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Samstag, den 5. Januar 19 9.

Fuldaer Zeitung

3. Blatt.

Druck der Fuldaer Actteadruckerei, Fulda

Da; Reparationrproblem.

Dr. Peter Reinhold, der frühere Reichs- Minister der Finanzen, ein Demokrat, schreibt über dieses wichtige Problem:

Wenn nicht alle Anzeichen trügen, wird die internationale Politik Europas im Jahre 1929 stark im Zeichen des Reparationsproblems stehen. Zwar sind die in Genf vereinbarten Besprechungen au­ßerordentlich langsam in Fluß gekommen, was wohl nicht auf nur Formalien zurückzuführen sein dürfte, aber diese Verzögerung hat vielleicht das Gute gehabt, daß in der Zwischenzeit durch die in­ternationalen Diskussionen in der Presse wie in den Kreisen der Finanz- und Wirtschaftsführer noch klarer als bisher erkannt worden ist, wie ftairk an der Lösung dieser Frage nicht nur die Reihe der beteiligten Staaten, sondern die ganze Welt interessiert ift.

Denn die durch das Dawesabkommen vorläufig geregelten Zahlungen Deutschlands stellen ja ihrem ganzen Charakter nach nicht nur eine Kriegsent­schädigung des besiegten Landes an den Sieger dar: sie drohen, sich — je länger, je mehr — zu einem bedenklichen Störungsfaktor des freien Warenaustausches zwischen den Nationen zu entwickeln.

Wenn diese Störungen in den bisher abge­laufenen Jahren, seitdem der Dawesvertrag in Kraft ist, relativ noch wenig in Erscheinung ge­treten sind, so liegt das an zwei Tatsachen: erstens daran, daß infolge der Deutschland gewährten Atempause unsere Zahlungen erst allmählich ange­stiegen sind und bekanntlich erst vom 1. Sept, ab die Normalhöhe von 2,5 Milliarden Goldmark er­reicht haben, und zweitens daran, daß Deutschland diese Summe bisher nicht durch Waren beglichen, sondern das Geld zur Bezahlung seiner Verpflich­tungen vom Ausland geborgt hat.

Diese beiden Momente erklären gleichzeitig auch im Zusammenhang mit der loyalen Zusammenar­beit zwischen dem Reparationsagenten und der deutschen Regierung das bisher reibungslose Funk­tionieren des Dawesplanss: die langsam ansteigen­den Summen konnten mühelos, wenn auch zu exorbitant hohen Zinssätzen, durch private deutsche Anleihen im Ausland aufgebracht werden.

Die Erkenntnis dieser Zusammenhänge aber gibt gleichzeitig den Aufschluß, warum das Funk­tionieren des Dawssplanes für die Zukunft au­ßerordentlich in Frage gestellt ist. Deutschland hat zu seinen steigenden Daweslasten noch jährlich stei­gende Zins- und Amortisationsbelastungen aus der privaten Verschuldung seiner Wirtschaft aufzu­bringen, und jedes Jahr, in dem mit dem sogenann­ten unechten Transfer, d. h. mit der Z u r v e r f ü- gungstellung geborgter Devisen an den Reparationsagenten fortgefahren wird, macht den echten Transfer, d. h. die Bezahlung unserer Verpflichtungen mit deutschen Waren, unwahr­scheinlicher bis zur Unmöglichkeit. Zwar hat die Investierung fremden Kapitals in Deutschland, die mir infolge der hohen Zinsfüße und Risikoprämien für den ausländischen Geldgeber ebenso vorteilhaft wie für die deutsche Wirtschaft infolge der Kapital. Zerstörung durch die Kriegs- und Inflationszeit unbedingt notwendig erscheint, zweifellos eine E r- Höhung unserer Produktionskapazi­tät mit sich gebracht; aber diese innere Verbesse­rung unseres Produktionsapparates war nicht groß genug, um die falsche Voraussetzung des Dawes- planes zu beseitigen, die das Gründübel aller Röte

Fahrrad-Faulstich spricht:

ßM Ich hin unter Nr. 1077

an das Fernsprechnetz anjesrhlossen

ist: die Voraussetzung nämlich, daß die rekon­struierte deutsche Wirtschaft einen Exportüber­schuß möglich machen würde, der die Bezahlung der falsch und willkürlich gegriffenen «summe von 2,5 Milliarden Goldmark jährlich auf die Dauer rechtfertigen könnte.

