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Mittwoch, 20. Februar 1929
Nr 43
Vie Minderheiten-Politik
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»ctiüjeml sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagent „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Act endruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monail. 1,80 einschl. Postaeb. (30 bezw 48 Pf., ohne Zustella.
* Der neue Siedkunasdirektor. Wie der „Demokratische Zeitimgsdienst" meldet, ist der bisherige Landeskulturamtsdirektor Bollert in Königsberg als Nachfolger des au.sscheideniden Mnisterialüirek- tors Articus ausersehen, ;
. * Empfang beim hessischen Gesandten in Berlin. Anläßlich der Anwesenheit des hessischen Staatspräsidenten und der hessischen Minister in Berlin gaben der hessische Gesandte Dr. Nuß, und seine Gemahlin einen Empfang in der hessischen Gesandtschaft. Der Reichspräsident war mit seinem Sohn Oberstleutnant v. Hindenburg erschienen. Ferner nahmen u. a. teil: Reichskanzler Müller und Gemahlin, der Apostolische Nuntius Pacelli, fast sämtliche Reichsminister mit ihren Damen, Staatssekretär Dr. Meißner und Gemahlin sowie verschiedene Staatssekretäre mit ihren Damen und die stimmführenden Bevollmächtigten der Länder im Reichsrat mit ihren Damen.
* Empfange beim Reichspräsidenten. Reichspräsident von Hindenburg empfing am Dienstag den Reichskanzler Müller zu einer Besprechung über die volitische Lage, ferner empfing der Herr Reichspräsident den neuernannten Reichsgerichtspräsidenten D r. B u m k e.
B. D. Z. Berlin, 19. Febr. (Eig. Meld.) Der Reichstagsausschuß für die Strafrechtsreform setzte seine Beratungen beim Abschnitt 10 der Strafgesetzvorlage (Störung des religiösen Friedens) fort. Vorsitzender Abg.'Dr. Dr. Kahl (D. V. P.) eröffnete die Sitzung mit einem Nachruf auf den gestern verstorbenen Abgeordneten Saenger (Sozialdem). Der Vorsitzende berichtete dann über die 3. österreichisch-deutsche Strafrechtskonferenz in Dresden. Die 4. werde seinerzeit in München abgehalten werden.
V. D. 3- Berlin, 19. Febr. (Eig. Meld.) Der Aeltestenrat des Reichstages beschloß, daß am Mittwoch und Donnerstag vom Reichstage die S i ch e r- heitsverhältnisfeaufderReichsbahn behandelt werden sollen. Dazu wird die Regierung eine Erklärung abgeben. Am Freitag soll die kommunistische Interpellation über die kürzlich an eine englische Zeitschrift verratene Denkschrift des Reichswehrmini st ers wegen des Panzerkreuzerbaues beraten werden. Am Freitag wird der Aeltestenrat neue Dispositionen für die weiteren Arbeiten des Reichstages treffen.
Nach längerer Aussprache billigte der Aeltestenrat ferner die vom Präsidenten getroffenen Ordnungsmaßnahmen.
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* Abkommen über den deutsch-französischen kleinen Grenzverkehr. Die mit den Verhandlungen über ein Abkommen zur Regelung des kleinen Grenzverkehrs an der deutsch-sranzösifchen Grenze beauftragten deutsch-französischen Regierungsver. treter, Generalkonsul Frhr. v. Grünäu und Gesandter Coulondre, haben den Wortlaut dieses Abkommens endgültig fertiggcstellt und das Abkommen in Paris paraphiert. Nach Fertigstellung der ziemlich umfangreichen Anlagen zu (diesem Abkommen und nach Vollendung der Drucklegung wird binnen kurzem die Unterzeichnung des Ad» kommens durch die beiderseftigen Bevollmächtigten erfolgen.
* Der Stabschef der Armee des irischen Treft f aates, General Daniel Hogan, ist zurückge- r e t e n.
