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Anzeiger für die Stadt Julda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

Jlr. 5.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatl. 1,80 einschl. Postgeb. <30 bezw. 48 Pf.) ohne Zuftellg.

Sonntag, 6. Januar 1929.

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56.Jahrg.

Die Sorge um die Koalition.

Da Reichsregierung und Reichstag es haben still werden lassen um die Schaffung der großen Koalition, die die gegebene Folgerung aus den Wahlen vom 20. Mai ist, hat neuerdings die Presse es für ihre Pflicht gehalten, die Notwendigkeit der Schaffung der großen Koalition im Reiche in den Vordergrund zu rücken. Es war bezeichnender­weise die volksparteiliche Deutsche Allge­meine Zeitung, in der man auch heute noch häufig Gedanken und Wünsche des volksparteilichen Führers und Außenministers Stresemann wieder- findet, die in einem vielbeachteten Aufsatz die Bil­dung einer „stabilen Reparationsregierung" noch im Januar als eine dringende Notwendigkeit hin- gestellt hat. Es verdient nun Beachtung und Auf­merksamkeit, daß sich wohl alle Blätter, die der heutigen Reichsregierung nicht in Opposition ge­genüberstehen, übereinstimmen in der Bekundung dieser außenpolitischen, raparationspolitischen Not­wendigkeit, aber in der innerpolitischen Begrün­dung doch nicht eines Sinnes sind.

Das liegt daran, daß gerade von demokratischen Blättern Zweifel darin gesetzt werden, daß die Par­teien der großen Koalition sich auf ein gemein­sames Programm über die Deckung des Fehlbetrags im neuen Etat durch neue Steuern einigen wer­den. Es scheint ja, als ob der Reichsfinanzminister Hilferding die nach Abstrich weitergehender Etats­forderungen noch verbleibenden 3—400 Millionen durch eine Erhöhung der Getränke st eu- ern und durch eine Neuregelung der Ver­mögen s-undErbschafts st eu er decken will. Die Bayern aber protestieren bekanntlich heftig ge­gen jede Erhöhung der Biersteuer und Volkspar- teiler und Demokraten wenden sich kaum weniger energisch gegen eine weitere Belastung der Ver­mögen, die die so dringend benötigte Kapitalsneu­bildung noch mehr unterbinden würde und das Zentrum hat erhebliche Bedenken gegen die nach­teiligen Folgen, die eine Erweiterung der Erb­schaftssteuer mit sich bringen würde. Eine Erhö­hung der Umsatzsteuer, die rechnerisch am sichersten den vorhandenen Fehlbetrag decken würde, wird von den Sozialdemokraten als neue Belastung des Verbrauchs entschieden bekämpft, obwohl man lei­der feststellen muß, daß die unter dem Finanzmini­ster Reinhold vorgenommene Senkung der Umsatz­steuer dem Verbrauch der breiten Massen sicherlich nicht zugute gekommen ist. Angesichts dieses Durch­einanders der Meinungen kann man allerdings ver­stehen, daß vorsicht'ze Politiker der Meinung sind, man dürfe das Zustandekommen der großen Koa­lition, wenn schon deren Notwendigkeit anerkannt wird, nicht durch Aufgaben belasten, denen sie nicht gewachsen ist. Andererseits aber ist die Notwen­digkeit der Schaffung neuer Steuern unbestreit­bar und es bliebe dann nur der gewiß nicht ideale Ausweg, die notwendigen Steuern mit wechseln­den Mehrheiten zu schaffen. Ob das aber bei der Veranlagung der deutschen Parteien der großen Koalition gut bekommen würde, scheint einiger­maßen zweifelhaft. Auch hier, wie so oft im po­litischen Leben, kann nur eine zielbewußte und sichere Führung helfen und die Pflicht der Führung obliegt der R e i ch s r e g i e r u n g. Wenn über oie außenpolitische Notwendigkeit des bal­digen Zustandekommens der großen Koalition bei allen Parteien, die die jetzige Regierung stützen, Uebereinstimmigkeit herrscht, mutz bei der jetzt wie- der überwiegenden Wichtigkeit der uns gestellten

