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SonnLag, den 27. Jnrmar $9 9.

Rund um die Woche

der großen Berliner Zeitungen den Kern aller kri­tischen Weisheit zu sehen. Wer hier noch nicht klug geworden ist, der lese meinetwegen, was das Ber­liner Tageblatt über den großen katholischen Bahn­brecher der Romantik, Friedrich Schlegel, schreibt. Das las man vor einigen Jahrzehnten in freisinni­gen Literaturgeschichten, nur vielleicht nicht so par­fümiert mit intimen Erlebnissen, wie heute im Zeitalter der Psychoanalyse. O, es wird schon besser. Einige Berliner Blätter fangen von sich schon an, etwa in ihren Theaterkritiken nicht bloß nach der Pfeife gewisser Kulturdiktatoren zu tanzen. Im Osten, in Breslau zum Beispiel, gibt es Menschen, die heute ganz energisch Front machen gegen ein Cliquewesen, das selbst in Berlin nicht mehr zum Aushalten ist. Der alte Friedrich Lienhard, der lecher schwer krank sein soll, mag es tröstlich emp­finden, daß seine Attacke gegen gewisse Berliner Literaturerscheinungen doch nicht vergeblich ge­wesen ist.

Bor kurzem war ein Schriftsteller bei mir. Tobte geradezu gegen die Amerikanisierung un­seres Kulturlebens. Cs sei gar nicht mehr möglich, über irgendeine ernste Sache ein ernstes Buch zu schreiben. Natürlich übertrieb er gewaltig und doch mußte man ihm in vielen Punkten zustimmen. Die Stärke unseres Landes, und das sage ich wenig? Tage nach dem Reichsgründungsfest noch einmal mit Nachdruck, beruht nicht in erster Linie auf der Masse und Größe unserer organisierten Kultur- aebilde, sondern auf der Zahl der in sich gefestigten, s e l b st ä n d i g e n Menschen und Familien, in denen die Kräfte der Natur und der Religion noch lebendig sind. Alles das, was heute über Zeitehe, Kameradschaftsehe, Bermännlichung der Frau und dergleichen geiftreichelt, gehört in die Klaffe der Dekanaten. Sie kennen keine Frauen und Männer mehr, die es wert sind, daß man sich für ein Leben lang an sie kettet. Sie haben keine Empfindung mehr für das göttliche Gefühl einer Treue, die bis zum Grabe reicht. Bedauernswert die Oeffentlich- keit, die mit diesen Dingen beschäftigt wird, die doch für den ernsten Menschen selbst unter den Heiden immer zu den unantastbaren Grundlagen des Lebens gehört haben.

Gerade in diesem Zusammenhänge möchte ich ein Wort über den Prälaten S ch o f e r sagen, der angeblich sich aus dem politischen Leben zurückziehen wollte. Ich hörte ihn das leßte Mal, als er, der alte Studentenseellorger, zur Jugend sprach: „So- lidum ut saxum, mobile ut liquidum, excelsum ut lignum", was auf deutsch ngefähr heißt: Festge­gründet wie ein Fels, beweglich wie ein Bergbach, hochstrebend wie eine Schwarzwaldtanne. Als er so sprach, da trat etwas in sein Auge, nun, das Auge des Adlers wird es in sich haben, wenn es mit sicherer Schärfe aus der Höhe sein Ziel wählt. Leuchtendes Metall war das. Blitz als Funks Gottes. Wo der steht, da steht ein ganz Starker. Da stehen Millionen Schwache mit, nur weil er stark ist. Das wächst nur noch in der deutschen Erd? der Provinz . . . Gruß Dir, alter Kämpe, Dank Dir. bleib' bei uns noch lärme. . . Und einen Gruß auch Dir, prächtiger Dr. Sonnenschein, im fernen Lugano. Kehre uns zurück, wenn dis Schwalben heimwärts ziehen . . . Und auch Dir, teurer Ignaz Klug, nun schon im andern Leben...

Es weht kalt durch die Wipfel. . . Am Himmel jagen wieder die apokalyptischen Reiter . . . Erd­beben toben, Schiffe versinken, Zehntausends schlägt die Krankheit, Millionen starren arbeitslos ins Dasein . . und wir rüsten für den Rosenmon­tagszug und feiern Fasching . . .

