■ ■
■ i '
MM
Ac
Ar. 279.
Sonntag, 2. Dezember 1928.
55.Zahrg»
Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „BuchenblStter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatl. 1,80 einschl. Postgeb. <30 bezw. 48 Pf.» ohne ZusteNg.
Anzeigen-Preise: Kleinzeile (Colonel) lokal 0,15 JLH auSwarts 0,20 jut. Reklamezeile: total 0,60 JUl, auswärts 0,80 Bei Wiederholur gen Rabatt.
Postscheckkonto Frankfurt a. M. Nr. 4051. >
Fuldaer Zertung
Anzeiger für die Stadt Julda und den Landkreis Aulda. Amtliches kreisblatk.
Verurteilung wegen Beleidigung be-s Ministers Hirtsiefers. Bus Köln wird gemeldet: Der verantwortliche Schriftleiter der „Sozialistischen Republik", Dr. Klepper, wurde wegen Beleidigung des preußischen Wohlfahrtsministers Hirt- siefer und des Landtagsabgeordneten Kloff zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Ferner wurde die Einziehung der betreffenden Nummern der Zeitung, die Vernichtung der Platten und die Veröffentlichung des Urteils in mehreren Zeitungen angeordnet. Es handelt sich um einen Artikel über den bekannten Vorfall auf dem Essener Hauptbahn- hof, wo der Minister von einem Geisteskranken belästigt worden war.
Kus -em Reichstage.
Im Reichstag wurde am Freitag die Abstimmung über die von den Drutschnationalen und von den Kommunisten gegen den Reichsinnenminister Scvrring eingebrachtcn Mißtrauensanträge vorgenommen. Der deutschnationale Antrag beschränkte sich auf die Formel „Der Reichsinnenminister besitzt nicht das Vertrmren des Reichstages". Präsident Lobe weckte große Heiterkeit, als er mit Bezug auf diesen Antrag non einem „u nbe gründeten Mißtrauensvotum" sprach. Der kommunistische Antrag begründete die Mißtrauenserklärung mit der Haltung des Ministers bei der Debatte über die Technische Nothilfe. Das Zusammenwirken der R e ch t e n und der äu ß e r st e n sinken im Kampf gegen die Regierung ist im Reichstag ftbon so zur Norm geworden, daß es ge-
Aufsehen erregte, als der kommunistische A-g. Stöcker vor der Abstimmung erklärte, seine tvreun.be würden nicht für den deutschnationalen -llrißtrauensantreg stimmen. Ueberraschend kam aber auch die Erklärung des Fraktionsführers Dre. wch von der Wirtschaftspartei, daß die Wirt- lchaftspartei dem deutschnationalen Antrag 3 u st i m m e n werde. — Die namentliche Abstirn- mung ergab die Ablehnung des deutschnationalen Mißtrauensantrages mit 269 gegen 101 Stimmen.
Ein Wort zum Parteitag
Von Dr. Josef Schoser (Mitglied des Badischen Landtags).
Es toi-jo mir leider nicht vergönnt sein, am Parteitag persönlich teilzunehmen. Die gebetene Rücksicht auf meine gesundheitlichen Verhältnisse setzt eben dem Bewegmigsradius Schranken. So will ich aus dem Wege der Presse dem Parteitag einige Ausführungen widmen.
Die Welt des Religiösen, des Ofsenbarungsglau- bens, ist und bleibt der mächtigste Faktor int Leben der Geister. Das Politische und Soziale, das Weltliche und Wirtschaftliche darf man ohne Schaden nicht davon trennen, wenn man hier überhaupt trennen kann.
