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JV§ 285.

Sonntag, den 9. Dezember 1928.

3. Blatt.

Druck der Fuldaer Ackieadruckerei, Fulda

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gegr. 1825

Mündelsicher

früher Friedrichsmarkt — Jetzt Bahnhofstraße Nr. 5

2

will.

das

auch

Christentum unter der Hand Hand der Entdeckung wurde, unserer „Sensation". Dieser

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solcher Vergangen­gewachsen, dem das entglitt und eine Das ist der Sinn Schicht, vom Kom-

dem Beisammensein ein Ende zu machen. Es wurde allmählich Zeit, an seine seltsame Verabredung zu den­ken.

Ebenso unerwartet wie willkommen war es ihm da­her, als sein Freund sich erhob und den Vorschlag machte, die Sitzung aufzuheben. Er schützte vor, er habe noch zu schreiben und sicher werde auch Roger müde sein und sich gerne zurückziehen. Für die beiden Schwestern bedeutete dies eine arge Enttäuschung, wenn sie auch nichts davon merken ließen. Ebensowenig widersprach Roger den Behauptungen seines Freundes, daß er sich nach Ruhe sehne, und lieh sich nach einigen höflichen Re­densarten auf fein Zimmer führen.

Dieses lag ebenerdig und hatte die Fenster gegen den Garten zu. Mehr konnte sich der Rechtsanwalt nicht wünschen. Da war es ein Leichtes, unbemerkt ins Freie zu gelangen. Cs war also auch gänzlich über- slüssig, Franz van Beekum ins Vertrauen zu ziehen. Der Freund machte den Abschied kurz und entfernte sich dann rasch.

„Er hätte mir nicht besser behilflich sein können, wenn er wüßte, was ich vorhabe," sagte der Rechtsanwalt zu sich selbst. Ruhig schloß er die Tür und langte dann in seine Tasche, aus der er einen blanken Revolver zum Vorschein brachte und genau in Augenschein nahm. Denn er erinnerte sich der Mahnung seines seltsamen Ver- kündeten. Jedenfalls lief die Sache nicht ohne Gefahr ab. Nachdem er sich vergewissert hatte, daß die Waffe in Ordnung war, setzte er sich an den Tisch. Er wollte nicht gleich das Licht auslöschen. Es fiel ja wohl hier im Haufe keinem ein, ihm nachzuspionieren, aber Vor­sicht war immerhin geboten. Etwa zehn Minuten ließ er verstreichen, und dann drehte er das Licht ab. Be­obachtete jemand sein Fenster, so kam er jedenfalls zu dem Schluß, daß Roger sich zur Ruhe begeben. Ein paar Augenblicke wartete er noch in dem dunklen Zim­mer, trat dann ans Fenster und öffnete es leise. Aber auch das mußte, falls es bemerkt wurde, keinen Argwohn wecken, und selbst ein Gang durch den nächtlichen Gar­ten wäre an sich noch nichts Auffälliges gewesen. Trotz­dem war es ihm lieber, es sah ihn niemand. Vorsichtig spähte er hinaus und bemerkte, daß es ziemlich dunkel war. Im Schutze der Nacht gelangte er ungesehen ins Freie, hielt sich nahe an den Bäumen, wo er vom Haus

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das Glück meines Jungen."

„Gnädige Frau, das dürfte doch zu viel gesagt sein, nicht? Franz kann später sicher trotzdem noch glücklich sein, wenn er Dora Burton nicht bekommt."

Die Mutter schüttelte den Kopf.

„Das sagen Sie nur, weil Sie selbst überzeugt sind, daß sie ihm für immer verloren ist," erwiderte sie und degleitete die Worte mit einem Seuszer der Enttäuschung. Roger versicherte indes, er könne diesbezüglich wahr­haftig keine Ueberzeugung haben, er fei in der Frage aicht auf dem Laufenden.

Das Gespräch sand von selbst ein Ende, als Franz sich ihnen näherte.

