FuldaerZertung
Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.
Nr. 285.
Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatl. 1,80 einschl. Postgeb. (30 bezw 48 Pf.) ohne Zustellg.
Sonntag, 9. Dezember 1928.
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SS.Zahrg
W LösWg Der FHrer-zrage im Zentrum.
Der Reichsparieiausschuh schlägt ein Drei-Männer-Kollegium vor.
Die eigentlichen Arbeiten des Zentrumsparteita- ges begannen am Freitag morgen im Kölner Messehof mit einer sehr gut besuchten Sitzung des Reichsparteiausschusses. Der Vorsitzende, Justiz- rat Mönnig, dankte zunächst unter lebhaftem Beifall der Versammlung dem bisherigen Parteichef Dr. Marx für seine vorbildliche Arbeit im Dienste der Partei.
Dann begann die Aussprache über die Frage der Nachfolgeschaft. Justizrat Mönnig teilte mit, Laß der Vorstand in seiner Donnerstagssitzung beschlossen habe, dem Reichsparteiausschuß Herrn Dr. Stegerwald als Parteioorsitzenden vorzuschlagen. Heber diesen Vorschlag wurde lange ernst und sachlich debattiert. Es kam dabei in Betracht, daß Stegerwald offiziell erklärt hatte, die Heber- nahme des Parte ivorsitzes komme für ihn nur in Frage, wenn er gleichzeitig Vorsitzender der Fraktion werde. Das gab schließlich Veranlassrng, dem Ausschuß die Frage vorzulegen, ob er mit einer Verbindung der beiden Aernter in einer Person einverstanden fei. Der Ausschuß sprach sich mit erdrückender Mehrheit gegen diese Verbindung aus. Die Kandidatur Stegerwald war damit gefallen. Daraufhin zog sich der Parteivorstand zu Beratungen über die nunmehr geschaffene Lage zurück. Nach einer
mehrstündigen Sitzung, während welcher der Ausschuß seine Beratungen unterbrach, teilte Justizrat Mönnig dem Ausschuß mit, daß der Vorstand einstimmig beschlossen habe, ihm den Abgeordneten Joos zur Wahl als Parteivorsitzender vorzuschlagen. Die Versammlung nahm diese Mitteilung mit starkem Beifall auf, und die Wahl von Joos zum Parteivorsitzenden, die natürlich noch der Sanktion durch den Parteitag bedarf, erfolgte einmütig durch Zuruf. Der Abg. Joos erklärte darauf, sich seine Entscheidung über die Annahme der Wahl vorbehalten zu müssen, bis er sich mit einigen Mitgliedern des Ausschusses besprochen Hude.
Das Ergebnis der Aussprache war ein neuer Vorschlag, den der Abg. Joos dem Reichsparteiausschuß unterbreitete und der in folgendem Antrag seinen Ausdruck fand: „Der Parteiausschluß empfiehlt dem Parteitag: Der neu zu wählende Parteivorstand wählt aus seiner Mitte drei Vorsitzende mit g l e ich e n Rechten." Dieser Antrag wurde nach Debatte mit Mehrheit agenommen.
Der Wahlausschuß tritt Samstag früh zusammen, um dem Parteitag die Vorschläge für die Zusammensetzung des neuen Parteivorstandes zu machen. Man hofft, dem Parteitag noch Samstag abend die drei Vorsitzenden benennen zu können.
Zur Ratstagung in Lugano.
Die Rbreise der Delegationen. — Die Erwartungen in Frankreich. Die Räumungs- und Reparationsfrage.