Der Mann im Monde.

Huf stürmender See.

Schwieriges Rettungswerk auf hoher See.

Nach einer Meldung aus Newyork ist der italie­nische Dampfer „Florida", der sich in schwerer See­not befand, aufgegeben worden. Die Mann­schaft wurde von dem Dampfer „Amerika" gerettet. DieMannschaft der „Florida" mußte sich einzeln an einem Tau nach dem Rettungsboot der „Amerika" hinarbeiten, da infolge der starken Neigung der

Ein Schweizer, seines Zeichens Schriftsteller und Übrigens ein in Presse und Literatur höchst bekann- der und bedeutender Autor, hat das Glück gehabt, 12 Jahre in Frankfurt am Main ansässig gewesen zu sein. Nun siedelt er nach Berlin über, also von einer preußischen Stadt in die andere, und meldet sich pflichtschuldigst bei der Polizei. Ich weiß nicht, ob man in Berlin alle Frankfurter für besondere gefährliche Individuen hält, jedenfalls wurde die­sem auf sein Gesuch geantwortet: Der Polizeiprä­sident Abt. I A Fremdenamt (es ist also ein Frank­furter für den Berliner zunächst ein Fremder), Tgb N. I a Fr. A. 3 (was das alles heißt, weiß ich nicht, es find die Staatsgeheimnisse der Büro­kratie). Das Schreiben lautet dann: „Auf das Ge­such vom ... um Aufenthaltserlaubnis. Die Prü- fung ist noch nicht abgeschlossen. Einstweilen wer­den Sie ermächtigt, bis zum - . . sich hier aufzu­halten. Endgültiger Bescheid wird Ihnen vor Ab­lauf dieses Zeitpunktes zugehen." ... Im Auftrag . . . Beglaubigt . . . Schwere Amtssiegel . . . Der Autor ist zu beneiden. Jedenfalls hat er Stofs für eine Komödie. Vielleicht, daß er auch eine Ab­handlung schreibt und die Notwendigkeit neuer Steuern damit begründet, daß halt im Deutschen Reich auf vielen Büros sehr viel geschrieben wer­den müsse. Das koste Leute und Geld. Von der Polizei könnte er auf die Rechtswissenschaft über­gehen und ihre hunderttausend unbekannten Para­graphen (nur weil sie unbekannt sind, sitzen be­kanntlich nicht die meisten von uns im Gefängnis), und so könnte er den Gang von einem Amt zum andern fortsetzen. Trotz seiner herrlichen Seen liegt Berlin noch heute mitten in der großen Streu­sandbüchse dersMark, und wieoiele wertvolle Kräfte der . Provinz müssen wir allein schon damit be- schäftigen, um nur alle die Verfügungen zu lesen, die aus dieser Streusandbüchse herauswirbeln.

Gerade darum hat es mir eine Helle Freude bereitet, als der Rheinische Provinziallandtag end­lich einmal ein deutliches Wort in der Uingemein- dungsfrage gesprochen hat. Das soll man doch nicht über unsere Köpfe hinweg in Berlin machen. Bei diesen Dingen spielt doch allerlei mit, was man in der Reichshauptstadt, wie es scheint, gründlich ver­gessen hat. Es mag auch mit dem Sand zusammen­hängen, in dem es schwer ist, Wurzeln zu schlagen. Wir aber in der Provinz sind noch wurzelhaft in unserer heiligen Erde. Wir brauchen kein großes Verwaltungsgebilde zu unferm Erdenglück. Wir brauchen nicht die Paragraphenmasse der Zentralen, um existieren zu können. Wir haben noch genug in uns, um im kleinen Kreise zufrieden zu sein. O, auch wir freuen uns über ein großes Deutschland, »der wir meinen damit etwas anderes. Keinen großen Stall, in dem man die Schafe, die allzu- gcduldigen, zusammenpfercht, sondern eher einen Bienenkorb, wo denn eine Zelle sich an die andere fügt, jede ihres eigenen Honigs, ihres süßen Saftes froh.

