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Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblakk.

Jlr. 28

Samstag, 2. Februar 1929

Sö.Zahrg

Liberal-iiemMllitWeSSpmsellergegelliiliszelitrW

* Berlin, 1. Febr. . (Eig. Meld.). Privatmel­dung: Der preußische Ministerpräsident hat dem preußischen Gesandten in München ge­beten, sofort nach Berlin zur mündlichen Berichterstattung zu kommen. Es ist zu erwarten, daß der preußische Ministerpräsident im Lauf? des morgigen Samstags in einer noch nicht feststehenden Form Gelegenheit nehmen wird, zu den von den Herren bayerischen Ministern berühr­ten finanziellen und politischen Fragen in einet sachlichen Erklärung Stellung zu nehmen.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatl. 1,80 einschl. Postgeb. (30 bezw. 48 Pf.l, ohne Zustellg.

des Zentrums ankommen und darauf, ob die Sozialdemokratie an ihrer Formel festhält, bei Aufrollung der Kabinettsfrage entsprechend ihrer Fraktionsstärke ein drittes Minister-Portefeuille zu verlangen. __________________

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Hofmann-Ludwigshafen.

heute anders als vor den Wahlen. Das Zentrum wird keine andere Regierungsmehrheit bilden, als sie augen­blicklich vorhanden ist. Und das Zentrum wird erst recht den Parlamentarismus in seiner Popularität nicht gefährden wollen, indem es eine Krisis heraufbeschwört, die sich äußerlich als ein Zank um Ministersessel aus­nehmen würde."

In solch anmaßender, schuldverschiebender, ja verhöhnender Weise reden Demokraten, die u n t e r 4 93 Reichstagsmandaten ganze 25 inne haben, aber dafür von den jetzigen 11 Reichsministerien 3 (Reichsernährungs- Reichs­justiz-, und Reichswehrministerium) führen. Das nennt man parlamentarisches System, dessen Po­pularität nach Ansicht .des Herrn Bernhard das Zentrum nicht gefährden darf. Man gestattet auf liberal-demokratischer Seite dem Zentrum gnädig, daß es den Etat rasch und gründlich erledigen hilft und hübsch brav namentlich dem Herrn Reichsfi­nanzminister bei seinen Steuerschwierigkeiten den Nußknacker spielt, aber eine seiner Bedeutung und Stärke entsprechende Vertretung im Reichskabinett und eine Berücksichtigung seiner grundsätzlichen Forderungen bei Aufstellung eines Aktionspro­grammes zur Regierungsumbildung zu verlangen, dieses febstverständliche Recht sucht nun der L i b e- r a l i s m u s dem Zentrum zu bestreiten und die Sozialdemokratie sekundiert ihm, indem ihre Presse dem Zentrum die vorwurfsvolle Frage stellt: Staats- oder Parteipolitik? Ausgerechnet die Sozialdemokratie, die in der Nachkriegszeit 5% Jahre lang als stärkste Partei des Reichstages in der Etappe kampierte, während das Zentrum ununterbrochen und ohne Rücksicht auf parteipoliti­sche Selbsterhaltung in der vordersten Linie der Verantwortung stand.

Die volksparteiliche „Kölnische Zeitung" (Nr. 52) hat sich, wie es sich für diese Jahreszeit für große Herren geziemt, auf die „Schwarzwild­jagd" begeben und möchte auch noch die Bayeri­sche Volkspartei aus dem Kabinett ausgefchaltet wissen, denn sie sagt:

„Auf die Bayerische Volkspartei wird Hermann Müller allenfalls verzichten können, zumal wenn er sich entschließt, an die Wirtschaftspartei die Ge- wissensfrags zu richten, ob ihr die Weihe des Stimmzettels als alleiniger Nachweis ihrer Da­seinsberechtigung genügt."

