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Anzeiger für die Stadt Julda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

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Mittwoch, 23. Januar 1929

Nr. 19

Postscheckkonto Frankfurt a. M. Nr. 4051

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatl. 1,80 einschl. Postgeb. (30 bezw. 48 Pf.), ohne Zustellg.

Ergebnis deM-ruWer WirWastsoerhanblungen

VDZ. Berlin, 22. Jan. (Eig. Funkm.). Der Reichsaußenminister hat dem Reichstag den In­halt des am 21. Dezember vorigen Jahres in Mos­kau unterzeichneten Protokolls über die Ergebnisse der deutsch-russischen Wirtschaftsverhandlungen zur Kenntnisnahme vorgelegt. Sämtliche Vereinbarun­gen sollen am 15. Januar d. Js. in Kraft treten; hinsichtlich der Post- und Aufenthaltsgebühren ist der 1. Jan. d. Js. als Zeitpunkt des Inkrafttretens vereinbart worden.

Gilberts Rückkehr.

Aus Washington wird gemeldet: Parker Gil­bert verabschiedete sich von Staatssekretär Kellogg. Er hatte längere Unterredungen mit führenden Beamten der Westeuropa-Abteilung des Staatsde­partements. Im übrigen bewahrte er vollständi­ges Stillschweigen über den Inhalt der Konferen­zen und erklärte lediglich, die Gerüchte über seinen Rücktritt seien vollkommen unbegründet. Er werde am Freitag die Rückreise nach Berlin an­treten.

*

Aus Neuyork wird gemeldet:

Die inoffiziellen amerikanischen Mitglieder der Reparationskommission, I. P. Morgan, Owen D. Poung, Lamont und Perkins, beginnen eine Reihe gemeinsamer Besprechungen zur Vorberei­tung ihres Aufenthaltes in Paris, wohin sie am 1. Februar abreisen werden.

Von Moskau kommend sind die japanischen Mitglieder der Sachverständigenkom­

mission für die Reparationen, der „B. Z." zu­folge, in Berlin eingetroffen. Es sind dies Vicomte Jasashr Aoki und sein Stellvertreter KanguMori.

Belgien und Rellogy-pakt.

rotb. Brüssel, 22. Ian. (Eig. Funkm.).Der Ministerrat hat den Außenminister ermächtigt, dem König zur Einbringung im Parla­ment einen Geseßentrourf über die Ratifizierung des Kellogg-Paktes zu unterbreiten.

Der Bau der 15 ttreuzer.

Der „Chicago Tribüne" wird aus Washing­ton gemeldet, daß das Gesetz zur Bewilligung des Baus von 15 Kreuzern infolge einer gewissen Obstruktion einerseits und andererseits infolge ge­ringen Interesses des Präsidenten Coolidge nicht so bald verabschiedet werden dürste. In den Krei­sen, die für die Genehmigung des Baus dieser Kreuzer eintraten, erklärt man, daß die unsachliche Polittk des Präsidenten Coolidge auf "dem Gebiete der nationalen Verteidigung die Vereinigten Staa­ten hinsichtlich der Flotte in eine Stellung ge­bracht habe, die schlechter sei als die Englands und nur ein wenig stärker als die Japans. Die Anhänger des Panzerkreuzerbauprogramms hoff­ten, die Kreuzerbaunovelle in den noch verblei­benden sechs Wochen durch Nachtsitzungen zur Verabschiedung zu bringen.

Die von der amerikanischen Legion abhängigen Frauenverbände haben überall Ortsgruppen ge­gründet, um die Maßnahmen zur nationalen Ver­teidigung zu unterstützen und der pazifistischen Propaganda Widerstand zu leisten.

Kommunisten und Grüner-Denkschrift.

(Eine Interpellation im Reichstag.