Der Pariser Temps bespricht die bevorstehende Tagung des Volkerbundsrates in Lugano, deren Interesse, wie er erklär m der Hauptsache den Unter re bungeM Ä#tt* ~ Briand und C h
Wie aus Berlin gemeldet, hat sich Freitag abend 8.20 Uhr Reichsaußenminister Dr. Stress- m a n n mit Dr. v. Schubert, Ministerialdirektor Dr. Gaus, dem Gesandten F r e y t a g und einer Reihe weiterer Sachreferenten des Auswärtigen States nach Lugano begeben. Zum Abschied hatten sich auf dem. Bahnsteig der stellvertretende Staatssekretär des Auswärtigen, Ministenaldirek- tor Dr. Köppke, Ministerialdirektor Dr. Schneider und Botschafter Dr. v. Dirksen eingesunden.
Der französische Außenminister Br iand ist am Freitag kurz vor 8 Uhr von Paris nach Lugano abgereist.
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Die Stadt Lugano trägt zu Ehren der Rats- telegation Flaggenschmuck in den schweizerischen und kantonalen Farben. 2tls erster Delegierter traf der gegenwärtige Präsident des Völkerbundsrates, Procope-Finnland, Freitag abend >n Lu- gano ein. Mit dem nächsten Schnellzuge kam bei französische Außenminister Brianb mit seiner Begleitung. . Am Abenb waren bie Seeufer und die öffentlichen Gebäube Luganos prächtig beleuchtet. Französische Stimmen zur Völkerbundsratssihung.
Unterrebungen gelte, die Streseman Bri°n dund/ham be r l a in haben Zt Es fet selbstverständlich, daß die drei Staatsmän- ner keine offiziellen Beschlüsse fassen könnL da olles von dem Sachverstand,genausschuß obhangen werde, der in Pans unter Leituna von Poincare mit vollem Einverständnis von Briand zu Vorverhandlungen konzentriert sei m'x.;““ Hinweis darauf, daß der SachverfLdiaen^^ nicht vor dem 10 Jan. 1929 zusammen!?eten ktane fahrt das Blatt fort: Alles, was man verMtattar- roetfe von Lugano erwarten darf, ist, öaftTZ, „4 Daten Unterredungen die Atm osphz. pn- gegenfeitigen Vertrauens wieder her fiel I e n, in der men vor der jüngsten deutsche', kampagne diskutiert hat. Es sei nicht qe'tru,r sT sich diese Hoffnung erfüllen werde, denn <=trpf? mann befinde sich einer irregeführten und aiifrL hetzten öffentlichen Meinung gegenüber in einer viel schwierigeren Lage denn je, und außerdem hätten die deutschen Forderungen die Alliierten ae- groungen, mit der größten Präzision einige baup»= sächliche Grundsätze zu definieren, über die sie ai]f keinen Fall mit sich handeln lassen kömuen.
Das „Journal des Dcbats" drückt sich ähnlich aus. Es vertritt den Standpunkt, daß die Aufgaben der einzusetzenden Reparationskommisiion von deutscher Seite anders aufgefaßt werden, als dies seitens der alliierten Regierungen geschehe. Der deutschen Presse zufolge bandele es sich nicht Mehr baraum die endgültigen Bedingungen für bie Ausführung bestehender Verpflichtungen zu regeln, '»itbern darum, neue Kombinationen zu schaffen, f>iä und allein aufgrund der Z a h l u n g s - ! “ £ igkeit Deutfchlands, so wie sie Deutsch- iand tobfl abschätze. Man wolle den Vertrag rew- oieren aber nicht ausführen Außerdem berufe man fich in Berlin auf ein seit Locarno vorge- vrachtes Argument. Man behaupte, daß L o- h p ° ? e u t s ch l a nb auf den Fuß derGlei cb- ffent kT bes u b.r * 0e" Großmächten ge- s m._ier “TrT '"svlaedossen nicht mehr die aus gebenden Servitüden und ins» befonbere bas Runfhonieren der Revarationskom- S m erdulden brauche. Hoffentlich werde ricnJ) Slresemann davon überzeugen können, daß er auf derartige Spitzfindigkeiten verzichten müsse. Frankreich könne seine Nachgiebigkeit nur einem
Volke und einer Regierung gegenüber zeigen, die guten Willens fei.
