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Zuldaer Zeitung (Kmtlrches ttreisblatt).

Nr. 17.

Sonntag, 20. Januar 1929.

3iim 200.6thrt$ti| des Iilhters der „Dliino oon Varohelm".

Gotthold Ephraim Lessing und die Gegenwart.

'Nobllmachung dss deutschen Geistes.

Zur 200. Wiederkehr des Geburksioges Lessings.

Don Richard Franz.

Zeiten der Mobilmachung sind nicht Zeiter. eines geordneten, wohlgefügten Daseins, sind vielmehr Zeiten des Ueberganges, der Geburt neuer Dinge. Man kann von solchen Zeiten nicht verlangen, daß sie dauernde Werte schaffen, absolut Giltiges aussprechen. Dies muß vorausgeschickt werdne, wenn von Lessing und seiner Zeit, die man als die Mobilmachung des deutschen Geistes be­zeichnen kann, die Rede ist.

Lessing ist für uns mehr Symbol denn lebende, fort­wirkende Persönlichkeit. Der Klang seines Namens, in dem ein scharfer Laut zwei kurze Silben trennt wie ein Messer, schon ist Symbol. Selten einmal hat es einen so bedingungslosen Geist gegeben; mit der Exaktheit einer Maschine arbeitete sein Hirn, zc^eilte, lezierte und ent­schied. Und gerade so wie eine Maschtue zwanghaft ihren Weg geht und nicht anders kann, so gab es auch für ihn keine anderen Möglichkeiten; hatte er einmal entschie­den, so war er von der Richtigkeit seiner Entscheidung so überzeugt, daß jeder Zweifel, der andere Menschen doch bis in ihre tiefsten Ueberzeugungen hinein ver­folgt, bei ihm ausgeschaltet war. Auch wir verfallen heute noch dieser seiner messerscharfen, unausweichlichen Logik. SBenn. wir mit derselben Sicherheit dahinwan­deln, wir können nicht anders als ihm recht geben, doch — sobald wir zu lesen aufhören und den Blick aus dem Buch wenden, dann will es uns mitunter scheinen, als

Gottheit» Ephraim Lessing (nach einem Bild von Tischbein), hätte dies alles nur in dem Buch seine Richtigkeit und entschwinde sofort ins Wesenlose, wenn man es an dem Lebendigen, Daseienden, an dem Leben mißt. Dabei ist Vieles, Einzelnes, vortrefflich beobachtet und durchdacht; Wahrheiten von schlagender Beweiskraft sind da und werden ausgesprochen; kritische Bemerkungen leuchten wie ein Blitzlicht auf, und mitunter mähen eilt paar Sätze ganze Schwaden van Plattheiten, Ungereimthei­ten und Unwahrhaftigkeiten nieder. Aber gegen das Ganze fühlen wir uns immer wieder gedrängt, uns zu wehren, es will uns scheinen, als wäre irgendein gro­ßer letzter Gesichtspunkt da, der nicht mit berücksichtigt worden ist. Lessing ist für uns Aphoristiker, aber nicht Philosoph. Wir haben keine Beziehung mehr zu dem Ganzen seines Lebenswerkes, seine Wirkung ist aufge­zehrt worden von dem Fortschritt der Zeit, und nur die Schule, der Unterricht kann sie uns sichtbar machen.

