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Anzeiger für die Stadt Julda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatk.

M. 4.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen; „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatl. l,80einschl. Postgeb. (30 bezw. 48 Pf.) ohne Zustellg.

Samstag, 5. Januar 1929.

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56.Zahrg.

Deutschlands Wirtschaftslage.

Lebhafte Auseinandersetzungen im Anschluß an Gilberts Bericht.

In ihrem Finanzteil schreibt die Londoner „Morning Post": Ohne die gegenwärtige wirt­schaftliche Lage in Frankreich oder Deutschland schlechter machen zu wollen, als sie ist, können wir doch sagen, daß der Ausdruck „Wohlfahrt" viel­leicht etwas leichtfertig angewandt wird. Gegen­wärtig erfreut sich Deutschland, wenn man auf­grund seines Wechselkurses und der G old- reserve der Reichsbank urteilt, scheinbar einer noch nicht dagewesenen Wohlfahrt, aber die Tat­sache bleibt bestehen, daß ungefähr bis zum letz­ten Monat seine sichtbare Handelsbilanz stets passiv gewesen ist, und die Besserung seines Wechselkur­ses ist, wenn nicht völlig, so doch in der Haupt­sache mit den ständigen neuen Anleihen im Aus­lände zur Begleichung der täglichen Verpflichtungen verbunden. Anscheinend sind diese Anleihen in­folge der sehr hohen Zinssätze so ausgedehnt ge­wesen, daß sie nicht nur den Wechselkurs gestützt haben, sondern ihn auch bis auf einen der Gold­einfuhr günstigen Punkt gebracht haben, während gleichzeitig die hohen Zinssätze die Importeure von Gold ermutigt haben, die Mittel zur Ausdehnung der Kreditbasis zu erlangen. All' dies bedeutet an sich noch nicht Wohlfahrt, wenn es auch bei richtiger und kluger Verwendung des im Aus­lands geborgten Goldes ein Vorstudium dafür fein mag. Abgesehen davon muß daran erinnert werden, daß infolge der Entwertung der Mark, welche die inländischen wie die ausländischen Gläu­biger Deutschlands in gleicher Weise schädigte, der wirkliche Kredit Deutschlands als Borger zerstört war, bis Großbritannien und die Vereinigten Staaten bei Deutschlands finanzieller Wiederher- siellung freundliche Hilfe leisteten.

Der Reparationsagent Parker Gilbert, der in New Pork ankam, lehnte es ab, seinen Bericht zu kommentieren; er wird mit Coolidge, Mellon, Kellogg und den Bankiers konferieren. Die öffent- lichs Meinung in Amerika ist geneigt, den erst aus­zugsweise veröffentlichten Bericht, der vielfach mit Erstaunen gelesen wurde, als wertvoll en Bei­trag eines Fachmannes hinzunehmen, der zweifellos bei der Sachverftändigen-Konferenz als Ausganaspunkl dienen werde. Indessen wird der Bericht weder in Wallstret noch in Washington als Prognose der zukünftigen deutschen Zahlungsfähig­keit aufgefaßt.

So weist der „World" darauf hin, daß der Be­richt die n e u e st e Entwicklung Deutschlands u n- beachtet lasse. Auch ist man sich in der New Porter Bankwelt über mögliche deutsche Transfer- Schwierigkeiten vollkommen im klaren. Daß der Bericht nicht ohne Tendenz ist, wird auch von der „Times" zugegeben, welche die Meinung ausspricht, der Bericht verfolge „strategische Interes­sen", und auf die großen deutschen! Aus­land s k r e d i t e hinweist, welche die deutsche Wirtschaftsentwicklung ermöglicht haben. Im all­gemeinen läßt sich die Wirkung des Berichts als wohlwollende Befriedigung über die deutsche „Pro­sperität". kennzeichnen, wobei keinerlei Neigung festzustellen ist, den Bericht im einzelnen zu kriti­sieren, da man gewillt ist, die Diskussion über die Details der Expertenkonferenz zu überlassen.

z. *

Parker Gilbert erklärte gegenüber Pressevertre- er im Augenblick nicht in der Lage sei, auf alle Einzelheiten seines Berichts einzugehen.

