Fuldaer Zeitung
M 295.
Freitag, den 21. Dezember 1928.
2. Blatt.
Druck der Fuldaer Actiendruckerei, Fulda
Der neue Nachtragsetat.
Don parlamentarischer Sorte wird uns geschrieben:
Dem Reichstag ist ein neuer Personaletat oor- gelegt worden. Bei Verabschiedung des Lesoldungs- oesetzes im Dezember 1927 nahm der Reichstag nämlich gleichzeitig einige „Entschließungen" an, deren Vollzug beim Etat 1928 erfolgen sollte. Dies ist der eigentliche Grund für die Aufstellung und Vorlegung des Nachtragsetats, der in der Nacht vom letzten Samstag auf Sonntag von 12 Uhr abends bis H4 Uhr morgens im Reichstag beraten wurde.
Schaut man sich diesen Personaletat, der nicht nur für das das Jahr 1928, sondern auch für 1929 gelten soll und somit bereits einen Teil des Reichshaushalts des Jahres 1929 darstellt, etwas näher an, io kommt man doch zu teilweise recht eigenartigen Feststellungen. Der Vollzug der „Entschließungen" des Reichstags erfordert nämlich in der eigentlichen Reichsoerwaltung nur 2% Millionen — der Hauptaufwand wird hier bei der Poft und der Eisenbahn entstehen, Verwaltungen, die ihren Etat aber nicht durch den Reichstag, sondern durch ihre Venvaltungsräte genehmigen lassen müssen. — Der gesamte Nachtragshaushalt fordert aber für das Jahr 1928 42 Millionen und wird für 1929 einen Gesamtaufwand von rund 41% Millionen verursachen. Man hat also an den Vollzug der „Entschließungen" allerhand anderes angehängt.
Zunächst einmal an „zwangsläufigen Mehrausgaben" gegenüber dem Hauptooranf'chlag 1928 insgesamt 36 Millionen, darunter allein über 15% Millionen an Mehrforderungen für Heer und Marine. Diese überraschende Erhöhung kommt in der Hauptsache daher, daß das Reichswehrministerium zum Hauptvoranschlag 1928 seinen Besoldungsaufwand zu gering veranschlagt hatte. Für die im Lause des Jahres 1928 erfolgte Erhöhung der Löhne der Reichsarbeiter sind rund 9 Millionen enthalten. Sodann aber glaubte man offenbar, die Gelegenheit ergreifen zu können, die feit einigen Jahren durch die Tätigkeit des Hauptausschusses gekürzten Personalbestände einzelner Ressorts wieder auffüllen zu können. Und so sehen wir eine Anforderung von über 600 neuen Beamtenstellen, die sich auf fast alle Ressorts verteilen. Wenn auch demgegenüber ein Abgang von 300 Planstellen festzustellen ist, so bleibt doch ein reines Mehr von 300 neuen Stellen — eine Tatsache, die wir nicht als erfreulich bezeichnen können. Schaut man sich die Mehranforderungen näher an, so soll u. a. das Reichspatentamt allein um 110 Beamte, das Reichsversicherungsamt um 55, das Statistische Reichsamt um 40 Beamtenstellen vermehrt werden, bei den Landesfinanzämtern ist ein Zugang von über 200 Stellen vorgesehen. Ebenso sind Stellenvermehrungen beim Reichsversorgungsgericht und bei den Versorgungbehörden in Aussicht genommen.
Man wird erwarten dürfen, daß der Reichstag die Notwendigkeit neuer Stelen sehr eingehend prüft, damit nicht etwa auf dem Wege der jetzi-
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gen Neuanforderung das wieder illusorisch gemacht wird, was in mühevoller Kleinarbeit in den letzten Jahren an Einsparung herausgehon wurde. Tie bei Verabschiedung des Besoldungsgesetzes von der Zentrumspartei in das Gesetz hineingearbeitete Bestimmung, wonach jede dritte sreiwerdende Beamtenstelle nicht mehr besetzt werden darf, wird ich im Rechnungsjahr 1928 dahin ausivirken, daß voraussichtlich insgesamt 900 Beamtenstellen ein- gehen werden.
Neben der Anforderung neuer Stellen enthält der Nachtragshaushalt sodann eine weitere Verbesserung für verschiedene Gruppen von Beamten, nämlich fast 13 000 Umwandlungen in höhere Besoldungsgruppen — auch wieder ohne Post- und Eisenbahn. — In dieser Zahl sind allein gegen 5 000 Stellenhebungen bet den Mannschaften in Heer und Marine mitenthalten.