Zwar hat Goethe sich seinerzeit hoch annerkenend über ^Lessings kunsttheoretische Schriften, vor allem den „Laokoon" geäußert. „Man muß Jüngling seni, um sich 5U vergegenwärtigen, welche Wirkung Lessings „Laokoon" auf uns ausübte, indem dieses Werk uns aus der Region eines künimerlichen Anfchaucns in die freien Gefilde des Gedankens hinriß." Ja, aber dieses hohe Lob mar doch nur berechtigt auf Grund der da­mals herrschenden getrübten Einsichten über das We­sen der Kunst — Einsichten, die gerade durch bte ratio­nalistische Weltanschauung, der auch Lessing huldigte, hervorgerufen waren. Wenn Lessing diele falschen An­sichten beseitigte, so stürzte er damit nicht die gesamte getrübte Einsicht überhaupt, sondern er brachte nur Korrekturen an, ohne an der falschen Grundansck'auung, daß die Kunst im wesenllichen aus dem wohlunterrich- teten Denken entsprieße und ein logisches Gebilde fei, etwas zu ändern. Selbst bei den ganz Großen jener Zeit, Goethe und Schiller, bedurfte es ja der ganzen natürlichen Kraft ihres Genius die instinktiv alle Fes­seln sprengte, um sie nicht gleichfalls in diesen falschen Grundanscbauungen untergehen zu lassen, und Zuge­ständnisse haben sie ihnen reichlich gemacht. Erst die Romantik fegte den engen, logisch umzirkelteu Kunst­begriff jener Zeit hinweg, und ebnete dem freien Schaf­fensdrang des künstlerisch bewegten Menschen die Wege.

In noch stärkerem Maße gilt das, was über Lessings kunsttheoretische Werke heute zu sagen ist, von seinen theologischen und weltanschaulichen Schriften. „Wenn Gott in der einen Hand die Wahrheit hielte und in der anderen das Streben nach der Wahrheit, so würde ich sagen: Herr, gib mir das Streben nach der Wahrheit" — dieser bekannte Aussvruch Lessings ist kennzeichnennd für die eifeihg rationalistische Denkweise jener Zeit, die das Denken zu einer Art Svort erhob, ja zu einer Art Religion. Und dahinter steht, wenn auch unausge­sprochen, der hochmütige Gedanke, daß es der mensch­liche Verstand doch einmal aus sich selbst heraus schaf­fen und die von dem Schöpfer dargebotene Wahrheit aus eigenen Kräften in Händen halten werde. Und wo eine Religion angenommen wird, da dient sie aus­schließlich praktischen Zwecken, sie hat ihre Verbindung mit dem Ewigen und Jenseitigen verloren; das angeb­lich so fanatisch nach Wahrheit ringende Zeitalter be­gnügt sich mit einer praktischen Zwecken dienenden Kalkulation, wie sie im „Nathan" ja unverhohlen aus­gesprochen wird: keine Religion könne den Beweis er­bringen, daß sie den „echten Ring" besitze, d. h. die wahre fei. alle seien gleichviel wert, wenn sie nur alle die natürliche und gute Ordnung der Dinge förderten, ßßjfit. QO-IrEma thurno Laa flSJauLfum. tuxn alLam

Das Haus der Bibliothek in Molfenbüttel, wo Lcssing in seinen besten Mannesjahren als Bibliothekar gewirkt hat.

von den Schlangen angegriffene Priester nicht schreie, be- antwortete er dahin, daß er es wegen des eingezogenen Unterleibes nicht könne. Auch die 1770/71 entstandenen Ephemeriden enthalten Auseinandersetzungen mit Les- sing- Ansicht von antiken Kunstregeln. Schon in jenen frühen Jahren entstand nach dem Besuch des Mannhei­mer Antikensaales der Aufsatz über Laokoon, der erst 1798 in den „Propyläen" gedruckt wurde. Mit keinem Wort wird auf Gegensätze zu Lessing hingewiesen. Das verbot die Ehrfurcht vor der großen Tat, die aus der Region eines kümmerlichen Anfchauens in die freien Ge­filde des Gedankens hinriß, wie es in „Dichtung und Wahrheit" heißt.

