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FuldaerZertung

Anzeiger für die Skadl Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

Nr. 261.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter" Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatl. 1,80 einschl. Postgeb. (30 bezw. 48 Pf.), ohne Zustellq.

Samstag, 10. November 1928.

Anzeigen-Preise: Kleinzeile (Colonel) lokal 0,15 Ml1 auswärts 0,20 Ml. Rek amezeile: lokal 0,60 Ml, auswärts 0,80 Mt. Bei Wiederholungen Rabatt. Postscheckkonto Frankfurt a. M. Nr. 405L>:

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(Eine Entschließung der Zentrumspartei Uoblenz - Trier - Birkenfeld.

wtb. Trier, 9. Nov. (Eia. Funkm.). Auf der gestern hier abgehaltenen Delegiertentagung der Zentrumspartei des Wahlkreises Koblenz-Tricr- Birkenfeld wurde nach einem außenpolitischen R e- serat des Prälaten Dr. Kaas eine Ent­schließung angenommen, in der es u. a. heißt:

Die Delegiertenversammlung richtet an die Reichstagsfraktion des Zentrums die dringende Bitte, bei den in Erwartung stehenden Verhand­lungen über die endgültige Regelung der Repara- tions- und Räumungsfrage nur solche Lösun­gen in Erwägung zu ziehen, die der Tragfählg- keit der geschwächten deutschen Landwirtschaft an­gepaßt sind und die mit dem unanfechtbaren Rechtsanspruch Deutschlands auf Räumung im Einklang stehen. In Bezug auf die letzte Forderung sind alle Bindungen ab- z u l e h n e n, welche die an sich schon stark gemin­derte deutsche Staatssouveränität im besetzten Ge­biet und in dem der Entmilitarisierung unterwor­fenen Gebiet noch weiter schwächen und in der Be­völkerung des Rheinlandes die Ueberzeugung Her­vorrufen würden, daß man für vorübergehende und zweifelhafte Vorteile dauernde und mit der Freiheit des deutschen Bodens unverträgliche Nach- teile eintauscht.

In einer zweiten Entschließung wird gefordert, daß bei der Steuergesetzgebung und der Zollpolitik die landwirtschaftliche Rentabilität wieder gesichert und wenigstens ein Existenzmini­mum der Landwirtschaft garantiert werde.

Die dritte Entschließung fordert die Beseitigung des Verschnittparagraphen im neuen Weingesetz und ferner, daß unter keinen Um st änden die Wein st euer wieder eingeführt werde.

Die englische Auffassung.

Der diplomatische Korrespondent des „Daily Telegraph" schreibt:

Vergangene Woche haben das britische und das französische Schatzamt Denkschrif­ten über die neulichen Besprechungen zwischen Poincare und Churchill über den geplanten neuen Reparationsausschuß ausgetauscht. Am Montag bat der Schatzkanzler dem italienischen und dem belgischen Botschafter und dem japanischen Ge­schäftsträger eine Note übergeben, die die britische Auffassung zur Darstellung bringt. Bor allem be­kennt sie sich zur Fortsetzung der in der Balfour- Note skizzierten Politik, die die Vorbedingung für die Zustimmung der britischen Regierung zur Ein­setzung des Ausschusses ist. Ferner wird dargetan, daß die bisherigen britischen Zahlungen an die

Urteil im Obregon-prozetz.

In dem Prozeß gegen den Mörder des mexi­kanischen Präsidentschastscmwärter Obregon, To- ral, und seine angebliche Mitschuldige, die Or­densschwester Conception, fällten die Geschworenen ihren Wahrspruch. Beide Angeklagte wurden für schuldig befunden. Toral wurde daraufhin zum Tode, die Ordensschwester zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilt.

