Anzeiger für die Stadl Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatk.
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Donnerskag, 24. Januar 1929.
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56.Zahrg.
BundesKanzlec Zr. Seipel Wer die Zemolrratie.
Kluge Worte eines wirklichen Staatsmannes und volksfreundes.
Der weite Raum des Auditorium Maximum der Münchener Universität war überfüllt, als Bundeskanzler Dr. Seipel seinen zweiten Vortrag über „Kritik der Demokratie" hielt. Zu dem Vortrag waren u. a. Kardinal-Erzbischof Faulhaber und Ministerpräsident Dr. Held erschienen. Bundeskanzler Dr. Seipel, von der Versammlung herzlichst begrüßt, führte etwa folgendes aus:
Er bekenne sich zu dem Glauben, daß es keine bessere Form geben könne und werde, in der die Menschheit ihre staatliche Gemeinschaft verwalten könnte, als die Form der wahren, richtig verstandenen Demokratie. Die Zeit, die jetzt einige Jahre hinter uns liege, habe große Fehler gemacht. Sie habe geglaubt, daß irgendeine Norm oder Formel bestimmen könne, wann die einzelnen Volkskörper reif feien, um einzutreten in die Selbstverwaltung ihrer öffentlichen Angelegenheiten. Man habe die Demokratie in diesen Jahren überschätzt, und aus dieser Ueberschätzung heraus komme jetzt eine gewisse Enttäuschung. Nun glaube man, etwas anderes an die Stelle der Demokratie setzen zu müssen. Das sei ein Irrtum. Man müsse nur die Völker reif machen für die Demokratie, und man müsse nur die wirkliche Demokratie Herstellen.
In seinen weiteren Ausführungen erklärte Bundeskanzler Seipel noch, die Parteien seien notwendige Instrumente der Demokratie. Auch bei dem Bestreben, den Völkern mehr Verantwortung zu geben, begegne man der Gefahr, hierbei zu weit zu gehen. Wenn der Reiz der Neuheit von Volksabstimmungen und Volksentscheiden erst vorüber sei, werde die Kritik an der Demokratie um so schärfer einsetzen. Mit bloßen Formeln durch Einführung gesetzlicher Bestimmungen ohne Rücksicht darauf, ob die Menschen, die den Staat bewohnten, damit etwas anfangen könnten, werde der Weg zur wahren Demokratie nicht gefunden. Das Richtigste wäre es, wenn das W a h l s y st e m in jedem Volke organisch ausgebildet werden würde, so daß ein immer größerer Kreis von Menschen mit herangezogen würde, aktiv an der Führer- und Vertreterauslese mitzuwirken.
Der Kanzler erklärte, man müsse davor warnen, von einem System zum anderen überzuge-
hen. Es möchte freilich für die Regierenden in einem Staate angenehmer sein, wenn sie nicht durch die Abstimmung in ihrem Parlament von ihrem Amt entfernt werden könnten; aber wehe, wenn die Menschen, die in einer solchen Demokratie mit der Führung der öffentlichen Geschäfte betraut seien, an ihrem Amte hingen und an der Macht und umgekehrt, wenn es in einem Parlament mit Mehrheitsverhältnissen, die eine starke und dauernde Regierung nicht verbürgten, möglich sei, daß eine Opposition nur auf die Gelegenheit lauere, um einmal denen, die die Verantwortung für das Ganze zu tragen haben, ein Bein zu stellen, ohne daß sie wüßte, was an dis Stelle der gestürzten Regierung treten solle. Dann erlebe man eine Krise der Demokratie, wie man sie in den letzten Jahren in verschiedenen Staaten gesehen habe, in denen man sich nicht anders zu helfen wisse, als es einmal ohne die Demokratie zu versuchen. Ein Volk verdiene die Demokratie nur dann, wenn Verantwortungsgefühl und Verantwortungsbewußtsein da seien bei denen, die berufen sind, die Auslese der Führer vorzunehmen, und bei denen, die zur Führung berufen sind.