Möchte doch die Provinz erkennen, daß sie viel häufiger ein deutsches Wort sprechen muß. Die Großstadt lebt ja von uns. Wir lie­fern doch das Futter, das sie dauernd zwischen ihren gierigen Kiefern verarbeitet. Mr haben es satt, uns Demokraten schimpfen zu lassen, nur da­mit wir wie Puppen am Berliner Seil tanzen. Wie gesagt, auch ich bin für eine starke Zentral­regierung, aber für möglichste Dezentralisa­tion der Verwaltung, verbunden mit pro­vinzieller Selbständigkeit. Aber ist es nicht schon so weit gekommen, daß jeder, der bei uns einen gescheiten Gedanken hat, erst nach Ber­lin fahren muß, um ihn sich dort patentieren zu lassen? Die Berliner sind sympathische und flei­ßige Leute. Es ist gewiß nicht wahr, daß es dort nur Wasserköpfe gibt. Alles, was recht ist. Aber es gibt Dinge, die man in einer Riesenstadt und am grünen Tische einfach nicht begreift, und da soll man auch unsere Vernunft zu ihrem Recht kom- men lassen. Wäre die Provinz selbständi - ger, so würden wir tatsächlich mit vielen Pro­blemen spielend fertig.

Im besonderen denke ich da an das Kulturleben. Wir haben ja längst aufgehört, im Feuilleton einer

Son Frankfurt nach Berlin. — Es lebe die Provinz! — Kulturdiktatoren — Ameri­kanisierung. — Teure Lebende und Tote. — Fasching.

Druck der Suldaec AcUeadruckerei, Fulda

„Florida" nur bis auf 50 Fuß an den Dampfer her­ankommen konnte. Von der Besatzung dec „Flo­rida" war einer am vergangenen Sonntag von einer Welle über Bord gespült worden, sechs Mann waren schwer verletzt und vier ernstlich erkrankt. Die Rettung der Verletzten und Kranken gestaltete sich äußerst schwierig. Die „Amerika" wird mit den 32 Geretteten der „Florida" voraussichtlich Sams­tag vormittag in Newyork eintreffen.

Dampferuniergang infolge Kesselexplosion.

Nach einer Meldung aus Bogota (Colum­bien), ist auf dem Magdalenenstrom ein Flußdamp­fer infolge einer Kesselexplosion gesunken. Nach den bisherigen Meldungen dürften 20 Perso­nen dabei umgekommen sein. Die auf­gefundenen Leichen wiesen schwere Brandwunden auf.

Der Cod im Schacht.

Als am Mittwoch drei Mann auf der Zeche „Friedrich-Ernestine" in Essen Rohre aus der I Grube fördern wollten, gerieten die Rohre inS |

Rutschen und griffen in die Schachtzimmerung. Von den in demselben Korbe befindlichen Arbei­tern wurde der Anschläger Ahland zu Tode gequetscht und der Bedienungsmann Kunz in den Schachtsumpf geschleudert, aus dem er nur als Leiche geborgen werden konnte. Der dritte Bergmann blieb wie durch ein Wunder unverletzt.

Schwerer Betriebsunfall in einer Schlächterei.

Im Schlächtereibetrieb der „Produktion" in Hamburg löste sich ims unaufgeklärten Gründen der Kolben einer mit Luftdruck betriebenen Ma­schine, flog gegen die Decke und beschädigte ehre zweite Maschine. Em Werkführer wurde getö- tet, zwei wurden schwer verletzt.

Düngungsversuche und praktische Erfahrungen haben In-besondere hinsichtlich der Kalidüngung gelehrt, daß eine Kopidün ung, die im Saufe des Winlers bei offenenr Weiler oder im zeitigen Frühjahr verabreicht wird, das Kalibedürinis der Pflanzen noch wei gehend befriedigt und sich bestens bezahlt macht. Zu beachien ist nur, daß der Dünger auf die irockenen Pflanzen gestreut und die Gabe auf mindestens 1 Ztr. 40er Kalidüngesalz je Morgen bemessen wird.

Wilhelm II. 70 Jahre alt.