England und die Räumungs- u. Reparationsfrage.
Der diplomatische Korrespondent des Londoner „Daily Telegraph" schreibt: Die Diplomaten und Juristen erörtern nach wie vor Chamberlains Haltung bezüglich der jurifrifchen Seite der Rheinland- nauseln oes Versailler Vertrages und besonders des Artikels 451. Von einer gut unterrichteten 'Persönlichkeit wurde nachdrücklich die Auffassung vertreten, daß Deutschland nicht aufgefordert werden könne, als Preis für eine Beschleunigung der Räumung einen größeren Teil seiner Reparationsverpflichtungen im Jahre 1929 ober 1930 zu zahlen, als es unter normalen Umftänben beim Ablauf der Vertragsfrist am 10. Jan. 1935 gezahlt haben würde. Infolgedessen könnten die Alliierten höchstens als Preis verlangen, daß Deutschland den Betrag der Annuitäten, die bis zu dem genannten Datum fällig gewesen wären, vorher bezahle. — Der Korresvondent fährt fort: In anderen Kreisen wird die Ansicht vertreten, daß Artikel 431, der die Bedingungen für eine Vorverlegung der Räumung betrifft, zur Zeit der Zulassung Deutschlands zum Völkerbund hätte Anwendung finden lallen und zwar im Sichte des Briefes Clemenceaus an die deutsche Friedsdstegation rom 16 Juni 1919 und des Dokumentes, dos von Clemenceau. Präsident Wilson und Lloyd George am folgenden Tage unterzeichnet wurde. Clemenceaus Brief hatte namens d-r Alliierten die Zusicherung gegeben, daß Deutschland zur Mitgliedschaft zugelas- fen würde, sobald es beweisen könne, daß es beabsichtige, die Bedingungen des Friedensvertrages zu erfüllen. Tatsächlich besagt Artikel 1 der Völker- bfndssatzung, daß eine Macht als Mitglied znze- lassen werden kann, wenn sie „wirksame Garantien für ihre aufrichtigen Absichten gegeben hat, ihre internationalen Dervflichtungen zu erfüllen." — Der Korrefvondent schließt: Ich höre, daß die britsichen juristischen Sad)oerftönhigen. bie bezüglich dieses Punktes von der Koalitionsregierung unter Lloyd Georae befraat wurden, den Standpunkt vertreten, daß Deutschlands Zulassung zum Völkerbund an sich selbst als Beweis betrachtet werden könne, datz es ..wirksame Garantien« in der Frage bei Reparationen und der Sicherheit gegeben habe.
Besprechungen über die Einsetzung des Sachoer» ständigen-Allsschusses.
Times meldet: Der ftanzösische Botschafter hatte mit Churchill eine Unterredung im Londoner Schatzamt über bie Einsetzung des Sach verständig en aus- schusses für das Reparationsproblem. Später stattete der ftanzösische Botschafter im Fvreign Office Chamberlain einen Besuch ab. Wie bereits bekannt, hatte der französische Botschafter dem Schatzkanzler Churchill am vorigen Samstag die Ansichten Poin- cares zu den Anregungen der britischen Regierung bezüglich der an Deutschland zu erteilenden Antworten mitgeteilt. Gestern übergab nunmehr der Botschafter dem Schatzkanzler eine Abschrift bes Entwurfs der französischen Antwort an Deutschland. Zur Beschleunigung der vorbereitenden Verhandlungen hat Churchill angeregt, daß Poincarc ersucht werden sollte, die Ansichten der alliierten Regierungen bezüglich des Sachverständigenausschufses zufammenzufasfen, natürlich unter Beachtung gewisser Grundsätze, die vom britischen Standpunkt aus, wesentlich finb. D-es bedeutet aber nicht, daß die Alliierten ehre gemeinsame Antwort an Deutschland senden werden
„ * Empfang des japanischen Botschafters beim Reichskanzler. Der Reichskanzler hat am Freitag vormittag den japanischen Botschafter empfangen.
