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Xs 284.

Samstag, ven 8. Dezember 1028.

Fuldaer Zeitung

2. Blatt.

Druck der Fuldaer Ackiendruckerei, Fulde

Es geht

Von einer besonderen Seite wird uns ge- fcbnebc^*

Große Politik ist manchmal nicht leicht zu ver­stehen- Wenn sie jedoch an den Geldbeutel geht, sieht jeder ein, daß er sich mit ihr beschäf­tigen wuß.

Nun gibt es aber kein politisches Problem, das fo sehr eine Angelegenheit des Geldbeutels für je­den von uns ist, wie das Reparationsproblem.

Auf jeden Deutschen entfallen in diesem Jahr rund 40 Mark Reparationszahlungen, auf eine fünfköpfige Familie also 200 Mark.

Das soll noch ein Menschenalter lang so blei­ben! Jedes Jahr wird immer wieder jeder Deutsche diese Tatsache in seiner Jahresrechnung spüren.

Wir sind zurzeit, im ersten sogenannten Nor­maljahr des Dawesplanes, dem Ausland tribut­pflichtig mit 2,5 Milliarden; das sind 207,3 Millio­nen monatlich, 6 912 000 Mark täglich, 288 000 Mark jede Stunde. Es sind Gelder, für die die deutsche Wirtschaft keine irgendwelche Gegenlei­stung erhält, die ihr einfach verlorengehen.

Wenn diese Gelder in Deutschland blieben und, nehmen wir einmal an, dem deutschen Sparkapital zugeführt werden könnten, so würde das eine we­sentliche Hebung der deutschen Wirtschaft bedeuten. Cs würde mehr Geld da sein, um Betriebe zu er­halten, auszubauen und neu einzurichten, der Zinsfuß müßte sich durch das vermehrte Kapital­angebot senken, die Produktionskosten (denken wir nur an die Bedeutung der Zinsen für den Woh­nungsbau) sich vermindern, die Arbeitslosigkeit mit ihren großen sozialen und moralischen Schäden zu- rückgchen. Aber auch wenn das Geld nur zu einem Teil zur Kapitalbildung verwandt, zum anderen Teil vom deutschen Volke verbraucht würde, bedeutete das nicht nur einen höheren Le­bensstandard für die Gesamtheit, sondern auch einen größeren Verbrauch und damit eine gestei- gerte Beschäftigungsziffer für den deutschen Ar­beitsmarkt. Diese GrürÄe reichen gewiß, um jedem klar werden zu lassen, um was es bei den Repa- vationsverhandlungen für* jeden einzelnen geht.

Die bisherige Reparationsregelung auf Grund des Dawesplanes von 1924 ist etwas vorläufiges. Die Regelung, die jetzt kommen soll und für die das von Deutschland verlangte neue Gutachten der Sachverständigen als Unterlage gedacht ist, soll hin­gegen etwas Endgültiges, etwas Unveränderliches fein. Es werden nach unserer Meinung dadurch noch für eine Generation bestimmte harte Lasten feftgelegt Der jetzige Dawesplan hat nichts weiter bestimmt als: Zahlt Ihr Deutschen einmal zunächst (abgesehen von den ersten vier Schonjahren) Jahr für Jahr 2,5 Milliarden; wielange, das wird sich später einmal finden. In Artikel 233 Abf. 4 des Versailler Vertrages ist vorgesehen, daß Deutsch­land in einem Zeitraum von 30 Jahren seine Re­parationsschuld abträgt Es ist dort allerdings auch gesagt, daß, wenn Deutschland mit den Zah­lungen im Rückstände bleibt, der Ausgleich der Re­parationsschuld auf noch weitere Jahre übertragen werden kann.