außenpolitischen Aufgabe auch innenpolitisch unter den Parteien, die vor dem Volke die Verantwor­tung zu tragen willens sind, Uebereinstimmung in wichtigen Fragen erzielt werden. Daß dabei jede Partei Sonderwünsche zurückstellen und vielleicht auch Lieblingsideen opfern muß, ist nun einmal in der Natur jeder Regierungskoalition begründet und für keine Partei mehr eine Ueberraschung. Die po­litischen Führer müssen wissen, daß dem schon recht geminderten Ansehen der Parteien im Volke jetzt nicht mehr schaden könnte als die Erkenntnis ihrer Unentschlossenheit und Verantwor­tung s s ch e u. Seit einem halben Jahr soll die große Koalition int Reiche nun schon geboren wer­den und von Monat zu Monat werden die Ver­handlungen über ihre Schaffung nun schon ver­schleppt. Es wäre geradezu unverantwortlich, wenn wir bei dem Zusammentritt der Sachverständigen­konferenz, deren Beschlüsse für Deutschland von allergrößter Bedeutung sein werden, wir nicht eine Reichsregierung hätten, die dem Ausland gegen­über als unbestrittene Sprecherin des deutschen Mehrheitswillens auftreten könnte. Es wird dar­um Zeit, daß Regierung und Parteien tun, was ihre Pflicht ist und vom Volke erwartet und ge­fordert wird. Wir müssen und wollen endlich eine wirklich stabile Reichsregierung haben und auch das Ausland muß wissen, daß es nur mit dieser einen Reichsregierung rechnen und nicht feine Hoff­nungen auf eine andere deutsche Regierung setzen kann. Nur dann wird der tatsächlich vorhandene entschlossene Mehrheitswillen des deutschen Volkes wirklich in Erscheinung treten und sich durchsetzen, wenn endlich auch die Parteien sich entschließen, diesem Mehrheitswillen entsprechend zu handeln und Verantwortung zu übernehmen.

Darum muß noch in diesem Monat die große Koalition im Reiche zustande kommen, darum er­warten wir gewiß auch nicht unnütz, daß nach Rück­kehr des Reichskanzlers aus seinem Urlaub in der Mitte des Januar schnell die Voraussetzungen ge- schaffen werden, die für die Bildung der großen Koalition, die in der Tat eine ft a b i I e Repa- rationsregierung werden soll, noch von­nöten sind.

Die flusschußarbeiten »,

In der kommenden Woche nehmen im Reichs­tage und Landtage die Ausschüsse ihre Arbeiten wieder auf, um den vorliegenden Arbeitsstoff bis zum Wiederbeginn der Plenarsitzungen vorzuberei­ten. Im Preußischen Landtag tagen bereits am Montag der Hauptausschuß und der Veamtenaus- ausschüß. Der Hauptausschuß beginnt die Bera­tung des Haushaltsplans.

Der Wiederzusammentritt des Reichs- i a g es ist erst für Montag, den 14. Januar, vor­gesehen. Nur der Strafrechtsausschuß macht eine Ausnahme und beginnt seine Verhandlungen be­reits am kommenden Mittwoch. Am Dienstag tritt ferner das Wahlprüfungsgericht im Reichstag zu­sammen, um sich mit dem Ergebnis der Reichs­tagswahlen in den Wahlkreisverbänden Pommern, Mecklenburg, Schlesien, Schleswig-Holstein Ham­burg und Bayern-Südost zu befassen. Der Wie­derbeginn der Plenarsitzungen ist im Preußischen Landtag für den 22. Januar vorgesehen. Im Reichsrat ist noch kein bestimmter Termin festgesetzt. Man rechnet aber auch hier mit dem Wiederzu- sammentritt im letzten Monatsdrittel.

Das Reparations-Problem.

