FuldaerZeitüng
Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblakk.
Hr. 21.
Erschein! sechsmal wöchentlich. Wochendeilagen „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatl. 1,80 einschl. Postgeb. (30 bezw 48 Pf.), ohne Zustellg.
Freitag, 25. Januar 1929.
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Sp!tzeWerb3n-e -er Wirtschaft zu -en Steuerolönen
Die Spitzenverbände der Wirtschaft, nämlich der Reichsverband der Deutschen Industrie, der Zentralverband des deutschen Bank- und Bankiergewerbes und die übrigen Verbände der Industrie, des Groß-, Uebersee- und Einzelhandels, des Handwerks und des Versicherungsgewerbes, geben eine von diesen Spitzenverbänden zu den Sleuerer- höhungsvorschlägen der Reichsregierung und zu dem Entwurf eines Steuervereinheitlichungsgesetzes gefaßte Entschließung bekannt, in der zunächst daraus hlngewiesen wird, daß die beteiligten Verbände schon seit Jahren auf die der Kapitalbildung aus den wachsenden Steuerlasten erwachsenden Gefahren aufmerksam gemacht, und folgende Forderung aufgestellt wird:
Wir verlangen unter schärfster Ablehnung jeder Steuererhöhung, daß der Ausgleich des Haushalts 1929 durch weitere Ausgabenbeschränkungen herbeigeführt wird.
Weiter erklärt die Entschließung, daß die Spitzenverbände an ihrer Forderung der Steuerverein- fachung und Steuervereinheitlichung insbesondere aus dem Gebiete der Realsteuern festhalten, jedoch den vorliegenden Entwurs des Steuervercmheitlichungsgesetzes verwerfen, da er der von der Wirtschaft mit der Steuervereinheitlichung erstrebten Steuersenung nicht dienen könne, sondern im Gegenteil gerade zu einer Verstärkung des Steuerdrucks verleite.
Schließlich stellt die Entschließung die Forderung auf, daß nicht allein die zahlreichen in dem Gesetzentwurf enthaltenen Bevorzugungen werbender Betriebe der öffentlichen Hand beseitigt, sondern auch daß die bestehenden Reichssteuergesetze nach dieser Richtung einer Revision unterzogen werden. Es sei ein Widersinn, daß die private Wirtschaft mit Steuern bis an die Grenze des Möglichen belastet wird und gleichzeitig Organisationen von bir Steuer befreit werden, die die wirtschaftliche Freiheit und die Fähigkeit zur Aufbringung von Steuern der Privatwirtschaft untergraben.
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Am Freitag werden nach einer Meldung der „Germania" in Berlin Vorbesprechungen zur Bereinigung sämtlicher finanzieller Streitfragen zwischen dem Reich und den Ländern stattfinden. An den Besprechungen nehmen von den Ländern Preußen, Bayern, Württemberg, Sachsen, Baden, Hessen, Mecklenburg-Schwerin und Oldenburg teil. Die Länder werden durch ihre Ministerpräsidenten wie durch ihre Finanzminister vertreten sein.
Re'chstags-Veginn.
DDZ. Berlin, 24. Ian. (Gig. Funkm.). Der Reichstag versammelt sich heute nachmittag um 3 Uhr zu seiner er st en Plenarsitzung nach der Weihnachtspause. Auf der Tagesordnung steht als einziger Gegenstand der Gesetzentwurf zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Wartestandsbeamten.
Vor der Vollsitzung hatten die meisten Parteien Fraktionssitzungen ab. Die Demokraten trafen bereits vormittags zusammen, dfe Deutschnationalen, die Deutsche Volkspartei, die Wirtschaitsvarte! und das Zentrum haben ihre Sitzungen für mittags einberufen.
VDZ. Berlin, 24 Ian. (Gig. Fim^ni.). Dem Reichstage ist eine Denkschrift des Reichsarbeitsministeriums über Leistungen und Bei- träge in der Invaliden- und Angestelltenversicherung zugegangen, deren wesentlicher Inhalt von der Regierung bereits am 18. Januar im lozial-volitifchen Ausschuß des Reichstages mitgeteilt worden ist.