V. D. Z. Berlin, 22. Jan. (Eig. Funkm.). Die kommunistische Reichstagsfraktion hat eine Inter­pellation eingebracht, die sich mit der Bekannt­gabe der Grönerschen Denkschrift zur Panzerkreu- zerftage durch die englische Zeitschrift „Review auf Reviews" beschäftigt und mit der Frage schließt: Ist die Reichsregierung und der Reichskanzler Müller, der nach der Verfassung „die Politik der Reichsregierung verantwortlich führt", bereit, sich sofort wegen der in dieser Denkschrift enthüllten Pläne der deutschen Außenpolitik und der Auf- rüstungs- und Kriegspolitik vor dem Reichstage zu verantworten?

Der Etat im Reich sE.

DDZ. Berlin, 22. Jan. (Eig. Funkm.). Dem Reichsrat ist soeben der Haushaltsplan für 1929 mit den dazugehörigen Vorlagen zugegangen. Es handelt sich äußer dem Haushaltsplan selbst um folgende Gesetzentwürfe: Gesetz zur Aenderung der Biersteuer, Gesetz zur Aenderuna des Brannt­weinmonopols. Novelle zur Erbschaftssteuer, Drifte Novelle zur Einkommensteuer, Novelle zur Ver­mögenssteuer, Novelle zur Wechselsteuer, Zweite Uebergangsregelung des Finanzausgleiche; und Novelle zur Reichshausbaltsordnunq. Dis Ge­setzentwürfe sind zunächst den zuständigen Aus­schüssen des Reichsrats übermittelt worden, dis ihre Beratungen, wie das Nachrichtenbüro des VDZ. erfährt, am 4. Februar beginnen werden. Man rechnet damit, daß die Arbeiten der Ausschüsse mindestens eine Woche in Anspruch nehmen, sodaß die öffentlichen Plenarberatungen des Neichsrats

über den neuen Etat kaum vor Mitte Februar be­ginnen können. An den Reichstag wird danach der Etat erst voraussichtlich in der letzten F e b r u - arhälft-e gelangen. In parlamentarischen Krei­sen hält man es deshalb für zweifelhaft, daß der Etat vor dem 1. April schon fertiggestellt werden kann. Das Finanzministerium würde also einen N o t e t a t ausarbeiten und noch vor dem 1. Avril vom Reichsrat und Reichstag genehmigen lassen müssen.

Die wartestandr-Beamten.

VDZ. Berlin, 22. Jan. (Eig. Funkm.). Der Reichsfinanzminister legt dem Reichstag den er­betenen Gesetzentwurf über die Wartegeld­empfänger vor. Der Reichsrat hat diesem Entwurf der verfassungsändernd ist, mit der vor­geschriebenen Stimmenzahl zugestimmt. In der Begründung wird u. a. darauf hinge miesen, es erscheine unerträglich, unbeschäftigten Wartegeld­empfängern verhältnismäßig hohe Bezüge zu ge­währen und daneben voll zu bezahlende Kräfte in den Reichsdienst neu einzustellen. Durch Gewäh­rung von Vergünstigungen sollen diejenigen, die nicht mehr voll dienstfähig sind oder eine Wieder- Verwendung nicht mehr erstreben, veranlaßt wer­den, sich f r e i w i l l i g i n d e n e n d g ü l t i g e n Ruhestand versetzen zu lassen. Für Wartegeld­empfänger, die wegen ihres Alters kaum noch verwendet werden können, ist der Uebertritt in den endgültigen Ruhestand vorgesehen, wenn sie von der Vergünstigung des freiwilligen Uebertritts kei­nen Gebrauch gemacht haben.

Der Schlüssel zu Englands Asrika-Reich

(Ein ostafrikanisches Dominion? —

die Zukunft Deutsch-lvst-5lsrikas.