Die Erfahrung im letzten Jahre indessen hat ergeben, daß die deutsche Wirtschaft infolge der durch den inneren Aufbringungszwang dieser Summe zwangsmäßig zu starker Steuerbelastung und des damit in Verbindung stehenden zu hohen Zinsfußes trotz der technischen Verbesserungen und der vorzüglichen Leistungen der deutschen Hand- und Kopfarbeiter bei relativ niederigen Gehäiltern und Löhnen nicht imstande ist, den zu einein echten Transfer der Daweslast nötigen Exportüberschuß zu erzielen, wozu die in allen Ländern nach Kriegs­ende befolgte Schutzzollpolitik noch als erschweren­des Moment hinzukommk.

Der Transferschutz, das wichtigste Sicherungs­mittel Deutschlands vor neuem Währungverfall, wirtschaftlicher Rot und politischer Zersetzung, wird deshalb, wenn die Dawesverträge nicht geändert werden, in absehbarer Zeit praktisch in Erscheinung treten müssen: der Generalagent wird die deut­schen Zahlungen nicht mehr transferieren können und sehr bald beginnen müssen, sie in Deutschland anzufammeln, was zu wirt­schaftlich und finanzpolitisch unerträglichen Zustän­den führen würde — wenn es für eine längere Zeitspanne wirklich dazu käme.

Die Vermeidung dieser in ihren Rückwirkun­gen für die ganze Weltwirtschaft unerwünschten Folgen muß deshalb das wirtschaftliche Ziel einer Revision des Dawesplanes sein, das heißt, eine genaue Prüfung der deutschen Finanz- und Wirtschaftslage muß die Frage beantworten, zu welcher Höchstleistung Deutschland imstande ist, wenn die gesamte Kraft der Nation in den Dienst der großen Aufgabe gestellt wird, durch loyale Er­füllung einer mit vollem Verantwortungsbewußt­

sein übernommenen Verpflichtung der Generation, die nach uns kommt, die volle politische Freiheit und wirtschaftliche Unabhängigkeit zu sichern.

Das ist ein Ziel, das große und schwere Opfer lohnt; aber keine deutsche Regierung wird — davon bin ich fest überzeugt — unter Aufhebung des Transferschutzes eine Leistungs­pflichtung übernehmen, die auch bei loyalster Einstellung die Wirtschaftskraft des deutschen Vol­kes übersteigt.

Diese Summe richtig zu bestimmen, wird eine ernste und schwere Aufgabe sein; noch schwerer die Notwendigkeit, diese wirtschaftlich mögliche Summe mit den politischen Forderungen aller Kontrahenten in Einklang zu bringen. Trotzdem muß der ehr­liche Versuch gemacht werden; denn von seinem Gelingen hängt es ab, ob der Albdruck der Re­parationen, der nicht nur auf Deutschland, sondern auf ganz Europa lastet, endlich verschwinden kann und damit den Weg au einer wirklichen politischen und wirtschaftlichen Verständigung zwischen allen Nationen frei macht.

5ozia'e§.

— Zusammenkunft der Direktoren der hauptversor- gungsämter. Im Reichsarbeitsministerium versammeln sich am 4. Januar die Direktoren der Hauptversorgungs- ämter zur Erörterung wichtiger Fragen aus dem Ge­biete der Versorgung der Kriegsbeschädigten und Kriegs­hinterbliebenen.^________________

* Uebernahme der deutschen, russischen und fran­zösischen Konzessionen in China durch die örtlichen Behörden, Havas berichtet aus H a n k a u, daß die örtlichen chinesischen Behörden in den Gebieten von Hqnkau, Wuschang und Hanang der früheren deutschen, der früheren russischen und der französi­schen Konzessionen übernommen haben. Die Schnel­ligkeit dieser Maßnahme hat die ausländischen Be­hörden am Einschreiten verhindert, man erwartet aber, daß die Angelegenheit bald aufgerollt wird.

Gottesdienstordnunst.

katholischer Gottesdienst.

Fest der Erscheinung des Herrn.

