Einzelbild herunterladen
 

Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

Mr. 283.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochendeilagen „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck' und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nc. 9 Monatl. 1,80 einschl. Postgeh. <30 bezw 48 Pf.) ohne ZuiteNa

Freitag, 7. Dezember 1928.

Anzeigen-Preise Kleinzeile cColonel) tola> u,15 JUt auswärts 0,20 JUt Reklamezeile: lotal 0,60 JO auswärts 0,80 JUt Bei Wiederholur gen Rabatt. •: Postscheckkonto Frankfurt a. M Nr 4051

55.Zahrg.

Der Auftakt.

Auf Wunsch Dr. Stresemanns wird Lugano der Ort der bevorstehenden Konferenz des Völkerbunds­rates sein, Lugano am Laggo Maggiore, auf dem vor drei Jahren in friedsamer Kahnfahrt die Grundlagen des Locarnovertrages festgelegt wor­den sind. Briand hat am Dienstag in der fran­zösischen Kammer noch einmal darzulegen versucht, welcher Umschwung der politischen Verhältnisse durch den Locarnooertrag in Europa eingetreten ist. Der Versuch war nicht erfolgreich und lief mehr aus in eine freundliche und optimistische Betrach­tung der Verständnismöglichkeiten in der Zukunft. Offenbar hat Briand das Bedürfnis verspürt, vor seiner Abreise in die Schweiz noch einige etwa zu­rückgebliebene Unstimmigkeiten ob seiner letzten großen Rede in Genf zu beseitigen. Aber der objektive Inhalt seiner Darlegungen war sehr ma­ger. Sie blieben mehr eine freundliche und zuver» sichtliche Umschreibung seiner allgemeinen politi­schen Ziele als Erklärungen, die einen konkreten politischen Tatsachenbestand fühlbar verbessern Briand will gute Laune antreffen, wenn er nach Lugano kommt. Wir hoffen aber sehr, daß sich die Verbindlichkeiten Stresemanns für ihn in einem kühlen korrekten Rahmen halten werden, denn Stre- semann hat keinen Anlaß, seinem Kollegen von der Seine besonders dankbar zu sein.

Auf der offiziellen Tagesordnung der Luganer Ratssitzungen ist von den großen politischen Fragen, die Stresemann in seiner letzten Reichstagsrede berührt hat, nichts vorgemerkt. Der wichtigste Punkt der Tagesordnung selbst ist vielmehr der litauisch-polnische Konflikt, der uns allerdings auch sehr nahe berührt. Es Ist aber selbstverständlich, daß die drei Außenminister Stre- femann, Ehamberlain und Briand sich nicht jetzt in Lugano treffen würden, wenn sie nicht die Dinge besprechen wollten, die in untmittelbarster Form Europas Schicksal in sich tragen. Die Behandlung der Reparationsfrage hat sich innerhalb des ftan- zösischen Kabinetts, so scheint es, in erster Linie Poincare selbst zu einer persönlichen Svezialange- legenheit gemacht, dafür hat er dann seinem Au­ßenminister Briand wied»r die Sicherheitsfrage zu- gescboben, die seit der Resolution vom 16. Sept unter der Ueberscbrift „Einrichtung einer Feststel- lungs- und Verständigungskommission für die Rheinlandsraae" dahersegelt. Der Wunsch nach der Einrichtung einer solchen Kommission ist in den politischen Kreisen Frankreichs allgemein verbrei­tet, weil man von ihr eine schnelle Beseitigung al­ler Zwischenfälle und gegenseitigen Verdächtigun­gen erwartet. Aber diese Meinung wird in Deutsch­land nicht geteilt. Einen zweiseitigen Charakter kann sie nicht haben, weil die Verhältnisse tu Deutschland und Frankreich nach der deutschen Ent­waffnung gänzlich verschieden gelagert sind. Wir müssen also damit rechnen, daß sie zu einer Kom­mission der Schikanen für Deutschland wird und wenn wir uns irgendwie auf ihre Einrichtung ein- lasscn sollten, so kann das nur geschehen, bis zum Jahre 1935, wo das Rheinland sowieso nach den Bestimmungen des Versailler Vertrages geräumt werden muß. Vor allem kann sich Deutschland nicht darauf einlassen, aus dem Ersatz der Rheinlandbe­setzung durch eine solche Kommission ein Handels­geschäft hinsichtlich der Reparationen zu machen. Denn unsere politische und unsere rechtliche Auf- fasiung geht dahin, daß das Rheinland unmittel­bar nach dem Abschluß des Dawesabkommens und des Locarnooertrages hätte geräumt werden müssen. Hoffentlich wird das Dr Stresemann in Lugano wieder einmal ganz eindeutig vorbrin­gen und dabei gleich erkennen lassen, daß solange die Franzosen jenes Handelsgeschäst Vorschlägen, wir lieber die vertragsmäßige Innehaltung der Be­satzungslaufzeiten auf uns nehmen wollen

