Einzelbild herunterladen
 

Volkspartei gemerkt, daß man sich nicht iso­lieren darf.

Inzwischen ist eine dritte bayerische Denkschrift zu dem vorliegenden Fragenkomplex bekannt ge­worden, die sich auf die Abgrenzung der Zuständig­keiten von Reich und Ländern in Verwaltunasfrä- gen bezieht und hier recht starke Klagen führt. Dazu nur Eines: Wenn sich die Bayerische Volks­partei einmal mit der Unoermeidbarkeft dieser Auf­ballung von Reichszuständigkeiten in den Ländern bei den gegebenen Verhältnissen näher befassen würde, dann wird sie vielleicht wenigstens zu der Erkenntnis gelangen, daß ihr heftiges Festhalten am staatlichen Souveränitätsprinzip, an der „Staatshoheit der Länder aus eigenem Recht" eine Selbsttäuschung ist, geeignet, die Grundlage zu verwirren, von der aus eine kluge föderalistische Politik im bayerischen Sinne heute überhaupt noch möglich sein kann. Daß die Einbildung der Län­dersouveränität durch den Verfassungsartikel „Reichsrecht bricht Landesrecht" bisher fernen Stoß erlitten hat, steht ja leider fest. Cs ist aber ebenso sicher, daß die Bayern bei allen künftigen Verhandlungen eine falsche strategische Aufstellung entnehmen, wenn sie weiterhin die innenpolitische Entwicklung unter dem Gesichtswinkel ihrer ver­meintlichen „Staatssouveränität" betrachten wol­len. Mit Begriffsillusionen kann die große Arbeit, ine jetzt auch im Interesse der bayerischen Kultur­besonderheiten geleistet werden muß, nicht zu einem guten Ende gebracht werden.

*

Im Reichsjustizministerium fanden am 25. und 26, Oktober unter dem Vorsitz des Reichsministers der Justiz Koch-Weser Besprechun­gen mit den Regierungen der Länder über Fragen aus dem Gebiete der Gesetzgebung und der Justiz­verwaltung statt. Der preußische Justizminister, die bayerischen Minister der Justiz und des Innern, die Justizminister von Württemberg, Baden, Hes­sen, Braunschweig und Anhalt, der Staatspräsident von Oldenburg sowie die Leiter der Justizverwal­tungen von Hamburg und Bremen waren persön­lich erschienen.

Zu einer Pressemeldung, daß die französi­sche Regierung ihre diplomatische Ver­tretung in München einzuziehen beab­sichtige, erklärt die „Bayerische Staatszeitung", an unterrichteter Stelle sei von einem solchen Vorhaben der französischen Regierung nichts bekannt. Der französische Geschäftsträger Comte Lefevre d'Or- messon werde von seinem Urlaub, den er alljährlich um diese Zeit zu nehmen pflege, um die Weih­nachtszeit nach München zurückkehren. Wie der Geschäftsträger kurz vor seiner Abreise auf Beftagen selbst geäußert habe, glaube er nicht, daß die ftan­zösische Vertretung in München aufgehoben oder er selbst ersetzt werde.

England und Völkerbund.

Zur Feier des zehnten Jahrestages der Grün­dung der Völkerbundsunion wurde in der Albert Hall in London unter Vorsitz von Lord Grey eine Massenversammlung abgehalten. Die Union um­faßt jetzt über 700 000 Mitglieder. U. a. wurden Reden gehalten von Premierminister Baldwin, Lord Churchill und dem Parlamentsmitglied Clynes. Der Generalsekretär des Völkerbundes, Sir Eric Dmm- mond, ist eigens nach London gekommen, um an dieser Versammlung teilzunehmen.