^rauf hin, daß sein Bericht durch­aus tMettiD gehalten sei und weder Prophezeiun- gen noch -Theorien enthalte. Die scharfe K r i- hLrnAHiA? 6 n en Presse habe ihm eine beträchtliche Ueberraschung bereitete, besonders wundere er sich über die Behauptung der Zeitun­gen, daß er m seinem Bericht die Wirkung der „ J ® V n<rv5 'm ® A?e n "'cht in Betracht gezo- gen habe. Dies fei nicht zutreffend. Er habe dieFrage rtMo?#:„nü _" f . - 'stfbing. in ganz

oblekriver Werse, und dies sei vielleicht der Grund, weshalb viele Kreise m Deutschland seinen Berückt nicht entsprechend würdigten. Auf die Frage ob die Gerüchte, die von einem bevorstehenden'Rück­tritt wissen wollen, der Wahrheit entsprächen ver­weigerte Gilbert die Antwort. Er erklärte daß er jederzeit der Reparationskommission zu Diensten stehen urtb jede gewünschte Information geben würde. Der Reparationsagent wird seinen zwei­wöchigen Urlaub zum Teil in New York, zum Teil in Louisville (Kentucky) verbringen und Mitte Ja­nuar voraussichtlich nach Berlin zurückkehren.

Frankreich hofft durch Parker Gilbert zu günstigen Schuldbedingungen in Amerika zu kommen/

Zu dem Bericht Parker Gilberts äußert sich Noch eine Reihe Pariser Blätter:

Das „Oeuvre" schreibt: Um zu wissen, was Deutschland zahlen soll, müsse man vorher wissen, was die Alliierten an die Vereinigten Staaten werden zahlen müssen. Wird Amerika seme gegenwärtigen Forderungen aufrechterhalten oder sie ermäßigen. Darauf komme alles an, mit anderen Worten, die Lasten, die Deutschland werde tragen müssen, hingen vor allem von Amerika ab. ... Die „Ere Nouvelle" sagt: Das Problem enthält tur den Schuldner nur eine Lösung, die eine wirk­liche Lösung und kein Notausganq ist: Kasse auf!

. Das Gewerkschaftsblatt „Le Peuple" äußert sich solgt: Es ist offenbar nicht Parker Gilberts stosicht, zu der Folgerung zu kommen,-daß man vle Hochstfestsetzung der deutschen Schuld fordern ®e’n bricht zeige nicht, daß er daran ge= oaa)t habe. Nach der Vorlegung seiner Beobach­tungen sei es jetzt Sache der alliierten Regierun­

gen, sich zu äußern. Ihre Aufgabe sei es, zu sagen, unter welchen Bedingungen eine Regelung zustande kommen könne und ob hie Gesamtfestsetzung der deutschen Schulden im Hinblick auf die Mobilisie­rung nicht eine neue Abschätzung der deutschen Obligationen erfordere. Man habe gesagt, daß das Dawesabkommen weiter in Kraft bleiben müsse. Aber das sei keine Lösung, da ja heute jeder über den provisorischen Charakter des Dawes­planes und die Unmöglichkeit aufgeklärt fei, von ihm die Regelung des Problems zu fordern, dessen Lösung Bedingung für die Wiederaufrichtung Europas sei. Parker Gilbert sei ganz anderer An­sicht. Er habe gesagt, warum der Dawesplan durch eine Gesamtregelung ersetzt werden müsse. Er habe außerdem hinzugefügt, daß das Abkom­men, durch das dies möglich werde, dem gemein­samen Interesse Deutschlands und seiner Gläubiger entspreche in dem Augenblick, in dem die Führer der amerikanischen Politik unzweideutig klar mach­ten, daß sie gegen jede Revision der Schuldfrage seien, und man werde in Europa gut daran tun, die Warnung ihres Landsmannes Parker Gilbert zu hören.

*

Das Handelsamt in Washington veröfstnt- licht den Bericht des Handelsattaches des amerika­nischen Generalkonsulats in Berlin über die deut­sche Wirtschaftslage im zweiten Halbjahr 1928. Die­ser Bericht ist weit weniger optimistisch gehalten, als der Bericht Parker Gilberts, Er hat jedoch in der Presse noch keinen Widerhall gefunden.

* Verhandlungen über eine neue preußische An. leihe. Zu den Gerüchten über eine bevorstehende neue preußische Anleihe erfährt WTB.-Handels- dienst, daß tatsächlich Verhandlungen in dieser Rich­tung schweben. Heber die Höhe des Anleihebetra­ges, den Zinsfuß und den Ausgabekurs steht jedoch noch nichts fest.

