadt aufgestellt wurde, ferne be­sondere Bedeutung erhält.

Berlin — die Stadt des Fortschritts, des nim­mermüden Suchens, der rastlosen Entwicklung Nicht jeder versteht sie, nicht jeder vermag chrem Tempo zu folgen. Sie wird viel verkannt von jenen, die nicht in diesem Betriebe drin sind und nicht begreifen, wie hier ein Rad das andere treibt Dr. Sonnenschein verstand sie, verstand auch ihre Bewohner, die in diese Riefenmaschinerie einge­zwängt sind und ihr ihr Leben opfern müssen. Er fand die Synthese zwischen dem Jahrtausende alten Christentum und seinen unvergänglichen Lehren und Schätzen und der modernen Millionenstadt mit

Schriftleiter: Dr phil Johannes Kramer Verantwortlich für Politik und Heimatliches Dr Kramer llir den Roman und die „Buchenblätter' A n t o n Deßler. für den übrigen Text und die Unterhaltungs­beilage Dr rer pol Sari 21 u ff ermann, alle in Fulda. Verantwortlich für die Anzeigen: Direktor der Fuldaer Actiendruckerei I. P a r z e l l» r.

Rund um die Woche

Immerhin muß man gestehen, daß doch in un­fern Tagen einer solchen Katastrophe gegenüber mehr für die Notleidenden geschieht, als es früher je geschehen ist. Die großen Bibliotheken sind ge­heizt, es gibt Wärmehallen, es gibt jedenfalls ein starkes Interesse in der Öffentlichkeit, gerade auch den Armen zu helfen. Wir wollen unsere Zeit nicht schlechter machen als sie ist. Man vergleiche uns nur mit Rußland, wo sie in der Hundekälte in Moskau in langen Reihen anstehen, um nur ein Stucklein Brot zu erhalten. Freilich bleibt da ein tneft, und es mag mancher arme Teufel frierend in feinem elenden ungeheizten Stiiblein mit Gott gerechtet haben, der das arme Leben so schwer macht. Diesen sage ich nur die eine Antwort, daß man nämlich diese Rätsel mit bloßer Diesseitsauf­fassung nicht löst. Da muß man die andere Weft hinzunehmen und den großen Ausgleich, den Gott einmal zwischen denen, die hier in warmen Zim­mern es gut hatten und denen, die in kalten frie­ren müssen, vornehmen wird. Das ist die Ge­schichte vom armen Lazarus, und sie ist nicht um­sonst erzählt worden. Bedenke auch noch dieses: Die Sorgen des reichen Mannes, dessen Schiff ir­gendwo feftliegt, dessen Geschäft gewaltig gestört worden ist, dem riesige Vorräte erfroren sind, die Sorgen hast du nicht. Und dein Gewissen ist rei­ner als das jener, die auch aus dieser Not anschei- nend ein Geschäft gemocht haben. Ich weiß es nicht, aber wenn die Bahn sagt, daß sie die Wag­gons für die Kohlenlieferung nach Berlin bereit gehabt habe, wenn die Zechen erklären, sie hätten genug gefördert, und wenn es nur an der Abfuhr von den, Bahnhöfen gelegen haben soll, daß die Kohlen nicht in die Häuser kamen, dann macht man sich doch seine Gedanken.

Mitten in der kalten Zeit haben zahllose Exa­mina in unferm an Professoren so reichen Lande tattgefunben. Der Leser weiß, wie oft ich über diese Singe gesprochen habe. Es müssen nicht alle fübieren. Man kann auch glücklich werden in einfacheren Berufen, zumal heute durch die Fort- bildungsschulen und durch sonstige Bildungsmit­tel es sogar dem Handwerker und Arbeiter mög­lich ist, sein Leben mit Wissen und Kenntnissen zu bereichern. Was nützt mich ein Doktorexamen, wenn ich nicht davon leben kann? Was hat es ur einen Zweck, in die Köpfe zarter Mädchen emen Haufen von Wissen zu pfropfen, mit dem ie ein gutes Examen machen, aber sonst nichts anfangen können. Wir haben den Begriff Bil- i bung ganz einseitig an die Schule geknüpft, als habe das Leben auf gehört, die große Schule für I

