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FuldaerZertung

Anzeiger für die Stadt Jukda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

Ar. 266.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatl.l,80 einschl. Postgeb. (80 bezw. 48 Pf.) ohne Zustellg.

Freitag, 16. Tlovember 1928.

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5S.Zahrg.

DDZ. Berlin. 15. Nov. (Eig. Funkm.) Das Reichskabinett ist heute vormittag zu einer Sit­zung zusommenqetreten, die sich auch mit der Er­ledigung der Panzerkreuzer-Frage be­faßt. Reichskanzler Müller legte, wie das Nach­richtenbüro des Vereins Deutscher Zeitungsverleger erfährt, Gründe dar. aus denen er und die sozial­demokratischen Minister gemeinsam mit ihrer Frak­tion fürden so,zialdern akratischen An­trag stinmien würden.

wtb. Berlin, 15. Nov. (Eig. Funkm.). Nrivat- tneldung.) Entgegen den Me'dungen ft iger B ä'ter wird von unterrichteter Seite erklärt, daß der Reichskanzler dem Reichspräsidenten heute nicht nochmals über die Lage Bericht erstattet hat.

Die Reparationskonferenz.

Wie in politischen Kreisen verlautet, ist es nun- wehr sich»,., g,,ch Amerika an der Reparations- alwerenz teilnehmen wird. Es ist nämlich von «,in°I'k°nischer Seite die Zusage zur Entsendung hani)rim0bai?,fer5 eingetroffen. Nachdem die Ver- renz m,5€n über die Zusammensetzung der Konfe- t-nterHrfX?tefccr -n Fluß gekommen sind, wird rn keit cteredinJ! Ärc*fen immer noch mit der Möglich- des 'VrhreZi ö'e Konferenz noch vor Ablauf des Jahres zusammentreten kann.

an eine Unterredung, die der deutsche Bokschafter v. chösch mit Poincare hatte, will Havas aufgrund von Auskünften aus gewohn- lrch gut unterrichteten Kreisen berichten können, daß die Besprechungen gegenwärtig darum gehen, welches die genauen Befugnisse der Sachverstän­digen sein werden, die die interesiierten Regierun­gen zur Konferenz delegieren werden. Man deu­tet an, daß der Zeitpunkt der Eröffnung der Kon- serenz, obwohl er nicht endgültig festgesetzt ist,

Zwischen den Schlachten.

Die Aussperrnngsdebatle im Reichstag beendet. Die Panzerkreuzer-Debatte beginnt.

Im Reichstage wurde am Mittwoch die Aus­sprache über die nordwestdeutsche Aussperrung zu Ende geführt. In der zweiten Rednerreihe wurde von den Kommunisten ein Mißtrauensan- trag gegen die Reichsregierung eingebracht, für den aber nach Abschluß der Debatte nur die K o m- munisten und Nationalsozialisten stimmten. Abgelehnt wurde auch der kommuni­stische Antrag auf Aufhebung des staatlichen Schlichtungswesens. Alle übrigen Anträge wur- den dem sozialistischen Ausschuß überwiesen, darunter auch ein vom Zentrum neu eingebrach­ter und von der Wirtschaftspartei ergänzter An- trag, der Hilfsmaßnahmen für die durch Aussper­rung geschädigten Kreise des gewerblichen und landwirtschaftlichen Mittelstandes und des Einzel­handels verlangt.

Ohne Aussprache wurden dann das deutsch-bri­tische Abkommen über den Rechtsverkehr, eine Ergänzung des Haager familienrechtlichen Ab­kommens und das deutsch-niederländische Grenzab- kommen int Rhsin'chiffsverkebr in allen drei Le­sungen, das Gesetz über die Bereinigung von Waldeck mit Preußen in erster und zweiter Le­sung angenommen. Der deutsch-amerikanische Schiedsgerichtsvertrag und das Uebereinkommen über die Sklaverei wurden dem auswärtigen Aus­schuß, die Anleihedenkschrift 1927 dem Haushalts­ausschuß überwiesen.

Am Donnerstag 3 Uhr nachmittags soll die Be­ratung der kommunistischen und sozialdemokrati­schen Anträge über die E i n st e l l u n g des Baues des Panzerkreuzers A begin­nen.