Attentat in Warschau.

wtb. Warschau, 4. Jan. (Eig. Funkm.) Gestern vormittag drang ein eifriger Anhänger der Pil- sudski-treuen Sozialisten, Wenzel Kajdzinski, in das Rathaus von P e t r i k a u ein, streckte den ruhig an seinem Schreibtisch arbeitenden Beamten Jasz- kowski, der organisierter regierungsoppositioneller Sozialdemokrat ist, durch drei Revolver­schüsse nieder. Jaskowski war sofort tot. Darm ging der Mörder zu dem gerade abwesenden Bürgermeister, gab einen Schuß auf einen dort hängenden Mantel ab und sprang auf die Straße, um zu entfliehen. Er konnte jedoch festgenommen werden. Der Mörder gab an, daß er seine Tat aus politischen Motiven begangen habe, um den regie­rungsoppositionellen Sozialisten einen Denkzettel zu verabreichen. ___________________

* Annäherung zwischen den österreichischen Mehrheitsparteien. Aus Wien wird gemeldet: Die Verhandlungen zur Beseitigung der Meinungs­verschiedenheiten innerhalb der Mehrheitsparteien nahmen mit der Konferenz zwischen den Christlich- Sozialen und dem Landbund ihren Fortgang. Nach der gemeinsam ausgegebenen Mitteilung ist in den strittigen agrarischen Fragen eine weitgehende An­näherung zwischen den beiden Parteien erzielt wor­den. Ferner wurde von beiden Seiten lebhaftes Bedauern über die in Versammlungen und in der Presse gegen den anderen Teil gerichteten Angriffe zum Ausdruck gebracht. Es wurden Maßnahmen vereinbart, um in Zukunft alles zu vermeiden, was ein gedeihliches Zusammenarbeiten stören könnte.

* Die Beilegung des bolivianisch-paraguanischen Streites. Aus Washington wird gemelder: Die bolivianischen und die paraguanischen Delegier­ten haben das Versöhnungsprotokoll unterzeichnet.

Sozialdemokraten, Wehrmacht und wir.

Wie gegensätzlich man innerhalb der Sozial­demokratischen Partei Deutschlands über das Pro­blem der Wehrhaftigkeit denkt, wie groß „die Weite der Meinungsverschiedenheiten" ist, die „durch das Wehrprogramm der Partei nach Mög­lichkeit überspannt werden soll", das wird in deut­lichster Weise durch zwei Aufsätze demonstriert, die der „Vorwärts" am Donnerstagmorgen hinter­einander veröffentlicht hat. Den ersten dieser Auf­sätze hat der Abgeordnete Künstler verfaßt, den zweiten ein Herr Franz Josef Furtwängler, der nach unseren Informationen freigewerkschaftlichen Kreisen angehört.

Künstler hat als Mitglied des ad hoc einge­setzten sozialdemokratischen Wehrausschusses gegen das Wehrprogramm gestimmt, hauptsächlich des­halb, weil er die von der Kommissionsmehrheit be­schlossene Formulierung des Absatzes III des Pro­gramms und „die daraus hergeleitete Bejahung der Wehrmacht" für „geradezu gefährlich" hält. Dieser Absatz III erklärt zum wirksamsten Schutz der Deutschen Rupublik eine „Außenpolitik, die auf die Verständigung der Völker und die Erhaltung des Friedens gerichtet ist", meint aber gleichzeitig, angesichts der hoch gerüsteten imperialistisch oder faschistisch gesonnenen Umwelt könne die Deutsche Republik nicht darauf verzichten, „zum Schutze der Selbstbestimmung ihres Volkes eine Wehrmacht aufrecht zu erhalten". Für Herrn Künstler birgt der Absatz III, den wir als das Kernstück des ganzen Programms ansehen, eine Argumentation, deren sich alle verantwortlichen Militärs und rechts­stehenden Politiker zur Begründung ihrer Militär­vorlagen schon immer bedient hätten. Nach Künst­ler muß der Absatz eine andere Fassung erhalten, wobei Don dem Standpunkt auszugehen wäre, „daß die heutige Wehrmacht umgeformt werden muß zu einer Erenzschutzpolizei". Nähere Angaben feh­len. Man erfährt also nicht, ob Herr Künstler der Ansicht ist, man könne den Feind genau so gut arretieren wie eine Schmugglerbande oder ob er feiner Reichswehr überhaupt nur die Rolle des Zollwächters zuweisen will.