Ferner ist dem Reichstag vom Reichs'vnenmi- Nisterium der Gntwurf ein»? Gesetzes über die unehelichen Kinder und die Annahme an Kindesstatt vorgelegt worden, ber eine Novelle zum familien- rechtlichen Teil des Bürgerlichen Gesetzbuches bar» stellt. Der Gntwurf soll in GrfüIIung des Artikels 121 der Reichsverfassung die rechtliche Lage des unehelichen Kindes und feiner Mutter erleichtern und der des ehelichen Kindes angleichen.
D'e 49yrozentlae R"aieruna.
lieber die Notwendigkeit, der Reichsregierung eine feste Basis zu geben, schreibt Reichsinnenminister Severing in einer sozialistischen Zeitschrift u a.: Man bat den heutigen Zustand der 4Spro- zentigen Koalition schon häufig damit zu beschönigen gesucht, daß die Regierung ja arbeiten könne in dem sicheren Bewußtsein, von den Parteien ihrer Mitglieder kein Mißtrauensvotum zu erhalten. In diesem Zustand könnte man, ohne die Interessen des Reiches zu gefährden, in normalen Zeiten vielleicht die Geschäfte zu führen, also verwalten. In einem Zeitabschnitt aber ,in dem jeder Tag zu gesetzgeberischen Maßnahmen drängt, ist dieser Zustand eine Gefahr für das Ansehen des Parlamentarismus, und damit für den Parlamentarismus selbst. Gine Koalition, in der alle Parteien der Regierung gegenüber freie Hand behalten wollen, ist keine Koalition. Und eine Regierung, die ihre Gesetze nicht mit einer sicheren Mehrheit durchbringen kann, ist keine Koalitionsregierung und wird sich aus die Dauer evenso sehr in
ihrer Initiative gehemmt fühlen, wie der einzelne Minister. Und darum ist die Forderung, die große Koalition zu schassen, nichts anderes als die Forderung, einen Zustand zu beseitigen, der, je länger er andauert, umso stärker die Gefahren vermehrt, die in der Versumpfung unseres politischen Lebens liegen.
Bayerische Viersorgen.
Die Reichstagskorrespondenz der Bayerischen Volkspartei veröffentlicht über die Fraktionssitzung folgendes Kommunique
, „Die Beratung der Reichstagsfraktion der Bayerischen Volkspartei in Fortsetzung der Besprechung der durch die Steuervorlage gegebenen politischen Lage ergab eine einmütige Auffassung der Fraktion über den Grnft derSituation. Die Fraktion hält eine Erhöhung der Bierst e u e r und damit des Bierpreises für untragbar, und zwar aus politischen, wirtschaftlichen und — wegen der daraus sich ergebenden schweren Belastung der breiten Volksschichten — besonders auch aus sozialen Gründen. Die Fraktion billigt die vom Reichspostminister Schätz! im Kabinett zu diesem oder anderen Steuerprojekten eingenommene Haltung und behält sich die politischen Konsequenzen vor."
G§ fällt einem Nichtbayer außero"dentlich schwer, den G^dankengängen zu folgen, die die Bayerische Vorlkspartei veranlassen, im gegenwärtigen Augenblick die Sier ft euer sov,sagen zum Angelpunkt der Innenpolitik zu machen.
Er. Heim und der Raötftalismus.
Der bekannte banerif*e Bv""rndoAvr Heim st bekanntlich selbst ein sehr radikaler Herr. Was a^er jetzt die Bane rischen Bauern an Radikalismus leisten, geht selbst ihm „über die Hutschnur". Bei der Kundgebung der baner. Bauernkammern wurde, wie seinerzeit mitgeteilt, folgende Zusatzresolution angenommen:
„Die deutsche Landwirtschaft steht nun am Ende ihrer Kraft und stellt der Reichsregierung eine Frist bis zum Ende der Ernte 1929. ' Sind bis dahin die Forderungen nicht erfüllt, dann stellt die Landwirtschaft ihre Arbeit und die Belieferung der Städte ein und richtet dis Wirtschaft nur mehr ein für die Ernährung der Familie und der Dienstboten.
lieber Genossenschaften. Müllereien, Bäckereien, Brauereien ulw. die Auslandsprodukte verarbeiten ober in den Verkehr bringen, soll der Boykott der Landwirtschaft verhängt werden. Die Berösfentlichung dieses Beschlusses hat durch die Be^irksbauernkammern zu geschehen. Cs sollen Stichvroben in den Geschäften vorgenommen werden und die Geschäfte veröffentlicht werden, die zu Beanstandungen Anlaß gegeben haben."