„Meine Mutter nimmt dich heute wieder ganz in Beschlag," fQg{c er. Die Unterhaltung wurde wieder all­gemein und auch die beiden Schwestern nahmen an ihr teil. Sie waren liebe junge Mädchen, deren Lebenslust durch die traurigen Geschehnisse zwar gedämpft, aber noch nicht ganz unterdrückt war, und nahmen die Artig­keiten des jungen Rechtsanwaltes, der aufrichtiges Mit­leid mit ihnen hatte, dankbar hin.

Begreiflicherweise war es den jungen Geschöpfen eine Wohltat, wenn sie den Abend nicht allein mit der ewig klagenden, jammernden Mutter verbringen mußten, und so wäre es wahrscheinlich spät geworden, hätte der Rechtsanwalt nicht nach einem raschen Blick auf die Wanduhr nach einer Gelegenheit Ausschau gehalten, um

loschen. Eine Welt geworden, die wieder entdeckt werden kann. Nicht mehr Atmosphäre. Auch nicht Gegenstand neuer Mission.

So sehe ich die Dinge. Es handelt sich nicht nur um Berlin. Um Etagen wie Berlin. Um geistige Schichtungen wie Berlin. Um Anteilnahme am Leben und an den Problemen wie hier. Das kann auch London sein! Das kann auch das Ruhrgebiet sein. Zwischen Duisburg und Hamm! Das kann auch das moderne Schwabing sein! Nicht das alte. In dem irgendwie noch die Glocken der Der- gangenhnt läuteten. Sondern eine „neue Welt". Eine amerikanische. In der es einen Auf- sUeg aus der mechanischen Arbeit von der Schreib­maschine über die Volkshochschule zum Roman des Wochenendes gibt. Eine Welt, die der „alten", bei aller finanziellen Angleichung, ein wenig verächt­lich erscheint. Dis Technik des neuen Eu­ropas. Ihre Bildung zwischen Kran und Schlot gewachsen. Zwischen der Schreibmaschine und den Fremdsprachen von Langenscheidt Rackow. Verlitz- School. Abseits der Vollblutbildung. Ein wenig verachtet von den großen Vertretern der Klassik.

An der Isar, an der Donau, am Rhein gehörte diese Schicht irgendwie zu unserer Familie. An­derswo, wo kein Hochamt mehr den Sonntag ein­fängt und keine Aveglocke mehr den Samstag-

ZraiEiirter Nadw-proaramm.

Montag, den 10. Dez. 1928.

6.30: Morgengymnastik. Anschließend: Wetterbericht und Zeitangabe. 12.30—13.30: Schallplatten-Konzert: „Wiener Musik". 15.05—15.35: Stunde der Jugend. 16.35—18.05: Nach Stuttgart: Konzert des Rundfunk­orchesters: Alte Tanzmusik. In der Pause: Vereins- nachrichten und andere Mitteilungen. 18.10—18.30: Lesestunde. 18.30—18.45: Von Kassel: Fünfzehn Minu- ten Ratschläge für Mutter und Kind (Mathilde Meißel). 18.45—19.15: Hermann Stehr. Vorlesung aus eigenen Werken. 19.15—19.30: Englische Lateraturprvben, vor­getragen von Oberstudienrat Paul Olbrich. 19.30—20: Englischer Sprachunterricht, erteilt von Oberstudienrat Paul Olbrich. 20: Don Bern: Sinfonie-Konzert. An- fchließend: Schallplatten-Konzert: Neuestes.

Dienstag, den 11. Dezember 1928.

