Fuldaer Zeitung
M 289.
Freitag, den 14. Dezember 1928.
2. Blatt.
vrvck der Fuldaer AcNendruckerei, Fulda
Dr. Brauns über
Aus dem Jahresbericht für 1927 und 1928, den Dr. Brauns in Düsseldorf erstattete, sei folgendes mitgeteilt.
Der Verein hat im letzten Heft des laufenden Jahrganges den Mitgliedern einen ausführlichen Bericht über das Vereinsjahr 1927-28 erstattet. Er umfaßt dle Zeit vom 1. Juli 1927 bis zur Jahresmitte 1928 Em Auszug aus diesem Bericht befindet sich in den Händen der Teilnehmer an der Generalversammlung. Ich darf mich deshalb an dieser Stelle auf die Behandlung der wichtigsten Ergebnisse dieses Berichtes und die Folgerungen, die wir daraus ziehen wollen, beschran- ken. m ...
Der Volksverein hat in dem verflossenen Berichtsjahr seinen Bestand an Ortsgruppen von 4259 auf 4361, also um 102 vermehren können. Aber trotzdem ist es nicht gelungen,
die Mitgliederzahl
auch nur auf der Höhe des Vorjahres zu halten. Gemessen an den Beziehern der Vereinszeitschrift — der Männer- und Frauenhefte zusammengenommen — tjt der Verein um weitere rund 26 000 Mitglieder zuruck- gegangen. Er zählte Ende Juni 1928 noch 417 288 glieder gegen rund 805 000 vor dem Kriege und 695 765 in der Jahresmitte 1921.__
Erschwerend fällt ins Gewicht, daß die Beitragszahlung
feit der Währungsstabilisierung mit den steigenden Kosten nicht gleichen Schritt hielt. Seit 1925 blieben die Einnahmen um rund 200 000 Mark aufs Jahr zurück. Auch die Erhöhung des Beitrags auf 2 Mark für das Jahr, änderte dieses Bild nicht wesentlich, weil die Durchführung dieses Beschlusses nur langsam vor sich ging, und sich bis heute nicht vollständig ermöglichen ließ. Auch Verluste von Mitgliedern waren dabei nicht zu vermeiden. Die Abrechnung der Zentralstelle über das Berichtsjahr schloß angesichts dieser Entwicklung mit einem Fehlbetrag von 281306 Mark. Einnahmen in Höhe von 575 224 Mark standen 856 530 Mark Ausgaben gegenüber. Zuzüglich der Fehlbeträge der beiden Vorjahre ergab sich in der Vereinsrechnung im 1. Juli dieses Jahres ein Gesamtfehlbetrag von 680336 Mark. Diese Beträge waren dem Verein vom Volksvereinsverlag vorgeschossen worden. Der Verein schuldete sie also damals dem Verlag. Diese Schuld hatte sich nach dem 1. Juli dieses Jahres noch vermehrt.
Carl Sternheim, der erfolgreiche Komödien-Dichter, ist nach mehreren schweren Tobsuchtsanfällen, die er in den letzten Wochen erlitten hat, in ein Sanatorium überführt worden. Er ist 50 Jahre alt und lebt seit einer Reihe von Jahren in der Schweiz.
den Volksverein.
konnte aber durch Hilfe von außen zum größten Teil abgetragen werden.
Der Außenstehende könnte vielleicht versucht sein, die Zentralstelle des Volksvereins und seine Angestellten im Lande für diese Entwicklung verantwortlich zu machen. Und doch haben es diese Kräfte auch im Berichtsjahre an angestrengtester Arbeit nicht fehlen lassen. Der Jahresbericht über
die Tätigkeit der Organisation zählt über 3000 Versammlungen und 927 Konferenzen, die von den Beamten des Volksvereins gehalten worden sind. 380 kleinere Kurse wurden in den verschiedensten Landesteilen Deutschlands veranstaltet. Im Franz-Hitze-Haus zu Paderborn fanden eine Reihe größerer Kurse statt, darunter der 21. Volkswirtschaftliche Kursus mit 61 Teilnehmern vom 3. Juli bis zum 13. August 1927, ein bäuerlicher Volkshochschulkursus, mit 30 Teilnehmern vom 1. Dezember 1927 bis 31. Januar 1928 und andere für Abiturienten, Studenten und Jour- nalisten. Auf diesen Kursen wurden wirtschaftliche und soziale Frage, Heimat, Volk u. Staat, nicht zuletzt auch religiöse Fragen behandelt. Mit Genugtuung und Freude stellten wir fest, daß das Interesse an derartigen Kursen von Jahr zu Jahr zunimmt, nachdem es m den ersten Jahren nach dem Kriege kaum vorhanden war.