Seit langem ist das Schlagwort von dem eng­lischen Afrika-Reich, das vom Cap bis Kairo reichen soll, in Verbindung gebracht mit Plänen, die auf die Schaffung eines Dominialstatus für die eng­lisch-ostafrikanischen Kronkolonien Uganda, Kenya, das Mandatsgebiet des ehemaligen Deutschostafrika und evtl, nach Nord- und Südrhodesien mit Nyassa- land hinauslaufen. Der seit mehr als einem Jahre mit Spannung erwartete Bericht der Hilton-Poung- Kommission über den für die genannten Kronkolo­nien und das Mandatsgebiet Tanganjika (Deutsch- Ostaftika) vorzuschlagenden staatsrechtlichen Status, wirst nun neues Licht auf die Pläne, die mit jener großen Idee in Verbindung gebracht wurden. Es ergibt sich klar und unzweideutig, daß die Politiker des englischen Kolonialamtes zwar entschlossen sind, mit Nachdruck auf die wirtschaftliche und verkehrs­politische Vereinheitlichung dieser wertvollen und zukunftreichen Gebiete hinzuarbeiten, daß man aber nicht daran denkt, ihnen den Zusammenschluß und eine Selbständigkeit zu gewähren, die von höchst stagwürdigem Werte für das Empire, wahr­scheinlich auch für die fraglichen Gebiete selbst, wären.

Aus dem Gesamtkomplex hebt sich für uns Deutsche das Problem Deutschostafrika in erster Linie heraus, und wir konstatieren mit immer erneuter Erbitterung, mit welch souveräner Selbst­verständlichkeit die Empirepolitik über den völker­rechtlichen Charakter der uns enttiffenen Kolonie als eines sogenannten B-Mandates zur Tages­ordnung der Empirepolitik übergeht. Sie beruft sich darauf, daß ihr in dem Mandatsvertrage mit

Der Hilton Young-Bericht. — Um

dem Völkerbunde vom 20. Juli 1922 das Recht erteilt sei, das von England im Auftrage des Völkerbundes verwaltete Mandatsgebiet Deutsch- Ost-Asrika in eine zollpolitische oder Verwaltungs­union oder Föderatton mit den angrenzenden Ge­bieten unter englischer Souveränität zu bringen. England besteht darauf, daß Deutsch-Ost-Afrika kein zeitlich begrenzter Besitz, sondern um einen völkerrechtlichen Ausdruck zu gebrauchen, ein „Ser­vitut" sei, das England lediglich die Verpflichtung auferlege, gewisse Verwaltungsprinzipien, wie etwa die Zulassung von Deuffchen usw. zu beobachten. Wie die Dinge liegen, wird Deutschland gut tun, sich mit dieser Situation abzufinden zugunsten der außerordentlich zahlreichen deutschen Rückwan­derer, die in Ost-Afrika — fußend auf der ausge­zeichneten deutschen Tradition — bereits mit gu­tem Erfolg in den wirtschaftlichen Wettstreit mit den englischen Siedlern eingetieten sind.

Daneben wird durch ben Hilton 9)oung Be­richt die außerordentlich interessante und bedeut­same Frage nach den Plänen des Empire in Astika aktuell. Nachdem sich jetzt die englische Regie- rrmg nach langem Zögern entschlossen hat, den Bericht zu veröffentlichen, darf man annehmen, daß sie mit den darin aufgestellten Richtlinien ein­verstanden ist. Diese Richtlinien zielen lediglich auf eine wirtschaftliche und verkehrspolitische Ver­einheitlichung der drei wichtigsten Gebiete englisch Ost-Afrikas: Ugandas, Kenyas, und Deutsch-Ost- Afrikas. Die beiden Kolonien Nord- und Süd­rhodesien und Nyassa-Lcmd, die die Brücke nach der südaftikanischen Union hin bilden, bleiben vor­

läufig außer Bestacht. Man wird also nicht fehl­gehen, wenn man annimmt, daß die englische Kolo- nialpolittk Deutsch-Ost-Afrika, Kenya und Uganda, die als ein geschlossener Block an Abessinien und den Sudan (westlich an dem belgischen Kongo­grenzen, als den Schlüssel zu den großen Cap- Kairo-Reich ansieht. Tatsächlich besitzt England, solange aus diesem Block kein Dominion gewor­den ist, eine feste Basis mitten in Afrika, um allen etwa unerwünschten Entwicklungen im Norden wie im Süden zu begegnen. Dazu tritt ein anderes, sehr wesentliches Moment.