51 Januar. (Eig. Funkm.) Privat- -L.er Berliner Korrespondent des „Jour) e’ne hochstehende deutsche Persönlichkeit f)ö:en’ daß Deutschland durchaus enticylossen sei, nur ein solches Abkommen über "^"gelung zu unterschreiben, dessen Ausführung ihm mit seiner wirtschaftlichen Kraft ^scheint. Falls der Abstand Aschen den Forderungen der Alliierten und dem, was die Deutschen fteiwrllig anzunehmen bereit Ä 3U Ä 1e‘- freundschaftlich überbrückt zu werden, wurde Deutschland feine Uni erftbrift verweigern. Dann würde man zu dem durch den Dawesplan geschaffenen Zustand zurückkommen. Der Korrespondent könne aufgrund durchaus serieu- ser Informationen bestätigen, daß die deutsche Re­gierung die dauernde Durchführung der vnm Dawesplan vorgesehenen Lieferungen nicht ^Is möglich ansehe und im gegenwärtigen Augenblick es ablehnen werde, Verpflichtungen nachzukommen, die von ihr für undurchführbar gehalten wurden

In den „Dresdner Neuesten Nachrichten" wen­det sich der volksparteiliche Abg. Dr. Rudolf Schnei­der, einer der besten Kenner des Reparationspro­blems im jetzigen Reichstag, scharf gegen den Gericht Parker Gilberts. Er erklärt u. a.: Schlimmer als Unwahrheiten sind halbeWahr- h.e 11 e n. Das Schlimmste für Deutschland ist, daß nicht nur der Schein gegen uns spricht, sondern dutz auch manche mühevolle, mit fremden hoch zu verzinsenden Kapitalien geschaffene Leistung des deutschen Wagemuts in dem unendlich schwierigen Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft irreführend gegen uns ausgespielt werden kann. d. h. nach dem bisher Geschehenen: „Deutschland kann zahlen"!

Was bisher geleistet wurde, mußte auf Borg geleistet werden. Cs ist unbestritten, daß die Kapi- raiblldung Deutschlands bei weitem nicht für den „e’rt>igfteri eigenen Bedarf ausreicht, geschweige °*nn ™ Sributsafgungen. Gilbert weiß es und ms ^irtfchaftskenner der Welt wissen, daß ge- '"folge der Reparationslasten Deutschlands Kapitalbedarf und damit Deutschlands Zinsenlast

die Zinsenhöhe hoch über den Durchschnitt der an­deren Länder getrieben worden ist. Im vergan­genen Jahr ist das Leihgeld in Deutschland bis vier Prozent teurer gewesen als in den Ländern, die mit uns konkurrieren. Wir wissen wohl, daß manchmal der Schein gegen uns spricht. „Berlin im Licht", der Betrieb des Kurfürstendam­mes, die Großzügigkeit so mancher Stadtverwal­tung mit Ausstellung und sonstiger illuminierter Repräsentation, da wird mancher Schaden ange­richtet, und Dr. Stresemann hatte ganz recht, als er neulich zornig ausrief: „Ich wünschte, daß doch einmal die Oberbürgermeister Repara­tionsverhandlungen führen möchten!"

Schneider fetzt am Schluß feines Artikels feine Hoffnung auf die bevorstehende Sachverständigen­konferenz, auf der die ersten Kenner der Wirt- schäft an die Aufgabe der Lösung dieses Problems herantreten werden. Diese Männer werden über alle Polemik hinweg die Tatsachen prüfen, und die Tatsachen sind auf unserer Seite.

Die „Times" erörtert in einem Leitartikel den Bericht des Generalagenten für die Reparationen und sagt zum Schluß:

Die verhältnismäßig kurzen Erfahrungen der letzten Jahre sind kein Beweis dafür, daß der Transfer der vollen Dawesannuitäten während einer langen Periode durchgeführt werden kann. Aber es scheint ziemlich klar zu sein, daß Deutsch­land durchaus im Stande sein wird, die vernünfti- gen Forderungen seiner Gläubiger zu erfüllen. Nachdem es einmal den Weg der Verhandlungen beschritten hat, muß es hierzu bereit sein. Die Po­litik Großbritanniens in dieser Frage ist unzwei­deutig in der Balsournote niedergelegt. England »wünscht nicht Reparationen um ihrer selbst willen über die Summe hinaus zu erhalten, die zusammen mit den alliierten Zahlungen für den englischen Schuldendienst an Amerika ausreichen. Frankreich wird über die zur Bestreitung seiner Kriegsschul­den an die Vereinigten Staaten und England not­wendige Summe hinaus einen Beitrag zu den Ko­sten für die Wiederherstellung der zerstörten Ge­biete fordern, und die Höhe dieses Beitrages wird zweifellos eine der Hauptfragen fein, über die der Sachverständigenausschuß zu entscheiden haben