Wie gesagt, hat sich Poincar« selbst die Repa­rationsfrage als solche zur Erledigung Vorbehalten Das neue Kabinett, das er gebildet hat soll ja mit dem Verdienst in den Annalen der Geschickte vermerkt bleiben, daß es die Reparationsfrage ae- löst hat. Briand hat in feiner Dienstag-Rede nur durchblicken lassen, daß es für das französische Vo'k ein unerträglicher Zustand sein würde, wenn" es über 60 Jahre lang an seiner Schuldenabtraqunu gegenüber England und Amerika arbeiten müsse während Deutschland vielleicht schon nach einigen Jahren erklären werde, daß es n i ch t m e h r zah­le n k ö n n e. Ob die Feststellungs- und Verstän- digungskommisiion zugleich auch eine Garantie für die Reparationszahlungen Deutschlands auch über das Jahr 1935 hinaus abgeben soll? Wir sind an der Art, wie Frankreich seine Schulden mit Eng­land und Amerika geregelt hat, völlig unbetei­ligt gewesen. Und wenn wir auch jene Bemer­kung Briands nach ihrer psychischen Seite hin sehr wohl verstehen, so ist das doch kein Grund, die deutsche Schuldverpflichtung und das deutsche Re- ^rationsleistungsvermägen von jenen französisch- Verikaniscken und französisch-englischen Abkom- di^Abhängig sein zu lassen. Es muß schon für eine^9^lung der deutschen Schuldverpflichtungen f*aftr2rm gefunden werden, die Deutschlands wirt- tnnkri ,er Situation angepaßt ilt Wenigstens den nickt Ansprüchen nach. Wir glauben aber grundsätzliche Schwierigkeiten bestehen.

nt>r Schuld ebenfalls auf 62 Annuftä-

^erben soll, zumal dann die Revara- ^.-n ben 6?^ voll tisch-n Charakter bekom- Aenn’ nhLh6c? sollen. Aber wir können nicht ^7"Abgehen, deutsche Leistungs-

IJnh monn dan^v'Em^ der Regelung sein muß AA booM die französischen Budgetansprüche Nicht ganz erfüllt werden sollen, so bleibt es den Abölen unbenommen, ihr Budget w verkleinern.

TZ’LeJA ugandischen eeresaus- S°ben betrifft, laßt sich das wohl sehr qut

Ter neue österreichische Bundespräsident

mifclas, der Kandidat der Christlich-Sozialen, gewählt.

Die österreichische Bundesversammlung wählt: am Mittwoch den Bundespräsidenten. Es waren drei Wahlgänge erforderlich. Die Sozialdemokraten stimmten im ersten Wahlgang für ihren Führer Karl Renner, die Rechtsparteien traten, um die Sozialisten zu provozieren, für den Wiener Polizei­präsidenten Schober ein, der seit den Wiener Unruhen von der Linken besonders heftig bekämpft wird. Die Christlich-Sozialen stimmten für Miklas, den bisherigen Präsidenten des Nationalrats. Im ersten Wahlgang erhielten Miklas 94, Renner 91 und Schober 25 Stimmen. Die notwendige absolute Mehrheit betrug 106 Stimmen. Im zweiten Wahl­gang änderte sich die Lage nicht. Im dritten Wahlgang enthielten sich die Sozialdemokraten der Stimmen. Miklas erhielt 94, Schober 26 Stimmen. Jetzt betrug infolge der Enthaltung der Sozialdemokraten die absolute Mehrheit nur 61 Stimmen . Miklas ist damit gewählt. Unser Bild zeigt das neue österreichische Staatsoberhaupt.

