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JV» 259.

Sonntag, von 14. Oktober 1928.

Fuldaer Zeitung

s. Blatt.

Druck der Fuldaer Acktendruckerei. Fulda

Jer gulöoer Tagung der WitMhoGunde zum Grch!

Don Schriftleiter Dr. Johannes Kramer.

In Fulda, wo nach dem Weltkrieg, der unser politisches Leben von Grund auf umgestaltet hat, die Wmothorstbunbe in einer unvergeßlichen Ta­gung wieder als Organisation lebendig wurden, tritt jetzt die Provinzialtagung der Windthorst- bunde von Hessen-Nassau zusammen. Die jungen Anhänger der Zentrumspartei versammeln sich in dem Bewußtsein, daß die Frage des Nachwuchses für die Zentrumspartei eine der wichtigsten in die­sen mit Problemen auch für unsere Partei so reich gesegneten Zeit ist. Und in der Tat! Gute Arbeit kann nur geleistet werden, wenn bei einer großen Sache auch die vorwärts stürmende, von Idealen beseelte Jugend dabei ist und frisch und fröhlich ihr Wort in die Wagschale wirft. Freilich darf sie dabei nicht außer Acht lassen, daß zum guten Ge­deihen nicht nur ihr Beitrag, die tatenfrohe Be­geisterung, sondern auch Besonnenheit, zuwartende Klugheit und die Lebenserfahrung der älteren Ge­nerationen wohlbemessenen Einfluß haben müssen. Auch im politischen Leben ist es fast unmöglich, Ideale zu voller Verwirklichung zu bringen. Auch hier wird allem Tun urtd Streben ein Rest an­haften, der, „zu tragen peinlich", uns immer wie­der daran erinnert, daß alles Menschenwerk Stück­werk ist und wir das Paradies verloren und in einer Welt leben müssen, die uns Dornen und Di­steln trägt und auf der wir im Schweiß unseres Antlitzes unser Brot essen müssen. Diese einfache, aber wichtigste Tatsache soll uns immer vor Augen stehen.

Auch noch andere Ueberlegungen müssen an die Spitze einer politischen Jugendtagung gestellt werden, wenn bei aller berechtigten Kritik nicht ein rechtes Maß überschritten werden soll. Es kann nichts schaden, wenn die heute im politischen Leben der Zentrumspartei mitwirkende Jungmannschaft sich daran erinnern läßt, unter wieviel größerem Druck, unter wieviel stärker lastenden inneren Hemmungen in den Jahren vordem Krieg die jüngeren Kreise des Zentrums gestanden haben. Mag noch gar vieles sein, was der Jugend heute als Hemmnis für freudige und begeisterte Mit­arbeit im politischen Leben tadelnswert erscheint, unendlich viel günstigere Verhältninisse findet sie vor, als die junge Generation der Vorkriegszeit sie in den Kauf nehmen mußte. Wahrhaftig, es ist auch uns damals schwer gefallen, uns damit ab­zufinden, daß die eigentliche politische Mitbestim­mung uns im wesentlichen verwehrt war, daß ein resolutes Herangehen an die doch auch damals zahl-