Eine Rolle für sich spielen In diesem Nachtrags- etat die Reichsministerien selbst. Wir sehen in diesem Nachtrag eine geradezu rührende Fürsorge der Ministerien um sich selbst. Die Aufwandsentschädigung der Minister soll von bisher 4 800 Mark auf jährlich 8 000 Mark erhöht werden. Die letzte Regierung Marx hat es bekanntlich abgelehnt, die Aufwandsentschädigung der Minister zu erhöhen, und die Parteien des Reichstags billigten diese Stellungnahme. Well man in Preußen die Aufwandsgelder der preußischen Minister auf 8 000 Mark erhöht hat, sollen nun nach der Meinung des Reichskabinetts auch die Reichsmmister diese Erhöhung erhalten. Außer ihnen soll auch den Staatssekretären anstelle der bisherigen Ministerialzulage von 1200 Mark eine Aufwandsentschädi. gung von 4 000 Mark gegeben werden.
Einem „dringenden Bedürfnis" entsprechend soll sodann jetzt die fo genannte „Ministerialversas- sung" bei den Reichsministerien durchgeführt werden, d. h. die Referentenarbeit , soll allgemein von Ministerialräten und nur zu einem kleineren Teil von Dberregientngsräten, die Expedientenarbeit von Ministerialamtmännern, zu einem kleineren Teil von Oberinspektoren erledigt werden. Der Er- folg dieses Beschlusses der Reichsregierung besteht in der Anforderung neuer Ministerialrats- und neuer Mnisterialamtmannsstellen, außerdem aber auch noch in einer größeren Anzahl von Ober» regterungsratsstellen, um die vorhandenen Regierungsräte wenigstens einigermaßen „minifterial- fähig" zu machen. Darüber hinaus soll aber bei allen Beamten der Reichsministerien die sogenannte „Ministerialzulage" noch um 50 Prozent, also z. B. bei den Ministerialräten um 600 Mark jährlich erhöht werden. Das soll auch hier nur deshalb geschehen, well Preußen dieselbe Regelung getroffen hat. Man wird bei dieser Fülle von Verbesserungen nicht gerade sagen können, daß die Reichsministerien in der Vertretung ihrer eigenen Angelegenheiten besonders zurückhaltend gewesen mären.
Endlich sollen bei verschiedenen Ministerien noch weitere neue Stellen geschaffen werden, so beim Reichsministerium des Innern eine neue Abteilung für Bearbeitung von Gemeindeangelegenheiten. Mit dieser Vermehrung der Beamtenstellen Hand in Hand gehen Anforderungen auf zum Teil, recht erhebliche Vermehrung der Angestelltenkräste bei den verschiedensten Stellen, so daß man sich fragen muß, ab in einer Situation, wie der gegenwärtigen, wo man glaubt, ohne erhebliche Steuererhöhungen nicht auskommen zu können, sich eine derartige weitere Ausgestaltung des Beamtenappa- rotes verantworten läßt, umsomehr, als die Dek-
kung des Mehraufwandes eine recht eigenartige genannt werden muß.
Die Deckungsvorfchläge der Reichsregierung be- chäftigen sich nämlich überhaupt nur mit der Dek- ’ung des Mehrbedarfs für 1928. Diese Deckung oll in der Hauptsache durch Heranziehung von Reserven erfolgen, die im Haushalt 1928 dadurch enthalten sind, daß zunächst der Ctatansatz bei ver- chiedenen Einnahmeposten erhöht und verschiedene Ausgabenansätze herabgemindert werden können; die Hauptdeckung bildet aber ein von der Reichs- postverwÄtung zurückgebrachter Vorschuß in Höhe von 24% Millionen Mark!
Der größere Teil der Deckungsbeträge ist also nur einmalig, so daß wie die Reichsregierung selbst zugeben muß, ihre Vorschläge im Nachtragsetat eigentlich nur für das Jahr 1928 wirkliche Deckung haben! Wie die Mehrausgaben im Januar 1929 gedeckt werden sollen, liegt noch vollständig im Dunkeln. Das ist ja das Gefährliche des vorliegenden Etats, daß der Reichstag den gesamten Personaletat für 1929, also Ausgaben in Höhe von mehreren hunderten von Millionen genehmigen und sich so festlegen soll, während über die Einnahmegestaltung 1929 von der Reichsregierung überhaupt noch keinerlei Vorschläge vorliegen! Umso verantwortlicher wird die Arbeit des Parlaments auf diesem Gebiete in den nächsten Wochen und Monaten werden. Aber erleichtert hat die Reichsregierung diese Arbeit durch die bruchstücksweise Einbringung des Etats 1929 nicht. Im Gegenteil! ________________
Beamtenfragen.
