FuldaerZertung
Anzeiger für die Stadt Julda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatk.
Nr. 13.
Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatl. 1,80 einschl. Postgeb. (30 bezw. 48 Pf.), ohne Zustellg
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Januar 1929
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200 Millionen Mark Reichsgarantien
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Wie der Demokratische Zeitungsdienst mitteilt, wird im Reichshaushaltsplan für 1929 die Reichsregierung rund 200 Millionen Mark für Reichsgarantien anfordern, von denen 175 Millionen Mark zur Förderung des Exportshandels und 22 Millionen Mark der Förderung des Absatzes von Vieh und Fleisch dienen sollen. D,ie bereits erteilten Ermächtigungen über Garantien sollen bestehen bleiben.
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VDZ. Berlin, 15. Ian. (Eig. Funkm.) Dec Haushaltsausschuß des Reichstages begann die Beratungen über den Nachtragsetat für 1928, dec gleichzeitig auch der Personaletat des Reiches für" 1929 sein soll. Abg. Graf Westarp (Nn.) führt aus, es müsse zunächst klar gestellt werden, wie sich die Regierung und die Regierungsparteien die Weiterbehandlung des Hauptetats dächten, insbesondere, ob der Herr Finanzministec wirklich noch die Verabschiedung des Etats und der Steuergesetze zum 1. April für möglich halte Auch müsse man erfahren, wer denn eigentlich für den Nachtrag-, Personal- und Hauptetat ,sowie für dessen steuerliche Deckung die Verantwortung übernehme und sie zu vertreten gedenke, da die Fraktionen, deren Mitglieder das Kabinett bilden, sich
jede Opposition und Agitation vorbehielten. Seine Freunde hätten keine Veranlassung, ein derartiges Verfahren auch nur mittelbar zu unterstützen. Dis Lage sei durch den Bericht des Reparationsagenten erschwert, der dringend der Widerlegung bedürfe, zumal der Reparationsagent mit besonderem Nachdruck auf Besoldung und Pensionen Hinweise.
Handwerk und Reparation.
In Verbindung mit der Wiederaufnahme der parlamentarischen Arbeit beabsichtigt die Gruppe der Handwerkerbünde im Einvernehmen mit dem Reichsverband des deutschen Handwerks in den Tagen vom 10. bis 28. Februar in allen ihren Bezirken einheitliche Kundgebungen zu veranstalten. Diese werden unter den Grundgedanken „F ü r E r- haltungundFreiheitdesHandwerks" gestellt werden und sollen der Besprechung der gegenwärtigen wirtschaftlichen Lage und ihrer Beeinflussung durch die zukünftige Gesetzgebung dienen. Die Darstellung des Reparrationsagenten über die Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft macht zudem eine eingehende Aufklärung der Oef- fentlichkeit über die tatsächlichen Verhältnisse im gewerblichen Mittelstand notwendig.
Die üeparatioiiskonserenz.
Nachdem nunmehr auch die Sachverständigen der Vereinigten Staaten für die Reparationskonferenz feststehen, sind alle Vorarbeiten für.ihren Zusammentritt nunmehr abgeschlossen. Es lohnt sich vielleicht, die Entwicklung seit dem 16. September, wo die neue Reparationskonferenz durch einen Beschluß der beteiligten Genfer Ratsmächte geplant worden ist, noch einmal kurz zu rekapitulieren. Die weitere Initiative nach jenem Beschluß voni 16. September ist formell von Deutschland ausgegangen. Das Berliner Kabinett schickte am 30. Oktober an die Kabinette in London, Paris, Brüssel, Rom und Tokio ein Memorandum, in welchem es im einzelnen ausführte, wie es sich die Beschaffenheit des neuen Reparationsausschussss vorstelle. Das Berliner Kabinett wünschte dabei, daß die Sachverständigen völlig unabhängig von ihren Regierungen sein sollten. Die erste Wirkung dieses deutschen Schrittes war ein lebhafter Meinungsaustausch zwischen den Kabinetten in London und Brüssel, von dem dann der deutschen Regierung Mitteilung gemacht worden ist. Diese Memoranden sind bisher der Oeffentlichkeit noch nicht bekannt gegeben worden, doch darf man annehmen, daß sie ungefähr die Forderungen abgrenzen, die die daran beteiligten Staaten für sich glauben stellen zu müssen. Daraufhin hat die Deutsche Reichsregierung ihrerseits in einer Antwort ihren Standpunkt näher präzisiert. Er wird mit dem übereinstimmen, was der Reichsaußenminister