Ku§ Oesterreich.
Annahme der Regierungsvorlage über die Beam- lenzuwendungen.
Der Nationalrat hat am Freitag die Regierungsvorlage über die Zuwendungen an die Beamten unverändert angenommen. In der Debatte kam es mehrfach zu stürmischen Lärmsze- nen. Die Sozialdemokraten warfen den Groß- deutschen vor, daß sie umgefallen seien. Das wurde von den Großdeutschen mit lebhaften Pro- teftrufen erwidert, die von sozialdemokratischer Seite mit stürmischen Gegenrufen beantwortet wurden. Es fielen dann gegenseitig Schimpfmorte, und einen Augenblick lang hatte es den Anschein, als ob es zum Handgemenge zwischen Großdeutschen und Sozialdemokraten kommen wolle. Dem Eingreifen besonnener Elemente gelang es jedoch, Tätlichkeiten zu verhindern. Finanzminister Dr. Kienböck stellte für nächstes Jahr, sobald die wirtschaftlichen Verhältnisse und eine Erleichterung der staatsfinanziellen Lage es erlaubten, weitere Zuwendungen in Aussicht. In biefem Jabr könne aber mit Rücksicht darauf, daß die Kassenbestände und Einnahmeüberschüsse für Jnve- fttitionen reserviert werden müßten, eine Erhöhung der Zuwendungen nicht eintreten.
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Bei den Verhandlungen bei der Generalvost- direktion mit den Personalvertretern der Postan- gestellten ist eine Erhöhung des Mindestbetrages der Derkehrswirtschaftsprämie auf 150 Schilling jährlich und für den Telegraphenkollektivvertragsarbeiter eine fünfprozentige Lohnerhöhung zugestanden worben. Die übrigen Forderungen wurden abgelehnt. Die Personalverta- ter werden den Vertraueyswännern der Anaesttst- ten die Annahme dieses Verhandlungsabsch'usses sowie die sofortige Einstellung der passiven Resistenz empfehlen.
Verstimmung bei den österreichischen Bof&camfcn.
Die Stellungnahme des Parlaments zu den Forderungen der Post-, Telephon, und Telegro- phenangestellten bat trotz der fortgesetzten Verhandlungen. besonders mit den Großdeuttchen, unter den erfhren eine tiefe Verstimmung hervor- gerufen, so daß nicht nur von einer Verschärfung des passiven Wider st andes gesprochen, sondern von einigen Gruppen der Angestellten bereits dasEintretenindenStreik erwogen wird.
Bundespräsident Miklas an den Reichspräsidenten.
Der neugewählte österreichische Bundespräsident M i k l a s beantwortete das Glückwunschtelegramm des Reichspräsidenten v. Hindenburg mit folgender Depesche:
„Die Glückwünsche, die Sie mir im eigenen Namen und In dem des deutschen Volkes anläßlich meiner
-AP Bundespräsidenten entboten, bewegten mich tief Mit meinem innigsten Danke verbinde ich mei- SS’J h^ichsten. Wünsche für Ihr persönliches
Ä UobJur Tu Tn3DoIIe Zukunft des unter r Lotung stehenden großen Deutschen Rei- ches und unseres Brudervolkes."
Dr. Harnisch über sein Scheiden als Bundesprästdent.