Furtwängler kommt von der anderen Seite. Für ihn steht es fest, daß eine „große Arbeiter­und Volkspartei wie die Sozialdemokratie nichts unterlassen darf, was dem Schutze der eigenen Heimat dienen kann". Er bejaht das Programm und in ihm besonders den Absatz, den Künstler verwirft. Er bekämpft den trügerischen „Pazifis­mus" der Sowjet-Diplomatie mit ihren eigenen Mitteln und den „entschiedenen Pazifismus", dem manche sozialdemokratische Schichten anhängen, mit ziemlich deutlichen Worten. Er beruft sich auf die alten Größen feiner Partei und verkündet als eigene Meinung: „Wenn der entschiedenste Pazi­fismus darin besteht, die Zertrümmerung der letz­ten Pistole zu fordern, ohne nach dem rechten oder dem linken Nachbarn der Nation zu schauen: dann ist die Annahme solcher Richtlinien allerdings die Abkehr von einem Pazifismus, von dem ich hoffe, daß er nie in der Partei vorhanden war; denn mit solchem Bekenntnis dürfte keine Partei die Mit­verantwortung für die Leitung eines Staates über­nehmen, der 'von anderen wohl nicht unerheblich bewaffneten Ländern rings umgeben ist."

Zwischen dem „Grenzpolizisten" des ersten Arti­kels und dem „wehrhaften Sozialisten" des zweiten klafft, wie man sieht, ein so beträchtlicher Gegen­satz, daß man den leisen Zweifel versteht, den der Vorwärts selbst über die Möglichkeiten eines Aus­gleiches empfindet. Die Auseinandersetzung im so­zialistischen Lager, die bis zum Parteitag im März kaum abreißen dürfte, und vor allem der auf dem Parteitage selbst zu erwartende Kampf kann unter Umständen staatspolitisch bedeutsame Folgen haben. Das zwingt auch uns dazu, dem Verlauf der

Debatte mit regem Interesse und unentwegter Sach­lichkeit zu folgen. Uns drohen durch die sozialdemo­kratische Hinwendung zum Wehrgedanken — denn das bedeutet das Wehrprogramm trotzheines Konv- promkßcharakters — feine Felle wegzuschwimmen. Wir brauchen nicht, wie es die Kreuzzeitung tat, mit schrillem Geschrei von dem „Armutszeugnis" zu reden, das die Sozialdemokratie sich da angeblich ausgestellt hat. Wir können mit ruhiger Deutlich­keit sagen, welche Teile des sozialdemokratischen Wehrprogramms diskutabel und welche für uns unannehmbar sind. Das ist ja auch schon geschehen. Ablehnen werden wir jeden Versuch, unsere Reichs­wehr im Sinne der österreichischen Wehrmacht zu politisieren. Wir wollen, daß unser Heer unbe­dingt eitf Diener des Staates, des gegen­wärtigen Staates, ist, fein Parteiapparat. Der Gedanke der „Personalvertretung" oder der „Demo­kratisierung des Disziplinarrechtes" verträgt sich nicht mit der eigentümlichen Struktur einer Truppe. Die allgemein menschlichen Rechte der Mannschaft können mit anderen Mitteln gesichert werden. Auf der anderen Seite aber ist anzuerkennen, daß durch das Programm die Stellung der Sozialdemokratie zu den Wehrfragen geklärt worden ist. Sie hat sich in positivem Sinne zu dem Gedanken der Landesverteidigung bekannt, und das scheint uns wichtiger zu sein als die ihrem radikalen Flügel gemachten Konzessionen, und auch wichtiger als die Frage, wie sie sich dem künftigen Wehretat gegen­über verhalten wird. Wir glauben nicht, daß die sozialdemokratische Parteileitung die genannten Be- schwichtigungskonzessionen, die wir, wie gesagt, in jedem Fall ablehnen, zur Bedingung ihrer Zu­sammenarbeit mit den anderen Parteien machen wird, und wir halten es selbstverständlich für ganz unmöglich, daß die sozialdemokratische Reichstags­fraktion den Wehretat etwa in Bausch und Bogen ablehnt.