Dr. Stresemann am 19. November im Reichstage aus- gesiihrt hat. Dort hob er hervor, daß für Deutschland nur ein solcher Lösungsversuch der Reparationsfragen von Wert fein könne, der die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Deutschlands als Ausgangsbafis an- nebme. Außerdem behielt sich Stresemann die Entschließungssreiheit seines Kabinetts gegenüber den Ergebnissen der Sachverständigenkonferenz vor. Zwischen Berlin und Paris sind dann die Besprechungen in einem engeren diplomatischen Rahmen weiter geführt worden, bis am 22. Dezember eine offizielle Mitteilung über die endgültige Einigung aller Reparationsmächte veröffentlicht morden ist, die die Einberufung des Sach- verftändigenausfcbuffes betraf. In dieser Eni- gungsformel wird gesagt, daß das Urteil der Sachverständigen für ihre Regierungen unverbindlich bleiben solle, daß der Sachverständigenausschuß den Auftrag bekomme, eine vollständige und endgültige Regelung des Reparationsproblems ausfindig zu machen, und daß die Endregelung alle überhaupt für Deutschland bestehenden Zahlungsverpflichtungen umfassen solle. Der weitere Teil des Einigungskommuniquees betraf die Rolle der Repacationskommifsion, die selber an der Ausarbeitung des Reparationsgutachtens nicht beteiligt werden soll. Die Ernennung der amerikanischen Mtiglieder erfolgt auf Grund einer Zustimmung der Washingtoner Regierung gemeinsam durch die Reparationskommission und das Reichskabinett. Jedes Land wird durch zwei Vertreter an den Reparationsarbeiten beteiligt fein, die demnächst in Paris beginnen werden.
Wir Deutsche werden gut daran tun, wenn wir von den Arbeiten des Sachverständigenausschufses keine Wunderdinge erwarten. Was von Seiten unserer Reparationsgläubiger nach wie vor an A^^'chngen öffentlich ausgestellt wird, wie auch
-Nelnungsäußerungen der wirtschaftlichen Sach- aui der Ententeseite, alles das ge- wahrt wenig Hoffnung auf eine Erleichterung der bestehenden deutschen Zahlungsverpflichtungen. Die Fci)t jur die deutschen Reparationsleistungen ist durch eme Bestimmung des Versailler Vertrages s^9^M,,aber der Termin, der dort für die deutsche r .gegeben ist, ist in gewisser Hin-
|td;t durch das Darve-zabkommen durchbrochen mor-- ren. ^rnmermn wird jene Terminbestimmung für Die deutsche ^p"^tionspolitik ein Anhaltspunkt fern, der das .Naximum der deutschen Leistungen begrenzt. Man nimmt an. daß vielleicht erreicht werden kann, uaß die deutschen Jahresleistungen herabgesetzt dafür aber die Annuitäten der Zahl nach entsprechend vermehrt werden Man geht dabei von der Voraussetzung aus, für die jene Bestimmung des Versailler Vertraaes die Handhabe bietet, daß die jetzigen Jahreszahlungen von 2% Milliarden Mark auf eine Leiftungsverpflichtunq von 30 Jahren berechnet sind. Bekanntlich find die Zahlungsverpflichtungen Frankreichs an Eng- lc.nd und Amerika wie auch Italiens und Englands nn Amerika auf eine Frist von 62 Jahren verteilt. Es ist nicht ausgefchloffen, daß Deutschland eine solche Streckung seiner Verpflichtung erreichen kann. Das wäre 'chon viel. Aber wie gesagt; es tändelt sich hier lediglich um Vermutungen, für die bestimmte Anhaltspunkte noch fehlen. Eine weitere Frage dürste bann die der Kommerzialisierung der deutschen Reparationsschuld dorstellen, das ist die Frage, an der im eigentlichen Sinne die amerikanische Bankwelt interessiert ist, für die eine solche Kommerzialisierung natürlich der Beginn eines Großgeschäftes bedeuten würde. Die öffent- liche deutsche Schuld würde damit mehr privaten Eharokter bekommen, sie würde aus der Sphäre politischer Auseinandersetzungen und Komplikationen in etwa heraus treten. Hier ist auch der Punkt, wo die Frage des Transferschutzss wesentlich hin- cinspielt.
Wenn man die ausländischen Pressestimmen cer'olgt, dann ist für sie die Frage der deutschen Leistuugsfäh'.aleit augenscheinlich bereits längst beantwortet. Sie wird gar nicht ernsthaft diskutiert, man ist sich übera'l einig darüber, daß Deutschland auch Annuitäten von 2K Milliarden beauem zahlen kann In Widerspruch mit dieser optimistischen Auffassung von der Prosperität des deutschen Wirtschaftslebens steht nun die Tatsache, daß das I
Mittwoch, 16.
