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Dienstag, 11. Dezember 1928.

Nr. 286.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Weit im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatl. 1,80 einschl. Postgeb. (30 bezw 48 Pf.), ohne Zustellg.

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Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

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Iw tellong der ÄMWatteitM in Mn.

Abg. Dessauer über eine christliche Wirtschaftsordnung. — Die wirtschaftpolitischen Aufgaben der deutschen

Zentrumspartei. —

Die Sitzung am Sonntag eröffnete der neue Reichsparteivorfitzende Prälat Dr. Kaas. Er er­teilt sofort das Wort dem Abgeordneten Professor Dr. Dessauer zu dessen Referat über das

wirtschaftliche Programm des Zentrums.

Die Kerngedanken des interessanten Referats waren folgerte:

Wir vom Zentrum haben einen besonderen Grund, unsere Wirtschaftspolitik von ihren Fundamenten durch­zudenken und aufzubauen. In einer großen Anzahl von einzelnen Wirtschaftsfragen, die wir in den letzten Jahren lösen mußten, haben wir uns untereinander mißverstanden und bekämpft. Die Schulung zur Bildung unserer Entschlüsse, die wir insbesondere kulturpolitisch haben, besitzen wir wirtschaftspolitisch noch nicht. So bildet jede wirtschaftspolitische Entscheidung, wie sie der Tag bringt, für uns die Möglichkeit eines inneren Konflikts, und wir können nicht ertragen, in solchen Fra­gen, die Monat für Monat lebendiger, ernster, maisen- bewegender geworden sind, uns auf die Dauer mißzu­verstehen. Daraus erwächst die Pflicht, unser wirtschafts­politisches Fundament zu verstärken und zu verbreitern. Und dieser Parteitag will heute vor den Anhängern der Partei und vor der ganzen Welt dartun, daß wir diese Lage erkennen und gewillt sind, ihr Rechnung zu tra­gen. Es muß deshab möglich sein, mit Hilfe der Prin­zipien des Christentums dis Wirtschaftsgesetzmäßigkeit io zu entfalten, daß über die l i b e r a l i st i s ch e W i r t- schafts Ordnung unserer Vergangenheit und Gegen­wart und über die sozialistischen und kommu­nistischen W i r t s ch a f t s s y st e m e, wie sie im Osten versucht und bei uns von vielen Kräften erstrebt werden,

christliche Wirtschaftsordnung

als eine sichtbare Form erstehe und Macht im Leben gewinne. Diese Erwägungen haben dazu geführt, den Entwurf eines neuen Wirtschaftspro­gramms aufzustellen, von dem in Zukunft mehr die Rede sein wird. Wir wollen klar zeigen, wohin die Wirt­schaft der Zukunft führen soll und welche Vorstellung wir selbst davon haben.

