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30 35.

Sonntag, den 10. Februar 1920.

Fuldaer Zeitung

3. Blatt.

Druck der Fuldaer AcNendruckerel, Fulda

Treue Herzen.

Roman von Marie Harling

87] ------

Roger geht ohne Gruß fort, der Direktor aber tobt. Er ist wütend auf Roger, aber weil seine Wut diesen nicht erreichen kann, so müssen die anderen herhalten.

„So eine Schweinerei! Das wird einen Mords- lkandal in der Stadt geben. Sie schädigen mir mein Theater, Herr, und wo bekomme ich nun schnell eine Kraft wie die Vollmer wieder her!", schnaubt er San- dor an.

Die ganze Gesellschaft drückt sich möglichst lautlos dem Ausgang zu, und selbst Willis schönsten Augen gelingt es nicht, den Gewaltigen heute 3U &e$äJ)men. Doch auch ihr ist der Spott vergangen. Ein Menschenleben haben sie ja nicht gefährden wollen. Daß die Vollmer den „harmlosen" Scherz so furchtbar ernst nahm — wer konnte das auch ahnen.

-3ioger hat Walter Roland herbeigerusen; denn er selber muß ja wieder fort und allein kann er das Kind nicht lassen. Spät am Abend kommt Walter, und Ro- zer hat Mühe, den aufgeregten Mann zu beruhigen, als er alles erfahren hatte. *

„Ich habe die schurkische Tat schon gerächt, sogt Roger, sich unbewußt des Vornamens bedienenv, „je weniger Aufsehen davon gemacht wird, desto bester •■ft es für Elvira. Aber nehmen Sie das Kind mit /ort, sobald es- geht, sie ist den Intrigen ihrer Kollegen nicht gewachsen."

Am andern Morgen gehen beide zur Klinik und man sagt ihnen, daß es ein wenig besser gehe. Die dienst­tuende Schwester muh erst den Arzt um Erlaubnis fra­gen, ob sie den Besuch einlassen darf- Doch Elvira hat in dem ohnmachtähnlichen Zustand, in dem sie noch immer liegt, wenn die wilden Fieberphantasien Nach­lassen, wohl die geliebten Stimmen gehört.

.Walter, Roger, wo seid ihr?" So jammernd, so voll heißen Wehs sind ihre Worte — da bedenkt sich der alte, erfahrene Arzt, der gerade hinzukommt, nicht , lange.

Rund um die Woche.

Fastnachtsgedanken. — Familie und Heim. — Film, Funk und Schallplatte. — DaS gute Buch. — Barbarei. — Ein guter Rat.

Kanzel? Welcher Schüler möchte nicht um alles in der Welt einmal auf dem Katheder sitzen? Ach, wir träumen alle von etwas, das wir nicht sind und nicht besitzen, und diesen heimlichen Traum leben wir bann' aus unter Larven und Masken.

Zur Fastnachtszeit legt sich vielen frommen Men­schen ein schwerer Druck auf das Gemüt. Es hat ja mancherorts den Anschein, als fei alles, was e:n Maskenfest schön und sinnig machen könnte, in Leichtfertigkeit, Gier, Genußsucht und geschäftlicher Spekulation untergegangen. So füllen sich in die­sen Tagen die Kirchen, und unablässig steigen aus ihnen Andacht und Sühne zum Himmel empor. Solch fromme Haltung hat nichts zu tun mit einem Pharisäismus, der andere verachtet, weil sie fröhlich sind. Sie schafft nur das heilige Gegengewicht ge­gen Uebertreibung und Ausschreitung. Sie hindert uns auch nicht, darüber nachzudenken, ob es denn nicht möglich wäre, den Fastnachtsvergnugungen einen edleren Charakter zurückzugeben.

Treffliches sagen darüber die Blatter für L a i e n s p i e l e r. die im Bühnenvolksbundverlag, Berlin, erscheinen. Dr Ignaz Gentges leitet das Januarheft ein mit einem Artikel „Maske und Ge­sicht" Warum maskieren sich überhaupt die Men- fchen? Weil unter dem Schuß der Maske etwas geschehen kann, was die einfache Wirklichkeit nicht zuläßt. „Die versteckten Gewalten und Gestalten unseres Innern können lebendig und wirklich wer­den ohne daß sie Anstoß erregen." Das ist ein­leuchtend. Welcher Lehrjunge gefiele sich nicht zu­weilen in dem Traum, selber der Prinzipal zu sein? Welcher Bettler trägt nicht in sich das Wunschbild des Reichtums? Welcher Geheimrat svürte nicht zu­weilen Lust, ein richtiger Mensch zu sein? Welcher Meßdiener stände auch nicht einmal gern auf der

Der Nestor der deutschen Landrvirt- schastslehrer gestorben.

i

' Geheimrat Pros. Lx. Ludewig Mttmaack.