Werte ihrer Lebenserfahrung auszuwirken. Diese Selbstbehauptung der im höheren Lebensalter stehenden Generationen sollte die Jugend als Wohltat empfinden. Niemals darf sie bei küh­ler Abwägung der Dinge von der Jugend als feind­seliger Akt empfunden werden. Auch sollte nicht die Meinung eufkommen, daß die Männer, die es gelernt haben, die ganze Schwierigkeit des Alltags­lebens, die oft so unübersichtlichen und mannig­faltigen Zusammenhänge dieser Welt zu erkennen und deshalb besonders nachhaltig zu würdigen, des­halb weniger' grundsatztreu sind. Allerdings müssen die Reiferen und Aelteren immer wieder den Versuch machen, von sich aus die Schran­ken nicderzulegen, die sie von der Jugend trennen. Der gewissenhafte Beobachter wird gar häufig feststellen, daß da, wo es zwischen Jugend und Al­ter nicht so recht klappen will, weniger sachliche Meinungsverschiedenheiten zugrundeliegen, sondern öfters rein Menschliches, Gefühlsmäßiges, Gesell­schaftliches die Gräben aufreißl und die Verstim­mungen hervorruft. Daß der Zwiespalt nicht leicht zu beseitigen ist, liegt in der Hauptsache an den gesellschaftlichen Zuständen der jüngsten Vergan­genheit. Zu sehr war unser Dolk in früheren Jahrzehnten dem Kastengeist verfallen. Die Ad- schließung der Stände, die Herausbildung der Ka­sten hatte fick wie ein Krebsschaden in unser Volks­tum eingefressen; die rein menschlichen Beziehungen zwischen den Führern und den Massen waren zer­stört. Im Krieg haben wir schaudernd erlebt, wie die menschlichen Beziehungen zwischen Vorgesetzten und Untergebenen fast vollständig fehlten und ein öder Kommando-Ton, eine völlige Fremdheit und Verständnislosigkeit sich breit machte, die heute noch auch im politischen Leben ihre schädlichen Wirkun­gen äußert. Der Radikalismus der deutschen Arbei­terschaft, die bolschewistische Gefahr, die das Zen­trum im Gegensatz zu den radikalen Parteien, die sich aifi Machtmittel verlassen wollen, durch gei­stige Versöhnung zu bannen versucht, sind nicht Erscheinungen, die u n verschuldet über unser Volk gekommen sind. Sie sind herausgewachsen aus jeneiN Dünkel, jener Fremdheit, jenem Kastengeist, jenem unbegründeten Machtbewußtsein, die die Vorkriegszeit erfüllt haben und in den geistig we­niger einsichtigen Schichten unseres Volkes leider auch heute noch nicht ganz verschwunden sind.

Wenn an einem Tag der Zentrumsjugend in den älteren Generationen der Herzens-Wunsch heiß

aufsteigt, die Jungen festzuhalten und inniger an die Partei heranzuziehen, so muß das auf den Ent­schluß hinauslaufen, das lediglich auf Amtstitel und Besoldungsgruppe gegründete Autoritäts­bewußtsein und entsprechende Benehmen schleunigst fahren zu lassen und nur so viel Selbstbewußtsein zur Schau zu tragen und nur ein solches Maß von Hochachtung im Betrieb des öffentlichen Lebens zu verlangen, als durch vorbildliche Hingabe an die Sache, rastlosen Eifer, tiefschürfende Geistigkeit und — vor allen Dingen — unbezweifelbare Selbstlosigkeit und vorbildlichen Opfersinn begründet sind. Solche Führer dürfen dann aber auch das volle Vertrauen der Jugend erwar­ten. Da kann es nicht lediglich zersetzende Kri­tik, liebloses Absprechen und überhebliches Besser­wissen geben, sondern solchen Führern muß die Jugend selbst dann folgen, wenn diese genötigt wä­ren, in lo'bernben Optimismus und reinem Idea­lismus den Wermuth der Erfahrung und der nüch­ternen Abschätzung der Möglichkeiten hineinzugie­ßen. Nur ein solches Treueverhältnis, nur eine solche Gefolgstreue bei den harten Kämpfen des heutigen politischen Lebens, nur mustergültige Disziplin fn den Reihen der Jugend gegenüber den Parteiinstanzen können uns vorwärts helfen und auf die Dauer Erfolge sichern. Nur das ist der Weg, um unseren vielen zähen und hartnäckigen Gegnern zu zeigen, daß wir in der Zentrumspartei uns nicht zusammengeschlossen haben, um irgend­welchen materiellen oder persönlichen Interessen nachzujagen, sondern daß unsere poli­tische Betätigung unserer katholischen Welt- anschau ung entfließt, daß wir sic als Ergänzung unseres Glaubenslebens betrachten, daß über ihr tatsächlich als hehres Motto das Wort steht: „Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst", daß wir als hohes Ziel in der Außenpolitik und in der Innenpolitik, den E o t t e s st a a t aufleuchten sehen, den der große Augustinus gezeichnet hat, daß unsere staatspolitische Arbeit hinweg über all die kleinlichen Sorgen des Tages hinzielt auf das Wohl von Volk, Vaterland und Menschheit für Zeit und für Ewigkeit.