wtb. Wien, 8. Dezember. (Eig. Funkm ) Das „fneite Wiener Journal" veröffentlicht eine Unter, re Dung mit dem scheidenden Bundespräsidenten Dr. Hämisch, in her dieser dem Mitarbeiter des Blattes
erklärte: Man wird begreifen, daß es eine ftaW togre, wenn ich sagen würde, daß ich gern diesen Wirkungskreis verlasse, den auszufüllen ich meiner zweimaligen Präsidentschaft ehrlich bemüht war. Einerseits freue ich mich zwar, mich wieder ganz meinen wissenschaftlichen Arbeiten widmen zu können, andererseits aber muß ich ehrlich bekennen, daß ich glaube, eine andere Be- Handlung verdient zu haben, als sie mir in den letzten Tagen zuteil geworden ist. Ich bin dessen ganz sicher — und ich sage das, ohne zu hoffen, daß ich dadurch in den Verdacht der Eitelkett oder der Ueberheblichkeit komme — daß ich, wäre
die Wahl des Bundespräsidenten von einer Vo lks- ab ft immung abhängig gewesen, bestimmt zum dritten Male vom Vertrauen des ganzen Volkes getr agen worden wäre. Es ist nicht meine Schuld, daß es so gekommen ist. Ich bin mir dessen vollkommen bewußt und ich sage auch dies ohne Ueberheblichkeit, daß das Ausland, wenn eS an Oesterreich denkt ober von Oesterreich spricht, zwe iMenschenvor sich sieht: Dr. Ignaz Seitz e l und m i ch. Ich habe dies oft und oft feststellen können, wenn ich z. B. in amerikanischen Blättern von Oesterreich las. Ich bin überzeugt, daß man mich nicht vergessen und daß ich im Gedächtnis meiner Mitbürger lebendig bleiben werde.
Die Verhandlungen mit polen.
Dr. Hermes nach Berlin zurückgekehrt.
Der deutsche Bevollmächtigte für den deutsch polnischen Handelsvertrag, Dr. Hermes, reift» am Freitagabend nach Berlin zurück. Während feines viertägigen Aufenthaltes in Warschau fanden wiederholte Besprechungen mit dem polnischen Bevollmächtigten, Dr. T w a r d o w s ki, statt. Durch den deutschen Bevollmächtigten wurden bei dieser Gelegenheit im Auftrag der Reichsregie- rung Vorschläge übermittelt, die bezweckten, einen deutsch-polnischen Handelsvertrag auf breiter Basis abzuschließen und vor allem für bie wichtigsten wirtschaftlichen Teile des künftigen Vertrages eine den Interessen beider Staaten dienende Grundlage zu vereinbaren. Im Verlaufe der jüngsten Besprechungen zwischen den beiderseitigen Bevollmächtigten ist eine Zustimmung oder Ablehnung der polnischen Regierung zu den deutschen Vorschlägen nicht erfolgt, vielmehr steht die Stellungnahme der polnischen Regierung noch aus. Zwischen den beiden Bevollmächtigten wurde vereinbart, am 16. dieses Monats eine neue Besprechung ia Warschau abzuhalten.
Der französische Mar ne-2tat.
Verabschiedung des Budgets in der französischen Kammer.
Die französische Kammer hat in einer Nacht- fitzung das Budget des Marineministeriums Der- abfchisdet und ist zur Beratung des Budgets des Ministeriums für schöne Künste übergegangen.
Aus den Ausführungen des Berichterstatters für das Marinebudget ergab sich, daß 1914 die Summe von 641 Millionen Francs in das Budget ein«es Kilt mar,, für 1929 dagegen beträgt die Summe 2529 Millionen. In den 641 Millionen für 1914 seien 128 Millionen für Neubauten vorgesehen gewesen, während 1929 rund eine Mil. 11 a r b e für diesen Zweck bestimmt seien, sodaß, wie der Berichterstatter erklärte, unter Berücksichtigung der Geldentwertung die Kredite für bie Kriegsmarine gegen 1914 um 23 Prozent zurück- gefangen seien. Der sozialistische Abg. Goude bestritt das und forderte anstatt des Baues von 10 000 To.-Kreuzern, die 175 Millionen kosteten, den Bau von zehn U-Booten zu je 600 To., bie außerdem nur 360 Mann Besatzung statt 600 er- forderlich machten. Goude sprach sich weiter gegen die Kreuzerfahrten aus, die für die nationale Verteidigung wertlos seien und unnötige- Geld kosteten. Auf diese und andere ähnliche Angriffs von kommunistischer Seite antwortete Marineminister Leygues, daß die Kredite für die Kriegsmarine um 26 Prozent gegenüber 1914 zurückgegangen feien und der Flottenbestand gegenüber 1914 u m 400 000 To. geringer fei. Dieser Bestand müsse jedoch aufrechterhalten werden, weil er unerläßlich sei u. a. auch fir bie Sicherung der Verbindungswege Frankreichs mit feinen Kolonien. Leygues behauptete genau wie Painlevs beim Heeresbudget, daß kein Widerspruch bestehe zwischen den Ausgaben für die Kriegsmarine und der von Frankreich in Gens betriebenen Friedenspolitik.