Geld, das Deutschland im Ausland sucht, so furchtbar teuer ist. Wir haben große Zweifel, daß es billiger werden würde, wenn die Arbeiten der Re- parationskonferenz vielleicht zu einem positiven Abschluß gelangt sein werden.
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Obwohl in Washington noch nn keiner Stelle eine Bestätigung der Ernennung Oven Poungs und Pierpont Morgans zu Sachverständigen für die Reparationskonferenz und Perkins als Ersatzmann zu erhalten war, wird die gemeldete Ernennung Morgans allgemein als ein bedeutsamer Beitrag zur Lösung des Reparationsproblems bezeichnet, wobei namentlich auf Morgans Prestige in Europa bingeroiefen wird. Im klebrigen begnügen sich die Blätter einstweilen mit zum Teil sehr widerspruchsvollen Kombinationen.
Herald und Tribüne sagt, Morgan werde" voraussichtlich die Finanzierung der Reparationsverpflichtungen durch den amerikanischen Verkauf deutscher Obligationen verhindern, meldet aber gleichzeitig aus Washington, die Tatsache, daß der Chef der John Pierpont Morgan Compani) den bedeutsamen Posten eines technischen Beraters der Reparationskonferenz einnehmen werde, werde die amerikanische Emission der geplanten Reparations- Obligationen erleichtern. Auch die Times hebt diesen Umstand hervor.
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wtb. Paris, 15. Januar. (Eig. Funkm.) Wie „New York Herald" aus Washington berichtet, liegt das Hauptinteresse an der Ernennung Morgans zum amerikanischen Sachverständigen bei den Reparationsverhandlungen für Amerika darin, daß Morgan die Sachverständigen, die offiziell Deutschland und die alliierten Regierungen vertreten, davon überzeugen müsse, daß sie einen Plan für die Auflegung eines bedeutenden Teiles deutscher Reparationsobligationen vorlegen müßten, der den Bedingungen des amerikanischen Marktes entspreche und daß dieser Plan, um Annahme zu finden, auch eine gewisse Anzahl von Garantien vorsehen müsse. Morgan sei insbesondere der geeignete Mann, sie davon zu überzeugen, daß jeder Plan eine durchgreifende Aenderung erfahren müsse, der daraus abziele, etwa eine oder zwei Milliarden Dollar aus dem amerikanischen Markt unterzubringen. Morgan werde den Sachverständigen zeigen, weshalb die amerikanischen Bankiers den Versuch „für die kommende Zeit weder für durchführbar noch für wünschenswert" erachten. „New York öeralb" stellt im übrigen fest, daß man in französischen offiziellen Kreisen von der bevorstehenden Ernennung der beiden amerikanischen Sachverständigen außerordentlich befriedigt fei. Die formelle Ernennung werde für Ende dieser Woche erwartet.
Der weltbanlüer.
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John Pierpont Morgan,
der große Weltbankier, wird neben Owen Young als amerikanischer Sachverständiger an den Beratungen über die deutschen Reparationszahlungen teilnehmen. Er ist 62 Jahre alt und feit dem 1913 erfolgten Tode feines Vaters Chef des Hanfes Morgan. Im Weltkrieg war er Gründer des Muni- 1 onstrustes Wichtigste Fragen der europäifchen Finanzwirtfchaft haben den mächtigen Geidmann schon oft nach Europa geführt.
Parker Gilbert und dir Wahl Morgans.
wtb. Paris, 15. Januar. (Eig. Funkm.) „Chicago Tribüne" meldet aus Washington, daß man dort annehme, daß die Wahl Morgans zu einem der Sachverständigen so gut wie vollständig aus Bemühungen Parker Gilberts in letzter Stunde zurückzuführen fei. der, wie in dorti- gcn Kreisen angenommen werde, als Generalagent lür die Reparationszahlungen zurücktreien werde, um in die Firma Morgan & So. eintreten zu können.
Wie „World" erfährt, ist der Teilhaber des Hauses Morgan, T. W. Lamont, als Stell- vertreter Morgans auf. der Tagung der Reparationsfachverständigen bestimmt worden. Das Blatt betont, daß die Erwähnten, ebenso wie Owen P o u n g und Perkins, es ablehnten, sich vor der amtlichen Mitteilung, die in Paris ausgegeben werden wird, über ihre Berufung zu äußern.
* Neue Minister in Jugoslawien. Ein königlich :r Erlaß ernannte den Bürgermeister von Belgrad, Kosta Kumandi, zum Postminister und in« leninistischen Minister des Auswärtigen, während dec Abwesenheit Marinkowitschs. Mit dem Handels- u. Industrieministerium wurde Maiuranitsch betraut.
