Einzelbild herunterladen
 

Nr. 287.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatl. 1,80 einschl. Postgeb. (30 bezw. 48 Pf.) ohne Zustellg.

Mttwoch, 12. Dezember 1928. »

Anzeigen-Preise: Kleinzeile (Colonel) lokal 0,15 JUT auswärts 0,20 JUL Reklamezeile: lokal 0,60 JUt, auswärts 0,80 JUL Bei Wiederhol ur gen Rabatt. Postscheckkonto Franksurt a. M. 91t.'4051.

bS.Zahrg.

Iie Folgerungen Her WelimrWWonlerenz.

VDZ. Berlin. 11. Dez. (Eig. Funkm.). Das ^ieichskabinett, und zwar der Wirtschaftsminister, der Finanzminister, der Außenminister und der, Er­nährungsminister gemeinschaftl., legen dem Reichs­tage soeben den Entwurf eines Gesetzes zur A u s- f ü h r u n g der Empfehlungen der Weltwirtschafts­konferenz vor. Das Gesetz bedeutet die Ratifizie­rung dreier internationaler Abkommen, nämlich das Abkommen zur Abschaffung der Ein- und Aus- fuhrverbote und -Beschränkungen, die Vereinba­rung über die Ausfuhr von Häuten und Fellen und die Versinbarung über die Ausfuhr von Knocken. Diese Abkommen sollen den A b s ch l u ß von Handelsverträgen erleichtern. Von den in anderen Ländern bestehenbleibenden Ver­boten erwartet die Begründung zu dem Gesetzent­wurf eine nachteilige Wirkung für die deutsche Wirtschaft nur von dem englischen und japa­nischen Einfuhr-Verbot für Farben, während die nachteilige Wirkung des allen Ländern mit ei­senschaffenden Industrien zugestandenen Ausfuhr­verbotes für Schrott durch die Aufrechterhaltung des deutschen Ausfuhrverbotes bis zu einem gewis­sen Grade kompensiert wird. Auf das Ein- und Ausfuhrverbot für Kohle konnte Deutschland nicht verzichten. Dagegen verfallen der Aufhebung die deutschen Ausfuhrverbote für Häute, Felle und Knochen, für Rohaluminium und für Filme. Eine Reihe von Zolltarifänderungen, die infolge der Aufhebung von Einfuhrverboten notwendig wer­den, ist dem Entwurf beigefügt. So soll 3. B. der Zoll auf Fahrräder von bisher 300 Mark wie­der auf den Vorkriegssatz von 150 Mark ermäßigt 1 werden. Ferner wird in Angleichung an die Ver­einbarungen mit Serbien eine Herabsetzung des 1

olles auf Mais und Dari zur Viehfütterung unter ollficherung von 3,20 Mk. auf 2,50 Mk. für den oppelzentner in Aussicht genommen. Schließlich soll der Finanzminister die Ermächtigung erhalten, im Interesse unserer Metallhüttenindustrie den Schrott der Nichteisenmetalle, also Messing, Kupfer usw. zollfrei zu lassen.

Die Ratstagung.

Unkerredung Stresemann-Chamberlain.

Der englische Außenminister, Sir Austen Cham­berlain, stattete am Montag nachmittag Reichs­außenminister Dr. Stresemann den angekündigten Besuch ab und hatte mit ihm eine anderthalb, stündige Unterredung, die den Cl)arakter eines umfassenden, allgemeinen politischen Ge­sprächs trug und den im Mittelpunkt des Interesses stehenden politischen Fragen galt. Dabei wurde jedoch, wie von unterrichteter Stelle mitgeteilt wird, weder von der Reparationsfrage noch über Abrüstungsfragen gesprochen. Es ist daher anzu­nehmen, daß der tatsächliche Gegenstand der Unter­haltung die Erklärung des englischen Außenmini- sters vor dem Unterhaus über Artikel 4 3:. des Versailler Vertrages und die eng­lische Rechtsauffassung über die Räumungs­frage bildete. Die Unterhaltung der beiden Staatsmänner, die sich seit März dieses Jahres nicht mehr gesprochen haben, war, wie weiter er­klärt wird, sehr freundschaftlich. Zur Fortsetzung der Besprechungen, über die vereinbarungsgemäß keine besonderen Mitteilungen ausgegeben wurden, wirb Reichsminister Dr. Stresemann die beiden Besuche Driands und Chamberlains erwidern.