Man muß sich entsinnen — und England wird sich dessen mit bitteren Gefühlen entsinnen — daß London die Ruhe in Indien und die Be­reitschaft der Inder, Blutopfer in Europa zu brin­gen, mit afrikanischen Ködern erkauft hat. Ins­besondere verhieß man den Indern volle Be­wegungsfreiheit in Deutsch-Ost-Afrika, falls der Ausgang des Krieges England diese Frucht dringe. Als bann nach bem Kriege bie Inder auf diese Versprechungen pochten, konnte man ihnen nicht wehren und so ist heute Deutsch-Ost-Afrika ein in hohem Maße indisch orientiertes, von indischen Kaufleuten beherrschtes Gebiet. Als zum ersten Mal der Plan eines ostaftikanischen Dominions auftauchte, erhoben nicht nur eingebome Häupt­linge, sondern in erster Linie Vertreter der Inder „im Namen der Millionen von Afrikanern, In­dern und Aradern in Ostafrika" gegen die angeb­lichen englischen Pläne flammenden Protest. Die­ser Protest hatte seine Ursache in erster Linie in der rücksichtslosen Verdrängungspolitik, die die Führer im Streit um die Dominialverfassung Ost- aftikas, die englischen Siedler Kenyas, ben Ein­geborenen gegenüber betreiben unb nach Verleihung bes Dominion-Statuts noch weit ungehinberter be­steiben zu können hoffen. Die Lonboner Kolonial­politiker aber haben allen Grund, keine weiteren Voraussetzungen zu Streitigkeiten zwischen Rassen bes Empire entstehen zu lassen. Von biesem Ge­sichtspunkt aus wirb Englands Haltung in ber Frage eines ostafrikanischen Dominions voraus­sichtlich bestimmt bleiben, solange London im Rate bes Empire bie führende Stimme hat. Daß sich gegen die Autorität dieser Stimme hie unb ba schon mehrfach bedenklicher Widerstand gezeigt hat, darf 'zwar nicht vergessen werden, beeinträchtigt auf absehbare Zeit jedoch noch nicht bie entscheidende Bvsitimr. die das Mutterland dank seinem freien Verfügungsrecht über Ostafrika besitzt. Fällt diese Position einmal, so ist einer der Grundpfeiler des Empire erschüttert.____________________

Handwerk und Mittelstand.

Der Reichsverbanb des Deutschen Handwerks hat, nach ber „Voss. Ztg.", ein Runbschreiben an seine Mitgliedskörperschaften gerichtet, in bem dar­auf hingeroiesen wird, daß kürzlich eine Sitzung der Gruppe der Handwerkerbünde stattgefunden habe, in der beschlossen worden sei, sich an der von dem „Reichskartell des selbständigen Mit­te l st a n d e s" geplanten Kundgebung zugunsten des notleidenden Mittelstandes n i ch t zu beteiligen, und zwar wegen der einseitigen politischen Ausmachung dieser Kundgebung. (Es handelt sich um eine Propaganda für die Wirtschaftspartei. D. Schriftl.) Dagegen würden die Gruppen der Hand- roerkerbünde in der Zeit vom 10. bis 28. Februar selbständige Kundgebungen veranstalten, in denen die tatsächliche Lage des Handwerks klargestellt werden soll.

Die englischen Neuwahlen.

2lus London wird gemeldet: Das Parlament wird zu feiner Schlußtagung zusammentreten und die Erörterung seines wichtigsten Beratungs­stoffes, nämlich der Gesetzentwürfe über die Reor­ganisierung des Systems der lokalen Regierung, sortsetzen. Mit dem Wiederzusammentritt des Un­terhauses beginnt auch der Feldzug zur Vorberei­tung der allgemeinen Wahlen, bie, wie man glaubt, Mitte Juni, ftattfinben werden, um denselben Zeitpunkt, an bem das neue Gesetz in Kraft treten wird, das 5,5 M i l l i o n en F r a u en das Stimm­recht verleiht.

