M 24».
Sonntag, Seit 21. Oktober 1928.
Fuldaer Leitung
2. Blatt.
Druck der Fuldaer Ackiendruckerei, Fulda
Liberale Lockrufe.
Di- geistige Haltung der heutigen Menschheit, sie nicht erfaßt ist von Materialis> ' Md Gleichgültigkeit, läßt sich viel- ly.’z, ,urz so charakterisieren, daß ihr ein stark aus« Agter kollektivistischer Zug anhaftet und daß sie jjen Radikalismus, die Leßt-Jnftanzlichkeit der Mnschlichen Vexnunft, das absolute Selbstbewußt- sein der Einzelpersönlichkeit zu ersetzen trachtet durch die Hingabe an das Transzendente, an das Uebernatürliche, an Gott. Die eine der beiden Ten. denzen, — die im einzelnen Menschen nicht gleich stark und nicht gleichzeitig vorhanden zu sein brauchen — ist soziologisch, die andere religiös. Die eine wirkt sich meist aus in Zusammenschlüssen zweckdienlicher Art, die andere in der Bildung von Gesinnungsgemeinschaften und vor allem im neuen Leben der christlichen Kirchen. Inmitten dieser ihm ganz entgegengesetzten Kräfte befindet sich der Liberalismus in einer recht schwierigen Lage, einerlei ob man ihn philosophisch oder gesellschaftspolitisch faßt. Und es ist daher wohl begreiflich, wenn jetzt so viele liberale Politiker auf den Plan treten, um darzutun, daß der Liberalismus auch heute noch existenzberechtigt ist und daß ihm auch für die Zukunft noch wichtige Aufgaben gestellt sind.
Was ist zunächst „Liberalismus"? Philosophisch betrachtet die Ansicht, daß die Vernunft des Menschen das Maß aller Dinge ist und daß eine Bindung durch eine übernatürliche, göttliche Offenbarung nicht anerkannt werden kann. Politisch wirkt sich diese Weltanschauung dann so aus, daß jeder „Andersgläubige", der die Autonomie der Einzelpersönlichkeit verwirft, lebhaft bekämpft und mit aller Kraft der Versuch gemacht wird, Staat und Wirtschaft so zu gestalten, wie e§ die liberale Ideologie verlangt. Da die anderen politischen Gruppen, die weltanschaulich und die interessenmäßig fundierten, bezüglich der Durchsetzung ihrer eigenen Ideen den Staat genau so in Anspruch nehmen, steht der Liberalismus in einem konzentrischen Feuer, das feine Massen verscheucht und eine immer kleiner werdende Gruppe von Führern zurückläßt. Kein Wunder also, wenn er sich schon seit Monaten nach neuen massenwirksamen Mitteln umsieht, wenn er Gegenwarts- und Zukunftsaufgaben verkündet, die auch 'die nicht- liberale Menge vielleicht interessieren. Neulich hat der volksparteiliche Abgeordnete Dr. Cremer in der „Kölnischen Zeitung", in einem Artikel, der die schwierige Lage des Liberalismus freimütig zugibr, ein neues liberales Programm verlangt, ein Programm, daß die „ungezählten Kräfte zufammen- faßt und verbindet, die in der Gegenwart und der nächsten Zukunft zur Freiheit der Einzelperfönlich- keit im Rahmen des Gefamtwohls streben, und sich bewußt oder instinktiv dem Prozeß einer neuen Bildung privilegierter Klassen und Stände im Volkskörper widersetzen". Wir wollen mit Cremer nicht streiten, ob ein solcher „Prozeß einer neuen Mdung privilegierter Klassen und Stände" tat- schlich läuft. Man kann darüber auch anders denken. Es ist auch kaum nötig, näher auf die Anregungen einzugehen, die Cremer hinsichtlich der Schulfrage, des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat oder des unitarischen. Reichsumbaues gibt. Das sind alles alte liberale Ansichten, mit denen man sich schon so und sooft auseinanderAesetzt hat.