Die Uebertvachung der Reichsausgaben.

Als im vorigen Jahre der Lohmannskandal be­kannt wurde, da fragte man sich allenthalben, wo denn eigentlich der Rechnungshof des Deutschen Reiches mit seiner Kontrolle der Reichsausgaben bliebe. Jahrelang hatte man nichts von ihm ge­hört und jetzt vermißte man ihn plötzlich wieder. Cs hat dann nicht lange gedauert, bis sich der Rechnungshof mit dem Wunsche meldete, größere Befugnisse zu bekommen, weil er sagte, daß die bestehende Beschränkung seiner Rechte eine wirklich sorgfältige Kontrolle nicht garantieren könne. Eine Kontrolle der Ausgaben der Regierung wird von dem Artikel 86 der Reichsverfassung vorgeschrieben. In ihm wird eine alljährliche Rechnungslegung in der Weise verlangt, daß der Reichsfinanzminister über die Verwendung aller Reichseinnahmen tn dem folgenden Rechnungsjahre zur Entlastung der Reichsregierung dem Reichsrat und dem Reichs­tag Nachweisting zu führen hat. Die Rechnungs­prüfung ist im Abschnitt 4 der Reichshaushalts, ordnung vom 31. Dez. 1922 geregelt. Gleichzeitig ist durch dieses Gesetz auch der „Rechnungshof für das Deutsche Reich" als unabhängige Zcntralbe- Hörde reichsrechtlich anerkannt worden D'e Reichs­haltsrechnung wird vom Reichsfinanzminister dem Reichsrat und dem Reichstag zur Prüfung vorge- legt. Auf Grund der Reichshaushaltsrechnung be­schließen Reichsrat und Reichstagüber die über, und außerplanmäßigen Ausgaben. Wird die Geneh­migung nicht erteilt, so müssen zuviel verausgabte Beträge von den verantwortlichen Beamten nach der Maßgabe der gesetzlichen Bestimmungen wieder eingezogen werden. Wird die Reichsregierung durch Reichsrat und Reichstag entlastet, so wird sie zugleich mit den Nachgeordneten Behörden von jeder Verantwortung befreit. Die Mitglieder des Rechnungshofes genießen richterliche Unabhängig-

Was den Lohmannskandal angeht, so waren kne verschleuderten Gelder keine Gelder des Reicks­haushalts, sondern aus dem Ruhrkriegabwehrfond übrig geblieben. Nichtsdestoweniger scheint der deutsche Rechnungshof seit diese Skandalaffäre sich auf seine Verpflichtungen wieder etwas energische», besonnen zu haben Er hat vor allem nachgeprüft ob das bisherige Haushaltsrecht des Reiches ge­nügt, um eine unklare Ausgabsnpolitik zu ver­hindern. Als Ergebnis dieser Gewissenserforschung hat er jetzt dem Reichstag eine Denkschrift vorge'l legt, die die notwendigen Verbesserungen mit der Ausgabenpolitik zum Etat 1925 zu illustrieren such. In dieser Denkschrift wird vor allem die Frage der „Uebertragbarkeit" von Haushaltsmitteln unter­sucht, eine Möglichkeit, von derbekanntKch das Reichswehrministerium in umfassendster Weise Ge­brauch gemacht hat. Hier schlägt der Rechnungshof Abänderungen vor, die eine schärfere Kontrolle der »übertragbaren Posten" ermöglichen, um so vor ?lem zu verhindern,, daß sie zur Verschleierung nvx^tatsgebarung mißbraucht werden. Der Rech- tzen^hof will die Uebertragbarkeit von fortdauern- sick Ausgaben nur in solchen Fällen zulassen, wo eignen MAel wegen ihrer Zweckbestimmung dazu hefnnhLUni* ^gleich den Verwaltungsbehörden ein cretrebener ^"reiz zur wirtschaftlichen Verwendung neuer „Außerdem muß bei Bewilligung

e- um hi eI trüber Klarheit gewonnen sein, wie nod) "'cht verwendeten Beträge aus «hVSfenfIenen Etatsjahren bestellt ist. Dann Rechnungshof auch, daß die „ge- «n?-» -In- n^"»sfähigkeit" einzelner Etatsposi-

DDn der ebenfalls die Reichs- wehr ausgiebigsten Gebrauch gemacht hat, nicht In.(p)r ^gelassen wird, nitit diesem Mittel „geren- kann sehr leicht die ganze Etatsgebarung verdunkelt und es den Mini­sterien ermöglicht werden, zugleich Fonds anzu- ,

l sammeln und neue Forderungen zu stellen Das ist nicht nur im Reichswehrministerium geschehen, sondern auch im Reichsverkehrsministerium in der Abteilung für Luftfahrt.