Ihr jungen Freunde, Euch geht es um Wahr­heit. Ihr wollt keine Schmeicheleien hören und auch aus ernster Betrachtung, die dem harten Alltagsleben und seinen Sorgen entspringt, klingt Euch herzliche Freundschaft entgegen und bringt Euch die Gewißheit, daß Fulda, die Bonifatiusstadt, und die Fuldaer Zentrumspartei, die hier in allen Stürmen der Zeit die ausschlaggebende Pariei ge­blieben ist, Euch freudig entgegen rufen: Willkom­men!

reich sich aufdrängenden politischen Probleme lz. B. persönliches Regiment des Kaisers) in der Atmosphäre bedingungslos anerkannter Autorität kaum sich ermöglichen ließ, daß damals ganz an­ders wie heute das Herkömmliche, das vor allem in materiellem Besitz begründete „Bürgerliche" in sachlichen und in persönlichen Dingen ausschließlich den Ton angaben. Auch wir haben uns nicht leicht damit abgefunden, daß es im Leben so ist, wie es der Dichter Hans von Gumppenberg einmal sagt:

„Das ist der schwerste Bann In den Lebenskriegen: Auch der kühnste Mann Macht die Zeit nicht fliegen. Ällerschlimmstes kann Stur Geduld besiegen. Drm ben Stunden allen der frohen Tat Wenig zugefallen Nach der Götter Rat. Oefters mutz man warten Warten trag und still. Was im großen Garten Etwa reifen will.

In harter Schule haben wir dann das Warten gründlich lernen müssen. Das Schicksal riß die Ge­neration, die vor dem Krieg in den Windthorst- bunden mit dem gleichen heißen Herzen um das Geistige in der Politik gerungen hat und in den Windthorstbunden sich gegenseitig 3u schulen und zu begeistern suchte, wie die helitige Jugend es tut. in den Weltkrieg hinein, lieber vier lange Jahre haben wir an den Kampffronten des Westens und Ostens innerlich unter dem wuchtigen Gedanken gestanden, daß ein gewaltiges Schicksal, das mensch­licher Ungeduld spottete, über die Völker dahinqing und wir mußten lernen, in Demut abzuwarten, wohin uns die Vorsehung führen.würde Unbe­rechenbar für menschliche Voraussicht wurde Deutschland und fein staatspolitisches Dasein hur* den Weltkrieg verändert. Die deutsche Demokratie wie sie durch bte Weimarer Verfassung aufqericktet worden.si, hat auch ber Jugend in politischer'ZA sicht Möglichkeiten gegeben, wie sie niemand nnr, ausahnen konnte. Vom 20. Lebensjahr ab übt hJr Deutsche bas Wahlrecht aus. Die jungen Jahr­gänge ber Wahlberechtigten sind im Zeichen des gleichen allgemeinen Wahlrechtes auf Grund der natürlichen Gliederung immer ein ganz erhebliche, Bruchteil des Volkes, von dem alle Staatsgewalt ausgeht. Ueberlieferung, Vorteil des Bestehenden, Beharrungsneigung, alles, was die Aelteren über- legen macht, haben längst nicht mehr die Bedeu­tung, die ihnen früher zükam. Die Jugendorgani- Wtonen haben im öffenlichen Leben bei allen Rich, ™ngen sich höchste Beachtung verschafft. Daß die -Eieren und die Aelteren nun aber nicht völlig Sh oLen' W 'br gutes Recht und ihrs Pflicht und tvcyuwigkeit, denn sie müssen dabei sein, um die

Zentrunlsgedanken unö ReiGparteitag.

Von Reichsminister a. D. Dr. Bell, M. b. R.