EMMlOtendenzeli im Britischen
Don Hermann Wilhelm Reuß-Berlin.
eltreich.
Lloyd George hat die Folge des Weltkrieges für das British Empire vor einigen Jahren auf die kurze Formel gebracht: „Früher beherrschte die Downing-Street die Dominions, jetzt beherrschen die Dominions die Downing-Street!"
Und in der Tat — keinem Beobachter der Entwicklungstendenzen im Britischen Weltreich konnte die grundstürzende Veränderung verborgen bleiben, die der Weltkrieg für die politische Struktur des Britischen Imperiums im Gefolge hatte. Während früher 'bie Stellung der fünf Dominions (Australien, Neuseeland, Irland, Südafrika und Kanada) eine fast koloniale Abhängigkeit vom Mutterland aufzeigte, die sich im Wesentlichen durch eine weitgehende innere Selbstverwaltung vom Status völliger kolonialer Unterordnung unter- schied, sehen wir seit Kriegsende eine gewaltige M a ch t st e i g e r u n g dieser Dominions. Schon bei der Unterzeichnung des V e r s a i l l e r Frie- stensvertrages tritt diese Wandlung deutlich zu Tage: die Dominions, deren auswärtige Angelegenheiten bis dahin in völliger Selbständigkeit durch das Auswärtige Amt in der Downing-Street zu London geregelt wurden, setzen hier erstmalig unter ein wichtiges Dokument auswärtiger Politik wie souveräne Staaten ihre Unterschrift. Auch anläßlich des Genfer Protokolls zeigte sich der bestimmende Einfluß dieser neuen Machtfaktoren, die das englische Außenministerium zu einer
Ablehnung des Protokolls nötigten. Nicht zu ver- gesien ist in diesem Zusammenhang die Stellung der Britischen Dominions zum Abschluß des L o- c a r n o p a f t e s. Hier war England ganz auf eigene Faust, ohne die Regierungen der Dominions zu Rate zu ziehen, vorgegangen, die Wirkung blieb nicht aus. Die Dominions quittierten diese Mißachtung ihrer Bedeutung mit der Erklärung, daß der Locarnopakt lediglich für das Mutterland England, nicht für die Dominions, verbindlich fei, daß also bei einem Konflikt aus Anlaß des Locar- nopaktes für die Dominions keine rechtliche Ver- pflichtung vorliege, dem Mutterlande irgendwelche Hilfe zu leisten. Zudem erzwangen sie eine frühere Dnberufung der alle vier Jahre tagenden Britischen Weltreichskonferenz, auf der sie alle diese grundsätzlichen Fragen zur Debatte stellten.
Der Erfolg dieser Konferenz für bie Dominions bestand darin, daß ihnen ausdrücklich ihre völlige Gleicht, erechtigungmitEngland innerhalb des britischen Staatenbundes bestätigt wurde.
Wenn man nach den tieferen Ursachen dieser sinkenden Bedeutung Englands innerhalb des Britischen Weltreiches fragt, so macht man nicht ohne Erstaunen die Wahrnehmung, daß wirtschaftliche Momente eine Hauptrolle spielen.
Vor dem Kriege waren die Dominions überwiegend Agrarländer und sahen sich auf den Import englischer Jndustrieprodukte angewiesen: heute ba-