Der Nellogg-pakt.
Aus Washington wird gemeldet: Die enteilte Bemühung des Weißen Hauses, der bei den Beratungen des Senats über den Kellogg-Pakt eingetretenen Stockung ein Ende zu machen, ist seh lg e sich lagen. Die Gruppe von Senatoren, die verlangte, daß in dem Vertrag eine Erläuterung eingefügt werde, hat beschlossen, sich der Festsetzung eines Termins für die Abstimmung über die Ratifizierung zu widersetzen.
* Heber die Stellung des Finlnzministecs innerhalb der Reichsregierung äußert sich die preußische Staatsregierung bei der Begründung des Haushaltsplanes für das Jahr 1929 unter anderem folgendermaßen: In England spricht der Schatzkanzler bei der Aufstellung des Haushaltsplans für olle zivilen Ausgaben das letzte Wort. Streitigkeiten über solche Ausgaben kommen garnicht vor das Kabinett. Diese englische Praxis hängt mit dem Zwei-Parteien-System zusammen und ist bei uns nicht ducchzuführen. In einer Koalitionsregierung ist es nicht möglich, dem Finanzminister, der einer bestimmten Partei der Koalition angehört, eine solche Machtstellung einzuräumen. In den Vereinigten Staaten von Amerika spielt der Budgetbirektor bei der Aufstellung des Haushaltsplans die entscheidende Rolle. Er unterhält in allen Ressorts Kontrolleure und kann dah»r dis Anforderungen der Ressorts einer selbständigen Prüfung unterziehen. Wollen sich die Ressorts der Entscheidung des Budgetdirektors nicht fügen, fo pflegt der Präsident nach dem Vorschläge des Budgetdirektors zu entscheiden. Diese Praxis hängt mit dem amerikanischen Verfassungsrecht zusammen: Amerika kennt kein Regierungskollegium, der Präsident ist die Regierung und die Minister sind feine Gehilfen. Die Machtstellung des Bud- getdicektors beruht auf der Machtstellung des Präsidenten. Das amerikanische Vorbild ist daher für uns nicht günstig. Dem Reichsfinanzminister ist durch die Haushaltsordnuug. dem Preußischen Fi- nanzminister durch Beschluß des Staatsministe- ciums das Recht eingeräumt, gegen alle finanziellen Beschlüsse des Kabinetts ein Veto einzulegen mit her Wirkung, daß alsdann eine n o ch- malige Beschlußfassung des Kabinetts stattsindet, und daß hierbei der Finanzmink- fter nur durch die Mehrheit aller Minister überstimmt werden kann und auch nur bann, wenn der Reichskanzler ober ber M i n i sterpräsi- bent mit ber Mehrheit stimmt. Hierin liegt eine starke Sicherung. Es ist in Deutschland nicht möglich, noch weiterzugehen.
Afghanistan.
Cs ist immer noch schwer, zuverlässige Nachrichten aus Afghanistan zu erhalten. Die Einzelgefechte zwischen den königlichen Truppen und. den Aufständischen scheinen in Koknstan anzudauern. Da die Streitkräfte Aman Ullabs aut ausgerüstete Verstärkungen erhalten und die Aushebung von Mannschaften unter den Hazaras nachdrücklich betrieben wird, fo glaubt man, baß es halb zu einem entscheidenden Kamvs kommen wirb.
Reuter meldet: An der Grenze sind Gerüchte verbreitet, b>e sich mit Hartnäckigkeit behaupten, wonach Aman Ullah zugunsten feines ä i t e r en Bruders, des Prinzen Inayat Ullah, a b gedankt habe und sich im Flugzeug von Kabul nach Kahandar unterwegs befinde.
* Englische Parlamenksmilglisber, die in Köln r>n einer Versammlung der Liga gegen den Imnerialismus teilnehmen wollten, wurden in Oftenbe auf Weisung des belgischen Iustizmim- fters an der Weiterreise gehindert.
* Politischer Racheakt in Moskau. Der Lektor einer Moskauer Militärfchule und ehemalige General der Wraugel-Armee Slafchew wurde in feiner Wohnung ermordet. Der Täter, ein gewisser Kolenberg, ber 24 Jahre alt ist, sagte bei seiner Verhaftung aus, er habe feinen Bruder rächen wollen, der auf Befehl Slaschews während des Bürgerkrieges in Südrußland hingerichtet worden fei. - - - - ■
Das Südamerika von heute.
Von Fritz Hupfer- Berlin.