Am Sonntag fanden in allen größeren Städten Italiens feierliche gottesdienstliche Handlungen aus Anlaß der Aussöhnung zwischen Italien und dem Vatikan statt. Die Zeremonien trugen besonders eindrucksvollen Charkter, da sich die Spitzen der Behörden und zahlreiches Publikum beteiligten und patriotische Reden von den Bischöfen gehalten wurden, die das große Ereignis und die Persönlichkeiten des Papstes und Mussolinis verherrlichten. In den Kirchen waren auch Vertretungen der bewaffneten Macht mit ihren Musikkapellen erschienen, die die Nationalhymne spielten. In Venedig begab fick die Menge nach der Zeremonie zum Sitze des Kardinalerzbischofs La Fontaine, der auf dem Balkon seines Palais erschien und eine Rede hielt, worauf er der Bevölkerung den Segen erteilte.
auswärts 0,80 JUL.
:«: Postscheckkonto Frankfurt a. M. Nr 4051
Die polnische Verfassungsänderung
Seitdem Pilsudski von seiner Reise nach Rumänien zurückgekehrt ist, hat sich die polnische Lef- sentlichkeit mit der von ihm angedrohten Versas- sungsänderung beschäftigt und ist dabei keinen Augenblick zur Ruhe gekommen. Man wußte, daß sie den jetzigen Zustand des illegalen Diktatorsystems verfassungsrechtlich untermauern sollte und hatte infolgedessen von dem Sejm bereits bei den Beratungen über den Staatshaushalt einen Konflikt mit der Regierung erwartet. Dieser Konflikt ist aber ausgeblieben, der Staatshaushalt ist am 11. Februar nach den Plänen der Regierung angenommen worden. Die Sozialdemokratische Partei, die neben den nationalen Minderheiten in Opposition zur Regierung steht, hat es nicht einmal gewagt, den Etat abzulehnen, sie hat sich der Stimme enthalten. Wahrscheinlich hat lie geglaubt, daß eine Ablehnung zur sofortigen Auflösung des Sejm führen würde, und daß es bei Beratung der Ver- fassungsresorm noch genügend Gelegenheit geben würde, Opposition zu machen.
Der Inhalt des Derfassungsreformgesetzes ist inzwischen durch das Pilsudski-Blatt „Dzen-Polsri" bekannt gegeben worden. Dieser Entwurf stammt nicht von der Regierung, sondern von der Piliu^i - Partei im Sejm. Offenbar hat das der polnische Diktator für zweckmäßiger gehalten. Natürlich steht aber nichts in dem Entwurf, was nicht die Zustimmung Pilsudskis gefunden hätte. Die Reform bezieht sich zunächst auf die Wahl des Staatspräsidenten, und er soll künftig durch allgemeine Bolks- wahl bestellt werden. Doch haben die Wähler eine Entscheidung nur zwischen zwei Kandidaten, von denen der eine durch den abtretenden Präsidenten, der andere durch eine Mehrheit von Sejm und Senat vorgeschlagen wird. Zu diesem Zweck vereinigen sich die beiden Parlamente zu einer Nationalversammlung. Stimmen sie mit qualifizierter Mehrheit für den Kandidaten des abtretenden Staatspräsidenten, so entfällt die Volkswahl. Das Wahlrecht zum Sejm bleibt allgemein, gleich, direkt und geheim, doch wird die Altersgrenze für das aktive Wahlrecht in Zukunft auf 24 Jahre erhöbt. Auch das Militär soll wahlberechtigt werden. Die Festsetzung des Wahlalters auf 24 Jahre bedeutet aber dann, daß in der Hauptsache nur die Offiziere wählen können. Die Immunität der Abgeordneten wird erheblich beschränkt. Der Senat, der bisher aus allgemeinen Wahlen hervorgegangen ist, soll künftig zu einem Drittel vom Staatspräsidenten ernannt werden. Die Regierung soll in Zukunft gleichzeitig dem Staatspräsidenten und dem Sejm verantwortlich sein, während der Staatspräsident künftig nur noch für einen Teil seiner Akte die Gegenzeichnung der Regierung notwendig hat.