In vollständiger Verdrehung- der Tatsachen bringt sie in ihrer Nr. 58 vom 30. Januar in einem Artikel „das Ringen .zwischen Kanzler und Zen­trum" folgende Auslassung:

„Deutsche Bolkspartei und Demokraten sehen mit größter Zurückhaltung dem Spiele zu, das sich zwischen dem Kanzler und dem Zentrum entspannen hat — ein Sviel. das sich in Personenfragen und im Ringen um Ministerposten erschöpft. Beide Parteien werden cib- warten, was die Gegenseite vielleicht vorzuschlagen ha­ben wird. Sie werden dann ihre Forderungen nennen: Die Demokraten, daß sie sich nur mit einer sachlichen Umbesetzung der Ministerien einverstanden erklären, die Deutsche Volkspartei, daß sie ihre Zustimmung von der Umbildung der Regierung in Preußen abhängig macht. Beide Parteien haben eine Befestigung und Sicherung der politischen Gesapitlage im Auge. Eine bloße Um­bildung der Reichsregierung, die weiter nichts brächte, als daß das Zentrum seine Versäumnisse von acht Mo­naten in personeller Hinsicht nachholt, erscheint ihnen zu fragwürdig, um dabei mitzuwirken."

Die liberal-demokratischen Geschütze legen also der stärkeren Beteiligung des Zentrums bei der Regierungsumbildung wohlgezieltes Sperrfeuer entgegen. Das Zentrum hat bisher sich immer als eine verantwortungsbewußte Partei gezeigt und das Wohl des Volksganzen über Parteiinteressen I gestellt. Man kann es ihm aber nicht verübeln, wenn es angesichts dieses liberal-demokratischen Haberfeldtreibens einmal gründliche Selbstbesin­nung hält und sich vor Mißbrauch seines Verant­wortungsbewußtseins zu schützen sucht.

Die Spekulation auf die „innere Zerrissenheit" des Zentrums ist diesmal eine falsche. Zwei neue Führer, Dr. Kaas und Dr. S t e g e r w a l d, Männer von Umsicht, Energie und Weitblick, haben solcher Kampfansage des vereinigten Liberalismus gegenüber eine ernste Probe auf ihre Führer-Eig­nung zu bestehen und die Sozialdemokrasie vor die I Entscheidung über die Zukunft des republikanischen deutschen Volksstaates zu stellen. Zentrumspartei I und Fraktion stehen dabei geschlossen hinter ihren I Führern.

Der Nanzler bei Hindenburg.

Donnerstag vormittag bat Reichskanzler Her- mann Müller den Reichspräsidenten aufgesucht, um ihm über die Lage Bericht zu erstatten. Im Vor­dergrund dieses Berichts stand laut „B. T." insbe- ortbere die Koalitionsfrage im Reich und im Zu- I ammenhang damit auch die Frage der Etatsbe- handliing im Reichstagsplenum. Der Reichskanz­ler wird wahrscheinlich den Parteiführern über feine Besprechung mit dem Reichspräsidenten Mit- I leilung machen. Die augenblickliche Lage läßt sich dahin skizzieren, daß das Zentrum den Plan der I Bildung eines mterfroktionellen,Ausschusses ab­gelehnt und durch feinen Framcmsvorsitzenden I Stegerwald dem Kanzler auch erklärt, seine Frak- I hon, fordere die Bildung der Großen K oa- I l i t i o n, da nur diese eine ersprießliche Arbeit im Reichstag gewährleistet. Darüber hinaus wurde I betont, daß die Frage der Koalition noch in dieser Woche entschieden werden müsse.

6oalitionsverhandlung»m in Preußen.

VDZ. Berlin, 1. Febr. (Eiq. Meld.). Wie das Nachrichtenbüro des VDZ. aus parlamentarischen I Kreisen erfahrt, ist damit zu rechnen, daß Anfang I nächster Woche im preußischen Landtag zunächst unter den Regierungsparteien die Verhandlungen über die Erweiterung der Regierungskoalition äui- genommen werden. Viel wird auf die Haltung 1

deren Länder gewesen und habe gewissermaßen den Diktator und Vormund des Reiches gespielt.

„Rechtsempfinden hat man in Berlin überhaupt nicht mehr für diese Dinge. Treue und Glauben, die die Verträge zur Voraussetzung haben, sind verschwunden, und die allgemeine Moral, die auch bei den Rechtsverhältnissen zwischen Reich uno Ländern eine Rolle spielen sollte, von der spürt man kaum noch einen Hauch.

Unser Gegner ist Preußen. Preußen legt al­les daraus an, um zwei Fliegen mit einem Schlage zu treffen: Einmal sich selbst in der Finanzwirt­schaft des Reiches möglichst breitzumachen und auf der anderen Seite zu erreichen, was man mit an­deren Mitteln als mit einer solchen Aushöhlungs­politik nicht erreichen tarnt: Die Vernichtung der Länder."