wird. Die Standardannuitäten des Dawesplanes von 125 Millionen Pfund Sterling lassen einen be- tnächtlichen Saldo übrig, wenn die gesamten Zah­lungen der Alliierten an die Vereinigten Staaten und die llnverminderbare Belastungsposten abge­zogen sind. Die Gesamtheit dieser Zahlungen steigt von ungefähr 50 Millionen Pfund Sterling im Jahre 1930 auf ungefähr 70Millionen Pfund Ster­ling im Jahre 1940 und erreicht etwas über 80 Millionen Pfund Sterling während der Jahre 1980 bis 1987. Es ist daher klar, daß, selbst wenn eine Verminderung der Jahreszahlungen vorge­nommen werden soll, noch erhebliche Summen für Wiederaufbauzwecke übrig bleiben würden. Bei denVerhandlungen, die zur Bildung des Sachver- ständigenausfchufses geführt haben, hat Poincare eine durchaus realistische Auffassung der Lage gezeigt, und es darf angenommen werden, daß Frankreich nicht den Wunsch hegen wird, auf For­derungen zu bestehen, die eine endgültige Regelung gefährden und die wirtschaftliche Lage Europas wieder zurückwerfen würden.

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totb. Paris, 5. Januar. (Eig. Funkm.) Zwei Blätter, die radikale „Volonte" und der soziali­stische „Populaire" machen von den übrigen fran­zösischen Blättern eine Ausnahme in der Beur­teilung des Parker Gilbert-Berichtes. Die „Vo­lonte" schreibt: Der Dawesplan hat seit vier Jah­ren gut funktioniert. Jedenfalls aber hat Deutsch­land seit vier Jahren von den Vereinigten Staaten mehr Geld geliehen, als es den Alliierten zahlte. In welchem Maße haben diese Anleihen die Pro­duktionsfähigkeit der deutschen Industrie erhöht? In welchem Maße sind sie auf die ehemaligen Alliierten repartiert worden? Das sagt Parker Gilbert nicht, aber es ist doch wichtig, es zu wissen. Was gewinnt Deutschland durch seinen Handel mit dem Auslande? Das ist eine sehr wesentliche Frage. Parker Gilbert antwortet daraus summa­risch, indem er sagt, daß die deutsche Handelsbilanz sich kaum ausgleiche, daher die Feststellung, daß „dasdeutscheHaus" kaumverdiene. Wie also kann es seine Gläubiger bezahlen?

Der „Populaire" bemerkt: Der Bericht Parker Gilberts scheint beweisen zu wollen, daß die wirt­schaftliche Lage Deutschlands so blühend ist, daß es leicht die erdrückenden Lasten des Dawesplanes tragen kann. Wer um seine Verpslichtungn aus­zufuhren, die provisorisch 'sind, da ja der Dawes­plan provisorisch ist, hat Deutschland Anleihen aufnehmen müssen. Wenn man von Deutschland verlangt, die Reparationen auf dieser Grundlage zu zahlen, bedeutet das die Vernichtung der Arbeiter und kleinen Leute.

Neue ttriegs-volrumente.

Ans Moskau wird gemeldet: Aus der Kon­ferenz marxistischer Historiker, die zur Zeit in Moskau tagt, hat Professor Maskanow die Mitteilung gemacht, das zentrale Staatsarchiv beabsichtige im Frühjahr 1929 mit der Veröffent­lichung einer Reihe diplomatischer Dokumente über den Weltkrieg zu beginnen. In erster Linie wer­den Publikationen über die Weltkri - sis im Jahre 1914 vorbereitet. Ende 1929 sollen die ersten zwei Bände erscheinen. Daneben wird das Staatsarchiv verschiedene Schriftstücke zur Geschichte der Revolution in Rußland heraus» geben, u. a. die Dokumentensammlung über die konstituierende Versammlung und verschiedene Ak­ten der Untersuchungskommission in Sachen des Minister Koltschak. In das Gebiet der Memorien- sammlungen fallen die Tagebuchauszeichnungen des Generals Kuropatkin und des Politikers Polow- zew, der der Rechten iu der Reichsduma an ge­hörte. Ihre Veröffentlichung ist ebenfalls für die nächste Zeit in Aussicht genommen. Skandinavische Historiker haben den Vorschlag gemacht, gemeinsam mit den ritff. Wissenschaftlern verschiedene Doku­mentensammlungen zu bearbeiten. Mit dem preu­ßischen Staatsarchiv mürbe eine Vereinbarung ge­troffen über den provisorischen Austausch von Do­kumenten aus dem Besitz der Archive, über die Anfertigung photographischer Urkundenkopien usw.