Die Verfassungsreform wird von den Mitgliedern des Pilsiidski-Mock einmütig unterstützt, doch schreiben die Oppositionsblätter, daß diese Einmütigkeit, wenn sie wirklich besteht, sehr jungen Datums fei. Es hat sich nämlich bei den Vorarbeiten der Reform im Pilfudfki-Block gezeigt, daß hier Bo- litiker von den verschiedensten grundsätzlichen 2L’j« fassungen sich zusammenqefunden haben. Das ist im Dezember vorigen Jahres bekannt geworden, als das geheime Protokoll des Sekretärs der von dem Pilfudski-Block einberufenen Verfassungskonferenz veröffentlicht worden war. Ian Dombski, der Vizemarschall des Sejm hat darüber in der „Neuen Züricher Zeitung" vom 16. Dezember v. I. folgendes mitgeteilt:
„Einige Abgeordnete, wie der Universitätspro- feffor Koebanowski, rieten im Hmblick auf das allen slawischen Rassen eigene „religiöse Gefühl" zur Einführung eines Snstems der „Theokratie" Der bekannte Magnat Fürst Eustachius Sapieba, d^r ehemalige Minister des Auswärtigen, empfahl ähnlich wie der Abgeordnete Machiewicz die Einführung der Monarchie, zu der vrinsipiell auch der ehemalige Sozialist Holowkoh, hinne'gt, der heute Direktor des Ostdepartements im Ministerium b”5 Auswärtigen ist. Der stellvertretende Iustizmini- ffer Car schlug einen Artikel vor, daß Marschall Pilsudski für die Dauer von .zehn Jahren zum Staatspräsidenten ernannt würde und das Recht erhalte, feinen Nachfolger zu ernennen. Herr Ma. tuscewski, der ehemalige Direktor des Nerwaltungs- departements im Ministerium (des Auswärtigen und der derzeitige polnische Gesandte in Budapest bezeichnete als die angemessenste Regierungsform für Polen den Cäsarismus nach dem Beispiel Mussolinis ... Es war sehr beachtenswert, daß Fürst Ianusch Radziwill, der Vorsitzende der Sejmkommission für auswärtige Angelegenheiten, aus dieser Konferenz den G°danftn d->s Forts-Tritts vertrat und den Rat erteilte, die öffentliche Meinung Europas zu berücksichtigen, da solche reaktionäre Ansichten einen schlechten Eindruck Hervorrufen und das Prestige Polens im Auslande erschüttern könnten."
Das Wissen um diese Vorgänge läßt allerdings die Einmütigkeit des Regierungsblocks in der Der. fassunqsfrage etwas sehr zweifelhaft erscheinen. Um die Aussichten der Reform richtig abzusckciben, ist es nötig zu wissen, daß jede Verfassimgsändorung eine dreifünftel Mehrheit verlangt, das fin? von den 444 Seim-Stimmen affe mindestens 266. Der Regierungsblock selbst verfügt aber nur über 130 Stimmen. Die jetzt in der Opposition stehende Linke, zu der die Sozialisten, die Bauernpartei die Wnzwolenie und sämtliche nationale Minderheiten gehören, verfiiat über rund 200 Abgeordnete, ist also für sich stärker als der Regierungsblock. Er hat von dieser Ueberlegenheit ein emsiges Mal Ee« brai'ch gemacht, nämlich bei der Wahl des Seim» Borsitzenden, der ein Sozialist ist Der Kandidat Bilfudski fiel damals durch Die Reckte verfügt über rund 70 Stimmen. Sie hält eine Verfafsungs. revision für notwendig, möchte aber Piliudski. der gegen sie den Wahlkampf geführt hat, feinen Erfolg gönnen. Man muß damit rechnen, daß dieser es nicht aus lange Kämpft ankommen lassen wird, fon- dem sehr bald den Seim vertagt und die Ver-
Der deutsch - persische Vertrag.
Der stellvertretende persische Minister des Aeu- ßern Mohammed Ali Khan Farzine, und der deutsche Gesandte in Teheran, Graf von der Schulenburg, haben für Persien und Deutschland einen Vewrag unterzeichnet, der enthält: Ein Freundschaftsabkommen, ein Handels-, Zoll- und Wirtschaftsabkommen. Der Vertrag, der auf der Meist- begünstigungsklaufel und der gegenseitigen Gleichberechtigung basiert ist, ist für die Dauer von fünf Jahren abgeschlossen. Der Freundschasts- vertrag bestimmt, daß die Kontrahenten alle Jnter- M^tierungsstreiftgkeiten einem vorgesehenen Schiedsgericht unterbreiten, wobei sich die Parteien vorbehalten haben, die Klauseln über das Schiedsgerichtsverfahren zehn Jahre nach der Ra- tifiziemng aufs neue zu prüfen. Das Handels- abkommen betont grundsätzlich den beiderseitigen Willen, nichts zu unternehmen, was den Warenaustausch und Transitverkehr behindern könnte. Es sieht dis üf-lichen Einschränkungen, besonders hinsichtlich des Verkehrs mit Kriegsmaterial vor. Die Schiffe beider Länder werden den internationalen Schiffahrtsregeln entsprechend behandelt. Das Handelsabkommen enthält eine Zollunionsklausel, wonach die Meistbegünftigungsvervflich- tungen für den Fall der Eingebung von Zollunio- neu seitens einer der beiden Parteien keine Anwendung finden. Das Niederlassungsabkommen bestimmt, daß die Gerichte beider Länder die Unter, tonen des anderen Landes wie die eigenen Staats, angehörigen behandeln, doch bleiben die perfonen- rechtlichen Bestimmungen der Heimatländer in Geltung. Der Vertrag ist in deutscher, persischer und französischer Sprache abgefaßt. Die ftanzösi- sche Fassung gilt als maßgebend.