Mt fast noch schärferen Ausdrücken wandte sich dann auch der Finanzminister Dr. Schmelzte gegen Preußen. Er nannte Preußens Haltung eine Schamlosigkeit, wie sie im Staats­leben noch nie dagewesen ist. Preußen betreibe eine Politik, die auf nichts anderes hinauslaufe, als durch das Reich Bayern auf die Knie zu zwin­gen und das Reich zu einem Groß-Preußen zu machen.

Iustizminister Gürtler meinte: „Wenn der preu­ßische Mnisterpräsident im Hinblick auf die Län­derklagen beim Staatsgerichtshof erklärt hat, gegen das Reich gibt es keinen Exekutor, so sei dieses Wort so unerhört, daß man sich vergebens frage, wie es unter ernsthaften Staatsmännern über­haupt habe gesprochen werden können."

*

— Berlin. 1. Febr. (Eig Meldg.). Wie die „B. Z. am Mittag" zu der Veröffentlichung der Münchener Telegramm,zeitung wissen will, ist der preußische Gesandte in München noch gestern aus die Veröffentlichung hin vorstellig ge­worden und hat sich über den Sachverhalt der Vorgänge unterrichtet. Heute vor­mittag liegt bereits sein Bericht hierüber dem preu­ßischen Ministerpräsidenten vor, der ihn gegenwär­tig prüft.

Polen und Ukrainer.

wtb. Warschau, 1. Febr. (Eig. Meldg.). Der polnische Landtag hat gestern in später Abend­stunde die Generaldebatte über das Budget abge­schlossen. Das Wort ergriffen hierbei fast aus­schließlich oppositionelle Redmir. Großes Aufsehen erregte eine Rede des Ukrainers P a l i- i i s. Die polnischen Erklärungen, den Ukrainern zu helfen, feiert lügenhaft, und diejenigen Ukrai­ner, die den Polen glaubten, seien entweder naiv oder Verräter. Die Ukrainer seien keine Feinde des polnischen Staates, wohl aber Feinde jenes historischen Irrtum, den Polen in seinen heutigen Grenzen darstelle. Ein anderer ukrainischer Red­ner, Walnicki, betonte den revolutionären Eharak- ter der ukrainischen Freiheitsbewegung, die keine Kompromisse kenne. Er warnte die Bolen davor-

* Poincare redet mehrere Tage lang Ä er die Eisaß-Frage. In der Kammer setzte Poincare seine Rede über das elsaß-lothringische Problem fort. Der Prozentsatz der in der elsaß-lothringischen Der- waltung verwendeten Elsaß-Lohtringer sei von 25,8 Prozent im Jahre 1914 auf 52,57' Prozent gestiegen. Poincare verliest eine Reihe von Rund, erlassen, durch die nach 1918 den Elsässern der freie Gebrauch der Sprache, die ihnen geläufig ist, vor Gericht fichergestellt werde. Alsdann bespricht Poincare die Frage des L a i e n g e s e tz e s. Wenn die Mehrheit der Bevölkerung des Elsasses die Ein- sührung der Laiengeseitze fordere, dann werde sie sie erhalten, aber gegenwärtig würde jedweder parlamentarische Gewaltstreich zur Einführung der Laiengesetze in einer Provinz, die so lange von Frankreich getrennt gewesen sei, ein nicht wieder gutzumachender Fehler sein. Diesen Fehler werde er nickt machen. Schließlich behandelte Poincare noch die Frage des Konkordates. Er lobte zunächst di? Haltung des Bischofs von Straßburg, der die Geistlichen, die sich den Weisungen ihrer Bischöfe nicht fügten, getadelt habe. Er müsse auch den Bemühungen des Hl. Stuhles Anerkennung zollen. Das Konkordat gebe der französischen Re­gierung nicht nur das Recht, von den Bsichöfen in Straßburg und Metz zu verlangen, daß sie der Regierung helfen, den Gesetzen Ächtung zu ver­schaffen, sondern es gebe ter französischen Regie­rung auch das Recht, sich jedesmal, wenn sie eine Zuwiderhandlung gegen das Recht fesfftelle, direkt an den Hl. Stuhl zu wenden. Poincare wird seine Rede am Montag nachmittag beenden. Auf eine Anfrage wegen der Debatte im englischen Un­terhaus über den Bau eines Tunnels un» ter dem Kanal erwiderte Briand, die Ansicht Frankreichs in dieser Frage habe sich nicht geändert, Frankreich müsse die Ergebnisse der in England angestellten Untersuchung abwarten. Die franzö­sische urtb die englische Regierung stünden mitein­ander in Fühlung.