*

wtb. Mexiko, 9. November. (Eig. Funkm.) Während der Schlußsitzung im Prozeß gegen Toral und Schwester Conception war die Erregung des Publikums derart groß, daß die Behörden es für notwendig gehalten hatten, den Platz der Angeklagten mit einer dreifachen Reihe von Soldaten zu umgeben. Ebenso waren Trup­penabteilungen im ganzen Gerichtsgebäude verteilt. Die nach mexikanischem Gesetz aus neun Personen bestehende Geschworenenbank hat Toral einstimmig, Schwester Conception mit acht gegen eine Stimme für schuldig befunden. Falls der oberste Gerichtshof die von den Verteidigern ein­gelegte Berufung verwirft, wird das bereits ge­meldete Todesurteil gegen Toral innerhalb der nächsten fünf Tage vollstreckt werden.

•

Merkwürdiger Weise haben die Nachrichten­agenturen über den Verlauf des Prozesses bis­her kein Wort berichtet. Man wird abwarten müssen, ob jetzt Begründungen des Urteils gegeben werden.

Hoover und Europa.

Das die Franzosen über den neuen Dann denken.

Zur Wahl Hoovers schreibt das „Echo de Paris":

Hoovers Sache ist es, sich als Vertreter des amerikanischen Volkes über sich selbst hinaus zu erheben, sich von den engen Formeln feines Be­rufes ,feines Milieus und feiner Karriere loszu­lösen. Er neigt überaus dazu, Europa als einen schlecht organisierten Konti­nent und wegen seiner nationalen Denkweise als einen ständigen wirtschaftlichen Skan- d a l anzusehen. Er möge nicht vergessen, daß ne­ben den Schulden gewisse zivilisatorische Eigenschaften vorhanden sind.

Das „Journal" erklärt: Man würde sich sehr täuschen, wollte man annehmen, daß der neue Prä­sident der Vereinigten Staaten einfach die Fort­setzung des Handelsministers der Regierung Coo- lidge sein wird. Hoover ist Herr seiner Initiative. Er ist durch nichts gebunden, als durch sein Tem­perament und durch sein Gewissen.

Das „Oeuvre" schreibt: Die Politik Hoovers wird, wenn möglich, noch amerikanischer tem, als die Coolidges, vielleicht sogar

Vereinigten Staaten durch die Reparationseinnah­men und die Schuldenzahlungen der alliierten Schuldner Englands nicht völlig gedeckt sind u. daß das sich ergebende Defizit bei den künftigen Einnah­men aus beiden Quellen in Rechnung gestellt wer­den muß, mit anderen Worten, alle Ueberschüsse aus diesen Einnahmen werden, solange es nötig ist, zur Tilgung des Defizits benutzt werden.

Diese Rückstände sind hauptsächlich darauf zu­rückzuführen, daß die britischen Zahlungen an Amerika zwei Jahre vor den Schuldentilgungszah­lungen der Alliierten an Großbritannien begon­nen haben. Hierüber hinaus enthält die britische Note nichts sehr Bestimmtes oder Bemerkenswer­tes. Sie läßt die Frage dcs Status und die Zahl der Sachverständigen ziemlich in der Lust. Die britische Regierung beabsichtigt offenbar, die An­sichten Deutschlands, der anderen alliierten Mächte und der Vereinigten Staaten sorgfältig zu erwä­gen, bevor sie ihren endgültigen Entschluß über biefe Punkte faßt. Tatsächlich ist eine baldige Eini­gung nicht erwartet worden, und zwar sogar noch, bevor die Unsicherheit infolge des Rücktritrs Poincares entstanden war. •

Strefemanns Prognose.

In den „Leipziger Neuesten Nachrichten" vom 9. November behandelt Reichsaußenminister Dr. Stresemann die Entwicklung, die Deutschland seit dem Zusammenbruch genommen hat, und spricht sich abschließend über die Zukunft Deutsch­lands folgendermaßen aus: ,

„Man zitiert in diesen Tagen viel ein Wort Bismarcks, der davon sprach, daß Deutschland nach einem unglücklichen Kriege wieder groß werden könnte, dann aber allerdings nur auf dem Boden der Republik.