„Am bedeutsamsten" scheinen ja Cremer selbst die Aufgaben zu ein, „die der Liberalismus auf dem sozialen Gebiet zu lösen hat". In dieser Beziehung verlangt er zwar, „daß jede Art sozialer Entwicklung sich im Rahmen des wirtschaftlich Möglichen zu halten hat" aber gleichzeitig, daß der Liberalismus auf „die Rolle des Bremsklotzes mit der Miene des unlustig Gebenden" verzichtet. Jetzt gelte es, „entschlossen vorwärts zu schreiten, bas Pflichtgefühl der Leistungsfähigen zu schärfen und den allgemeinen Fortschritt mit Eifer zu fördern". Er sagt: „Die sozial aufstrebenden Schichten sind die zuverlässigsten Träger des Fortschritts und müssen deshalb auch der Kern des politischen Liberalismus fein". Müssen sie, werden sie wirklich? Ist das, was Herr Cremer da letzthin verlangt, überhaupt liberal? Und vor allem, werden auch die ausschlaggebenden Kreise der Schwerindustrie und des Großkapitals, die Kommandeure des Liberalismus, die Cremer'fchen Thesen von der freu
dig zu erfüllenden sozialen Verpflichtung des Eigen- tums und von der Trägerrolle der aufstrebenden Schichten im Herzen und in der Tat gutheißen? Sicherlich nicht. Die Hüter der Plutokratie, die Propheten des Individualismus werden bestimmt auch in Zukunft verkünden, jeder Mensch sei ja frei wie der andere, und auch der Arbeiter Herr seiner selbst. Sie werden sich bestimmt auch fernerhin in ihrem praktischen Verhalten darauf verlassen, daß kein Mensch so stark ist wie der andere, und daß die Losung der Freiheit, bas Jeder-für- sich-sein ihre Herrschaft verewigen muß. Und sie werden auch in Zukunft offen oder geheim bemüht fein, die Machtentfaltung und die Einflußmöglichkeiten der Zusammenschlüsse gewerkschaftlicher Art zu hemmen. Das wissen die „sozial aufstrebenden Schichten" auch ganz genau und deshalb wird der neue Lockruf des Liberalismus ihnen sicher wenig bedeuten.
Rund um die Woche.
Das Ende der Preffa. — Sexuelle Probleme der Jugenderziehung. — Ein neuer Svenffon. — Das Singerlein. — Der heilige' Berg Athos.
Während der Zeppelin den Triumph deutscher Technik über den Ozean trug, schloß in Köln ein anderes Werk deutschen Unternehmungsmutes seine Tore. Man darf schon sagen, daß die Pressa außer dem sensationellen Beiwerk, das bei solchen Gelegenheiten niemals fehlt, doch ihren ernsten Zweck erfüllt hat. Nicht nur der Freund der jungen Zeitungswissenschaft und der Kutlurhistoriker überhaupt hat dort interessante Studien machen können, sondern es sind auch breite Kreise des Volkes durch einen Anschauungsunterricht ohnegleichen über die Bedeutung der modernen Presse unterrichtet worden. Die katholische Sonderschau hat dabei in der öffentlichen Kritik besonders gut ab= geschnitten. Es könnte das denen ein Auge öffnen, die immer noch behaupten, es fei die katholische Presse der anderen gegenüber im Rückstand. Man sehe ficb nur einmal die Jubiläumsausgabe des Neuen Mannheimer Volksblattes an, die der Jubiläumsausgabe der Osnabrücker Volkszeitung gefolgt ist. An solchen Festen einer katholischen Zeitung nehmen wir alle teil und freuen uns auf jeder Redaktion darüber. Solche Ausgaben, die die gesammelte Kraft in einem Brennpunkt zeigen, beweisen uns, welche Fortschritte inzwischen doch gemacht worden sind. Nicht unerwähnt lassen möchte ich ein Urteil über die Presse, das in der Kunstzeitschrift „Cicerone" steht. Es sagt, daß die eindrucksvollsten Abteilungen die des Katholizismus und die des Bolschewismus feien, zugleich Gegensätze, wie man sie sich charakteristischer nicht denken könne. Hier der Glaube an die Materie, an die Kraft, an die Gegenwart, dort der Geist, die Seele, die gewaltige Tradition. Soviel zeigt diese Beobachtung, daß es bei der Presse nicht nur um etwas Sensation geht, sondern daß sie Ausdruck und Propagandamittel für die Weltanschauung ist. Darum soll jeder, dem feine lieber,Beugung lieb ist, diejenige Presse halten und unterstützen, in der die Seele feines Glaubens webt.