Als wesentliches Ergebnis der Kabinettssitzung am Mittwoch kann, wie das ,.B. T" mitteilt, test- gestellt werden, daß das Kabinett darauf verzich­tet hat, bezüglich der Abstimmung des Reichs­kanzlers und der einzelnen Minister Beschlüße zu fassen. Es hat vielmehr jedem einzelnen Minister die Abstimmung frei gegeben.

Die Reichstagsfraktion der W i r t s ch a f t s- partet hat am M'ttwoch in einer gemeinsamen Sitzung mit den Vertretern der verschiedenen Landtagsfraktionen der Wirtschaftspartei beschlos­sen, zur Panzerkreuzerdebatte am Donnerstag fol­genden Antrag einzubringen:

Der Reichstag wolle beschließen, die Reichsregierung zu ersuchen,

1. umgehend ein aus längere Sicht abgestelltes Bau­programm vorzulegen, das alle Deutschland aus dem Versailler Vertrag belassenen Rechte für di- Ausrüstung der Marine erschöpft. Dieses Prooramm soll den Aus­bau der Seestreitkräfte in einer Weise vrsehen die es ermöglicht, unter Berücksichtigung der modernsten tech- Nischen und mikitärtechnischen Grundsätze das militärisch wertlose Altschifismaterial, delsen Benutzung teilweise schon zu einer Gefährdung der Besatzung' führt, be­schleunigt außer Dienst zu stellen:

2. einen Gesetzentwurf Vorzügen, der die Bereit- stellung der Mittel für ein langfristiges Bauprogramm der Marine im vorbezeichneten Sinne unter Verwer­tung der bisher am Ersatzbau A geleisteten Bauarb-it und der hierfür erteilten Auftrags stcherstrllt und dis Weiterarbeit am Crfatzbau A solange auszusetz-n bis stchergestellt ist. daß die hinter der Regierung stehend»» Parteien der Fertigstellung des Ersatzbaues' A mit ei­ner gesetzlichen Regelung des Gesamt-Crsatzbaupro- gramms zustimmen:

3. den ausländischen Regierungen offiziell mitzuter- fen, daß alle Maßnahmen der deutschen Regierung, die im Rahmen des Versailler Vertrages auf die Erhaltung der Verteidigungsmöglichkeit Deutschlands hinzielsn sme Neuregelung erfahren, wenn di- im Versailler Ver­trag vorgesehene allgemeine Abrüstung durchgeführt wird.

grundsätzlich auf Anfang Dezember dieses Jahres anberaumt bleibt. r . , .

Die Nachrichten über die Zusammensetzung der französischen Delegation nennt die Agentur Havas zum mindesten verfrüht, abgesehen von der Nach­richt über den Gouverneur der Bank von Frank­reich, Moreau. Es könnte sein, daß der Fmanz- sachverständige Sergent nicht zur Delegation gehö­ren werde.

poincarös Programm.

Der Inhalt der französischen Regierungserklärung.

Den Inhalt der Regierungserklärung, die Ministerpräsident Poincare in der Kammer und Iustizminister Barthou im Senat verlesen werden, charakterisiert Havas wie folgt:

In diesem Dokument werde der Mmtsterprost- dent ziemlich kurz das Programm der neuen Re- gierunq auseinandersetzen, ohne auf dte Zwischen­fälle die der Bildung des Kabinetts voraufgegan- qen sind oder sie gekennzeichnet haben, anzuspielen. Vor allem handele es sich darum, die Finanzfante, rung restlos durchzuführen. Deshalb fei an erster Stelle die Verabschiedung des Budgets vor Ende des Jahres unter rigorosester Wahrung des Bud­getgleichgewichtes notwendig. Unter diesen Vor­behalten sei die Regierung bereit, sich mit dem Fi­nanzausschuß der Kammer über gewisse Steuerer­mäßigungen zu einigen. Hinsichtlich der Militär- und Marinekredite werde die Regierung weitere Abstriche vorzunehmen versuchen. Was die Be­stimmungen über die Zulassung religiöser. Orden und Missionsgesellschaften anbelangt, erkläre sich die Regierung bereit, diese aus dem Einnahme­budget herauszunehmen. Um jede Verzögerung in der Verabschiedung des Budgets zu vermeiden, be­bakte es sich aber vor, sie bei einer Zusatzkreditvcm- lage im Laufe der gegenwärtigen Session wieder einzubringen. „