Aber das Recht, den Wehretat zu kritisieren oder zu versuchen, ihn fo sparsam wie möglich zu ge­stalten, wird man ihren Mitgliedern schlechterdings ebenso wenig abstreiten können, wie man es etwa unseren Abgeordneten abstreiten kann. Ob man einen positiv vorliegenden Etatsentwurf für gut oder für verbesserungsbedürftig hält, ist kein Kri­terium dafür, wie man zur Frage der Wehrhaft tigkeit selbst eingestellt ist.

Die Zentrumspartei hat immer die Notwendig­keit einer Wehrmacht zur Verteidigung des Landes bejaht und dabei sind immer prominente Zen­trumsabgeordnete für eine vernünftige Zumesiung des Heereshaushalts eingetreten. Es gab und gibt für den Abgeordneten stets eine Pflicht zu kritischer Haltung, namentlich jetzt, wo über die Zweckmäßigkeit unserer Heeresorganisation so ganz verschiedene Meinungen bestehen. Während die Einen den Standpunkt verfechten, man müsse alle Riistungsmöglichfeiten gewissenhaft ausnutzen, die der Versailler Vertrag uns bietet, glauben die anderen, daß die in Versailles uns aufgezwungene Heeresorganisation aus dem Wunsch unserer Feinde heraus entstanden ist, uns einen möglichst schwerfälligen und unzweckmäßigen Apparat in dis Hand zu geben. Wir erinnern nur an den Streit um den Wert unserer Kavallerietruppenteile, die man einerseits in ihrer gegenwärtigen Anzahl und Form für unbrauchbar hält, — auch Seeckt teilt bekanntlich diese Ansicht. — während man anderer­seits genau von dem Gegenteil überzeugt ist. Je nachdem nun ein positiv vorliegender Etatsentwurf von der einen oder der anderen Anschauung aus­zugehen scheint, wird die Haltung der Abgeordne­ten variieren, ohne daß daraus ohne weiteres ein Schluß auf ihre Einstellung zum Wehrproblem uöalich roärr

politische Balkan-Bilanz.

Von Dr. Julius Rud. Ka im-Athen.

Wie haben wir es fo herrlich weit gebracht, Kellogg und Rüstungen, Locarno und Rheinbe­setzung, Pakte und Geheimverträge, viel guter Wille und wenig Erfolge dieses guten Willens.

Was sich in „Kultur-Europa" absvielt, spiegelt sich verzerrt in den politischen Spiegeln $aita­rnens; daneben aber mimt die Balkanpolitik ihre eigenes Schauspiel und eigenes Lustspiel. Wir ha­ben viel erlebt im letzten Jahre: wir haben gese­hen, daß zwischen Belgrad und Rom sich trotz aller Reeden und Versuche nichts geändert hat, wir haben von den Schüssen in der Belgrader Skuptschina gehört und ihren Folgen, die um Haaresbreite an der Zerstörung des jugoslavischen Staates vorbeigingen, wir haben den Sturz der allmächtigen „Liberalen" in Rumänien erlebt und sahen Bukarest und Athen, Athen mit Rom Pakte schließen; und zum Schluß des guten, alten, Jah­res hörten wir noch, wie Griechen und Türken sich in ihrer Presse beschimpften, und wunderten uns nicht, daß Italien einen Staatssekretär nach An­gora schickte, um dort gegen eine weitere Ver­schlechterung der Beziehungen zwischen der Türkei und Griechenland zu arbeiten.

Das alles sahen und erlebten wir. Und wenn wir die Bilanz ziehen wollen, so kann sie keines­falls rosig fein; der Balkan schließt, feine letzt­jährige Bilanz mit deutlichem Verlust ab. Das werden alle an der Spitze ihrer Staaten marschie­renden Balkan-Staatsmänner ablehnen, ja, sie muf­fen es sogar von ihrem Standpunkt aus ablehnen! — aber gerade in der Beurteilung dieser ihnen io nahegehenden Frage sind sie viel weniger zuständig als ihre jeweiligen Gegenspieler, deren größtes In. teresse in der Offenbarung aller Mängel und Feh­ler, aller nicht geglückten Versuche liegen muß.

