Sonntag, ven 6. Januar 1959.
Fuldaer Zeitung
fi. 3 . ä 11.
Dtuti 62t Zulvaer Actiendruckorei, $ul6a
MÖBEL
Selbstanfertigung und Lager aller Art empfehlen in reicher Auswahl, zu billigen Preisen Gebr. Herbert Horaserweg 4 n. 47. Nähe des Domes. Telephon 240, Speisezimmer, Herrenzimmer, Schlafzimmer, Küchen und Einzelmöbel. Eigene Polsterwerkstatt.
Deutscher Volk, wohin?
Don Abgeordneten F e i l m ci » r, M. d. R.
einem Artikel „Deutsche Landwirtschaft, wohin" habe ich die Entwicklung der Landwcrtschajt in den lekten Jahren, im besonderen cm letzten 3at)r hnrnStellt kam ich zu dem Schluß, daß, so
fern die Wirtschaftspolitik sich nicht ändert, Landwirtschaft und Volk einem schweren Schicksal entge- 9eiT®enn der^Landwirt auf die wirtschaftspoliti- Mißstände, die seinen Beruf gefährden, hin- '£ bekommt er die Antwort „Selbsthilfe". Der San"„^ilf Dir selbst" ist so alt wie die Welt selbst. Solch eine Selbsthilfe fällt oft anders aus, als die Sprecher sich denken. Der Bauex ist im Winter 10, im Sommer 14—16 Stunden bei der Arbeit. Intensiv- Wirtschaft bedeutet Mehrarbeit. Diese könnte er nur leisten durch Zuziehen von Kräften, wenn der Warenpreis den Lohn decken würde. Die Erfahrung lehrt aber, daß die intensivsten Betriebe am stärksten verschuldet sind. Dieser Tatsache wird in der Landwirtschaft stärkste Beachtung geschenkt. Vier Jahre Unrentabilität lassen naturgemäß den Gedanken aufkommen, den Beruf zu verlassen.
An das Wort Landflucht haben wir uns gewöhnt. Es ist 30—40 Jahre alt. In den 90er Jahren vorigen Jahrhunderts, als unter Kanzler Caprivi die Lage der Landwirtschaft gedrückt war und )ie Industrialisierung einsetzte, entstand die Landlucht. Zu der Zeit war das flache Land übervöl- 'ert, es wurde zu viel Handarbeit gemacht, die Abwanderung war nicht ungesund. Auch bis 1924 konnten die abwandernden Kräfte durch Maschinen »r'etzt werden. Die Arbeit rentierte sich. Seit 1924 können die fehlenden Menschen nicht mehr ersetzt werden, weil der Preis der Bodenprodukte den Lohn der Tarife nicht erreicht. Wer Tariflohn ausnützen will, muß weg von der Landwirtschaft. Den Besitzer treiben die Steuern und Auslagen von seinem Gut, teils freiwillig, teils unfreiwillig. Es ist kaufmännischer Unsinn ,in ein Gut 100 000 Mark anzulegen, die keine Zinsen tragen oder gar an der Substanz zehren, während dieselbe Summe als Kapital angelegt 10 000 Mark Zinsen herausbringt. Unfreiwillig muß abziehen, wer fchon zu viel von der Substanz hat wegzehren lassen. So zieht Herr und Knecht von der Scholle ab. Bei den Kleinbauern sind es die Kinder. Hier merkt man die Flucht weniger, sie wird erst in etwa 10 Jahren sich auswirken.