Baldwin führte in seiner Rede u. a. aus: „Ich bezweifele, ob irgend ein Volk die kriegerische Stimmung mehr unterdrückt hat als wir. Während wir unsere engen und seit langem bestehenden Be­ziehungen zu Frankreich beibehalten und sogar ver­bessert haben, haben wir zu den mächtigsten unserer ehemaligen Feinde vollkommen freundschaft­liche Beziehungen hergestellt (Beifall), und wir können mit Recht behaupten, daß wir eine gewisse Rolle bei der Herstellung und Besserung der Be­ziehungen gespielt haben, die jetzt zwischen Frank­reich und Deutschland bestehen. Ich muß dem Gedanken widersprechen, der in einigen Kreisen Glauben gefunden hat, für den aber nicht der Schatten eines Grundes vorhanden ist, daß wir unsere Stellung der Unparteilichkeit und Versöhn­lichkeit, die wir zurzeit des Locarno-Paktes einge­nommen haben, bis zu einem gewissen Maße auf- gegeben hätten. Das ist nicht so. Wir sind keine neuen Verpflichtungen eingegangen. Es ist keine Aenderung in der Orientierung unserer Politik eingetreten. Unsere Interessen und unsere Neigungen veranlassen uns, in gleicher Weise die herzlichen Beziehungen mit Deutsch­land ebenso wie zu Frankreich beizubehalten und sogar zu stärken. Mit Italien haben wir seit Generationen die freundschaftlichsten Beziehungen gepflegt, und nichts hat stattgesunden ober wird stattfinden, um diese Freundschaft zu unterbrechen." (Beifall.)

Baldwin sprach dann von den Leistungen des Völkerbundes unter Erinnerung an Bulgarien, Oesterreich und Ungarn und fuhr fort: „Oesterreich trieb nach drei Jahren hoffnungslosen Wirrwarrs, aus dem es unfähig war, sich herauszuwinden, auf Bankrott und Chaos hin, während der Völker­bund in der Lage war, Oesterreich und seine Fi- nanjen auf eine gesunde Grundlage zu stellen, so daß die österreichische Währung eine der stabilsten in Europa geworden ist. Der österreichischen folgte

Bei Kriegsfreunden in Litauen.

Ein Reisebericht von Fr Donatus Pfannmüller. lös ---------

5. Kapitel.

Kirchfahrt nach Schumsk.

Das Pfarrdorf Schumsk liegt ungefähr drei Kilomr- (er von unserem Hofe entfernt. Kasimir behauptet aller­dings, es feien nur zwei Kilometer, wie er denn über­haupt alle Entfernungen unter'chätzt. Er meint immer Luftlinie, und ich rechne di« Wegstrecke, weil ich nicht fliegen kann.

Kasimir hatte am Morgen das Wägelchen anspannen lassen, um mich zur Kirche zu fahren; denn einen Galt läßt man nicht laufen. Diese schöne Sitte war mir recht lästig. Ich konnte es nicht zulassen, daß meinetwegen jeden Morgen ein Mann und ein Gespann von der Feld­arbeit abgehalten werde, aber zu Fuß gehen, ließen sie mich auch nicht. Da mußte ich wiederholt auf den ge­wohnten Kirchgang verzichten.

Ms ich in den Wagen stieg, sah ich, daß unter dem Vordersitz Grünfutter für die Pferde steckte. Also rech­nete Kasimir, der mich fuhr, mit einem längeren Auf­enthalt. Den Weg, den wir fuhren, hatte ich damals im Kriege nicht kennen gelernt Unterwegs überhmten wir ein paar fromme Seelen, die zur Kirche wollten, und einige Schulkinder. Dann, nach einer knappen hal­ben Stunde, lagen die zerstreuten Häuser von Schumsk vor uns. Hier hatte ich im Stiege drei Wochen im Quartier gelegen, dort rechts in einem der kleinen Häus­chen. Aber jetzt erschien mir alles viel kleiner, viel älter und ärmlicher, als damals. Selbst der Kirchttnrn erschien mir niedriger als einst, und doch war keine

eine ähnliche Wiederherstellung der Finanzen Ungarns."

*

Bei der Eröffnung der 14. Tagung des Mandatsausschusses des Völkerbundes in Genf betonte der Vorsitzende Theodoli-Jtalren, daß die letzte Völkerbundsversammlung sich mit Nachdruck für die wirtschaftliche Gleichberechtigung aller Staaten in den Mandatsgebieten eingesetzt hat. Professor Rappard-Schweiz erinnerte an das große Interesse, das der deutsche Vertreter im Budget­ausschuß der letzten Völkerbundsversammlung, Prä­lat Kaas, für die Mandatsfrage an den Tag legte und erklärte, er sehe in dieser Stellungnahme einen besonders günstigen Gewinn der Mitarbeit Deutsch­lands im Mandatsausschuß.