Wie handgreiflich ist das, wenn wir einmal überlegen, wie viele ernste und wichtige Fragen es heute gibt, die wir ohne Presse, was die Deffent-
lichkeit angeht, gar nicht lösen können. Ich denke da eben an eine Frage, die ich sogleich behandeln will, es ist die der sexuellen Jugenderziehung. Wie froh bin ich selber, in der Presse die Möglichkeit zu haben, um alle Welt auf die ernsten Dinge Hinweisen zu können, die es da eben zu beobachten gibt. Hast du den Artikel in den „Stimmen der Zeit" gelesen, den Pater Schröter S. I. im Oktoberheft veröffentlicht hat? Er stellt und beantwortet die Frage von der fogenannten Revolution der modernen Jugend. Was an dieser Arbeit in Erstaunen setzt, das ist einmal das kluge, echt seelsorgliche Verstehen der wirklichen Nöte der modernen Jugend, andererseits aber auch das unbedingte Festhalten an den ewigen Gesetzen der Sittlichkeit. Wahrlich, das ist eine Stimme der Zeit, wie sie das Geschlecht von heute hören muß. Ganz und gar aber ist das nicht der Fall bei den Gutachten zu dieser Frage, die uns das preußische Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung beschert. W. Stern und W. Hoffmann sagen darin gewiß viele pädagogisch und psychologisch wertvolle Wahrheiten, und das Ministerium selber wird vom besten Willen beseelt fein. Aber eine solche Erweichung der Grundsätze ist geradezu erschrecklich. Man geht so weit, eine doppelte Moral aufzustellen, eine für das reifere Geschlecht und eine für das jugendliche. Auf deutsch gesagt sanktioniert man Dinge, die zu verhindern man sich außer Stande fühlt. Da in der Schrift so viel Hartes gegen unsere höheren Schulen über. Haupt gesagt wird, so hat sich bereits ein scharfer Widerspruch allenthalben in der Lehrerschaft geregt. Möchte sich dieser Widerspruch aber vor allem auf die Grundhaltung einer ganz relativistischen und psychologischen Moralauffassung wenden, die wir hier in einem Staate, der die christlichen Religionsgemeinschaften anerkennt, offiziell oder wenigstens offiziös vertreten sehen. Welch ein ganz anderer Geist herrscht doch noch unter der katholischen Jugend, wie sie sich etwa in dem wundervollen Heft „Neiße, Tagung im Osten" (Düsseldorf, Jugend
Gedenktag eines großen Landwirts.
Albrecht Thaer,
der Begründer der rationalen Landwirtfchastslehre, ist vor hundert Jahren, am 26. Oktober 1828, gestorben. Er wurde 1752 in Celle geboren, war ursprünglich Arzt und wandte sich erst später land- wirtschastlichen Forschungen zu. Von Minister Hardenberg 1806 nach Preußen berufen, gründete Thaer seine berühmt gewordene Landw irtschaft- liche Lehranstalt auf dem Rittergut Möglin, au3 der sich 1824 die staatliche Akademie des Landbaus entwickelt hat. Er wurde 1815 Generaldirektor der staatlichen Schäfereien. Sein 1809 bis 1810 erschienenes vierbändiges Hauptwerk „Grundsätze der rationellen Landwirtschaft" hat zahlreiche Auslagen erlebt.