Wie der Denker, so wurde auch der Dichter Lessing immer wieder von Goethe als unvergleichliches Muster herangezogen." Falk berichtet uns von einem Gespräch über den Apfbau von Emilia Galotti. Goethe wies dar­auf hin, wie durch den sogenannten Zufall das tragische Geschick ausgelöst wird. „Das sind Züge einer Meiste- Hand, welche hinlänglich beurkunden, wie tiefe Blicke Les­sing in das Wesen der dramatischen Kunst vergönnt wa­ren". Ebenso müssen wir es als Zeichen der Verehrung verstehen, wenn Goethe dieses Schauspiel von seinem Helden in der letzten Lebensstunde studieren läßt oder im „Wilhelm Meister" eine Aufführung zum Anlaß nimmt, an der Rolle des Prinzen dem lernenden Wilhelm den Unterschied von „vornehm" und „edel" zu erklären. Was will es daneben besagen, wenn er in späten Tagen dem Freunde Zelter die Freude an dem Stück nicht verküm­mern will, selbst aber nur den Respekt wie vor einer Mumie aufbringen kann, die uns von alter hoher Würde des Aufbewahrten ein Zeugnis gibt. — Die glänzende Charakterschilderung und Bühnenwirksamkeit etwa einer Rolle wie die der Gräfin Orsina hat er sein Leben lang anerkannt. Schon der junge Dichter des „Götz" sah aber, was Lessing und — wie er meinte — auch ihm selber von

sings Prosastil. Als Göze diesen stllistischen Bilderreich- tum des Dichters als „Blendwerk" bezeichnete, ver­teidigte sich Lessing durch folgendes Selbstbekenntnis: „Jeder Mensch hat seinen eigenen Stil, so wie seine eigene Nase. — Was kann ich dafür, daß ich nun ein» । mal keinen anderen Stil habe? Daß ich ihn nicht er­künstele, bin ich mir bewußt. Auch bin ich mir bewußt daß er gewöhnlich dann die ungewöhnlichsten Kaskaden zu machen geneigt ist, wenn ich der Sache am reifsten nachgedacht habe. — Es kommt wenig darauf an, wie wir schreiben, aber viel, wie wir denken. — Wie lächer­lich, die Tiefe einer Wunde nicht dem scharfen, sondern dem blanken Schwert* zuzuschreiben! Wie lächerlich also auch, die Ueberlegenheit, welche die Wahrheit ei« i nem ©einer über uns gibt einem blendenden Stil des- | selben zuzuschreiben! Ich kenne keinen Kenbenben Stil, ber seine Glanz nicht von der Wahrheit mehr ober weniger entlehnt. Wahrheit allein gibt echten Glanz. Also von ber, von ber Wahrheit lassen Sie uns sprechen und nicht vom Stil!"

Selbst ein Formtalent wie Heinrich Heine finbet i Worte hoher Anerkennung für Lessings Art zu schrei- den: „Lessings Schreibart ist ganz wie fein Charakter, wahr, fest, schmucklos, toön und imposant auch die inne­wohnende Stärke. Sein Stil ist ganz ber Stil ber rö­mischen Bauwerke: höchste Solidität bei ber höchsten Einfachheit."

Zu Lessings „Sinngedichten".

An einen Geizigen.

Ich bich beneiben? — Tor! Erspar', ererb', erwirb, ! Hab' alles! — Brauche nichts, laß alles hier unb stirb!

*

Auf eine lange Rase.

D aller Rasen Ras'! Ich wollte schwören. Das Ohr kann sie nicht schnauben hören.

Jenseitigen unb Metaphysischen, von jebem letzten gro­ßen Zweck, heißt bas nicht künstliche Verengung auf einen Diesseitszweck? Wie ber Rationalismus aus bem Menschen die Seele entfernt unb nur bie Denkfähigkeit bestehen läßt, so entfernt er auch aus bem Weltall die Seele, nämlich den bas Weltall erfüllenben und fein letztes Ziel bildenden Gott.