Wilhelm Miklas, zuletzt Präsident des Nationalrates, war ursprüng-' sich Gymnasiasiehrer bezw. Mittelschuldirektor und Landesschulrat. Bereits 1907 wurde er mit christlich- sozialem Programm in den Reichsrat gewählt. 1918—19 war er Staatssekretär für Unterricht. Seit 1923 war er Präsident des Nationalrats. Er steht im 57. Lebensjahr. Er ist Vater von zwölf

Kindern. Bei allen Patteien, auch bei den Radi­kalen rechts und links, ist er beliebt.

« .

Nach der Wahl des Präsidenten des National­rates Miklas zum Bundespräsidenten und nachdem dieser einer Abordnung der Bundesversammlung gegenüber erklärt hatte, daß er die Wahl an nehme, Sanfte Präsident Eldersch dem bisherigen Bnndes- präsidentett Dr. H a i n i s ch für seine Tätigkeit, die zur Verankerung der Verfassung in den Herzen der Bevölkerung beigetragen und sein Amt volks­tümlich gemacht habe. Die ganze Bundesversamm­lung nahm diese Werte mit lebhaftem einmütigem Beifall auf. Hierauf leistete der neue Bundes­präsident den Eid auf die Versassu ng. Prä­sident Eldersch hielt sodann eine Ansprache, in der er den Bundespräsidenten Miklas zur Wahl be­glückwünschte und ihm versicherte, daß trotz der durch Parteidifferen^en schwierigen Wahl die Bun­desversammlung ihm Achtung und Vertrauen nicht versagen werde, da der Ernst und die strenge Un­parteilichkeit, mit der er sein bisheriges Amt ge­führt habe, mit Zuversicht erwarten lassen, daß er das Vertrauen rechtfertigen werde, das Oesterreichs Volk in den Repräsentanten seiner Souveränität setze. Es sei nicht zu zweifeln, daß Präsident Miklas in seinem Amt zur Wohlfahrt des Vaterlandes, zur weiteren Stärkung des revublikanifchen Gedankens und zur internationalen Geltung Oesterreichs bei­tragen werde. Präsident Eldersch schloß seine An- svrache mit einem begeistert aufgenommenen drei­fachen Hoch auf die Republik.

*

Der Sozialdemokratische Klub, der durch die Mgabe leerer Stimmzettel im dritten Wahlaang die Wahl des christsich-softalm Nationalratsvräsidenten Miklas zum Bundesvr äsidenten ermöglicht hat, er­klärt in einer parteioffiziellen Erk 1 ärung. die Sozialdemokraten hätten für jeden außerhalb der Parteien stehenden freiheitlichen Kandidaten lieber gestimmt als für einen Christlich -Sozialen. Da aber die Großdeutschen und die Landbündler die Kandidatur des Volneipräsidenten Schober auf- gestellt haben, die die Sonaldemokratie als Her- ausfordenmg betrachte und da die Sozialdemokra- ten diesem jeden persönlich achtbaren Christlich- Sozialen vvrftehe. hätten sie die leeren Stimm­zettel abgegeben. Dieser Entschluß sei ihnen umso leichter aetoorben. als sich der neue Bundespräsi­dent. unbeschadet aller vositisckm Gegensätze, als Präsident des Nationalrats das Vertrauen auch der Sozialdemokraten erworben habe.

arrangieren. Das gilt auch gegenüber den englischen Ansprüchen, welche die Verquickungs­these, wie man hört, mindestens so hartnäckig ver­fechten, wie die Franzosen. Ueberhaupt schein! Chamberlain sich einen besonderen Sport daraus zu machen, Schildträger der französischen Argumen­tation zu werden. Nicht nur in inhaltlicher Hin­sicht, sondern auch den reparationspositischen Me­thoden nach verficht er völlig die Poincarefche These und es bekümmert ihn gar nicht, sich härter und auch argwöhnischer zu benehmen, als es in der Bal- fournote vor einigen Jahren geschehen ist. Strese- mann hat in Lugano keine leichte Aufgabe vor sich. Wir möchten ihm wünschen, daß er wenigstens nicht in feine alte Neigung verfällt, mit schön klin­genden Resolutionen die Meinung zu erwecken, als fei man in dem großen Fragenkomplex weiter­gekommen, wenn tatsächlich kein Fortschritt vorliegt In den gegenwärtigen Verhältnissen lie- oen für uns verschiedene günstige Momente, sie könnten uns leicht durch irgendeine unklare Reso­lution aus der Hand gewunden werden.

