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Samstag, vcn 19. Januar 1929. V-Ä G V vG w V

will Indien frei fein?

Don Dr. Alpha ns Nobel.

Die englische Presse beschwert sich recht bitter Über uns. Wir ständen feindselig gegen England, berichteten gehässige Dinge über das britische Welt, reich und vertreten über die Lage in Indien, China und anderen englischen Interessensphären sonderbare Ansichten. Die Zeitungen seien voll tendenziöser Lügen über die Tätigkeit der Eng­länder. Dinge, die uns nicht paßten, verschwiegen wir; zum Beispiel hätten wir kaum Notiz von der Rettung deutscher Frauen und Kinder aus der afghanischen Hauptstadt Kabul durch britische Mili. tärflugzeuge genommen. Kurz und gut: wir mach­ten in Tendenz.

Das ist nicht ganz wahr und nicht ganz falsch. Immerhin ist die E n g l a n d f e i n d l i ch k e i l sehr vieler deutscher Zeitungen eine merkwürdige Tatsache, lieber die orientalischen Verhältnisse kann man in der Tat manchmal selbst in den an­gesehensten Organen wunderliche Meinungen lesen. Es gibt Bücher, die ernst genommen zu werden beanspruchen und über Indien sehr verfehlte Ur­teile enthalten, wofür das Beweismaterial aus — bolschewistischen Agitationsschriften ■ stammt Ueberhaupt begehen wir in unserem außenpoliti­schen Schrifttum den Fehler, das bolschewistische Propagandageschwäß so wichtig zu nehmen, wie lächerlich es wir auch in bezug auf die Verhältnisse in unserer Heimat erachten.

Wenn man zum Beispiel der deutschen öffent­lichen Meinung, wie sie zumeist zum Ausdruck kommt, glauben dürfte, so täten die Engländer in Indien ununterbrochen furchtbares Unrecht. Den Indern würde ihre Selbstverwaltung vorenthalten; man müßte ihnen die Freiheit geben, was die

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Kronprinz Gustav von Schweden

ist zum Besuch der Ostasiatischen Ausstellung in Berlin eingetroffen und wird mehr als eine Woche in der Reichshauptstadt verweilen. Kronprinz Gustav, der älteste Sohn König Gustav V., ist 46 Jahre alt. Aus seiner ersten, im Jahre 1905 ge- schlossenen Ehe mit der 1920 verstorbenen Prinzes­sin Margarete von England, einer Enkelin der Kö­nigin Viktoria von England, entstammen vier Söhne und eine Tochter. In zweiter Ehe ist der Kronprinz mit der Prinzessin Luise Battenberg- Mountbatten vermählt.

Engländer aber nicht tun würden, weil sie hab­süchtig, grausam und verrucht seien.

In Wirklichkeit verhallen sich die indischen Dinge wesentlich anders; vor allen Dingen liegen sie komplizierter. Um die Jahreswende tagten in Britifch-Indien die drei großen Partei­gruppen des Landes; macht man sich die Mühe, ihre Reden und Resolutionen durchzuarbeiten (ich möchte es keinem Leser raten), so steht man über­wältigt vor der Vielheit der Meinungen. Soweit es möglich ist. Verworrenes zu entwirren, will ich im folgenden versuchen, die einzelnen Thesen her­auszuarbeiten.

Der Leser erschrecke nicht: es sind ihrer zu min­destens sechs. Denn jede der drei großen indischen Parteien (von den kleinen zu schweigen) ist in sich gespalten. Rechnet man auch die politischen Ziele der Engländer betreffs Indien hinzu, so werden es ach t Grundthesen, denn natürlich find' auch die Engländer nicht einig. Wie dürfte man aber die Engländer übersehen, welche doch die Macht in den Händen haben!