Ergänzt wurde diese Tätigkeit in Versammlungen und Kursen durch die Schriften des Volksvereins, die von jeher eine besondere Note aufwiesen und wegen ihrer Gediegenheit bei volkstümlicher Schreibweise sowohl innerhalb wie jenseits der deutschen Grenzen weiteste Verbreitung gefunden haben. Unter der bedauerlichen Erscheinung, daß heute weniger Bücher gekauft werden, als vor dem Kriege leidet naturgemäß auch der Volksoerein und der Volksvereinsverlag. Cs wäre dringend zu wünschen, daß vielleicht auf Grund einer neuen Art volkstümlichen Schrifttums die Schriftenpropaganda des Vereins wieder von neuem belebt würde. Das wird umso eher möglich sein, je mehr wir den Verein finanziell stärken.
Ich erwähnte schon vorher, daß uns finanzielle Hilfe von außen kam. Wir bedürfen ihrer auch noch weiter, um den Verein und Verlag auf die alte Höhe zu bringen und beide wieder leistungsfähig zu machen. Daher geht an Klerus und Laien, soweit sie Geschäftsführer des Vereins sind, die Bitte, doch frühzeitig im Jahre die Mitgliederbeiträge einzuziehen und abzüglich gewisser unvermeidlicher Unkosten an die Zentrale einzusenden. Die zeitige, möglichst vollzählige, Einziehung und Einlieferung der Beiträge — des Gesamtbeitrages oder der Teilbeträge — ist für den Verein von allergrößtem Belang. Viele finanzielle Verluste wären auf diesem Wege zu vermeiden gewesen. Wir werden in Zukunft unseren organisatorischen Apparat so gestalten müssen, daß er diesen Notwendigkeiten mehr als bisher gerecht wird.
Indessen handelt es sich keineswegs ausschließlich um eine organisatorisch-technische Frage. Die Gründe für den Abstieg des Vereins trotz der opferfreudigen Arbeit seiner Angestellten und Freunde liegen tiefer. Andere Zeiten, andere Aufgaben.
Die Gegenwart erfordert eine Umgestaltung und Erneuerung des Vereins.
Was war die Tat Windthorsts bei der Gründung des Volksvereins int Jahre 1890 anders, als eine Einstellung auf eine neue Zeitl Der Kulturkampf der 70er Jahre wurde damals beigelegt. Das Deutsche Reich hatte angesichts der an Bedeutung zunehmenden wirtschaftlichen und sozialen Fragen Besseres zu tun. Und die Katholiken durften und wolsten bei Lösung der neuen Aufgaben nicht zurückstehen, sondern sollten auch diese einheitlich und geschlossen meistern. So entstand der Volksverein vornehmlich als sozialpolitischer Verein der deutschen Katholiken. Die Hinzunahme der apologetischen Ausgabe in seinem zweiten Jahrzehnt nach 1900 änderte an diesem wesentlichen Charakter nichts. Er übernahm diese Arbeit nur in der Verteidigung gegen Unglaube und Freidenkertum sowie gegen den das Staats- und Volksgefüge ebenfalls zersetzenden
religiösen Liberalismus. Der Volksverein betätigte sich also auf apologetischen Gebiete im Dienste seines Hauptzweckes der Verteidigung und Erhaltung der christlichen Ordnung in der Gesellschaft. Diesen seinen Grundcharakter darf er auch heute nicht abstreifen: denn die Aufgabe von damals — Aufbau einer christlichen Gesellschaftsordnung — besteht fort. Wer wollte das verkennen! Sind doch die Kämpfe um die Ordnung in Wirtschaft. Staat und Gesellschaft nicht weniger und nicht leichter geworden. Sie sind im Gegenteil umfangreicher und schwerer Sie werden mit veränderter Z-el- setzung mit neuen Methoden und unter wesentlich anderen Voraussetzungen durchgefochten.