Rheinlandräumung und Unterhaus.

Im englischen Unterhause richtete T h u r 11 e an Chamberlain die Anfrage, ob er in Verbindung mit der Frage der weiteren Besetzung des Rhein­landes der von dem verstorbenen Präsidenten Wil­son Clemenceau und Lloyd George unterzeich­neten Erklärung, die mi Juni 1919 zur Interpre- tation des Art. 431 des Versailler Vertrages ver­öffentlicht wurde, Beachtung geschenkt habe. In dieser Erklärung, so erklärte Thurtle, ist mitgeteilt worden, daß die alliierten und assoziierten Mächte, wenn Deutschland zu einem früheren Zeit­punkt als nach Ablauf berlSjährigen Frist Beweise feines guten Willens und befriedigende Bürgschaf­ten für' seine Absicht, alle seine Verpflichtungen zu erfüllen, gegeben habe, bereit fein würden, über eine frühere Beendigung der Besetzung untereinander zu einem Abkommen zu gelangen.

Staatssekretär Chamberlain antwortete: „Ja­wohl. Die fragliche Erklärung besagte, wenn Deutschland zu einem früheren Datum als dem 10. Jan. 1935 einen Beweis feines guten Willens und Zufriedenstellende Garantien für die Sicherung der Erfüllung feiner Verpflichtungen gegeben habe, bann würden die interessierten alliierten und asso- zlierten Möchte, nämlich Großbritannien, Frank­reich und die Vereinigten Staaten sich bereit fin- ben, untereinander ein EinverrMmen über eine frühere Beendigung der Besetzungszeit herb?izu- fübren. Die ehemals alliierten Mächte find auch fetzt von dem G"ist der Erklärung vom 16. Juni 1919 beseelt, wie die in Genf am 16. Sept, dieses Sabres von den Vertretern Großbritannens, Frank- reich«, Belgiens, Italiens, Japans und Deuttch- lands angenommene Entschließung zeigt, in der die Eröffnung offizieller Verhandlungen hinsichtlich

einer baldigen Räumung des Rheinlandes gebilligt wird.

Thurtle fragte dann: „Kann ich dann der Ausfaffung fein, daß Deutschland nickt notwendig sämtliche die Re­parationen betreffenden Vertragsartikel voll und ganz erfüllt haben muß, um eine Prüfung der Frage der Räumung des Rheinlandes zu erreichen?"

Chamberlain verwies den Abgeordneten led>gl-ch auf feine Antwort vom Montag. Als darauf der Abgeord­nete Thurtle fragte ,ob nicht ein Widerspruch zwischen der Antwort Chamberlains vom Montag und feiner heutigen bestehe, wurde dies von Chamberlain bestritten.

Als Kenworthy fragte ob Chamberlain bei der Abfas­sung seiner Antwort vom Montag der Inhalt der Lo­carnopaktes gegenwärtig gewesen sei, antwortete Cham­berlain bejahend, bestritt aber, daß der Locarnopakt mit der Auslegung des Vertrages von Versailles in irgend­einer direkten Beziehung stehe Auf eine Frage Rennie Smith', ob der Staatssekretär hinsichtlich der juristischen Seite der Frage in feiner vom Montag erteilten Antwort das von seinem Vorgänger im.Stgatssekretariat de? Aus­wärtigen 1919 unterzeichnete Dokument in Rechnung gezogen habe, antwortete Chamberlain im wesentlichen daß dieses Dokument keinen Bezug auf die von ihm am Montag abgegebene Erklärung habe. Rennie Smith: .Ist dieses Dokument nickt eine Interpretation der juri­stischen Seite der Angelegenheit?"

Chamberlain: „Nein, gewiß nicht. Das Dokument ist eine Erklärung der Absichten der drei genannten alliier­ten Regierungen und eine gegenseitige Verpflichtung zwi­schen diesen drei Regierungen. Cs ist nicht eine Ver- vttichtung gegenüber der deutschen Regierung oder gegen­über anderen alliierten Regierungen, obwohl alle diese Regierungen zur Zeit im Geiste dieser Erklärung han­deln."