Lehmen wir nun einmal an, Deutschland sollte 30 Jahre lang 2,5 Milliarden bezahlen. Wir bür» v a^er denken, daß wir nach deren Ablauf dann dreißig Mal 2,5 Milliarden — 75 Milliarden bezahlt hätten. Das Meiste, was wir e” haben, sind Zinsen, Zinsen auf eine Schuld, die wir bisher noch nicht kennen, und die man letzt festsetzen will. Ein Teil der Summe ist allerdings festgesetzt: 11 Milliraden Obligationen bet Deutschen Reichsbahn und 5 Milliarden Obliga­tionen der gesamten deutschen Industrie. Das sind feste Werte von insgesamt 16 Milliarden, die im R°^^^°r emes Treuhänders ruhen und auf die lahrbch 5 Proz. Zinsen (800 Millionen) und 1 Pro- ynt Tilgung (160 Millionen) gezahlt werden.

Diese Tilgung von 1 Prozent bedeutet aber wiederum nicht etwa, daß die Summe erst nach 100 wahren gezahlt fei. Die Zinsen werden ja immer in gleicher Höhe von der jährlich geringer werden­den Summe gezahlt. In Wirklichkeit tilg->n wir also vom zweiten Jahre ab in ständig steigendem I Maße mehr als 1 Prozent. So wird in 36 Jah­ren diese Schuld erledigt sein. Betrachtet man un- I

jeden an!

ter bem gleichen Gesichtspunkt den Rest der zur Zett zu leiftenben deutschen Zahlungen und rech­net letzt umgekehrt, was denn diese Summe für einen Gegenwartswert ergibt, wenn darin 5 Proz. ,5tnfen und 1 Proz. Tilgung stecken, so kommt man auf ungefähr 26 Milliarden Mark. Das wä­ren zusammen mit den 16 Milliarden Obligatio« nen also 42 Milliarden Mark Reparationsschuld. Wobei die nach amtlicher Berechnung bis Anfang 1123 ausgebrachten deutschen Leistungen Abtragun­gen usw. mit 55,9 Milliarden nicht eingerechnet sind.

Jetzt kann man sich auch klar machen, welche Bedeutung es hat, wenn die Alliierten ihre Schul­den an Amerika als Grundlage für die Berechnung der deutschen Reparations-Gesamtverpflichtung zu­grundelegen wollen. Alle Alliierten insgesamt ha­ben jährlich rund 1,3 Milliarden Mark (langsam ansteigend) an Amerika zu bezahlen. 62 Jahre lang bis 1988. Das sind ungefähr 27 Milliarden Gegenwartswert. Sie möchten nun, und das ist das Schwere und Gefährliche der jetzigen Situation, daß so lange auch die deutschen Reparationszah­lungen zu laufen hätten. Da nämlich bei der Streckung der deutschen Zahlungen auf diesen lan­gen Zeitraum die jährlichen Zahlungen entspre­chend gekürzt werden müßten, kommt Frankreich gleichzeitig und sagt: Ihr Deutsche müßt auch die Wiederaufbaukosten in Frankreich ersetzen. Und Belgien meldet sich mit einer Entschädigung für die Frankennoten, die Deutschland während der Besetzung Belgiens ausgegeben hat und die Bel­gien auf 6 Milliarden beziffert. So fuch-n die Alliierten dadurch, daß sie ihre Schulden mit den Reparationen verkoppeln, zu erreichen, daß die deuffchen Zahlungen kaum gemindert, aber statt auf 30 auf 62 Jahre ausgedehnt würden.

Dieses Verlangen der Alliierten hat aber kei­nerlei rechtliche Grundlage. Nirgendwo ist im Versailler Vertrag ober im Dawesabkommen eine Beziehung zwischen Reparationen und Al­liiertenschulden hergestellt. In Artikel 232 Abs. 2 des Versailler Vertrages ist nur festge­legt, daß Deutschland sich verpflichtet, „alle Schulden wieder gut zu machen, die der Zivilbevölkerung jeder der alliierten und asso­ziierten Regierungen und ihrem Eigentum während der Zeit, da diese Macht sich >m Kriegszu­stand mit Deutschland befand" zu ersetzen. Diese Schäden sind in einer Anlage noch näher bestimmt. Es find dafür schon die wahnwitzigen Ziffern in den vergangenen Jahren aufgestellt worden, von denen besonders die 132 Milliarden des Londoner Ultimatums von 1921 bekannt geworden find. Eine Feststellung dieser Summe in ihrer tatsäch­lichen Höhe wird also voraussichtlich in die Kom­menden politischen, wenn nicht auch in die Sach­verständigen Verhandlungen Hineinspieren.