3er erste deutsche Gelehrte, dem die Würde eines Doktors der Landwirtschaft ehrenhalber verliehen wurde, ist in seinem 90. Lebensjahre gestorben. Er hat sich 1867 bei der EinrichAmg des Berliner Landwirtschaftlichen Museums große Verdienste er­worben wurde 1880 Professor an der Universität, 1881 znoleich Professor an der Landwirtschaftlichen Hochschule in Berlin, 1889 Rektor der Hochschule und 1891 Gebeimrat. Ms Juror der Weltausstel­lungen Chicago, Paris, St. Louis und Brussel hat er sich in den landwirtschaftlichen Fachkreisen eine Weltgeltung verschafft. Wissenschaftlich hat er sich besonders auf dem Gebiet der Samenkunde hervor­getan. ______________'_________________

Sehr richtig bemerkt Dr. Gentges auch, daß zu einem eigentlichen Maskenfest am Schluß die ge­meinsame Demaskierung gehöre. Da 'st der Alltagsmensch wieder da, die Maske aber nur in der unmittelbaren Erinnerung. Man kann be’be mit einander vergleichen. Es wird einem auf ein­mal klar, was an hohen oder sich phantastischen Ke- danken und Bildern in dem Mitmenschen lebt. Wir werden ihn in Zukunft mit ganz anderen Augen sehen Wir werden nicht an der Alltagserscheinung hängen bleiben, ja, in stiller Stunde geht es einem wohl einmal auf, wie jeder Mensch heimlich in sick die göttliche Perle birgt. Fast die ganze Nummer ist dem Maskenfest und dem Maskenspiel gewidmet und lehrt uns, wie solche Veranstaltungen auch ih'e rechte Schönheit offenbaren, wenn sie im Kreise der Familie stattfinden. Da treten d->nn die Mißstände von selber zurück, und aus dem Rummel wird ein herrliches seelisches Erlebnis.

Es lohnt sich, unter diesem Gesichtspunkt über­haupt unser modernes Leben zu betrachten. Wie sehr dient der Rundfunk doch dem Familiengestte. wie sehr tut das auch die neuerdings sich fabelhaft ausbreitende Schallplatte. Als das Radio auf*am, meinte man, nun fei das Ende des Grammophons gekommen, aber siehe da, der umgekehrte Fall ist eingetreten. Friedrich Schreyvogel ist jüngst di 'ser merkwürdigen Entwicklung nachgegangen und gibt den tiefen Grund dafür an. Die Schallvlatte ist nämlich ihrer Natur nach individueller. Ich kann selber die Zeit bestimmen, wann ich Musik ober Vorträge hören will. Ich kann selber die Auswahl treffen,' die meinen Bedürfnissen akigepaßt ist. Frei und unabhängig kann ich mit meiner Schallplatte umgeben, und das liebt einmal der Mensch, in dem das' Geheimnis der Persönlichkeit steckt.

Alles dieses dient b”m Heim und der Familie. | Man muß nur dabei sein. Man muß nach und I nach dahinterkommen, welche Wunder an Fortschritt und Kultur man zwischen seinen vier Wänden ha­ben kann. Wir sind wirklich auf dem Wege zu einer ganz neuen Heimkultur, zumal Film. Funk und Schallplatte sich technisch schon verbünden und ein Gesamtkunstwerk modernster Prägung ermög'ichen. Freilich, und das sei auch hier betont: Wenn n’djt noch mehr für den Wohnungsbau geschieht, wird es mit der Heimkultur gute W->ge ba^en. Und wenn sich das Familienleben so weiter auflöst. wird eine Familienkultur unmöglich werden. Man oerg-’ffe aber nicht, wie v'el wir tun können, um alles dieses zum Guten zu wenden.

Hierher gehört auch die häusliche Pfleue des Buches. Wer sich dafür interessiert, der lese Joseph Zimmermanns Arbeit „Dorl-sestunden und Volks- bildungsa'-ende". Diese praktische Leistung steht im innigsten Zusammenhänge mit den Bstdungsbestre- bungen des Borromäusvereins. Wie man leien und namentlich wie man vorlesen soll, wird hier ge­zeigt. Auch werden Stoffe und Sucher aufgefühlt, aus denen man auswählen kann. Nach einem sol­chen Buch ist schon oft gefragt worden. Der Lehrer braucht es, der seinen Schülern eine Feierstunde be­reiten wist. Der kleine Kreis sehnt sich danach, der sich der Pflege der schönen Literatur gewidmet hat. Eltern werden darnach greifen, die sich abends ein-

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^Gehei^Sie^mmerhin zu der Kranken, es wird sie beruhigen. Diese beiden Namen hat sie die ganze Nacht so sehnsuchtsvoll gerufen."