Dazu schreibt ietzt Dr. Heim in den „Münchener Neuesten Nachrichten":
Ich habe bei Erörterungen über die Frage, welche Kampfmittel dem Bauern zur Verfügung stehen, immer den Standpunkt vertreten, die Maßnahmen müf - sen durchführbar fein und vor allem von den Bauern gehalten werden. Drohungen ohne Durch- führuna führen dam. daß man nicht mehr ernst genommen wird, und schließlich lind die letzten Dinge dann schlimmer wie die ersten. Man kommt zu Schaden und man wirkt lächerlich.
Keiner der Bauern, die dem ersten Teil obiger Resolution zuaestimmt haben, wird ihr folgen. Wir werden uns erinnern.
Wenn überhaupt in der Landwirtschaft Einstimmigkeit über ein solches Vorgehen möglich wäre, dann käme Zunächst der M i l ch lt r e i k in Frage. Ein (Betreibe» streik z B. ein Streik, kein Getreibe anzubauen, hat nur die Wirkung, baß Auslanbsaetreide eingeführt wirb. Der Reichstao würde sofort die Getreidesolls aufheben und Deutschland würde mit ausländischem (Betreibe überflutet. Das gleiche gilt vom Fleisch.
Aus Menschnchkeitsaründsn müßte man auch die Belieferung von Milch für Krankenhäuser. Kranke und Säuglinge unbedingt von einem Streik ausschließ m.
So, wie die Resolution aber lautet, Hat sie das Schicksal. das ich oben gekennzeichnet Habe, und die Landwirtschaft Hat den Schaden.
Es ist mir unbeareiflich. daß in einer oroßen Versammlung, einschließlich ber Herren, bie am Vor- stanbstisch stßen, bis auf eine Stimme einstimmige Annahme erfo'gte. Eine Verwirung ber Geister die mich förmlich erschrecktl Oder ist es die Furcht vor dem Radikalismus?
Was den zweiten Test der Resolution anbelonngt. so widerlegt sie sich selbst. Nach dieser Resolution soll icber boykottiert werden, ber Auslanbsprobukte in ben Verkehr bringt. »
Unter benen. bie zugestimmt haben unb dfe Bauern finb. wirb wohl kaum einer sein, ber sich nicht gegen bie Resolution versünbigt, unb selbst ber Antragsteller Welcher Bauer füttert Heute nicht Mais für seine Kälber und Kühe ober Sonahohenmehl ober Sesamkuchen? Wenn man bie Resolution wörtlich nimmt, wie sie zu lesen ist so bürste nächstes Jahr kein Bauer Thomasmehl. bas aus außerbeutschen Erzgebieten stammt unb bas heute ungefähr ben 3 Teil ber Versorgung ausmacht. streuen, unb kein Suverphosphat. dennn es stammt fa fast ausschließlich aus dem Ausland.
Ich muß als Fernstehender den Eindruck gera nnen, jbah bie Regie ber Versammlung schlecht war. Besser wäre sie unterblieben, als daß sie ein solches Ende nimmt.
Ich fühle mich verpflichtet, unbekümmert UM alles radikale Geschrei, als wahrer Freund der Landwirtschaft dies öffentlich festzustellen. Schließlich darf Unsinn doch nicht Methode werden.
Beherzigenswerte Worte!
Preußischer Landtag.
Der Preußische Landtag begann am Mittwoch die zweite Lesung des Landwirtschaftsetats. Land- wirtschastsminister Dr. Steiger bezeichnete die schwankenden Getreidepreise unter Hinweis auf Zahlen von ben amerikanischen Märkten als eine Weltmarkterlcheinung. Erfolgversprechend
I wäre vielleicht die Bevorschussung der Ernte, um I eine Verringerung des Angebotes zu erreichen. Für die Schweinehaltung habe sich die Rentabilität des Aufvorratkaufens bewährt. Beim Rindvieh habe dieses Verfahren aber nicht zum Erfolg geführt. Der Mmister kam zu dem Schluß, daß der gegenwärtige Zollsatz aus 25 Mark für den Doppelzentner zu erhöhen fei und der Schweinezoll dement-
I sprechend auf 26 RM. Der Minister gedachte der Notwendigkeit, den Weinbau zu fördern. Hinsichtlich der Getreidewirtschaft werde die Landwirtschaft bereits bei der nächsten Ernte eine günstigere Position haben. Man werde aber nur zum Ziele kommen, wenn es gelinge, die Reparations- lasten auf ein erträgliches Maß zu senken.
