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antisemitischen Agitation Folge geben werden. Sie wür­den damit m. E. dem Grund geböte des Chri- st e n t u m s, wenigstens in der Tat, entgegenhandeln. Die vaterländisch gesinnten Juden dürfen im Kampfe ge­gen die antisemitische Hetze auf die Unterstützung des ka­tholischen Volkes und auch der Zentrumspartei rechnen."

Dieses eindeutige Bekenntnis hat ihm. besonders von rechtspolitischer Seite, von der völkischen ganz zu schwei­gen, manche Unannehmlichkeit eingetragen. Marx hat sich dadurch nicht anfechten lassen und als Zentrumsführer rote als Reichskanzler sich stets zu seinen Worten bekannt.

Das deutsche politische Leben wäre um eine we- entliche politische Persönlichkeit ärmer, chiede Dr. Marx gänzlich aus ihm. Wir wünschen lerzlich, daß Dr. Marx, wie die Zeitungen melden, an einer anderen wichtigen Stelle des deutschkatholischen Lebens weiterarbeite und segensreich wirke. Das deutsche Judentum spricht ihm bei dieser Gelegenheit h o h e Wertschätzung und aufrichtige Dankbar- feit aus.

So schreibt die „C. D.-Zeitung", die sich im Untertitel „Blätter für Deutschtum und Juden­tum" nennt; so schreibt ein Blatt, das die größte Organisation der deutschen Juden vertritt. „Hohe Wertschätzung und aufrichtige Dankbarkeit" diktier­tem diesem Blatt solche Worte über den Zen­trumsmann Marx. Wir freuen uns dessen, zu­mal man ansonsten von Parteien aus, in denen bekanntermaßen die Mehrzahl der deutschen Juden organisiert ist, ganz andere Töne über Marx' Tätig­keit findet. Man braucht nur die demokratische und die sozialdemokrattsche Presse zu studieren. Das Schlimmste freilich ist, daß auch Katholiken sich durch diese Blätter in ihrem Urteil über einen Mann wie Marx beeinflussen lassen. Sie sollten sich vor allem merken, was die C. V., also sicher ein unvoreingenommenes Matt, über unseren Füh­rer sagt. ——————___

Wahlen in der Schwerz.

Die Wahlen zum Schweizerischen Nationalrat sind am Sonntag im ganzen Lande ruhig verlaufen. Die Wahlbeteiligung war gegenüber den letzten Wahlen eher etwas stärker. Sie betrug in den größeren Städten durchschnittlich 70 bis 75 Pro­zent. Größere Verschiebungen der Parteien haben sich nicht ergeben Dagegen sind bei den Stände­ratswahlen, die gleichzeitig mit den Nationalrats­wahlen in 14 von 25 Kantonen vorgenommen wur­den, in der Parteigruppierung einige wesentliche Aenderungen zu verzeichnen. So verloren zum Beispiel bei der Volkswahl zum Ständerat in Bern die Sozialdemokraten ihre zwei bisherigen Vertre­ter. Die 44 Mitglieder dieses Rates gehören setzt nur noch den bürgerlichen Parteien an. Ebenfalls wurde in Genf der sozialdemokratische Ständerat nicht mehr gewählt.

* Dis Fürsten'immer in Halle. Zu der Zei­tungsnotiz, wonach der zweiten Gemahlin des früheren Kaisers ein Salonwagen zur Verfü­gung gestellt worden sei und die Für st en zim­mer auf dem Bahnhof Halle für sie bereitgehalten worden feien, wird mitaeteilt, daß der Reichsbahn- direttion Halle von diesen Vorgängen nicht das Geringste bekannt ist. Ferner ist unrichtig, daß die Möbel der Zimmer für einen solchen Be­such bergerichtet worden seien. Richttg ist nur, daß die Möbel in den Fürstenzimmern, welche jetzt dienstlichen Besprechungen dienen, für den Bettag von 700 Mark erneuert worden sind und daß diese Summe auch gezahlt worden ist. Die zweite Frau des früheren Kaisers habe die betreffenden Zimmer jemals betteten. _____________

Beom^enfraren.