In dieser lebensvollen Verbindung mit der christlichen Gedankenwelt lag und liegt die Stärke des Zentrums. Daher kommt das starke Band, das über alle sonstigen Interessen hinweg die politischen Truppen des Zentrums letzten Endes zusammenhielt und an die Fahne fesselte. Je mehr Standes- mteressen und anderes auseinanderzureitzen drohen, desto stärker und desto klarer werden weltanschauliche Orientierungen hervortrs- ten und sich geltend machen, desto entschiedner werden sie Truppen und Führer erfassen und beherrschen, ihnen aber auch Verlaß und Vertrauen bieten müssen. Mängel und Fehler hier würden das Zentrum im Lebensnerv treffen und es dem Zerfall und Tod überliefern. Damm gilt auch hier der Grundgedanke von Aristoteles: Das erste und oberste sei die Sorge um die göttlichen Dinge!
Hier steht voran die Sorge, daß die geoffenbarte Glaubenswelt auch im öffentlichen Leben Leitstern und Kraftquelle zugleich sei und bleibe. Man soll es wissen außerhaw des Zentmms, man soll's erst recht wissen int Zentrum selbst!
Hier liegen die besten Orientierungen zur Sicherstellung der Auktorität, auch der Staatsauktorität, liegen die sichersten Schutzwälle für die Freiheit, aber auch für das Recht, lauter Dinge, ohne die der Staat, auch nicht der Volksstaat, durchkommen kann. Je mehr die Zeifftrömungen diese Fundamente des Staatslebens zu zerstöret oder doch zu fälschen suchen, umso entschiedener werden sie von eener wahrhaft christlichen Staatspartei betont und beachtet werden müssen.
Aus der gleichen Gedankenwelt heraus strömt die Idee der Volksgemeinschaft. Ohne die Gewissensorientierung bleibt sie allzu leicht einte Idee ohne praktische Gestalt. Was St. Pattlus im Bild vom Leib und den ©liebem sagt, gehört zum wichtigsten Kapitel christlicher Staatsweisheft. Von hier aus ist Staatspolitik, Kulturpolitik, Sozial- poliftk und Wirtschaftspolitik zu treiben. Niemand wird ungestraft dieses Gmndgesetzes, das schon Memenius Agrippa in seine bekannte Fabel klei- . e und so dem Volke wie den Staatsmännern entschärfte, beiseite schieben können. Das gilt auch bet den Kämpfen im Industriegebiet.
Es schiene mir so, daß über den Sorgen und Plagen unserer Tage die großen staatsmäni- ^chen Gedanken des Ehristentums wieder vollauf zur Geltung kommen müßten. Das Volk durstet danach. Es horcht auf, wenn sie ihm geboten werden. Es will sie feststellen bei jenen, denen es seine Führung anoertrauen soll, feftftellen in ihren Reden, scststellen noch mehr in ihrem Verhalten, in ihrer Politik.
Auch die Alten haben trotz dieser lebendigen weltanschaulichen Geschlossenheit ihre Schwieriokei- ten gehabt. Als die Militärvorlage von 1890 zu verabschieden war, stand Windthorst mit dem
Gros der Fraktion auf der Jaseite und 18 Bayern und 2 Badener aus der Neinseite. Die Kämpfe um die Lösung der sozialen Frage sind heute noch lehrreich. Allein die Belastung war jeweils noch tragbar. Die staftjche Frage nach der Tragbarkeit ist heute eine andere wie damals, als die Abwehrnotwendigkeiten und die lebendigen Lehren des Kulturkampfes noch sehr starke Einigung der Kräfte bei Volk und Führern auslösten.
Darum darf ich das Wort wiederholen, das Lueger sterbend den Seinen sagte: Bleibt's beisammen!
Einig will das Zentrumsvolk feine Führe r, e i n i g will es seine politischenTrup- pen, feine Presse, seine Organisationen sehen. Möge die Tagung von Köln diesen Wlllen, diesen Geist klar erkennen lassen.
Aus dieser Forderung entspringt der alte Wunsch, es möge der Wählerschaft ein Wahlrecht werden, das den Volksvertreter mit dem Volke wieder verbindet, seine Person wieder in ihr natürliches Recht einjetzt und ihm seinen Wahlkreis zurückgibt. Es möge bei der Reform des Reiches dem Volk und dem Dolksempfinüen ebenfalls sein Recht werden und der Absolutismus mit seiner Unfreiheit femgehalten werden. Hier bauen wir aufs Zentrum.