Wir können heute nur davon sprechen, daß die Entwicklung eine vorwärtsstrebende war, dürfen sagen, daß die Zeit von 1918 bis 1923 wie ein wüster Traum hinter uns liegt. Wir müssen mit "ngeren Zeiten rechnen, wenn wir die Aus- . ckung der neuen Zeit sehen wollm. Der große lcanler des alten Reiches hatte eine beinahe visio­näre Art, in die Zukunst zu sehen. Hosten wir, daß auch das Wort von der Gröhe, zu der das republikanische Deutschland nach dem verlorenen Kriege kommen würde, sich bewahrheiten möge. Seien wir uns aber klar darüber, daß weder träu­mende Resignation noch überschäumende Kraft der Worte da, wo tatsächliche Kräfte fehlen, uns da­hin bringen werden, sondern nur die sachliche, bewußte Arbeit eines ganzen Geschlechts."

„Dankee-Politik" schlechtweg. Die Monroe-Doktrin wird die allmähliche Bevormundung Mittel- und Südamerikas legitimieren. Europa wird immer mehr als eine ferne Kolonie erscheinen, der man feine Waren aufzwingen muß, und in der man feine Kapitalien anlegen kann.

Das Eew-erkschaftsblatt „Le Peuple" hält es für zweifelhaft, daß Europa bei der Wahl Hoovers auf feine Rechnung kommen werde. Man hat dar­an erinnert, so schreibt das Blatt, daß während des Krieges Hoover die Lebensmittelversorgung der be- letzten Gebiete geleitet habe, und durch dieses Werk über die europäischen Angelegenheiten besser unter, richtet sei, als die meisten Politiker seines Landes, lödaß man hoffen kann, er werde zugänglicher sein. Man läuft da Gefahr, sich eine neue Illusion nach so vielen anderen zu machen. Das Wenige, was man von den Gedankengängen des neuen Präsi­denten über die internationalen Probleme kennt, berechtigt kaum zu solchen Illusionen. Hoover gehört zu den Amerikanern, die die Prosperität als eine Rechtfertigung für Amerikas Isolierung an­sehen.

„Quotidien" fragt: Muß man sich daran erin­nern, daß Hoover, der Jünger Coolidges, sich in einer Rede gegen die Herabsetzung der amerikani­schen Ansprüche an die europäischen Schuldner aus­gesprochen hat.

„Figaro" schreibt: Hoovers leitende Gedanken über die Angelegenheiten, die Frankreich betreffen, sind die der republikanischen Partei, und man würde sich täuschen, wenn man an eine Wandlung glauben wollte.

Der „Gaulois" ist anderer Ansicht. Er schreibt: Hoover ist zu verbunden mit den wirtschaftlichen und finanziellen Fragen, um nicht zu erkennen, daß früher oder später die Prosperität Amerikas von der Wiederherstellung eines normalen Aus­tausches zwischen dem alten und dem neuen Kon­tinent abhängen wird. *

Demokratische Gouverneure sind in fol­genden Staaten gewählt worden: Arkansas. Co­lorado, Florida, Georgia, Montana, New Port, North Carolina, South Dacota, Tennessee, Texas, iitab. In allen übrigen Staaten wurden republi­kanische Gouverneure gewählt.

*

Obgleich die genauen Zahlen der gewählten Ver­treter noch nicht vorliegen, wird angenommen, daß dem Repräsentantenhaus 252 Republika­ner, 174 Demokraten und 2 Angehörige der Far­merpartei, dem Senat 57 Republikaner 38 Demo­kraten und 1 Farmer angehören werden. Der ein- flige sozialistische Vertreter im Repräsentantenhaus, Viktor Berger, ist nicht wiedergewählt worden, und zum ersten Male seit 1899 wird wieder ein Neger, Oscar de Priest aus Chicago einen Sitz erhalten.

pviücares Wiederkehr?