= Forderungen de» Veamkenbundes. Im weitern Verlauf der Tagung des Deutschen Beamtenbundes wur­den Anttäge genehmigt, die die schnellste Herbeiführung des angekündigten neuen O r t s k l a f f en Verzeich­nisses verlangen, ferner auf Herbeiführung eines Wohnheimstättengesetzes. Annahme fandwei- ler eine Entschließung des Wirtschaftsausschusses, wonach der Deutsche Beamtenbund eine klare Abgrenzung der Arbeitsgebiete des Bundes und des Beamienwittschafts- bundes für notwendig hält. Zur gegenseitigen Wahrung und Abgrenzung der Aufgaben soll ein freundschaft­liches Verhältnis zwischen den beiderseitigen Leitungen sichergestellt werden. Leitende Bundesbeamte sollen Aufsichtsratsposten in Beamtenwirtschaftseinrichtungen nur mit Genehmigung der Bundesleitung übernehmen können. Mit Zweidrittelmehrheit gelangte schließlich auch die Reform der Bundesverfassung zur Annahme, die u. a. die Bundesleitung dahin neu gestal­ten will, daß durch verantwortlichere Beteiligung der Bundesträger mehr als bisher die verbindliche Bekun­dung des Bundeswillens ermöglicht wird, wobei zugleich die Position des Bundesvorstandes gestärkt und der Auf­bau des Bundes klargestellt werden soll. Gegen die neue Satzung stimmten nur die Gruppen der Landesbeamten. Den Beamten im besetzten Gebiet wurde ein Sitz im geschäftsführenden Bundesvorstand zuerkannt. Bundes­präsident F l ü g el wurde in geheimer Wahl mit 272 Stimmen bei 44 Enthaltungen w i e d e r g e w ä h l t In feinem Schlußwort hob er hervor, daß der sechste ordent­liche Bundestag des D. B B der lebendige Ausdruck des ernsten Willens und des tiefen Könnens des Bun­des fei. Er fei auch der Ausdruck der Einheit und der gesammelten Kraft des Deutschen Beamtenbundes ge­wesen.

Bei UnegssteuAden in Mauen.

Ein Reisebericht von Fr Donatus Psannmüller

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Das Orgelspiel ist verklungen und die Sängerinnen schweigen. Die Kinder eilen hinaus, hinüber zur Schule. Und alle, die an mir vorübergehen, die Gro­ßen und die Kleinen, schielen nach mir herüber Was das wohl für ein Mann fein mag? O sie kennen die­ses Kleid des heiligen Franziskus. Erst gestern war der Tevas Pranas, der Pater Franziskus von Kaunas hier und hat gepredigt (und ich wußte es nicht) Aler der Pater Franziskus singt ein Hochamt und trägt das Allerheiligste bei der Prozession, dieser aber kniet sich, toie die andern, nur an die Kommunionbank Emen solchen Tevas haben sie noch nicht im Dorf gehabt. Auch der Küster, mit einem oergilbten Chorrock angetan, der von seinem grauen Schnurrbart merkwürdig abstichk, schleicht in meiner Nähe umher, um womöglich zu er­fahren, roes Vaters Kind ich bin. Aber eingedenk mei­nes schwachen Litauisch laste ich ihn ruhig schleichen.

Als ich meine Danksagung beendigt habe, gehe ich hinaus und halte Umschau nach Kasimir. Ich will ihn nicht lange warten lasten. Doch die Pferde stehen still und allein auf ihrem Platz. Aber ein paar fromme Frauen find mir auf dem Fuße gefolgt, umringen mich, küssen mir die Hände und reden auf mich ein Und -ch Unglücklicher verstehe sie nicht und kann ihnen auch nicht antworten. Da, in meiner Not, fällt mir meine Photographie ein aus der Kriegszeit. Darauf bin ich als bärtiger Krieger mit der Familie Akelaitis verewigt. Ich zeige ihnen das Bild und mache ihnen klar, daß der grauköpfige Franziskaner und der bärtige Unteroffizier ein und dieselbe Person sind. Und wahrhaftig, nun hebt die Handküsserei noch einmal an und zwar inten­siver noch als das erste Mal. Ob meine damafige Quatierroirtin, die Navizkute, der ich vor einiger Zeit durch Kasimir Grüße sandte, meinen Ruhm im ganzen Hopfe breitgetreten hat?