Die Partei, welche am meisten von sich reden macht und sich Kongreßpartei nennt, tagte in Kalkutta. Ghandi war dort und die an­deren S w a r a d s ch i st e n, die Radikalen wie (der freilich praktisch einflußlose, aber in Deutsch­land desto bekanntere) Mtchammed Ali und Jyen- gar, die k o m m u n i st i s ch angehauchten Hindu, die nationalistischen Mohammedaner, wie schließlich der parlamentarische Flügel unter der Führung des berühmten Pandit (d. h. soviel wie Schriftgelehrter) Motilal Nehm. Ich erin­nere mich an diesen Motital Nehm sehr genau; ich sah ihn einmal im Parlament von Dehli; er ärgerte sich über den Innenminister und wollte mit der Faust auf den Tisch hauen, aber die Faust war nur geballt und in schöner Selbstbeherrschung blieb sie, dicht über der Tischplatte, in der Luft bangen und aus dem Faustschlag wurde eine leere schwächliche Gebärde des Protestes. Ich erzähle das nicht, um Dotilal Nehru herab,zu sehen, son­dern weil es durchaus seinen politischen Charakter kennzeichnet und nicht nur feinen, sondern auco den seiner Partei. Die aus der swardschistischen entstandene Kongreßpartei ist die weitaus stärkste des indischen Parlaments. Wenn man sie so hört, hält man sie und ihre Führer für furchtbar radi­kal. In Wirklichkeit haben sie Angst vor ihrer eigenen Courage und wünschen gar nicht die Un­abhängigkeit für Indien, sondern den sogenannten Dominion-Status. Das will sagen, daß auch nach der Meinung dieser Inder an der Spike des Landes ein vom englischen König ernannter Gouverneur stehen soll, der nicht nur den mi­litärischen Oberbefehl, sondern auch ein Vetorecht in allen staatspolitischen Angelegenheiten haben soll. Das ist der wesentliche Inhalt des sog. Nehru- planes, der im letzten Sommer auf einer sog. „Konferenz aller Parteien" in Lucknow angenom- uen wurde. Der Staatsplan Nehrus verlangt all­gemeines Wahlrecht, parlamentarische Regierung und Unterstellung der eingeborenen Staaten unter diese parlamentarische Zentralregierung. In den Provinzen soll die Provinzialverwaltung ebenso aufgebaut fein, fußend auf allgemeinem Wahl­recht, eine parlamentarische Regierung, daneben bezw. darüber aber in jeder Provinz ein vom eng­lischen König zu ernennender Gouverneur. Wie man sieht, hält der Nehru-Entwurf an der staats­rechtlichen Verbindung mit England unbedingt fest und betrachtet Indien auch zukünftig als Teil des britischen Weltreichs.

Das ist These eins. Hinter ihr steht die Mehr­heit der größten indischen Partei. Eine M t n-

Zeitung

derheit dieser Kongreßpartei, die aber ihrerseits wieder aus allen möglichen Richtungen (darunter Kommunisten) besteht, verlangt dagegen völlige Unabhängigkeit Indiens. Zu dieser Minderheit gehört bezeichnenderweise der Sohn Motilal Nehms, welcher Kommunist ist. Er denkt sich natürlich ein bolschewistisches Indien in An­lehnung an Rußland. Ghandi steht vermittelnd zwischen all diesen Gruppen, neigt aber zu den Ra­dikalen. Auf der andern Seite versucht auch die angelsächsische Theosophin, Annie Besant. welche immer noch eine große Rolle in Indien spielt, zu vermitteln. Sie neigt jedoch zur ge­mäßigten Richtung Nehms.

