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FuldaerZertung

Anzeiger für die Stadt Julda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblakt.

Nr. 239.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen-. „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter" Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckcrei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatl. 1,80 einschl. Postgeb. (30 bezw. 48 Pf.), ohne Zustellg.

Sonntag, 14. Oktober 1928.

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S5.Zahrg.

zreidenker-LWsje.

Soll man sich mit Freidenkern und Feuerbe­stattern überhaupt auseinandersetzen? Soweit es sich um die „Internationalen Proletarischen Frei­denker" handelt und um deren deutschen Zentral­verband, wäre das sicherlich eine gänzlich verlorene Liebesmüh. Das sind notorische Feinde der christ­lichen Kirche, die ihrem -aß hemmungslos freien Lauf geben, die geradezu davon leben, Alles, was christlich ist, mit Verleumdung übelster Art zu be­denken. Außerdem rechnen sich diese „proletarischen Freidenker" politisch zur kommunistischen Partei und das ist ein Grund mehr, jede Ausein­andersetzung mit ihnen für vollkommen zwecklos zu halten. .

Wie steht es aber mit dem „Bund soziali­stischer Freidenker"? In welchem Verhältnis steht dieser Bund zur Sozialdemokratischen Partei? Wenn man eine Nummer seiner Zeitschrift auf­schlägt, findet man da neben zustimmenden Zita- ten von Aeußerungen bekannter Sozialdemokraten, heftige Angriffe auf die sozialdemokratische Partei­leitung. Einmal wegen des Panzerkreuzers. Das spricht allerdings nicht unbedingt dafür, daß der sozialdemokratische Freidenkerbund sich als außer­halb der sozialdemokratischen Partei stehend an­sieht. Wegen des Panzerkreuzers sind sogar so­zialdemokratische Parteiorganisationen gegen die Führung angelaufen, hat sogar der Parteivorsitzende Otto Wels selber dieser Tage einen Rcichstagsan- trag angekündigt, der im Effekt die Haltung der sozialdemokratischen Minister im Reichskabinett desavouiert. Sodann wird die Parteileitung an­gegriffen, wegen ihrer angeblich ganz unproletari- 'fchen und widermarxistischen Toleranz gegenüber 'den um ihre Existenzberechtigung kämpfenden „reli­giösen" Sozialisten. Die hatten auf mehrfache drängende Schreiben vom Parteivorstand „den Rat erhalten", ebenso wie die Freidenker unter Be­

nutzung der Parteipresse zu versuchen, für ihre Auffassung, für die der Parteivorstand volles Ver­ständnis habe, Anhänger in den Kreisen der Ge­nossinnen und Genossen zu werben. Diese vor­sichtige Neutralität des Parteivorstandes ist dem Bund sozialistischer Freidenker viel zu viel. Der oft zitierte Satz „Religion ist Prwatsache" darf nach seiner Meinung nicht so ausgelegt werden, daß nun „allen Strömungen in religiöser Bezie­hung Raum in der Presse und der Partei" ge­währt werden müsse. Sein Bekenntnis ist so: „Un­sere heiligste Ueberzeugung ist, und sie ist die jedes ehrlichen Sozialisten, daß sozialistische Weltan­schauung nichts gemein hat mit überlebten Ammen­märchen Ienseitsvertröstungen und klassenfeindlt- cher Machtpolitik der Kirchen und ihrer Anhänger".

In welchem Verhältnis, — wir fragen noch ein­mal — steht also der „Bund sozialistischer Freiden­ker" zur Sozialdemokratischen Partei? Auch für uns ist die Frage wichtig, denn auch wir, wir Zen. trumsleute, sind das Objekt seiner Anpöbeleien. Dafür nur ein Beisviel. In der Oktober-Nummer der Bundeszeitschrift wird das Magdeburger Tele­gramm an den Pavst abgedruckt und wie folgt „kommentiert": „Diese hündische Schreibe — man siebt richtig das Schweifwedeln — haben die ka­tholischen Zentrumsführer dieser Tage von Magde­burg, wo sie wieder einmal zur Rettung der sün­digen Menschheit versammelt waren, dem Papste übermittelt. Und diele sich im Byzantinismus Über­schlagenden Marx, Wirth, Joos und Genossen wer­den heute noch von manchen sozialdemokratischen Führern als — ehrliche und aufrechte Republika- ner angesehen."