Sonntag, 6. Jan. Kollekte für die afrik. Missionenu.Winfriedbund. Hulda, vom. 1. Beicht- gelegenheiten sind: Samstag morgens von ' 26 Uhr ab; nachmittags von 2—3 für Kinder; von '/r5—7 Uhr und von V28 Ubr ab für Erwachsene; Sonntag morgens von ‘ 26 Uhr ab. 2. Sonntagsgottesdienste: '/,6, 6, und 7 Uhr öl. Messen mit Gelegenheit zum Empfang der bl. Kommunion. Um 8 Uhr Pfarramt mit Predigt, Komm, des Männerapostolates und des 8. Schuljahres. ’AIO Uhr Kathedraiamt mit Predigt, ’/dl Christenlehre für die Jünglinge. VJ2 Uhr letzte hl. Meße mit Predigt. ‘/t2 Uhr Andacht für den Kindheit-Jesu-Verein mit Predigt und Segen. 2 Uhr Cbristenl. der Jungfrauen. 4 Predigt und Andacht. 6 Andacht in der Marienkapelle 3. Werktagsaottesdienste: Jeden Morgen von V,6—7 Uhr halbstündlich hl. Messen mit Kommunion-Austeilung. s/«8 Pfarroottesdienst mit hl. Kommunion. Um 9 Uhr letzte hl. Meffe mit Austeilung der heiligen Kommunion. Montag abend 5 Andacht zu Ehren der Gottesmutter. — Stadtofarrktrche. Kollekte für die afrikanischen Missionen u. Winfriedbund. Beichte: Samstag nachm. 3—7,7V»—8'/-,Sonntag früh 5'/«—7 U. SonntagS- Gottesdienste: 6 hl. Messe, 6'/« hl. Messe und Komm, des Männerapostolates. 8 Uhr erster Schulgottesdienst, Predigt und Komm, des 8. Schuljahres. V2IO Uhr ist Hochamt und Pred. 11 Uhr zweiter Schulgottesdienst mit- Predigt. Um 2Vi Uhr nachmittags Segensandacht. Die hl. Kommunwn wird von ös/<—71/« Uhr jede halbe Stunde gespendet, außerdem um 8V1 und 91/« Uhr. Werktagsgottesdienste: 6V-, 7, 7-/« und 8V, Uhr. Mitt- woch, Freitag, Samstag früh 6V1 Uhr Beichtgelegenhert. Am Freitag nachmittag um 5 Uhr Segensandacht. — pfarrlircke jum heiligen Geist. 7 Uhr Frühmesse mit

Ansprache. 8 Uhr Hochamt und Predigt. */«ll Kinder, gottesdienst und Ansprache. 5 Uhr abends Andacht. — St Sturmius - Pfarrkirche. 7'/« Kommun.-Austlg. 71/* Frühmesse mit Predigt, Kommun, der Männer. 9 Uhr .Hochamt mit Pred. Danach Christenl. V,2 Seqensand. — »bteikirche d. venedikttnerinnen Sonntag "«6 stille Messe, Vi9 Konventamt, 3 Vesper. — yerz-Zesu-keim. Sonntags 117 Uhr hl. Meffe. pi9 Uhr Amt und Predigt. 2 Uhr Andacht und Segen. Werktags l,i7 Uhr hl. Messe. Mittwoch abend um 81/« Uhr Andacht und Segen. — Hriedhofrkapelle om HranzoseuwSIdchen. Sonntag: 61« hl. Messe mit Ansprache und Kommunion»Austeilung. Werktags-, 7*/s hl. Messe mit Kommunion-AuSteilung. — Severikirche. 7 hl. Messe. 8 Oberreatschulgottesdienst. — Srauenbtrg. Hl. Messen v.5—7 Ubr. 8 Singmeffe mit liturg. Gebeten. Um 9 Uhr Militärgottesdienst, Levitenamt mit Predigt. 2 Uhr Predigt, Andacht und Umgang für die Antoniusbruderschaft.

Neuenberg. */i9 Uhr Amt und Predigt. — Lehrer; VilO Uhr Amt und Predigt. — Dirlerrhan. 8 Uhr Amt und Predigt.

Evangelischer (KotteSdienst.

Sonntaa, den 6. Januar. Hulda. Um 9Vi Ubr Kreispfarrer Weber. 6 Uhr abends Pfarrer Hattendorff Amtswoche: Pfarrer Hattendorff — Großenlüder. Um 10 Uhr vorm. Pfarrer Hattendorff. — Bad Salzschlirf. Montag, 7. Jan., 4‘/i Uhr nachm. Bibe.stunde.