Nun muß daran erinnert werden, daß Indien unter seinen 300 Millionen Menschen (vielleicht sind es auch heute schon 350 Millionen) 70 oder 80 Millionen Mohammedaner zählt. Diese Mohammedaner, fast überall in der Minderheit, Haden in vergangenen Jahrhunderten Indien be­herrscht. Mit Recht fürchten sie in einem der eng­lischen Macht entzogenen Indien von der hinduisti­schen Mehrheit vergewaltigt zu werden. Sie ha­ben sich daher ebenso politisch zusammen geschlos­sen, und die allindische Moslemkonferenz in Delhi war die zweite der um die Jahreswende veranstal­teten Parteitagungen. Auch hier debattierte man um die zukünftige staatspolitiche Gestaltung In­diens. Die Ansicht der Minderheit, um mit dieser zu beginnen, war etwa fo'gende: Man solle sich mit der von hinduistischen Führern' regierten Kongreßpartei zusammen tun und versuchen mit Bandst v'-v -i •• -:r -< t»-.—nrmnft ?u «rtV'—en. Pandit Nehru soll die Rechte der moslemischen Minderheiten garantieren und dann sollten die Mohammedaner Indiens feine politischen Ziele unterstützen.

Anders und bedächtiger die Mehrheit der Mohammedaner. Sie verlangt: islamische Regie­rungen in den Landestellen, in welchen die Mo­hammedaner in der Mehrheit sind. Sie verlangt ferner die Garantie von dem dritten Teil aller Sitze in dem zentralindischen P ar- l a m e n t wie in der zentra 1 indischen R e- g i e r u n g, wie auch in den Provinzen, wo die Mohammedaner in der Minderheit sind. Dieser Teil der Mohammedaner Indiens weiß sehr wohl, daß um dieses durch,Zusehen, man auf den Schutz und die Hilfe der Engländer angewiesen ist.

Die Liberalen waren die dritte Partei, welche eine Neujahrstagung abhielten. Die „all- indische liberale Federation" hatte ihre 200 Dele­gierten nach Allahabad geladen. Die älteren Füh­rer der Liberalen, zu denen vor allem ihr Präsi­dent Sir Chimanlal Setalvad gehört, empfahlen große Vorsicht gegenüber den Bestre­bungen der Kongreßpartei. Auf dem Kongreß in Kalkutta seien auch die Ideologen gewesen, welche die vollständige Unabhängigkeit Indiens verlang­ten, also einer Idee nachjagten, die Indien ins Verderben stürzen müssen (denn was sei Indien ohne das britische Weltreick!) und diese radikale Minderheit werde alle gemäßigten Pläne Nehrus zuschanden machen.

Die jüngere Generation der Liberalen da­gegen, und sie scheint in der Minderheit zu sein, ist für den Nehru-Entwurf unter Voraussetzung gewisser Aenderungen zu haben. Jedenfalls ver­langt sie, daß England Indien den Dominion Sta­tus verleihe. Aber auch die jungen Liberalen wol­len, daß die Zentralregierung nicht ganz ptrlamentarifch aufgezogen wurde, und daß vor allem zunächst Außenpolitik und Heeres-

3. Blatt.

Druck der Fuldaer Aclteudruckerel, Fulda

wesen von der Kontrolle des Parlamentes aus­geschlossen blieben.

Das sind kurz skizziert die sechs Thesen der drei indischen Parteien, welche mit den augenblicklichen Verhältnissen unzufrieden sind. Ihnen sekuttdiert ein Teil der Engländer, vor allen Singen eng­lische Politiker in der Arbeiterpartei und vielleicht auch noch einige Liberale. Sie weisen darauf hin, daß all diese Parteien sick im Boykott der Simon- Kommission einig waren und meinen, daß Eng­land sehr schnell die indische Selbverwaltung aus- bauen solle. Es sei an der Zeit, wenigstens die Provinzialverwa st ungen ganz in in­dische Hände zu geben und dem zentralindischen Parlamente eine Kontrolle über die Finanzpoli­tik einzuräumen.