Im Mittel- und Großbetrieb gibt die Abwanderung zu allerernstesten Bedenken Anlaß. 1927 sind rund 180 000 Menschen vom Osten Deutschlands abgezogen. Jährlich werden rund 50 Millionen Mark verwendet, um die entvölkerten Gegenden wieder anzusiedeln. In Ostpreußen sind 350 000 Menschen abgewandert und 20 000 sind wieder mit Reichs- und Staatsgeldern angesiedelt worden. Für das Jahr 1929 sind 5—600 größere Güter in Ostpreußen für die Zwangsversteigerung reif. Der Bodenpreis sinkt zusehends. Es werden nicht einmal die Hypothekenforderungen erlöst. Einziger Liebhaber ist die öffentliche Hand. Die Sozialdemokratie will nicht zukaufen, damit der Bodenpreis noch tiefer sinkt (zur Zeit kostet der Morgen guter Weizen- und Rübenboden mit Inventar und Gebäude rund 200 Mark), die bürgerlichen Parteien sehen ein Unrecht darin, die Besitzer so auszunützen und verarmen zu lassen. Aehnlich sieht es in Mecklenburg, Pommern, Schlesien und Schleswig-Holstein aus.
Roch ein Wort über A n s i e d l u n g. Die Ansiedlung fordert Land, Geld und Menschen. Land ist im Uebermaß vorhanden. Das Geld reicht aber nicht aus. Nach Ansicht der Regierung ist es ausgeschlossen, daß die Regierung und die Siedlungsgenossenschaften das anfallende Land aufnehmen können. Menschen sind da. Ihre Eignung ist verschieden. Der beste Siedler ist der Kleinbauer, wel
cher schon eine Wirtschaft verwaltet hat. Die Land- I orbeiter eignen sich für kleine Stellen von 6—8 I Hektar, sie begehren aber nicht sehr nach Boden. Die Vertreter der Regierung machen dringend darauf aufmerksam, alsbald in Ostpreußen Landarbeiter anzufiedelu, denn erfahrungsgemäß gehen die Arbeiter bei Zwangsverkäufen zuerst weg. Werde dem nicht vorgebeugt, so bestehe die große Gefahr, daß das Feld unbebaut bleibt, und es müßte zwangsweise der Zustand eintreten, wie er nach dem dreißigjährigen und nach den Freiheitskriegen sich herausgebildet hatte, als das Land wild liegen blieb.
Und nun ein Blick auf die Kosten. Wenn der Ankauf pro Morgen rund 200 Mark beträgt, so kommen, bis das Gut verteilt wird, an Ausgaben noch hinzu: Vermessungskosten, Neubauten, Zwischenverwaltung, Allgemeine Verwaltung, Kirchen-, Schul- und Wegelasten und mehr Dinge, so daß i diese Ausgaben das Doppelte und mehr des An- : kaufspreises ausmachen. Naturgemäß verfügt der । Siedler über wenig Geld. Der Zuschuß von öffent- | lichen Geldern beträgt im Durchschnitt pro Siedlerstelle 20 000 Mark. Dazu kommen noch Hauszinssteuer, Steuernachlaß und dergleichen, ferner Einrichtungskredite, sodaß auf eine Stelle nahezu 30 000 Mark entfallen.
Bei dieser Sachlage muß man sich fragen, haben wir die richtige Einstellung in unserer Agrarpoli- ttk? Zuerst läßt man die Landwirtschaft verkommen, und wenn man sie nicht mehr hat, weiß man ihren Wert zu schätzen, und dann werden ganz außerordentlich hohe Summen aufgewandt, um nur Bruchstücke zurückzubekommen.
Diese Entwicklung wird nicht beschränkt sein auf die oben genannten Provinzen. Es ist nur eine Frage der Zeit, daß in allen Teilen des Reiches der Boden stark frei wird, deswegen ist Landflucht keine Bauernfrage, sondern eine Volksfrage. Die Geschichte lehrt, daß die alten Völker, die untergingen, waren es nun Perser, Griechen, Römer oder andere, haarscharf diesen Weg gegangen sind: Entsittlichung, Vergnügungssucht, riesiges Anwachsen der Städte, Entvölkerung des Landes. Ansiedlung anspruchsloser, arbeitsamer Menschen aus den Nachbarstaaten, welche, wenn der Zeitpunkt günstig erscheint, das Heimatvolk verdrängten.