In der Aussprache meinten die Sozialdemokraten unter Anerkennung der Not der Landwirtschaft, daß Zölle nichts helfen könnten. Der deutsch- nationale Redner trat demgegenüber für einen Zollschutz der Landwirtschaft ein. Das Zentrum will die Not der Landwirtschaft nicht zum Gegenstand des Streites unter den Parteien machen. Es verlangte Zollschntz für die bäuerliche Produktion. Am Donnerstag wird die Debatte fortgesetzt.
5lu§ dem besetzten Gebiet.
Aufhebung der Pferde- und Ivagenmuskerungen im besetzten Gebiet.
Die seit längerer Zeit zwischen dem Reichskorn- missar für die besetzten rheinischen Gebiet unb dem französischen Oberkommando schwebenden Verhandlungen über die Ordonanz 64 (militärische Bestandaufnahmen) haben zu dem Ergebnis geführt, daß die von den Besatzungsbehörden jährlich angeordneten Vorführungen und Musterungen von Pferden und Kraftfahrzeugen künftig unterbleiben.
Frankreich und der Anschluß.
Zn den Erklärungen des österreichischen Bundeskanzler Dr. Seipel in München über ben Föderalismus nimmt der „Temps" Stellung. Gr spricht von den festzustellenden beiden Standpunkten in der Anschlußfrage, die er außerordentlich verschieden nennt. Die Interssen der beiden Länder seien jedoch gleichfalls verschieden. Die deutschen Katholiken, vor allem die deutschen Bayern, wollten den Anschluß, weil sie von Oesterreich eine Stärkung Süddeutschlands gegen die preußische Umklammerung erwarteten, aber unter der Bedingung, daß bie Länder ihre Autonomie bewahren. Die deutschen Sozialdemokraten wollten den Anschluß, weil sie mit der Unterstützung der österreichischen Sozialdemokraten rechneten, um die unbedingte Vorherrschaft des sozialistischer! Einflusses im vereinheitlichten Reich zu gewährleisten. An dem Tage, an dem angesichts der vollendeten Tatsache die beiden Tendenzen und die beiden Thesen aufeinanderprallen würden, würde der Anschluß ohne Zweifel weit weniger Anhänger haben m Wien, im konservativen katholischen Lager, und in Berlin, im sozialistischen Lager. Jedenfalls deuteten die Gedanken, die Seipel in München entwickelt habe, darauf hin, daß die Oesterreicher, gleichviel welche trügerischen Vergünstigungen man ihnen vorgespiegelt habe, sich nicht leicht darein schicken würden, auf den Grundsatz einer umfassenden bundesstaatlichen Organisation zu verzichten. Trotzdem hält der „Temps" unter welcher Form auch der Anschluß vollzogen werde, dielen für das gefährlichste Abenteuer Gu r o p a 5 , dem man um jeden Preis Hindernisse bereiten müsse.
Großbritannien und ttelloyg-pakt
Morningpost zufolge nimmt jetzt die Ratifizierung des Kelloqgpakies die Aufmerksamkeit der britischen Regierung in Anspruch. Gs bestehe der Wuchch, den P a k t i m g a n z e n britischen Reich gleichzeitig ratifizieren zu lassen. Zu diesem Zweck würde mit den Racherun- gen der Dominions Fuhluna genommen. Da einige von ihnen nach ihrer Verfassung der Zustimmung des Parlaments zur Ratifizierung bedürfen, fei es wichtig, zu wissen, bis zu welchem Zeitpunkt die Ratifizierung erfolgen könne.
wahab'ten-5lngnff auf Kornett.