= vom verbände katholischer Beamfemtereine Deutschlands. Auf der Arbeiterversammlung, die sich am Sonntag, den 16. ds., in Essen mit der Frage „Zentrumsparteitag und Arbeiterschaft" befaßte, soll, wie verschiedene Zeitungen übereinstimmend berichten, Reichstagsabgeordneter G i e s b e r t s gesagt haben, daß
die katholischen Beamtenvereine in Köln in einer internen Sitzung erklärt hätten, daß sie sämtlich vom Zen» trumslager abweichen würden, sobald eine Wahl Ste- gerwalds zum Parteivorsitzenden erfolge. Wir können im Augenblick nicht feststellen, ob Herr Giesberts eine solche Behauptung ausgestellt hat. Sollte er sich so geäußert haben, fo erklären wir im Interesse der Wahr- beit, daß vorstehende Behauptung unwahr ist. Die Berbandsleitung hat vielmehr den maßgebenden ©teilen der Partei gegenüber erklärt, daß bei den scharren Kämpfen der Interessengruppen ein Kandidat zur Wahl gestellt werden möge, der diesen Kämpfen fernstehe und der möglichst bei allen Schichten der Wählerschaft mit Vertrauen begrüßt werden könne. Eine Kandidatur Stegerwald halte der Verbandsvorstand aus genauester Kenntnis der Stimmung in den Kreisen der Beamtenschaft für außerordentlich ungünstig und für gefährlich. Am 20. Mai seien viele katholische Beamte, auch treue und bisher treueste Wähler der Zentrumsparrei, zu Haufe geblieben. Würde Dr. Stegerwald fetzt vom Parteitag an die Spitze der Partei berufen, so werde es unmöglich sein, die über das Vorgehen Stegerwalds erbitterten Beamten zur Partei zurückzuholen und neue Scharen würden dem Zentrum den Rücken kehren. Der Verband hat sich im Interesse der Partei für vervflich- tet gehalten, klar und deutlich auf diese Schwierigkeiten hinzuweisen. Aber niemals und nirgendwo ist ein Beschluß gefaßt oder eine Drohung ausgesprochen worden, daß bei der Wahl Stegerwalds die katholischen Beamtenvereine sich von der Zentrumspartei abwenden würden. A. Gehlen, Generalpräses.
Vie wird das Vetter?
Während der hohe Druck über Mitteleuropa sich iti wesentlichen hält und es namentlich in Mittel- und Eft- deutschland bei vielfach wolkenlosem Himmel zu erheblichen Frösten kommt, dringt über ganz West- und Nord- europa mildere Südwestlust vor, die ein weit ausgedehntes Gebiet mit Barometerfall, bedecktem Himmel und vielfach Niederschlägen hervorruft. Unser Gebiei liegt an der Grenze dieser Zone, die aber ihren Einfluß kaum weiter nach Süden ausdehnen wird. Die Frostwetterlage bleibt daher noch erhalten.
Witterungsausfichten für Freitag: Vorübergehend milder, sonst keine wesentliche Aenderung.
Der kinderreiche neue Bundesprüsideni von Oesterreich.
Bundespräsident Prof. Miklas mit Frau und Kindern.
Das neue Oberhaupt von Oesterreich zählt zu I dine, einer Tochter des Gastwirts in Horn in den kinderreichsten Familienvätern seines Landes. Niederösterreich, wurde mit 13 Kindern gesegnet. Die Ehe des Präsidenten mit seiner Frau Leopol- I 11 von den 13 leben noch heute im elterlichen Hause.
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Schillerhorst.
Eine geheimnisvolle Geschichte von Wilhelm Holt.
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„Als mir der Auftrag erteilt wurde, den Umständen nachzugehen und sie aufzuklären, die den Tod des Notars Burton begleiteten, habe ich in erster Linie die Tatsache in Rechnung gezogen, daß der Notar und Baron von Weitenfeld Feinde waren. Wird jemand ermordet aufgefunden, so fragt man sich natürlich zuerst: Wer kann ein Interesse an dem Tode des Opfers, wer einen Vorteil von demselben haben, oder wer kann van Haß- oder Rachegefühlen gegen ihn beseelt fein? Daß der Bankier van Beekum der Mörder sei, schien gleich so gut wie ausgeschlossen. Er hätte sich ja eine bessere Zeit und andere Umstände aussuchen können. Aber natürlich folgte aus der Tatsache, daß Baron von Weitenfeld dem Notar feindlich gesinnt war, zunächst noch nichts. Ich traf jedoch bald darauf mit der geisteskranke^ Nichte des Barons zusammen, und diese fragte nach dem Notar und sprach in einer Weise über die Sache, daß ich ein recht harmloser Detektiv sein müßte, wenn ich mir nicht gesagt hätte, zwischen der Geschichte dieser jungen Dame und der Feindschaft zwischen dem Notar von Schillerhorst und dem Baron von Weitenfeld besteht irgendein Zusammenhang. Der Sache mußte ich nachgehen, und ich bin dahinter gekommen. Das eine weiß ich' das Freifräulein von Weitenfeld ist ebensowenig geisteskrank als einer von uns."