Vor allem aber muß für die kommenden Ver­handlungen maßgebend bleiben die Leistung s- fähigkeit Deutschlands. Dabei darf nicht übersehen werden, daß die deutsche Leistungsfähig- feit nicht in dem Matze bestehl, wie das auf der Gegenseite durch die bisherigen Dawesleistungen Deutschlands als erwiesen angesehen wird. Nach dem Dawesvertrag sollen Reparationen nur aus den Ueberschüssen der deutschen Wirtschaft geleistet werden. Deutschland hat aber in den letz­ten vier Jahren fast genau in gleicher Höhe, in der es Reparationen geleistet hat, l a n g f r l ft i g e Anleihen in Amerika aufnehmen müssen. Es liegt also nicht eine Reparationserfüllung aus Ueberschüssen der deutschen Wirffchast, sondern im wesentlichen eine Verschuldung zugunsten der Da- wesersüllung vor. Unter diesem Blickfeld betrachtet, bedeuten die deutschen Leistungen sogar eine Ver­letzung des Grundgedankens des Dan-esplanes.

Es wird, darüber darf man sich keiner Täu­schung hingeben, sehr schwer halten, dem deutschen Standpunkt in den kommenden Verhandlungen Geltung zu verschaffen, so gut er auch fundiert ist. Die Gegenseite ist hartnäckig und neuerdings hat sie bereits versucht, durch Denkschriften, in denen sie die deutschen Reparationsleistungen von der Höhe der alliierten Schulden abhängig macht.

Deutschland von vornherein auf eine stillschweigende Anerkennung ihrer Folgerungen festzulegen. Da­bei nimmt sie die wichtige Frage des T r a n s f e r- schutzes offensichtlich ganz leicht und betrachtet es scheinbar als ganz selbstverständlich, datz Deutsch­land auf diesen Schutz in Zukunft verzichtet. Dieser Tranferschutz ist aber für Deutschland ein wesentlicher B e st a n d t e i l der bisherigen Rege­lung, da durch ihn eine Sicherheit dafür ge­schaffen ist, daß durch die Uebertragung (den Transfer) der Reparationsleistungen die d e u t s che Währung nicht gefährdet ist. Deutschland kann diesen Schutz nie und nimmer aufgeben oder auch nur abschwächen lassen, wenn es nicht die Ueberzeugung gewinnen kann, daß die künftigen Verpflichtungen mit Sicherheit für die deutsche Wirtschaft erträglich sein werden.

Unsere Reparationsschuld ist jetzt eine poli­tische Schuld. Das heißt: Sie beruht auf Ver­trägen zwischen Regierungen und Völkern, die sich gestern gezankt, heute vertragen und morgen viel­leicht befreundet sein können. Und dann kann ein solcher Vertrag jederzeit revidiert werden. Wird ober eine politische Schuld „kommerzialisiert" (in eine Privatschuld umgewandelt) dann wird sie da­durch zu einem internationalen Wertpapier, wie eine Anleihe ober ein Pfandbrief, in Millio­nen Stücke an unzählige Gläubiger zersplittert, an die eben gezahlt werden muß bis nach dem Rechen- stist alles herunter ist.

So kurz und lückenhaft diese kurze Darstellung ist, sie zeigt doch, daß das Reparationsproblem an Bedeutung alle andere Fragen der Gegenwarts­politik überragt. Die deutsche Regierung braucht sowohl in den gegenwärtigen Vorverhandlungen über die Aufgaben des Sachverständigenkomitees wie später bei den Verhandlungen über die Um­setzung des Gutachtens in bindende Verträge ein steifes Rückgrat und einen festen Halt in der Stim­mung des deuffchen Volkes. Darum ist es not­wendig, daß jeder Deutsche sich wenigstens über das Ällerrvichtigste aus diesem großen politischen Problem klar ist, denn es geht jeden einzelnen von uns an. ____________

* Kein Friedensnobelpreis für 1928. Wie aus Oslo gemeldet wird, beschloß der Nobelausschuß

des Storting den Friedensnobelpreis des Jahrs 1928 erst nächstes Jahr zu verteilen.

von den Hochschulen.