Bus den Parlamenten.

Reichstag.

In der kurzen Reichstagssitzung am Donners­tag wurde die erste Beratung des Steuerverein­heitlichungsgesetzes mit der Ueberweisung der Vor­lage an den Steuerausschuß abgeschlossen. Nach dem Verlauf der Aussprache erscheint die Annahme des Gesetzes mit der erforderlichen qualifizierten Mehrheit ausgeschlossen, wenn sich die Re­gierung im Ausschuß nicht mit grundlegenden Aen- öerungen ihrer Vorlage einverstanden erklärt. Die Vorlage wurde nicht nur von den Vertretern der Wirtschaftspartei, der Christlich-Nationalen Bauernpartei und den kleinen Gruppen bekämpft, sondern auch von dem Redner der Bayerischen Volkspartei, die zu den Regierungsparteien ge­rechnet wird. Di? Aussichten'für die Regierungs­vorlage sind also denkbar ungünstig.

Am Freitag beginnt die Sitzung um 15 I Uhr. Auf der Tagesordnung stehen die dritte Be­ratung des Wartestandsbeamtengesetzes und die zweite Beratung der Handwerksnovelle.

Landtag.

I Der Preußische Landtag setzte am Donnerstag seine zweite Lesung des Etats der Gestüts- verwaltung fort. Der Landwirtschaftsmini­ster wies darauf hin, daß die Nachfrage nach Pfer­den geringer geworden fei. Mehrere Stunden lang hatte der Landtag dann die zurückgestellten Abstimmungen zur zweiten Lesung des Landwirt­schaftsetats durchzuführen. Das Ergebnis war die Annahme zahlreicher Anträge zur Hebung der Landwirtschaft. Unter anderem wurde ein­stimmig verlangt, daß man daraus hinwirken müsse, daß jeder Kreis eine landwirtschaftliche Schule haben müsse. Am Freitag wird die Ge- I stüts-Debatte weiterberaten.

I VDZ. Berlin, 1. Febr. (Eig. Meldg.). In I feiner heutigen Sitzung überwies der preu- I ßische Landtag Anträge der Wirtschaftspartei und | der Nationalsozialisten, die aus Anlaß der Vrand- I katastrophe im Berliner Warenhaus Tietz ein ent» I schiedenes Vorgehen der Staatsregierung im In­teresse der Sicherheit des Publikums in den Wa­renhäusern fordere, ohne Debatte dem Wohnungs- I ausschuß., Es folgte die zweite Beratung des deutschnationalen Initiativgesetzes, das eine No­velle für das Gesetz über die Gemeinde- wählen enthält.

Doch Notetat?

Wie der Demokratiscbe Zeitungsdienst mitteilt, wird I der Reichsrat am 11. Februar mit der Beratung des I Reichshaushaltes für 1929 beginnen. Die Beratung I dürfte etwa 14 Tage in Anspruch nehmen, so daß An- I fang März erst der Reichshaushalt dem Reichstag zu- I gehen wird. Der ursprünglich angesetzte Termin des I 20. Februar wird nicht inne gehalten werden können. I Es ist nicht damit zu rechnen, daß der Reichstag im I März den Etat erledigen wird, da der sozialdemokrati- I fche Parteitag in Magdeburg am 10. März beginnt und infolgedessen einige Tage sitzunasfrei bleiben. Außer- I dem bleibt die Karwoche vom 25.—31. März sitzungs- I frei. Es ergibt sich schon aus dieser Uebersicht, daß dem I Reichstag ein Notetat voraelegt werden muß, wenngleich ein Kabinettsbesrbluß für diese Frage noch nicht herbei­geführt worden ist.

Das neue Krbertsschutzyesetz.

VDZ. Berlin, 1. Febr. (Eig. Meld.) Dem Reichs- tage ist jetzt der Entwurf des neuen Arbeitsschutz­gesetzes mit Begründung zugegangen. Der Ent­wurf erstreckt sich auf Betriebsgefahren, Arbeits- Zeitschutz unter Einziehung des erhöhten Schutzes für Frauen und Jugendliche und des Nachtbackver­bots, auf Sonntagsruhe, Ladenschluß und Arbeits­pause. Nicht einbezogen ist der Arbeitsvertrag. Der Neichswirtfchaftsrat hat umfangreiche Gut- achtne zu dem ursprünglichen Entwurf erstattet, die in dem endgültigen Entwurf im wesentlichen berücksichtigt sind. Der Roichsrat hat bekanntlich der Vorlage zugestimmt, ohne Aenderungen vorzu­nehmen. In einer Entschließung hat er aber ver­langt, daß das Reich die sich für die Länder aus dem Gesetz ergebenden Mehraufwendungen ersetzt.