Beigrat) und flgram

Die jugoslawische Regierungskrise.

Aus Belgrad wird gemeldet: Nach dem Füh­rer der Kroatischen Bauernpartei Matschek wurde auch der kroatische Demokratenführer Pribitsche- witsch vom König empfangen. ?

Pribitschewitsch erklärte Pressevertretern nach seiner Audienz beim König, daß die gegenwärtige Krise eine Krise des Staates sei und nur durch Aenderung der Verfassung gelöstt werden könne. Er habe die Ernennung einer Re­gierung empfohlen, welche die Verfassungsrevision aufs Tapet bringen, bezw. die Wahlen für eine Konstituante ausschreiben solle. Er habe dem König ferner empfohlen, daß er nach Agram kommen und die Lösung der Krise von dort aus leiten möge, damit nicht der Anschein erweckt werde, als ob die Krise nur in Belgrad gelöst werden könnte. Falls aber die Dreierkoalition zur Regierung gelangen sollte, so würde die bäuerlich-demokratische Koali­tion ihren Kampf mit anderen Mitteln fortsetzen. In diesem Falle würde man den Worten Taten folgen lassen.

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rotb. Belgrad, 5. Ian. (Eig. Funkm.). Dr. Mctt- schek, der ursprünglich gestern um Mitternacht nach Agram zurückreisen wollte, erhielt spät abends eine Zweite Einladung zur Audienz beim König für heute vormittag 10 Uhr. Dr. Matschek ist darauf in Belgrad geblieben. Der zweiten Audienz Dr. Matscheks wird mit großem Interesse entgegen ge­sehen.

Moskauer Junget Kellogg;.

Die Diplomaten des Kreml haben einen außer- ordentlich beachtenswerten Vorstoß unternommen. Sie haben nämlich sowohl der polnischen als auch der litauischen Regierung eine Note übermittelt, die den Vorschlag enthält, die Bestimmungen des Kellogg-Paktes sofort in Kraft treten zu lassen, während nach dem Artikel 3 des Paktes die In­kraftsetzung des Kellogg-Abkommens davon abhän­gig gemacht wird, daß bestimmte 14 Mächte den Vertrag ratifizieren. Bisher hat noch keine dieser Mächte die Ratifizierung vorgenommen, man hat diplomatischem Brauch entsprechend dem Lande, von dem die Anregung zum Pakt ausging, das heißt in diesem Falle Amerika, den Vortritt über­lassen und man weiß ja, daß in Amerika zurzeit noch um die Ratifikation des Paktes gekämpft wird, wenngleich auch die Aussichten heute als ziemlich günstig bezeichnet werden.