Das ist eine Svrache, die an Gehässigkeit auch von den kommunistischen Freidenkern schlechter­dings nicht überboten werden kan. Hier ist ein klärendes Wort der sozialdemokratischen Partei- leitung unbedingt am Platz.

Lloyd George greift die englische WenooliM an. Er prophezeit Sieg den Liberalen. — Schwere Verurteilung der fort­dauernden Nheinlandbesatzung. — ,Heller Wahnsinn, Betrug und Gaunerei'.

dem Parteitag der englischen Liberalen hielt Lloyd George eine Ansprache, in der er pro­phezeite, daß bei den Wahlen im nächsten Jahr eine überwältigende Mehrheit von Sum­men die Politik der gegenwärtigen Regierung ver­urteilen werde, während die Macht der Liberalen in ungeheurem Maße zunehmen werde. Er sei auch sicher, daß die Sozial! st en keine Mehr­heit erringen würden. Es sei sehr wohl möglich, daß keine der, drei Parteien eine so ausgesprochene Mehrheit erzielen könne, um zur Bildung einer Regierung befähigt zu sein. Wenn die Bildung einer liberalen Regierung nicht erreicht werden könne, so bestehe doch eine genügend breite gemein­same Basis, auf der sich sämtliche Parteien für eine begrenzte Zeit zur Zusammenarbeit finden könn­ten, ohne ihre eigenen Prinzipien und Ideale aus­zugeben. Die Bedingungen für eine solche Zu­sammenarbeit müßten aber ehrenvoll und nicht er­niedrigend sein. Auf die Frage, welche Haltung die Liberale Partei im nächsten Parlament ein- nehmen werde, erklärte Lloyd George, daß die Liberalen als unabhängige Partei auftreten würden. Wir sind, so fuhr er fort, in gleichem Grade Gegner der Sozialisten wie der Konserva­tiven und haben weder für die eine noch für die andere Partei eine besondere Vorliebe.

Weiter erklärte Lloyd George, die auswär­tige P 0 l i t i k der Regierung bringe denFrie - den der ® eit in Gesa h r. Er bezeichnete die Fortdauer der Rheinlandbesetzung nach Erfül­lung der deutschen Verpflichtungen als Verlet­zung eines feierlichen Vertraue- Deutschland, so erklärte er, hat alle seine Abrü­stungsverpflichtungen dem Buchstaben und dem Geiste nach erfüllt, aber vier Jahre hindurch hat die englische Regierung nichts getan, um die von ihr im Jahre 1919 übernommene feierliche Ver­pflichtung zu erfüllen. Der e n g l i s ch - f r a n z ö- si.j ch e Pakt ist das verhängnisvollste Er­eignis seit dem Kriege. Sich als Gegner Italiens Mlfzuspielen, ist der Gipfel der Torheit, aber der G e g n e r A m e r i k a s sein ,zu wollen, ist h e l l er ^"onsinn. Lloyd George betonte, daß Frank- reich, die Tschechoslowakei und Polen morgen acht Millionen Soldaten ins Feld stellen könnten. Aber wenn man auf die Abrüstungskonferenz geht, so uhr Lioyd George fort, darf man darüber n-cht Sprechen, und unsere Vertreter werden angewie­sen, daß diese Reserven nicht in Betracht gezogen werden dunen. Das ist Betrug und Gau-

itetet. Lloyd George bezeichnete es als vollkom­men unsinnig, von deutschen Reserven zu sprechen, die mit denen Frankreichs verglichen werden könnten.