Der Kanzler schloß, die bloße Ministeroerant- wortlichkeit vor einem Parlament oder einem Staatsgerichtshofe oder die Verantwortlichkeit vor der Geschichte genügten allein nicht. Zu dieser Verantwortlichkeit müsse eine höhere Verantwortlichkeit hinzutreten.
Das Schicksal der Völker sei am besten aufgehoben in den Händen derer, die sich verantwortlich wüßten vor Gott. Damit sei mit einem Worte gesagt, welche Kritik an der Demokratie die richtige sei. Es sei der Weg der Erziehung des Volkes und der S elbst erzi eh un g des einzelnen im Volke zur wahren Verantwortung.
*
Bundeskanzler Dr. Seipel reiste um 10 Uhr mit dem fahrplanmäßigen Schnellzug über Salzburg nach Wien zurück. Das geistige und politische Bayern wird sich eine Zeitlang mit den Darlegungen Seipels über Föderalismus und über Demokratie beschäftigen müssen.
Wie es zu der gegenwärtigen finanz
politischen Situation gekommen ist.
Der Personaletat im Haushaltsausschutz des Reichstags.
Von parlamentarischer Seite wird uns aus dem Reichstag geschrieben:
Seit der Stabilisierung der Mark im Jahre 1924 ist in diesem Jahre der Reichsetat zum ersten Male nicht zu dem in der Haushaltsordnung vorgesehenen Termin dem Reichstag vorgelegt worden. Da innerhalb der Reichsregierung eine Einigung über die zur Deckung des Defizits im Reichsetat notwendig werdenden Steuern nicht zu erzielen war, hat die Reichsregierung zunächst nur einen Teil des Etats, und zwar den Personaletat, dem Reichstag vorgelegt.
Das Defizit für das Etatsjahr 1929 hat im wesentlichen drei Ursachen:
1. Die Steigerung der Reparationszahlungen;
2. den Ausfall des Münzprägungsgewinnes und Fehlen eines Ueberschusses aus dem Jahre 1928 und
3. das Verlassen der vor einigen Jahren betriebenen vorsorglichen Finanzpolitik für die Zeit der vollen Reparationszahlungen.
Nunmehr sind große Schwierigkeiten eingetreten,- und es ist begreiflich, daß es Herrn Finanzminister Dr. Hilferding sehr schwer wird, die Einnahmen für die gewaltig angewachfenen Ausgaben zu sichern.
Vor der Reichstagswahl haben die Oppositionsparteien, vor allem die Demokraten und Sozialdemokraten, den Vorwurf erhoben, daß durchs die zu hohen Steuerlasten Thesaurierungspolitik getrieben worden sei, und daß andererseits der verflossene Reichstag den Beamten, den Klein- und Sozialrentnern nicht m dem notwendigen Maße ihren Wünschen entgegengekommen sei.
Diese Kritik hat bei weiten Schichten der Beamtenschaft große Hoffnungen ausgelöst für den Fall, daß eine mehr links eingestellte Regierung, insbesondere wenn ein Demokrat oder Sozialdemokrat Finanzminister werden sollte, ihre Wünsche weitgehendst berücksichtigt werden würden. Der jetzt vorgelegte Personaletat hat all diese Hoffnungen nicht erfüllt, und so hat in den letzten Wochen ein förmlicher Petitionssturm von allen Beamtengruppen auf den Reichstag eingesetzt. Die Beratung des Etats ist infolgedessen sehr schwierig geworden, vor allem deswegen, weil die Reichs- cegierung den Nachtragsetat für 1928 mit dem Personaletat für 1929 verbunden hat.
Für 1928 und 1929 werden an Personalausgaben für die Beamten. Angestellten und Arbeiter des Reiches rund 50 Millionen Mark mehr angefordert.
Durch verschiedene Mehreinnahmen, vor allem aber durch Rückzahlung von zuviel geleisteten Zahlungen des Reichsarbeitsministeriums an die Reichs- Post, können diele Mehrausgaben gedeckt werden.