Als Wichtigstes dieses: Daß von nun aber noch mehr als in der Vergangenheit eine zusammenfassende plan­mäßige Wirtschaftspolitik eine der Hautauf- gaben der Deutschen Zentrumspartei sein wird. Sie. wird die gleiche Pflege, den gleichen Rang genießen, wie die anderen Gebiete der Politik: Außen­politik, Innenpolitik, Sozialpolitik, Kulturpolitik. Es ist unsere Ueberzeugung, daß auch Wirtschaft in ihren eige­nen Gesetzen von einem guten Christen erfolgreich be­trieben und zwar im religiösen Sinne zu Sötte-- Ehre ge­trieben werden kann. Erfolgreiche Wirtsch Ehrung braucht nicht in Egoismus zu münden, und r brau­chen nicht vom erfolgreichen Wirtschaftsführer anzuneh­men, daß Machthunger und Streben nach Reichtum feine letzten Ziele seien. Jßu- bejahen und anerkennen das Streben der Einzelnen, der Berufsstände ,-d Körper­schaften nach wirtschaftlicher Wohlsahrt. 2 erkennen das Recht des Besitzes und der Verfügungsmacht über das Eigentum an, aber wir fügen gleich hinzu: Weil das Wirtschaftsleben ein gesellschaftlicher Vorgang ist, sich also zwischen den Menschen und ihren Schichten ab­spielt, liegt das Recht des Einzelnen und der Er- , e rb s g e s e l l s ch a f t e n auf Erwerb, Besitz und Verfügungsmacht über das Erworbene eingebettet in die öffentliche Rechtsord­nung d e r Ge s e l l f ch a f t und muß hier sowohl Schutz wie aber auch Schranke finden. Es ist sodann für uns nicht gleichgültig, ob jemand wertvolle Lebensgüter her- stellt: Nahrung, Kleidung, Gegenstände der Kultur, oder weniger wichtige, nur dem fluchtigen Genuß dienende Ge­genstände oder gar solche, die der Volksgesundheit schädlich sind. Wir wollen die Konsumorientierung und Pro­duktionsinitiative auf einer höheren Ebene zur Vereini­gung bringen und erstreben daher Wirtschaftsformen, die zwar der Persönlichkeit des kleinen ober größeren Unter­nehmers und ihrer lebendigen Kraft Wirkunasraum ae- statten, die aber zugleich statt zügelloser Produk­tion und Preisbildung planmäßige Produktion und Bedarfsdeckung gewährleisten. Was hier vor Auaen schwebt ist das

kooperative Wirtschaftssystem, das aus dem Wirrwarr des Nebeneinander und Gegen­einander ein ökonomisches, weil planmäßiges Wirtickofts- vollziehen herbeiführen will.

Hinsichtlich der Rolle des Staates in der Wirtschaft ist wiederum der Gegensatz sozialistischer und liberaliftiUer Auffassung auf die Spitze getrieben Der Sozialismus wacht in Konsequenz seiner Grundlagen den Staat zum Hauptträger seiner Wirtschaft, zum Produzenten und Ver­sorger. Der Liberalismus will in seiner reinen Form dem Staat möglichst jeden Eingriff, ganz bestimmt aber die selbständige Unternehmertätigkeit verwehren Wir können uns keinem der beiden Gedankengänge vollständig anschließen. Unser Gedanke, daß Wirtschaft weniger gut im Kampfe als in der Kooperation gedeihe, hat die Kon­sequenz, auch den Staat als kooperativen Faktor der Wirtschaft anzusehen. Wir müssen uns gemeinschaftlich sodann klar sein über die Vegrenzungslinie zwi­schen Sozialpolitik und Wirtschaftspolitik, da ja jede Sozialpolitik nur auf wirtschaftlichem Lei­stungsvermögen aufgebaut werden kann. Wir anerken­nen damit offen, daß die

grundsätzliche Snnthese zwischen Wirtschaftsvolitik und jg. Sozialpolitik noch zurückgeblieben ist.

lu^wüssen auch zu einer klaren programmatischen Stel- m Ajn der Frage des Rechtes der Arbeitneh- Einflv^ a ff auf Einblick in die Betriebszusammenhänge, Gewinn auf bic Verwaltung der Großbetriebe, Anteil an kommen Un~ Gelegenheit zum Erwerb von Besitzrechten die arbeit , Frage der Bodenreform die Frage, wie bere snl». ichaft zu eigenem Heim kommt und viele an« Neureaelnn Probleme sind nicht mmber wichtig. Die wirifchaftsp^üik'K F^taatlichen Ordnung ist auch eine Uk^^lln^rbni?'/-. Stunde ist da, wo der wirtschastspoli- Äunft !ollem>e "w ble -^reichen Entscheidungen der N -N 'M tn f Werden muß. Die erwerbstäti-

Lande verlangen, daß ihnen ’to b a s Zentrum als christlich- politische Parier die Wirtschaftsvolitik führen imstande, für diese und andere Fragen deutliche sichtbare, lebensnahe Wirtschaftsformen als Ziele unserer Arbeit aufzuzeigen. Formen, wie wir sie er­streben, werden dem Volke einen besseren wirtschaftlichen

(Eine öffentliche Massenkundgebung im Kölner Messehof.