Einige Parlamentsmitglieder aus sämtlichen Parteien brachten einen Antrag ein, in dem eine erneute Prüfung der Frage ber Erbauung eines Tunnels unter bem Aermelka- n a l gefordert unb hervorgehoben wird, welche Vorteile daraus für Großbritannien und ganz Europa erwachsen würden und wieviel Arbeitslose dadurch Beschäftigung erhalten könnten.

Bus Oesterreich.

wtb. Wien, 22. Jan. (Eig. Funkm.). Unter dem Namen „Demokratische Mi11elpar- t e i " hat sich hier eine neue bürgerliche Partei gebildet, die, wie es in den Satzungen heißt, „alle freiheitlich Gesinnten im bürgerlichen Lager" sammeln will.

Br. Seipel in München.

Der österreichische Bundeskanzler Dr. Seipel traf in München von Wien kommend ein. Als Gast des Akademisch-Politischen Klubs sprach der Bundeskanzler über das Thema „Föderalismus in Oesterreich". Dr. Seipel wird am Dienstag vormittag dem bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Held seine Aufwartung machen und damft den Besuch erwidern, den Dr. Held dem Bundeskanz­ler unlängst in Wien abgestattet hatte. Am Diens­tag abend wird Bundeskanzler Dr. Seipel im Ver­ein katholischer Kaufleute seinen zweiten Vortrag halten.

Kroaten und Serben.

Von Dr. Gustav G r a tz - Budapest, königl. ungarischer Minister des Aeuhern a. D. Mit großer Geschicklichkeit ist in der Zeit des Weltkrieges die Ausfassung verbreitet worden, daß die südslawischen Völker — die Serben» Kroaten und Slowenen — eigentlich nur Teile eines und desselben jugoslawischen Volkes sein, die von ein­ander gewaltsam getrennt wurden und sich nach ihrer Wiedervereinigung sehnen. Kaum war der Weltkrieg beendet, wurde diese Vereinigung tat­sächlich ausgesprochen. Seitdem wollte aber die Sache nicht so recht stimmen. Weit davon entfernt, sich brüderlich ins Herz zu schließen, haben Serben und Kroaten einander in diesen letzten zehn Jahren andauernd bitter bekämpft. Den Höhepunkt er­reichte dieser Kampf am 20. Juni des verflossenen Jahres, als der Serbe Rakitsch in offener Parla­mentssitzung zwei kroatische Abgeordnete nieder­schoß unb auch den politischen Führer der Kroaten, den von seinem Volk angebeteten Stefan Raditsch schwer verwundete, so daß sein sechs Wochen später eingetretener Tod durch diese Verwundung minde­stens beschleunigt wurde. Von dieser Zeit an nahm ber kroatische serbische Gegensatz immer schärfere Formen an. In ber jüngsten Zeit führte er zur Aufhebung der Verfassung und zur Beseitigung des Parlaments im jugoslawischen Königreich. Man war bestrebt, den Eindruck zu erwecken, daß dieser Entschluß eine Befriedigung der Wünsche Kroatiens darstelle. In Wirklichkeit war die Umwandlung Jugoslawiens in ein absolutistisches Königreich das Werk der kroatenfeindlichen serbischen Nationali­sten, besonders der Militärpartei und ihrer gehei­men Organisationen, die schon oft in die Geschicke des Landes verhängnisvoll eingegriffen haben. Ihr Zweck ist nicht die Befreiung der Kroaten, son­dern im Gegenteil, die schärfste Betonung der Ein­heitlichkeit des jugoslawischen Staates unb die Un­terdrückung aller kroatischen Sonderbestrebungen.

Sowohl die ältere als auch die neuere Geschichte ber serbisch-kroatischen Beziehungen beweist klar, daß jene Behauptung,' als ob die beiden Völker nie­mals eine andere Sehnsucht gehabt hätten, als ver­eint mit einander zu leben, vollständig falsch ist. Gerade das Gegenteil ist der Fall. Und die Er­eignisse der letzten zehn Jahre beweisen nur, daß der alte Gegensatz zwischen den beiden Völkern noch immer in voller Kraft fortbesteht.