Der frühere deutsche Kaiser Wilhelm H. be­geht am 27. Januar seinen 70. Geburtstag. Er stand vom 15. Juni 1888 bis zum 9. November 1918 an der Spitze des Deutschen Reiches. Drei Jahrzehnte deutscher Geschichte sind mit feinem Namen ver­knüpft. Es sind deutsche Glanzzeiten, die jedoch in der Erinnerung des Volkes entwertet sind durch das furchtbare Ende, das sie im November 1918 nahmen. In den Schwierigkeiten, die im letz­ten Jahrzehnt der Regierung Wilhelms H. über Deutschland hereinbrachen und im Weltkrieg, in dem die ganze Welt gegen Deutschland aufmar­schierte, ihre gewaltige Steigung erfuhren, haben die Kräfte des Kaisers, dem bei hohen Geistesga­ben viele menschliche Schwächen anhafteten, nicht ausgersicht. Angesichts der Katastrophe hat er von Gegnern und auch von ehemaligen Anhängern bittere Worte hören müssen. Die Gerechtigkeit verlangt es, festzustellen, daß an unserem Unglück weniger der Kaiser persönlich Schuld trägt, als das Volk selbst, das einen krankhaften Byzan­tinismus hatte groß werden lassen, dessen Führer­schichten und herrschende Kasten ein kritikloses Selbstbewußflein zeigten, das vielfach in lieber« Hebung und Verblendung ausartete und so unteren vielen Feinden, trotz der heroischen Opfer, die Jahre lang die Massen im Krieg brachten, die Möglichkeit gegeben wurde, Deutschland das harte Schicksal des Besiegten zu bereiten.

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So sieht der letzte Kaiser jetzt aus.

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Die neueste Aufnahme des Exkaisers mit feiner Gattin und der jüngsten Prinzessin Schönaich.

Kaiser Wilhelm wird seiner Frau an seinem 70. Geburtstage sein neues Werk: „Meine Vor. fahren" als Festgefchenk überreichen. Aus einer Vorankündigung des Buchverlags erfährt man, das Wilhelm H. „die Charakterbilder feiner Ahnen sehr persönlich und doch mit sichtbarer Objektivität" gezeichnet hat. Auf unserm Bild ist Frau Hermine mit ihrer jüngsten aus ihrer ersten

Treue Herzen.

Roman von Marie Darling.

25 j --

Frau Ellinor lacht wieder ein grausames Lachen.

„Na, verbieten kann ichs Ihnen ja nicht, wenn es Ihnen solche Freude macht, mit der alten Frau zu tratschen."

Wie gehässig und lieblos ihre Worte klingen! El­vira entsetzt sich fast davor, und doch ist sie "froh, daß sie das Plauderstündchen bei der guten alten Frau da oben nicht aufzugeben braucht; denn die Trauer um den Bater würde sie auch um dessentwillen nicht ablegen.

Als Elvira schnell die Straße entlang eilen will, stößt sie an einer Straßenbiegung auf Sandor, der hier anscheinend auf sie gewartet hat.

„Ah, guten Morgen, liebe Kollegin! Was tat Ihnen denn die schöne Frau Ellinor da drüben? Sie sehen ja noch jetzt ganz unglücklich aus!"

„Mir? Mir tat sie nichts, ich habe sie ja auch nur mit ein paar Worten begrüßt."

„Ei, ei, Elvira, Sie sind ja eine sehr gelehrige Schü­lerin der schönen Frau, Sie können auch schon kleine Lügen mit einer allerliebsten Unschuldsmiene vorbrin­gen."

Elviras Augen flammen auf.

„Ich habe es nicht notwendig, zu lügen, noch viel weniger aber, jedem Menschen Auskunft über meine Unterredung mit einer anderen Dame zu geben!", er­widert sie stolz.

Sandor Pokorny geht einen Augenblick schweigend an Elviras Seite weiter, aber in seinen Augen flammt ein böses Licht.