Keine Klarheit besteht aber darüber, wie die Mehrausgaben für 1929 gedeckt werden sollen.
Es ist begreiflich, daß infolgedessen bei Beginn der Beratungen über den.Personaletat im Haushaltsausschuß des Reichstags sich alsbald erhebliche Schwierigkeiten ergaben. Die Redner der Sozialdemokraten, der Deutschen Volkspartei und der Demokraten, also der Parteien, die am stärksten an der gegenwärtigen Regierung beteiligt sind, haben erklärt, daß sie den Mehranforderungen für das Jahr 1929 nicht in dem Umfange zustim- men könnten, weil sich ihre Parteien bezüglich der dadurch notwendig werdenden Steuern jetzt noch nicht binden könnten und wollten.
Da die Zentrumspartei in Finanzfragen seit Jahren sachliche und nüchterne Politik getrieben hat, für die sie bei den letzten Reichstagswahlen scharfe Angriffe über sich ergehen lassen mußte, ist es erklärlich, daß die Vertreter des Zentrums im Haushaltsausschuß sich sowohl gegenüber den persönlichen Mehranforderungen für 1929, also auch für die sicherlich zu erwartenden Steuervorlagen größte Reserve auferlegen werden.
Die erste Sitzung des Haushaltsausschusses mußte schon nach kurzer Zeit abgebrochen werden, weil zwischen ben die Regierung stützenden Parteien keine einheitliche Auffassung vorhanden war über die Art, wie der Personaletat für 1929 behandelt werden solle.
Die Stellungnahme des Zentrums zu diesen Fragen wurde in einer späteren Sitzung des Reichshaushaltsausschusses von dem Abgeordneten Er- sing zum Ausdruck gebracht. ?lbg:ordneter Ersing machte habet wichtige grundsätzlicye Ausführungen, die von großer Bedeutung für unsere parteipolitische Arbeit und Aufklärung sind. Abgeordneter Ersing führte u. a. aus:
„Der Abgeordnete Steinkopf hat Vertretern der Fmänzbeamtenorganisation mitgeteilt, daß die erste Sitzung des Haushaltsausschusses infolge der Haltung der Zentrumspartei aufgeflogen sei. Diese Behauptung müsse er mit Nachdruck zurückweisen. Herr Steinkopf hätte vielmehr sagen müssen, daß die Sitzung abgebrochen werden mußte wegen der unklaren Lage und wegen der Verbindung des Personaletats für 1929 mit dem Nachtragsetat für 1928. Uebrigens sei es doch so, daß der Reichs- simanzminister eine Aussprache mit den hinter der Regierung stehenden Parteien gewünscht habe. Zu bemerten sei noch, daß die sozialdemokratischen Redner in Bezug auf Beamtenfragen vor den Reichstagswahlen einen ganz anderen Ton angeschlagen hätten, als dies heute der Abgeordnete- Hertz täte. Da treffe das Wort zu: „Es geht bei gedämpfter Trommel Klang . . ."
Bezüglich der Finanzlage des Reichs sagt der Abgeordnete Ersing, daß man doch nicht erst seit zwei Monaten wisse, daß die Lage keine ange
nehme sei. Diese Kenntnis habe man doch schon seit mehreren Jahren. Es hat eine Zeit gegeben, in der die Gesamtlage der Finanzen günstiger gewesen sei. Als dies bekannt geworden sei, erfolgte freilich ein förmlicher Ansturm auf diese Mittel. Zentrumsabgeordnete, die darauf hingewiesen, daß eine gewisse Stabilität und Flüssigkeit der Reichsfinanzen gesichert werden müsse, damit man im Jahre 1929, das die vollen Reparationslasten bringen werde, einige Reserven habe, sind als Spa r- samkettsfanatiker bezeichnet worden, wenn sie so gegen die auf Agitation eingestellten Ausgabeanträge Stellung nahmen. Jetzt ist die Haltung der Zentrumspartei vollauf gerechtfertigt.