Zu viel Kritik — zu wenig zielbewußte selbstlose Arbeit! Das war doch vielfach die Signatur des politischen Lebens. Richtiger wäre es: mehr positive Arbeit im Dienste der Alten Fahne und Krittk zunächst von Berufenen, Kritik nach den Gesetzen der Sachlichkeit, Stritt? mit der offenen Absicht, zu bessern. Stritif, die auch ein offenes Äuge und gerechtes Urteil für das Gute, das geschieht und sich zeigt, ja auch ein Wort der Anerkennung hat. Wenn ich die zehn Jahre der neuen Aera überblicke, so muß ich sagen, es ist vom Zentrum viel Großes im Staatsleben geleistet worben. Man nahm es hin und klagte, das nicht nochrnehr erreicht wurde. Führer um Führer sind dahingesunken — erst als sie von hinnen gegangen waren, sah man zumeist ihre Bedeutung ihre Arbeit und — die gelassene Lücke. Vielleicht ändert man da und dort im Zentrum, was da zu ändern ist, und kehrt auch da wieder mehr zur Art der Väter zurück.
Vergessen wir nicht, daß eine neue Generation heranwächst. Der Lebensinhalt ihrer Jugend liegt von Jahr zu Jahr mehr diesseits von 1914, ja bald von 1918. Hier erheben sich Pflichten. Je früher sie erkannt sind, je entschiedener sie erfüllt werden, umso zuversichtlicher dürfen wir im Zentrum in die Zukunft blicken.
Die neue Aera hat das Frauenstimmrecht gebracht, nicht damit der natürliche Unterschied atffgehoben wurde, sondern daß das feine Empfinden der Frau und ihre Gewissenhaftigkeft in den Dienst des Staatswohles in ihrer Art' gestellt werde. Die Lehren aus dieser neuen Tatsache in der politischen Entwicklung praktisch zu holen, diese Pflicht steht neben der. eben erwähnten. —
Den tiefsten Sinn des Ringens im Industriegebiet wird der Parteitag erkennen und so von hoher staatsmännischer Warte aus ein treffend Wort fagen. Ich selbst will nicht vorgreifen. Fern von der Tagung habe ich nur noch die Aufgabe, die der rechte Ehrist in stillen Stunden erfüllt, getragen von dem Dewußtsein: An Gottes Segen ist alles gelegen!
42 Abgeordnete übten Stimmenthaltung. Der kommunistische Mißtrauensantragg wurde dann gleichfalls gegen die Kommunisten und Nationalsozialisten abgelehnt.
Der Reichstag beschäftigte sich dann mit den Anträgen der Sozialdemokraten, Demokraten und Kommunisten, die eine Reform des Ehescheidungsrechtes, der Rechtsstellung der Frau und der ure- ehelichen Kinder und Mütter verlangen. Reichsjustizminister Koch erklärte die Bereitwilligkeit der Regierung, im Rechtsausschuß an dem angeregten Reformwerk gemeinsam mit dem Reichstag zu arbeiten.
Die Weiterberatung wurde auf Samstag vertagt.
♦
Aus dem Reichstag wird uns geschrieben:
Es ist außerordentlich auffallend, mit welchem Nachdruck die Sozialdemokraten augenblicklich ihren kulturpolitischen Forderungen vorgehen. Der Frei, tag sollte ursprünglich der Beratung sozialdemokra- tischcr sozialpolitischer Anträge dienen. Statt des. sen stand im Mittelpunkt die Ehescheidungs- reform. Den Standpunkt des Zentrums wird Frau Weber in der Srmstag-Sitzung vertreten.