totb. Paris, 19. Febr. (Eig. Meldg.). Volonte widmet den deutsch-polnischen Gegensätzen in der Minderheitenfrage einen Artikel, in dem das radikale Blatt die Frage anders beurteilt als die meisten übrigen französischen Zeitungen. Es schreibt: Die Warschauer Regierung wie alle Regierungen, die nicht einer frei ausgeübten parlamentarischen Kontrolle unterworfen sind, begeht jeden Augenblick den Fehler, die deutschen Minderheiten in Polen durch willkürliche Maßnahmen zu reizen. Natürlich haben diese ungeschickten Gesten ihre Rückwirkungen in Deutschland. In dem Artikel heißt es bann weiter: Bereits mehrfach sei in der Volonte betont worden, daß trotz der in der Aera des nationalen Blocks zu leichtfertig abge- schlossenen Abkommen zwischen Frankreich und Polen die öffentliche Meinung in Frankreich keineswegs dem Verbündeten im Osten in seiner Politik der Provokation und Unterdrückung der Minderheiten zu folgen gedenke. Mehrfach habe der Quai d'Orsay sogar Warschau mit der gebotenen Dis- kretion aufgefordert, nicht in feiner antideutschen Aktion zu beharren, die Frankreich niemals unterstützen würde. Aber der Nationalismus der jungen Völker fei unverbesserlich und wenn
durch ein Diktatorialregime belebt werde, werde
In den Gemächern der Nobelgarde des Vatikans gab der Gardekommandant Prinz Aldrobran- bini anläßlich der Iahreswiederkehr der Krönung des Papstes einen Empfang, zu dem die Würdenträger des päpstlichen Hofes, u. a. die Kardinale Galvarri und Dannutelli, sowie zahlreiche Mitglieder 'Bes römischen Patriziats erschienen waren. Während des Empfanges wurde ein Film aufgeführt, der die Szene der Unterzeichnung der ifa- lien sch-vatikanischen Verträge roiebergibt. Der Film löste unter ben Anwesenden warmen Beifall für den Papst, den König, Mussolini und den Kardinal Gasparri aus.
Die Lateran-Verträge.
„Giornale d'Italia" bespricht im Leitartikel die Fragen, die sich aus dem zwischen dem Vatikan und der italienischen Regierung abgeschlossenen Vertrag ergeben. Zunächst stellt das Blatt fest, daß nur diejenigen, die ihren ständigen Wohnort in der vatikanischen Stadt haben, die vatikanffche Staatsangehörigkeit besitzen werben. Wenn der Papst den Vatikan verlasse, werde er in Italien ausgenommen werden wie ein Souverän, der inkognito reist. Die Person des Papstes fei unverletzlich wie die des Königs. Wenn der Papst auf iralienischem Gebiet in einer Kirche amtiere, so erhalte diese Kirche zeitweilig und vorübergehend den Charakter der diplomatischen Immunität. Bezüglich des Verkehrs zwischen der vatikanischen Stadt und dem übrigen Italien müßten noch die erforderlichen Abmachungen getroffen werden. Jedenfalls werde es keinen Pah zwang geben. Die Geistlichen würden in Zukunft auch in Italien den weltlichen (Berichten unterstehen. Was die Ehe betreffe, so würden Nichtkatholiken sowie auch diejenigen Katholiken, die sich nicht kirchlich trauen lassen wollen, die Zivilehe eingehen können. Den Katholiken, die nach der kirchlichen Trauung auch ehie Ziviltrauung vornehmen lassen wollen, stehe dies frei. Schließlich stellt „Giornale d'Italia" fest, daß der Staat dem Hl. Stuhl sofort nach Ratifizierung der Verträge die festgesetzte Entschädigungssumme auszahlen werde Diese Summe sichere dem Vatikan bei einer Verzinsung zu fünf Prozent ein jährliches Einkommen von rund 87 Millionen Lire und ermögliche es ihm, unabhängig von ben unregelmäßigen Einkünften bes Peters-Pfennigs, ein regelmäßiges Budget aufzustellen.