„Fräulein Elvira!", sagt er dann mit scheinbar trau- rigre Stimme, „es scheint mein Unglück zu fein, daß ich Ihnen immer wehe tun muß, und ich meine es so gut mit Ihnen. Warum wollen Sie meine Freundschaft nicht Es ist nicht klug von Ihnen, wenn Sie es mit der schönen Frau Ellinor verderben, sie besitzt eine ganz ansehnliche Machtstellung in dieser Stadt und wir Künst- '?r müssen immerhin mit solch dominierenden Persön- ichkeiten rechnen. Sie verargt Ihnen Ihr Verhältnis ! zu Roger Waltmann, den sie in Ihren Fesseln glaubt I

und den sie doch nur für sich allein beansprucht, weil sie ihn leidenschaftlich liebt."

Er weih feinen Worten einen solch überzeugenden Ton zu geben, daß er die harmlose Elvira momentan überlistet. Schon will sie seine Warnung als wohl­meinenden Rat annehmen, doch ein schneller Seiten­blick in Pokornys Züge belehrt sie eines anderen.

Elvira richtet sich stolz auf. „Herr Pokorny, über mein Verhältnis zu Herrn Waltmann brauche ich nie­mand Rechenschaft zu geben. Sagen Sie das Ihrer Auftraggeberin."

Sandor ist innerlich wütend, daß Elvira sein unbe­herrschtes Gesicht gesehen; er behält jedoch den ruhigen, verbindlichen Ton bei als er antwortet: „Ich wollte mich Ihnen nur gefällig zeigen; von einem Auftrag kann keine Rede sein. Doch, lassen wir das, wenn es Sie beleidigt, einen guten Rat von mir zu hören. Ich habe noch eine Frage auf dem Herzen. Darf man Sie des Abends nie­mals besuchen?"

„Frau Sanitätsrat liebt die späten Besuche in ihrem Hause nicht; ich kann es auch der Same nicht zumuten, mir ihre Abende zu widmen, und allein empfange ich keinen Herrenbesuch", erwidert Elvira kühl.

Sandor Pokorny lacht, er kann es nicht verhindern, daß (ein Lachen einen spöttischen Unterton hat, so sehr er auch sonst ein Meister in der Verstellung ist.

„Aber, liebe Kollegin, da spricht einmal wieder das Schullehrerstöchterlein aus Ihnen. Ich meine, einer Dame, die schon in der zweiten Saison am Theater wirkt, kann man solche Prüderie nicht mehr zumuten."

Elvira zuckt die Achseln.

„Nennen Sie mein Verhalten wie Sie wollen, das ist Ihnen unbenommen. Doch weder Ihr Spott noch Ihr Zorn machen mich in meinem Vorsatz wankend. Eine größere Gesellschaft kann ich meiner Trauer wegen nicht empfangen, wie mir auch meine Trauer verbietet, vor­läufig in Gesellschaft zu gehen.

„Nun ja, wem eben nicht zu raten ist, dem ist auch nicht zu helfen, das ist ein altes Sprichwort. Sie müssen ja versauern fo allein auf Ihrer Bude."

„Sie irren, Herr Pokorny, ich befinde mich in guter Gesellschaft. Ich habe meine Bücher und meinen Flü­gel, mehr brauche ich nicht."

Sie muß beinahe lachen über Sandors drollig ent­setzten Blick und da sie gerade vor ihrer Wohnung an­gelangt ist, reicht sie ihm freundlicher als sonst wohl die Hand, die der Ungar sehr zu Elviras Unbehagen unge­ziemend lange in der seinen behielt, auf die er dann feine heißen Lippen drückt.

Aergerlich blickt Elvira auf ihre Hand, auf der der Kuß des Ungarn wie Feuer brennt, dann eilt sie auf ihr Zimmer. Sie streifte mit zorniger Gebärde den Hand­schuh ab und wirft ihn in den Ofen. Dann wendet sie sich dem Bilde des Vaters zu, das über ihrem Schreib­tisch hängt.

„Hab ich recht getan, Vater? Bist du mit mir zu­frieden?

Ein warmer Sonnenstrahl gleitet eben kosend über das Bild und läßt dasselbe aufleben, als ob es dem jun­gen Mädchen freundlich zuwinke.

Fast vier Wochen dauert es, bis Roger Waltmann eintrifft; er sieht noch blaß und abgespannt aus.