Das Kartell der christlichen Gewerk­schaften Groß-Berlin widmet Dr. Sonnenschein folgenden Nachruf:

Wieder steht die christliche Arbeiterschaft der Reichs- yauptstadt an der Bahre eines treuen Freundes und tapferen Mitkämpfers. Den hochw. Herren Pfarrer Waßrnann und Weihbischof Dr. Deitmer ist jetzt Dr. C a rl Sonnenschein im Tode gefolgt. Mit der christlichen Arbeiterschaft Berlins, der der Dahingeschie­dene durch sein zehnjähriges segensreiches Wirken in

den. Ja, ich muß gestehen, daß wir gerade in der Gymnasialjugend einen schönen Fortschritt zum Bessern wahrnehmen. Die Exerzitien werden ge­macht wie noch nie, und gibt es- verseuchte Schu­len heute, nun, die hat es auch früher gegeben, wo dergleichen nur nicht so schnell in die Zei­tungen kam. —

Ueberhaupt beobachtet man manches, was uns uns doch zeigt, daß das Christentum feinen Kampf gegen den Zeitgeist nicht vergeblich kämpft. Wie hatten sich die Freidenker gerühmt wegen ihrer Leichenverbrennungen. Tatsächlich sind sie mit ihrer gewaltigen Propaganda in diesem Punkte wieder auf den Stand von 1926 zurückgeworfen worden und ausgerechnet auch in Wien, wo eine ihrer Hochburgen war. Der Anteil der Kaholiken ist um vier Prozent zurückgegangen, und auch bei Protestanten und Juden ist ein völliger Still­stand eingetreten. Nur der Anteil der Konfes­sionslosen ist noch gewachsen, aber auch nicht viel. Das hat wieder zur Folge, daß sich die Krema­torien auch wirtschaftlich nicht rentieren, und das entscheidet ja heute alles. Man sieht, daß wir so ganz ohnmächtig doch nicht sind. Auch den Stier der Freidenkerei muß man kräftig bei den Hör­nern fassen, wobei man denn oft genug bemerkt, baß es gar kein St'er ist, sondern eine der dümm­sten Kühe, die jemals über Gottes Wiesen ihr er­schütterndes „Muh" verkündet haben.

Einen Nachruf möchte ich noch widmen dem guten Peter Wiesebach S. I., der weithin als Schriftsteller, Jugendfreund und Theatermensch bekannt ist. Er war auch einer von jenen, die ihr Leben restlos dem Wohle der Menschheit und vor allem dem Heil der unsterblichen Seelen gewidmet haben. Tausende und Tausende sind Zeugen sei­ner Passionsausführungen gewesen, die man in lautloser Stille und tiefster Ergriffenheit auf sich wirken ließ. Vor allem aber war Pater Wiesebach ein vornehmer, edler Mensch, der allen wohlwollte und kleinlickie Rache und unfaires Handeln nicht kannte. Auch war er einer von denen, die es nicht hielt in tatenloser Dämmerung, sondern die hin- 1 aus mußten in den Kampf des Lebens, um überall die Interessen des Reiches Christi zu fördern. In den besten Jahren ist er dahingegangen, wieder einer von denen, die wir noch fo recht gebrauchen konnten. Aber so geht's auf Gottes Welttheater. Sie kommen alle dran. Ehe man firhs versieht, ist der Knochenmann da, und das Orchester spielt den Totenmarsch....

Hu, wie ist es heute noch kalt. Aber in den Lüften ringen schon die warmen Ströme mit den eisigen. Wären sie sichtbar, wir wären Zeugen eines überaus ergreifenden Schauspiels. Uebrigens chadet es nichts, von dieser Kälteperiode auch ein­mal auf jene Kälte zu kommen, die mit dem Er­löschen der Liebe in den Herzen verbunden ist. Wo Dante den Satan, den dreiköpfigen gestaltet, da versetzt er ihn in eine eisige Zone .....