Wem es ernst ist um Volk und Vaterland, dem kann es nicht genügen, sich recht patriotisch zu zeigen, der muß vielmehr mit allen Kräften auf Umwandlung hinarbeiten, koste es auch Einschränkung gewohnter Ausgaben für Annehmlichkeiten und Lebensweise.
Rund um die Woche.
Moderne Sachlichkeit. — Verklungene Musik. — Sexuelle Aufklärung.
Christbaumkerzen.
Zu Neujahr hat man allerlei Kalender bekommen. Gewiß erscheint von der Sorte heute zu viel. Jeder will mit diesen Volkskalendern seine Geschäfte haben, während in Wirklichkeit der eine dem anderen das Geschäft verdirbt. Einige wenige und die musterhaft, das wäre sicher mehr. Lange verweilt mein Blick auf dem Wandkalender, den der Vorwärts seinen Lesern verehrt. Das ist wirklich moderne Sachlichkeit. Einige Feste, die man nicht übergehen konnte, weil sie für das bürgerliche Leben eine Rolle spielen, erinnern noch an das Christentum, so Weihnachten, Ostern, Pfingsten, dazu Neujahr, Himmelfahrt, Karfreitag und Bußtag. Sie stehen in einer Reihe mit dem Totenfest, mit der Reoolutionsfeier, mit der Derfassungsfeier und mit der Maifeier. Sonst ist die Fläche kahl. Kein Heiliger grüßt freundlich aus der Kolonne der Ziffern mehr heraus. Kein kirchliches Symbol leiht irgendwie Motive für Vignetten und sonstigen Schmuck. Es ist eine Wüste, durch die die grauen Tage wandern. Die Rote Fahne hat wenigstens noch ©ebenftage in einer eigenen Rubrik hinzugefügt. Heilige muß der Mensch denn doch haben, und sind es nicht St. Michael und die Seinen, dann eben Lenin und sein Anhang. Die Geheimnisse des Christentums sind ersetzt durch die Gedenktage blutiger Revolutionen. Diese Kalender wevden nun die Wände schmücken in unzähligen Neimen. Geht es so weiter, dann können Kaspar, Melchior und Balthasar lange wandern, wenn sie in unserer Kultur noch eine Spur von dem Kindlein finden wollen.
Diese Kalender sind tatsächlich ein Ausdruck der Zeit. Sie geben Zeugnis davon, daß die reichen Gemütswerte, die mit dem Christentum verbunden sind, einfach weggestrichen werden. Das geht noch darüber hinaus, was wir in so manchen Revuen und Illustrierten heute finden. Sie bringen schon einmal eine christliche Interessantheit. Sie werden natürlich Bilder veröffentlichen, auf denen etwa der Brand der Milliardärkirche von Newyork zu sehen ist. Aber das ist für die Neugier der Phantasie und nicht für das gläubige Herz. Hier ist auch damit Schluß. Nun überlege man sich, wie im Christen feine Religion sozusagen eine stille Musi?
ist, die das ganze Leben begleitet und durchklmgt. Diese Musik ist fort. Eine andere Weise ist an ihre Stelle getreten. Wäre es doch bloß etwas Musik und nichts mehr. Die Sache liegt aber anders.
In diesen Gemütswerten stecken verborgen die ewigen Wahrheiten und unantastbaren Gnmd- fätze. Gerade auch diese schwinden«dahin. Und weil es da nun keine sichere Tradition mehr gibt, so irren die neuen Gedanken wild durcheinander. Lindsay's Kameradschaftsehe ist in feiner wurzellosen Moral ein sprechendes Beispiel dafür. Auf Grund solcher, auch auf dem Lande weitverbreiteter Bücher sprechen heute die Menschen über die ewigen Grundlagen der Sittlichkeit. Das setzt sich an die festesten Ueberzeugungen, wie die scharfe zersetzende Atmosphäre der Lust in den Jndustrie- gegenden an das Gemäuer der alten Dome. Man muß sich sehr hüten, in der Diskussion allzuviele Zugeständnisse zu machen. Tagungen über die sexuelle Frage, Über die Wandlungen in der sexuellen Anschauung sind heute modern. Vertreter aus allen möglichen Kreisen äußern sich dort. Es ist auch recht, daß man sich mit den Schwierigkeiten des modernen Menschen bekannt macht. Gerade für den Erzieher ist das von besonderer Bedeutung. Aber es wollen gewisse Grenzen eingehal- ten fein. Wo liegen sie?