= Akademische Ehrung. Die naturwissenschaftlick mathematische Fakultät der Universität Freiburg h« den Direktor der Vereinigten Stahlwerke 21. G in Don mund, Bergassessor a. D. Hermann Wenzel zum Ehrer doktor ernannt.______________________

Geheimrat Dove — 75 Jahre all

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Geheimer Justizrat Dr. h. c. Heinrich Dove,

der frühere Vizepräsident des Reichstags und Ian; jährige Syndikus der Berliner Handelskammer begeht am 11. Dezember seinen 75. Geburtstaj Als Sohn des berühmten Physikers Eeheimrc Dove in Berlin geboren, wandte er sich dem Rick terberufe zu und war Landgerichtsrat in Frani furt a. M., bevor er Syndikus in Berlin würd' Dem Reichstag gehörte er als freisinniger Abcp ordneter 1903 bis 1918 an. 1912 wurde er zur Vizepräsidenten gewählt. Seine Werke über do Handelsgesetzbuch, Börsengesetz und das internatil nale Privatrecht haben Bedeutung. Er ist Ehrer doktor der Universität Berlin.

23 Zähre praktische Fliegerei.

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Das historische Flugzeug der Brüder Wright. Links: Die Begrüßung Orville Wrights 1908 in Vertin

Am 17. Dezember werden es 25 Jahre, daß die Brüder Wrights einen der kühnsten Träume bei Menschheit verwirklichten, tnbem sie in Kitty Hawk im amerikanischen Bunbesstaat Nordkarolina mit einen einmotorigen Doppelbecker in bie Lust aufstiegen. Sie unternahmen am selben Tage 4 weitere Flüge, de benen sie sich an Borb ablösten. Fünf Zeugen wohnten biefem entscheidenden Versuch bei. Das historisch' Flugzeug der Brüder Orville und Wilbur Wright ist im Wissenschaftlichen Museum in London aufgestellt

Gchillerhorft.

Eine geheimnisvolle Geschichte von Wilhelm Holt 30] ---------

„Sie? Aber wenn das der Fall wäre, würden Sie ja mir nicht vertrauen. Ich bin der Rechtsvertreter des Bankiers van Beekum, und dieser ist ein Freund des Barons.

Der Mann lächelte.

„O nein. Sie mögen der Rechtsvertreter des Ban­kiers fein, Sie sind aber auch der Freund des Detektivs und Fräulein Burtons, und darum vertraue ich Ihnen"

„Weshalb legen Sie sich dann einen falschen Namen bei, wenn Sie mir vertrauen?"

„Einen falschen Namen? Ich heiße Chamois:

„Doktor Chamois?"

„Doktor Chamois? Nein, das war mein Bruder."

,Zhr Bruder?"

„Ja. er war das Opfer der gleichen Schurken, die auch den Notar getötet haben. Darum sind jene Schur­ken meine Feinde."

„Sie behaupten, daß sie Ihren Bruder getötet ha­ben?"

„Nein, was sie an mir getan, war noch ärger. Ich bin bereit, Ihnen das alles zu erzählen, aber nicht jetzt. $ie Zeit drängt zu sehr."

H-,Was wollen Sie also von mir?"

H Hch bin gekommen, um Sie zu fragen, ob Sie heute men eine gefährliche Expedition mit mir unterneh- ^ollen, um den Detektiv zu retten." Ven 6ie denn, wo er ist?"

Mä'dch^,d"s weiß ich. Ich will ihn retten — und das finnig. I1c.aud’' von dem sie behaupten, sie fei wahn- ben zu r?tl,abe 65 mir 3ur Aufgabe gefetzt, das Mäd- Aber . . „ ' ®s roäre mir schon beinahe geglückt. Flu'ch?ve!half?^ ni$* etroa ber Mann, der ihr zur „Der Mann bin id)/.

tonnnnlffi’r9h^n betrügen mich. Ich habe den ™ ^ch da ausgeben, gesehen."

kn/ t S biogen," erwiderte er heftig. „Man A.°uf dem Eichenhof -ine wohlgesetzte Komödie auf- C Tp e t, um Ihren Argwohn einzuschläfern. Sie haben

sozusagen mit dem Mann gesprochen, der das Mädchen entführen wollte. Aber jener Mann war ein Helfers­helfer des Barons, war der Mörder des Notars Bur­ton. Der Mann, den Sie in einer falschen Rolle gesehen haben, ist verhaftet. Das muß der Detektiv Ihnen ja erzählt haben."