Nein, es wird uns enge in biefer umzirkelten Welt, in bie nichts hineinbringt von den unberechenbaren und unmeßbaren und unwägbaren Gewalten, die in un­serer Seele wie in bem Weltall treiben, unb nichts von den schaffenden Kräften, bie mit Naiurnotwenbigkeit aus bem Menschen brechen. Unb so wirb uns auch enge, wenn wir uns in die auf psychologischen, mühsam berechneten Formeln aufgebaute Dichtung Lessings be­geben Menschen lassen sich nicht konkurieren. Zugegeben, daß Lessing das äußerste geschaffen hat, was mit Hilfe der Berechnung möglich ist, — wir spüren die Kälte der Berechnung. „Emilia Galotti" — heutzutage nur noch ein Schulbeispiel, das an den höheren Schulen leider immer noch herhalten muß, um die „Gesetze des Dra­mas" zu erläutern. „Minna von Barnhelm" — das gelungenste der Dichtwerke Lessings, und deshalb auch heute noch nicht ohne Wirkung, weil es als Lustspiel das lieberspitzte der Situation wie der Charaktere am ehesten verträgt. Lessing ist einsichtig gewesen: „Ich fühle die lebendige Quelle nicht in mir, die' durch eigene Kraft in so reinen, so frischen Strahlen aufschließt; ich muß alles durch Druckwerk und Pumpen aus mir herauspressen."

Unb boch hätte Lessing in jenem Zeitalter nicht feh­len bürfen. Wenn seine Wirkung heute latent ist unb von bem Fortschritt der Zeit aufgezehrt, bamals war sie lebenbig unb hochbedeutsam. Lessing war. um ein Bild zu gebrauchen, ein mobilmachender General. Er prüfte und schützte bie Kräfte, entfernte unerbittlich bas Unbrauchbare, nahm die Parade ber Geister ab, stieß ins Dunkel, was bedeutungslos war, stellte Pläne und Richtlinien auf und rief die vorhandenen Kräfte auf den Plan. So ist er aus jener Zeit, in der sich bas Erwachen bes deutschen Geistes vorbereitete, nicht hin- weazudenken. Als Kritiker hat er die Uniform fein. Zeit­alters zwar nicht geändert, aber er hat das Unwesent­liche daran, den unechten Verputz, beseitigt und hat bas Wesentliche scharf herausgearbeitet. Unb gerade da­durch machte er den Blick derer frei, bie schon bereit standen, ganze Arbeit zu tun und neue Anschauungen anstelle der alten zu setzen. So wurde auch Lessing ein Wegbereiter des neuen Geistes, der mit der Romantik rote ein Frühlingssturm über das alternde Zeitalter kam. Und mir können auch an ihm wiederum die alte Wahr­heit feststellen: daß ein Geist mitunter ganz anderen Zielen dient als zu dienen er sich vorgenommen hat. Und dies ist nicht ber mindeste Beweis dafür, daß Weltgeschichte und Weltall rein rationalistisch nicht zu deuten sind.

Goethes Stellung zu Lessing.

Von Dr. Frhr. v. Maltzahn,

Assistent am Goethe-Nationalmuseum-Weimar.