Dec Zwischenfall Bolivien-Paraguar) hat kürzlich die öffentliche Aufmerksamkeit wieder einmal auf Südamerika gelenkt. Es war bemerkenswert, mit welchem Mangel an Verständnis öie fübameri« konischen Verhältnisse, insbesondere bei uns inl Deutschland, beurteilt wurden. Wenn man bei uns von Südamerika spricht, denkt man noch immer an verschlafene Länder, in denen der Gaucho ein romantisches Leben führt und ehrgeizige Generale und Präsidentschaftskandidaten auf Krieg und Revolution sinnen. Das Südamerika von heute ist ein anderes. Gerade dieser zukunftsreiche Kon. tinent hat durch den Weltkrieg allerhand gewonnen nicht nur an materiellen Gütern, sondern auch an politischer Einsicht. Und bann sind brühen bas Wirtschaftsleben und das Verständnis dafür erwacht. Fast scheint es fo, als ob die wirtschaftliche Aktivität von Europa nach Südamerika hinüber gewandert ist. Ueberall wird gebaut, gebohrt, erschlossen. Straßen für Automobile werden angelegt — Eisenbahnen sind dort zu teuer —, Luftverkehrslinien eingerichtet. So, ist es in Peru, in Columbien, in Venezuela und in all den anderen Republiken. Diese Entwicklung hat besonders in den letzten fünf Jahren ein Tempo angenommen, daß manche dieser Länder kaum wiederzuerkennen sind. Es ist falsch, nur nord- axnerikanifches Kapital hinter dieser Tatenluft zu suchen, sehr viel einheimisches Kapital, freilich bescheideneres, ist beteiligt und erfreulicherweise — soweit dies bei unfern heutigen Verhältnissen möglich ist — auch deutsches.
Und dieser Kontingent sollte — wie in überspannten Phantasien behauptet wurde — anläßlich des Streitfalles Bolivien-Paraguai) vom Kriegsfie- ber erfaßt fein? Nein, Südamerika will keinen Krieg und kann keinen Krieg brauchen. Deshalb schloffen sich die Nachbarstaaten zusammen und drohten den beiden Binnenrepubliken mit Blok- kcrde. Damit war ber Krieg abbestellt. Nicht etwa als Figuranten der Washingtoner Politik haben Pern, Chile und die artberen lateinamerikanischen Republiken diese Rolle übernommen, sondern aus eigenem Entschluß und aus eigener Erkenntnis. Die südamerifanifchen Staaten find gewillt, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.
Freilich ist die durch den Weltkrieg gewaltig ange. schwollene Macht ber Vereinigten Staaten ein gewichtiger Faktor auch aus bem südamerikanischen Festland. Aber es ist interessant zu beobachten, wie auch Washington sich Lateinamerika gegenüber zu anderen Methoden bequemen muß und wie Südamerika gegen etwaige veraltete europäische Anschauungen, als Kolonialland betrachtet zu werden, sich zur Wehr setzt. Es kann nur nützlich fein, rechtzeitig auf die neue Psyche dieses noch uner- schlofsenen Kontinents der ungeahnten Möglichkeiten sich einzustellen.
Drei Ereignisse der letzten Zeit sind es, die ein beachtenswertes Schlaglicht auf die neuen Entwicklungswege Südamerikas werfen. Zunächst die panamerikanische Konferenz in Washington. Man hat gegen das Zustandekommen dieses Kongresses der lateinamerikanischen Staaten stark gearbeitet. Von spanischer Seite wurde das Schicksal ber kleinen zentral-amerikanischen Republiken, bereit Prii- stdentschaftswahlen fast stets unter nordamerikani- fcher Oberaufsicht vor sich gegangen sind, als warnendes Beifpiel vorgeführt. Argentinien, das sich eine besondere Rolle vorbehalten und den Schiedsrichter in Südamerika spielen möchte — ohne auf besondere Gegenliebe bei den Cchwefternationaen zu stoßen, beteiligte sich überhaupt nicht. Die Politiker von Washington befleißigten sich, die Zeichen der Zeit richtig deutend, einer klugen und vorsichtigen Zurückhaltung und überließen den Süd» amerifanern alle Ehren ber Führung und Bestimmung. Zweifellos fein geringer Erfolg der Politik von Washington. Hinter den Kulissen aber steht England und sieht mit sorgenvoller Miene, wie auch dieses außerordentlich aussichtslose Feld wirtschaftlicher Betätigung und Ausniitzung ihm aus den Händen gleitet. Auch hier stimmt die englische Rechming des Weltkrieges nicht!
Die neue Einstellung der norbamerftanifchen UnionSüdamerika gegenüber ließ deutlich die zweite