*

Lord Parmoor wurde einstimmig zum Führer der Oberhausfraktion derLabourparty als Nachfolger des verstorbenen Lord Haldane gewählt. _____________

Die 5lrbeitrkämpfe.

Schiedsspruch in der westdeutschen Eisenindustrie.

Nach mehrtägigen Verhandlungen wurde am Frei­tag in der Gesamtstreitigkeit zwischen dem Arbeitgeber­verband für den Bezirk der nordwestlichen Gruppe des Vereins deutscher Eisen- und Stahlindustrieller und den drei Metallarbeitergewerkschaften von der Schlichter­kammer unter dem Vorsitz des Oberlandesgerichtsrats Dr. Sötten-Koln folgender Schiedsspruch gefällt:

Das derzeitige Lohnabkommen bleibt weiter in Kraft, und zwar mit folgender Maßgabe:

1. Der Ecklohn als solcher bleibt unverändert. Zum Verdienst des Stundenlohnes für Arbeiter über 21 Jahre tritt jedoch mit Wirkung vom 1. November 1928 ab eine feste Stundenzulage von 6 Pfennig. Bei den weiblichen und jugendlichen Arbeitern stuft sich diese Zulage nach den entsprechenden Hundertsatzen der Lohn­tabelle ab. Bruchteile werden in der bisherigen Weise aufgerundet.

2. Die Akkord- und Prämienarbeiter er­halten vom gleichen Zeitpunkt ab neben dem sogenann­ten Zeitzuschlag von 21 Pfennig eine feste Zulage von 2 Pfennig.

3. Diese Regelung ist erstmalig am 1 März 1930 zum 30. April 1930 und dann an jedem 1. mit zwei­monatiger Frist kündbar.

Die Erklärungsfrist läuft bis zum Montag, den 29. Oktober gegenseitig und gegenüber dem Schlich­ter.

Tarifkündigungen in der sächsischen Texlil-Industrie.

wtb Zittau i. Sachsen, 27. Ott. (Eig. Funkm.) Der Arbeitgeberverband der Textilindustrie Ostfachsens hat heute den Lohntarif der Arbeiter zum 30 November ge­kündigt. Die Textilindustrie Ostfachsens beschäftigt ins­gesamt 40—45 000 Arbeiter.

Die Loge im Hamburger Hafen. ,

Die Lage im Hamburger Hafen hat sich am Freitag, offenbar unter dem Einfluß der behördlichen Maßnah­men und der Beschlüsse, die auf der Gewerkschaftsver­sammlung gefaßt wurden, wesentlich gebessert. Ruhestörungen werden von der Polizei mit aller Ener­gie unterbunden. Im Lause des Donnerstag wurden nach einer polizeilichen Meldung noch neun Personen wegen Belästigung Arbeitswilliger festgenommen.

Ende des Seeleute-Streiks in Marseille.

Die Seeleute von Marseille haben nach Kenntnis­nahme der Vermittlungsvorschläge des Ministers für öffentliche Arbeiten, die sie für vorteilhafter als alle bisherigen erachten, beschlossen, am Montag die Ar­beit wieder aufzunehmen.

Französischer Antimilitarismus.

Dem „Temps" wird aus Chateaureux ge- melbet, daß die Polizei zurzeit die Urheber einer antimilitaristischen Kampagne festzustellen sucht, die beim 3. Fliegerregiment unternommen wird. In einer der letzten Nächte soll ein bisher unbekannt gebliebener Soldat unter die Zimmertüren eine mechanisch vervielfältigte, vier Seiten starke Zei­tung, betitelt „Le Revolte" geschoben haben. Seit einiger Zeit hätten die Kommunisten die Zeitung „Humanite" den Soldaten zugeschickt, in eine an­dere Zeitung verpackt, so daß die Post die Beförde­rung anstandslos ausführte.

* wegen Beleidigung des preußischen Wohl- sahrtsministers H i r t s i e f e r s wurde in Ber - l i n der verantwortliche Schriftleiter Rebe der „Roten Fahne" zum 1000 Mark Geldstrafe ver­urteilt.