Oa$ Sachverständigenkomjlee.

In der Kabinettssitzung am Samstag ist sich die Reichsregierung darüber schlüssig geworden, zu­sammen mit den übrigen beteiligten Regierungen die nötigen Scl)ritte zu tun, um den Plan der Ein­setzung einer unabhängigen Sachverständigenkom­mission zur endgültigen und vollständigen Rege­lung der Reparationsfrage zu verwirklichen. In Ergänzung dieses Beschlusses teilen die Blätter mit, daß voraussichtlich bis Mitte der kommen­den Woche diplomatische Verhand­lungen in Gang kommen werden, die dem Ziele dienen, ein Einverständnis über Zusammensetzung und Tagungsort der Kommission herbeizuführen.

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Reichsminister für Ernährung und Landwirt­schaft, Dietrich, schreibt im „B. T." zur Repara- ttonsfrage u. a.:

Man wird sich ganz besonders gegen diejenigen zu wenden haben, die heute schon glauben, mit be­stimmten Rechnungen und Zahlen operieren zu können. Nachdem man in Genf übereingekommen ist, eine Kommission von Experten einzusetzen, welche die Möglichkeit einer vollständigen und end­gültigen Lösung der Reparattonsfrage untersuchen soll, handelt es sich jetzt nur darum, diese unab­hängige Sachverständigenkommission zusannst en- zubringen, d. h. unter den beteiligten Mäch­ten eine Verständigung zu erzielen über ihre Zu­sammensetzung und ihre Aufgaben.

Deutscherseits wird der Nachdruck darauf zu legen sein, daß die Sachverständigen in voller Un­abhängigkeit und unbeeinflußt von rein polittschen Gesichtspuntten das Schicksalsproblem Deutschlands prüfen. Wenn jetzt schon versucht wird, die Frage, was Deutschland zahlen soll zu verquicken mit dem interalliierten Schuldenproblem, so entsteht die Gefahr, daß hierdurch an den Le­bensnerv des vereinbarten Komitees gegriffen wird. Die Tatsache, daß Deutschland in dem Jahre 1924 bis heute rund 10 Milliarden Goldmark Kredite im Ausland ausgenommen hat, während es ohne die Mittel aus der Dawesanleihe nur 4670 Millio­nen bis 1. September 1928 an die Entente gezahlt hat, wobei nicht übersehen werden darf, daß der größte Teil in Sachlieferungen erfolgt ist. zeigt, daß die Möglichkeit, mit welcher die Dawessachver- ständigen gerechnet hatten, daß nämlich durch An­leiheoperationen die wirkliche Sachlage, daß nur aus Ausfuhrüberschüssen letzten Endes bezahlt wer­den kann, verschleiert wird, in einem ungeahnten Maß ein getreten ist. Man wttd ohne Ueber- tteibung sagen dürfen, daß das wahre Bild der deutschen Zahlungsmöglichkeiten bisher nicht zum Vorschein gekommen ist. Gerade deswegen braucht man wirtschaftliche Sachkenner, die zu beurteilen vermögen, was künftig Deutschland, nachdem es mit jenen Krediten seine Wirtschaft zum Teil wieder aufgebaut hat, und aus diesen Krediten die Repa­rationsleistung, soweit sie in Geld erfolgte, bezahlt hat, nunmehr ohne Transferschutz, und ohne seine Währung zu gefährden und ohne in die Gefahr zu kommen, eines Tages für seine Verpflichtungen nicht einstehen zu können, zahlen kann. Mathema­tisch genau wird sich das niemals sagen lassen, und ein gewisses Risiko wird niemand int deutschen Volk ganz ablehnen. Dieses Risiko wird Deutsch­land übernehmen können dann, wenn das einzu- setzende Komitee in voller Verantwortung feststellt, was seiner Meinung nach auf die Dauer trans­feriert werden kann. Ganz abgelehnt werden muß in diesem Stadium der Dinge eine Erörterung darüber, was wir etwa durch Anleihen im Aus­land an sofortigen größeren Zahlungen aufbringen können.