Zustand verschaffen, als die auf anderen Weltanschau­ungen aufgebauten liberalistischen und sozialistischen Sy­steme. Denn das kooperative Wirtschaftssystem, welches uns vorschwebt, setzt alle natürlichen Gegebenheiten in den Wirtschaftsprozeß am rechten Orte ein, den Einzel- menschen mit feinem Gewinnstreben, den Mitmenschen und feiner letzten Unantastbarkeit, die Gesellschaft mit ihrem übergeordneten Wert, die Natur mit ihren Gütern in starker Abstufung der Nützlichkeit für den Menschen, die Technik als unsere große Helferin. Gelingt uns der Plan, dann werden wir ein gutes Werk vollbracht haben für das ganze deutsche Volk und als , besonderer Lohn dieses Werkes wird uns die Wiederkehr I von großen Scharen unserer alten Freunde winken, die der wirtschaftliche Wirrwarr der letzten Jahre uns vor- übergehend entfremdet hat.

Die Versammlung spendet dem Redner reich­lichen Beifall und unterstreicht diesen noch einmal, .als der Vorsitzende die grundlegende Bedeutung dieser Gedanken für die Umformung der Wirtschaft hervorhebt.

Hierauf erstattet Abgeordneter Dr. Perlitius Bericht über die

wirtschafispolikischen Aufgaben der deutschen Zen- krumsparkei

sein Referat. Seine Ausführungen hatten etwa folgenden Wortlaut:

Jeder Versuch, die zur Zeit brennenden wirtschafts­politischen Fragen einer gesunden Lösung entgegenzu­führen, muß ausgehen von der gegenwärtigen Lage un­fern Wirtschaft. Wir müssen uns daran erinnern, daß Deutschland durch den Krieg bedeutende Gebietsteile und mit ihnen fruchtbare landwirtschaftliche Bodenschätze verloren hat. Verschlimmert wurde unsere Sage durch die Inflation, die unsere Wirtschaft des mobilen Kapitals beraubte. So haben mir jetzt auf verkleinertem Ge­biet und bei verschlechterter Wirtschaftsbasis im Verhält­nis eine größere Bevölkerung zu ernähren und zu be­schäftigen. Bei der ganzen' Sachlage stellen sich der Behebung der Kapitalnot und einer Senkung des Zins­fußes schier unüberwindliche Schwierigkeiten entgegen. Trotz alledem müssen wir mieder z»r Bil­dung eigenen Kapitals gelangen auf der Grundlage einer gesunden Wirtschafte- entroirflung. Dafür ist aber erste Voraussetzung die endgültige Festsetzung der Reparationen auf ein er­trägliches Maß. Die Wirtschaft ist für uns mehr als die Schaffung der Voraussetzungen des materiellen Da­seins. Auch die wirtschaftliche Arbeit ist für den Men- schen Mittel zur Entfaltung feiner ihm von Gott gege­benen Anlagen und Fähigkeiten im Dienste der Fa­milie und der Allgemeinheit. Die Formen der wirt­schaftlichen Betätigung wechseln. Die Zentrumsirak- tion ist auf keine bestimmte Form eingeschworeu. Eine Form moderner wirtschaftlicher Gemeinschaftsarbeit fin­den wir in den Kartellen und ähnlichen wirtschaftlichen Zusammenschlüssen. Die Zentrumspartei lehnt diese Gebilde nicht grundsätzlich ab, sondern nur den Miß­brauch der in ihnen zusammengeballten Macht. Diesen Mißbrauch nachhaltig zu verhindern, ist ihr Ziel. Wir brauchen eine diesen Gebilden gegen* über neben einer geigneten. die Produk­tion nicht störenden Kontrolle eine w - it- schauende und elastische Wirtschaftspoli-