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Anläßlich der in Teheran erfolgten Unterzeichnung bes beutsch-persischen Handels- unb Freund- schastsvertrages hat zwischen bem Reichspräsidenten unb bem Schah von Persien ein in warmen Worten gehaltener Telegrammwechsel ftattgefunben.
aus bem Reichstage.
Die Kleinrentnerfürsorge beschäftigte den Reichstag in seiner Sitzung am Montag. Das Kleinrentnerproblem gehört zu denen, die mit parteipolitischen Programmen wirklich nichts zu tun haben. Im Wettbewerb um die Gunst der immerhin als Wähler bedeutsamen verarmten Existenzen hat sich aber ein Zündstoff zwischen den Parteien angesammelt, der jedesmal zur Entladung kommt ,roenn die Not der Kleinrent- ner zur Erörterung kommt. In der gestrigen Sitzung war es nicht anders als früher. Der sozialpolitische Ausschuß unterbreitete eine Entschließung, in der die Regierung aufgeforbert wird, eine reichsgesetzliche Regelung zur Verbesserung der Kleinrentnerfürsorge hinsichtlich des Personenkreises, der Voraussetzungen und der Höhe der Leistungen und der Mitwirkung der beteiligten Organisationen zu treffen. Reichsarbeitsminister Wissell erklärte sich mit dieser Entschließung durchaus einverstanden. Die Regierung habe bereits eine entsprechende Vorlage vorbereitet. Die Redner der Deutschnationalen, der Deutschen Volkspartei und der Demokraten erklärten, sie hätten in der Regierungserklärung die Versicherung erblickt, daß die Kleinrentner einen Rechtsanspruch auf die jetzige Fürsorge haben sollen. Auf den Standpunkt der Regierung und der Ausschußentschließung, daß nämlich an der Fürsorge im Gegensatz zum Versorgungsgesetz festgehalten werden sollte, stellten sich die Redner der Sozialdemokraten und des Zentrums. Während die Deutschnationalen, die Volkspartei und die Demokraten sich mit den schwierigen Deckungsproblemen der neuen Ausgaben nicht beschäftigen, haben die Sozialdemokraten beantragt die Kosten des Kleinrentnergesetzes durch eine neue Steuer, die auf I n- flationsgeroinne gelegt werden soll, zu decken. Die Beratung soll am Dienstag, 3 Uhr,
Die Sachverftandigen-Uonserenz.
wtb. Paris, 19. Febr. (Eig. Meld.) lieber ben Verlauf der gestrigen Debatte im Sachoerständigen- russchuß glaubt Echo de Paris berichten zu können: Dr. Schacht sei zweifelsohne der Ansicht gerne, en, daß feine bisherigen Darlegungen feine Kolagen nicht überzeugt hätten. Daher fei er auf verschiedene von ihm bereits behandelte Punkte zurückgekommen, namentlich auf den Außenhandel Deutschlands. Er habe nochmals betont, daß chne eine aktive Handelsbilanz die deutsche Wirt« ichaft unmöglich die Repavationslasten tragen könne. Unter diesen Umständen habe sich die Frage -rhoben, ob es angebracht sei, die theoretische Debatte als endgültig geschlossen anzusehen und unverzüglich die Generaldiskussion zu eröffnen, auf die Gefahr hin, die Erfolgausfichten zu verringern dadurch, daß rasch tiefgehende Meinungsverschiedenheiten unter den verschiedenen Delegationen zum Vorschein kommen, oder ob es nicht vielmehr angebracht sei, die bereits behandelten Punkte wieder aufzunehmen und Unterausschüssen zur Prüfung zu übermeifen, da in diesen Unterausschüssen eine längere Fühlungnahme die ursprünglichen Meinungsverschiedenheiten würden verzögern können. Der Streit fei sehr ernst gewesen. Die Experten hätten ihn nicht leichtfertig lösen wollen. Sie hätten daher zwei ihrer Mitglieder, Sir Iosnh Stamp und Dr. Schacht, beauftragt, die Frage zu prüfen und ihnen heute vormittag einen Bericht zu unterbreiten.