Dem bevorstehenden Reichsparteitage erwächst nach dem unbefriedigenden Ausgang der letzten Reichstags- und Landtagswahlen die besonders schwierige und wichtige Aufgabe, ber Zentrumspar­tei zur Wiedererstarkung unb bet alten Zentrums- ibee zu neuer Schlagkraft im ganzen Reiche zu ver­helfen. Sorgsame Vorbereitung ber Tagung, grünbliche Auswahl der Vorträge unb des um­fangreichen Deratungsstoffs dürfen als gesichert gelten.

Dazu muß als unerläßliche Voraussetzung für ein glückliches Gelingen des Parteitages, für rest­lose Erfüllung seiner hochdedeutsamen Zukunfts­aufgaben, rührige Organisation unb Werbearbeit in allen Wahlkreisen treten. Allüberall muß nach dem Rechten gesehen werden. In jedem Wahl­kreise, an jedem Ort, in jedem Bezirk, in jeder Gruppe ist mit gründlicher Gewissenserforschung ernstliche Besserungsarbeit und sorgfältige Aus­füllung aller Lücken wirksam zu verbinden.

Für die gebotene Blutauffrischung unb die allenthalben einzusetzende Schulungsarbeit mögen einige Leitgedanken auf den Weg gegeben werden:

1. Staatsbewußtsein, staatsbügerlichen Schulung, Staatsverantwortung erheischen bei allen Ständen, bei allen Volksschichten, wesentlich schärfere Aus­prägung als vorbem. Weimarer Verfassung und demokratische Republik müssen als das gewertet werden, was sie. in Wahrheit waren und sind: als welthistorische Großtat, als wahre nationale Ret­tungsaktion aus schwerster Vaterlandsnot. Die Gedanken des Weimarer Verfassungswerks, an dem wir ausschlaggebend mitwirkten, müssen wir auch in Zukunft mit unserem christlichen Geiste zu durchdringen unb zu verebeln bemüht bleiben. Formaldemokratie muß durch soziale Gesinnung unb bemokratische Staatsverantwortung ersetzt werden.

2. In den Fehler, bie Vergangenheit auf Kosten der Gegenwart ober umgekehrt die Gegenwart auf Kosten der Vergangenheit zu lobpreisen, dürfen wir niemals verfallen. Wie wir deutsche Geschichte, deutsche Vergangenheit und alte deutsche Symbole achten und ehren, so verlangen wir auch Achtung und Wertung der neuen Verfassung, der neuen Staatsform unb Symbole.

3. „Der Staat, bas bin ich": das muß jeder Staatsbürger mit berechtigtem Stolz sagen, aber nicht im Pochen auf Rechte, sondern in vertieftem Verantwortungsbewußtsein der schweren Staats­pflichten, die aus ber Dolkssouveränität fließen. Keine Verfassungsform stellt an die Staatsbürger-

tugenden unb den Gemeinschaftsgedanken höhere Anforderungen als die demokratische und soziale Republik.

4. Prägen sich in diesem Sinne Staatsver­antwortung unb Staatsverbunbenheit bei allen un­seren Parteifreurtben aus, dann wird bie Bahn frei für bie Wiebererneuerung unserer Zentrumspartei unb bie Wieberbelebung ber alten Schlagkraft ber Zentrumsibee. Wir müssen im Staat und der Staats muß in uns leben: das sei die Parole, bas fei bie Lösung für jeden Parteifreund.

5. Die vaterländische Mission des Zentrums, ihre ragenden Aufgaben auf allen Gebieten der Außen- und Innenpolitik, müssen jedem Partei­genossen in Fleisch unb Blut übergehen. Wir sinb Zentrumsanhänger unb wollen unverbrüchlich dem Zentrum treu bleiben, weil wir in der Zentrums­partei nach ihrer Tradition unb nach ihren prak­tischen Leistungen auf allen Gebieten bie wirk­samste Vertretung unb ben zuverlässigsten Schutz ber wahren Volksinteressen erblicken.