Um die Geltung und Wirksamkeit des Katholizismus im gesamten öffentlich en
Leben
handelt es sich heute. Ts geht für uns Katholiken ums Ganze.
Die neue Verfassung lehnt jedes Staatskirchentum ab. Sie proklamiert die Freiheit der religiösen lieber» zeugung und Betätigung. Ein Kulturkampf nach Art der 70er Jahre gilt heute mindestens als unzeitgemäß Gleichwohl geht der Kampf im Reichstag oft um Grundlagen aller Kultur, wenn wir uns über Erleichterung der Ehescheidung, über den Schutz des keimenden Lebens, über Schulfragen, über Schutz der Jugendlichen gegen Schmutz und Schund, über Wahrung der öfient- lichen Sittlichkeit, auseinandersetzen. Und schlimmer noch als das ist das Schwinden von Glaube und Sitte unserer Väter, von Schamgefühl und öffentlichem Anstand in Theater und Kino, in Mode und Sport, im Heim und auf offener Straße. Die traurigen Ergebnisse der Moralstatistik sind keineswegs nur eine Folge von Notund Elend! Daß sie aber einen inneren Zersetzungsprozeß von Staat und Gesellschaft darstellen, der am Lebensnerv unseres Volkes zehrt, wer wollte das leugnen? Bei dieser Sachlage stehen, soweit das Religiöse in Frage kommt, nicht bloß irgendeine kirchliche Einrichtung,' ein kirchliches Amt und seine Verwaltung, wie in den 70er Jahren, sondern Religion, Glaube, Sitte und Sttlchket, also unsere höchsten Kulturgüter, in ihrer Wurzel und in ihrem ganzen Umfang in Frage. Dabei war der Kulturkampf der 70er Jahre dem katholischen Volke fühlbarer. Er war ein staatlicher Gewaltakt, er nahm ihm seine Kirchen, seine Priester und Bischöfe, er boykottierte die Staatsbeamten, die diese kirchenfeindliche Gesetzgebung durchzuführen sich weigerten. Er reizte zum Widerstand. Der Kulturkampf von heute spekuliert auf die Leidenschaft und Schwäche der Menschen, er schmeichelt dem Sinnlichen im Menschen, er unterhöhlt unsere Kultur von innen her. Er zerstört sie in den Herzen und Lebensgewohnheiten der Menschen, frißt am Mark der Familie und damit an Kind, an Jugend und Nachwuchs und zerstört so letzten Endes auch die Fundamente des Staates und der Gesellschaft. Manche, die an diesem Zerstörungswerk arbeiten, mögen sich der Tragweite ihres Handelns nicht einmal bewußt fein, viele, die davon erfaßt werden, erkennen die Gefahren garnicht, in denen sie schweben.
Solchen Gefahren müssen wir begegnen in erster Linie mit religiösen, mit übernatürlichen Mitteln. Hier stehen wir vor der großen Aufgabe der Kirche in der Gegenwart, die da heißt: Ueberwindung eines „modernen" Heidentums. Wir Katholiken, Laien und Priester, Männer und Frauen, jung und alt, haben aber außerdem die Pflicht, uns außerhalb des kirchlichen Organismus zufammenzufchließen zu einer machtvollen Einheit, um auch in aller Oeffentlichkeit unseren Standpunkt mit allen Mitteln organisierter Kraft Beachtung und stärkere Geltung zu verschaffen. In diesem Zusammenhang berühre ich Aufgaben, die auch der Katholischen Aktion gesetzt sind. Soll sie doch gemäß den Worten des Apostolischen Nuntius auf dem Magdeburger Katholikentag nach der Idee unseres Heiligen Vaters fein: „Teilnahme der Laien am hierarchischen Apostolat". In diesem Geiste will auch der Volksv. arbeiten. Er ist weder in seinen Zielen noch in seiner Organisation gleichbedeutend mit der Katholischen Aktion, er soll auch nicht ihr Hauptträger fein, er hat neben ihr noch andere weitergreifende Aufgaben, und verfügt über eine eigene auf einzelpersönlicher Mitgliedschaft beruhende Massenorganisation. Er will aber auf gewissen Arbeitsgebieten
(Ein Pionier des Fahrrads.
der Katholischen Aktion diese durch ferne Mitarbeit for dern und gliedert sich ihr zu diesem Zwecke em.