Als Lessing 1781 starb, stand Goethe im 32. Lebensjahre. Der Dichter des Götz und des Werther genoß in der deut- schen gebildeten Welt eine Verehrung, wie sie ihm für keines seiner späteren Werke gezollt wurde. Lessing aber konnte diesem Beifall nicht zustimmen. Es ist nicht leicht für uns, solches Verhalten zu erklären. Zum Teil lag es an dem Altersunterschied der beiden Männer: genau wie Goethe später Werke der nach ihm gekom­menen Generation ablehnte, so konnte auch Lessing in den Schriften des Jüngeren nur das Auflösende und bas ben von ihm aufgestellten Gesetzen Wiberstrebende sehen. Zubem lebte er in dem Glauben, daß Goethe in falschem Geniewahn seine Schöpfungen mißachte. Erst in seinem letzten Lebensjahr erfuhr er, wie hoch man in Weimar feinen „Nathan" einschätzte. Und als ihm gar durch Fritz Jacobi ein Gedicht wie der „Promotheus" mitgeteilt wurde, da erkannte er, wieviel er in sittlicher Weltauf­fassung mit Goethe gemein hatte. Sicherlich Hütte er nur ein persönliches Zusammentreffen mit ihm begrüßt, unb es läßt sich nicht ausbenten, welche künstlerische unb menschliche Folgen daraus erwachsen wären. Für uns ist es schmerzlich zu wissen, daß eine solche Begegnung der Beiden nur durch den Tod Lessings verhindert wurde. In einem Brief Goethes an Frau von Stein heißt es nämlich: „Mir hätte nicht leicht etwas Fataleres begeg­nen können, als daß Lessing gestorben ist. Keine Vier­telstunde vorher, als die Nachricht kam, machte ich einen Plan, ihn zu besuchen." Unb an ßaoater schreibt er: „Ich hatte viel Freude an ihm, und viel Hoffnung auf ihn." — So tarn Goethe niemals mit Lessing in persönliche Be­rührung. Bereits als Leipziger Student hätte er dazu die beste Gelegenheit gehabt. Warum er sie nicht be­nutzte, erklärte der alte Dichter sich und uns in feiner Selbstbiographie: „Lessing traf zu einer Zeit ein, wo wir, ich weiß nicht was, im Kopf hatten: es beliebte uns, ihm nirgends zu Gefallen zu gehen, ja die Orte, wo er hin kam, zu vermeiden, wahrscheinlich weil wir uns zu gut büntten, von Ferne zu stehen, und keinen An­spruch zachen konnten, in ein näheres Verhältnis mit ihm zu gelangen. Diese augenblickliche Albernheit, die aber bei einer anmaßlichen und grillenhaften Jugend nichts Seltenes ist, bestrafte sich freilich in ber Folge,

einem wahrhaft schöpferischen Dramatiker wie Shake, speare trennte: „Es ist alles nur gedacht . . . Mit Halb­weg Menschenverstand kann man bas Warum oon jeder Szene, von jedem Wort macht ich sagen, auffinden."

Mit wahrer Begeisterung wurde „Minna von Barn- Helm" ausgenommen. In dem befreundeten Obermann- schen Hause spielte Goethe bei einer Aufführung selber den Wachtmeister. Den besonderen Reiz des Stückes, das so ganz aus seiner Zeit unb bem Leben bes Dichters her- aus geschaffen war, hat Goethe stark empfunden. Wäh­rend er selbst allen Aufregungen gern aus dem Wege ging, erklärte er sich Lessings Tätigkeit bei dem General Tauentzien im Siebenjährigen Krieg damit, daß er „ge­gen fein mächtig arbeitendes Innere stets ein gewaltiges Gegengewicht brauchte." — An künstlerisch gleich wert­voller Technik wußte er ben beiben Expositionsakten des Stücks nur den „Tartüffe" Molieres neben zu ordnen. Immer wieder betonte er, wie dieses Muster ihm felbst genutzt habe und wie gut es wäre, wenn auch andere Dichter sich dieses Lustspiel zum Vorbild nähmen.

Der Theaterdirektor Goethe lieh Lessings Stücke oft aufführen. Die Tagebucheinträge beweisen, wie ernst bie Arbeit an ben Proben genommen wurde, bei denen mit einzelnen Schauspielern sogar in Goethes Wohnung ihre Rollen durchgenommen wurden. Auch das bühnenfernste Drama „Nathan der Weise" hat Goethe seinem Publikum gebracht, um es daran zu erinnern, „daß es nicht nur be­rufen wird, um zu schauen, sondern auch um zu hören und zu vernehmen." Mit Stolz blickte er auf bie würdige Darstellung des Stückes, dessen Werk er für feinen „Tasso" zum Muster nimmt. Dem Dichter der Iphi­genie" mußte die Tendenz des Wert-s am Herzen lie­gen. So sagt er denn auch in feiner.: Aufsatz über das deutsche Theater: „Möge zugleich das darin ausgespro­chene göttliche Duldungs- unb Schonungsgefühl ber Na­tion heilig und wert bleiben."