6. Die Zentrumspartei setzt sich, wie keine an­dere Partei, zusammen aus allen Reichsteilen, aus allen Ständen unb Verufsschichten. Darin besteht ihr historischer Stolz als einzige wirkliche Volks­partei, ober auch bie an Schwierigkeiten nicht zu überbietende Tragweite ihres politischen und par­lamentarischen Aufgabenkreises Die Lösung die­ser gewaltigen Aufgaben im Dienst an Volk unb Vaterland ist heute angesichts der grundlegend um- geftalteten Gesamtverhältnisse erfahrungsgemäß unendlich viel schwerer als früher. Selbstsucht aus­zuräumen durch Selbstzucht, Ueberspannung des Eigenwohls unb ber Stanbesintereffen burch starke Betonung des Gemeinwohls unb der Volksinteres­sen, ist heute mehr denn je vaterländisches Pflicht­gebot ber Stunde.

Wer wahrhaft vom Zentrumsgeist durchdrun­gen ist, ber fragt nicht bei jeder Gelegenheit unb der richtet feine Stimmabgabe unb Parteistellung nicht entscheiden!» ein nach ber Frage: Was Hai bie Zentrumspartei für mich getan? Was hat bie Zentrumsfraktion für meinen Stand, meinen Be­ruf geleistet? Sondern der prüft sich selbst ernst­lich durch die Gewissensfrage: „Was habe ich für meine Zentrumspartei getan?" „Wie habe ich für die Zentrumsidee gewirkt?" Wer aus Verärge­rung ober aus Verbitterung über irgendwelche per­sönlichen Interessen ober Stanbesfragen nach rechts oder links oder gar zu den bedeutungslosen Split­terparteien in letzter Zeit überlief, den muß ge-

wissenhaste lleberlegung unb Zurückbesinnung auf sich selbst zur Zentrumsfahne zurückführen.

7. Ideale Beweggründe waren es, die uns zu- sammengeführt haben; sie sichern auch in Zukunft unseren dauernden Bestand: diese goldenen Worte des Zentrumsführers von Hertling beim 50]^ei­gen Zentrumsjubiläum müssen für alle Zukllnst ihre Geltung behalten. Unsere christliche Welt­anschauung gilt aber nicht nur für bie Betätigung unserer idealen Bestrebungen im Interesse von Kirche unb Schule, sondern sie muß Kern und Stern unseres Gesamtprogramms, unserer Gefamt- politik bleiben. An den ewigen Wahrheiten des Tatchristentums, ber aus warmem Herzen ent« springenben christlichen Nächstliebe müssen wir uns orientieren, vor allem auch für unsere mit gesun­der Volkswirtschaft Hanb in Hand arbeitenbe So­zialpolitik. Christliche Grundgedanken müssen, ebenso wie bas weittragende Gebiet ber gesamten Innenpolitik, auch unsere Außenpolitik führen und leiten. Starkes Nationalbewußtsein, wohlverstan­dene deutsche Politik führen uns zur einträchtigen Gemeinschaftsarbeit mit ben anderen Kulturnatio­nen auf ber unverrückbaren Grundlage der Gleich­berechtigung unb Gleichwertung. Der Völkerver­ständigung unb bem Weltfrieden, ber christlichen Menschheitsidee unb ber Kulturförberung unter Be­tonung unserer nationalen Eigenart mit ganzer Seele und aus vollem Herzen zu bienen, gehört nach wie vor zu ben vornehmsten Aufgaben der Zentrumspolitik.

8. Unsere Zentrumsorganisationen bedürfen überall ber Stärkung unb ber Wieberbelebung. Dazu gilt es, bie drei großen Gruppen unferes Ge- famtorganismus, nämlich Parteiorganisationen, Parteipresse unb Fraktionen unb starker unb zielbe­wußter Führung dauernb in Einklang zu halten, frei von allen Störungen u. Disharmonien. NurMitein- anber- unb Jneinanber-Arbeiten kann hier helfen; febes Nebeneinander oder gar Gegeneinander würde sich bitter rächen.