Auf Grund des Etatsgesetzes vom Jahre 1928 ist der Reichsminister der Finanzen ermächtigt, bis zu 400 Millionen Mark Schatzauweisungen auszugeben. Von dieser Ermächtigung sei bis jetzt fast vollkommen Gebrauch gemacht worden.
Die Finanzlage des Reiches sei jetzt sehr angespannt. Nun hat vor einigen Tagen die „Frankfurter Zeitung" in einem Artikel den Vorschlag gemacht, daß das Reich den Trägern der Sozialversicherung statt des baren Geldes Anleihestücke der Reichsanleihe von 1927 geben soll. Gegenüber einer solchen Praxis seien aber scharfe Bedenken geltend zu machen. Wenn man früher den Anregungen seiner politischen Freunde gefolgt märe, hätte es seines Erachtens nicht zu der Ausnahme der Anleihe von 1927 zu kommen brauchen.
Daraus wandte sich Abgeordneter Ersing den Ausführungen des demokratischen Abgeordneten Dr. Reinhold zu, der darauf hingewiesen hat, daß mit der Möglichkeit gerechnet werden müsse, daß infolge des Konjunkturrückgangs die Steuereingänge noch schlechter ausfallen könne, als man jetzt an- nehme. Gleichzeitig hat aber die demokratische Parte: einen Antrag auf Aenderung der Reichsbesol- dungsgxdnung gestellt, die, wenn sie vorgenom- men würde, viele Millionen erfordert. Zwischen diesem Antrag der Demokraten und den Ausführungen des Herrn Dr. Reinhold klaffe ein Widerspruch. Eine Deckung für ihren Anttag wüßten die Demokraten nicht.
Was den Personaletat angehe, so habe er für bte Zentrumspartei zu erklären, daß das, was dringend notwendig sei, und auf Grund der vom letzten Reichstag gefaßten Entschließungen als notwendig anzusehen ist, jetzt ausgeführt werden müsse. Der Erhöhung der Repräsentationsgelder für die Minister, der Einführung der Ministerialversassung stehe bai Zentrum ablehnend gegenüber. Die bis jetzt gegebene Begründung der Reichsregierung könne nicht als durchschlaggebend angesehen werden. Die Reichsbeamten sagen in ihren Petittonen an den Reichstag, daß sie bei der neuen De- soldungsordnung vielfach schlechter behandelt worden seien, als die Beamten der Länder und Kommunen. Um hierüber Klarhett zu schaffen, sei es notwendig, daß die Reichsregierung eine vergleichende Darstellung über die Besoldungsregelung der Beamten im Reich, Ländern und Gemeinden vorlege.
Die vielfach vertretene Hoffnung, daß die im vergangenen Jahr erfolgte Neuregelung der Besoldungsordnung ein besseres Verhältnis zwischen Beamtenschaft, Regierung und Parlament schaffen würde, hat sich nicht erfüllt. Die Klagen, daß es den Beamten schlecht geht, seien jetzt so zahlreich tote vor der Besoldungsneuregelung. Kein Finanzminister, ob er nun den Deutschnationalen, den Demokraten, den Sozialdemokraten oder dem Zentrum angehört, je: bis jetzt in der Sage gewesen, eine in gleicher Weise die Beamten und die Staatsinteressen befriedigende Regelung zu treffen. Ein so unbefriedigendes Verhältnis zwischen Beamtenschaft, Staat und Regierung sei auf die Dauer, vorn allgemeinen Gesichtspunkt aus betrachtet, höchst unerfteulich. Es müsse der ehrliche Versuch gemacht werden, zu erträglidfen Verhältnissen zu kommen. Daher sei es notwendig, daß die Reichsregierung einmal die gesamte wirtschaftliche und soziale Lage des deutschen Beamtentums im Rahmen des Volksganzen darstellt. Wahrheit und Klarheit in dieser Frage zu schaffen, sei unbedingt notwendig.