t.-JR-e™ner Leht, bann über zu den unerträglichen Ver- haltmssen, die sich im Wohnungswesen entwickelt haben. ^Sie sittlichen, gesundheitlichen, gesellschaftlichen und politischen Schäden der Wohnungsnot liegen auf der $anb. Die Quellen biefer Wohnungsnot gehen aller­dings schon bis in bie Zeiten vor bem Kriege zurück. Zur Behebung ber Wirtschaftsnot hat man geglaubt, bie freie Bewirtschaftung bes Wohnungsmarktes als wirk­samstes Mittel vorschlagen zu sollen. Unser Bestre­ben ist es, die gesetzliche W o h n u n g s w i r t- schäft nicht zu verewigen, im Gegenteil wir betrachten sie als das kleinere Hebet gegenüber der sonst ungeheuren Wohnungsnot der minderbemittelten Bevöt- kerung. Bis wir zur gesetzlichen Beseitigung der Zwangswirtschaft schreiten können, müssen alle An­strengungen gemacht werden, um die Wohnungsnot zu beseitigen durch die Förderung der Bautätig, fett. Die Zentrumspartei hat von Anfang an diesem Problem ihre ernsteste Aufmerksamkeit gewidmet und ihrerseits bei der Hauptfrage des Wohnungsbaues, ber Finanzierungsfrage erfolgreich gearbeitet Der 2ßeg, über bie Hauszins st euer erhebliche Mittel für den Wohnungsbau zu beschaffen, wird vorläufig noch nicht verlassen werden können, so unsozial diese Steuer ai'ch ist, als für den dem allgemeinen Finanzbedarf der Länder und Gemeinden zufließenden Teile nicht andere Steuerguellen bereitgestellt werden. Die Zentrums­partei wird aber auch alle anderen Mittel ergreifen, die geeignet sind, das Bauen zu verbilligen und zu be- fchleunigen.

Bezüglich der Landwirtschaft muß erstes Er­fordernis der deutschen Wirtschaftspolitik fein, den Ab- ftanb der landwirtschaftlichen Erzeugung vom Vorkriegsstände und von dem Ziele ber Ciaenversorgung auszugleichen. Der deutschen ^Landwirtschaft müssen bie zur Betriebsführung und Verbesserung nötigen eigenen Kapitalreserven und normalen Kredite auf dem inländischen Kavitalmarkt be- reitoestellt werden Wir wollen die Erhaltung einer leistungsfähigen Landwirtschaft nicht nur als unentbehrlichen Wirtschaftszweig, sondern mir legen ganz besonderen Wert auf das Gedeihen des Bauernstandes aus bevölkerungspolitischen gesellschaftlichen und sittlichen Grün- den Das deutsche Volk hat ein Lebensinteresse daran, ber Landflucht vorzubeugen, wenn es sich durch den Moloch Großstadt mit seiner Uebertultur nicht selbst zu- grunberichten will. Die Sanierung ber Lanbwirtschaft liegt im bringenbften Interesse ber deutschen Wirt­schaft und des ganzen deutschen Volkes. Die gegenwär- tige Zinshöhe ist nicht traabar, billigere Kredite sind namentlich im landwirtschaftlichen Genossenschaftswesen erforderlich. Auch eine Revision ber landwirtschaftlichen Besteuerung mit bem Ziele der Vereinfachung und Erleichterung insbesondere bei den Realsteuern muß baldmöglichst erfolgen. Das landwirtschaftliche Genos­senschaftswesen bedarf einer intensiven Förderung.

In t>cr Ncubmittagssitzung wurden die Vor­schläge des Ausschusses zur Vorbereitung der Dor- st a n ds w a h l entgegengenommen und genehmigt Danach soll zu den bisherigen Ehrenvorsitzenden Herold und P o r s ch der frühere Parteivorstand Dr. Marx als dritter Ehrenvorsitzender treten. Zu dem neuen Parteivotttcind des Zentrums ge­hören jetzt u. a. Dr. Wirth, Dr St e g e r w a l d Dr. Heß, der preußische Wohlfahrtsminister Hirtsiefer und Iustizrat Mönnig.