Die außenpolitischen Probleme würden in ganz besonderem Maße die Aufmerk­samkeit der Regierung in Anspruch nehmen. Dte wegen Regelung der Reparationssragen und >n» teralliierten Schulden eingeleiteten Verhandlungen würden lang und schwer sein. Die Zukunft

Landes sei, zum wenigstens für eine Generation, an ihr Ergebnis gebunden. Es komme alles dar­auf an, daß die Regierung, die diese Verhandlun­gen mit dem festen Entschluß, sie zum Abschluß zu bringen, unternehme, sie mit der vollen wun> schenswerten Autorität fortsetzen könne. Zu die­sem Zweck werde Poincare als Antwort auf die verschiedenen Interpellationen an sämtliche repu­blikanischen Elemente der Kammer appellieren, morgen dem neuen Ministerium da« Vertrauen zu schenken.

» Die Finanznot Rumäniens. Aus Bukarest wird gemeldet: Finanzminister Popovico er­klärte der Presse, daß die ausländischen Financiers bereit sind, die unter der vorigen Regierung begonnenen Anleiheverhandlungen f o r t z u s e tz e n. Er werde wahrscheinlich eine neue Delegation zum endgültigen Abschluß der Verhandlungen nach Paris entsenden. ______________

zchulkompromih in Gstoberschlesien.

Die vom Deutschen Volksbund für Polnisch- Oberschlesien der Septembertagung des Völker­bundsrates eingereichte Beschwerde über d'.e Schließung deutscher Minderheitsschulen in Pol­nisch-Oberschlesien ist jetzt unter dem Vorsitz der Präsidenten der Gemischten Kommission, Calon- der, zwischen den Vertretern der deutschen Min­derheiten und der polnischen Regierung direkt verhandelt worden, nachdem sie vom Völkerbunds­rat an die Gemischte Kommission zurückverwielen worden war.

Nach mehrtägiger Beratung hat man sich, nach einer Meldung der „Voss. Ztg." aus Breslau, auf eine Kompromißlösung geeinigt. Es werden von den sechs geschlossenen Schulen drei wiedereröffnet, drei andere bleiben geschlossen. Die polnische Regierung hat damit die nochmalige Be­handlung der Beschwerde vor dem Völkerbunds'-at vermieden, und in Oberschlesien hofft man, es als ein günstiges Zeichen ansehen zu können, daß es zum ersten Male gelungen ist, schwierige Minder­heitsfragen auf direktem Wege zwischen der Re­gierung und der Minderheit zu bereinigen.

Das Budgetrecht des Reichstages.

Aus Berliner politischen Kreisen wird uns ge­schrieben:

Höchstwahrscheinlich wird der Reichstag noch vor Weihnachten mit den Beratungen des neuen Reichshaushaltsplanes beginnen. Es ist bekannt- daß es nicht leicht sein wird, die Ausgaben und Einnahmen in ein festes Gleichgewicht zu bringen, denn das Defizit mit dem der Reichsfinanzmini­ster rechnen mußte, beträgt rund 700 Millionen Mark. Höchste Sparsamkeit tut also not, aber auch eine größere Rigorosität, als sie der Reichstag bis­her übte, bei der Nachprüfung der angeforderten Posten.

Seit einigen Jahren haben die sogenannten „übertragbaren P o st e n" einen großen Raum in unserem Etat eingenommen, insbeson­dere war es die Reichswehr, dis mit diesem Begriff außerordentlich gern arbeitete und über ihre Ausgabenwirtschaft einen fast undurchdring­lichen Nebel verhängte. Es darf wohl daran er­innert werden, daß seinerzeit, als der Lohmann- ( Skandal liquidiert werden mußte, der üb» ’ rigens nur mit jenen getarnten Posten mög­lich gewesen mar, der Reichstag noch mit einer sehr erheblichen Summe, rund 20 Millio­nen, einspringen mußte. Die Ueberraschung war aber sehr groß als der Reichswehrminister kurz nach Zusammensetzung des neuen Kabinetts die Schmierigkeiten, die der Panzerkreuzerbau aufge­worfen hatte, damit aus der llLelt zu räumen suchte, daß er erklärte, es seien noch rund 40 Millionen Mark in der Kasse der Reichs­wehr, die für diesen Bau verwendet werden könn­ten, Neubewilligungen von Geldsummen seien also vorläufig nicht notwendig. Der Reichstag hatte also gerade sozusagen nachträglich den Lohmann- Skandal finanziert, um nachher zu hören, daß sich noch 40 Millionen Mark zuviel in der Kaste der Reichswehr beförDen. Wir haben nicht gemerkt, daß der Reichstag sich über solche Mitteilungen ent­setzt hätte, daß er in sich gegangen wäre, um feine Autorität gegenüber dem Reichswehrministe­rium zur Geltung zu bringen, er hat es garnicht gefühlt, daß ihm zu seinem Schaden, zu seiner gro­ßen Blamage nun auch noch der Hohn zugefügt wurde. Das Ehrgefühl unseres Reichstages ist offenbar nicht voll entwickelt.