Zu leicht ift man geneigt, das Selbstverständliche zu problematisch zu machen. Man weiß es ja aus eigenster Erfahrung, wie man mit Gründen des Verstandes bei der Hand ist, wenn es sich an irgendeiner Arbeit vorbeizudrücken gilt. Willenserziehung ist auf dem Gebiet des Sexuellen bei weitem wichtiger, als Aufklärung und Grübelei. Und das ist das Wichtigste bei aller Aufklärung über dieses an Kämpfen so reiche Gebiet, daß man die Lust zur kritischen Tat wecke. Liest man die scheinbar wohlmeinenden Abhandlungen großer und weitverbreiteter Blätter über das Sexuelle, so fehlen sie fast alle dadurch, daß sie dem Menschen hier nichts mehr zutrauen. Indem man nun das Erdreich an der Wurzel immer mehr auflockert, stärkt man nicht die Stand kraft des Baumes, sondern man verringert sie. Wie ewig schön ist
SH Otto Steile.
Fuldaer ictlendrucKerel, Fulda
Bretter, Bohlen, Fußböden, Latten, Stollen und Bauhölzer sowie
Industrie- und Schreiner-Hölzer stets vorrätig-.
in Schwarzdruck und einfarbigem Buntdruck, sowie in Mehrfarbendruck liefert admell und billig
Anblick unserer Jugendheiligen, wie strahlend, wie frisch, wie beseligend ist ihr reines Antlitz! Aus dem einfachen Glauben wuchsen sie empor, und sie hatten um so weniger sexuelle Probleme, als sie Stärke besaßen zum Opfer. Ich kann es hier nicht unterlassen, aus einem der zahlreichen Briefe, die mir von interessierten Lesern immerfort zu gehen, eine Stelle anzuführen, bei der ich nicht weiter erklären brauche, warum sie gerade hierher gehört. Ein von vielen dunklen Schicksalen umschatteter Mensch schreibt: „Wo ich von einem Menschen höre, der verkommen und verelendet, womöglich mit den Strafgesetzen in Konflikt geraten ist, frage ich zumeist zuerst: Was hat er für eine Mutter gehabt und hatte er überhaupt eine ..."
Die Verwilderung im Sexuellen ist übrigens nur ein Ausschnitt aus dem „Wildwest", das sich auf einmal mitten in unfern Großstädten breitmacht. Es kann doch in vielen Gegenden des hochzivilisierten Vaterlandes niemand mehr allein am Abend über die Straße gehen. Immer gab es ja schon dunkle Viertel, vor denen die Polizei nur warnen konnte. Wie unbezwungene Burgen des Derbrechens hatten sie sich allen Maßnahmen der Sicherheitswachen gegenüber zu erhalten gewußt. Jetzt aber scheint Schinderhannes ganz besonders wieder Morgenluft zu wittern. Mag fein, daß manche Menschen nur durch die Not zu Verbrechern werden, aber wie dem auch sei, eine Räuberbande bildet sich neben der andern, und wir werden vielleicht noch Zustände bei uns bekommen, wie mir sie schaudernd von Chikago lesen oder in In- dianerbüchern. Wird die Todesstrafe nächstens abgeschastt, so riskiert ein Verbrecher ja auch nicht viel. Ein wohnlich eingerichtetes Zuchthaus läßt sich eine Zeitlang ertragen, und heute oder morgen kommt doch wieder eine Amnestie.