Für das Zentrum gibt es in dieser Frage nur eine einheitliche Linie, die resultiert aus der grundsätzlichen und absolut unerschütterlichen Einstellung des Zentrums für die Unauflöslichkeit der Ehe. Den Sozialdemokraten wird gesagt werden müssen, daß sie, wenn sie auf eine Mit- arbeit des Zentrums in einer engeren Koalitions- gemernskbaft Wert legen, alle Versuche, auf dem kulturpolitischen Gebiete grundsätzliche Aenderun- gen zu erzwingen, aufqeben müssen. Das Zentrum wird den Sozialdemokraten in diesem Punkte nicht nur jede Gefotg'chaft versagen, sondern auch in scharfer Kampfstellung zu der Sozialdemokratie und zu ihren bezüglichen Aufsassungen sich befinden
•
DDZ. Berlin, 1. Dez. (Eig. Funkm.). Die heutige Reichstagssitzung beginnt bereits u m 1 U h r. Zunächst soll die erste Lesung der Anträge zur R e f o r m d e s Fa m i l i e n r e ch t s zur
Ueberweisung der Anträge <m den Rechtsausschuß beendet werden. Ferner stehen noch ein Antrag der Deutschnationalen aus Aenderung des Grund- erwerbssteuergesetzes, der an den Steuerausschuß .roerben soll und ein Antrag der Wirt- fchaftspartei auf Aenderung der Gefrierfleischverteilung aus der Tagesordnung.
Der kranke Briten-Nönig.
Zur Behandlung des kranken Königs von Enz* land wurde ein dritter Arzt beigezogen. Das Bulletin, das von dem dritten Arzt, Mr. H. Rolle- ston, .mit unterzeichnet fft, klingt wicht gerade optimistisch: Obwohl die Lunge besser sei, wird hmzu- gefügt, daß der kritische Zeitpuntt noch nicht vor- bei sei, und aus jeden Fall könne der Fortschritt nur langsam sein.
*
totb. London, 1. Dezember. (Eig. Funkm.). In der Presse findet die Tatsache, daß gestern ein dritter Arzt zur Beratung über das Befinden des Königs hinzugezogen wurde, viel Beachtung. Dies bedeute allerdings, wie hervorgehoben wird, keineswegs, daß es dem König schlechter gehe,sondern beruhe auf dem Wunsch der beiden Aerzte, die den König bisher behandelten, eine dritte Autorität zu hören und zu drill eine eingehende Nachprüfung des gesamten Verlaufes der Krankheft ein» zuleften. Eine maßgebende Persönlichkeit im Buckingham-Palast erklärte, daß es dem König etwas besser gehe, obwohl im augenblicklichen Stadium der Krankheit bie* Möglichkeit eines Rückschlages nicht ganz von ber Hand zu weisen sei.
Der medizinische Berichterstatter eines Blattes verwefft darauf, daß ber neu hinzugezogene Arzt Humphrey Rolleston ein Mann von europäischem Ruf sei. Das gestrige Kommunique, bas von seiner Heranziehung Mitteilung machte, sei etwas beun- ruhigend unb es gehe aus ihm hervor, daß die Aerzte sich gezwungen sahen, mit der Möglichkeit neuer Komplikationen zu rechnen.
♦
Ans Rom meldet die K. V.:
Der Papst läßt sich ständig über den Verlauf ber Krankheit des englischen Königs unterrichten. Er ließ demselben durch den Kardinal Bourne mft- teilen, daß er für ihn bete und ihm die besten Ge- nefungswünsche sende. Königin Mary hat für dieses feinfühlige Interesse Pius' XI. ihren Dank über- mfttelt.
präfiöentschaftswechsel in Mexiko.
Portes Gil.