Um drei Männer drehte sich in diesem vergan­genen Jahre die Balkanpolitik: um R a d i t sch, den man erschoß, um Manin, der endlich an d i e Stelle kam, die er Jahre hindurch erstrebt hatte, und um V e n i z e l o s, der wieder aktiv in die Po­litik ein griff. Und man kann sagen, daß der tote Raditsch dem jugoslavischen Staate beinahe mehr zu schaffen macht, als je der lebende selbst in seinen revolutionärsten Zeiten: man kann wenig über Manin sagen, denn seine Wirksamkeit ist vor­läufig noch von zu kurzer Dauer gewesen. Aber man kann jagen, daß Venizelos es verstanden hat, das balkanische Schwergewicht nach Süden, nach Athen, zu verlegen.

Venizelos hat den Pakt mit Mussolini geschlos­sen; das ist ein Aktivum der Balkanpolitik; er wollte gleich im Anschluß daran einen Pakt nul Belgrad, als Gegengewicht sozusagen, schließen: und das ist ihm bisher nicht gelungen, wird ihm in der von ihm gesuchten Form auch kaum so bald gelingen. Er hätte gern eine freundschaft­liche endgültige Regelung aller zwischen Athen und Sofia schwebenden Fragen erreicht, aber et mußte vorläufig auch diesen Wunsch begraben; und er wollte schließlich mit dem „Erzfeind", der Tür- keit, auf den Punkt kommen, den Italien als not­wendige Ergänzung der zwischen Rom und Athen einerseits, Rom und Angora andererseits geschlos. senen Pakten ansieht. 2lber auch hier ist er auf einen Wall gestoßen, den er so schnell nicht wird erstürmen können.

Das besagt alles. Denn das zeigt, daß man von einem sogenannten „Balkan-Locarno", einem geistigen Locarno zum mindesten, noch genau so entfernt ist wie vor einem Jahre. Vielleicht so­gar noch weiter. Und dies, obwohl kaum bezwei­felt werden kann, daß alle, zum mindesten fast alle an diesen Fragen beteiligtenStaatsmänner durchaus friedliche Absichten hegen, in Belgrad nicht minder als in Angora, und ohne Zweifel in Athen. Die Quelle alles Hebels liegt, genau wie vor einem Jahre, genau wie vor zwanzig Jahren, in der Verquickung balkanischer mit „großer" Politik; nur daß heute die mächtige Scheidewand, die drohende Gewalt des trennenden und doch verbindenden Oesterreich-Ungarn fehlt. Und Italien hat diese Rolle noch nicht übernommen; fraglich auch, ob seine geographische Lage eine absolute Uebernahme der Stellung des alten Oesterreich in balkanischen Fragen zuläßt und ob seine Machtpolitik fest genug verankert wäre, sie nötigenfalls durchzuführen.

Fragt man bescheiden, ob denn dieses Jahr die Gesamtheit aller geplanten und geschlossenen Bal­kanpakte den Frieden gesichert hat, so muß man gestehen, daß sie es nicht getan haben. Freilich muß man hinzufügen, daß die Kriegsgefahr erst dann wirklich akut werden kann, wenn die Finan­zen und die wirtschaftliche Lage der einzelnen Bal­kanstaaten es gestatten, und man kann beruhigend verkünden, daß es kaum einen einzigen Balkan­staat geben dürfte, der heute feine Finanzen vol­ler Freude betrachten könnte. Sie machen Anlei­hen und leider unter wirtschaftlichen Krisen, sie streichen hier etwas aus dem Budget und stopfen dort ein peinliches Loch zu, sie reformieren und suchen, sich aus der pekuniären Zwangslage zu befreien, in die „Sieger" und „Besiegte" zu glei­chen Teilen „hineingeschliddert" sind.

Heute gelten für Krieg und Frieden doch an­dere Symptome wie vor dem Weltkriege;' wenn heute wildgewordene Komitadschis an den Grenzen die Posten anderer Staaten behelligen, wenn ge- schossen wird und scharfe oder liebenswürdige No­ten um gefällige Abstellung dieses Uebelltandes er- suchen, so zeigt dies, daß zwar gewiß nicht alle­in Ordnung sein kann, daß aber doch die M i f t e 1 fehlen, etwas Kriegerisches aus diesen Vor­kommnissen zu formen. Vielleicht zeigen derartig Abwicklungen auch wirklichen Friedenswillen. Drei, mal m zwei Jahren hat das ewige „noli tne ton-