wtb. Basra, 23. Ian. (Gig. Funkm.). Reuter: Gs liegen jetzt nähere Einzelheiten über ben am 21. Januar erfolgten Wahabitenangriff auf Ko- weit vor, wobei ein amerikanischer Missionar erschossen wurde. Gine Gruppe von ungefähr 150 Kamelreitern griff die Koweit- Stämme an, fügte ihnen schwere Verluste zu und raubte Kamele, Schafe unb anderes Gigentum. Gleichzeitig waren zwei kleine Grkundungsabtei- lungen zur Sicherung der Unternehmung nach Norden und nach Süden entsandt worden, von denen die erstere die Amerikaner 15 Meilen diesseits der Grenze angriff. Die britischen Flugzeuge sind gestern durch ein weiteres Geschwader aus Bagdad verstärkt worden. Panzerwagen nehmen an der Grenzsicherung teil.
Plünderung einer chinesischen Stoöt.
wtb. Schanghai, 24. Ian. (Gig. Funkm.). Wie chinesische Blätter melden, haben 200 gut organisierte unb mit Flinten unb Pistolen bewaffnete Kommunisten die Stadt Hwangging an der Bucht von Hangtschau letzten Montag angegriffen. Sie bemächtigten sich zuerst der Polizeiwachen, bann plünberten sie die Stadt unb steckten sie in Branb. 30 Ginwohner wurden getötet, eine alte Frau wurde lebendig verbrannt, 70 Personen wurden verletzt. Gine Abteilung chinesischer Freiwilliger kam endlich der Stadt zu Hilfe. Gin Kampf mit Bomben unb Maschinengewehren entspann ich, in bessen Verlauf 20 Kommunisten getötet wur- )en, bevor bie Bande auseinander gesprengt werden konnte. Die Kommunisten hatten überall Plakate angeschlagen, die die Ginwohner aufforberten, ihre Schulden, ihre Abgaben unb ihre Meten nicht zu zahlen unb bie sowjetistische Regierung zu unterstützen.
(Eine Blutenlese.
krampf Methoden unserer Gegner.
Der politische Betrieb einer Demokratie, ober richtiger, die Auseinandersetzung über politische Methoden und Meinungen innerhalb eines demokratisch organisierten Staatswesens, kann nur fruchtbar unb förberlich fein, wenn alle sich innerlich für verpflichtet halten, fiteng sachlich zu argumentieren unb jede persönliche Verunglimpfung, jede unbegründete Verdächtigung des politischen Gegners ängstlich zu meiden. Das ist eine Binsenwahrheit, die jetzt vom vernünftigen, anständigen Teile der politisch urteilenden und handelnden Bevölkerung Deutschlands so ziemlich restlos respektiert wird. Aber neben diesem Teile gibt es bei uns immerhin noch zahlreiche Volksgenossen, die den ehrlich geführten politischen Kampf noch n i ch t schätzen, die nicht darauf verzichten ivollen, die Motive des Gegners zu fälschen und ihn in ber Geltung des Volkes mit unlauteren Mitteln herabzusetzen. Die Führer und Anhänger der Zen- trumspartei find oft schon derartigen Angriffen ausgesetzt gewesen. Ihre Feinde, die mit Verdrehung und mit persönlichen Verdächtigungen arbei. teil, teilen sich in solche, die offen, mir ihrem Namen für ihre Behauptungen eintreten und andere, die. sich feige verbergend, ihre giftigen Pfeile aus dem Dunkel verschießen. Wie diese Gegner Vorgehen. fei an einigen neuen Beispielen aus der Fülle derartiger Grzeugnisse gezeigt.