Demnach umschreibt der Entwurf der neuen Satzun gen im § 1 Abs. 2 die Zwecke des Volksverems wie °l9t'öemaemä6 will der Volksoerein durch feine Mitarbeit Ken die Kräfte des deutschen Katholizismus m, Geiste der Katholischen Aktion, der er sich emgl'edert zur wirksamen Betätigung °uf allen Gebieten des Le bens ru wecken und zu sammeln . Auf Grund öteicj Weites seiner Zwecksetzung soll der Volksverein, ohne taue frühere apologetische Arbeit aufzugeben, weit über diese hinaus wachsen. Er soll seinen Mitte n und n feiner Art die Katholiken überall da sammeln, wo es sich um die Betätigung ihrer katholischen Ueberzeugilng im öffentlichen. Leben handelt. Er wlrd Frageste.lmi- aen wie bcifpidsroeife Religion unb -weben, J - ß und Wirtschaft, Religion und Politik 'M. Sememen wie in Einzelfragen, Religion und Sozialismus Reu gion und Kommunismus. Christentum und Pazi »smus und wie immer die Fragen heißem die den Kathol $cn von heute, vor allem der katholischen Jugend auf der Seele brennen, auf katholischen Grundsätzen aufbauen, in Wort und Schrift, in öffentlichen Versammlungen und Konferenzen behandeln und klaren. Dabei will er sich keineswegs rein intelltualistisch an den Verstand «enden, sondern die Gesamtpersönlichkeit des Katholiken in lebendiger Arbeitsgemeinschaft zu erfassen suchen.
Während der letzten Jahrzehnte haben sich die d.ut schen Katholiken eine große Zahl non Drgamfnt onen zur Wahrnehmung und Pflege von bestimmten Crnzel- interessen geschaffen und damit schon seit vielen Jahren den Zwecken einer Katholischen Aktion gedient. Den hohen Wert dieser Arbeiten in Vereinen für die verschiedenen Lebensalter und Geschlechter, für die einzelnen Stände und im Dienste besonderer Zwecke erkennt der Volksverein rückhaltlos an. War er doch selber an per Gründung und Entfaltung vieler dieser Verbände wirksam beteiligt. Gleichwohl wird niemand verkennen, daß mit der Erstarkung dieser Spezialorganisationen — so will ich sie kurz nennen — sich eine Entwicklung vollzogen hat, an die die Gründer nicht dachten, die auch niemand will und wollen tonn. Das katholische Lager hat sich ausgeläst in Einzelorganisationen, die neben»
MM ... ■
Kommerzienrat Dr. Jng. h. c. Heinrich Kley er, der Vorkämpfer der deutschen Fahrradfabrikation, feiert seinen 75. Geburtstag. Er wurde am 13. Dezember 1853 in Darmstadt geboren und begründete 1880 in Frankfurt a. M. ein Maschinen» Handelsgeschäft, das er bald in ein Fabrikates-, unternehmen umgewandelt hat, um den deutschen Fahrradbau in Schwung zu bringen. Auf sein» „Adler"-Räder folgten später die „Adler"-Schreib- Maschinen und zuletzt die „Adler"-Automobile.
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35] ---
„Unb du hast auch gesehen, daß er einen Schuß abfeuerte und dann die Flucht ergriff. Aber gleichzeitig siel ein anderer über den Baron her. Ich it)m geholfen, den Angreifer niederzuringen, und bann sind wir miteinander dem Flüchtigen gefolgt."
„Und weißt du, was aus ihm geworden ist,"
„Nein, der Bursche weiß hier allem Anschein nach den Weg besser als wir. Er ist uns, und jedenfalls auch dem Gendarm sicher wieder entwischt. Komm, gehen wir zu der Stelle zurück, wo sich die merkwürdigen Dinge abgespielt haben. Wir müssen auch schauen, was aus dem Chamois geworden ist."
„Chamois?" ' ML
„Ja, das ist der Mann, der den Baron überfallen hat."