mtb. Paris, 9. Nov. (Eig. Funkm.). Allge­mein wftd jetzt hier angenommen, daß der Präsi­dent der Republik im Laufe des heutigen Tages, da die Mehrheit der von ihm zu Rate gezogenen Parlamentarier Poincare als geeignete Persönlich­keit bezeichnet habe, diesen ersuchen wird, wie­derum die Bildung des Kabinetts zu übernehmen. Nach dem „Matin" ist Poinca­res Prestige derart, daß ihm die eine ober andere der beiden möglichen Kombinationen (Nationale Einigung oder Republikanische Kvnzentrafion) ge­lingen könnte. „Echo de Paris" ist der Ansicht, daß Poincare die Bildung des Kabinetts überneh­men werde, wenn er die Nationale Eini­gung, die Grustdlage seiner Politik, wieder Her­stellen könne. Für den Fall, daß Poincare defi­nitiv ablehnt, hält Havas es für immer wahrschein­licher, daß die Lösung der Krise alsdann B r i a n d übertragen werden könne. Briands Freunde erwi­derten allgemein, daß er sich lieber ganz dem Au­ßenministerium widmen möchte, und daß, falls er das Ministerpräsidium übernehmen sollte, es nur unter der BÄnngung tun würde, daß Poincare, dessen Mitarbeit er für uneAäßlich halte, einwil­lige, das Portefeuille des Finanzministeriums zu übernehmen. „Populaire", der ein Kabinett Poin­care für ausgeschlossen hält, will aus sicherer Quelle erfahren haben, das Poincare dem Präsidenten als feinen Nachfolger den ehemaligen Kammerpräsiden­ten und Finanzminister Senator Per et vorge- schlagen habe.

*

In einer Zusammenfassung der interfraktionel­len Verhandlungen der ehemaligen Kartellparteien über die Regierungskrise stellt die Agence Havas fest, daß die bezweckte Einigung nicht in dem er­warteten Maße erzielt worden ist. Die Radikalen forderten von den Vertretern der Sozialrepublika­ner (30 Abgeordnete), der unabhängigen Linken (15 Abgeordnete) und von den Sozialisten die Beja­hung des auf dem radikalen Kongreß in Angers angenommenen Programms, was die Vertreter die­ser Gruppen bewilligten, jedoch sämtlich vorbehalt­lich der noch einzuholenden Zustimmung ihrer Par­teien. Der Vorsitzende der radikalen Partei, Dala- hier, fragte die Sozialisten, ob sie sich eventuell an der Regierung beteiligen würden, was die Vertre­ter dieser Gruppe unter Berufung auf die Entschei­dung des letzten Parteitages 'in Toulouse vernein­ten. Die sozialistischen Vertreter erklärten sich aber bereit, die Programmpunkte des radikalen Kon­gresses von Angers ihren Kollegen in einer Frak­tionssitzung zu unterbreiten und dann die Frage zu erörtern, ob dieses Programm eine Unter­stützungspolitik wie unter dem ersten Ministerium Herriot oder eine Beteiligung der Sozia­listen an der Regierung erlaube.

*

In der heutigen Sitzung der französischen Kam­mer wurde der Regierungsantrag, die Mandate der elsässischen Abgeordneten Ricklin und Rosse für ungültig zu erklären, nach lebhafter, teilweise stüvmif-ber Debatte mit 220 gegen 39 Stimmen an­genommen.

Neue Nutzlandverhandlungen.

In den nächsten Wochen, wahrscheinlich noch im Laufe des November, werden laut „Voss. Zig." in Moskau die deutsch-russischen Wirtschastsver- handlungen wieder aufgenommen werden. Als Führer der deutschen Delegation ist Ministerial­direktor Posse vom Reichswirtschastsministerium in Aussicht genommen, von russischer Seite werden die Leiter des Außenhandelsdepartements, Schleierund Kaufmann, die Verhandlungen führen.

Wie schon aus der Besetzung der Delegation zu ersehen ist, werden die Verhandlungen sich auf rein handelspolitische Fragen beschränken. Um Zwischenfälle, wie sie im Donezgebiet vorkamen, künftig nach Möglichkeit auszuschließen, wird von deutscher Seite die Forderung gestellt, daß die Be­griffe der Werkspionage und Sabotage schärfer abgegrenzt werden, als es zur Zeit im russischen Strafrecht der Fall ist.