Der Mann im Monde.

ihrem ganzen komplizierten Räderwerk und der dadurch bedingten Seetenlage ihrer Bewohner. Er zerstörte die falsche Anschauung, daß der Katholi- ztsmus keinen Konnex habe mit der modernen Welt, ihr innerlich fremd und hilflos gegenüber« stehe. Ist Zutreffenderes, nicht nur über Berlin, sondern über die ganze moderne Welt je gesagt wodurch als in Sonnenscheins „Weltstadtnollzen" ? Hat je einer tiefer in die Seele dieser Weltstadt­menschen geblickt und ihre innersten Nöte aufge­zeigt — und auch die Mittel, ihnen abzuhelfen? Ein Standartwerk des Katholizismus sind diese Notizen, eine Apologie, wie sie heute geschrieben werden muß. Und seine Evangelienerklärungen, die zunächst im Berliner Kirchenblatt erschienen, jetzt auch als Buch herausgegeben worden sind, enthalten die Anwendung des Evangeliums auf den heutigen Tag! Komme niemand mehr und sage, der Katholizismus verstehe die heutige Zeit und den heutigen Menschen nicht!

Dr Sonnenscheins Seele gehört dem Jenseits an. Uns aber gehört seine Persönlichkeit, fein Vor­bild, gehören seine Werke. Berlin, Deutschland, ia die Welt ist um ein gewaltiges Lebenswerk reicher. Dr. Erich Klein.

uns alle zu sein. Mögen die Abiturienten wenig­stens gut überlegen, was sie nun tun. Ausgezeich­nete Anlagen sollen weitergebildet werden. Wo aber nur eben das Ziel erreicht wurde, Junge, werde lieber ein tüchtiger Handwerker, was ein höchst ehrenwerter Beruf ist, geh in die kaufmän­nische Lehre oder sonst in die Praxis, wissen wir doch heute, daß die Begabung eines Menschen wirklich nicht allein nach der Fähigkeit beurteilt werden darf, die er beim Erlernen der dritten Deklination in der lateinischen Grammatik gezeigt hat. Ost genug machen wir sogar die Erfahrung, daß sehr gelehrte und sogar berühmüe Herren, sobald sie dm Teich ihrer akademischen Inseln verlassen haben, auf uns wirken, nun, wie ein Schwan, der an Land geht. Hätten wir nasch keine Lebensversicherung, für diesen Stand müß­ten wir sie zuerst einführen. Das soll uns aber nicht die Freude an unfern Abiturienten verder-

befonberer Weise nahestand, trauert die gesamte christ- hd),nationale Arbeiterschaft Deutschlands um Dr. Carl Sonnenschein, der rote fein anderer zielklar und welt­aufgeschlossen, in packenden Schriften, mitreißenden Re­den und vorbildlichen sozialen Taten in treuer Ka­meradschaft mit uns an der Lösung der sozialen Frage arbeitete. Ein unerschrockener Wegbereiter des christ­lichen Gewerkschaftsgedankens und der Gleichberechtigung der Arbeiterschaft in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft, ein warmherziger Priester, der nicht nur das Evange­lium predigte, sondern auch alles tat, damit es erfüllt werden kann, ist von uns gegangen. Der Herr über Sebert und Tod möge ihm reichlich lohnen und seine Werke auf Erden segnen.

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Reichsinnenminister Severtng hat an die Schwe­ster des verstorbenen Dr. Sonnenschein das nachstehende Beileidstelegramm gerichtet: „Zum Heimgänge Ihres von mir hochverehrten Bruders spreche ich Ihnen und Ihren Angehörigen mein aufrichtigstes Beileid aus im Gedenken seines von Menschenliebe erfüllten Wirkens, insbesondere in der sozial-studentischen Be­wegung."