Der linke, radikale Flügel der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, die Leute um Max Adler, Paul Levi, Kurt Rosenfeld, Seydewitz und Ströbel geben eine Zeitschrift heraus, deren Intransigenz schon durch ihren Titel „Der Klafsen» kampf" gekennzeichnet ist. In der Ianuarnummer dieser Zeitschrift ist, als Nachwort zu unserem Köl- ner Parteitag, ein Aufsatz von Fritz Bieligk erschienen, der,, des Zentrums Kampf um die Macht" behauptet unb, ebenso wie bie weiter unten zu erwähnenben „namenlosen" Elaborate, bie Tendenz hat, einen Keil zwischen 21 r b et ter f <i) a f t imlb Zentrum zu treiben. Der Verfasser glaubt dieses Ziel am leichtesten erreichen zu können, wenn er den „Nachweis" führt, bas Zentrum fei < ine Kapitalistenpartei unb alles, was es tue, geschehe nur im kapitalistischen Interesse. „Die Regie des Zentlumsparteitages hat", nach der Meinung des Herrn Bieligk, „sich viel Mühe gegeben, besonders die Fragen immer wieder in den Vordergrund zu rücken, bei denen sich reaktionärer Tatendrang am leichtesten mit religiösen Begründungen verhüll n läßt. Stegerwald, der zweite Parteivorfitzende Dr. Mönnig und auch ber neu gewählte erste Vorsitzende haben von den „großen ideellen unb fultiu reifen Gütern" gesprochen, bie das Zentrum zu verteidigen habe. Darunter verstehen die Zen- trumsführer bie Schulfragen, das neue Strafgesetz, das Ehegefetz, den Schutz des keimenden Lebens u. a. m. Kein Zweifel, daß gerade in diesen Fra- gen die Kirche es verstanden hat, starke Hemmungen gegen die Fortentwicklung der Moralauffas- fung aufzurichten. Kein Zweifel aber auch, daß diese Hemmungen bewußt aufgerichtet worden sind unb noch aufgerichtet werden, um von dieser Seite her die Herrschaft des Kapitalismus noch für lange Zeit zu befestigen."
So malt sich in derartigen Köpfen die Welt unsere Welt! Für die wirkliche Begründung einer katholischen Haltung in kulturellen Dingen fehlt diesen Leuten jedes Verständnis so sehr, daß wir wiederum fragen müssen, wie die „religiösen Sozialisten" sich, ein Zusammenleben mit ihnen in derselben Partei eigentlich vorstellen. Herr Bieligk hat Recht, menn er sagt, in diesen Fragen bestünde zwischen Zentrum und Sozialdemokratie ein unüberbrückbarer Gegensatz. Aber er hat bestimmt nicht Recht, wenn er glaubt, mit seinen „Interpretationen" auf den christlichen Arbeiter Eindruck zu machen. Die katholische Arbeiterschaft weiß, daß für den Standpunkt der Zentrumspartei zu fulturelfen Dingen dieselbe well an- ^chauliche Grundhaltung maßgebend ist, bie bie Partei veranlaßt hat, in sozialpolitischen Fragen von Anfang an führend zu fein.
Die zweite Gruppe ber hier gekennzeichneten Feinbe des Zentrums hält sich „getarnt". Dor uns liegt eine fortlaufend nummerierte Reihe von Flug, blättern, bie sich in übelster Beschimpfung führender Zentrumskreise ergehen. Keines dieser Flugblätter trägt den Namen seines Verfassers, keines ben Druckort. Aber aus welcher Richtung sie kommen, verrät ber Text ohne weiteres. „Wir erinnern", heißt es in einem dieser Produkte, „an das Verhalten ber sogen, christlichen Gewerkschaften, welche, um wiederum nur eins her auszuheben, beim letzten Eisenkamps im Ruhrgebiet viel maßloser, unkluger unb unchristlicher sich benahmen, als die offen erklärten roten Gewerkschaften-, wir denken an das in allem Ernste von den halbroten Gewerkschaften beantragte Notgesetz „zur Wieder, inbetriebnabme der Eisenwerke": wir denken an bie widerrechtliche Verteilung ber 20 Millionen Unter» stützungsgelder seitens des christlichen Gewerkschaftlers Hirtsiefer; wft benken an so manchen, offenbar unwahren unb ohne jede Kenntnis der Dinge aus- gestoßenen, ganz offiziellen und weithin öffentlichen Kampfruf, selbst aus dem Munde sehr verantworr- licher imd hochgestellter geistlicher, im Banne der Gewerkschaftsbewegung stehender Herren; Aeuße- rungen, die so führt und offensichtlich so unwahr waren, daß teils bie betr. Herren öffentlich Wider- fpruch leisteten, teils die Macht der Tatsache ienen Steuerungen jede Grundlage und jedes Vertrauen entzog."
Wenn mir hinzufügen, daß da behauptet wird, i>ie „Katholische Aktion", deren Gründung nach Ansicht des Flugblattschreibers, „vor einigen Wochen in Köln erfolgt" ist, habe sich „sehr merk-