6.30: Morgengymnastik. Anschließend: Wetterbericht und Zeitangabe. 13.30—14.30: Mittagsständchen des Rundfunkorchesters. 15.05—15.35: Stunde der Jugend. 16.35—18.05: Don Stuttgart: Konzert des Rundfunk­orchesters. In der Pause: Vereinsnachrichten und andere Mitteilungen. 18.10—18.30: Von Kassel: „Dichtung der Stadt", Vortrag von Walther Eggert, Bayreuth. 18.30 bis 19: Funkhochschue. 19: Vom Frankfurter Opernhaus: „Aida", Oper von Giuseppe Verdi. Darauf: Funkstille.

wissen?"

„Ja, es ist wahr. Sie haben recht. Wenn Sie auch mit Fräulein Burton bekannt sind, wird sie doch über diese Frage nicht mit Ihnen sprechen. Und ich möchte es doch so gerne wissen. Denn, sehen Sie, es geht um

hielte."

„O sie hat meinen Sohn sicher geliebt. Aber Sie werde einsehen, er könne es sich unter diesen Umstän- den nicht herausnehmen, um sie anzuhalten, wenn er nicht im voraus sicher wüßte, daß sie ihn ungeachtet der Dinge, die sich inzwischen ereignet haben, noch Wissen Sie das auch, Herr Doktor?"

„Ich?" fragte Roger erstaunt. „Wie soll ich

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„Sie waren noch nicht verlobt," sagte er. „Und Sie wissen nicht, ob sie sich lieben. Davon hängt es doch in erster Linie ab, was für eine Entscheidung die junge Dame treffen würde, wenn Franz um ihre Hand an-

Freunde, der Generaldirektoren der modernen In­dustrie, lebt ohne die Reflexe heit. So ist bei uns ein Volk

Rund um die Woche.

Schwarztvaldtannerr und Weltspektakel. — Kinder.—Bilanz! — Die großen Unbekannten Ein neues Sozialprogramm. — Sigrid Undset.

Nicht losreißen kann sich meine Erinnerung von den stillen und ernsten Schwarzwaldtannen, die sanft ihre Zweige senken unter der Last des wei­chen Schnees. Sie scheinen nichts zu wissen von den Stürmen, die allenthalben durch die zitternde Welt fahren. Der Schrei der Opfer von den Philip­pinen, von Amerika, vom Kanal, vom Balkan scheint sie nicht zu erreichen. Wie im Paradies ste­hen sie da, in feierlicher Schwermut, aber dennoch stark und stämmig in des Lebens Leid. Die Draht­stränge der Telegraphen laufen wie weiße Bänder an ihnen entlang, wie ein endloses Gitter, hinter dem der Garten des Gliickes verschlossen liegt. Jetzt zieht der Mond herauf und versilbert das Weiß, das die alten Riesen in ihren dunklen Armen tra­gen. Da kommt etwas Weihnachtliches über den Wald, und er ist doppelt ruhig, wie in Sinnen ver­loren über das tiefe Geheimnis des Lebens und des blinkenden Lichtes. Der Schwarzwald feiert Ad­vent, und ich denke daran und zünde heute, ivo ich dieses schreibe, spät in der Nacht das erste Kerzlein -an, das mich an das Kindlein denken läßt. Das ist mein Lichterfest.

Draußen aber strahlt die Reklame. Der Advent des öffentlichen Lebens ist nicht mehr still und be­schaulich. Ich bin kein Spielverderber, und so lasse ich die Freude gelten und wünschie nur, sie lächelte auf sicherem Grunds. Aber daran tvill ich nicht denken und auch in den Wind schlagen, was so die Leute sagten, als ich gestern einen kleinen Gang durch den Lichthimmel des Straßenverkehrs machen mußte. Einer meinte: ,Hätte ich doch das Geld, das eine Stunde Strom kostet" . . . Ein anderer: „Das gibt teure Weihnachtsgeschenke." Ein drit­ter: „Die Wirte haben den Nutzen davon." Ein vierter: „Hätte ich nur dis Montierausgaben!" Die Straßen sind schwarz von Menschen, und die Klei­nen drücken sich das Näslsin platt an den leuchten­den Scheiben. Es sind olles Kinder, was da gafft und staunt. Si" freuen sich des Lichtes und denken nicht weiter. Könnte man sie doch alle in ihrem Paradiese lassen!