9. Wechselseitiges Vertrauen muß allseitig wie­der hergestellt werden. Fort mit allem Mißtrauen, fort mit allem Führerstreit, fort mit allen gegen­seitigen Befehdungen! Der alte Zentrumsgeist, ber uns einst so hoch gebracht hat, muß wiederkehren, muß unsere Einigkeit, unsere geschlossene Einheits­front zurückbringen! Meinungsverschiedenheiten,bie selbstverständlich auch in Zukunft unausbleiblich sind, müssen in Liebe unb Freundschaft, in echter Zentrumsgesinnung ausgetragen werden.

Jedes Parteimitglied, gleichviel welchen Stan­des und Berufs, hat Anwartschaft auf Amt unb Führung, unter der alleinigen Voraussetzung be­währter Tüchtigkeit unb ersprießlicher Leistungen im Parteibienst.

Iebes Amt, jebe Beförderung in ber Partei muß erbient unb verdient werden; das bleibt auch in Zukunft die sicherste Stärkung des Vertrauens.

10. Der Zentrumsjugend soll unsere besondere Fürsorge gelten. Hier müssen unsere Frauen unb unsere Männer wetteifern in unermüdlicher Werbe­arbeit, um ber unverkennbaren Schwierigkeiten Herr zu werden. Zeitweilige Mißerfolge dürfen nicht zurückschrecken. Sicherung ber Zentrums- fugenb bebeutet Sicherung ber Zentrumszukunft. Berechtigte Forderungen unserer neuzeitlichen Ju­gend gilt es zu wahren und sorgsam zu verbinden mit Stärkung des Autoritätsgedankens unb Festi­gung unserer Sbeale. Dabei sollten alle Partei- freunbe es sich angelegen sein lassen, bie leider im­mer mehr in Vergessenheit geratende Geschichte des Zentrums gründlich zu studieren unb ihre bedeut­samen Lehren auf sich einwirken zu taffen für ihre gesamte politische Einstellung. —

Ein Schlußgedanke: Kein unfruchtbarer Pessi­mismus darf in unseren Reihen aufkommen. Nur lebenskräftiger Ovtimismus, die alleinige Grund­lage praktischer Politik, kann unb wirb uns mit Gottes Hilfe vorwärts bringen.

Der Reichsparteitag, bem unsere herzlichen Be­grüßungswünsche gelten, soll den großen Befähi­gungsnachweis ber Zentrumspartei bringen unb ber Welt zeigen, baß die alten Zentrumsideale ber edlen Freiheit, der ewigen Wahrheit unb bes un­beugsamen Rechtes ihre Werbekraft noch nicht ver­loren haben.

E'ne (Erinnerung.

Vor fünfzig Jahren, am 11. Oktober 1878, htalt ber Zentrumsführer Windthorst jene in ber Par- lamentsgeschichte berühmt gewordene Rebe gegm Bismarck, in welcher sich Winbihorst gegen das Ausnahmegesetz gegen bie Sozialdemokratie aus­sprach. Es ist nützlich, gerade heute wieder an die­sen Vorgang zu erinnern und darzutun, wie bas Zentrum allzeit Hüter bes Rechts unb ber Gerechtigkeit war. In der damaligen De­batte sagt Windthorst unter anderem folgendes:

„Das Gesetz sei offenbar bestimmt, angelegt und geeignet, die öffentliche Diskussion sozialer Angele- genfjeiten überhaupt unmöglich zu machen. Auf die milde Anwendung der Regierung dabei zu rech­nen, sei naiv. Wir erlassen absonderlicherweise ein Ver­bot, ohne zu sagen, was darin liegt, und es bleibt ben Polizeibehörden überlassen, zu finden, was hineinpaßt. Der Reichskanzler meinte zwar, es fei garnicht schwer zu sagen, wer Sozialdemokrat sei. Run, wer so spricht wie der Reichskanzler, von Lassalle, von Produktivge- nossenschasten, von dem behaupte ich, daß er selbst sehr stark sozialdemokratisch angehaucht ist. Das kann Ihnen zeigen, in welche hohen Regionen wir gelangen, wenn wir den Polizeibehörden überlassen, nach diesem Gesetz zu verfahren.

Also nach diesem Paragraphen können keine Ver- sammlungen, selbst zwecks der Wahlen, mehr stattfin-

OSRAM

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