haus) offenbart. Es ist die Schrift zum 5. Ver- banbstag der katholischen Iungmännerverein« Deutschlands. Herrliche Worte schreibt zur Einfüh» rung Kardinal Bertram, und wie anders ist die Sprache, wie sie der selige Prälat Mosterts und sein Nachfolger, der Vorsitzende der beteiligten Der- bände, L. Walker, den schlagenden Herzen und den eluchtenden Augen deutscher Jugend zu bieten haben. Gerade jetzt bedürfen wir des Mutes und der Kraft und des Charakters, nicht aber einer weichherzig sentimentalen Moral, wie sie ein Hohes Ministerium durch W. Stern und W. Hoffmann unter Uedergehung aller maßgebenden Vertreter der christlichen Weltanschauung ins Volk ler-
schön ist der neue Jon Svensfon, den uns der Her. derverlag bar bietet Das Buch heißt: Auf Ski» salon und behandelt ganz wunderbarliche Abenteuer. Das ist der alte Nonni, wie er leibt und lebt. Gebt doch solch ein starkes, frisches Buch euren Jungen in die Hand. Sie werden es einmal, zweimal und hundertmal lesen, so schön ist
tet.
Nun noch etwas Erfreuliches. Weihnachten naht heran, und wenn es Leute gibt, die schon jetzt an* fangen, Fasching zu feiern, um den Geschäftsausfall der frühen Ostern des nächsten Jahres auszugleichen, so dürfen wir ja auch wohl schon zellig an den Büchermarkt für Weihnachten denken. Man i merkt es schon an der steigenden Flut von Neu» I erscheinungen, daß man auf Großes hofft. Wie • r « • ri v ______ —rr— Sa«« CKaV-
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Manuela
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„Meinen Sie?" versetzte Elimar. Ohne die Antwort «es Frecheren abzuwarten, fuhr er fort: „3^™ von Versen, nicht um Ihren Sohn handelt es n* ,n dieser Stunde —" '
„So wußte ich nicht, welcher Person Ihrer Bekannt- schäft sonst mein Interesse gelten könnte!" tönte es hochfahrend zurück. '
„Sie wissen es," betonte Elimar schwer, „es bie
Tochter Ihres verstorbenen Vaters, des Grafen von Witzleben!" 00
„Halt!" rief Versen schneidend. „Da Sie frei heraus
3u sprechen gesonnen sind, will ich dasselbe tun. Ich toei& Sie interessieren sich für die beiden Damen, welche eine' Verwandtschaft behaupten, die ich leugnen muß. gd) habe dasselbe dem Fräulein de Rivas schon vor Jahren als sie mich heimsuchte, frei heraus erklärt! Ich sagte ihr, daß ich kein Wort von dem Roman, den sie sich sehr geschickt ersonnen hatte, glaubte, — daß sie meinetwegen ich - vermeintlichen Rechte geltend machen solle. Was
lener damals gesagt habe, wiederhole ich Ihnen heute: nicht'evne das Fräulein de Rivas und ihre Tochter sicht mni) roiU sie auch nicht kennen lernen! Die Aus- zu beeiLeinen öffentlichen Skandal vermag mich nicht trad)ten/uüen- Mögen sie das Vermögen, nach dem sie können!«^tels des Gerichts reklamieren, wenn Sie es
„Geld. m _
von Versen vermögen!" sagte Elimar verächtlich. .Herr schnöd ®elbin”°tlen Sie gefälligst glauben, daß eine veranlagen ^enheit den Geheimrat Eonsentius nie »aS als fc-. «wischen Ihnen und Ihren Ser Dank auch ihnen «er 3U dreien. Mir und, Gott sei v°n Ihrem Onkel an den Millionen, die Sie
„Bah - Worte,-. . ,
begnügt sich zum <5!^. ®ei;fcn. „Ich kenne das!