Pessimismus. D, ich glaube an den Sieg des Christentums! Ich glaube an die neue Tatkraft so mancher Kreise! Ich glaube an die neue Zeit und ihr Gutes! Aber ich glaube auch an den Teufel, der darum doch da ist, auch wenn ihn manche gut­herzige Menschen nicht spüren.

Seht ihr nicht, wie er an der Arbeit :st, alle Menschen zu Sklaven zu machen? Da ist jetzt in England eine Bewegung, die sich an die berühmten Namen von Chesterton und Belloc knüpft. Sie will wieder jedem Menschen wenigstens ein kleines Stücklein eigenen Besitz geben, denn nur die wirt­schaftliche Freiheit garantiert die politische und d.e menschliche überhaupt. Die s'hen jedenfalls, worum es heute geht. Aber man muß die Dämonie mit« fern, sonst ist man verkauft u. verloren. Da gehen nun die großen Eingemeindungen vor sich, und alle sagten, daß das eine große Er'parnis werde Nun melden sich Kenner der Sache und alte Praktiker, Bürgermeister von Mittelstädten, und zeigen, daß von der Ersparnis gar nichts zu merken sei. Im Gegenteil wächst mit dem größeren Ansehen auch der menschliche Anspruch auf Geltung und Ruhm, und das kostet Geld, viel Geld, zuviel Geld, und wenn irgendwo, dann wird hier das d cke Ende nachkommen. ,, . , ,

Nun ist mein Kerzlein schon weit.herunterge- brannt. Ich muß noch etwas Gutes le'en. Etwas, was mir den Frieden Gottes in die Seele senkt. Da schlage ich das herzige Büchlein auf, das Sigrid Undset soeben unter den schmucken Bändchen der Ars sacra hat erscheinen lassen. Und ich lese .rgend- wo: „Millionen Mütter antworten mit einem Lä­cheln auf den Lippen, mit Tränen in den Augen: Mein kleiner Bub, mein kleines Mädchen v ar schön, schön, jeden Tag seines Lebens, aber am allerschönsten war mein Bub, als er so winzig klein und hilflos war, daß mein gebeugter Arm eme ge­räumige Wiege für ihn war. Väter schüttelst das Haupt: Nicht 'froh um Kinder sein? Kem mir das Leben nicht reich und gesegnet vor trotz Muh al und Armut, wenn nur ein gewisses kleines Madelchen auf meinen Schoß kroch und seinen Vater liebkoste?

. ." Ist das nicht wunderschön? Dazu muß ein Adventslicht brennen. Und aus den Tiefen der Na­tur heraus müssen die Schwarzwaldtannen leise sausen, als wären sie alle Mütter und Väter, die im weißen Linnen ein Kindlein auf ihren Armm tra- gen. Nun brennen schon die Nadeln. Schlaf Kind­chen, schlaf.... £et. 2Uann im Monde.

Gchillerhorft.

Eine geheimnisvolle Geschichte von Wilhelm Holt 31] ---------

„Durchaus nicht. Er wird sich von dem Schlag er­holen. Das traue ich ihm zu. Er kann und will ar­beiten und findet gewiß noch manche Möglichkeit im Beben."

„Ja, aber sie ist doch für immer für ihn verloren." Roger sah sie fragend an. Aber noch ehe sie ant­wortete, wußte er, was sie meinte.

„Dora Burton," flüsterte sie.

„War denn Franz mit ihr verlobt?" fragte er.

»Nein. Aber sie kamen gut miteinander zurecht, und sicher hätte Franz über kurz oder lang um ihre Hand ungehalten. Sie hätte jedenfalls nicht nein gesagt. Kun ist alles vorbei. Denn glaubt Dora auch nicht, daß meinen Mann eine Schuld am Tode ihres Onkels trifft, lo wird sie doch nie dem Sohne eines flüchtigen Ban­stottiers die Hand reichen. Oder glauben Sie?"