Gewiß sind die Serben und Kroaten mit ein­ander verwandt. Ihre Sprache ist die gleiche, wenn auch die Serben das ciryllische, die Kroaten das lateinische Alphabet benutzen. Ihre Ansiedlung in jenen Gebieten, die sie heute bewohnen, erfolgte wohl nicht gleichzeitig, aber doch unmittelbar nach einander: bie ber Kroaten im Jahre 634, die der Serben im Jahre 638 n. Ehr. Indes haben beide Völker schon seit altersher eine ganz verschiedene Entwicklung durchgemacht. Die Kroaten mischten sich mit den italienischen Elementen, die besonders in dem unter venezianischem Einfluß gewesenen, zum alten kroatischen Königreich gehörigen Dal­matien lebten. Westliche Kultureinflüsse machten sich daher unter den Kroaten schon in früher Zeil geltend, und auch das Christentum wurde von ihnen in seiner westlichen Form, von Rom, über­nommen. Die Serben dagegen lebten bis zum Vordringen der Türken abgeschlossen für sich, sie standen in regen Wechselbeziehungen zu Vnzanz, sie haben auch das Christentum in seiner orienta­lisch-orthodoxen Form angenommen und ihre Na­tionalkirche, bie stets der eigenti. Träger der ferb. Staatsidee war, auf dieser Grundlage aufgebaut. Wenn schon infolge dieser Umstände die Mentalität ber Serben von orientalischen Motiven stark beein­flußt war, so würbe sie burch bie Tatsache, baß Ser­bien um anberthald Jahrhunberte länger unter türkischem Einfluß stand, als einzelne Teile des kroatischen Sprachgebietes, noch stärker vom orien­talischen Geist beeinflußt.

Die Abweichung zwischen ben allgemeinen Ten­denzen der Kroaten und der Serben war so groß, daß in diesem Falle das trennende Element der kul­turellen Verschiedenheit sich stärker erwies als das einigende Band der Blutsverwandtschaft. Dieser kulturelle Unterschied läßt sich aber in absehbarer Zeit überhaupt nicht ausgleichen, denn es handelt sich nicht nur um einen quantitativen, sondern auch um einen qualitativen Unterschied. Auch auf dem gleichen Grade kultureller Entwicklung werden zwischen den westlichen und ben orientalischen Völ­kern immer wesentliche Verschrobenheiten in der Bildung, in der Denkart, in den Sitten und Ge­bräuchen bestehen. Dieser tiefgehende kulturelle Unterschied bildete bie eigentliche Ursache ber sonst schwer erklärlichen Erscheinung, daß Kroatien schon im Mittelalter nicht an das blutsverwandte, aber zu einem fremden Kulturkrefs gehörige Serbien, sondern an das ethnologisch fremde, aber zum glei­chen Kulturkreis gehörige Ungarn Anlehnung suchte und später zu einem Bestandteil der österrei­chisch-ungarischen Monarchie wurde. Nicht die Zu­gehörigkeit zu Ungarn hat also Kroatien bem ©er» bentum entfremdet, wie besonders bie englischen Publizisten annehmen, sonbern im Gegenteil, bie Entfremdung zwischen Kroaten unb Serben hat bie ersteren der Vereinigung mit Ungarn zugetrieben.

Die Rivalität zwischen Kroaten und Serben ist in ben verflossenen Jahrzehnten stark gewachsen, weil beibe auf Bosnien Anspruch erhoben. Als die Türkei sich im Niebergang befanb unb als es klar wurde, daß Bosnien sich von ihr loslösen werde, haben sowohl die Serben als auch die Kroaten die Vereinigung mit Bosnien in der klaren Erkenntnis angestrebt, daß derjenige Staat, dem der Besitz die­ses Landes zufalle, sich damit bie Hegemonie unter den Sübslawen bauemb sichern könne. Kroatien konnte babei ins Treffen führen, daß Bosnien ur sprünglich ein Bestandteil bes kroatischen Staaten