Mittwoch, 9. Januar. Hulda. 8 Uhr abends Brbelstunde (Schwesternhaus).

Gvangel. landerkirchl. Gemeinschaft, Hulda, vultlarftr. 17.

Sonntag, 6. Januar. Abends um 8 Uhr Bibel, stunde. Dienstag abend 81/« Uhr Bibel- und Gebetstunde. Jedermann ist herzlich eingeladen.

Amerikanische Botschaft in Berlin.

Das zukünftige Gebäude der Berliner amerikanischen Botschaft

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zählt zu den schönsten Häusern im Berliner Tier­gartenviertel. Es war lange Jahre hindurch das Heim der bekannten Berliner Bankierfamilie von Bleichröder und wird von der amerikanischen Botschaft am 1. April bezogen.

Frankfurter Gper.

Samstag, 5. Ian., 15 Uhr: T.rilltrall und seine Brk der. 19% Uhr: Fidelio.

Sonntag, 6. Dez., 15 Uhr: Trilltrall und seine Brü< der. 19 Uhr: Die Fledermaus.

Zranklurter Nai)!o-Vrooramm.

Samstag, den 5. Januar 1929.

6.30: Morgengymnastik. Anschließend: Wetterbericht und Zeitangabe. 13.15—14.15: Mittagskonzert des Rund­funkorchesters. 15.05—15.35: Stunde der Jugend. 15.55 bis 16.05: Hausfrauendienst. 16.35—18.05: Nach Stutt­gart: Konzert des Rundfunkorchesters: Karl Goldmark (geft. 2. Januar 1915). In der Pause: Vereinsnachrichten und andere Mitteilungen. 18.10—18.30: Lesestunde. 18.30—18.45: Briefkasten. 18.45—19.15: Esperanto-Un­terricht, erteilt von W. Wischoff. 19.15—19.45: „Aufbau, dichterische Formen, einleitende und entworfene ab­schließende Dichtungen in Goethes „Faust", Vortrag von Pfarrer Taesler. 19.45—20.15: Stunde des Frankfur­ter Bundes für Volksbildung: „Erziehung zur Mensch­lichkeit", Vortrag von Henriette Fürth. 20.15: Von Stuttgart: „Ballnacht", Operette von Oscar Straus. Anschließend bis 0.30: Don Berlin: Tanzmusik.

wie wird das weiter?

Während eine milde Westströmung über Nordskan­dinavien das Hochdruckgebiet von Norden her abbaut, verstärkt dieses sich an seiner. Südseite infolge einer kal­ten Ostströmung. Diese Ostströmung wird' auch unsere Witterung weiterhin bestimmen, sodaß mit Fortdauer des Frostes, aber nur vereinzelten Schneefällen gerech­net werden kann.

Witterungsaussichten für Samstag: Wenig Aen- derung.

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Schriftleiter: Dr. phil. Johannes Kramer.

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»2ch danke Ihnen, Heinrich, werde mich schon zurecht­finden!"

Roger klopft an eine der hohen, weiß gestrichenen Türen, die in den Flur münden, und ohne das „Her­ein" abzuwarten, tritt er ein. Es ist ein allerliebstes, aber auch kostbares Nestchen, das sich Frau Ellinor zu ihrem Wohnzimmer erwählt hat; es zeugt nicht nur von dem Reichtum, sondern auch von dem guten Ge­schmack seiner Besitzerin.

Kostbare Gemälde in breiten, schweren Goldrahmen, sellene Gobelins zieren die Wände, weiche Perserteppiche dämpfen jeden Schritt, von den hohen, bis auf den Fuß­boden hinabreichenden Fenstern feines Spitzengeriesel unter einer Portiere von türkischem Atlas. Sessel und Stühle in der gleichen Farbe stehen wahllos umher, Blumen duften aus feinen japanischen Schalen, hohe Blattpflanzen dekorieren mit ihrem dunklen, saftigen Grün die Zimmerecken.