Die Denkschrift des Rechnungshofes wird für jeden Reichstagsabgeordneten sehr interessant sein. Wir möchten nur wünschen, daß man sie genau durchstudiert und dem Rechnungshof die Errmite- rung seiner Rechte u. die Aenderungen der Reichs- haltsordnung zugesteht, die er für notwendig hält. Auch die einzelnen kritischen Ausführungen zu den konkreten Ausgaben des Etatsjahres 1925 selbst werden der Beachtung unserer Volksvertreter wohl empfohlen werden dürfen. Auch wenn es sich ein- mal wieder um die Etatswirtschaft gerade der Reichswehr oder um die Etatswirtschast im deut­schen Luftfahrtswesen handelt. Im Vorkriegsreichs- tag waren unsere Volksvertreter in der Kont olle der Regierungsausgaben erheblich gewissenhafter als sie es heute zu sein scheinen. Das mag daran liegen, daß der Vorkriegsreichstag noch nicht so sehr mit Arbeiten überlastet war wie der jetzige oder noch nicht so viel Zeit wie heute für die Vor. bereitung oder Beilegung von Regierungskrisen opfern mußte. Das wird auch daran liegen, daß die heutigen Parteien immer irgendwie mitver- wörtlich für die Ausgaben ihrer Regierungen und darum gerne vor dieser oder jener unver­ständlichen Ausgabe oder einer kleineren <5d)ie» t n19* iT zudrücken. Es steht aber auch

fest daß das deutsche Volk selbst an solcher Groß- zugigkeit keinerlei Gefallen findet, vielmehr ein Anrecht darauf hat, daß mit seinen Steuerqeldern eine sparsame Politik getrieben wird, daß 'es vor allem wünscht, daß seine Gelder nicht dazu die- nen, daß der E'uelle Kurs der deutschen Politik durch Maoienschaften einzelner Ressorts irgendwie belastet oder durchkreuzt werde. Wir begrüßen dis energische Sprache des Rechnungshofes und Hof. fen, daß sie von dem. Reichstag, der zur Unter- stützung aufgerufen wird, richtig gewürdigt wird.

3m Reichstage.

V.D.Z. Berlin, 11. Dez. (Eig. Funkm.) Im Reichstage bereiteten vormittags die Ausschüsse wei. tere Vorlagen für die Beratungen des Plenums vor, die heute nachmittag um 3 Uhr wieder beginnen. Der Steuerausschuß beschäftigte sich mit der Novelle zum Grunderwerbssteuergesetz, der volkswirtschaftliche mit der Handwerksnovelle zur Gewerbeordnung, der sozial-poiitisch« mit der Erwerbslosenunterstützung der Saison-Arbeiter, der Ausschuß für die besetzten Gebiete mit den An­trägen zur Not der Rheinlande. Auch der Straf­rechtsausschuß beriet die Strafrechtsreform weiter. Auf der Tagesordnung des Haushaltsausschusses stehen die Novelle zur Unfallversicherung, die der sozialpolitische Ausschuß bereits vorberaten hat, die Zinsverbilligung für Exporteurkredite und der Zweimillionenzüschuß für den Nürbprg-Ring.

*

Dor Beginn der Plenarberatungen halten heute die Deutschnationalen, die Deutsche Volk-Partei, d'e Demokraten und die Wirtschaftspartei Frak- tionssitzungen ab.

Auf der Tagesordnung der Voll­sitzung stehen Äuslandsanträge, unv zwar das Genfer Protokoll wegen Verbotes des Gas-Krieges, das Protokoll und der Notenwechsel zum Handelsabkommen mit Frank, r e i ch, der Handelsvertrag mit der f ü d a f r i f a • nifchen Uni 0 n, der Notenwechsel zum Saar. Handelsabkommen und die Handelsverträge mit Panama und China, ferner das neue Gesetz zur Entlastung des Reichsgerichtes, der Staatsvertrag'wegen des Ueberganges der

I Wasserstraßen auf das Reich, die Novelle zur Un­fallversicherung, die zahlreichen Anträge der Par­teien wegen eines Rentnergesetzes (Kleinrent- ner-Versorgung), ein neues Gesetz über Hypotheken und Schiffspfandrechte in ausländischer Währung, die Verlängerung des Gesetzes über den Verkehr mit unedlen Metallen und die vom Reichs­rat soeben verabschiedete Zuckerzollerhöhung.