Erschüttert stehen die beiden an dem Krankenlager. Wie kann die lurze Zeit das blühende Mädchen so ver­ändert haben? Elvira mag den warmen Blick fühlen, sie schlägt die Augen auf und ein Lächeln spielt um ihre Sippen. _

„Walter, Roger, ihr seid hier? O, nun ist alles gut, nun kann ich endlich schlafen, ich bin so müde. Nun wird der schreckliche Mann nicht mehr singen, ihr werdet ihn fortjagen."

Wie ein Hauch klangen die letzten Worte, die Augen schließen sich wieder. Die Kranke aber wird nach diesem Besuch ruhiger, das Fieber steigt nicht wieder zu so bedenklicher Höhe.

Walter bringt den Freund, denn das ist Roger ihm in diesen schweren Stunden geworden, zur Bahn, dann will er an Marianne telegraphieren.

„Bis meine Schwester kommt, bleibe ich hier und ich gebe Ihnen Nachricht, Roger. Wie soll ich Ihnen danken für alles, was Sie an dem armen Kind getan!"

„Danken Sie mir nicht, Walter: denn ebenso wie Sie keines Dankes bedürfen, so möchte auch ich keinen Dank. Wer Elvira kennt, muß sie lieb haben und sie beschützen."

Als Elvira endlich nach langen, bangen Tagen der Genesung entgegenschläft, sieht sie voll Erstaunen beim Erwachen Marianne an ihrem Bette sitzen.

Getreulich hat die Freundin sie gepflegt, aber keinen Besuch zu ihr gelassen, wie Walter ihr strenge anbefoh­len.

All ihre Kollegen und Kolleginnen sind gekommen und brachten so viel Blumen, daß das stille Kranken- z'mmer einem Blumengarten glich; doch zu Elvira kam niemand hinein.

„Sie darf sich nicht aufregen," war Mariannes stän­dige Antwort. Sandors Brief, den man in das Kran­kenhaus nachgeschickt, hatte Roger schon damals zerrissen, nichts sollte das arme Kind an die schrecklichen Stunden erinnern.

Minna aber, die ab und zu auch ein Stündchen kommt, ist im Krankenzimmer gern gesehen und endlich

mal mit den Kindern zusammensetzen und etwas wirklich Schönes gemeinsam lesen wollen.

Wir müssen es schon auf diese Weise anfangen, wenn wir der immer mehr hereinbrechenden D o r- b a r e i Herr werden wollen. Manchmal möchte man ja verzweifeln. Das Kinopublikum der Groß- täbte zeigt manchmal einen solchen Tiefstand an Bildung und Geschmack, daß man sich geradezu sei­ner schämt. Den übelsten Kitsch beklatschen sie und die feinste Kunst begleiten sie mit lautem Gähnen. Dazu bemüht sich fortgesetzt ein Teil unserer Preise, alle bildungsfeindlichen Instinkte aufzureizen. „Hut ab", so schrieb dieser Tage groß die „Welt am Abend". Hut ab — vor wem? Nun, vor den San. biten, die es fertig gebracht hatten, von unten her in den Tresor einer Bank einzudringen. Soweit sind wir gekommen. Nicht mehr Hut ab vor Helden und Heiligen, aber wohl vor Räubern, Banditen, Hochstaplern und Betrügern.

Von außen her kann man diese Dinge nicht mei­stern. Da muß von innen gearbeitet werden, vor allem in der Familie. Ich möchte hier nun zum Schluß noch auf etwas aufmerksam machen, was gerade die Stimmung und die Atmosphäre in der Familie so oft verdirbt. Es sind Kleinigkeiten. Der Vater ist nervös, die Mutter erregt, und die Kinder sind zappelig. Und fo sitzen sie mit sauren Gesich­tern beim schönsten Pudding! Ich habe mein In­neres in Schotten eingeteilt, wie man es bet den Schiffen tut. Dringt irgendwo Wasser ein, bann wird auf einen Knopf gedrückt, und die bedrohte Abteilung schließt sich automatisch ab. So mache ich es mit jedem Aerger. Ich kapsele ihn einfach ein wie einen Bazillenherd? Ich lasse ihn einfach nicht bis zum Unteren der Seele kommen. Denn da muß immer Sonne sein, immer Humor, immer Lebenslust, immer Jugend. So macht man sich das Leben leichter — und andern auch. Also Väterchen, Mütterchen, Kinderchen — Schwieaermütter und Tanten nicht zu vergessen — mit b’r Nervosität und den sauren Gesichtern soll es ein Ende haben. Lache mir zu Liebe wenigstens diesen einen Tag — mor­gen tue es bann schon dir und den Deinen zu Liebe.