Die Reichsfinanzminister redeten so oft von der Verwaltungsvereinfachung. Bemerkenswert sei, daß zwar bet den Dienststellen im Lande ein Stellenabbau erfolgt sei, bei den Reichsministerien dagegen von einem Abbau nicht die Rede sein könne, vielmehr von einem Zugang von Beamten gesprochen werden müsse. Im Interesse der Sparsamkeit müßten endlich auch die Reichsministerien eine Verminderung ihrer Beamtenzahl erstreben. Wenn sowohl im Reiche wie auch in den Ländern ein Drittel der Referenten weniger vorhanden wäre, bann würbe viel unnötige Schreibarbeit wegfallen unb ber Federkrieg zwischen Reichsbürokratie und Länderbürokratie, der seit Jahr und Tag herrscht, auf ein Minimum herabgedrückt werden. Das so viel gebrauchte Wort der Sparsamkeit in der öffentlichen Verwaltung mutz endlich einmal in die Wirklichkeit umgesetzt werden.
350 Stcnerarten gibt es in Deutschland.
Das stellt im „Berliner Börsenkourier" ein Steuerfachmann fest, der dazu bemerkt: „lieber- blickt man diese umfangreiche Liste von Steuern, so kann man verstehen, daß weite Kreise der Bevölkerung keine Zuneigung' zu den Künsten der Steuerpolitik empfinden. Aber auch d-r Praktiker dürste nicht unrecht haben, wenn er fordert, daß das Stetterbukett des deutschen Volkes noch schärfer zusammengeschnitten werden muß, als es bisher geschehen ist."
Sparkommission und Wehretat.
V. D. Z. Berlin, 23. Jan. (Eig. Meldung). Der Haushaltsausschuß des Reichstages setzte die erste Lesung des Haushalts des Reichswehrministeriums fort. Abg. Torgier (Som.) fordert erneut Abstimmung über feinen Anttag, di« Reichsregierung zu 1
ersuchen, sofort durch den Sparkommissar den Wehre tat prüfen zu lassen. Reichswehr - mtnifter Grüner teilt mit, daß er sich sofort mit dem Reichskommissar in Verbindung gesetzt habe, die weitere Prüfung des Reichswehrministeriums zu veranlassen. Ministerialrat Scherer erklärt für den Reichssparkommrssar: Die Prüfung des Reichswehrministeriums werde unverzüglich wreder ausgenommen werden.
Kein Notetat in Preußen.
VDZ. Berlin, 23. Ian. (Eig. Funkm.) Wik das Nachrichtenbiiro des VDZ. von unterrichtete! Seite erfährt, haben sich bei Prüfung der Frage, ob im preußischen Landtag der Etat für 1929 noch vor dem 1. April erledigt werden soll oder ob ein Notetat aufgestellt werden müßte, die Stimmen für Vermeidung des Notetats erheblich vermehrt, so daß anzunehmen ist, daß im Laufe des Donnerstag sowohl die Fraktionen wie auch der Aeltestenrai sich für ordnungsmäßige Erledigung des Etats für 1929 vor dem 1. April entscheiden werden. Dabei hat die Ueberlegung den Ausschlag gegeben, daß nach Artikel 64 der preußischen Verfassung das Staatsministerium ohne ein Staatsgesetz im neuen Haushaltsjahr nur die bestehenden Einrichtungen weiteriühren kann, daß aber die neuen Fonds, neuen Beamtenstellen und besonders die einmaligen Ausgaben einschließlich der vielfach vorgeschriebenen Bauraten vom Landtag im Notetat bewilligt werden müßten. Rein technisch würde die Erledigung des Notetats mit ifen umstrittenen Positionen die ganze Etatsapparatur erfordern und komplizierter sein als die Fortsetzung der Beratung des ordentlichen Etats, die in den Ausschußverhandlungen schon weit gefördert ist. Ministerpräsident Braun wird in der sozial- demokrattschen Fraktion dafür eintreten, daß seine Partei sich diesem Skandpunkt anschließt. Es ist anzunehmen, daß die übrigen Kabinettsmitglieder bei ihren Parteien entsprechnd verfahren. Das Präsidium des Landtags wird am Donnerstag dem Aeltestenrat aus Sparsamkeitsgründen die Kürzung einiger Fristen vorschlagen. Bei Annahme dieser Vorschläge ist die rechtzeitige Erledigung des Etats selbst sicher. —
verfassunysreform in polen.