Je dunkler der Hintergrund dieser Zeit wird, um so Heller leuchten auf ihm doch einzelne Taten Da hatte sich ein frommer Mann Sorge gemacht wie er einem guten Kloster im Rheinland die 150 Weihnachtskerzen beschaffen könne, die man dov brauchte. So arm waren nämlich die Schwestern, obwohl sie Tag für Tag viele, viele Notleidende av ihrer Pforte speisen. Es heißt in dem Brief dann weiter: „Es war am letzten Samstagabend. Aus der Straße treffe ich den Führer der hiesigen sozial- demokratischen Arbeiter. Ein Sozialdemokrat mit religiös wohl nicht gar arg aufgeräumter «Seele: sonst aber ehrlich und aufrecht. Im Laufe des Gesprächs komme ich auf die Christbaumkerzen de« Klosters zu sprechen und siehe da, das liebe Christ- kindlein warf ein kleines Gnadensternchen in di« Sele dieses Mannes. Denn auf einmal drückt« er mir die Hand und sprach: „Die Hälfte der Christ- baumkerzen für die armen Schwester lassen Sie mich bezahlen!" . . . Wird nicht vielleicht am hl Abend ein so kleines brennendes Kerzlein vor einer Schwester im Kloster drunten im Rheinland sich für die Seele des Stifters verzehren?" . . . , Ich muß auch den Schluß des Briefes hierher- fetzen, was mir der Absender verzeihen möge, gehören doch gute Gedanken an sich schon der Allge- meinheit. Er lautet: „Ach, wieviel Ewigkeitswern und selbst wieviel momentanen Seesen töilnte manche Familie bekommen, wenn über die Weihnachtsfeiertage nur die Sekt- und Weinflaschen, di« Mastgänse und Hasenpfeffer, die des Guten zuviel sind, zu kleinen roten und weißen Christbaumkerz- chen geworden wären . . . Das nun ermüdet« Jahr würde weniger geschändete Seelen und abgeschossene Revolverkugeln zählen. Und viele Muttertränen müßten wohl nicht gemeint werden, wenn eine fromme Schwesternschar die Freudenflcimm- chen der in Liebe gegebenen Kerzlein beim Christkind zu Gnadenflämmchen macht ..."
Hat dieser Mann nicht recht?
Der Mann im Monde.
Karl Hau
Rhönstr. 10 Dachdeckergeschäft Telephon 373 .
Alle Arten
Dach- und Kirchturmarbeiten
in Schiefer, Ziegel, Pappe, Pappolin usw.
Asphaltieren von undichten Balkons, flachen Dächern und Kellerräumen
Beschlagen feuchter Wände und Wettergiebeln | mit Schiefer, Ziegel, Spitz- und Wettbrettern
Einspeisen von Ziegeldächern
Reparaturen werden sofort ausgeführt.
Treue Herzen.
Roman von Marie H a r I i n g.
71 --
Er wendet sich aufseufzend, als ob er schon gehen wollte, da umklammert sie mit beiden Händen seinen Arm.
„Nein, Roger, nein, ganz verlieren will ich Sie nicht. So lassen Sie uns in Gottes Namen Freunde bleiben!"
Sie sieht das triumphierende Lächeln nicht, das in seinen Augen liegt, denn sie nimmt soeben der Mutter die für Roger bestimmte Tasse Tee ab.
„Viel Rum und Zucker heute abend?", fragt sie dabei etwas boshaft.
„Ja, bitte, viel, liebe Freundin, das regt die schlaffen Geister an. Ich darf Ihnen also mein kleines Heideblümchen bringen?", beharrte er bei feiner Forderung.
„In Gottes Namen, ja, aber tadeln Sie mich nicht, wenn ich es nicht verstehe, Ihrem Heideblümchen den zarten Schmelz und Duft der Heide zu bewahren!", lacht die schöne Frau nervös.
Roger beugt sich über die weiße Hand, die lässig auf der Sessellehne liegt und berührt sie mit feinen Lippen.