Kreditverhandlungen sind vorerst nicht geplant.

* Die Krise in Rumänien. Aus Bukarest wird gemeldet: Titulescu, der aus London in Bukarest eingetroffen ist, wurde vom Regentschafts­rat empfangen, der ihn mit der Bildung eines Ministeriums der Nationalen Einig­keit beauftragte. Titulescu hat sich eine kurze Bedenkzeit erbeten.

Dberschlesien und polen.

Aus Kattowitz wird gemeldet:

Durch die Polizeidirektion Kattowitz wurden der „Myslowitzer Anzeiger", die „Laurahütter und Siemianowitzer Zeitung", der „Pleffer Anzeiger", das „Tarnowitzer Kreis- und Stadtblatt" sowie die in Rybnik erscheinende Katholische Volkszeitung" beschlagnahmt wegen eines politischen Artikels mit der Ueberschrift „Die Deutschen an Pil - f u b s f i". Die „Kattowitzer Zeitung" wurde we- gen ihres Leitartikels „Kein Festtag der Deutschen", in dem sich der Verfasser, Abg. Pirsch, gegen eine Beteiligung der deutschen Minderheit an dem Ju­belfest des zehnjährigen Bestehens der polnischen Republik aussprach, von der Polizeidirektion Katto- witz beschlagnahmt.

Auch die Ausgaben des „Oberfchlesffchen Cour." und des „Deutschen Volkswillens" sind beschlag­nahmt worden. Den Grund der Beschlagnahme bildet die Veröffentlichung der Stellungnahme der Deutschen Aktion bezüglich der Teilnahme an den Feierlichkeiten anläßlich der Zehn-Jahres-Feier dec Republik Polen.

Chamberlain und der Zriede.

Bei der Verleihung des Ehrendoktors der Rechte der Universität von Toronto an den britischen Außenminister Chamberlain und den französischen Botschafter in Washington, Claudel, nannte der Präsident der Universität Toronto Chamberlain in seiner Rede den „Versöhner Europas". Chamberlain erklärte in feiner Antwort, er glaube, die Geschichte werde ihm einen Platz geben auf­grund seiner Taten für den Weltfrieden während seiner Amtszeit als Außenminister. Er glaube in seinem innersten Herzen, daß jetzt der Friede Euro­pas auf der engen Freundschaft der englischen und ftanzösischen Rasse ruhe. Aus diese Basis, sagte Chamberlain, haben wir die Grundlage unfe­rn gemeinsamen Versöhnung mit Deutsch­land gelegt. Im Einklang mit diesen großer Mächten und den anbeten Nationen, bie mit uni zusammenarbeiten, liegt heute die beste Aussicht zur Vermeidung einer Wiederholung der Kata­strophe, die wir erlebten.

*

Im Unterhause brachte der Arbeiterführer Cly- nes den Abänderungsantrag der Arbeiter­partei zu der Antwortadreffe auf die Thronrede ein, in dem bedauert wird, daß bie Regierungsvor- fchläge für bie Behanblung es Arbeitslosenproblems vollkommen unzureichenb sind und die Notwendigkeit einer Verbesserung der industriellen Lage außer acht lassen.

Churchill, der auf die Rede Clynes' erwiderte, erklärte, der einzige von Clynes gemachte konstruk- tine Vorschlag sei, daß England die Beziehun­gen mit 'Rußland wiederaufnehmen soll. Wenn irgendjemand glaube, daß die Wiederauf­nahme des englischen Handels mit Rußland den geringsten Einfluß auf das allgemeine Problem der Arbeitslosigkeit ausübe, so täusche er sich. Chur- chill wiederholte, daß kein allgemeines Schutzzoll- fystem und kein Schutzzoll für Lebensmittel einge- führt werben wirb, baß jcboch keine Jnbuftrie dar- an gehindert werden könne, vor einem besonderen Tribunal Jndustrieschutz zu beantragen. Der Kre- bitplan werbe um weitere zwei Jahre über den nächsten September hinaus verlängert werben.