Der Rechtsanwalt zögerte einen Augenblick, ehe er Antwortete. Er fühlte, der Frau war nichts lieber, als Iich in ihren Behauptungen widerlegt zu sehen. Denn prach ihr Mund auch davon, daß Dora Burton nicht mehr daran denken konnte, die Gattin ihres Sohnes zu werden, im Herzen war sie doch der Ansicht, daß er noch Immer für die besten jungen Mädchen in Betracht ,omme (es erschien ihr ohne Zweifel durchaus selbst- »erikandlich, daß Doras Liebe zu ihm groß und stark $e!*u® war, um ihr über Bedenken dieser Art hinweg- 0ab Roger dies zu, so täuschte er die raer,-<?enn in bcr Tat war es ja doch nicht ^nnt^'ihme^-l't5ran3 war ein guter Junge, und man tonnte ihm nicht anrechnen, was sein Vater sich zu­schuldenkommen hatte lassen. Aber nein, nein, Dora Burton wurde nicht seine Frau, dazu war sie viel zu stolz. Und liebte sie den jungen Mann in einem Grade, nne es tfrau van Beekum selbstverständlich schien? Sie verstanden sich gut miteinander, aber das hieß noch nicht, daß sie einander liebten.

Frau van Beekum wartete noch immer auf die Ant­wort. Schließlich zuckte Roger unschlüssig die Achseln.

abend, ist dieses Geschlecht „Fremde" geworden. Wirkliches Heidenland. Das vor den Toren liegt.

Nun sehe ich die Dinge so: In der Hoch'chule des Lebens saßen alle beieinander, und den Chri­sten ward das Brot der Ähre gebrochen. Um die anderen aber hat sich niemand gekümmert. Da ist ein junger Geistlicher aufgestanden, ein Kaplan, ber ist auf diese Menschen zugeschritten und hat ihnen die Hand gereicht und hat sie eingeladen und hat das Tor der Kanzel weit aus gesto­ßen und hat seinen Katheder mitten in die Straßen gesetzt. Wissen Sie. An die Leipziger Straße! An den Anhalter Bahnhof! Vor den Lunapark! Und hat ihnen das Evange­lium verkündet in einer ganz anderen Art. Das ist noch nicht die letzte Form gewesen. Das war noch nicht die tiesite Lösung. Aber die Antennen sangen schon in der Sprache von heute. Die Me­thoden waren der ihren angeglichen. Die Plakate hingen in der Untergrundbahn. Die Reporter be­richteten über die Kolonnen der Mittagsblätter und der Abendpresse. Wißt ihr, was Dank ist? Wir anderen hatten diese Welt vergessen. Er kam! Er vertraute ihr! Er wurde i h r A p o st e l! So wird sie, wie immer die letzten Ausgänge Hel­mut Fahsels sein werden, ihm ein Denkmal setze n."

nicht wahrgenommen werden konnte, und schlich langsam den ziemlich langen Garten dahin bis zum Gitter, das den Garten vom Weg trennte, der hinter demselben ver­lief. Nun galt es noch, das Gitter zu übersteigen. Das tat er jedoch nicht gleich, sondern schritt es entlang, bis er jemanden hüsteln hörte. Das war Chamois, der ihn erwartete. Er hüstelte gleichfalls.

„Da," flüsterte eine Stimme, „Sie brauchen nicht zu klettern. Vier, fünf Schritte weiter ist ein Türchen. Es ist nicht geschloffen."

Roger folgte der Angabe und fand das Türchen, das tatsächlich nur bloß eingeklinkt war. Er öffnete es und hielt den Atem an, zu lauschen, als es in seinen Angeln knirschte. Aber es war niemand da, der es hätte hören können.