Aber wir vergessen diese Vorgänge nicht und haben guten Grund, daran in diesen Tagen wie­der zu erinnern, wo ein neuer Fall beweist, daß die Erfahrungen des vorigen Jahres die zuständi­gen Reichswshrbebörden absolut nicht veranlaßt haben, das Budgetrecht des Reichstages mehr als früher zu achten' Allerdings, wie kann man von dem Reichswehrministerium verlangen, daß es eine Volksvertretung respektiert, die 'selber ihre Rechte, da§ heißt schließlich auch ihre Ehre nicht genügend zu wahren weiß. Ist doch neuerding» auch aus der jetzt dem Reichstag vorgelegten Reichshaushaltsrechnung für 1927 wieder zu er­sehen, daß die Reichswehr die Etatfätze für 1927 einmal wieder erheblich über sch ritten hat. Fast ein Fünftel des Raumes wurde zur Begrün- düng der verschiedenen Ueberschreitungen, beson- ders für das Reichswehrressort in Anspruch genom­men. Man wird nicht sagen können, daß das ge­sunde Zustände sind. Es hat sich da anscheinend eine Gewohnheit herangebildet, die schließlich noch dazu führen kann, daß die Ministerien, insbeson­dere das Reichswehrministerium, schließlich nur

noch Pauschalsummen verlangen. Es ist schon fast garnicht mehr einzusehen, weshalb der Reichstag nicht zu einer solchen Praxis gleich über­geht, mancher Kummer über die Verletzungen des Etatsrechts würde dann ausbleiben.

Der Vorkriegs-Reichstag war in die- fer Beziehung sorgfältiger und gewissen. Hafter, aber auch anspruchsvoller und empfind­licher. Bei der Debatte zum Kolonialetat von 1906 beispielsweise hatte der Reichstag einige Hunden Wenn Kolonialtruppen gestrichen, worüber Reichs­kanzler Bülow sehr erzürnt war. Er erklärte da­mals: „Eine Regierung kann sich von Parteien und Parlamenten nicht vorschreiben lassen, wieviel Truppen sie für kriegerische Operationen braucht." Aber der Reichstag pochte auf seine Rechte und es gab einen langen Kampf und wenn auch Bülow bald darauf dem Reichstag erklärte, daß nur die Regierung, nicht der Reichstag die Deraittwortung trage, und die Reichstagsauflösung in Aussichr stellte, hielt der Reichstag durch. Die Vorlage der umstrittenen geringfügigen Truppenzahl wurde ab. gelehnt, der Reichstag darauf hin aber auseinan­der gejagt. Aber die Volksvertretung hatte ge­zeigt, daß sie sich ihre Rechte nicht verkümmern lassen wolle.