Der Staatssekretär des preußischen Staatsministe- rtums Dr. W e i s m a n n hat an den fürstbischöflichen Administrator Prälat Cortain in Berlin das folgende Telegramm gesandt: Zu dem unersetzlchen Verlust, den das katholische Berlin durch den Tod Dr. Carl Sonnen­scheins erlitten hat, spreche ich meine herzlichste Teil­nahme aus.

_.. ^iinn ßing folgendes Beileidsschreiben ein: Der ^urstbischoflichen Delegatur spreche ich zugleich im Na- den des Magistrats der Stadt Berlin zu dem schmerzlichen Verluste, den die Berliner kirchliche Wohl­fahrtspflege durch den Heimgang von Dr. Carl Sonnen­schein erfahren hat, herzliche Anteilnahme aus. In wei­ten Kreisen der Berliner Bevölkerung wird das Anden­ken an diesen bewährten Helfer in allen Nöten in treuer (Erinnerung bleiben. Oberbürgermeister Boeß.

Natur und Kultur. — Unsere Abiturienten. — Leichenverbrennung. — Ein Nachruf

Da hockt nun das hochzivilisierte Europa an hun­derttausend Oefen und klappert mit den Zähnen vor Kälte. Ganz kleinlaut ist es geworden, nach­dem es sich dauernd gerühmt, es' habe sich zum Herrn der Naturkräfte gemacht. Ja wohl! Siehst c-u, da hat der Herr aller Dinge einmal einen fei­ner Boten geschickt. Kam er nicht wie ein apoka­lyptischer Reiter, dann vielleicht wie ungeheures weißes Mammut, das aus dem vereisten Sibirien einmal wieder nach Westen stampft. Wo es über eme Brücke kommt, da kracht das Eisen. Ströme bleiben schaudernd stehen bei seinem Anblick. Die Shienen der Bahnen zerspringen wie Glas. Die stärksten Aeste an uralten Bäumen knacken und brechen. Heber die Erde läuft eine kalte Gänse­haut des Grauens ein Meter tief. Das Mammut aber legt sich behaglich nieder und wartet. Keine Rührung spürt es, wenn Kinder meinen, wenn die armen Rehlein verfrieren, wenn Schiffssirenen ver­zweifelnd heulen. Es weiß um feine Aufgabe, den kleinen Menschen einmal wieder zu zeigest, was Natur ist. Sie demütig zu machen. Sie ahnen zu lassen, daß sie abhängig sind. Leider trifft es bei suchen Gelegenheiten immer vor allem die armen Leute. Suchen Stadtverwaltungen auch zu helfen, es ist das immer nur ein heißer Tropfen auf den kalten Stein.

Friedrich Karl von Savigny.

Ium 150. Geburtstag des großen Rechtsgelehrien.