München und Berlin.

Mniskerpräsidenk Dr. Held gegen die preußische I Regierung.

Die Blätter berichten aus München über eine I vertrauliche Presfebesprechung bei Mini­sterpräsident Dr. Held, an der sich u. a. der Fi­nanzminister Dr. Schmelzle und der Justizminister Gürtler beteiligten, also alle drei Minister, die in der letzten Woche an den ergebnislos verlaufenen I Verhandlungen zwischen Reich und Ländern in Berlin teilgenommen haben. Die „Telegramm- I Zeitung" veröffentlicht die bei dieser Besprechung I gehaltenen Reden der drei Minister. Ministerprä- I sident Dr. Held erklärte danach, daß das Verhält- I nis zwischen Reich und Ländern durch die letzten Berliner Verhandlungen eine Zuspitzung er­fahren habe, die den inneren Bestand des Reiches bedrohe. Schuld daran fei nicht I etwa das Reich, fortbern Preußen, das Bayern in I feinen finanziellen Forderungen an das Reich die allergrößten Schwierigkeiten mache. Dasselbe Preu- I ßen, das den Staatsverträgen von 1920 im Reichs- I rat zugestimmt habe, sabotiere nun ihr Erfüllung dadurch, daß es Entschädigungsforderungen an das Reich in Höhe von 31- Milliarden für die verlo- I ren gegangenen abgetretenen Gebieten stelle.

Bei den Berliner Besprechungen fei der preu- I ßische Ministerpräsident Wortführer gegen die an- 1

Von Reichstagsabgeordneten

, Als nach den Maiwahlen Hermann Müller sein jetziges Kabinett bildete, wurde ihm geradezu der Wille Gustav Stresemanns aufgezwun­gen. Das Reichsaußen- und Reichswirtschaftsmini- fterium waren von vornherein für die Deutsche Volkspartei und ihre bisherigen Inhaber: Cur- trus und Stiefemann in Erbpacht genommen. Der neue Kanzler bot dem Zentrum das Vize- kaNzlerarnt an und neben dem Reichsverkehrsmini­sterium und Ministerium für die besetzten Gebiete auch das Reichsernährungsministerium. Entgegen feiner Zusicherung, mit der Besetzung des Reichs- ernährungsministeriums so lange zu warten, bis ihm die Zentturnsfraktion einen positiven Vor­schlag unterbreitet habe, hatte er am nächsten Mor­gen schon, als ihm die Zentrumsdelegierten den Vorschlag ihrer Fraktion überbrachten, den Demo­kraten Dietrich-Baden mit diesem Amte be- ttant. Und als gar das Zentrum Herrn Reichs­kanzler a. D. D r. Wirth zum Vizekanzler vor­schlug, ließ Außenminister Dr. Sttesemann mit feinem getreuen Adlatus Dr. Breitscheid alle Minen springen, die leidige Konkurrenz Dr. Wirths zu beseitigen. In der Kanzlei des Reichspräsidenten sprach man von einem Eingriff des Zenttums in die Kompetenz des Reichspräsidenten, und Herr Staatssekretär Meißner konnte es sich sogar Herrn Reichskanzler Müller gegenüber gestatten, die Wiederbesetzung des Vizekanzleramtes durch Dr. Wirth als für den Reichspräsidenten unannehm­bar zu bezeichnen, weil dadurch das Kabinett einen zu starken „Linkseinschlag" hätte.