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Nach einer Havas-Mitteilung erklärt man m autorifierten Kreisen die Nachrichten f ü r u n be­gründet, nach denen die alliiert en Behörden im Hinblick auf die vorzeitige Räumung des Rhein­landes Vorkehrungen treffen sollen.

Zu dieser offiziösen Erklärung, daß die Nach­richt über die Vorbereitungen der baldigen Räu­mung der zweiten Zone des besetzten Gebietes falsch sei, schreibt der „Quotidien": „Wir bedau­ern dies um des Quai d'Orsays willen, der hier eine Gelegenheit hatte, teilweise die schweren Fehler wieder gutzumachen, die er bei den Verhandlungen über das englisch-ftan'ösische Flottenkompromiß be­gangen hatte. Wir bedauern es aber auch um des Friedens willen."

Eine Rede pohuares.

Ministerpräsident Poincarö hat am Sonntag in Begleitung des Ministers des Innern Sarrau und des Handelsministers Cheron in Caen und Umgegend Institute, die der Förderung der Hq- giene und der G-sundheitsvflege dienen, besucht und mittags einem Bankett beigewohnt, an dem sämt­liche Bürgermeister des Departements und sämt­liche Parlamentarier des Departements teilnah- men. Pomcare hielt eine Rede, in der er zu der Kriegs schuldenfrage erklärte, daß die Ratt-

Doch da naht endlich der Retter. Kasimir kommt aus einem nahegelegenen Haufe und entführt mich dem Kreise der frommen Frauen. Allein vom Regen komn.e ich unter die Traufe In dem Haufe neben der Schule wohnt eine Tante von Kasimir Eine alte Frau, die nach dem Tode chres Mannes ihren Hof verkauft t>m Und nach ein paar andere Frauen find bet ihr versa n- melt. Wieder werden meine Hände zur Begrüßung ge­küßt, ebensa als ihnen einige klein« Andenken schenke, und schließlich noch beim Abschied.

Aber so weit find wir noch nicht. Es beginnt trft das Frühstück. Allerlei wird aufgetragen. allerlei gute, aber auch lauter für den noch nüchternen Magen unge­wohnte Sachen. Zuerst gibts ein Gläschen süßen Apfel­most, dem noch ein zweites folgt. Auch die Frauen trinken mit. Dazu gibts kleines süßes Backwerk Denn Käieschnitten, aut die man Butter streicht und sie wie Brot verzehrt. Dann ist auch noch Weißbrot da, eigent­lich Kuchen, und 3um Schluß erscheint der Tee. Eine Frau ist noch hinzugekommen, aus die ich anfangs gar nicht achtete: denn mich umschwirren die Stimmen so vieler, und ich muß mich bemühen, wenigstens einiges aus ihren Reden aufzusangen und zu verstehen. Da stößt mich Kasimir an und sagt: „Das ist Frau, wo hu in Karas (Krieg) kwartira!"

Ach ja — wahrhaftig! Das ist sie. ja! Wo hatte ich nur meine Augen? Sie hat sich nur wenig verändert; aber bis ich auf sie aufmerksam gemacht wurde, war .hr Aeußeres meiner Erinnerung ganz entschwunden Sie muß neben mich sitzen und erzählen. Kasimir sucht den Dolmetscher zu spielen. Alle ihre Verwandten find gestorben Ein Bruder in Amerika schickt ihr zuwestm etwas Geld Sie ist ledig und steht nun ganz allem Sie wohnt noch in ihrem alten Häuschen, aber das Häuschen fei in einem sehr schlechten Zu stand. Avkr darin besuchen müsse ich sie doch einmal. Sie hat noch all die kleinen, frommen Bildchen, die ich ihr damals im Kriege lchenkte, und freut sich über die, die ich ihr heute gebe.