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wtb. London ,13. Oki (Cig. Funkm.) In sei­nem bereits gemeldeten heftigen Angriff auf die Außenpolitik der Regierung in seiner gestrigen Rede in Parmonth erklärte Lloyd George, L 0 rd Eu sh en dun sei nur eine „a u s g est 0p ste und aufgezogene Figur." Er wiederhole nur die Mitteilungen, ide „in sein Grammophon gesetzt werden". Lloyd George kritisierte die Art, in der die Abrüstungskonferenzen geführt worden sind und sagte, England habe, um ein Abkommen zu erreichen, das Frankreich ermöglichen werde, den Kanal mit Unterseebooten zu füllen, etwas aebilligt, was den Frieden in Eurova und in der Welt unmöglich machen werde. Dies bedeute ein völliges Abgehen vom feierlichen Friedensvertrag, den Großbritannien unterzeichnet hat und der Deutschland auferlegt war. Bei diesem Friedens­vertrag handele es sich keineswegs um einen Ver­gleich oder um einen Kontrakt, sondern um etwas, was von Deutschland e r v r e ß t worden ist. Lloyd George fuhr fort: Großbritannien hat einen Fetzen Papier unterschrieben. Großbritannien hat niemals in seiner, großen Geschichte fein Wort ge­brochen, jetzt aber reißt es den Vertrag in Stücke. Er kündigte an, daß eines Tages R uß l a n d wie­der auferstehen und wieder in dis Kombination der europäischen Nationen eintreten > werde. Lloyd George betonte, daß wenn der augenblicklichen Po­litik nicht Halt geboten werde, die Völker- bundssatzung eine Komödie sei und Lo­carno eine Falle. Unter riesigem Beifall schloß Llond George „Wenn man Frieden will, muß man für den Frieden arbeiten. Man muß für den Frieden dieselben Opfer bringen, die man für den Krieg bringen würde."

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Bei den Ergänzungswahlen in Tavis­tock erhielt der konservative General Wright 10745 Stimmen, der Liberale Fletcher 10 572, der Kandidat der Arbeiterpartei 2449 Stimmen. Bei den Wahlen hatten seinerzeit die Konservativen mit einer Mehrheit von 1300 Stim­men gesiegt. Der Wahlkampf war sehr scharf. Der Ausgang der Wahlen gilt,, als ein wichtiges An­zeichen für die StärkeverHältnisse der Parteien in Westengland.

Reich unö Länder.

Die bayerische Staatsregierung steht, wie nach Informationen an maßgebender Stelle gesagt wer­den kann, den Dorfchlagen der Denkschrift des Bun­des zur Erneuerung des Reiches ablehnend ffy^uher nut der Auffassung, daß letztes Ziel auch meser Vorschläge nichts luderes als der Ein-

‘5ff“a 1 fcL- D'e bayerische Regierung steht demgegenüber aus, dem Standpunkt, daß Reichs- rnheit da zu bejahen ist, uw Reichsnotwendigkel- ten m Frage kommen, daß aber der Einheitsstaat geradezu verhängnisvoll für das deutsch? Volk wäre, wo Reich-notwenchgkeiten, wie beispielsweise m der Aug-npollttk, (? ?) nicht in Frage stehen ^Instruktion der Denkjchrist m künftigenGe- sialtung Preuyens bezw. des aus Preußen und den norddeutschen Staaten zu bildenden Reichslandes r man als unmöglich an, insbesondere steht tnruj aiiA hM Berteiluna der Stimmen in dem

vorgesehenen Reichsrat ablehnend gegenüber, da Stimmen des norddeutschen Reichslandes nur lo Stimmen der süddeutschen Länder gegenüber» neben würden. Die bayerische Staatsregierung ist L?r. Auffassung, daß eine Besserung der Verhätt- Nffse nur dadurch geschaffen werden kann, daß die Recchszuständigkeiten so weit sie Reichsnotwendig­kelten betreffen, genau abgegrenzt werden, und daß alles was nicht Reichsnotwendigkeiten umfaßt, den Zandern überlassen wird. Auch in der Frage der Enklaven und Erklaven sieht sie bei gutem Willen t. 0!ungsmLglichkeiten als gegeben, wobei allerdings nicht eine Terminologie Platz greifen dürfte, daß etwa die Pfalz als bayerisches Exklave anzufprr- chm fei.