wtd. Mexiko, 1. Dez. (Eig. Funkm.). Emilid Portes Gil hat heute fein Amt als vorläufiger Präsident von Mexiko angetreten. Im Nattonal- ftabion leistete ber Präsibent gestern ben Eid auf die Verfassung. Die Zeremonie, an der 25 000 Personen teilnahmen, hatte die Form einer gemeinsamen Sitzung der beiden Kammern des Kongresses, die von dem Abgeordneten Gomez geleitet wurde. Im Anschluß an feine Vereidigung verlas Portes -Gil eine kzirze Botschaft, die die von ihm beabsichtigte Politik darlegt. Er erklärte, daß er zum Art. 27 der Verfassung, der das Eigentum an Land und Petroleum-Vorkommen regelt, sowie zum Art. 23 über die Arbeitergesetzgebung stehe. Er sagte, Mexiko werde seine Politik, ausländischem Kapital und ausländischen Arbeitern zu gestatten, in das Land zu kommen, nicht ändern. Er kündigte an, daß auf Einfuhrartikel aus dem Auslande, die keine Konkurrenz für die mexikanische Industrie bedeuteten, keine Ä^aben gelegt werden sollen. Er sagte schließlich, daß die mexikanische Regierung ihren inneren und auswärtigen finanziellen Verpflichtungen auf das genaueste nachkommen werde.
Was er über die blutige Kulturkampfgeschichte seines Vorgängers Calles gesagt hat, verschweigt vorläufig Noch ber Draht.
pariser vudget-vebatten.
wtb. Paris, 1. Dez. (Eig. Funkm.) Die Kam. mer hat gestern in drei Sitzungen — vormittags, nachmittags und abends bis kurz nach Mitternacht — das Budget des Innenministeriums beraten und es bis auf wenige Kapitel, die heute vormittag vorgenommen werden sollen, erledigt. Im Verlaufe der Einzelberatungen steltte Innenminister larbieu namens ber Regierung dreimal die Vertrauensfrage, einmal gegen eine Krediterhöhung für den Bau einer Lokalbahn, die mit 545 Stimmen gegen 140 Stimmen abgelehnt wurde, zum zweiten anläßlich eines sozialistisch- kommunistischen Antrages auf Streichung ber Ge- heimkredite für Ne Sicherheitspolizei in Höhe von l'/i Millionen Franken, das durch Handaufheben abgelehnt wurde und schließlich gegen den soziali- ttischen Antrag, den Regierungszuscbuß für die »veier ber 100jährigen Zugehörigkeit Algeriens zu Frankreich zu streichen, der mit440Stimmen gegen 140 Stimmen abgelehnt wurde.
v'e (Drganifterung des Friedens.
wtb. Pckki«, 1. Dez. (Eig. Funkm.) Bei dem Empfang der Amitoes Internationales und der Vereinigung für europäische Zusammenarbeit, der am 24. November stattfand, erklärte Briand, wie ein Mitglied dieser Delegation jetzt in ber Volonto berichtet, er wolle seine ganze politische Aktivität dafür einsetzen, den europäischen Frieden zu organisieren und er glaube, daß man auch dahin gelangen werde, dieses Ideal zu verwirklichen, und zwar zunächst durch Bildung eines Verbandes der Völker Europas. Dieser Verband würde allen offen stehen, soweit sie einfäben. daß ihre In-
Schiedifpruch Severings.
Die Vertreter ber Eisenindustrie haben nach Verhandlungen mit dem Reichskanzler dem Reichs- Wirtschaftsminister und dem Reichsarbeitsminister sich bindend verpflichtet, sich einem Schiedsspruch Severings in dem Arbeitskonflikt im Industriegebiet zu unterwerfen. Dagegen haben die mehrstündigen Verhandlungen, die am Nachmittag zwischen den Arbeitnehmern und der Regierung geführt wurden, noch kein possitives Ergebnis gehabt.
Die chrisüichen unb Hirsch-Dunkerschen Gewerkschaften sind im Prinzip mit der vorbehaltlosen An- erfennung eines Severingschen Schiedsspruches einverstanden, die freien Gewerkschaften jedoch haben eine Erklärung nicht abgegeben, sondern sie noch abhängig gemacht von Entschließungen des Vorstandes des Metallarbeiterverbandes.
Am Sonntag werden in Düsseldorf die führenden Persönlichkeiten der Gewerkschaften noch einmal gemeinsam über ben Vorschlag des Reichskanzlers beraten. Sie haben sich verpflichtet, ihre Entscheidung dem Reichskanzler bis Sonntag abend mitzuteilen.