Ganz nahe an den mit einem kunstvoll vergoldeten Gitter versehenen Marmorkamin ist ein kleiner Teetisch gerückt. Zwei Damen sitzen am Kamin in bequemen Sesseln, die eine zierlich und klein in schwarzer Seide, ein Spitzenhäubchen auf den weißen Locken, die andere wie ein Bild eines alten Meisters, üppiges, tizianisches Blondhaar über einer hohen, weißen Stirn, dunkel um­schattete, meergrüne Augen, von fesselndem Glanze. Eine Robe von sattrotem Sammet erhöht den Reiz ihrer vorteilhaften Erscheinung. Perlenschnüre schmücken das Haar, vom Nacken hebt sich eine feine Goldkette ab, die ein Kreuz aus feiner sizilianischer Goldarbeit hält.

Ein feines Rot der Erregung deckt heute ihre für gewöhnlich etwas blaffen Wangen, die leuchtenden Augen kümmern spöttisch, als die schöne Frau sich dem Ein­tretenden zuwendet.

,,Ei, sieh da, Freund Roger, ich ließ für Sie nicht wudecken, ich glaubte Sie heute abend anderweitig ge­kesselt."

Sie streckte ihm mit nachlässiger Bewegung ihre Wwelengeschmückte Hand entgegen.

Treue Herzen.

Roman von Marie H a r l i n g.

„Sollte die schöne Frau Ellinor wirklich so kleinlich sein und einem armen Mädchen nicht ein wenig Freund­schaft gönnen?"

„Freundschaft ist ein harmloser Name!", spottet die schöne Frau, „wenn er nur nicht gar zu oft der Deck­mantel für allerlei Liebschaften fein müßte!"

Roger richtet sich mit blitzenden Augen auf.

„Soll ich wieder gehen, Frau Ellinor? Sie wissen, Tadel vertrage ich nicht."

„Ach, Sie Herr Hochhinaus! Natürlich muß man Ihnen noch schön tun, selbst dann, wenn man zusehen muß, wie die Blumen, mit denen man den Freund ehren wollte, der ersten besten Theaterprinzessin gegeben werden," schmollt Frau Ellinor mit bitterem Blick.

Roger lachte leise.

„Darum also so ungnädig, verehrte Freundin? Gön­nen Sie doch diesem Mädchen aus der Fremde die paar Blumen. Ihr werden sie ein liebes Andenken fein an erfüllte Träume; bei mir wären sie doch gleich ver­trocknet!"

Frau Ellinor ist aufgestanden; eigenhändig rollt sie einen Sessel zum Kamin.

„Roger, mit Ihnen kann man nicht streiten, Sie wis­sen immer alles so zu drehen, daß Sie recht behalten. Hier setzen Sie sich!"

„Aber liebe Frau Ellinor, warum bemühen Sie sich selbst? Doch, nun gestatten Sie, daß ich erst Ihre Frau Mutter begrüße; oder ist die gnädige Frau auch so un­gnädig?"

Die alte Dame lacht herzlich. „Nein, garnicht, Ro­ger. Ich habe heute abend Ihr Spiel bewundert, Sie haben sich selbst übertroffen. Wer war denn die Fremde: Ich erinnere mich nicht, ihren Namen schon einmal ge­hört zu haben."

„Nein, gnädige Frau. Elvira Vollmer gab heute abend ihre erste Vorstellung."

„Dafür spielte sie aber sehr gut!", wirft Frau Elli­nor versöhnt ein.

»Sehr gut — ist nicht der richtige Ausdruck, Frau Ellinor, sie spielte bezaubernd, die kleine Zorika."

Er tritt zum Flügel und ohne eine Erlaubnis ab» zuwarten greift er mit feinen schlanken Händen in die

Tasten. Bezaubernde Musik rauscht durch den Raum. Roger singt genau so schön wie heute abend im Theater: „Schenke die Röslein, die wilden mir, Weiß dir mein Liebchen was Süh'res dafür! Laß dich bezgubern, ach, durch mein Fleh'n, Sollst nun als duftende Rose erstehn."

Frau Ellinor ist hinter ihn getreten und beider Stimmen verschmelzen zu harmonischem Gesang.

„Sie hätten auch zur Bühne gehen müssen, Ellinor!" „Ja, wäre ich nicht Frau Kommerzienrat geworden, dann wäre ich vielleicht heute eine berühmte Sängerin. Doch Reichtum und Luxus winkten zu verführerisch."

„Vielleicht taten Sie auch recht daran, denn der Künstlerpfad ist ein Dornenpfad."