Lessings Geist und Dichtertum hat Goethe also hoch geschätzt; am meisten aber hat er den großen Menschen geehrt. In „Dichtung und Wahrheit" spricht er davon, wie Lessing seine persönliche Würde gern wegwarf, weil er sich zutraute, sie jeden Augenblick wider ergreifen und aufnehmen zu können. Der „tapfere" Lessing, wie Gott­fried Keller ihn nennt, hat sich wohl die Gegner oft mit Mutwillen gefaßt unb sie mit allen Mitteln bekämpft, bie ihm seine geistige Ueberlegenheit gab. Aber welch ein Unterschied zwischen diesem deutschen Menschen und etwa einem Voltaire! Bewundernd sagt Goethe hierüber zu Eckermann: „Ein Mann wie Lessing täte uns not. Denn wodurch ist dieser so groß als durch seinen Charakter, durch sein Festhalten! — So kluge, so gebildete Menschen gibt es viele, aber wo ist ein solcher Charakter! — Viele sind geistreich genug und voller Kenntnisse, allein sie sind zugleich voller Eitelkeit, unb um sich von der kurzsichtigen Masse als witzige Köpfe bewundern zu lassen, haben sie keine Scham und Scheu und ist ihnen nichts heilig."

Lessings Sti(.

Die äußerlich „der lebhaften unb glänzenden Schärfe der Franzosen" ähnelnde Lessingsche Stilart war ihrem innersten Wesen nach kerndeutsch. „Solange Deutsch geschrieben ist", sagte Herder einmal, „hat, dünkt mich, niemand wie Lessing Deutsch geschrieben.". Wie bilder­reich, plastisch und überzeugend ist beispielsweise Les-

Das Geburl-chaus Lessings in kamen;.

indem ich diesen so vorzüglichen und von mir aufs höchste geschätzten Mann niemals mit Augen gesehen."

Die Züge von Lessings Antlitz waren Goethe natür­lich durch manchen Kupferstich bekannt. Wir wissen aber auch, daß er lange Zeit das Oelbild Mays aus Gleims Freundschaftstempel zu Halberstadt entliehen und über feinen eigenen Schreibtisch gehängt hatte. Auch einen Abguß ber Totenmaske Lessings wußte Goethe sich zu besorgen; bies Erinerungsstück finbet sich noch jetzt im Weimarer Goethehaus.

Diese Zeugnisse ber Verehrung werden nun durch schriftliche Steuerungen ergänzt. In einem längeren Aufsatz würdigte ber Dichter feinen großen Vorgänger und Bahnbrecher allerdings nicht. Vielleicht fand er dazu fein ganzes Leben hindurch Lessings Werk mit sich selbst und seinen eigenen Werken.untrennbar verbunden, um

Das Todeshaus Lessings in Braunschweig.

es losgelöst barftellen zu können. Als er einmal die Menschen bezeichnen wollte, deren Wirken für ihn „von Bedeutung" war, stellte er Lessings Namen neben die von Winkelmann und Kant. Und ein anderes Mal erklärte er Eckermann, warum man Lessing mit Recht „den hohen Titel eines Genies" geben müsse: wegen seiner produktiv fortwirkenden Kraft.

Diese Größe Lessings erkannte schon der Student Goethe. Am 14. Februar 1769 schrieb er an seinen Zei­chenlehrer Defer: „Lessing! Lessing! wenn er nicht Les­sing wäre, ich möchte was sagen. Schreiben mag ich nicht wider ihn (obwohl er ihm einen Irrtum nachweisen konnte) ... Er ist ein Phänomen von Geist, und im Grunde sind diese Erscheinungen in Deutschland selten. Wer ihm nicht alles glauben will, der ist nicht gezwungen, nur widerlegt ihn nicht. Voltaire hat bem Shakespeare keinen Tort tun können, kein kleinerer Geist wirb einen größeren überminben."

Auch bei Einzelheiten im Laokoon war Goethe an­derer Ansicht. Die damals berühmte Frage, warum der