Gleich Goethe war S a v i g n y Frankfurter von Ge­burt, wenn auch nicht von Abstammung, denn seine Ahnen waren in früheren Zeiten aus Lothringen nach Deutschland übergesiedelt. Von Jugend auf war Sa- vigny sein eigener Herr, denn er war früh verwaist und mit Glücksgütern reich gesegnet. Seine Mutter starb 1792 am Sitze des Reichskammergerichts und eines seiner Mitglieder, v. Neurath, war der Bormund des jungen Savigny. Als löjähriger juris studiosus bezog er die alte Universität Marburg, roo sein Lehrer Weis es vermochte, ihn ganz der gelehrten Erforschung des Rechts zu gewinnen. Zeitlebens hing Savigny an die­sem Mann mit der ihm eigenen Pietät. Schon im Alter von 21 Jahren, im Jahre 1800, erbrachte der junge Gelehrte durch seine Promotion und Habilitation den äußeren Beweis zur Lehre des Rechts und durch sein schon 1803 erschienes Buch über die Zivilrechtswis­senschaft überholte er mit 24 Lebensjahren entschieden die damals anerkannten Meister der Wissenschaft. Auf dieses erste Werk Savignys folgte eine Reihe von Jah­ren, die nicht der literarischen Produktion, sondern dem Studium historischen Stoffes, zum Teil auf mehrjährigen Reisen, gewidmet war, ferner auch dem akademischen Lehramte. Gerade als Lehrer war ein Mann von Sa­vignys Art zur mächtigsten Wirksamkeit berufen. Jacob Grimm schrieb von ihm: „Durch das Wesen Ihrer mil­den Lehre weckten Sie meinen Geist, daß er wissen­schaftliche Stimmung annahm." In seinen jüngeren Jahren soll Savignys Vortrag seine Zuhörer geradezu entzückt haben, während in seinem höheren Alter über allzu große Gemessenheit geklagt wurde Beinahe die ganze Studienzeit und auch eine Reihe von Jahren als Dozent und Professor gehören der Universität Marburg an. 1808 erfolgte Savignys Berufung nach Landshut, welche Hochschule er zwei Jahre später mit der Univer­sität Berlin vertauschte, zu deren Gründern er gerech­net werden kann, da er auf Wunsch Wilhelm v. Hum­boldts schon vor ihrer Eröffnung nach Berlin kam und noch an der Feststellung ihrer Organisation sich betei­ligte. Hier hatte er den richtigen Boden für feine Exi­stenz gefunden. Neben der politischen und nationalen Gemeinschaft war es auch die wissenschaftliche, die Sa­vigny in Berlin fand. Innigste Freundschaft und fruchtbarste Wechselwirkung verband ihn mit Barthold Georg Niebuhr. Dieser sollte den Posten eines preu­ßischen Gesandten beim päpstlichen Stuhle antreten und fand bei seiner Ankunft in Italien gelegentlich feiner eif­rigen Forschungen nach handschriftlichen Ueberresten des römischen Altertums die Institutionen des Gaius (römi­scher Rechtsgelehrter etwa 117 bis 180), des weitaus

Friedrich Sari voa Savigny.

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größten und bedeutsamsten, in feinem ursprünglichen Zusammenhang auf uns gekommenen Stückes der römi­schen Jurisprudenz. Savigny sorgte für feine Verwer­tung und Bergung. Neben der Erforschung des rörni- chen lag dem Gelehrten aber auch die des germanischen Rechts am Herzen. Mit feinem Kollegen Eichhorn ver­band er sich 1815 zur Gründung der Zeitschrift für geschichtliche Rechtswissenschaft. Schon 1813 hatte Sa- gint) diejenige seiner Schriften veröffentlicht, welche in den weitesten Kreisen das meiste Aufsehen und den hef­tigsten Streit erregt hatte, die Schrift vom Beruf un­serer Zeit für Gesetzgebung und Rechtswissenschaft, durch welche der Verfasser dem von Thibaut angeregten Ge­danken eines umfassenden bürgerlichen Gesetzbuches ent­gegentrat. Diese Schrift ist es, durch welche Savigny 10 Jahre nach seinem bahnbrechenden Erstlingswerke seine Ansichten über das Wesen und Werden des poft- tuten Rechts prinzipiell formuliert hat.

Born Jahre 1815 an erschien dagegen dasjenige Werk, für welches er feit vielen Jahren gesammelt und geforscht hatte, die Geschichte des römischen Rechts im Mittelalter. Wie durch das Recht des Besitzes als Jurist, so legitimierte durch dieses Werk sich Savigny als Ge­lehrter vorn allerersten Rang. Sein letztes großes Werk galt dem heutigen römischen Rechte in seinem inneren Gehalt. In feinen Grundzügen längst festgestellt und vom Lehrstuhl herab verbreitet-, fing das System des heutigen römischen Rechts zu erscheinen an, als Savigny fein 61. Lebensjahr schon hinter sich hatte. An Große des Umfangs hätte dieses Buch, wäre es vollendet mür­ben, die siebenbändige Rechtsgeschichte noch weit über- ßphpnhpf mirfl Öcr DieIen hungernden Vögel, mlallntl MW) die den Winter bei uns bleiben.

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