Wedgewood fragte: „Hat die britsche Regierung sich dahingehend enllcklofsen. daß ihrer Ansicht nach die Räu­mung des Rheinlandes davon abhängig gemacht werden muß daß Deutschland einer STenberuna oder endgültigen Rea-luna der Revarationen zustimmt?"

Chamberlain: ..Ick möchte den Herrn Abgeord-wten -rfuchen. auf die Antwort zurückzugreifen, die ich hin- ßchtlick der Auslegung des Art 431 des Vertrages von Rerfailles dem Abgeordneten Smith am vergangenen Montaa erteilt habe "

W?dgewood- „Was immer auck die juristische Inter- aretatinn des Art 431 fein mng. ist es als endgültig zu betrachten, daß wir. solange die derzeitige Regierung im Amte ist uns der frgnzöfifchen Auffassung an­schließen. diese beiden Fragen nämlick die Räumung und die Reparationen, in zwanaläiisiaem Kusammenbana zu halfen und die deutsche Recktsausfassung zu bestreiten, daß die h-iden Fragen nicht iw Zusammenhang stehen."

Chamberlain ersuchte den Abgeordneten, feine Frage schriftlich einzureichen.

Wedaewaad' .Haben mir nicht einen Anspruch darauf, dies endgültig klaroestellt tu sehen? Die Antwort am Montag wgr nickt ksgr Mas ick wissen möchte, ist ob die Antwort die der Staatssekretä>- am Montag hin» st-bflick des iuriftifchen Inhaltes des Art 431 erteilt hat. Großbritannien verpflichtet, nunmehr die französischen Rechtsansprüche gegen die deutschen Rechtsansprüche zu unterstützen."

Chamberlain ersuchte baraufhin den Abgeord­neten nochmals, feine Frage fcfriftPch einzurejchen. Angesichts der Bedeutung der Angelegenheit habe er ein Recht darauf, daß ihm derartige Anfragen vorher angekündigt würden.

Nordamerika und Sowjet Union.

Von Arthur Zmarzly.

In Rußland hat die Wahl Hoovers zum Präsidenten der Nordamer iranischen Union große Vefrieoigung hervorgerufen. Die Erwartungen sind ziemlich hoch gespannt, die man im Kreml auf die Persönlichkeit Hoovers jetzt. Sie schließen nicht nur den schnelleren Ausbau der wirtschaft­lichen Beziehungen ein, sondern auch die Hoffnung auf politische Anerkennung der Sowjet­regierung in Washington in nicht allzu ferner Zu­kunft. Sollte es gu treffen, daß Hoover an die Stelle Kelloggs den amerikanischen Botschafter in Mexiko, Dwight Morrow, setzen will, jo käme damit ein Geschäftspartner Morgans, der schon viel für den russisch-amerikanischen Handelsverkehr getan hat, auf den einflußreichen Posten. Aber auch sonst sind die Aussichten der Russen, die kühle Zurückhaltung in Washington zu mildern, nicht ganz ungünstig, zumal die neuen Richtlinien für die russische Kon­zessionspolitik den Wünschen der amerikanischen Wirtschaft wett entgegenkommen. In Moskau gibt man sich allerdings etwas übertriebenen Hoffnun­gen hin.

In den letzten Jahren ist es den Russen gelun­gen, den Handelsverkehr mit Nordamerika auszu­bauen. Die amerikanische Einfuhr nach der Sowjet- Union zeigt eine stetige Aus wärtsentwickl ung. Nordamerika war im Wirtschaftsjahr 1925-26 mit 17,8 v. H. am russischen Gesamtimport beteiligt, 1926-27 mit 23 v. H., und auch das Wirtschafts­jahr 1927-28 weift eine neue Steigerung aus. Läßt man die deutschen Lieferungen im Rahmen des 300 Millionen Mark-Kredits außer Betracht, der nicht für das reguläre Geschäft mit Rußland, ion» dern für die zusätzlichen Bestellungen bereitgestellt worden mar, jo steht Nordamerika in der russischen Einfuhr heute an erster Stelle. Da­gegen konnte sich der Export russischer Waren nach Nordamerika nicht weiter entwickeln. Das ist aus der wirtschaftlichen Struktur der beiden Länder zu erklären. Die Sowjetregierung legt auf eine aktive Handelsbilanz im Verkehr mit Nordamerika auch weniger Wert; es ist ihr bei den Bestellungen in der Union nur darum zu tun, die amerikanische Wirtschaft für den russischen Markt zu gewinnen, um von dieser Seite aus an die Kreditgeber her­anzukommen und über einen intensiven, wenn auch einseitigen Wirtschaftsverkehr die politische Aner­kennung in Washington zu erreichen. Die Regie­rung Coolidge-Kellogg war nicht zu bewegen, ihre reservierte Haftung gegenüber der Sowjet-Umon aufzugeben Aus diesem Grunde hielt sich auch der größte Teil der amerikanischen Geschäftswelt in Kreditfragen sehr zurück. Die Propagandatätigkeit der Russisch-Amerikanischen Handelskammer in New Port ist aber nicht ganz erfolglos geblieben» und es erscheint immerhin möglich, daß die Wahl Hoovers einen leichten Kurswechsel bringt.