Kasimirs Tante, bei der wir zu Besuch sind, ist 71 Jahre alt. aber noch ganz rüstig, sie erzählt, daß ihre

fizicrung der Schuldenabkommen mit England und Amerika habe vermieden werden können dank der Erfüllung des Dawesplanes durch Deutschland, dessen Zahlungen trotz nicht erfolgter Ratifizierung, die Zahlungen Frankreichs an England und Amerika ermöglichten. Eine Andeutung zur be­vorstehenden Ratifikation dieser Abkommen hat Poincare nicht gemacht.

Zur Reparationsfrage erklärte Poin- care: Ich habe in Chambery gesagt — und ich wiederhole es wieder — daß wir für unser Teil nichts anderes wünschen, als die loyale Erfüllung der Verträge und diplomatischen Abkommen. Bei jeder Verhandlung, deren Gegenstand unser Gut­haben bei Deutschland darstellt, haben wir weder das Recht, unsere Pfänder blindlings aufzugeben, noch das Recht, eine Kombination anzunehmen, die nicht die Wirkung hätte, uns neben der Möglich­keit, restlos unsere eigenen Schulden zu bezahlen, eine gerechte Entschädigung zu gewährleisten. Das ist die Stellung, die wir beibehalten werden. Die angekündigten Verhandlungen, die, wie ich hoste, baldigst eingeleitet werden, verlangen von uns ne­ben dem aufrichtigen Wunsch, uns mit allen In­teressierten und besonders mit unseren ehemaligen Alliierten zu verständigen, scharfe und unablässige Aufmerksamkeit, besonders des Quai d'Orsay und des Finanzministers. Niemals wird die Regierung es nötiger haben, sich auf eine starke, vertrauende, treu ergebene Mehrheit zu stützen, niemals bedarf sie mehr der Sicherheit, klar im Namen des Lan­des und feiner erwählten Vertreter sprechen zu können. Die Kammer muß uns bald mitteilen, ob sie der Ansicht ist, daß wir ihrer Unterstützung sicher sind.

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Nach einer vom Pariser „Temps" verbreiteten Meldung aus Warschau soll die polnische Regierung beabfichtigen, offiziell zu beantragen, daß ein pol­

nischer Beobachter an den zwischen Deutschland und den ehemaligen Al­liierten geführten Verhandlungen wegen Regelung der Reparationsverpflichtungeri teilnehme.

* Beleidigungsklagen gegen die Witwe Stephan Raditschs, Aus Belgrad wird gemeldet: Wie bi< Zeitung „Vreme" aus Agram meldet, wurden gegen die Witwe Stephan Raditschs aufgrund des Presse­gesetzes vier Beleidigungsklagen erhoben, die sich auf die in den Zeitungen der kroattschen Bauernpartei veröffentlichten Briefe der Frau Raditsch cm den Völkerbund und den Pariser Advo­katen Torres beziehen. Unter den Anklägern befin­det sich der Palastminister Jankowitsch.

* Aus dem Preußischen Landtag. Die nächste Plenarsitzung des Preußischen Landtages findet am Montag, den 5. November, 13 Uhr statt. Auf der Tagesordnung steht eine große Zahl kleinerer Vor­lagen. So stehen u. a. zur ersten Beratung der Gesetzentwurf über die Bereitstellung von Staats­mitteln zur verstärkten Förderung von Maßnahmen der werteschastenden Arbeitslosenfürsvrge und eine Aenderung des Wohnungsgesetzes.

Das Nircheneigentum in Frankreich.

Der Präfett des Seine-Departements hat nach Zustimmung des Pariser Gemeinderats verfügt, daß den Kirchengemeinden von Paris die Summen zurückerstattet werden können, die ihnen aufgrund dxs Gesetzes über die Trennung von Kirche und Staat entzogen und der allgemeinen Fürsorgeverwaltung zur Betreuung übergebenwor­den waren. Aufgrund dieser Verfügung findbe­reite mit dem Kardinalerzbischof von Parte Ver­handlungen eingeleitet worden.