„Ich danke Ihnen, Ellinor, Sie sind klug, Sie werden dem weltfremden Kind den Weg ins Leben fchon zeigen. Ach, ich bin ja auch froh, daß Sie mich nicht von Ihrem Herd verbannt haben; denn wo wäre es wohl schöner als hier? Niemand versteht es besser, den Tee zu bereiten als die gnädige Frau Mutter, dabei dann so ein kleiner Disput mit einer schönen Freundin, der so traulich knisternde Kamin — Herz, was willst du noch mehr?"
„Ach, Sie Unverbesserlicher, Sie begießen alles mit Ihrem kalten Spott, Sie lassen einfach kein warmes Gefühl gelten."
„Ist ja auch viel angenehmer und gesünder, schönste Frau Ellinor."
Als Roger Waltmann kurz vor Mitternacht seiner Wobnuna zuaeht. ticat ein nachdenklicher 3ua in seinem
Gesicht. „Sollte Frau Ellinor wirklich mehr Herz haben, als ich glaubte?", grübelte er, „sollte sie wirklich Siebe für mich empfinden?"
Doch dann reckt er plötzlich seine Gestalt aus der lässig gebückten Haltung empor.
„Pah, Unsinn, diese Frau liebt nichts als ihren Mammon, ihren Luxus und ihre Bequemlichkeit. Vielleicht kitzelte es ein wenig ihre Eitelkeit, wenn sie sagen könnte: Roger Waltmann, der beliebte Sänger, mein Bräutigam!"
Er lacht, doch so ganz anders klingt sein Lachen als sonst.
„Einmal, Roger, einmal konnte eine Frau dir diesen Titel geben, einmal glaubtest du, er enthalte einen Himmel voll Seligkeit für dich — und jetzt?"
Ihn friert plötzlich, er hüllt sich fester in seinen Mantel und strebt mit schnellen Schritten seiner Behausung zu. —
In bezug auf Frau Ellinor aber irrt sich der sonst so stauen- und weltkundige Mann doch ein wenig. Hätte er eine Ahnung, daß Frau Ellinor ihn wirklich liebt, er wäre zu ehrenhaft, jemals ihren Weg wieder zu kreuzen.
Frau Ellinor steht nach seinem Fortgehen einen Augenblick still und träumend vor dem hell lodernden Kamin, dann fällt sie plötzlich vor der erschreckten Mutter in die Knie und drückt wild aufschluchzend den Kopf in ihren Schoß. !
„Was habe ich nun von all meinem Reichtum, von all meiner Schönheit, Mutter? Nicht einmal den Mann kann ich mir damit erringen, den ich liebe!"
„O still, Kind, still! Du darfst nicht klagen! Das Leben hat dir soviel gegeben, es kann nicht all unsere Wünsche erfüllen."
„Ich will ja nichts, Mutter, nichts als seine Liebe."
„Täusche dich nicht, Kind! Könntest du Glanz und Luxus entbehren, an Rogers Seite? Ich glaube es nicht!"
„Ich brauchte sie ja nicht entbehren, ich wollte alles mit ihm teilen. Doch, ich weiß, wer mir sein Herz abwendig macht, wenn er es auch leugnet. Die Fremde ist es. fein Heideblümchen."
Frau Ellinor ist aufgesprungen, ihre Augen haben jetzt einen gefährlichen Glanz.
„Welche Idee von Roger, ich soll ihm seine Liebe beschützen! Hahaha!", lacht sie gellend, indem sie durchs Zimmer stürmt.
„Doch, ja, er soll sie mir bringen, jetzt gerade will ich sie kennen lernen und wenn sie ihn zu lieben wagt,- bann wehe ihr!", knirscht sie, die Hände zu Fäusten ballend.
„Ellinor, um Gottes Willen, so kenne ich dich ja gar nicht!", ruft die Mutier entsetzt.
„O, du kennst noch manche Eigenschaften deiner Tochter nicht. Weißt du, die Welt modelt die in Einsamkeit groß gewordenen Menschen um!"
„Das scheint mir fast. Es wäre nur zu wünschen, daß diese Umwandlung in besserem Sinne geschehe!"