Welche Entscheidung die offizielle englische Po­litik treffen wird, steht dahin. Vom Bericht der S i m o n - K o m m i s s i on, der im nächsten Herbst erwartet wird, dürfte die endgültige Beschlußnahme abhängen. Der größte Teil der Konservati»

Der Heilsarmee-Genera! vooth„

William Dramevell Boolh, der greife General der Heilsarmee, rou:'Oe_Dont „Hohen Rat der Heilsarmee" mit 55 gegen 8 Stirn- men abgefetzt, da sein schwacher Gesundheitszuftmd ihm die Möglichkeit genommen hat, das Amt des Führers zu versehen. General Booth ist 73 Jahre alt. Seit Bestehen der von seinem Vater 1878 be­gründeten Heilsarmee ist er Mitglied dieser in der ganzen Welt verbreiteten, militärisch organisierten, religiösen und wohltätigen Gemeinschaft. Von 1880 bis 1912 hat er den Posten eines General­stabschefs, feit 1912 das Amt des Generals befiel* bet.

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Anstelle ders abaesetzten Generals Bromwell Booth ist Kommissar H i g g.i n s, einer der höchsten Beamten der Heilsarmee, vom Hohen Rat zum zeitweiligen Führer erwählt worden. Wie verlau­tet, wird General Booth es dem Hohen Rat über­lassen, gerichtliche Schritte zu unternehmen, um das bewegliche und unbewegliche Vermögen zu er­langen, das die Heilsarmee in England, Frankreich und Australien besitzt und das General Booth auf testamentarische Verfügung seines Vaters, des Gründers der Heilsarmee, als Treuhänder verwal­tet. Der Wert dieses Besitzes wird auf 36 Millio­nen geschätzt.

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Treue Herzen.

Roman von Marie Darling.

18] ----

Sie lüfjt der alten Dame ehrerbietig die Hand, die ihr diese mit einem lieben, herzlichen Lächeln entgegen» streckt, dann geht sie an Rogers Arm davon.

Sie fühlt sich so glücklich heute, da könne ndie nei­dischen Worte einer alten Frau und die kleinen Boshei­ten Frau Ellinors ihre Freude nicht stören.

Als Frau Ellinor Roger später einen Augnblick allein trifft, tritt sie mit zornfunkelnden Augen zu ihm. „War- um mußte ich die kleine Giftkröte einladen, Roger? War­um überhaupt dulden, daß Sie dieselbe zu mir brachten? Leute ihres Schlages gehören nicht hierher, sie sind zu dreist und ohne jeden gesellschaftlichen Schliss!"

„Ei, ei, Frau Ellinor, Sie vergessen ganz, daß auch ich zu den Leuten ihres Schlages gehöre und Sandor Po­korny wohl auch. Sie sind in der letzten Zeit entschieden schlechter Laune, liebe Freundin, da ist es wohl besser, wenn ich Ihren Salon meide, bis Ihre Meinung über mich sich gebessert hat."

„Roger, warum quälen Sie mich? Sie wissen, daß ich keinen Menschen mehr achte und liebe als Sie. War­um machen Sie nun diesem fremden, unbedeutenden Mädchen den Hof? Warum lassen Sie solch ein Heide- blümchen zwischen uns treten? Früher war es doch an­ders."

„3m mache niemandem den Hof! Fräulein Vollmer Ist mir eine liebe und geschätzte Kollegin, und ich versuche lediglich, dem landfremden Kinde ein paar angenehme Stunden zu verschaffen. Daß ich das harmlose, uner­fahrene Kind vor den Schlangenbissen böser Giftzungen zu schützen suche, kann mir wohl kaum zur Last gelegt werden."

.Lmmer diese glatte, kalte Ironie. Sind Sie denn gar keiner warmen ßeibenfSjaft fähig?", flammt die schöne Frau auf.

„Ob ich einer warmen Leidenschaft fähig bin oder nicht, das kommt hier doch gar nicht in Betracht. Die Hauptsache ist doch wohl, daß man sich so beherrschen kann, daß nicht ein jeder einen Einblick in unser unbe­wachtes Herz erhält."

„Ist dieses Herz denn wirklich vorhanden? Oft be­zweifle ich, ob Sie überhaupt eins besitzen."