wtb. Warschau, 23. Jan. (Eig. Meld.) Der Sejm hat gestern beschlossen, zur Verfassungsreform zu schreiten. In dem Beschluß heißt es, die Revision werde auf Grund von Abänderungsanträgen zum Verfassungsgesetz durchgeführt werden, die entweder von der Regierung oder von Abgeordneten eingebracht werden können.
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wtb. Warschau, 23. Jan. (Eig. Funkm.) Gelegentlich der gestrigen Sejm-Sitzung brachte der Nattonalklub einen Antrag ein, worin der Sejm aufgefordert wird, den Justizminister Sta. n i s 1 a w C a r zum R ü ck t r i tt aufzufordern. In der Begrünbuna wird angeführt, daß Minister Car entgegen dem Witten des Sejm auf Grund des De, krets über die Neuordnung der allgemeinen Gerichtsbarkeit den ersten Präsidenten des obersten Gerichtshofes sowie einige Präsidenten der Berufungsgerichte in den Ruhestand versetzt habe, ohne daß irgend eine Aenderung in der Organisation dieser Gerichte erfolgt sei, die eine solche Maßnahme rechtfertigen könnte.
Tschechoslowakei.
wtb. Prag, 23. Jan. (Eig. Meldung.) Die innerpolitische Lage hat insofern eine krisenhafte Verschärfung erfahren, als der bisherige stellvertretende Ministerpräsident Schramek auf seinem Posten zu bleiben gedenkt. Dadurch sind die Gegensätze zwischen der tschechischen Volkspar- tsi und den tschechischen Agrariern, die auf den Posten des stellvertretenden Ministerpräsidenten Anpruch erheben, weiter vertieft worden. Man hält es nicht für ausgeschlossen, daß es noch im Frühling zu Neuwahlen für die Kammern kommen wird. Es scheint als ob die ffchechische Agrar-Partei als stärkste Partei im Staate die Wahlen um jeden Preis herbeisiihren will, falls ihre programmatischen und personalen Wunsche von den übrigen Koalitionsparteien nicht erfüllt werden. Auch der Konflikt zwischen dem Außenminister Benesch und den tschechischen Agrariern ist noch nicht endgültig bereinigt. Hinzukommt eine starke Verstimmung zwischen den tschechischen Agrariern und der slowakischen Volkspartei. Diese ist insbesondere wegen des gegen ihr Parteimitglied Tuka eingeleiteten Hochverratsverfahren verärgert. In unterrichteten Kreisen verlautet, daß das Verfahren gegen Tuka politische Ueberraschungen großen Stils bringen werde, die nicht auf die Person Tulas beschränkt bleiben dürsten.
* Prälat Schäfer bleibt im badischen Landtag. Die Benutzung, daß der Verzicht Dr. Schokers, des Führers der badischen Zentrumspartei, auf feinen alten Wahlkreis Tauberbischofsheim nicht sein Ausscheiden aus dem badischen Landtage überhaupt bedeute, hat sich bestätigt. Dr. Schofer hat eine Kandidatur im Wahlkreise Mosbach angenommen.
* Das Landesverratsverfahren gegen Dr. Dieh und Goldman«. Wie eine Korrespondenz aus Leipzig meldet, hat das Reichsgericht den Beschluß des Amtsgerichts Berlin-Mitte aufgehoben, wonach das gegen Dr. Dietz und Goldmann schwebende Verfahren wegen versuchten Landesverrats durch das Amnestiegesetz vom Juli 1928 aufgehoben worden war. Das ReichsLexi^hz