Der Baron lachte höhnisch.
„Mann!" rief er aus, „da behaupten Sie etwas . . . Sie find ja nicht gescheit. Das Mädchen ist vom Gericht unter Kuratel gestellt worden und . . ."
„Und Sie haben durch ein schlau ausgesponnenes Gewebe von Lügen und Betrügereien den Irrtum des Gerichtes, denn um einen solchen handelt es sich, zuwege gebracht und auf dem Gewissen. Mehrere Aerzte haben die junge Dame für krank erklärt, das weiß ich ohnehin. Ader ich habe diese Erklärungen auf ihren Wert hin untersucht. Die eine stammt von einem Arzt, der zur Zeit, da sie ausgestellt worden sein soll, bereits gestorben war. Diese ist demnach gefälscht. Das kann
ich beweisen. Eine zweite ist von einem anderen Arzt, der bloß von einem Zustand höchster Nervosität spricht, bei der Behandlung, welche die Unglückliche erfuhr, wirklich nichts Auffallendes. Weiter ist das Fräulein in einer Privatnervenheilanstalt in Paris in Pflege gewesen. In der Folge hat sich die Polizei näher für die merkwürdigen Einrichtungen und Gepflogenheiten jener Anstalt interessiert, aber da war das Fräulein schon wieder fort. Schließlich liegen noch zwei sehr bestimmt lautende Erklärungen vor von zwei beftbetannten Aerz- ten unseres Landes. Der eine ist Spezialist in seelischen Erkrankungen, der andere allgemeiner praktischer Arzt, und man kann annehmen, daß der letztere hauptsächlich gestützt auf das Urteil des ersteren feine Meinung abgegeben hat."
,Me Erklärung der beiden lautet jedenfalls ganz eindeutig und bestimmt: meine Nichte ist geisteskrank."
„Ja. Aber wie es zu dieser Erklärung gekommen ist .'. . Der Spezialist, von dem ich spreche, war Doktor Chamois, der seither gestorben ist. Dieser hat sich nun von Baron Adolf von Weitenfeld von Daten überreden lassen, dem Onkel die Bestätigung auszustellen, die er forderte. Er befand sich in sehr bedrängten Verhältnissen, und dies wollte sich der Onkel der unglücklichen jungen Barne zunutze machen. Der Doktor beruhigte sich damit, daß das Mädchen tatsächlich in einem Zustand höchster Nervosität befand. Ader geisteskrank war sie nicht. Später litt der pflichtvergessene Arzt schwere Gewissensoualen, daß er sich hatte verleiten lassen. Bald darauf verfiel er in eines chwere Krankheit, der er nach wenigen Tagen erlag. Auf seinem Sterbebett gestand er jedoch feinem Bruder die Untat und beschwor ihn, alles daran zu setzen, um die Folgen derselben abzu- wehren. Der Bruder war ein unpraktischer Mann und versuchte zunächst den Baron zu bereden, aber da war er beim Teufel zur Beichte. Der Baron machte chn selbst unsicher, indem er ihm sagte, der Sterbende müsse im Fieberwahn gesprochen haben, er sei doch ein Mann von Ehre und Gewissen gewesen, und würde sich niemals zu einer solchen Untat tjergegeben Haden. Chamois hätte dies ja zur Ehrenrettung feines verstorbenen Bruders nur zu gerne geglaubt, war aber doch nicht ruhig, setzte sich mit der jungen Dame in Verbindung und
gewann die Ueberzeugung, daß sie vollkommen gesund war. Da wendete er sich an den Notar Burton. Dieser war ein nüchterner, praktischer Mann und interessierte sich für die Sache, nachdem er den Baron kannte und einer solchen Schurkerei wohl für fähig hielt. Da wurde die Lage für den Schloßherrn gefährlich. Doktor Chamois war gestorben, die Kuratel wurde mit Berufung auf dessen Urteil verhängt. Aber der Notar schwor es sich, es nicht dabei bewenden zu lassen. Darum ist er gefallen, gefallen als Opfer der Barons von Weitenfeld, der ihn fürchtete."