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>de! Behalt n Sie es, ",d)t Frauchen las en
achtzehn Jahren Zwietracht und Haß in Ihrem Hause säte und welches nichts als Leere und Verzweiflung darin gezeitigt hat. Behalten Sie es, wenn Sie es noch haben. Was ich will, ist etwas ganz anderes! Ich will in dieses, öde, einsame Haus den Frieden, ich will die Kinder in dasselbe zurückbringen, welche sich selbst daraus verbannten, — ich will Sie, Herr von Versen, heilen — denn ich bin Arzt, vergessen Sie das nicht! Sie gehören trotz Ihrer Fehler noch nicht zu denen, für welche die Worte „Gerechtigkeit, Rechtschaffenheit, Ehrlichkeit", ihre Bedeutung verloren haben, — der Keim zum Guten ist noch nicht erloschen in Ihnen. Sollte Ihnen nicht daran liegen, Ihren Kindern als Erbe ein Gut zu hinterlassen, köstlicher als jedes andere: — einen guten Namen?"
„Den hinterlasse ich ihnen, — seien Sie unbesorgt!" rief Versen mit tönender Stimme und fingiertem Zorn, der dennoch nicht frei von Unruhe war.
„Dann haben Sie keinen Anlaß, sich abzuwenden, wenn man Ihnen das Licht der Wahrheit zeigt!" fuhr Elimar fort. „Und ich zeige es Ihnen! Ich war in Mexiko, — ich wollte sehen und ich habe gesehen!"
„Was?" forschte der Freiherr erbleichend.
„Ein Kirchenbuch, aus welchem eine Seite herausgerissen worden ist! Wenn ich nicht sehr irre, wird Ihnen der Mann, der es getan hat, um für sich im Trüben zu fischen, sehr bald Kunde von sich geben! Und ich hörte Zeugen, glaubwürdige Zeugen, die —"
In diesem Augenblick klopfte es von neuem an die Tür des Freiherrn.
„Was gibt es?" rief Versen ungeduldig, als der alte Kammerdiener feinen Kopf hereinsteckte.
„Ein Brief für den gnädigen Herrn; der Ueberbrin- 9er wartet auf Antwort!"
„Gib her! Sie entschuldigen!" wandte er sich an Eli- mar und öffnete das Kuvert. Dann las er — erst zer- ftreut, nach und nach aber mit steigender Erregung.
„Haha," rief er endlich mit grimmigem Lachen aus, „Fraulein de Rivas scheint alles gegen mich in Bewegung zu fetzen!"
„Dieser Brief," sagte Elimar, von einer Ahnung er- fafjt, „er trägt die Unterschrift: Baron von Bassewitz?"
„Vermutlich Ihr Bundesgenosse!" höhnte Versen.
„Das glauben Sie selbst nicht!"! entgegnete der Geheimrat mit Würde, „Doch bevor Sie auf das Schrei
ben antworten, zwei Worte! Ihr Interesse, Ihre Ehre hängt davon ab!"
In dem Tone seiner Stimme lag so viel Ueberzeu- gungskrast, daß Versen zaudernd sagte: „Geh, Franz! Ich rufe dich, wenn ich die Antwort auf diesen Brief bereit habe!"
Als der Diener gegangen war, fuhr der Freiherr fort: „Erklären Sie mir Ihre Worte, Herr Geheimrat!"
„Wohlan!" sprach dieser. „Sie verlangen den Beweis, daß die Trauung Ihres Vetters Bodo von Witz- leben mit Manuela de Rivas stattgefunden hat! Dieser Bassewitz hält ihn in seiner Hand, diesen Beweis! Er hat ihn vor mehr denn achtzehn Jahren aus dem Kirchenbuche van San Geronimo in Mexiko gestohlen, — aus dem Kirchenbuchs, in welches der Geistliche, Bruder Antonio, die Eintragung gemacht, unter die die Neuvermählten und die Zeugen ihre Namen gesetzt haben! Er hat die Seite sorgfältig aufbewahrt in geduldiger Erwartung kommender Ausbeutung, und nun bietet er sie Ihnen zum Kauf an!"
Versen antwortete nicht. Er war tief erbleicht.