„Ja," bestätigte Roger, „das hat er mir erzählt."

„Aber Sie haben bann doch selber gehört, daß der Verhaftete ein Diener des Barons ist. Und das ist wahr. Ich bin Chamois, und ich wollte das Mädchen entführen."

Es war dem Rechtsanwalt einen Augenblick, als tanzte ihm alles vor den Augen. Cr sah sich einem Wirrwarr von Geschehnissen gegenüber, in dem er sich nicht mehr zurechtfand.

Was der Fremde ihm da erzählte, flößte ihm jedoch Vertrauen ein. Rofch hatte ihm erzählt, daß er den Mann habe verhaften lassen, mit dem er gesprochen, und daß der Mann der Mörder fei. Und nun war in der Tat jemand verhaftet worden, und zwar ein Diener des Barons. Er hatte also damals auf dem Eichenhof mit einem Diener des Barons gesprochen, der eine falsche Rolle spielte. Man hatte ihn schändlich betrogen, und es bestand die Möglichkeit, daß der Fremde hier die Wahrheit sprach.

„Es ist gut," sagte er plötzlich entschlossen. „Ich werde Ihnen Helsen. Aber wie kann das sein?"

„Sie wissen nicht, wie Sie unbemerkt von hier fort* kommen können, nicht wahr? Hören Sie, in zwei Stunden warte ich draußen am Gitter, bas den Garten umschließt, auf Sie. Vielleicht können Sie durch bas Fenster Ihres Schlafzimmers ungehindert ins Freie ge­langen. Ist Ihnen das aber nicht möglich, fo muffen Sie eben jemand ins Vertrauen ziehen."

„Hier im Haus?" fragte Roger erstaunt. „Haben Sie dagegen kein Bedenken?"

„Nein. Die van Beekum sind viel mehr Opfer als Mitschuldige des Barons. Sie können Franz van Bee­kum sagen, daß Sie fort müssen, aber natürlich nur unter ber Bedingung, baß er mit niemanbem darüber spricht. Besser ist es freilich, wenn Sie ihm nichts sagen. Er steht sehr unter dem Einfluß des Barons "

„Gut. Sie finden mich auf jeden Fall in Zwei Stunden an ber oerabrebeten Stelle."

„Nehmen Sie einen Revolver mit," sagte ber Fremde noch.

10.

Roger wurde im Kreise der Familie van Beekum mit großer Herzlichkeit ausgenommen. Er war Welt­mann vom Scheitel bis zur Sohle, wußte angenehm und ungezwungen zu plaudern und hegte auch tatsächlich auf­richtiges Mitleid mit der Mutter und den Schwestern seines Freundes, die sehr unter dem Schicksalsschlag litten, der sie ohne ihr Verschulden getroffen hatte. Wie ein Schlag aus heiterem Himmel war es über sie her­eingebrochen, und natürlich nahmen sie sich besonders zu Herzen, daß über den bis dahin so geschätzten Namen van Beekum Schimpf und Schande gekommen war. Das war ihnen weit schmerzlicher als die Aussicht auf ein Leben der Armut. Nicht, als roäre ihnen Hunger und Not bevorgestanden. Aber mehr als eine abhängige Lage durften sie sich nicht mehr erhoffen. Dabei hatten die Mädchen weiter nichts gelernt, vor allem nicht, sich einzuschränken, fo daß die Zukunft in der Tat nicht in rosigem Lichte vor ihnen ag. Dazu kam die beständige Angst um das Schicksal des Vaters. Das beste, was sie sich erhoffen konnten, schien ihnen, daß der Bankier den 2Irmen der Gerechtigkeit entgehe, denn daß er ins Gefängnis wandern mußte, wäre ihnen gar zu schrecklich vorgekommen. ,