Begebenheiten aus aller s«

eit

Ein berüchtigter Verbrecher erschossen

rotb. Leipzig, 29. Ott. (Eig. Funkm.) ' Der berüch­tigte Ein- und Ausbrecher aus Altenburg, Müller, der zuletzt aus der Gefangenenanstalt tn Untermaßfeld aus­gebrochen war, hatte in der letzten Zeit wieder die Alten­burger Gegend unsicher gemacht und zahlreiche Einbrüche verübt. In der Nacht zum Montag gegen 2 Uhr wurde er in der Wettiner Straße mit einem Komplizen auf frischer Tat ertappt. Während der Komplize entkam, wurde Müller von einem Polizeibeamten gestellt Mül­ler gab aus einem Revolver Schüsse auf den Beamten ab, sodaß dieser ebenfalls zur Waffe greifen mußte. Er streckte den Verbrecher durch einen Kopf­schuß nieder. Kurze Zeit später starb Müller an der erlittenen tödlichen Verletzung.

* Fassadenkletterer Kastner erhält 4 Jahre Zucht­haus. Im Berliner Prozeß gegen den Fassaden­kletterer Paul Kaßner wurde am Freitag das Ur­teil verkündet. Paul Kaßner wurde wegen fortge­setzten versuchten und vollendeten schweren Dieb­stahls im Rückfall unter Einbeziehung einer kürz­lich verhängten sechsmonatigen Gefängnissttafe zu insgesamt vier Jahren zwei Monaten Zuchthaus, fünf Jahren Ehrverlust und Stellung unter Polfzef- aufficht verurteilt. Der Angeklagte Stilgenbauer wurde fteigesprochen.

* Zwischenfälle bei polnischen Rekrnlenaushe- bungen. Anläßlich der Rekrutenaushebungen in Czeladz kam es zu schweren Ausschreitungen. Die Polizei mußte gegen die Rekruten mit blanker Waste vorgeben und machte schließlich von der Schußwaffe Gebrauch. Dabei wurde ein Rekrut erschossen, ein zweiter sehr schwer verletzt. Vier von den Polizeibeamten wurden durch Sieinwürfe von den Rekruten verletzt.

Ztratzenbahnunglück.

Zwei Tote und zahlreiche verletzte.

Am Samstagabend stieß in der Müllerstraße in Ber­lin ein Lastkraftwagen mit einem Straßenbahnwagen zusammen, wobei der Vorderperron der Straßenbahn gänzlich eingedrückt wurde. Zwei Personen wur­den getötet, 15—20 sind leicht verletzt worden. Der Führer des Lastwagens soll betrunken gewesen fein.

Schwere .flutounfäöe.

In der Nähe des hart an der mecklenburgischen Grenze in der Priegnitz gelegenen Gutes Gerdshagen ereignete sich am Sonntag ein schweres Autounglück. Es handelt sich um einen Berliner Kraftwagen, in dem sich die Berliner Künstler Frau Wilma Harming und Wer­ner Pittschau befanden. Die beiden Insassen fan­den den Tod. Der Wagen geriet bei einer Geschwindig­keit von 80 bis 90 Kilometer etwa zwei Kilometer von Meyenburg entfernt ins Schleudern und sauste gegen einen Baum Die Insassen wurden aus dem Auto heraus entweder direkt auf die Straße oder erst gegen einen Baum geschleudert. Der sofort herbeigerufene Arzt konnte

Mutter HO Jahre alt geworden sei. Eine Stunde ist schnell verflossen. Wir müssen doch auch einmal den Pfarrer besuchen. Das Pfarrhaus liegt ganz versteckt hinter der Kirche. Damo's bin ich gar nicht in jene Regionen gekommen. Kasimir meint, wir sollten nur zu dem Pfarrverweser gehen. Der alte Herr fei 89 Jahre alt und habe eine bSse Haushälterin. Ja. d.is hat vorhin schon die Tante erzählt. Und als Bewe'S ihrer Bosheit wurde angegeben, daß sie beim Besuch des Bischofs diesem nirht einmal die Hand geküßt habe. Nun, das mag in Litauen ein großes Verbrechen fein: aber ich hätte ganz gern auf den Handkuß der „fcören“ Haushälterin verzichtet. Gehen wir also zum Psirr- verweser!