* Erhöhung des Drokpreises in Frankreich. In. folge Erhöhung der Mehlpreise wird vom 18. Oft. ob der Brotpreis in Paris um 5 Centimes auf zwei Franken das Kilo erhöht.

MW Mein unö heu Betimhs-Äfeln Der Slug Zeppelins über Madeira und die Azoren. — Vie Position des Luftschiffes am Samstagvormittag. — 120 Kilometer Stundengeschwindig- keit. — „Graf Zeppelin" meldet seine Ankunft in New York für Sonn* tagnachmittag. — Funkstation Friedrichshafen am Samstagmorgen noch in Verbindung mit dem Luftschiff.

Wie aus Sao Miguel (Azoren) gemeldet wird, hat das Luftschiff „Graf Zeppelin" Ma­deira um 14.30 Uhr deutscher Zeit überflogen. Beim Ueberfliegen der Insel Madeira warf das Luftschiff eigen Po st beutel für den deutschen Konsul über dem Kasinogarten in Pavao ab und flog dann in nordwestlicher Richtung weiter. Beim Passieren von Funchal hatte das Lufffchiff eine Geschwindigkeit von rund 130 Kilometer in der Stunde. Es flog in großer Höhe in der Richtung der Azoren.

Wie Reuter aus Ponta Delgata (Azoren) meldet, teilte „Graf Zeppelin" nach dem Passieren von Madeira funkentelegraphisch mit, daß man damit rechnet, am späten Abend die Azoren zu überfliegen. D ie Passagiere leiden in un­gewöhnlichem Maße an der Luftkrank­heit.

Nach einer Meldung aus Horta hat das Luft­schiff am Freitag abend um 22 Uhr örtlicher Zeit die zur Azorengruppe gehörende Insel San Miguel in einer Entfernung von 30 bis 35 Meilen passiert. Das Wetter ist regnerisch und unsichtig, der Sturm ist abgeflaut. Das Luft­schiff hatte eine Geschwindigkeit von 81 Seemeilen. Es stand in dauernder Verbindung mit der Mar- coni-Funkstation San Miguel.

Dampferbegegnungen mit dem Zeppelin.

Der Dampfer der Südamerikanischen Dampf- schiffahrtsgesellschaft „La Coruna" meldete seiner Reederei, daß er Freitag vormittag um 11 Uhr auf 34. Grad 18 Minuten nördlicher Breite und 13 Grad 3 Minuten westlicher Länge das Luft­schiff „Graf Zeppelin" gesichtet hat. Das Luft­schiff flog in etwa 500 Meter Höhe. Bei schönem Wetter herrschte Nordostwind der Stärke 3.

Der Dampfer „Euclid" berichtet durch Funk­spruch. daß ihn das Lufffchiff „Graf Zeppelin" um 16.30 Uhr deutscher Zeit unter 43 Grad 38 Minuten nördlicher Breite und 17 Grad 30 Mm. westlicher Länge überflogen hat. Das Luftschiff hielt mit beträchtlicher Geschwindigkeit Kurs nach Nord-Nord-West. Das Wetter und die Sicht waren gut, es wehte ein leichter West-Süd-West-Wind. Der Punkt, an dem der Dampfer das Luftschiff sichtete, befindet sich 60 Meilen westlich von Madeira.

Um 1 Uhr nachts.

wtb. Neuyork, 13. Okt. (Eig. Funkm.) Die Funfftation Chatham in Massachusetts hat heut*

nacht 1 Uhr mitteleuropäischer Zeit folgenden weiteren Funkspruch von „Graf Zeppelin" aufge- faitgen: „Wir befinden uns 520 Kilometer w est l i ch von Madeira in einer Hohe von 420 Meter, mit einer Stundengeschwindigkeit von durchschnittlich 120 Kilometer. Das Wetter ist gut. Fahrtrichtung Bermuda. Wir hoffen, wenn das Wetter sich hält, Sonntagmittag e inzu treff en. An Bord alles wohl. Graf Zeppelin."