Die Russen haben für diesen Fall bereits gute Vorarbeit geleistet. Die Zahl der in der Sowjet-Union arbeitenden amerikanischen Ingenieure und Inge­nieurfirmen ist heute bereits größer als der Zuzug aus Deuftchland. Im Grubenbau, im Bau von Me­tallwerken bominitert die amerikanische Technik. Bei dem staatlichen Institut zur Projektierung neuer Metallfabriken besteht eine besondere amen- konische Metallabteilung, in der zwölf amerika­nische Ingenieure ständig arbeiten. Der Ausbau der russischen Automobilindustrie, der Schwach- stromindustrie und die Ausnutzung der Goldfelder in Sibirien soll mit Hilfe der amerikan schon Tech­nik erfolgen Der Staatliche Elektrizitätstrust „Get" verhandelt zwecks Beteiliaung mit der General Electric Company, und die technische Beratung beim Bau der Wasserkraftwerke „Dnjprsttoj" und „Swirjstroj" liegt in den Händen der Ingenieure der Hugh L. Cooper Corporation. Von den größ­ten Projekten feien noch erwähnt der Ausbau des rustifchen Flugverkehrs, für den sich der amerika­nische Großindustrielle Lindlay interessiert. Die Beteiligung deutscher Firmen ist in Aussicht genom­men. An die Ausbeutung von Konzessionsobjekten dürfte die amerikanische Wirtschaft freilich fehr vorsichtig herantreten. Die Somsetregicrung hat jetzt zwar viele Hindernisse aus dem Wege ge­räumt und die Arme weit geöffnet; ob sich aber das Auslandskapital so hefttg hineinstürzen wird, ift eine andere Frage. Bei den meisten Objekten handelt es sich um die Investitionen von mehreren hundert Millionen Rubel. Die russische Wirtschaft ist aber für solche Kapitalfestlegungen noch nicht tragfähig genug. Es ist iedoch unbestreitbar, daß in Nordamerika das Jnteresie für Rußland sehr wach ist. Die erfte ausländische Anleihe erhielt die Sowjetregierung von Harriman, her bei der Aus- lösung seiner zufammengebrochenen Konzession in Tschiatur Moskau eine Anleihe von 1 MillionDollar zum Ausbau der Manganerzgruben gewährte. Das ist em Vorgang, der immerhin Beachtung verdient.

Die Sowjetregierung ist aber auch sonst bestrebt, direkte Verbindungen mit der amerikanischen Wirt­schaft zu pflegen und das Vertrauen der großen Kapitalbesitzer zu gewinnen. Mitte Oktober d. Js. kamen Mitglieder des rusiischen Obersten Wirt- schaftsrates nach Amerika, um Ankäufe von Mafchi- nen für Industrie und Landwirtschaft vorzuneh­men. Dieser Besuch wurde propagandistisch c.ut ausgewertet. Der beste Finanzmann der Sowjet- Union, der bisherige Präsident der Russischen Staatsbank, Scheinmann, übernimmt die Leitung der ruffifefien Handelsgesellschaft in New Port. Die russische Offensive zur Erstürmung des amerikanischen Kapitalmarktes ist in vollem Gange Nach Verlautbarungen von Moskau soll Schein­mann von den führenden Finanzmännern in New Bork bereits gewisse Zusagen erhalten haben Es durfte sich dabei nut um gewisse Handelskre-