Es liegen da hinter der Kirche zwei Gebäude, davon ist eines die Kaplanei. Kasimir weiß nicht recht, in welchem Hause der Pfarrverweser wohnt, aber versuchen wirs in der Sa planet. Beide Häuser waren ebenfalls Holzbauten, aber hell und wohnlich eingerichtet Im Zimmer des Herrn Pfarrverwesers trafen wir auch den stattlichen Diakon von heute Morgen. Kasimir stellte mich auf Litauisch vor und ich versuchte dasielbe auf Lateinisch. Daß ich mit meinem Latein wenig Ehre einlegte, ist begreislich. Ich lernte es auch nicht in ir­gend einer Schule, sondern lediglich als Schriftsetzer beim Satz lateinischer Manuskripte. Und dabei kann nicht viel herauskommen. Ms mich der Pfarrer als Deutschen erkannte, sagte er: „Sprechen Sie nur ruhig Deutsch. Wir -verstehen es alle beide, wenn wirs auch nicht gut sprechen können."

Und wieder verging eine Stunde in angenehmster Unterhaltung. Der Herr Pfarrverweser wollte uns zum Mittagessen dabehalten, allein ich schlug es aus Seine Köchin hatte sich gewiß nicht darauf eingerichtet, und ich wollte sie nicht auch noch „bös* machen, wie ihre Kollegin über dem Hof drüben. Da mußte ich hm versprechen, an einem anderen Tage zu kommen, und ich wählte dazu den Montag: denn am Sonntag wollten wir nach Mariampoi Zur Kirche fahren, schon deshalb, um endlich meine Postkarten zum Briefkasten zu brin­gen. Mein allernächster Briefkasten lag nämlich 12

nur noch den infolge schwerer Schädelbrüche eingetretenen Tod feststeklen. .

Das Automobil des Amtmannes Wöljchle aus Lindau, in dem außer ihm feine Gattin und der Direktor des Lindauer Eleketrizitätswerks Böser und feine Gattin saßen, fuhr in Brederis bei Feldkirch gegen einen Baum. Frau Wölschle wurde getötet, Frau Böser schwer ver­letzt, die beiden Herren blieben unverletzt.

wtb. Seroarb sPensilvania), 29. Okf, (Eig. Funkm.) Ein Automobil wurde an einem Bahnübergang vom D-Zug Pittslmrg-Philadelphia erfaßt. 5 Insassen des Autos wurden getötet, einer kam mit schweren Verletzungen davon.

* Tödlicher Unfall auf Kreuzer „Berlin“. Wie aus Sabang gemeldet wird, kam während des dor­tigen Aufenthaltes des Kreuzers „Berlin ein Mann der Besatzung bei der Vornahme von Kessel, arbeiten mit dem offenbar schadhaft gewordenen Zuleitungskabel der Arbeitslampe in Berührung und wurde durch den Strom getötet.

— (Ein neuartiger Motorballon. Am Samstag er­schien über Friedrichshafen ein von der Ballon- fabrit Riedinger-Augsburg gebauter, 34 Meter langer Ballon, der von dem Gelände des Luftschiffhafens aufge- stiegen war und von einem Motor geführt wurde. Der Ballon blieb 1% Stunden in der Luft und landete ge­gen abend glatt auf der Lusthafenwiese.

Der Essener Prozeh.