Standort am Samstagvormittag.

wtb. Friedrichshafen, 13 .Okt. (Eig. Funkm.j Vom Sonderberichterstatter des WTB.: Bei bei hiesigen Funfftation der Werft ist folgende Staub’ ortrneldung eingelaufen: Um 8.30 Uhr heute morgen befand sich das Schiff 32 Grad nördlicher Breite und 3 6 Grad w e st - licher Länge auf der Fahrt in Rich­tung der Bermuda-Inseln.

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Bis zum Passieren von Madeira hat der „Graf Zeppelin" in noch nicht ganz Mündiger Fahrt eine Strecke zurückgelegt, die in grober Luft­linie etwa 2800 Kilometer umfaßt. Man kann aber annehmen, daß der Weg des Luftschiffes bis Madeira mindestens 3000 Ki lometer aus­macht) denn es wird sicher nicht immer in gerader Linie, sondern in Bogen um kleinere Unwetter herumgefahren sein. Damit würde der „Graf Zeppelin" bisher eine Durchschnittsge­schwindigkeit von mindestens 100Kilo­metern gefahren sein. Interessant ist der Ver­gleich mit der großen Deutschlandsahrt, bei der das Schiff in 34‘2 Stunden etwa 3200 Kilo­meter zurücklegte, was einer Durchschnittsgeschwin­digkeit von güt 90 Kil. entsprach. Wenn man auf seiner jetzigen Fahrt die Gegenwinde in Rech­nung stellt, so ift die bisher erzielte Geschwindig­keit als normal anzusehen.

Von fachmännischer Seite wird darauf hinge- wiesen, daß das spärliche Eintreffen von Meldungen aus dem Schiff mit der starken Inanspruchnahme der Funkstationdurch den Wetterdienst zu erklären sei. Die Führung des Schiffes muß sich ihre Wetterkarten selbst zusammenzustellen und braucht als Material dafür natürlich sehr viele Meldungen. Schon auf der großen Deutschlandfahrt ist die Funfftation während fast Vs der Fahrzeit durch Wettermel-

Dec Reichsfi»linzmlmster über die WlNWlitik.

Steigerung der Ausgaben, Verminderung der Einnahmen.

Auf der öffentlichen Kundgebung der Haupt- gemeinschaft des deutschen Einzelhan­dels ergriff Reichsfmanzminister D r. Seifer- ding das Wort zu einem Vortrag über Fragen bet Finanzpolitik. Ginleitenb gab er in großen Umrissen ein Bild der Finanzlage des Reiches. Für den nächsten Etat sei eine Steigerung der Reparationsausgaben um etwa 312 Millionen Retti'smark zu erwarten, während auf bfr Einnahmeseite große Posten fehlten, bte noch im vorigen Etat enthalten waren. 165 Millionen Reichsmark Münzgewinn und 125 Mil­lionen Reichsmark Ueberschüsse aus den früheren Jahren seien verbraucht, so daß in diesem Jahre für einen Ausfall von 600 Millionen RM. Ausgleich geschaffen werden müsse. Hierbei seien noch die Fordemngen der Ressorts unberücksichtigt.