„Sie meinen also," fragte der Richter, „daß Baron von Weitenfeld am Tode des Notars schuldig ist,"
„Ja."
„Aber ist das mehr als nur eine Meinung?"
„Ich werde Beweise erbringen. An dem Unglückstag, an dem der Bankier van Beekum die Flucht ergriff, hatte er eine Untererdung mit Baron von Weitenfeld. Hierauf suchte er den Notar auf. Ich habe festgestellt, daß der Baron vorn Hause des Bankiers weg sich auf Umwegen gegen das Haus des Notars gewendet hat."
„O ja, und da bin ich sicher hingegangen und habe den Notar ermordet," sprach der Baron.
„Das wird nicht ihre Absicht gewesen sein. Van Beekum hatte in gewissen Papieren spekuliert, und Sie wußten von ihm, daß der Notar auch gemeint hatte, es wäre in diesen Papieren große Gewinne zu erzielen. Dan Beekum glaubte ganz sicher, daß der Notar spekuliert habe, wie er und sich in der gleichen elenden Lage befinde. Vielleicht hatten Sie die Absicht, ihn zu bestechen, ihn zu kaufen, indem Sie die schwierige Geldlage, in der er sich nach ihrer Ansicht befand, ausnützten.' Das ist indes bloß eine Annahme."
„Fahren Sie nur fort mit Ihren Annahmen. Sie find' wirklich unterhaltend," spottete der Baron.
Der Detektiv fuhr ruhig fort.
„Ich nehme an", sagte er, „daß Sie von rückwärts gekommen sind. Vielleicht war der Notar im Garten und nicht in seinem Zimmer geblieben, wohin er sich begeben hatte, weil er nicht mit van Beekum zusammen- treffen wollte. Das eine steht jedenfalls fest: Sie sind beim Notar gewesen. Sie haben ihn getroffen, und wahrscheinlich haben Sie gesehen ober gehört, daß der
Bankier im Auto des Notars die Flucht ergriff. i)as hat Sie auf den Gedanken gebracht, den Notar nieder- zuschiehen und dann zu fliehen, weil Sie wußten, daß der Verdacht auf van Beekum fallen mußte."
Einen Augenblick herrschte tiefste Stille. Die beiden Gegner maßen sich einander mit grimmigen Blicken, und die andern wandten kein Auge ab, wagten kaum, Atem zu holen.
„Nie ist eine dümmere, unsinnigere Beschuldigung vorgebracht worden," sagte schließlich der Baron. „Sie haben auch nicht einen Beweis, der die Wahrheit Ihre» Worte erhärten könnte."
„Ich kann durch Zeugen bestätigen lassen," entgegnet: der Detektiv unbeirrt, „daß Sie am Tage und zui Stunde, da das Verbrechen geschah, in der Villa bei Notars gewesen finb. Herr van Beekum ist bereit, unter Eid auszusagen, daß er Sie, als er ins Auto stieg uni Frau Burton noch an der Tür stand, hinter einem Fen fter gesehen hat. Die Kugel, die im Leichnam des Notars gefunden wurde, hat das Kaliber, das zu Ihrem Revolver paßt. Der Anzug, den Sie an jenem Tag getragen, weist Blutspuren auf, und es sind auch noch andere Hinweise da."
Einen Augenblick hatte man den Eindruck, ber Baron hätte etwas von seiner Sicherheit verloren, aber bas dauerte wirklich nur einen Augenblick.
„So?" sprach er bann, „das alles hat der Herr Detektiv aufgedeckt? Aber so schrecklich es auch klingen mag, es läßt sich alles ganz leicht erklären. Daß Herr van Beekum behauptet, mich gesehen zu haben, ist ber Kommission fein Rätsel mehr. Ich habe selbst ben Schleier gelüftet, der über diesem Geheimnis lag. Daß andere mich dort gesehen, erklärt sich auf die gleiche Weise, und es bleibt sonach von all Ihren Beweisen nichts mehr übrig. Ich gestehe gerne, ber Schein spricht sehr gegen mich. Die Geschehnisse der letzten Nacht jedoch entlasten mich wieder völlig Diejenigen, die Zeugen derselben gewesen sind — und es waren zum Glück nicht wenige —, können sich Ihren Irrtum ohne weiteres erklären. Was Sie zum Beweis gegen mich vorgebracht haben, beweist nichts anderes, als daß mein Doppelgänger der Täter fein muß."
(gortiehuno folat)