Was hat nun die bolschewistische Diplomatie ver­anlaßt, die Ingangsetzung des Kellogg-Paktes für die polnisch-russischen Beziehungen und die polnisch- litauischen Beziehungen zu beschleunigen? Meint es Rußland mit diesem Vorschläge wirklich ernst, oder welche geheimen Absichten verfolgen die Mos­kauer Diplomaten? Eine Ingangsetzung des Sei- loggpaktes zwischen Polen und Rußland-Litauen kann in den folgenden Betrachtungen übergangen werden, .zumal es eine litauisch-russische Grenze bekanntlich nicht gibt — würde naturgemäß be­deuten, daß Polen aus der gegen Rußland gerich­teten Front herausgelöst wird. Das wieder würde nach sich ziehen, daß auch die polnisch-rumänischen Vereinbarungen hinfällig werden, jene Vereinba­rungen, die bekanntlich gemeinsame Operationen der rumänischen und polnischen Truppen für den Fall eines Krieges mit Rußland vorsehen. Damit aber richtet sich der russische Vorstoß zugleich auch gegen die ganze Einkreisungspolitik, die durch die Bemühungen des Generals Le Rcmd gekennzeichnet wird. Geht aber Polen auf den russischen Vorschlag ein, so bedeutet das auch, daß Polen zu einer Ab­rüstung übergehen kann, auf die es heute noch Ver­zicht leisten zu müssen behauptet, da Rußland stark gerüstet fei. Damit aber gewinnen dann die Rus­sen wieder eine neue Möglichkeit als wahre Frie­densfreunde zu erscheinen und durch Abrüstungs­vorschläge der verschiedensten Art der Diplomatie der Cutentestaaten unbequem zu werden. Nicht genug damit, bietet der Vorstoß Litwinows den Russen auch die Möglichkeit, in der Rolle der wah­ren Jünger Kellogs zu erscheinen. Wenn man sich vor Äugen hält, wie eifrig sich in der letzten Zeit Rußland um Amerika bemüht hat, in der Hoff­nung, doch noch die Anerkennung der Vereinigten Staaten zu erlangen, und wenn man sich weiter erinnert, welche Hoffnungen die russische Presse an die Wahl Hoovers fnüpfte, so wird man sogar die Anschauung vertreten können, daß es den Russen in erster Linie darauf ankam, als Friedensengel den Amerikanern zu erscheinen, als Macht, die ge. willt ist, die Bestimmungen des von dem amerika­nischen Staatssekretär Kellogg aiisgearbeiteten Vorschlages schleunigst und gründlichst durchzu- führen. Man hat denn auch in Moskau großen Wert daraus gelegt, daß die nach Warschau und Kowno übermittelten Vorschläge auch in Washing­ton amtlich zur Kenntnis gebracht werden und da eine direkte diplomatische Verbindung zwilchen Rußland und Amerika bekanntlich nicht besteht, fo hat man die französische Regierung gebe­ten, den Vereinigten Staaten von dem russischen Schritt Kenntnis zu geben.

Die polnische Regierung ist durch den russischen Vorschlag in eine ziemlich schwierige Lage gera­ten. Lehnt sie den Vorschlag rundweg ab, so wird es den Russen leicht, Polen als Friedensstörer bin» zustellen, der auf einen Angriff auf russisches Ge­biet nicht ohne weiteres verzichten will. Es ist des­halb auch kaum anzunehmen, daß man in War­schau diesen Weg einfdjtägt, sondern man wird sich wohl vermutlich dahinter verschanzen, daß die Bestimmungen des Kelloggpaktes erst dann wirksam werden könnten, wenn auch Rumänien einbezogen wird. Der rumänischen Regierung aber hat ange­sichts der strittigen bessarabischen Frage die Sow­jetdiplomatie wohlweißlich ihren Vorschlag zur In­gangsetzung des Kellogg-Paktes nicht übermittelt. Andererseits aber sieht der Artikel 4 des Protokoll- entwurfes den Beitritt jeden anderen Staates zur vorzeitigen Inkraftsetzung des Kellogg-Paktes vor, sodaß an sich der Beitritt Rumäniens zu diesen Vereinbarungen ohne weiteres möglich wäre

Die Aussichten dafür, daß dem russischen Vor­schlag ein Erfolg beschieden sein wird, müssen bei der ganzen Lage der Dinge als recht gering be» zeichnet werden. Darüber wird man sich auch in Moskau von vornherein klar gewesen fein und man wird diese Erfolglosigkeit gern in Kauf nehmen, ermöglicht es doch dieser neue Vorschlag den Rus­sen in Amerika, wie man zu sagen pflegt, einen guten Eindruck zu machen und gleichzeitig in Eu­ropa wieder einmal den Friedensengel zu spielen, ohne daß man deshalb auch nur einen Mann der Roten Arme zu entlassen braucht.

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rotb. Warschau, 5. Jan. (Eig. Funkm.). Wie der zionistische Naß Przealond erfährt, ist die pol­nische Antwort auf die letzte sowjet-russische Note über die Unterzeichnung eines Sonderproto- kolls, um die Bestimmungen des Kelloggpaktes vorzeitig in Kraft zu fetzen, bereits nahezu fertig, gestellt und wird demnächst nach Moskau ab- gesandt werden. Wie in hiesigen politischen Krei­sen verlautet, wird Polen wahrscheinlich den von Sowjet-Rußland gemachten Vorschlag a n n e h . men.