„Spüren Sie die Dornen auch, Roger?", neckt Frau Ellinor. „Da tragen Sie selbst die Schuld, wenn Sie vom Dornenpfad nicht abbiegen auf die bequeme Straße."

„Die Straße der Alltäglichkeit ist nichts für mich, schöne Freundin, das müßten Sie doch nachgerade wis­sen. Ich dachte auch soeben nicht an mich, sondern an das weltfremde Kind, das heute abend meine Partnerin war."

„Ach ja, die kleine Zorika. Ist sie auch eine verkappte Gräfin?"

„Nein, Ellinor, sie ist ganz prosaischer Herkunft, eines Dorfschullehrers Tochter, aber trotzdem ein wirklich fein- gebildetes Mädchen, das merkt man, so oft man mit ihr gufammentommt. Darf ich Ihnen das kleine Heideblürn-. chen einmal bringen? Wollen Sie es unter Ihren Schutz nehmen?"

Frau Ellinor lacht laut auf, hat einen spöttischen Ton.

„Wirklich, Roger? Sie sind köstlich. Einer Ellinor Theißing die Beschützerrolle über eine kleine Unschuld vom Lande zu erteilen, nein, Roger, solch ein Schnitzer kann nur Ihnen passieren."

„Warum?", erwidert Roger ruhig. „Ich weiß doch, daß meine schöne Freundin nicht nur bezaubernd und klug ist, ich weiß auch, daß sie das Herz auf dem rech­ten Fleck hat, wie man so sagt."

„Ja, Freund Roger, habe ich denn überhaupt ein Herz? Sie scheinen das nicht anzunehmen, denn sonst würden Sie mir nicht so kaltblütig die Protektorrolle

über Ihren neuesten Schwarm aufnötigen. Sie wissen ja gar nicht, ob mein Herz im steten Verkehr mit Ihnen nicht schon engagiert ist."

Roger ist ganz ernst geworden; fast abweisend blickt er die schöne Frgu an.

„Fräulein Vollmer steht meinem Herzen vollständig fern, für eine Liebelei wäre sie mir viel zu schade. Wie oft soll ich Ihnen noch versichern, daß die „Liebe" für mich ein wesenloses Wort ist? Meine Jugend wurde durch die Liebe verdorben, als Mann stehe ich über der Liebe und belächle sie."

„Ach, gehen Sie doch! Wer wird denn einer Jugend­torheit solche Bedeutung beilegen? Nennen Sie mir einen einzigen Mann der großen Welt, in dessen Le­ben es keine dunkle Stunde gab. Einen schwärmeri­schen Jüngling kann solche Lappalie niederdrücken, als erfahrener weltkundiger Mensch lacht man darüber."

„Ich nicht, Frau Ellinor, ich kann es nicht. Meine Jugendtorheit, wie Sie sagen, greift auch in mein Man­nesleben hinüber. Vielleicht ist es gut so, dadurch wurde ich möglicherweise vor schlimmeren Erfahrungen be­wahrt."

„Sie sollen aber nicht immer an diese Jugendtorheit denken, ich will es nicht. Das Leben stellt Ansprüche an Sie und ich tu es auch!", fügt sie errötend, in dem Ton eines trotzigen Kindes bei.

„Frau Ellinor!"

Eine Welt von Spott liegt in den zwei Worten, in feinen Augen blitzen tausend Sprühteufelchen auf.

„Sind wir wieder einmal in dem gefährlichen Fahr­wasser? Hat das kleine kapriziöse Köpfchen noch immer die Idee, mich zu heiraten oder wenigstens mich zu ver- heiraten, nicht aufgegeben. Muß ich Ihnen immer wie. der sagen: „Vergebliche Liebesmüh!"

Frau Ellinor will aufbraufen, doch als sie in feint Augen blickt, deckt sie schnell ihre weiße, juwelenglitzerndi Hand über die fpottfuntelnben Sterne.

„Nicht diesen kalten Spott, Roger, den ertrage ich nicht. Warum blicken Sie mich so an?"

„Weil ich meine kleine Freundin aus dem Märchen- lanb in die Wirklichkeit zurückführen will. Ich habe Ihnen doch gesagt, daß ich kein Herz für die Liebe mehr habe. Wenn Sie meine Freundschaft nicht wollen, dann muß ich gehen,'