* Der welfenschatz verkauft? Das „B. T." mel­det aus Wien: Der Herzog von Braunschweig, der Schwiegersohn des Ex-Kaisers, hat, wie gemeldet, den Wiener Antiquitätenhändler G l ü ck s e e I i g mit dem Verkauf des Welfenschatzes an ein ame­rikanisches Konsortium betraut. Glückseelig ist nach Amerika abgereist, um mit dem Konsortium den Vertrag abzüfchließen.

* Tiiulesco wieder rumänischer Gesandter in London. Laut „Daily Telegraph" wird Titulesco nächste Woche nach London in seiner früheren Ei­genschaft als rumänischer Gesandter zu­rückkehren.

* Die reformatorische Tätigkeit König Amon Allahs. Wie aus Kabul gemeldet wird, soll König Aman Ullah beabsichtigen, weitere innere Refor­men vorzunehmen, so z. B. die Ernennung eines ausländischen Beraters beim Finanzministerium. Dem Unterrichtsminister wurde befohlen, eine Vor­bereitungsschule zur türkischen Militärakademie in Konstantinopel zu eröffnen.

Veränderung mit ihm vorgegangen, nur daß das Loch, das ihm eine russische Granate geschlagen, wieder zu­gemauert war.

Kasimir fuhr auf den freien Platz vor der Kirche und band die Pferde an den dafür bestimmten Zaun. Aus der Kirche erscholl schon Gelang und Orgelfpiel, und ich beeilte mich, hineinzukommen. Mit tiefer Rührung be­trat ich den heiligen Raum. Wie manche halbe Stunde hatte ich damals, im Mai 1915, hier gekniet und gebe­tet! Damals, so fern der Heimat und umgeben von der Not des Krieges, fühlte ich mich so geborgen, wenn ich hier knikn konnte. Eine katholische Kirche bedeutet für den Katholiken eine liebe Heimat, ob sie nun in Litauen liegt, in Australien oder in Italien.

Da knieten und saßen in den alten Bänken die Be­wohner von Schumsk und den umliegenden Hälen Manches Gesicht erkannte ich wieder, ohne daß ich ernst näher mit den Leuten bekannt geworden wäre. Wer damals, als man nur immer graue Soldaten sah, zer­störte Orte und die durch Schützengräben zerwäh.te Erd«, prägten sich menschliche Gesichter tiefer ein, als zu einer anderen Zeit.

Ich kniete mich in die letzte Bank neben eine alte Frau. Und meine Blicke umfaßten den vertrauten Raum. Dort vorne auf dem Altäre waren die Kerzen schon angezündet. Links, im Ehorstuhl, kniete der alte, silberhaarige Pfarrer von damals. Wie war er alt und klein geworden! Ich hatte bereits erfahren, daß neben ihm ein Pfarrverwefer amtierte. Das war er wohl, der junge, stattliche Herr, der neben ihm kniete? Am Chorbogen und das Schiff entlang waren Fichten­kränze angebracht, und es duftete nach Tannenwald und Harz. Schöne Kirchenfahnen standen in ihren Stützen an den Bänken entlang. Zwei davon bestanden gus

Begebenheiten

ans aller Welt.

folgenschwerer Blitzschlag.

Drei britische Artilleristen auf einem Schießplatz getötet.

wtb. Colombo, 27. Okt. (Eig. Funkm.). Auf dem Schießplatz von Diyatalawa auf Ceylon wur­den gestern drei britische Artilleristen durch einen Blitzschlag auf der Stelle getötet. Neun andere, die ebenfalls getroffen waren, erhol­ten sich wieder von dem Schlag.

Opfer eines tollen Hundes.

wtb. Rom, 27. Okt. (Eig. Funkm ). Die Blät­ter regen sich darüber auf, daß in einem kleineren Ort in der Nähe von C o s e n z a ein großer toll­wütiger Hund etwa 60 Personen angefal- l e n und gebissen hat. Der „Messaggero" er­klärt, daß ein solcher Vorfall sich niemals in die­sem großen Ausmaß ereignet hätte. Er verlangt besondere Maßnahmen gegen die Wolfshunde Der Wolfshund konnte noch nicht erlegt werden, obschon eine ganze Reihe von Jägern zu seiner Erlegung ausgezogen ist.

Die rumänische vahnkatastrophe.

Die Zahl der Todesopfer beträgt 31. — 47 Personen verletzt.