Nach dem Matin soll die Initiative, Unterausschüsse zu bilden, auf Dr. Schacht zurückgehen. Die amerikanischen Sachverständigen hätten ihm zwar entgegengehalten, daß bei der Arbeit von Unterausschüssen sich nichts neues ergeben könne und daß es wohl besser wäre, ohne weiteres den Hauptge- genftanb in Angriff zu nehmen, aber auf Dr. Schachts Drängen habe der Ausschuß schließlich beschlossen, ihn und Sir Josuh Stamp zu beauftragen, zu untersuchen, welche Vorteile sich aus der Bildung von sogenannten Unterausschüssen ergeben würden. Beide hätten im Laufe des gestrigen Nachmittags mit ben. verschiedenen Delegationen wegen des Für unb Wider Fühlung genommen. Am Abend sei man in gewissen Kreisen f ü r di e sofortige Eröffnung der Haupt- d i s k u s s i o n gewesen.
Beamtenbunö und Reparation sfrage.
Der Gesamtvorstand des Deuffchen Beamtenbundes hat sich in feiner Sitzung vom 16. Februar eingehend mit dem Reparationsproblem beschäftigt und dazu in zwei Entschließungen Stellung genommen. Nachdem in der ersten Entschließung darauf hingemiefen wird, daß Deutschland aus eigener Kraft feine Reparationsverpflichtungen nur dann erfüllen könne, wenn die Revision der Reparations- frage zu einer wesentlichen Herabsetzung der Leistungen führt, stellt der Gesamtvorstand des DBB. weiter fest, daß der Reparationsagent in feinem Jahresberickt vom 22. Dezember 1928, soweit er sich mit den Beamten in Reich, Ländern unb Gemeinden befaßt, den tatsächlichen Verhältnissen in keiner Weise gerecht wird. Der Gesamtvorstand des DBB. weist besonders darauf hin, daß die Gehaltsaufbesserungen der Beamten, in denen der Reparationsagent irrigerweise eine Hauptursache der hohen öffentlichen Ausgaben erblickt, seit Jahren zurückgestellt wurden, unb zwar nicht zuletzt mit Rücksicht auf diejenigen Schwierigkeiten, die sich von Anbeginn der Reparationszahlungen infolge dieser Lasten bei ben öffentlichen Etats geltend machten. In der ersten Entschließung des Deutschen Beamtenbundes wird weiter betont, daß die drohenden sozialen Folgen der Reparafionslasten vom Generalagenten bisher keineswegs genügend gewürdigt worden sind. Der Deutsche Beamtenbund erhebt fiir das deutsche Volk die Forderung auf eine Lebenshaltung, die einem Kulturvolk gebührt, und die durch die endgültige Regelung der Reparationsfvage nicht gefährdet werden darf.
In einer zweiten Entschließung wird hervor- gehoben, daß die durch den Dawesplan der Deutschen Reichsbahn auferlegte Repara- tionskast sich als zu hoch erwiesen hat und es wird vor allem auf dis Rückwirkungen in der Sozial- und Wirtschaftspolitik aufmerffam gemacht. Der Gesamtvorstand des Deutschen Beamtenbundes fordert daher gemäß dem Beschluß des 6. Bundestages vom Oktober vorigen Jahres die deutsche Reichsregierung und die sonstigen politischen Faktoren Deutschlands auf, darauf hinzuwirken, daß tue Art der Aufbringung der Reparationslasten als eine ausschließlich innerdeutsche Angelegenheit erklärt und auf die Beibehaltung der auf Grund dr Dawesgesetze gebildeten Reichsbahn - Gesellschaft verzichtet wird, um zu erreichen, d"ß die bahn in die volle Verfügungsgewalt des Reiches ,zurückkehrt unb im Rahmen der deutschen CHanv- belastung in einer der wirklichen Leistungsfähigkeit der Reichsbahn angevaßten Weise zu den Reparationszahlungen beiträgt.
Anzeiger für die Stabt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.
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