„Bezweifeln Sie das immer' liebe Freundin, es ist für uns beide besser. Je w wir von dem Vor­handensein dieses Körperteils , umso besser."

„Rein!", flammt Frau Ellinor auf, „herzlose Men­schen sind entsetzlich! Eines muh man können: entweder ehrlich, lieben, oder ehrlich hassen."

„3a, ehrlich ,da haben Sie recht, Frau Ellinor. Be­tonen Sie das kleine Wort ehrlich nur ganz besonders. Eine ehrliche, große Liebe, die nicht das ihre sucht, eine Liebe, die glücklich ist im Glück des andern, eine solche Liebe ist groß und erhaben; sie hebt uns über uns selbst hinaus. Selbst ein ehrlicher Haß ist schön, denn auch im Haß kann sich die Größe einer Menschenseele offenbaren. Was hier aber Siebe genannt wird, diese sinnberauschende Leidenschaft, ach, sie hat ja mit der reinen Gottesflamme nichts gemein, nicht einmal den Namen sollte sie füh­ren dürfen, diese sündige Leidenschaft."

„Wie schön Sie sprechen können, Roger! Wenn man Sie hört, möchte man selbst ganz gut und fromm wer­den."

Sie blickt in ehrlicher Bewunderung in fein Gesicht, auf dem für einen Augenblick das warme Leuchten liegt, das Ellinor so sehr für sich ersehnt hat. Doch nicht ihr gilt dieser warme Blick, sondern wohl einer fernen, fer­nen Erinnerung, jener 3ugenbtorfjeit vielleicht, die ihn zum kalten, spottenden Mann gemacht und die doch in seiner Erinnerung so groß und schön dastehen muß.

Ellinor begreift den Freund nicht, sie kann ihn nicht begreifen. Sie kennt ja auch die Liebe nicht, die nicht sich selbst sucht, die opferfreudig das eigene Glück im Glücke des Geliebten findet.

Von der nahen Kathedrale hallt die Mitternachtsstunde, zwölf laute, eherne Schläge.

Schnell wird es still in Frau Ellinors Räumen; man öffnet ö>e Fenster weit, um die verhallenden Töne hören zu können. Ein fternenbefäter Himmel blickt durch die offenen tfenfter herein in die lichtüberfluteten Räume, wie ein reines Kinderauge in die Zauberlande schöner Märchen.

Von allen Kirchen der Stadt hallen jetzt die Mitter­nachtsklänge, Glocken läuten, Böller krachen, strahlende Menfchenaugen blicken sich an.

। „Ein fröhliches, ein gesegnetes neues Jahr!"

Tausende und Abertausende von Menschenlippen ju­beln den Wunsch zu dieser Stunde, ohne sich viel dabei zu denken. Andere sprechen ihn ernst und innnig nicht nur mit den Lippen, sondern auch mit dem Herzen, wie­der andere mit zuckendem Mund, der von heimlichen Tränen zeugt, mit Augen, die im verflossenen Jahr das Lachen verlernten und die doch auch wieder froh und glücklich werden möchten.

Ja, wieviel, wie unendlich viel Sehnen, Hoffen und Fürchten umschließen die wenigen Worte.

In Frau Ellinors Räumen jubeln die Geigen wieder, Gläser klirren keile zusammen, strahlende Augen blitzen.

Schäumender Sekt perlt in den hohen, feingeschlif­fenen Kelchen, Überschäumend wie der junge Lebensmut.

Zur schönen Hausfrau tritt ein jeder mit frisch ge­fülltem Glase. Ach, wenn all die schönen Worte in Er­füllung gehen wollten ,die heute ihr Ohr umschmeicheln — Kummer, Sorge und Trübsinn hätten ganz gewiß kei­nen Platz in diesen Räumen.

Auch Sandor Pokorny ist mit seinem funkelnden Glas zu Frau Ellinor getreten; mit einem faszinierenden Blick .feiner dunklen Augen hält er ihr das Glas entgegen.