Nach den letzten Meldungen wurden bei der Eisenbahnkatastrophe im Bahnhof von R e c e a 31 Personen, darunter vier Ausländer, nämlich eine dreiköpfige italienische Familie und ein Grieche g e- tötet. Die anderen 27 Personen sind Rumänen, die in der dritten Klasse des Schnellzuges reisten. Die Zahl der Verletzten beläuft sich auf 47. Die meisten Verletzten wurden nach den Kranken­häusern von Slatina und Craiova übergeführt.

Eine weitere Meldung besagt, daß bei dem Simplon-Expreß nur der Gepäckwagen, der Post­wagen und ein Teil des Schlafwagens nach Paris in dem sich die Familie Rocca befand, zertrümmert wurden. Die übrigen Reisenden dieses Schlafwa­gens wurden mehr oder weniger verletzt. Der Um­stand, daß die meisten Reisenden schliefen, als das Unglück geschah, trug dazu bei, eine außerordent­liche Panik hervorzurufen. Der Schaden wird auf 12 Millionen Lei geschätzt.

Wie die Untersuchung ergab,- ist das Unglück auf die Nachlässigkeit eines W e i ch e n st e l - l e r s zurückzustihren, der unmittelbar nach der Katastrophe verschwand.

Das Sd)uIÖ6onfo der HeiSger.

Nach Mitteilung der. Kriminalpolizei Köln wurde im Besitze der Raubmörder Johann und Heinrich Heidger auch ein Koffer gefunden, in dem sich 16 Paß- f o r m u 1 a r e und sechs gebrauchte amtliche Stempel der Polizeidirektion München befanden. Die darauf­hin vorgenommene Vergleichung der bei dem Einbruch in München zurückgebliebenen Fingerspuren mit den Fingerabdrücken der Gebrüder Heidger hatte das Er­gebnis, daß Johann Heidger als der Pastamtseinbrecher festgestellt wurde. Zur Aufklärung der Sache, ins­

besondere zur Prüfung der Frage, ob die Gebrüder Heidger auch noch andere Straftaten in der hiesigen Ge­gend verübt haben, sind Münchener Kriminalbeamte nach Köln entsandt worden.

Nach einer Funkmeldung tarnen die Gebrüder Heid- ger und ihr Diebesgenosse Lindemann, der vorige Woche unverletzt feftgenommen wurde, im Juni nach Bayern, mieteten sich unter falschem Namen in See­hausen am Staffelsee ein und verblieben dort bis Zum 19. Juli. Sie vertrieben sich die Zeit, wie Linde­mann angibt, mit Gebirgstouren, Paddeln und Tanz. Am 19 Juli riefen sie in einer Wirtschaft einen Streit mit anderen Gästen hervor, über die sie herfielen Ein Kaufmann erhielt einen Messerstich in den Rücken. Lin- bemann wurde damals niedergeschlagen und erhielt eine Kopfverletzung. Am 23. Juli erklärten sie, fie müßten nach Hause zurückkehren, da sich ihre Eltern um sie sorg­ten. Sie fuhren auch in einer Kraftdroschke weg Ob sie München damals wirklich verlassen haben, ist noch nicht bekannt. Jedenfalls waren sie am 29 August wie­der in München, wo sie. wie bekannt, auf der Polizei­direktion f) a t b fertige Pässe und S t e m p e l st a h- 1 e n. Es ist nicht ausgeschlossen, baß die drei auch bei den elf schweren Einbrüchen in der Zeit vom 31. August bis Mitte September in Bogenhausen und vor allem in Schwabing in Erdgeschoßwohnungen als Täter in Frage kommen.

*

wtb. Köln, 27. Okt. (Eig. Funkm.) Der bei der Verfolgung der beiden Raubmörder Heidger schwer ver­letzte Gärtner Willi Peters ist heute feinen Ver­letzungen erlegen.

Zugunfall in Köln.

wtb. Köln, 27. Okt. (Eig. Funkm.) Auf dem Köl­ner Hauptbahnhof stieß der von Jünkerat kommende P e r s o n e n z u g 505 auf den nach Hamburg bereit- stehenden F.-D.-Zug 212. Der Zug hatte nur noch geringe Geschwindigkeit. Bei dem Zusammenstoß er­litten 5 Reisende, 2 Schaffner, ein Angestell­ter der Mitropa und eine Uten ft fr au leichtere Verletzungen. Der Sachschaden ist unbedeutend, Die Ursache des Unfalls ist noch nicht geklärt.