Der Parteitag schritt dann zur Erledigung der einzelnen Anträge und Entschließungen. Zur Frage der Wahlrechtsreform wurde eine Entschließung angenommen, in der die Reichs­tagsfraktion des Zentrums ersucht wird, unver­züglich die Initiative zu ergreifen, um die dringend notwendige Aenderung des Reichstags­wahlrechts herbeizuführen. Zur Frage der R e i chs- reform wurde eine Entschließung angenommen in der auf die Richtlinien des Parteivorstandes vom 9. März hingewiesen wird. Der für die De- arbeitung dieser Frage eingesetzte Parteiausschuß wird beauftragt, diele Arbeit fortzufetzen. Ferner wurde folgende Entschließung angenommen: „Der Reichsfrauenbeirat der Deutschen Zentrumspartei bittet die Partei immer wieder, ihr Augenmerk auf den Abwehrkampf der Saarländer gegen die franzöliche Propaganda zu rickiten und den Saarländern mit Rat und Tat zu Hilfe zu kommen. Die Saarländer erwarten, daß alles versucht wird, das Saargebiet so bald wie möglich wieder dem Deutschen Reiche ein­zugliedern. Zur Frage des preußischen K o n k o r. d a t s wurde eine Entschließung angenommen, in der der Parteitag die Auffassung vertritt, daß die notwendige Neuordnung des Verhältnisses der ka­tholischen Kirche zum preußischen Staat nur durch ein Uebereinkommen zwischen dem preußischen Staat und dem avostolischen Staate vollzogen wer­den kann. Die Zentrumsfraktion des Preußischen Landtages wird ersucht, die mit der katholischen Kirche schwebenden Verhandlungen baldigst zum Abschluß zu bringen. Weiter wird in einer Ent­schließung die Forderung nach baldiger und rest- lofer Befreiung der besetzten Gebiete und nach Rückkehr des deutschen Saargebietes zum Mutter- lande erhoben. Eine weitere Entschließung tritt für die deutschen Minderheiten im Auslande ein und verlangt Unterhaltung lebendiger Deziehun-

Nicht minder großen Wert wie auf den Bauernstand legen wir auf den Mittelstand in Handel und Gewerbe. Sein Wohl und Wehe hängt aufs engste mit der wirt­schaftlichen Erstarkung des Landvolkes zusammen, das ihm Auftraggeber und Abnehmer ist.

Die gegenseitige Bedingtheit für Ge­deih und Verderb ber verschiebenen Schichten und Berufs stände im Volk zu ver­stehen und danach zu handeln, ist die Grundlage für die Lösung der Not der Zeit. Auf diesem Grundsätze aufgebaut hat die Zentrumspartei seit ihrem Bestand als wahre Volkspartei alle Stände und Schichten m sich vereinigt und ihre Aufgabe darin gesehen, die Gegen­sätze zu überbrücken und in Wirtschaft und Gesellfchait allem entgegenzutreten, was dem Einfluß des materiel­len Zeitgeistes Vorschub leistet. Der Verständigungs- wille muß auf beiben Seiten gestärkt ttnb geförbert werben. Wir danken dem Kardinal Schulte dafür, daß er das Problem der christlichen Auffassung von ber Berufsarbeit zur Rettung ber Wirtschaft und Gesell­schaftsordnung herausgestellt hat. Nur auf dem Boden der gegenseitigen Verbundenheit kann wieder ein starkes Geschlecht erstehen. ,

Die Versammlung, die wieder einen ebenso zahl­reichen Besuch aufweist wie am Samstag, verfotzt auch die Ausführungen dieses Redners mit großer Aufmerksamkeit und dankt ihm am Schluß mit freudigem Beifall. Es folgt eine lebhafte Aus­sprache.