Der Rechtsanwalt verließ den Garten und zog das Türchen hinter sich zu. Chamois stand an einen Baum gedrückt.

„Alles in Ordnung?" fragte er leise.

„Ja," antwortete Roger, „ich kam ganz leicht weg und brauchte niemanden einzuweihen."

„Auch Franz van Beekum nicht?"

„Nein."

„Er war nur ein klein wenig früher dran als Sie.' „Früher dran als ich? Was wollen Sie damit jagen?"

»Nicht mehr und nichts weniger, als daß nicht fünf Minuten vor Ihnen Franz van Beekum das Haus ver­lassen hat, und zwar durch dasselbe Türchen wie Sie ins Freie gelangt ist."

„Unmöglich."

„Aber wahr."

„Und hat er Sie gesehen?"

«Nein, nei.n Ich hätte ihn beinahe angesprochen, merkte aber zum Glück noch rechtzeitig, daß Sie es nicht waren."

„Und wohin ist er gegangen?"

„In dieser Richtung fort."

„Was soll das, Was halten Sie davon?"

„Ich weiß es nicht. Aber jedenfalls ist es gut, daß Sie ihm von nichts gesprochen haben. Cs ist in solchen Dingen immer das Beste, nicht zu vertrauensselig zu sein, wenngleich ich nicht glaube, daß der junge Mann zum Geschlecht der Schurken gehört,"

merzienrat bis zur Stenotyvillin "nd bis zum Diplomingenieur (das alles sei o' ' Verächtlich­keit gesagt), sind die Lichter des C stentums er­

CDas haltet Ihr von Kaplan Zahsel?

' (Eine bemerkenswerte Auseinandersetzung.

In der Kölnischen Volkszeitung" yat dieser Tage der Kölner Philosoph P e t e r Wust einen ziemlich scharfen Angriff auf den be­kannten katholischen Pazifisten Kaplan Fahsel ge­richtet anläßlich eines Vortrages im Kölner Gür- Snich über „Das moderne Sexualproblem". Im nfchluß an die Inhaltsangabe des Vortrages, den er mit den drei Vorträgen von Pater L'ppert 8. I. vergleicht, wirft Peter Wust, „mit immer Hrößerem Erstaunen", die Frage auf, wie es mög­lich sei, daß gerade dieser Redner heute noch die Massen „anlocke". Die Methode tue es nicht. Im Gegenteil langweile das ewig diktatorische „erstens, zweitens, drittens". Auch von der Sprache fei nicht viel Gutes zu sagen. Er finde sie eher „hilf­los". Wenn sie bloß „schmucklos" wäre, so fei das ein Vorzug, aber sie sei buchstäblich hilflos. In­haltlich sei die Rede „nicht verlockend". Nirgends ein Einblick in letzte Tiefen. Fortdauerndes Pa­thos. Ohne Akzente. Ohne weife Formulierung. Man ermüde sehr rasch an ihrem aufdringlichen Ton. So erscheine das Phänomon dieser redneri­schen Wirksamkeit, die nun schon seit Jahren an­dauere wie „ein großes Rätsel".

Es ist nun recht lehrreich zu lesen, wie sich ein anderer bekannter katholischer Priester und Schriftsteller, der angesehene Berliner und Sozial- ethiker Dr. Karl Sonnenschein, mit dieser ungewöhnlich scharfen Kritik abfindet. In dem von ihm geleiteten (Berliner) Katholischen Kirchen­blatt schreibt er u. a.:

„Ich habe mich mit Fahsel mehrfach über die Frage auseinandergesetzt, warum Köln, München, Wien ihm kritischer gegenüberstehen als Berlin, und glaube, daß hier auch die Wurzel der heutigen Auseinandersetzung ruhen. Die katholische Kultur der drei genannten Städte und ihrer großen Hin­terländer hat nie jene geistige Leere gekannt, die für Berlin und seine Atmosphäre charakteristisch ist. Das Planetarium ist nirgends so sternenlos, noch so sternenlos gewesen wie in Berlin. Nicht, als ob es anderswo eine direkte Predigt des Chri­stentums an die Ungläubigen dieser Atmosphäre gäbe oder gegeben habe. Nein! Aber es gab otmosphäre Wirkungen. Es hingen Prozessions­fahnen in der Luft. Es wehten die Schleier der sCrstkommunikanten! Es war vom Sturm der Glocken der Nachmittag des Feiertages trunken. Es redete irgendwie das Sakrament aus Statuen, Symbolen und Gesängen zur nachchristlichen Menschheit. Dieses alles fehlt den neuheidnischen Städten. Sie sind ausgehungert bis zur wüsten­haften Trockenheit. In den Schränken der mo­dernen Bildung, vor allem der nichthumanistischen, der Bildung, die angefüllt ist mit der Gymnastik des Tages, mit der Technik des Naturexperimentes, mit der Medizin der Psychoanalyse mit dem No- man der verworrenen Mystik, fehlt der ganze Auf­marsch des Geistes, von Aristoteles bis Thomas, vom arabischen Averroes bis zum griechischen Pe­trarca, von Augustinus bis zu Thomas von Kem­pen. Die Bibliothek Rathenaus batte noch stille Fenster für diese Farben. Die Bibliothek seiner

Wer Euch sagt, daß Ihr anders reich werden könnt, als durch Arbeit und Sparsamkeit, der betrügt Euch, der ist ein Schurke.

Benj. Franklin.

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Es ist ja alles so furchtbar ernst unh schwer, sei es nun dort, wo die Aussperrung so viel Unglück, so viel Verluste und so viel Sorge hinterlassen, sei es dort, wo zu Weihnachten leise Kinder meinen, sei es in der Wirtschaft ober in der Politik. Ich lese daß man heute in Rußland die Bauern bewaffnet. Wer liefert diese Waffen? Ich höre von Abmachun­gen zwischen den Generalstäben verschiedener öst­licher Nachbarn. Man dementiert, gewiß, aber ich weiß wieder aus anderer Quelle, daß etwas daran ist. Mussolini schwankt eigentümlich zwischen der Bourgeosie des Westens und dem Proletariat des Ostens. Es wird fieberhaft gearbeitet hinter den Kulissen der großen Politik. Die Oeffentlichkeit merkt davon wenig, denn niemals ist so wenig ohne das Volk regiert worden, als seit der Zeit, da man es für souverän erklärt hat. Wenn nur die wah­ren Souveräne dieser Welt von heute es gut mit uns meinten, dann wäre wenig daran, aber wer kennt sie, die große Unbekannte?

Mich interessiert bei allen diesen Entwicklungen die sich immer deutlicher von ihren dunklen Hinter­gründen abheben, vor allem das Schicksal des Chri­stentums und der Kirche. Ich beobachte, wie der Zynismus steigt. Da wird mir eben ein Druckblatt gesandt, auf dem gewisse Gummiartikel anaebaten werden van einer berühmten Firma. Massenhaft wird dergleichen herumgeschickt und immer mit Be­rufung auf Weihnacht, das gesegnete Fest der Ge­schenke. Gibt es einen satanischeren Hohn auf die Geburt des göttlichen Kindes? Nach dem Jesubuch von Emil Ludwig ist nun auch Hegemann erschie­nen, und auch er zieht den Erlöser in den Staub. Die gottlose Kinderbewegung der Freidenkerei nimmt noch immer zu. und schön klagen Missionäre aus allen möglichen Gegenden, welch ein Kreuz es mit diesen so früh verhetzten Kindern sei. N'ch hält der Dämon sich zurück und birgt seine Kralle im Sammetpfötchen, aber sein Schweif fegt schon durch die Lust, und er kann es nicht erro irl-n, bis feine Zeit gekommen. Meine guten öefer werden denken, daß fei nun wieder ein Rückfall in den