„O, der ist noch ziemlich glimpflich davongekommen. Er hatte das Bewußtsein verloren, und wir haben ihn liegen lassen."
„Also schnell, schnell!" mahnte der Rechtsanwalt, bet es plötzlich eilig zu bekommen schien.
Franz van Beekum war einverstanden. Zuerst konnten sie sich nicht einigen, welche Richtung sie einschlagen sollten, aber schließlich gingen sie aufs Geratewohl einen Seitenpfad hinein. Sie hatten gut gewählt, denn schon nach kurzer Zeit gelangten sie an den Platz, an dem der Kampf stattgefunden hatte.
Der Gendarm und der Baron waren ihnen bereits dahin zuvorgekommen.
„Wo haben Sie Ihren Freund so rasch auftreiben können?" fragte der Baron den jungen van Beekum.
»2ch hatte genau so wie Sie. Herr Baron, Kunde davon erhalten, daß ber Detektiv hier gefangen gehalten werde," erwiderte Roger selbst.
„Zum Kuckuck! Da geht mir ein Licht auf. Sie hatten jedenfalls noch einen zweiten bei sich?"
„3a, der Mann, der mit Ihnen gcrunaen hat," gab ber Rechtsanwalt ohne weiteres zu.
Der Baron ließ ein leises Pfeifen vernehmen.
„Und wo ist er jetzt," fragte er dann.
„Herr van Beekum erzählte mir, er fei bewußtlos hier liegen geblieben."
«Das stimmt. Aber sehen Sie, der Gendarm war als erster an der Stelle zurück, und er behauptet, niemanden mehr gesehen zu haben."
„Da hat sich der Mann offenbar wieder erholt und ist dann feiner Wege gegangen," sagte Franz.
„Möglich," erwiderte der Baron. „Aber das ist schließlich auch nicht von Bedeutung. Wenigstens nicht für den Augenblick. Wir wollen uns jetzt lieber der dringendsten Angelegenheit zuwenden, die wir zu erledigen haben, ber Rettung des Detektivs. Warum ich vermute, daß er hier gefangengehalten wirb, werde ich den Herrn nachher erzählen. Jetzt ist keine Zeit mehr dazu. Wir müssen ihm eilends zu Hilfe kommen."
Niemand erwiderte ein Wort, und entschlossen schlug der Baron die Richtung nach dem Bauernhaus ein. Die andern folgten ihm schweigend.
Der Baron klopfte an die Tür, zunächst ohne Erfolg. Er klopfte stärker, unb bald darauf wurden Schritte hörbar, unb es zeigte sich ein Lichtschein am untern Türspalt. .
„Wer da?" rief eine Stimme.
"Aufmachen. Ich bin es, Baron von Weitenfeld."
Ein Riegel wurde zur Seite geschoben, unb die Tür ging auf. .
„Was ist geschehen?" sprach jemanb mit dem Ausdruck des Erstaunens in der gedämpften Stimme. „Herr Baron kommen noch einmal? Ist irgend etwas vorgefallen. Es sind so viele Leute in Ihrer Begleitung?"
„Ja, ja. Können wir hinein?
„Gewiß, gewiß," antwortete der Mann. „Da schau, ber Gendarm ist auch dabei. Es wird doch kein Unglück geschehen fein?"
„Nein. Lassen Sie uns hinein. Wir haben etliches zu fragen."
Der Alte führte die Herren in ein geräumiges Zimmer. Als er die Laterne auf den Tisch gestellt und die Lampe angezündet hatte, sahen sie erst, daß sie sich in einer großen Bauernküche befanden. Ein hoher offener Kamin ragte auf, und der Boden war fhit Fliesen bedeckt.
„Nehmen die Herren Platz," sagte der Bauer höflich.
Nachdem sich alle niedergelassen hatten, fragte ber Baron:
„Wieviel Leute feib ihr denn in dem Haus?"
„Wieviel Leute? Das wissen Sie doch?"
„Wie soll ich das wissen, Alter?"
„Sie waren doch erst am Abend da und haben gefragt wie es dem Kranken gehe."
„Dem Kranken, Haben Sie denn einen Kranken im Haus?"
„Unb einen, den Sie hierher gebracht haben."