* Das Opfer der Kommunisten ein Iungdo Führer. Zu den gemeldeten Ausschreitungen von Teilnehmern an einem Demonstrationszuge des Rot Front Kämpfer-Bundes in K a rl s h 0 r st be­richtet eine Berliner Korrespondenz: Als der Zug am Sonntagnachmittag die Trisko-Allee in Karls- Horst passierte, erkannten Teilnehmer den zufällig dort entlangkommenden Referendar Günther Schaff er, der stellvertretender Großmeister der Bruderschaft Oberspree des Jungdeutschen Ordens ist, an seinem Abzeichen als Mitglied des Ordens. Sie stürzten sich auf ihn und versuchten, ihm das Abzeichen zu entreißen. Schaffer wurde von der Uebermacht in einen Hausflur gedrängt und erhielt trotz feiner Gegenwehr verschiedene Stockschläge über den Kopf und von hinten einen Stich, der Lunge und Milz verletzte. Er wurde in das Kran- kenhaus gebracht, wo er nach kurzer Zeit verstarb. Die Täter konnten unerkannt entkommen. Die Polizei hat sofort Ermittlungen ausgenommen, die jedoch bisher noch kein positives Ergebnis gehabt haben. Einige Festgenommene mußten wieder frei­gelassen werden, da sie für eine Beteiligung an dem Verbrechen nicht in Frage kamen.

5evermgs Mission.

Die „Voss. Ztg." meldet aus Essen: Minister Severing wird nach Prüfung des ihm von den Tarifparteien der nordwestlichen Gruppe vorgeleg­ten Materials am Donnerstag in Düsseldorf noch­mals mit den Vertretern der Gewerkschaften und Arbeitgeber über die endgültige Regelung der Lohn- und Arbeitszeitfrage in der rheinisch-west­fälischen Metallindustrie beraten.

Für Freitag und Samstag sind weitere Bera­tungen mit anschließenden Werkbesichtigungen in Aussicht genommen. Es besteht somit die MLg- lichkeit, daß der Schiedsspruch Ende dieser oder Anfang nächster Woche gefällt werden wird.

* Dr. Iraufmann zum Ministerialdirektor er­nannt. Der Reichspräsident hat den Ministerial­dirigenten im Auswärtigen Amt Dr. Trautmann zum Ministerialdirektor ernannt.

* Drei Reichsdeutsche in der Schweiz verhaftet. Wie die Schweizerische Depeschenagentur meldet, wurden der Berliner Rechtsanwalt Dr. Triebe" sowie dir beiden Kaufleute Wüst aus Berlin und Ritter aus Chiasso auf Veranlassung des Präsi­denten des Verwaltungsrats der geschädigten Ex- portfirma unmittelbar nach einer Sitzung in Z ü r ich verhaftet. Der Gesamtbetrag der ihnen zur Last gelegten Betrügereien soll sich auf mehr als eine Million Schweizer Franken belaufen. Nach einer anderen Meldung soll Rechts­anwalt Triebel, der im Auftrag einiger portu- gisischer OelsardinM-Jmportfirmen einen Zivilpro­zeß gegen ein Hamburger Konsortium führte, große Posten Oelsardinen in Deutschland verschleu­dert haben, worauf die schweizerischen Geschädigten gegen Triebe! Schadenersatzansprüche geltend mach­ten.

* Urteil in einem Gotteslästerungsprozetz. Das Schöffengericht Charlottenburg verurteilte den Zeichner Georg Groß und den Verleger Herzfelde wegen Vergehens gegen Paragraph 166 St. G. B. anstelle von je zwei Monaten Gefängnis zu je 2000 Mk. Geldstrafe. Die Zeichnung Nr. 10 wird eingezogen. Der Anklage lagen Illu­strationen von Groß zu dem von dem Verleger

gezogen. Der Anklage lagen Jllu- Groß zu dem von dem Verleger Herzfelde herausgebrachten Buche „Soldat Schwejk" zugrunde.