Der Liberale Runciman forderte in seiner Rebe, baß Englanb seinen Teil an der Beseitigung der Handelsschranken in der Welt beitragen soll.

Auf bie Frage, ob er eine Erklärung über bie jüngsten Pariser Besprechungen über bie Repa­rationsfrage abgeben könne, erklärte Schatz­kanzler Churchill: Die Besprechungen, bie ich mit Poincare und im Anschluß baran mit den Ver­tretern der belgischen, deutschen, italienischen und japanifchen Regierung hatte, waren bie Folge des im September in Genf von den beteiligten Regie­rungen gefaßten Beschlusses, eine Kommission von Finanzsachverstänbigen einzusetzen, die Vorschläge für eine vollständige und endgültige Erledigung des Reparationsproblems machen solle. Bei diesen Be» fprechungen brachte ich zum Ausdruck, daß die bri­tische Regierung eine Endlösung der Repa, rat io ns frage begrüßen würde, vorausge­setzt, daß England aus den alliierten Schulden- Zahlungen und aus den Reparationen weiterhin genug erhält, um seine auswärtigen Schuldenzah- iungen zu decken. — Erfreulicherweise haben die Besprechungen keine grundsätzliche Meinungsver­schiedenheit zwischen den beteiligten Regierungen ergeben Eine endgültige Entscheidung über die Personalfrage, das Datum und den Ort des Zu­sammentritts ist noch nicht zustandegekommen; aber ich hoffe, daß alle diese Vorfragen erledigt wer­ben und daß die Kommission ohne größeren Auf­schub gebildet werden kann. Vielleicht sollte ich sagen, daß nicht der Schluß gezogen werden sollte, daß bie beutsche Regierung den Standpunkt, den wir gegenwärtig einnehmen, in all seinen Auswir­kungen anerkannt. Das wollte ich mit meiner Er­klärung nicht zum Ausdruck gebracht haben. In derartigen Angelegenheiten gibt es selbstverständ­lich in jeder Frage zwei Seiten.

Auf die Frage eines Unterhausmitgliedes, ob bte Reparationsregelung mit der Räumung des Rhein­landes verknüpft sei, erwiderte Churchill: „Nein, das ist eine getrennte und auch wünschens­werte Angelegenheit."

Das Unterhaus vor den Wahlen.

Am 6. November ist das englische Unterhaus zu seiner Wintertagung zusammengetreten. Sie wirb die letzte vor den Neuwahlen sein, bie bekanntlich im Juni nächsten Jahres stattfinben sollen. Es ist nur zu natürlich, daß bie Tagung von der Wahl­stimmung beeinflußt fein wird, daß insbesondere die beiden größeren Parteien, bie Konservativen unb die Arbeiterpartei, ihr Möglichstes tun wer­den, um bei den Neuwahlen in einer strategisch günstigen Position dazustehen. Die Liberale Par­tei Lloyd Georges nimmt als solche zurzeit weniger die Aufmerksamkeit in Anspruch, weil die Hoffnun- gen auf ein neues Wiederaufleben derselben bisher nicht bestätigt worden sind. Erst wenn es Lloyd George gelingen sollte, so viele Mandate zu errin­gen, daß er für die Regierungsbildung im nächsten Jahre zwischen Konservativen und Arbeitern das „Zünglein an der Wage" bilden könnte, wird man feiner Person und seiner Partei wieder ein grö­ßeres Interesse zuwenden müssen. Vorläufig bildet bie Arbeiterschaft mit Macdonald an der Spitze bie eigentliche Opposition im Parlament und sie ist für die Konservativen umso beachtlicher, als die letzten Nachwahlen zum Unterhaus insbesondere aber auch bie Gemeinberatswählen in Englanb und in Wa­les den Arbeitern einen selten großen Sieg ge­währt haben. ,

Die Unterhaussitzungen werden aber auch des­halb völlig von der W a h 1 st r a t e g i e beherrscht