„Sie fragen sich, woher ich das weiß!!" fuhr Elimar fort. „Nun, in den wenigen Monaten, die ich in Mexiko zubrachte, sind hier seltsame Dinge geschehen. Der Schurke hatte die Zeit abgewartet, bis Ihr Onkel das Zeitliche segnete, um seine Operationen zu beginnen. Ich verreiste. Nun hatte er freie Bahn. Und das nutzte er weidlich aus. Er brachte durch eine nichtswürdige Verleumdung die armen Frauen um ihr Brot; er unterschlug meine Briefe, in denen ich sie von meiner Reise benachrichtigte und sie an einen Freund verwies, der ihnen im Notfall beistehen sollte; er stahl ihnen ihr kleines Kapital, damit sie mittellos dastanden; er setzte Ihr Werk fort und ließ ihnen mit Ausweisung drohen. So ängstigte er die Armen aufs höchste, bis die Tochter um der schwer erkrankten Mutter willen sich bereit erklärte, die Frau eines jungen Burschen zu werden, den sich dieser Bassewitz zum Gehilfen erkoren hatte! Und warum das alles? Um am Tage nach der Hochzeit zu Ihnen zu kommen und Ihnen zu sagen: Geben Sie das Witz- leben'sche Vermögen heraus, es gehört der Frau und Tochter des Verstorbenen, hier sind die Papiere, welche ihr Recht bartun! Zum Glück kehrte ich gerade am Tage vor der Eheschließung zurück und war imstande.
die Intrigue zu vereeiteln. Und weil ich sie vereitelte, an. derte der Schurke jetzt seine Taktik. Was er vorher mit Gewalt erlangen wollte, versuchte er jetzt auf andere Weise von Ihnen zu erhalten. Sie verstehen, Herr von Versen, welche Beleidigung dieser Versuch für Sie in sich einschließt! Der Elende erwartet, daß Sie ihm die Papiere abkaufen, daß Sie sich dazu ^ergeben, mit ihm zusammen zum Diebe zu werden! Er glaubt sich im Geiste schon im Besitz der ungeheuren Summen, die er zweifellos von Ihnen fordern wird, denn er traut Ihnen zu, daß Sie das Witzleben'sche Vermögen lieber mit ihm teilen, als es ganz herausgeben werden. Er ahnt nicht, daß Sie das ebensowenig zu tun vermögen, als Sie imstande sind, es den rechtmäßigen Erben auszuliefern!"
„Wie meinen Sie das?" stammelte der Freiherr.
„Nein, Sie können es nicht!" wiederholte Elimar fest. „Ihr Vermögen ist zerronnen, ich weiß es! Sie halten sich nur durch Ihren Kredit künstlich aufrecht, — Sie befinden sich in einer Lage, die von Tag zu Tag gefährlicher wird! Wenn Sie die Erbschaft Ihres Onkels, wenn Sie nur die Hälfte herauszahlen sollten, bedeutete das für Sie die Liquidation, den Bankerott, den Ruin! Und das kft noch das wenigste! Oder meinen Sie, daß Sie aus einem solchen Sturz ungefährdet hervorgehen würden, — daß Sie Ihren Kindern einen ehrlichen. Namen, wie Sie ihn von Ihrem Vater empfingen, zu hinterlassen imstande wären?"
Das hatte getroffen, schrecklich getroffen. Endlich gab der Freiherr die Rolle auf, die er seit so vielen Jahren gespielt hatte. Kalter Schweiß perlte auf seiner Stirn, fein Gesicht nahm eine aschgraue Farbe an, feine Lippen zitterten. Mit dumpfem Stöhnen sank er in den Sessel zurück und schlug die Hände vor das Gesicht.
„Wollen Sie sich entscheiden, Herr von Versen," fragte Elimar mit klarer, scharfer Stimme, „damit wir handeln können?"
„Es ist wahr," stöhnte der Unglückliche, „ich habe sie beraubt — aus Leichtsinn, da Sie doch nun einmal alles wissen! Mir bleibt nur ein Weg —“
„Ja, ein Weg, Mann der Selbstzucht und des Stolzes, ein Weg bleibt Ihnen: — Carmen mit offenen Armen als Ihre Tochter auszunehmen!!" rief Elimar.
IFortsetzung folgt)