Wie schwach ist demgegenüber nicht das heutige Parlament! Nennen wir nur einige Beispiele: Es ist der Reichskanzler nicht gestürzt worden, als der Hindenburg-Brief gegen den Volksentscheid in der Fürstenabf'mdungsfrage bekannt geworden ist. In der berüchtigten Affäre der Luther'schen Flaggenverordnung kam es zwar nach mühsamen Anläufen zum Sturz des Reichs­kanzlers Dr. Luther, aber die Flaggenverordnung selbst blieb stehen. Wiederholt hat der Sozialdemo­krat Stücklen die Mißbräuche des Reichswehrmini­steriums bei der Etatsgestaltung aufgedeckt und ge­rügt, aber Dr. Geßler ist darüber nie gestürzt. Die brutale Verletzung des Budgetrechts des Reichs­tages bei der Üeberweisung von über 700 Millionen Reichsmark an die Ruhrinduriellen durch die Mi­nister Dr. Luther und Dr. Sttesemann hat keiner­lei Folgen persönlicher Art gezeitigt. Die Verant­wortlichen sind völlig unbehelligt geblieben und man hat noch nicht einmal gewagt, die völlig zu unrecht ausgemorfenen und verteilten Gelder zu­rückzufordern. Der Skandal ist schließlich damit ver­tuscht worden, daß man auch an andere Wirtschafts­kreise einige wenige Millionen verteilte. Es gibt noch mehr an solchen Beispielen. Sie sind für je­den niederdrückend, der unterer Volksvertre­tung eine größere Autorität wünschen möchte. Teilweise liegen die Nachlässigkeiten darin begründet, daß bei allen diesen Budgetverletzun­gen ein Teil der Volksvertretung selbst engagiert ist. Wir haben nicht mehr den Vorkriegsgegensatz zwi­schen Volksvertretung und Reichsleitung. Nimmer­mehr aber gilt das in der Frage des Reichswehr­ministeriums, wenn auch der Reichswebrminister 'mmer selbstverständlich der regierenden Koalition angehört. Hier müßte der Reichstag doppelt emp- findlich sein, da es die ewige Neiaung des Mili­tärs ist, sich übet den Staat und seine Politik zu stellen, eine Staatspolitik nach eigener Räson zu führen. Wir erwarten von dem neuen Kabinett und von der neuen Regierunqskoalition, daß sie bei den Etatsberatungen und bei den Rechnungs­prüfungen in diesem Winter jede Dudge<verletzung durch die Ministerien mit größter Streu ar ahnden.

Der Sinn öes nationalen.

Es gibt wohl kaum einen Begriff, der in den politischen oder historischen Diskussionen unserer Tage so häufig angewandt und dabei so oft miß­braucht wird, wie das Wort „national". Man kann das „Warum" sehr einfach erklären. Die breite Verwendung des Wortes hat ihren Grund in der bewußten oder unbewußten Erkenntnis, daß die „Nation" ihre geschichtliche Rolle auch weiterhin spielen wird; unt) der Mißbrauch ist durch den tau­schenden Nebel begünstigt, den früher führende Schichten des Volkes über den ursprünglich klaren Sinn des Ausdrucks gebreitet Haden. Den täu­schenden Nebel, das verwirrende Rankenwerk der Vor- und Fehlurteile gist es zu teilen und den wahren Charakter des „Nationalen" wieder her­auszustellen.

Das nationale Bewußtsein ist nicht in Erbpacht einer Partei und nicht allein im Bereich einer be­stimmten politischen Richtung. Es ist überhaupt nicht an parteiliche Schranken gebunden, sondern es erstreckt seine Wirkung weit hinaus nach rechts und nach links. Das Nationalgefühl unterscheide! die Ddenschen direkt. Cs gibt viele, die es besitzen, auch viele, die es verleugnen, aber nach unserer Ueberzeugung nur wenige, die es tatsächlich nicht haben. Die Sozialdemokratie betont sehr gerne ihre internationale Verpflichtung, ihren Glauben an tue siegreiche Kraft der überstaatlichen Bindung. Ka­pitalistische Mächte hängen vielfach demselben Glau- den an. Sie sagen es nicht so laut, aber sie be­tätigen sich dementsprechend. Nun ist nicht zu leug­nen, daß der Gedanke des Klassenkamofes, d-r horizontalen Schichtung der Menschheit mit L n nationalen Bewußtsein, der vertikalen Gliederung, in einem unauslösbaren Widerspruch steht. Se stär­ker man also zum Klassenkamps drängt, desto wei­ter entfernt man sich vom nationalen Bewußtsein. Auch das gilt nicht nur für die Sozialisten, son­dern auch für die überstaatlich organisierten Bcsitz- mächte. Welche von beiden Tendenzen im Grunds die stärkere ist, zeigt sich, wenn vom Volke bed.m- tende Opfer verlangt werden, und vor allem, wenn sich das Volk einer schweren Gefahr ausgesetzt sieht. Man braucht nur an den Weltkrieg und seine Fol­gen zu denkest, um zu erkennen, daß der Satz: „Jedes Volk hat feinen eigenen Sozialismus", eine gewisse Berechtigung hat.