In derselben schildert u. a. ein Vertreter der Diaspora di« Lage des Zentrums insbesondere in Sachsen. Dort werde vom Liberalismus und Sozialismus ein zwar leiser aber doch zäher und beharrlicher Kulturkampf geführt. Noch heute sei es dort möglich, daß katholische Schwestern aus dem Rheinland, die sich in einer sächsischen Stadt zur Pflege katholischer Kinder niederlassen wollten, und die sich, als sie Schwierigkeiten hatten, auf die Reichsverfassung beriefen, gesagt wurde: Die neue Reichsverfassung lasse allerdings alle zu, Juden, Mohammedaner und sogar Jesuiten! Als Marx vor kurzem in Dresden davon gesprochen habe, daß die neue Reichsverfassung den Katholiken größere Freiheit gebe, habe eine sozialdemokratische Zei­tung geschrieben: Es sei jetzt Zeit, diese Freiheiten zu beschneiden! (Hört, hört!) Redner verweist ins­besondere auf die Notwendigkeit des Kampfes gegen die Vernichtung der katholifchen Schule in Sachfen. Er bittet, daß die Zentrumspartei noch engere Füh- lang mit der Diaspora nehme und insbesondere den Kampf um die Erhaltung der konfessionellen Schule gerade in der Diaspora führe.

Vorsitzender Dr. Kaas dankt dem Redner und bringt zum Ausdruck, daß gerade dieser Bericht gezeigt habe, daß wir trotz aller Rechte der Reichs- Verfassung in unserem deutschen Vaterland« noch Stellen haben, an denen wir wirllich im Front­kampf stehen um die Realisierung unserer funda­mentalen Forderungen. Ich bin sicher, so fährt Kaas unter allseitiger Zustimmung des Parteitags fort, namens aller hier Versammelten unferen säch­sischen Freunden unsere innigste Teilnahme an chrem Ringen und unsere wärmste Unterstützung auszu­sprechen.

gen zum Auslanddeutschtum durch die Zentrumspartei.

In seinem

Schlußwort

führte der neue Parteivorftand Prälat Dr. Kaas u. a. aus- In diesem Augenblick beginnen die großen außenpolitischen Entschei. düngen, die erst die Voraussetzung schaffen für die Realisierung der hier entwickelten innerpoliti- fchen Pläne. Ich habe den Eindruck, daß mir noch niemals vor so entscheidenden Entschlüssen in der AußenpoMk standen wie im gegenwärtigen Augenblick.

Nach Dankesworten an die Parteitagleitung gedachte Prälat Dr. Kaas dann des Besuches der ausländischen Parteifreunde, der zeige, daß letzten Endes die Länderkarte, so wie sie aus den Hän­den der großen Vier in Versailles hervorgeganger ist, doch nicht das Endstadium der europäischen Ee< bietsverteilung darzustellen scheine.

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Am Abend fand eine sehr stark besuchte

Massenkundgebung der Kölner Zenlrums- organisakion

in der großen Kölner Messehalle statt, bei der auch Prälat Dr. Kaas und Abgeordneter Joos fpra- chen. Dem neuen Parteivorfitzenden wurden leb­hafte Ovationen zu Teil, ebenso dem früheren Par- teivorsitzenden Dr. Marx, der in bewegten Wor­ten seinen Kölner Parteifreunden dankte.

Der neue Zentrumssührer.

Der vom Reichsparteitag in Köln gewählte neu« Führer der Deutschen Zentrumspartei, Prälat Dr. Ludwig Kaas, steht int 47. Lebensjahr. Er wurde geboren am 31. Mai 1881 in Trier. Dort besuchte er auch das Gymnasium imb das Prie­sterseminar. Die theologischen Studien setzte et dann in Rom fort, wo er auch eine zeitlang an der deutschen Aftima wirkte, der deutschen Pational-- kirche.

Danach begab er sich insbesondere zu juristischen und staatswissenschaftlichen Studien nach Bonn, und hier war sein Hauptarbeitsgebiet das Studium des Kirchenrechtes, über das er auch eine von der Universität preisgekrönte wissenschaftliche Arbeit ver­faßte. Später war er Rektor des Waisenhauses Kemperhof bei Koblenz und darauf Präses oesT Knabenvensionates.