Zur Bilanzierung eines Etats gäbe es nur drei Wege: erstens Ersparnisse zu machen, zweitens die Hoffnung auf vermehrte Ein­nahmen aus Steuern und drittens den Weg neuer Steuern. Der Redner erörterte sodann die Mög­lichkeiten dieser drei Wege. Vom Bruttoetat von etwa 12 Milliarden gehe etwa die Hälfte als Uebettoeifung an die Länder und Gemeinden, wäh­rend dem Reich ein Nettobettag von 6,3 Milliar­den übrig bleibe. Der größte Teil hiervon werde durch zwangsläufige Ausgaben, die durch die be­stehenden Gesetze hervorgerufen sind, verbraucht. Der Weg einer Aenderung der Gesetzgebung sei aber kaum zu beschreiten. ‘ Weder die Kriegsbe­schädigtenfürsorge noch die Beamten in ihren Ge­hältern noch schließlich die Sozialversicherung könn­ten gekürzt werden. Unter Berücksichtigung der Reparationslasten von 1,2 Milliarden Reichsmark blieben nut eine Milliarde RM. für sachliche Aus­gaben übrig. Ersparnisse auf diesem Gebiet be­deuteten also einen Verzicht auf Wünsche und gewisse Ausgaben im Interesse des Volkes. Was den zweiten Weg betreffe, so entspreche die bis­herige Entwicklung der Einnahmen voll, den Er­wartungen. Die Steuereinnahmen des ersten Halb­jahres hätten mit rund 4,5 Milliarden RM. bas Etatssoll um etwa 100 Millionen RM. über­schritten.

Die weitere Entwicklung der Einnahmen sek aber von der Konjunkturentwicklung abhängig. Bei optimisffscher Beurteilung könnte so eine gewisse Reserve erhofft werden, doch dürfe nicht vergessen werden, daß durch den Rückgang gewisser Zoll­einnahmen andererseits wieder ein "Ausfall end­

stehen werde. Der Redner gab der Hoffnung Ausdruck, daß durch das Beschreiten der ersten beiden Wege die Schritte auf dem dritten Wege nicht allzu zahlreich und stark zu werden brauchten.

Nähere Einzelheiten über diesen letzten Punkt zu geben, sei vor endgültiger Stellungnahme des Kabinetts nicht möglich. Der deutsche Steuer­druck sei hoch, und die neuen Steuern müßten so> gewählt werden, daß der Druck auf die Wirt­schaft nicht etwa durch eine falsche Auswahl des Steuerobjetts unerttäglich würde. Der Minister streifte in diesem Zusammenhang die Frage des Steuervereinheitlichungsgefetzes. Die Widerstände der Länder gegen das Gesetz seien schr groß, ee -sei aber zu hoffen, daß der Reichsrat die brrtte Lesung des Gesetzes rechtzeitig erledigen werde, damit es dem Reichstage bei seinem Zusammen­tritt vorgelegt werden könne.

Zu den Sorgen über den ordentlichen Etat komme aber noch die Sorge für den außer­ordentlichen Etat. Aus dem Jahre 1926 be­stände noch ein Fehlbettag von 661 Millionen RM., der aus dem Etat für ordentliche Ausgaben entnommen worden sei und dadurch die Gelblage des Reiches beengt habe . Es dürsten daher in diesem Jahre keine neuen nennenswerten außerordentlichen Ausgaben entstehen. Aus reparations- und währungspolitischen Grün­den könne ein Defizit nicht zugelassen werden.

Wenn aber auch das bevorstehende Etatsjahr, das erste der vollen Reparation^oollzahlung, schwer fein werde, so brauchten wir deshalb den Mut nicht sinken zu lassen. Die Genfer Verhandlungen hätten zur Einsetzung eines Experten-Komitees ge­führt. das sich mit der Endlösung der Repara- tionsftage zu beschäftigen habe. Der Dawesplan habe bei allen kritischen Vorbehalten anstelle der Gewaltlosung den Versuch gemacht, die wirtschaft­liche Vernunft wieder in die Herrschaft einzu­setzen und damit die wirtschaftliche Erholung Deutschlands gebracht. Bei der heutigen Verflecht hing der Weltwirtschaft könne kein Glied gesun­den, wenn Deutschland ttank bleiben. würde.. Der Da wesplan sei ein Provisorium. Deshalb erfordere dieselbe Vernunft, die ihn geschaffen habe, seine Ueberprüfmtg und damit die Befreiung aus einer Unsicherheit, die den weiteren Wiederaufbau Deutschlands und damit das Wiebererstarken der gesamten Weltwirtschaft hinbere. Gelänge es, bie Lasten herabzusetzen, bann wäre bamit der Krieg auch wirtschaftlich liquidiert und Deutschland stände vor neuen Möglichkeiten