In der Samstagverhandlung des H u s m a n n-Pro- zeffes gibt der Vorsitzende nach Wiederzulassung der Presse ein kurzes Resume der Sachverständigengutachten Husmanns Abweichungen von der Norm sind zwar nicht erheblich, aber es sind Abweichungen da. Husmann ist nicht leicht ZN 2tffeftbanblungen Ju beroeyen. aber es läßt sich bei ihm eine Neigung zu Herrschsucht zu »"Tt. und auch zur Unwahrheit feststellen. Die Pubertät tst ber ihm noch nicht abgeschlossen. Geistig ist er allerdings stark entwickelt, bei gleichzeitigem Vorhandensein gewis­ser naiver Züge. Alkohol löst bei ihm nichts Krankhaftes aus. Auch zur Zeit der Tat stand er nicht unter einem besonderen alkoholischen Einfluß, wenn er die Tat begam gen haben sollte.

Sadismus in streng wissenschaftlichem Sinne ist bet ihm nicht erwiesen. Verdachtsmomente sind vorhanden, aber nicht ausreichend. Das Katzentöten hat nach Ansicht der Sachverständigen eine relativ harmlose Erklärung ge- ^Bezüglich der Homosexualität ist sestgestellt worden, daß einige Akte Husmanns ihn verdächtig machen. 3m Verhältnis zu Daube scheinen sexuelle Handlungen vor- gekommen zu sein. Daube wollte sich anscheinend von Husmann loslösen aber Husmann ließ das nicht zu.

Es sind bei Husmann Momente vorhanden, die aus dem normalen Rahmen der Pubertäts-Sexualitat heraus- fallen. In Bezug auf die Tat wird festgestellt: Wenn Hus- mann die Tat begangen hot, dann ist sie nicht aus dem Milieu zu erklären, sondern sind die Gründe in feiner Person zu suchen.

Die Aussagen der dann noch vernommenen Zeugen ergaben nichts Wesentliches. Dann wurde die Verhand­lung am Samstag geschloffen.

Kilometer von Kasimirs Haus entfernt. Leider wurde ans dem versprochenen Besuche nichts, west ich meme Pläne ändern mußte. ,

Während unserer Heimfahrt nach Pilekalnia dachte ich über so manches nach, was in der verfloßenen Stunde im Haufe des Pfarrverwesers gesprochen worden war über die Geschichte der katholischen Kirche in Li­tauen. Gaigalat, der Protestant, und ehemalige Abgeordnete im preußischen Landtag, schrieb im Sabre 1917 darüber: - Nikolaus I. sah im Katholizis­

mus eine große" politische Gefahr für den russischen Staat und nahm sich vor, ihn in feinem Reiche möa.utrft völlig zu vernichten . . - Recht schlimme Verfolgung-', der katholischen Litauer brachte das Jahr 1831 als * tlar wurde, daß die Bevölkerung Litauens lhauptsäch- iich Adel und Geistlichkeit) mit dem gegen Rußland »t- richteten Aufstand der Polen sympathisierte. Man suchte durch kirchliche Verruffung die „widerspensbgen" Katho­liken zu gefügigen Werkzeugen der russischen Regie­rung zu machen. Da niemand freiwillig Orthodox wer- den wollte, so wandte man das primitivste und einfachste Mittel an, um den Katholiken die richtige religröse Ueberzeugung beizubringen, nämlich viele und ener­gisch ausgeführte Schläge und körperliche Züchtigungen. Hauptsächlich wurden die P r i e ft e r einer solchen Be> Handlung unterworfen. Die Widerspenstigsten unter ihnen wurden nach Sibirien verbannt, oder in onyo- doxen Klöstern gefangen gehalten. Andere wurden ms zum Kopf in die Erde eingegraben und bann, da sie nach tagelangem Warten sich nicht „bekehrten" mürben ttnen mit Sensen die Köpfe abgeschnitten. Don 1830 bis 1835 wurden etwa 3,5 Millionen Katholiken in Rußland zur Orthodoxie hinübergezwungen. Die ka­tholische Kirche vettor ungeheure Kulturwerte. Dos Konkordat, das feit 1847 die Stellung der katholl'-hen Kirche in Rußland geregelt hatte, wurde 1866 aufgeho­ben: die Beziehungen zum päpstlichen Stuhle f*nb 'ei - dem abgebrochen. Für die Lage der katholischen K>r i in Rußland find daher nur die Verfügungen der t#!* schen Regierung maßgebend.

jFortfetzung folgt.)