Der Alaun im Alande.

Das Donau-Eis geborsten.

Der Donaustrom hat die Eissesseln unter bon­nerähnlichem Krachen, bas viele Kilometer weit ge­hört wurde, gesprengt. Bei der Ortschaft Nieder­winzer setzte sich der Cisstoß in Bewegung und türmte sich zwischen dem eisernen Steg und der 600 Jahre alten Steinernen Brücke mehrere Me­

ter hoch empor, während kurz darauf der Wasser­spiegel ebenfalls um fast zwei Meter flieg. Es war ein gewaltiges Naturschauspiel, das aber mit feinem überraschenden Hereinbrechen beinahe mehreren hundert Menschen, die sich ahnungslos kurz zuvor auf der Eisflache der Donau inmitten der Stadt Regensburg getummelt hatten, das Lebengeko st et hätte. Unter den Schlittschuhläufern befanden sich viel unbeaufsichtigte Kinder im Alter von Jedis bis neun Jahren. Schreckensrufe ertönten; die Men­schen sahen sich plötzlich auf be r ft enden Eisschollen treiben. Von beherzten jungen Männern konnten die Kinder, die schon teilweise in den kalten Fluten zu versinken drohten, ge­rettet werden. Mutige Menschen standen oft bis zur Brust im Wasser, um Versinkenden zu hel­fen. Es ist ein Wunder, daß niemand ums Se­hen gekommen ist. Viele Frauen stürzten, fa^en ein und erreichten nur völlig durchnäßt das. User. Zahlreiche Personen wurden tausend ,Meter strom­abwärts getrieben, ehe sich ihnen eine Ru : '.’S" Möglichkeit bot.

NafhoUsche Welt.

— Domkapitular Paul Lenhart 60 Jahre alt. Am Freitag vollendete Domkapitular Professor Georg L e n- hart sein 60. Lebensjahr. Der Jubilar, der in Gerns­hei ma. Rh geboren ist. b-wa 1880 In« Nncsterf-wwar in Mainz. Nach kurzer Tätigkeit als Kaplan in Bens- heim kam Professor Lenhart 1894 an das Lehrerseminar. Im Jahre 1920 wurde er vom Bischof Kirstein ins Main- zer Domkapitel berufen. 1919 entschloß er sich zur An­nahme eines ihm angetragenen Landtagsmandats und gehörte dem Landtag in zwei Perioden an.

Kurjt unS Literatur.

— Der „lag des Buches" in Oesterreich. Auf Anre­gung des Gesamtverbandcs schaffender Künstler Oester- crichs wurde in einer Sitzung in Wien unter edm Vor­sitz des Ünternchtsministers und der Teilnahme von Vertretern literarischer nud künstlerischer Kreise der Be. fchiuß gefaßt, in Oesterreich gleich wie im Deutschen Reiche ünd zum e r st e n Male am 22. März, dem Todestage Goethes, einen „Tag des Buches" abzu- halten, um das Geistige und Künstlerische den breiten Schichten der Bevölkerung als erstrebenswertes Volksgut wieder näher zu bringen.

— Eugen von Rakosi gestorben. Der Nestor der un- garischen 'Schriftsteller, Eugen von Rakosi, ist Freitag mittag im 86. Lebensjahr in Budapest gestorben. Ra- kost ist besonders durch seine romantischen Lustspiele und seine historischen Tragödien bekannt, von denen einige ins Deutsche übersetzt wurden. Er war der Gründer der Tageszeitung „Budapest! Hirlap" und hat sich als Jour- nalist lange bestätigt.

Die Zapfte der Gefangenschaft.

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vorstehenden Unterzeichnung der Verträge auf. Un­ser Bild zeigt die fünf Päpste der Gefangenschaft Pius IX. (f 1878), Leo XIII. (f 1903), Pius X. 11914), Benedikt XV. (1922) und Pius XI., der das Recht der Kirche wiedererlangt hat.