Im Jahre 1918 erhielt er eine unter den damali- gen Verhältnissen ganz besonders ehrenvolle Be­rufung als Professor des Kirchenrechtes an das Priesterseminar zu Tier. Dieser Lehrstuhl ist eigens errichtet worden, um Professor Kaas eine Erwei­terung und Vertiefung seiner kirchenrechtlichen Stu­dien zu ermöglichen. Im Jahre 1924 wurde er dann zum Domkapitular in Trier berufen.

Politisch hat der Werdegang von Professor Dr, Kaas sich folgendermaßen gestaltet: Schon bei der Nationalversammlung richteten sich die Blicke auf Dr. Kaas, den man gerade bei den wichtigen staatsrechtsichen Problemen, die nach der Umwäl­zung zur Erörterung standen, garnicht entbehren konnte. Er wurde dann auch im Jahre 1920 in den neuen deutschen Reichstag gewählt. Sein Ansehen wuchs nicht nur innerhalb der Zentrumsfraktion und der Deutschen Zentrumspartei, sondern aud? in allen Parteilagern mehr und mehr. Und so war seine Wahl als Mitglied der Deutschen Delegation nach Genf gegeben, als es sich damals darum han­delte, diese Delegation mit parlamentarischen Vor- tretern auszustatten.

Niemals konnte und durfte die Wahl des Vor­sitzenden der Gesamtpartei etwa unter dem Zeichen einer irgendwie gearteten Interessenvertretung. oder, bestimmt von dem Wunsche irgendeiner ständischer oder Derufsgruppe des Volkes, möge es sich um noch so wertvolle Kräfte handeln, stehen. Durch die Wahl von Prälat Kaas wird bekundet, daß mar eine überragende, mit keinerlei Interessen irgend­welcher Art, wenn auch nur dem Schein nach, ver­knüpfte Persönlichkeit an die Spitze der Zentrums- Partei stellen wollte.

Dabei weiß jeder, der Prälat Kaas aus seiner volitisch-parlamentarsichen Tätigkeit kennt, daß er in einer geradezu vorbildlichen Weise der Mann des Verständnisses für die Wünsche und Nöten der ver­schiedenartigen Berufsgruppen aller Schichten der Bevölkerung ist, und oft genug hat er ja selbst aktiv in die Bestimmung der Geschicke einer Gruppe helfend und unterstützend einbegriffen. Und was Prälat Kaas das besondere Relief gibt, das ist seine Bedeutung in der Außenpolitik diean- gesichts der wichtigen, ja gerade schicksalhaften Fra­gen, die auf diesem Gebiete demnächst zu bewäl­tigen sind, ganz besonders hoch veranschlagt werden muß.

Erwähnen wir dabei, daß Prälat Kaas einer der besten Redner des Reichstages ist, daß es sich um eine geistig vollendet geformte Persönlichkeit großen Formats handelt, — und man könnte noch vieles anfübren, das für seine überragende Führereianung spräche — dann rundet sich das Bild dieses neuen vom Reichsparteitag und vom ganten Lande mit begeistertem Willkomm begrüßten Führers der Zen- trmnspartei.

Der Reichsparteitag stand unter der Mahnung mr Einigkeit! Seid einig, bleibt's beisammen! Diese Worte Windthorsts, Luegers und Prälat Dr. Schäfers standen über allen Bera­tungen, und auch die Führerwahl bewegte sich in diesem Zeichen. Und mit Kaas ist eine ^er wesent­lichsten Voraussetzungen um die Einheit und Ge­schlossenheit der Partei wiederzugewinnen und zu erhalten, sicherlich gegeben.

Das Zentrum hat nun seinen Führer. Stehen wir alle mtt derselben Treue, die er uns gelobt hat. hinter ihm, helfen wir mit ihm, das große einige Zentrum von ehedem wieder zu schaffen. Dieses Zentrum, das die Herzen der Jungen ebenso