Der Begriff der politischen Nation ist nicht alt. In der antiken Welt und im Mittelalter hat es noch keine Nationen gegeben. Die Griechen wa­ren ein in unzählige Stadtstaaten zerspaltenes und innerhalb dieser oligarchisch regiertes Kulturvolk, keine Nation. Die Römer, die Briten des Alter­tums, ebensowenig. Auch den Dölkem des Mittel­alters fehlte das nationale Bewußtsein und in den von Hausmachtinteressen beherrschten Ländern des Absolutismus kam es nicht auf. Die Altpreußen beispielsweise oder die vorrevolutionären Franzo­sen waren „Staatsvölker", die sich der Initialive ihrer Könige willig unterwarfen, die sich ihnen zur Verfügung stellten, ohne zu fragen, ob ter Krieg, der etwa geführt werden sollte, gegen Blutsverwandte oder Fremde ging. Deshalb wa­ren diese Völker, solange der Absolutismus re­gierte, solange der Untertan sich wohl fühlte, in dieser seiner Eigenschaft, zu einer selbsttätigen na- tionalen Bewegung nicht imstande. Die Mögllch- keit, im Politischen „selbsttätig" zu kein, ist eines der wichtigen Wesensbestarrdteile des Wortes „Na­tion". Um eine Nation zu bilden, genügt es nicht, daß ein Volk eine eigene Sprache besitzt und sich durch eine lange gemeinsame Geschichte ver- Hunden fühlt. Es genügt auch noch nicht die eigene große Kulturleistung. Die politische Natton — und davon ist jetzt die Rede — ist erst vollendet, wenn zur gleichen Sprache, zur Schicksalsverbun­denheit und zum gemeinsamen Kultubbesitz das ..Staatsgefühl des freien Volkes" tritt. „Nur solche Völker", so wurde einmal richtig gesagt, „haben die Kratt der Nation, die ihr eigenes Leben in Freiheit leben. Die anderen, die nicht soweit sind, werden jede äußere Anstrengung nicht aufbringen, die der nationale Opfermut in höchster Bedräng­nis fordert und leistet, und werden die Deweglich- kett des Fortschritts nicht haben, die in der freien Nation lebendig ist".

Haben wir so den klaren Sinn des Wortes „Nation" herausgeschält, haben wir festgestellt, daß die obengenannten Faktoren, freies Volk. Sprache, Geschichte, Kulturleistung und Staatsgefühl, rot- wendig gegeben fein müssen, bevor man eine Gruppe von Menschen als Nation ansprechen kann, bann ist auch leicht zu erkennen, daß diejenigen Kreise unseres Volkes, die das Wort „National" nur für sich selber in Ansvruch nehmen, in Wirk­lichkeit garnicht national sind. Sie kündigen ent­weder gegen das Erfordernis der Freiheit, indem sie alte Privilegien und alle Herrschattsverhält- niffe wieder Herstellen möchten. Dann sind sie reak- tionär. Oder ihr nationaler Machlanspruch über« trifft die tatsächlich vorhandene nationale Kraft. Dann sind sie nationalistisch ober chauvinistisch. Ein wahrhaft nationaler Staatsmann ober bemüht sich zunächst um die nüchterne Erkenntnis der Gren­zen, die der nationalen Kraft vom Schicksal ge­zogen sind und sucht erst bann, mit den Mitteln, die er tatsächlich besitzt, die Wohlfahrt, den Fort­schritt und die Geltung seines Volkes zu fördern. Er und mit ihm die wahrhaft nationalen Teile des Volkes, hüten sich auch vor dem Fehler, nur in der „schimmernden Mehr" den vornehmsten Aus- druck des nationalen Bewuki'eins zu leben. Sie wissen, daß der Wett b»r Nation und damit d'e Geltung, die sie in der Völkenamtlie zu gewinnen vermag, davon abhängt, ob sie ihre vrovidentielle Sendung friedlich und kraftvoll erfüllt Sie grün­den deshalb ihren „Machtanspruch" nicht so sehr auf Gewalt der Waffen, die immer nur kurz-