„Sie werden sich noch fdjonen müssen, Herr Walt­mann!", sagt der Direktor, „wir haben den „Lohengrin" in Vorbereitung, aber natürlich müssen wir warten, bis Sie die Titelrolle übernehmen können."

„Es wird schon gehen; die Stimme hat ja nicht ge­litten, das ist die Hauptsache."

Elvira soll die Partie der Elsa übernehmen, sie ist ganz Feuer und Flamme. Das hat sie sich so brennend gewünscht, diese herrliche Gestalt der deutschen Sage zu verkörpern. Nun wird ihr Traum erfüllt werden.

„Wenn doch der Vater noch dabej sein könnte! Aber an Walter und Marianne will sie schreiben. Ob die Freunde wohl kommen können? — Als der Tag der Aufführung naht, lädt sie die Beiden ein. Leider erhält sie eine absagende Antwort. Der Weg ist zu weit und der Kranken sind zu viele. Die Grippe ist in Holtrupp bös­artig ausgebrochen, sie hat schon manches Opfer gefor­dert, da kann der Arzt feinen Posten nicht verlassen. Auch Marianne kann nicht fort, denn der Bruder bedarf der Pflege mehr als je, wenn er der verdoppelten Arbeits­last gewachsen fein soll.

Elvira ist betrübt über die Absage, doch sie erkennt die Stichhaltigkeit der Gründe an und achtet sie.

„Da werde ich das Weihnachtsfest auch wohl allein feiern muffen", denkt sie betrübt

Die Aufführung des „Lohengrin" bringt Elvira und Roger brausenden Beifall, sie werden mit Blumen über­schüttet, Rogers kraftvolle, markige Gestalt gibt einen „Lohengrin", wie man ihn sich gar nicht schöner denken kann, und Elvira steht ihm als Elsa ebenbürtig zur Seite.

Schon beim Auftritt Lohengrins „Nun fei bedank: mein lieber Schwan," herrscht andachtsvolle Stille, doch als das Duett zwischen Lohengrin und Elsa gesungen wird, da wagt man im Zuhörerraum kaum noch zu atmen. Wie eine Sturmfanfare tönt im 3. Akt Lohen­grins Abschiedslied. Elvira ist mit ganzer Seele beim Spiel, daß es ihr zu Mute ist, als gelte das Abschiedslied nicht der Elsa von Brabant, sondern ihr selbst. Die brennenden Augen, die sie auf Lohengrin heftet, drücken beinahe körperliches Weh aus und bis ins Herz hinein bringen ihr feine Worte: „Nun hört, wie ich verbotne Frage lohne! Vom Gral ward ich zu euch hierhergefandt; Sein Ritter ich, bin Lohengrin genannt."

Und als der Nachen den Ritter entführt, als sie ihm nachblickt, wie et fo traurig dasteht, auf fein Schwert gelehnt, da glaubt sie die Vorstellung zur Wirklichkeit geworden, da ist ihr, als fei nun auch Roger für immer aus ihrem Leben entschwunden.

Sie ist sehr blaß und ihre Augen blicken seltsam be­fangen, als sie beim Schluß der Vorstellung an Rogers Hand wieder und wieder sich dem Publikum zeigen muß. Roger blickt besorgt in ihr Gesicht.

„Ist Ihnen nicht wohl, Fräulein Elvira! Ich fürchte. Sie haben sich zu viel zugemutet."

Da leuchten ihre Augen seltsam auf.

„Nein, nein, Herr Waltmann, fo möchte ich jeden Abend spielen, so mit ganzer Seele. Dies ist erst die rechte Kunst, das andere war nur ein Vorgeschmack da­von)

Roger lächelt, auch er gibt solche Rollen lieber, aber die jugendliche Begeisterung Elviras kann er nicht mehr empfinden.--Den Heiligen Abend verbringt Elvira

wieder mit der Sanitätsrätin und ihren Söhnen. Es ist sehr gemütlich und doch kann Elvira nicht von Herzen froh werden. Schon früh sucht sie ihr Zimmer auf

(Fortsetzung folgt.)