Seit 1870 haben die Päpste die Besetzung des Kirchenstaates durch Italien niemals anerkannt und I sich stets geweigert, den Vatikan zu verlassen und den Boden Italiens, zu betreten. Der Grund zu dieser freiwilligen Gefangenschaft hört mit der be-

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kommt auch Frau Petri wieder. Tränen treten der guten Frau in die Augen, als sie das blasse Mädchen sieht.

„Wäre ich nur mcht krank gewesen!", das hat sie schon wohl hundertmal erwähnt und sie hat auch der tugendstolzen Nichte ganz energisch ihre Meinung ge­sagt. Minna hat sich dabei eines kleines Triumph­lächeln nicht erwehren können, als statt ihr das Fräu­lein zum Sündenbock wurde.

13.

Daheim, endlich daheim! Nicht ins Schulhaus, ins Doktorhaus hat Waller seinen Liebling, den er selbst abgeholt hat, gebracht.

„Sie bedarf noch ganz besonderer Pflege," hat er zu Frau Vollmer gesagt. „Nur wenn ich sie immer beobachten kann, wird sie wieder ganz gesund werden."

Frau Vollmer ist zufrieden. In jenen bangen Ta­gen, da jede Stunde eine entsetzliche Botschaft bringen konnte, hatte die Muiter erst einsehen gelernt, wie lieb sie doch ihr Kind hat. Jetzt sitzt sie neben Elvira, sie hält ihre Hand und blickt immer wieder in das schmale, blasse Gesicht, das so sehr verändert ist.

„Mutter!" Elvira hat es laut weinend ausgerufen und sich an ihre Brust geworfen. Mit beiden Armen hat Frau Vollmer ihr Kind umschlungen, als wolle sie es nie wieder von sich lassen.

Walter hat so viel von der Heimatlust erhofft, aber auch hier in dem herbwürzigen Frühlingsodem will das schwache Pflänzchen nicht gedeihen.

Besorgt blicken Walters Augen oft zu ihr hinüber, wenn sie so still und blaß am Fenster sitzt und hinaus­schaut. Dann liegt ein so eigenartiger, schwermütiger Blick in ihren Augen. Sollte sie sich doch wieder hin­aussehnen aus dem stillen Frieden der trauten Heimat? Walter kann es nicht ergründen, aber er umgibt sie mit doppelter Liebe und Sorgfalt und sie dankt es ihm mit liebem Lächeln, einem Lächeln, das dem jungen Arzt in die Seele schneidet.

Auch heute sitzt Elvira an ihrem gewohnten Fenster­platz; die Hände im Schoß gefaltet, blickt sie hinaus auf die sonnüberflutete Dorfstraße.

Die Schwalben sind zurückgekehrt; zwitschernd fliegen sie hin und her, sie suchen wohl ihre Nester. Die Dorf­linden prangen im jungen Blätterschmuck, überall lei­

mendes, sprossendes Leben; nur Elvira kann den Weg zu neuem Leben nicht finden, immer wieder flattern ihre Gedanken zurück in die dunkle Vergangenheit.

Da öffnet sich die Tür^ und Marianne tritt ein. Eine ganze Duftwelle und frisches, frohes Leben bringt sie mit herein. Einen großen Strauß bunter Frühlings­blumen legt sie auf den Tisch und ein kleines Sträuß­chen dunkelblauer Veilchen in Elvirens Schoß.

„Sieh, Liebling, was ich dir mitgebracht habe: Veil­chen, deine Lieblinge!"

„Wo hast du sie gefunden, Marianne? Wohl aus der Wiese hinter dem Schulgarten?"

Lebhafter als sonst klingt die Frage.

Marianne nickt fröhlich, ihre Augen strahlen. Sie beugt sich über die Vase, in die sie ihren üttauß ordnet, um das verräterische Glühen ihrer Wangen zu verber­gen.

Wir machen unsere Leser aufmerksam auf einen im besten Sinne männlich geschriebenen, in den nächsten Tagen hier erscheinenden Roman des dä­nischen Schriftstellers Marten Korch:

Die roten und die weißen Junker.

Die feindlichen Vettern Junker, oder vielmehr der alte Rasmus Junker mit feinem Sohn Jürgen, und der junge Konsul Thomas Junker mit feiner Schwester Helga suchen sich gegenseitig im Handel Vorteile und Kunden abzujagen,stvobei die Tüchtig- feit Jürgens meistens den Sieg davonträgt. Der merkwürdige Ausgang dieses Verwandtenftreirs wird den Leser in Spannung halten. Die vorkom- menben Personen, die alle gut gezeichnet sind, ge­winnen fein Interesse, er muß sie gern haben.