„Laß das. Ich bin. müde, ich möchte schlafen gehen."
Sie wirst der alten Frau eine Kußhand zu, dann rauscht sie hinaus.
Frau Hermann bleibt noch eine Zeit lang am Kamin sitzen. Die Hände im Schoß gefaltet, blickt sie versonnen in die langsam zerfallende Glut. Zurück wandern ihre Gedanken, zurück in jene Zeit, da Ellinor noch ein Kind war, ein liebes, fröhliches Knd. Ellinors Vater war Beamter gewesen in einem Landstädtchen. Fünf Kinder waren dieser Ehe entsprossen, vier Buben und Ellinor, das Nesthäkchen. Das selten schöne Kind war von allen verwöhnt worden, von den Brüdern und von der Mutter, am meisten aber wohl vom Vater. Nichts war ihm zu schön und zu kostbar für seinen Liebling und die kleine Elli nahm alles als selbstverständlich hin, sie lachte und sang und obwohl sie eine kleine Tyrannin war, hatten sie doch alle lieb, denn sie wußte so reizend zu betteln, daß ihr keines widerstehen konnte.
Da traf das sorglos lachende Kind der erste Schmerz: der Vater starb gerade, als Elli ihren 18. Geburtstag gefeiert hatte. Mit dem Tode des Vaters fiel so mancher Nebenverdienst aus, die schmale Witwenpension reichte kaum für das Notwendigste. Elli mußte entsagen, oft sogar direkt entbehren, denn die Brüder waren alle noch nicht in festen Lebensstellungen, die jün- aeren mußten noch Hilfe von der Mutter haben.
Fr«u Hermann tat ihr möglichstes, ihrem Kinde bei Wechsel nicht zu sehr fühlen zu lassen, aber sie war ein, garte Frau, sie litt selbst zu sehr unter dem Tode bei Gatten, dazu war sie eine wenig selbständige Natur stets gewohnt, sich nach dem Wunsch und Willen ihre« (Baten zu richten.
In Ellinor lebte nur der eine Gedanke: Geld Der bienen, reich werden, um es den Bevorzugten der Erdi gleich tun zu können, die sie glühend beneidete.
In diese Zeit fiel ihr Vorsatz, zur Bühne zu gehen Sie hatte eine gute Stimme, war schön und klug uni hatte auf Liebhaberbühnen schon manche Rolle mit Erfolg gespielt — warum sollte sie nicht auch eine Berühmtheit werben können, der das Geld in Strömei zufloß.
Die Mutter erschrak, als sie bas Vorhaben ihre, Kindes erfuhr, „die Ausbildung kostet eine Menge Geld Kind, woher soll ich es nehmen?"
Ellinors Gesicht verfinsterte sich bei der Muttei Worten, doch sie hatte einen starken Willen und wem es ihr eigenes Wohl betraf, auch einen erfinderische! Geist. Sie hatte von dem außerordentlich reichen Kom merzienrat Theißing gehört, der schon mancher junget Kunstkraft auf die Beine geholfen hat, sie hoffte, e: würde auch ihr die Mittel zur Ausbildung vorstrecken Der schon ziemlich bejahrte Kommerzienrat lächelte eigen als das schöne Kind mit glühenden Backen und doi Erregung zitternder Stimme vor ihm stand und ihn sein Anliegen vortrug.
„Kind, die Bühnenlaufbahn ist gefährlich für eh junges, schönes Mädchen. Ruhm und Ehre müssen of teuer bezahlt werden."
Ellinor verstand damls die Worte des Mannes nod nicht, sie strahlte ihn nur mit ihren wundervollen Augen fternen bittend an.
„Ach ja Mutter hat es mir schon gesagt, daß es nie Geld kostet, darum bin ich ja zu Ihnen gekommen: dem meine Mutter hat kein Geld. Doch ich versprech- Ihnen, recht fleißig zu sein und bann, wenn ich einma selbst viel Geld verdiene, gebe ich es Ihnen wieder."
(Fortsetzung folgt.) ,