Die Verhandlungen des Reichskanzlers, des Reichswirtschaftsministers und des Reichsarbeitsministers mit den Vertretern der Gewerkschaften,
Reichsminister des Innern Karl Severing.
darunter dem sozialdemokratischen Abgeordneten Brandes und dem Zentrumsführer Dr. S lege r w a l d haben sich nach der „Poss. Ztg," sehr bewegt gestaltet. Es war allerdings schon vorher bekannt, daß innerhalb der sozialdemokra- tuschen Gewerkschaften sich sehr starke Widerstande gegen eine Berufung Severings zum Oberschiedsrichter geltend machten.
Daß diese Widerstände nicht ber Person des Reichsinnenministers galten, ist selbstverständlich. Aber es wurde geltend gemacht, daß durch die von der Reichsregierung gebilligte Aktion das eigen t- liche Kampfobjekt preisgegeben werde. Der eigentliche Kampf ging nicht darum, ob eine Stundenzulage von 6 Pfennig ober von 4)4 Pfennig gewährt werde, sondern ob das Prin- zip der Schlichtungsordnung durchgesetzt werde ober nicht. Da die freien Gewerkschaften von der Ue- berzeugung ausgehen, daß der Kampf der Eisenindustriellen der Schlichtungsordnung gelte, hatten sie es für schwer tragbar, daß durch b:e Vereinbarung eines neuen Severingschen Schiedsspruches die Arbeitgeber von der gesetzlichen Verpflichtung, ben für verbindlich erklärtest ursprünglichen Schiedsspruch anzuerkennen, befreit werden.
Andererseits ist es gerade für die freien Gewerkschaften nicht elicht, eine Aktion scheitern zu lasten, die vom sozialdemokratischen Reichskanzler eingeleitet worden ist und die darauf abzielt, die beiderseitige Anerkennung d-s sozialdemokratischen Reichsinnenministers Generinn' »ls Oberschiedsrichter zu erreichen.
Trotz ihrer sehr schweren Bedenke« und ihrer deutlich erkennbaren Verstimmung werden Sie freien Gewerkschaften doch wohl der Bestellung Se- verings zum Oberschiedsrichter schließlich ^stimmen weil sich sonst bie u n m ö g I ich e Situation ergeben mürbe, daß Arbeitgeber, christliche Gewerkschaften und Hirsch-Dunkersche Gewerkschaften einer Vermittlungsaktion zu folgen bereit sind, die von dem sozialdemokratischen Reichskanzler eingeleitet worden ist, während die s o z i a l d e m o k r a« tischen Gewerkschaften sie zu Fall bring»«. Eine solche Frontstellung ber sozialdemokratische« (ge. roerftöaften könnte nicht ohne politische Rückwirkungen auf die Stellung des Reichskanzlers unb auch ber anberen sozialdemokratischen Minister bleiben.
Die Deutschnationalen ermahnen die Arbeitgeber doch ja n-cht auf den Schiebs- ftrruch ein zu gehen und so den Frieden zu erwog-
♦
Aus dem Reichstag wird uns mitgeteilt:
. Die Lage darf «ach dem gegenwärtigen Stand Dinge als hoffnungsvoll bezeichnet wer- ßpi Mit der Annahme des Schiedsrichters haben Unternehmer wie auch die Christlichen und ttch-Dunckerschen Gewerkschaften sich auch gleich- “ "g einem von ihm zu fällenden Schiedsspruch sgm"! r w o r f e n. Wird dieser Schiedsspruch ge« leicht flnn dürfte damit zu rechnen fein, daß v'el- nber mst?? am Montag spätestens aber Dienstoq geöffnet toTrb1 n^tcr Woche die Betriebe wieder
♦
bas^SIrbdtsiit^r ber Gruppe Nordwest haben der Metallarbeiter zum Pin» mohr f nr"nb,nt bandelt sich hierbei um mehr sormelle Maßnahme, da die Vcr- hnnhfHnn»« 29rbLit6äeit in die jetzigen Ber-
handlungen äwisch-n Arbeitgebern und Arbeitneh- inern bereits emgeschlossen si«h,