Der Bauer grinste bumm.
Die Herren schauten einanber an.
„Ich verstehe schon," nahm der Gendarm wichtig das Wort, „der Mann da kennt sich nicht aus. Er hat auch den andern für den Baron gehalten. Erzählen Sie uns einmal, was geschehen ist."
„Hm, ja," erwiderte der Bauer mit einem Blick auf den Baron. __
Dieser nickte jedoch zustimmend. „Ja, ja, sprachen Sie nur. Sie glauben vielleicht das eine oder andere verschweigen zu sollen, aber das ist durchaus nicht notwendig. Reden Sie nur offen."
Der Bauer zuckte die Achseln. Er kannte sich offenbar nicht aus. ___
„Aer Herr Baron kann jetzt leicht tun, als wüßte er nichts von ber ganzen Sache," begann er. „Aber er hat doch gestern selbst den Herrn hierhergebracht, der tief bewußtlos war. Um die Wahrheit zu gestehen, ich glaubte im ersten Augenblick, er hätte zu tief ins Glas geschaut. Aber dem war doch nicht so. Und später — es kann noch keine Stunde her fein — ist der Baron wieder bageroefen, hat dem Herrn etwas unter die Nase gehalten daß er zu sich kommen soll Aber es hat nichts genützt und . . ."
„Wo ist der Kranke?" fiel Roger dem gesprächigen Bauern in die Rede. „Machen Sie nicht so viel Worte. Führen Sie uns zu ihm."
„Gut, wenn Sie wünschen. Er schläft in der Kammer nebenan."
Der Mann schob eine Tür auf, und in einem kleinen Kämmerchen lag auf einem bescheidenen Bett eine reglose
Gestalt. Der Bauer leuchtete mit der Laterne, und Roger erkannte auf den ersten Blick seinen Freund Rosch.
„Er sieht furchtbar aus!" sagte Franz van Beekum erschüttert. „Was sie ihm angetan haben mögen?"
„Er atmet noch," stellte Roger fest. „Das erste, was wir brauchen, ist ein ordentlicher Arzt. Und dann wollen wir ihn auch aus der dumpfen Luft hier in einen größeren Raum bringen. Es riecht da so eigentümlich."
„Aber auf einem Bett muß er liegen," meinte der Bauer. „Warten Sie einen Augenblick."
Mit Hilfe des Gendarms schlug er in der Wohnküche wo sie zuerst gewesen waren, in einer Ecke ein Bett auf, und behutsam legte man den Kranken darauf. Franz van Beekum war inzwischen bereits um den Arzt gelaufen.
Die andern umstanden hilflos den Kranken. Keiner wußte Rat.
„Er ist auf jeden Fall sterbenskrank," stellte der Baron fest. ,Hch fürchte, es hat ihn jemand absichtlich in diesen Zustand versetzt."
„Ja, sicher. Denn gestern war er noch gesund wie ein Fisch. Aber wie kam er denn überhaupt hierher?" fragte ber Rechtsanwalt.
„Man hat ihn hergebracht, ber Herr Baron und ein Diener trugen ihn. Er fei plötzlich unwohl geworden, sagten sie. Er fei ein Bekannter von ihnen und werde sich bald wieder erholen. Ich bekam ein gutes Trinkgeld und sollte ihn so lange bei mir behalten unb mit niemanden über den Vorfall sprechen. In der Nacht kam, wie gesagt, der Baron wieder, um zu sehen, wie es ihm gehe. Mehr weiß ich auch nicht. Aber wenn etwas nicht in Ordnung ist," fügte er ängstlich hinzu, „will ich damit nichts zu schaffen haben. Und der Baron da kann leicht behaupten, er wisse nichts, er ist . . "
„Ja, ja, er ist hier gewesen, unb Sie haben ihn bann hinausgelassen. Das ist alles in Ordnung, Mann, das haben wir selber gesehen," sprach beruhigend ber Gendarm.
„So! Das haben Sie gesehen?"
„5a, wir standen in ber nächsten Nähe Ihres Hauses."
„O Gott sei Dank! da bin ich froh", sagte der Bauer unb nickte immer roieber mit dem Kopf. Da sehen die Herren doch, daß ich nicht lüge." (Forts, folgt.)