Angesichts dieser liberal-sozialistischen Abwehr- Politik hielt es die Zenttumssraktion damals für angebracht, nur mit einem Minister ohne koa­litionsmäßige Bindung im Kabinett Hermann Mül­ler vertreten zu sein. Beim Wiederzusammentttt- des Reichstags im Herbste sollte die Bildung einer Großen Koalition erneut versucht werden. Mitt­lerweile ist es Februar 1929 geworden. Das Pro­visorium im Reichskabinett besteht immer noch, die sogenannten Regierungsparteien fühlen sich in den Ausschußberatungen des Reichstags, in ihren Presse­auslassungen und Agitationsversammlungen absolut nicht der Regierung gegenüber verbindlich und ver­antwortlich. Ja, man scheint auf liberaler Seite Wohlgefallen an diesem Zustand zu haben, sonst könnte die „Kölnische Zeitung" (Nr. 52) nicht schreiben: ..Es kommt nur darauf an, daß das Kabinett sich selber stark genug fühlt, den ihm zugeschriebenen Charakter zu einer „provisorischen" Regierung abzulehnen und dementsprechend zu handeln."

Derweilen kommt der 11. Februar heran, da die Sachverständigenkonferenz in Paris Zusammentritt, um über die Zukunft des Deutschen Volkes ent­scheidende Beschlüsse zu fassen. In diesem gefahr­vollen Moment müßte doch eine große starke Reichsregierung mit einer geschlossenen Volksmehr­heit der Sachverständigenkonferenz als Partner gegenüberstehen. Aber nein, die Deutsche Volks- Partei möchte zuerst wissen, wie es in Preußen mit der Regierungsumbildung stehe und ob sie sich darin bei dieser Gelegenheit einen möglichst großen Einfluß verschaffen könnte. Im Reichs­kabinett möchte sie sich den überragenden Einfluß Sttesemanns nicht durch einen stärkeren Zentrums- einfluß schmälern lassen. Die demokratischen Mini­ster haben sich innerhalb des achtmonatlichen Pro­visoriums so gut und warm eingesessen, daß sie namentlich im Justizministerium ihre liberal-de- mokrattschen Ehesicheidungspläne, LockerurT- gen des § 218 des Reichsstrafgesetzbuches usw. durchführen möchten, ohne von einem „schwarzen Mann" bet dieser Entchristlichungspolitik aufge- jcheucht zu werden.

Während Reichskanzler Müller mit dem Zen- ttum über Koalitionserweiterung verhandelt, macht der demokratische Justizminister Koch-Weser Ko­alitionspolitik auf eigene Faust und erklärt am Sonntag, dem 27. Januar, auf dem Berliner Demokratischen Parteitag (Voss. Ztg. Nr. 48, Morgenausgabe vom 29. Januar): „Das Amt des Reichsjustizministers, das ich seinerzeit ungern übernommen habe, aber gern führe, steht zur 23er« /ifügung, sobald über die Fortführung der von mir ■ eingeleiteten Reformen eine Verständigung erfolgt ist." Und weiter erklärt er, den Entwurf des Strafgesetzbuches habe er so wie er sei übernehmen .inüsfen, aber et bemühe sich, ihn in fortschrittlichem (Geiste auszugestalten. „Wit werden die entsetzliche ' Eidesseuche erheblich einschränken müssen." h Am selben Sonntag sekundierte den Herrn Ju­stizminister sein demokratischer Fraktionskottege Gg. Bernhard im Sonntagsartikel der „Vossischen Leitung" (Nr. 46) mit folgenden merkwürdigen .Auslassungen:

s- „Bleibt also nur die Notwendigkeit, dem Zentrum die Möglichkeit zu lassen, sich mit mehr Ministern an der Regierung zu beteiligen. Es heißt, daß das Zen- -trum an solche Mehrbeteiligung Bedingungen knüpft. Soweit es sich nur um die Zahl oder die Art der Mini­sterien handelt, die das Zentrum besetzen will, werden sich daraus keine Schwierigkeiten ergeben. Aber wenn das Zentrum verlangen sollte, daß die anderen Par­teien von ihren Prinzipien ablassen, und davon absehen sollten, alles, was in ihrer Macht steht, zu tun, um die Reformen durchzusetzen, die sie ihrer Weltanschauung nach fordern müssen, so würde dem Zenttum ein un­bedingtes Nein entgegengesetzt werden müssen. Davon kann gar keine Rede sein. Weder bei einer sog. Untermauerung, noch bei der Uebernahme weiterer Ministerien durch die Zenttumspartei. Cs kann doch wohl als ausgeschlossen gelten, daß diese ihrer Staats­verantwortung bisher stets bewußte Partei ihre Mitar­beit an einer raschen und gründlichen Erledigung des Etats von derartigen Forderungen wirklich abhängig machen will. Denn das Zentrum würde sich damit ja jelbst in feine Sackgasse bugsieren. Die Situation ist