„Auf alles, was wir lieben und auf treue, ergebene Freundschaft im neuen Jahre!"

Hell klingen die Gläser zusammen, doch war der Stoß zu heftig oder hat Frau Ellinors Hand gebebt? Sie weiß es nicht, aber sie blickt beinahe entgeistert, als das Glas klirrend zu Boden fällt und der edle Rebensaft das helle Muster des Teppichs dunkel färbt.

„Scherben bedeuten Glück, Schöne Freundin!", lacht Sandor Pokorny, „wir werden sie festzuhalten suchen in diesem neuen Jahr, die launenhafte Glücksgöttin!!"

8.

Die Spielzeit ist beinahe zu Ende. Elvira hat ihre erste Saison hinter sich. Roger und auch Pokorny sind noch für ein Jahr kontraktlich an die M.'sche Bühne ge- bunben, auch Elivira hat ihren neuen Kontrakt in der Tasche. Sie fühlt sich überglücklich, sie möchte mit keinem Menschen tauschen.

3n den letzten Wochen war es ziemlich ruhig in W. Seit dem Fasching ist Frau Ellinor verreist.

Roger und Elvira waren nur noch einmal zusammen in der Gartenstraße, auch Sandor Pokorny war geladen.

Es war ein Kostümfest, das Frau Ellinor arrangiert hatte ,ganz im intimen Kreis ,wie sie betonte. Man hatte getanzt in wunderbaren Kostümen, Frau Ellinor war als Nixe, wie immer, die Schönste von allen.

Elvira war auf Rügers Wunsch als Heideblümchen erschienen, allerliebst ick dem roten Sammetröckchen mit dem zartlila Mieder. Dennoch hatten weder sie noch Ro­ger sich besonders amüsiert. Frau Ellinor, die nur Augen und Ohren für den als Zigeuner kostümierten Sandor zu haben schien, hatte Elvira durch verschiedene anzügliche Worte tief verletzt. So schloß sie sich dann Roger an, der frühzeitig weg ging, weil ihn das ganze sinnlose Treiben anwiderte. Er war auch der einzige, der im Gesellschafts­anzug gekommen war, er hatte sich nicht entschließen kön­nen, einen Maskenanzug zu tragen.

„Ich muß das zu meinem Leidwesen oft genug auf der Bühne tun", hatte er lächelnd zu Elvira gesagt. El­vira hatte sich eigentlich sehr auf das ihr ungewohnte Ge­ben und Treiben gefreut, Ellinors Benehmen aber hatte ihr alle Freude genommen und sie zur Flucht getrieben.

„Bei Frau Ellinor ist es nicht mehr schön, seit die Feste in ihrem Salon auf Menschen wie Pokorny ge­stimmt sind!!", hatte Roger beim Nachhausegehen gesagt. „Solch indolente Menschen gefallen mir nicht, Pokorny hat dazu noch eine so katzenartige, falsche Natur; er widert mich an. Ich werde Frau Ellinors Feste vorläufig nicht mehr besuchen."

Roger konnte diesem Vorsatz gut treu bleiben, denn schon ein paar Tage nach dem Feste war Frau Ellinor abgereift.

Elvira, die gar bald zum Liebling des Publikums ge­worden war, erhielt wohl noch manche Einladung, doch hielt sie sich sehr zurück, ohne Roger machten ihr die Feste keine Freude und dieser verkehrte seltsamerweise nur bei Frau Ellinor.

Elvira mußte in letzter Zit mehr und mehr an den Vatre denken. Seine Briese atmeten immer noch die alte Siebe und Sorge, aber es lag ein Hauch von Schwer­mut über denselben, die unausgesprochene Sehnsucht nach seinem Kinde.

„Ich freue mich, daß die Saison zu Ende geht", be> merkte sie nach der Vorstellung zu Roger, „ich weiß nicht, wie es kommt, aber ich sehne mich namenlos nach dem Vater."