Die Nobelpreis - Zeier.

Feierliche Ueberreichung der Nobelpreise durch den schwedischen König.

In der üblichen feierlichen Form fand am Mon­tag in Stockholm die diesjährige Nobelpreis­verteilung statt. Unter den Anwesenden befanden sich der König, der Kronprinz und andere Mitglie. der der königlichen Familie, Vertreter der Regie­rung, des diplomatischen Korps, der Wissenschaft und der Literatur. Drei der sechs Nobelpreisträ­ger waren erschienen, und zwar die deutschen Professoren Wieland und Windaus sowie Frau Sigrid Undset.

Die Feier wurde durch ein Musikstück ein geleitet, morauf ber Vorsitzende der Nobelstiftung, Profesior H. Schick, die Begrüßungsrede hielt. Nach einem metteren Musikstück rourben die beiden Chemie­preise verteilt. Die Rede für die Professoren Wie­land und Windaus hielt Professor G. Söderbaum, der die Verdienste der beiden deutschen Gelehrten würdigte. Nachdem die beiden Professoren ihre Preise vom König empfangen hatten, hielt Profes- or E. Herrschen die Rede für Professor Nicolle; n seinem Namen empfing der französische Ge- andte Bernart) den Preis vom König. Dr. phil. ß. Hallström sprach hiernach namens der schwedi- chen Akademie für den Siteroturpreisträger Henri Bergfon, dessen Preis ebenfalls vom französischen Gesandten in Empfang genommen wurde Dr Hallström sprach schließlich auch für Frau Sigrid Undset. Die Feier wurde mit einem Festbankett un Grand Hotel abgeschlossen. |

Rückblick auf Köln.

Eine freudige Genugtuung ist es, die L e b e n s - k rast der deutschen Zentrumspartei als stärkstes Kennzeichen der Kölner Tagung, die nun hinter uns liegt, feststellen zu können. Die Frankfurter Zei­tung soll sich, wie das ihr Leitartikel am Montag abend tun zu müssen glaubt, nur ja nicht mit dunklen Sorgen um die Zukunft der ZentrumZ- partei quälen. Im Zentrum pulsiert hoffnungs­volles ■ Leben, organische Entwicklung in Einklang mit dem Rhythmus unserer Zeit. Wenn man ausJahr- zehnte der Parteigeschichte zurückschauen kann, dann sieht man vor allem dm starkm Wandel, der sich in den zentralen Organen der Partei vollzogen hat Von den deutschen Parteien, in denen Volks- massen mit Leib und Seele stets dabei waren — und die nicht etwa, wie es bei einigen ParteigeöL- den der Fall ist, lediglich von gewissen Geldgebern aufgezogen und von „gebormen" Ausschußmitglie­dern dirigiert werden — konnte die Zentrumspartei am längsten und wirkungsvollsten das Autori­täts-Prinzip Herausstellen. Die auf Ueber- lieferung beruhmde Autorität der obersten Füh­rung brachte es zustande, daß die Massen der Partei nur eine Bestätigung dessm vollzogen, was die Führer für richtig hielten. Auch nach Ein­führung der neuen Stäatsform mit ihren demokra­tischen Grundzügen blieb das im Kern noch so, bedingt vielleicht durch die schwierige Zeitlage. Der Kölner Parteitag zeigte zum ersten Male seht deutlich, wie volkstümlich der Wille sich jetzt bildet, der der Arbeit der Partei die Richtung weist. Auch hier gibt es keine Kabinettspolitik mehr. In großem Umfange ist heute die Jugend und ihre Bewegung in der Parteileitung zum Durch- bruch gekommen. Wmn man ben Blick durch die Reihen der Delegierten schweifen ließ, die den herrlichen Tagungsraum im Messe-Hof am deut- schcn Rhein füllten, dann war dieser jugendfrische Einschlag nicht zu übersehen. Zahlreiche männliche und weibliche Vertreter im Jugendalter sind zwi­schen die bedächtigen alten Zentrumskämpfer, reich an Erfahrungm und auch schmerzlichen Enttäu­schungen, getreten. Das ist gut so. Denn jetzt wehte in dieser Versammlung in ihrer Gesamtheit ein Hauch von warmer jugendlicher Begeisterung. Ein wirkliches Miterleben äußerte sich und als die entscheidenden Beschlüsse gefaßt wurden, da war wirklich ein Zusammen klang und ein erfolg, versprechender Optimismus zu verspüren, der freu­dige Genugtuung erregen muß. Der eine oder der andere mochte ja hier und da im Ablauf der Ge­schehnisse einmal beunruhigt sein. Aber ein gro­ßer Parteikörper, ht dem Leben pulsiert, arbeitet nicht nach dem preußischen Gleichschritt, der auf dem Kasernenhof üblich war. Und Trost schöpfte man in einem solchen Augenblick aus einer feinen Bemerkung, die einmal der welterfahrene Berliner Historiker Hans von Delbrück in dem Aufsatz über Fürst Eulenburg gemacht hat, wenn er schreibt:

Man hat in den Memoiren Eulenburgs ganz ebenso wie in den Waldersee-, Zedlitz-, Tirpltz-Memoiren, den Eindruck, daß in der deutschen Regierung eigentlich schon damals (1908) alles drunter und drüber gegangen und daß die Katastrophe von 1918 nichts als ein natürliches Ende gewesen fei. Der Historiker wird die Dinge an­ders beurteilen. Eulenburg selbst wirft sich einmal ein, als er wieder gerufen wurde, in einer verfahrenen Sache Rat zu schaffen und ein übles Ende vorauszuse­hen glaubte, „aber ich glaube, daß es schließlich im­mer so war — und überall". So ist es in der Tat. Hat etwa Bismarck weniger geklagt über die unerträg­lichen Friktionen, durch die ihm das Leben sauer ge­macht werden? Es ist die den Historikern bekannte Selbsttäuschung, in der sich alle Männer der politischen Aktion und besonders alle Memoiren-Schreiber bewe­gen. Mag die Scene nun im königlichen Hof oder im Ministerium oder im Parlament oder in einer Par­teiorganisation sein, wir werden immer wieder diesel­ben Bilder menschlicher Gebrechlichkeit und schmerzlich empfundener Feindseligkeiten finden. Für den großen Fortgang der Dinge macht das alles sehr wenig aus "

Die Friktionen bei der Vorbereitung der Vorftcmdswahl haben wir gehabt. Das braucht man nicht zn leugnen und hämische Bemerkungen der gegnerischen Presse lassen uns ganz kalt. Den an­deren würde das Lachen vergehen, wenn sie die Verhältnisse in ihren eigenen Lagern eingehender betrachteten. Die Zentrumspartei jedenfalls hat sich in demokratischer Weise ihren Führer er­koren, nach dem bet bisherige Führer gesundheit­lich nicht mehr ben schweren Aufgaben gewachsen war. Vertrauen unb Dankbarkeit sind in der Zentrumspartei durch den Neuaufbau der Or<. gcrnisativnen und die Aenderung in ihrer Art nicht verloren gegangen. Tiefe Dankbarkeit äußerte sich in einer herzerquickenden Weise bei den Kund­gebungen, die für unseren alten verehrten Führer Marx immer aufs neue durch die gewaltige Ver­sammlung gingen. Seine Führerworte, die Mah­nung zur Einigkeit, wurden mit Herzens­wärme ausgenommen. Manches Männeraugeschim­merte feucht. Solche Kampfjahre, wie wir sie mit Marx an der Spitze durchgefochten haben, binden die Hetzen. Jung und Alt verrieten in Blick und Geste, daß hier wirklich die Hetzen bei der Sache waten. In unserer Zeit bet neuen Sachlichkeit und der so­genannten „Wirtschafts"-Parteien ist es gewiß ein seltenes Bild, daß Liebe unb Vertrauen so deut­lich im öffentlichen Leben in die Erscheinung tre­ten. Und nicht minder herzlich war die Aufnahme des neuen Mannes auf dem Präsidentenstuhl, des verehrten Prälaten KaaS. Niemand zweifelt, daß. er das Vertrauen rechtfertigen wird, das ihm entgegengebracht wird. Wir haben einen Mann an der Spitze, der ohne Hoffnung auf irdische Vor­teile feine ganze Person sinsetzt für eine heilige Sache. Das spürte jeder, der in diesen entscheiden- den Stunden dabei wat, daß Prälat Kaas an den Fühterposten tritt mit derselben Selbstverleugnung und persönlichen Opferbereiffchaft (eine schwere Krankheit liegt hinter ihm), wie sie dem Soldaten eiaen war. der in die vorderste Kampflinie ging.