6 Personen bei einem Autounglück getötet.

wtb. Martinez (Kalifornien), 27. Okt (Eig. Funkm) Ein mit 6 Personen besetztes Automobil siel einen 200 Fuß hohen Bergabhang' hinab. Sämtliche Insassen wurden getötet.

Aufsehenerregende Verhaftung.

Der Erfinder der Aetherwellenmusik als Juwelenhehler

Die Berliner Kriminalpolizei hat laut „Voss. Ztg/ eine aufsehenerregende Verhaftung vor­genommen, die im Zusammenhang steht mit" einem schweren Juweleneinbruch in Brüssel, bei dem den Tä­tern vor drei Jahren Edelsteine im Werte von drei Millionen Francs in die Hände fielen. Die langwieri­gen Ermittlungen der Kölner und der Pariser Polizei, die sich schließlich auch mit dem Berliner Polizeipräsi­dium in Verbindung setzten, ergaben, daß der russische Emigrant Professor Djounkowski, der im August dieses Jahres durch die Vorführung seiner E r < finbung ber Aetherwellenmusik in Berlin von sich reden machte, mit ber Brüsseler Einbrecherbande in enger Verbindung stand. Djounkowski, ber eine Zim­merflucht im Eden-Hotel bewohnte, würbe feftgenommen und befindet sich zurzeit in Auslieferungshaft im Ber­liner Polizeipräsidium

Aus Oer Thüringischen Nhön.

Umgebung.

Geisa und

31« MteMM Don Bringen.

Dr. Arnold Rnd. Paulßrn

wird das Volksbildungs- und Wirtschaftsministerium sowie den Vorsitz in der neugebildeten thüringischen Regierung übernehmen. Er ist 64 Jahre alt, war bereits 1899—1905 Geheimer Legationsrat und Bundesratsbevollmächtigter der thüringischen Fürstentümer in Berlin, hat 1908—1913 das Wei- marische Innen- und Außenministerium geleitet, wirkte sodann wieder als Bundesratsbevollmäch­tigter (Wirklicher Geheimer Rat) in Berlin, wurde 1919 zum Weimarischen und nach Bildung des Freistaates Thüringen zum thüringischen Minister­präsidenten ernannt, trat 1921 zurück und hat 1927 im Kabinett Leutheußer das Innen- und

Wirtschaftsministerium übernommen. Dr. Paultzen ist Demokrat. In seinem neuen Kabinett sind die Volkspartei, der Landbund und die Wirtschafts- Partei vertreten.

Tagung des Kreisrats des Eisenacher Landkreises.

Am Dienstag fand in Kaltennordheim im Hotel „Zum Hirsch" eine Sitzung des Kreisrats des Landtteises Eisenach statt. Nach Erstattung bei Kreiskassenrechnung wurde die Aufnahme eines Darlehens in Höhe von 5000 Mark für die Gemeinde Herda zur Deckung der Wechselverbind- lichkeiten für den Bau her Wasserleitung zu- gestimmt, ebenso der Aufnahme eines Meliorations- darlehens von 15000 Mark aus den Meliorations­geldern des Staates zur Durchführung von Meli», rattonsarbeiten auf den Wiesen des Staats­gutes in Gerstungen. Durch den Kauf grö­ßerer Waldgrundstücke durch die Gemeinde Lau­terbach ist noch eine Restschuld von 90 000 Mark zu tilgen, wofür der Kreis die Bürgschaft über­nehmen will. Zur Renovierung der Landwirt­schaftlichen Schule in Eisenach wird eine größere Summe bewilligt. Der Gemeinde Stadt­lengsfeld wird zur Anschaffung eines Kranken­kraftwagens ein Zuschuß von 5000 Mark zur Ver­fügung gestellt, der Arbeiter - Samariterkolcmny Vacha zur Anschaffung einer Tragbahre 100 Mk. Der Antrag der Kreisratsmitglieder Lieding und Kohlrausch-Ruhla, 25000 Mark Weihnachts- beihilfe für Arbeitsinvaliden und Sozialrentner zu bewilligen, wird im Hinblick auf die schlechte Finanz» läge des Kreises ab gelehnt.