Frau van Beekum war eine gute, aber ziemlich un­bedeutende Frau und hatte jedenfalls nicht Seelenstärke genug, um unter solchen Umständen mutig und aufrecht ZU bleiben. Den größten Teil des Tages verbrachte sie damit, zu meinen und in endlosen Klagen zu bejam­mern, was sie verloren, und ihre Kinder hatten keine größere Sorge, als sie von ihren verzweifelten Gedanken abzulenken. Das war keine leichte Ausgabe. Doktor Ro­ger hatte bereits bei seinem ersten Besuch in Schiller- hofft durch sein vornehmes, ruhiges Auftreten und feine ermunternden Worte einen höchst wohltätigen Einfluß auf sie ausgeübt und sie dazu gebracht, doch nicht gar fo verzweifelt über die Sache zu denken. Um fo will­kommener war er nun, um fo freundlicher wurde er in den Kreis der Familie ausgenommen. Zuerst sprach man über tausenderlei verschiedene Dinge, aber schließ­lich war es nicht mehr zu vermeiden, daß die Rede auch auf die große Angelegenheit kam. Frau van Beekum ließ ihrer gedrückten Stimmung freien Lauf und ergoß ihren ganzen Schmerz in bittere Klagen.

„Nun, nun," beschwichtigte Roger, „Sie schauen ja absichtlich an jedem Lichtpunkt vorbei, gnädige Frau."

„Als ob es für uns noch Lichtpunkte gäbe."

„Ganz gewiß gibt es Lichtpunkte für Sie," sagt, Roger bestimmt. „Schauen Sie. es steht zum Beispiel schon so gut wie fest, daß Ihr Herr Gemahl am Tod« des Notars unschuldig ist."

„D, das wußten wir ohnehin, daß nur der Schein gegen ihn sprach, daß er unschuldig sein mußte."

„Freilich waren Sie davon überzeugt, aber die Well war es nicht. Und wir müssen zugeben, die Tatsachen lagen derart ungünstig, daß sich der schwerste Verdacht gegen den Herrn Bankier richten mußte. Jetzt wissen wir jedoch sicher, daß er damit nichts zu schaffen hatte. Sogar die Familie des Ermordeten ist davon überzeugt."

„Wiffen Sie bas?"

„Ja, bas weiß ich sicher, gnädige Frau. Die Nichte des Notars, Fräulein Dora, verliert keinen Gedanken mehr an die Möglichkeit, daß Ihr Herr Gemahl die Untat begangen haben könnte. Und das dürfen wir doch wohl einen Lichtpunkt nennen. Das andere ist freilich noch traurig genug, aber daran läßt sich nun einmal nichts mehr ändern, und es nützt nichts, sich in Klagen darüber zu ergehen. Kein vernünftiger Mensch wirb es den Kindern anrechnen, wenn der Vater sich ver­gangen hat. Und ist die Zukunft für dieselben auch nicht mehr so heiter, wie sie ihnen bisher erschienen ist, so wäre es doch töricht und unrecht, behaupten zu wollen, es sei ihr ganzes Leben vernichtet. Ich bin überzeugt, sowohl Franz als auch dessen Schwestern besitzen Wil­lenskraft und Arbeitsfreude genug, sich eine neue Stel­lung in einem neuen Leben zu verschaffen und werden Ihnen einen sorglosen, ruhigen Lebensabend bereiten."

Frau van Beekum schüttelte den Kopf, als wollte sie sagen, das seien eitle Pläne, hörte aber doch gerne zu, roenn der Rechtsanwalt sie mit solchen Trostesworten über den Augenblick hinwegzubringen suchte. Die Kin­der waren ihm dankbar dafür. Er saß so gemütlich neben ihr in ber Kaminecke, während sich die anderen etwas zurückgezogen hatten. Plötzlich beugte sich Frau van Beekum zu ihm empor, als hätte sie ihm etwas zu sagen, was die Kinder nicht zu hören brauchten, und sprach mit gedämpfter Stimme:

„Die Zukunft meines Sohnes ist aber doch ganz und gar vernichtet."

(Fortsetzung folgt)