In Neugernsdorf bei Greiz brannte ein 150 Zentner fassender Strohdiemen nieder. Es wird Brandstiftung vermutet.

durchbrochener weißer Häkelarbeit, sie bildeten also eine einzige künstlerische Spitze. Derartige Fahnen sah ich später auch in anderen litauischen Kirchen. Links war der Prozessionsbaldachin aufgestellt, und unter und ne­ben ihm knieten die Sängerinnen, ein ländlicher Mäd­chenchor. Was sind das für prächtige Stimmen, unb welch eigenartige, hinreißende Melodien! Ich glaube, diese Landmädchen mit ihrem Gesang konnten manchen unserer Gesangvereine „in den Sack stecken". Und sie kennen nicht einmal Musiknoten. Uralte Melodien sind es, die sie fingen, und die sich forterbten durch Jahr­hundert«, von der Urahne auf die Enkelin. So, wie ihre Mütter das Lesen lernten aus dem Gebetbuch, weil die litauische Sprache in den Schulen verboten war, so lernten diese Mädchen auch die Melodien, die man in alten Zeiten sang.

Ein schmächtiger, kränklich aussehender und nicht mehr junger Priester tritt an den Altar, und die hl. Messe beginnt. Neue Melodien, neue Lieder klingen durch di« Kirche. Der alte Pfarrer klappt sein Brevier zu, erhebt sich zitternd und trippelt mit kleinen Schtttt- chen, fortwährend heftig zitternd, durch den Chor ins Schiff und setzt sich in den Beichtstuhl. Das Zittern und Trippeln kommt nicht vom hohen Alter allein: Der alte Herr hat, wie man heute so schön sagt, einen „Ner­venschock" erlitten. Kasimir hat mir schon davon er­zählt, aber ich verstand ihn nicht recht. Nachher fagte es mir der Pfarrverweser. Damals, als wir vorne an der Schefchupa lagen, warf der Ruff« wieder einmal mit Granaten nach Schumsk hinein. Ahnungslos ging der alte Pfarrer betend bei ber Kirche auf und ab. Da schlug die erste- Granate wenige Schritt« von ihm ent­fernt in eine der kleinen Kapellen, die bei der Kirche errichtet sind. Zwar trug er feine äußerlichen Benet­

zungen davon, aber eine Lähmung der Beine blieb zu­rück.

Ein paar Männer und Weihlein knien nach und nach ans Beichtgitter und bekennen ihr« Schuld. Und wenn sie die Lossprechung erhalten haben und sich wie­der erheben, dann treten sie bescheiden vor den Beicht­stuhl, ergreifen die schmale, weiße Hand des Priesters und küssen sie. Gott weiß es, das sieht schöner und ergreifender aus, als wenn ein Beichtkind mit rotem Kopf vorn Gitter wegläuft und in die hinterste Bank flüchtet. O, der alte Mann weiß, daß 'ein« Kinder Sünder sind. Warum sich also schämen, seine Schuld zu bekennen?

Als das Glöcklern zur Kommunion klingelt, tritt der junge Geistliche in Chorrock und Stola aus der Sakristei an den Altar. Er hat die Stola nur über die linke Schulter gelegt, allo ist er nur Diakon. Vielleicht ein Sohn dieser Pfarrei, der daheim m Ferien weilt. Run wandern viele der Anwesenden mit gefalteten Händen und betenden Herzen zum Tische des Herrn. Und unter den letzten bin ich setbst- Eine große Freude erfüllt mein Herz. Damals unb heute! Dort hinten m einer alten Hütte schlief ich des Nachts auf dem Fußboden und auf der Streu. Und die verängstigten Bewohner des Ortes gingen scheu an mir vorüber, weil ich ein Sol­dat des feindlichen Heeres war. Heute darf ich iit ihnen zum Tische des Herrn gehen, heute küssen sie mit die Hände, heute würden sie mir ihr letztes Stücklein Brot geben, ihr allerletztes Stücklein Brot. Welch wunderbare, einigende Macht liegt doch in der hl. Re­ligion verborgen, wenn sie nur geübt wird Und welch ein Zauber-"'nrnnd ist b«<b N-r, Armen

von Assisi, wenigstens dort, wo die katholische Religion noch geehrt ist! s-r