Fuldaer Zeitung
vor ein
"„Wenigstens wird er aber doch dann zu — zu der —' „Zur Trauung sendet er seine Einwilligung, sicher!' «Hat er sie denn —"
dagra zu tun, somit ist es „Aber ohne den Vater Carmen.
„Der ist entbehrlich — Bassewitz.
ich ersetze ihn!" schmunzelte
ihm unmöglich!!"
des Bräutigams?" beharrte
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gegr. 1825
früher Friedrichsmarkt — jetzt Bahnhofstraße Nr. 5
Dieses Mal steht viel in meinem Tagebuch, daß ich Mühe habe, auch nur das Wichtigste auszusondern. Es wird oar nicht möglich sein, einen ganzen Kuchen zu backen, da ich schon nicht weiß, wie alle die süßen Mandeln und Korinthen unterbringen. Eins nach dem andern.
Irgendwo war eine Versammlung des F r a u- e n b e i r a t e s einer aroßen Partei, dis auf christlichem Boden steht. Alle Achtung vor den Frauen, die nicht nur zur Stelle waren, sondern auch an Sachlichkeit und Hingabe weit über so vielen Männern standen, die ich auch schon tagen sah. Eine öffentliche Versammlung, zu der eine Lehrerin mit allerliebsten Kindertän.zen — Ringelrei- gen, Gänsesviel, gi, ga, gak ufro. — entzückende Beiträge lieferte, klang aus in dem Lied: Marie zu lieben ... Die Religion offenbarte sich auf einmal als die fundamentale und zugleich begeisternde Macht. Staat und Kirche gaben gemeinsam den Bollakkord des Reiches Christi.
In einer anderen Stadt hatten jüngst Studenten, die ihre Korporation zu neuem geistigen Leben zu wecken suchen, viele Freunde, Aktive und Philister, eingeladen. Die Stunde war gut gewählt, das Tbema verlockend — aber die Gäste blieben aus. Fast niemand war erschienen. Das ist über die Maßen traurig. Vor allem der Umstand, daß die Alten Herren die Jugend so sehr im Stichs ließen. Ich dachte ans Hochzeitsmahl im Evangelium. Versagen die Gebildeten, so werden die von Zäunen eingeladen werden. Die Füße derer, die alles Leere und Faule hinaustragen werden, stehen schon vor den Toren Europas.
In Amsterdam gibt es einen Sender, der bfn Katholiken und den Protestanten gemeinsam gehört. Bedient wird er natürlich gesondert, bald von den einen, bald von den anderir. Dadurch ist es möglich geworden, auch ein ganz vom katholischen Geiste geformtes Programm zu verwirkt'.-
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®s war am Abend, als sie wieder im Wohnzimmer versammelt waren, die drei, wahrend Manuela nach wie vor im Bett lag, in Erwartung des Arztes, den Frau mscher zu holen gegangen war.
Der biedere Bassewitz hatte seine Börse in liberalster «beise geöffnet, ohne zu zählen, ohne zu sparen. Die
JVs 255.
Sonntag, ven 7. Lktober 19 N
2. Blatt.
Drutf der Fuldaer Acliendruckerel. Fulda
Rund um die Woche.
föne .Frauentagung. — Verlassene Jugend. — Der Borromänsverein in Linz. — Ein katholischer Sender. — Salzburg. — Deutsche Mädchen in Amsterdam. — Bei Therese von Konnersreuth.
nicht auch das Vermögen? Und man kann nie wissen, — wenn das Geschick es will, — ich kann frühzeitig abgerufen werden, dann ständen Sie wieder verlassen da! Bei der großen Liebe, die ich für Sie im Herzen trage, ist es mir eine heilige Pflicht, von vornherein für Sie zu sorgen!" __
„Aber Sie haben einen Vater! Dessen Ansicht müssen Sie doch erst hären!" wandte das junge Mädchen ein.
„Mein Vater würde es mir nie verzeihen, wenn ich anders handelte! Also es bleibt dabei, Onkel, Carmen wird Mitbesitzerin meines Vermögens!!"
„Wie du willst, mein Junge! Sagen wir einfach in dem Ehekontrakt: zwischen Mann und Frau herrscht vollständige Gütergemeinschaft, — das ist dasselbe! Im Falle des Ablebens des einen Teils erbt der andere den gesamten Nachlaß! Doch," fügte er, sich unterbrechend, hinzu, „es ist häßlich, nicht wahr, liebes Kind, daß wir von diesen Dingen sprechen?"
„Herr von Sternau ist so großmütig, daß ich ihm die höchste Dankbarkeit schulde!!" murmelte Carmen.
„Je mehr Sie ihn kennen lernen, desto mehr werden Sie ihn auch schätzen lernen!" erklärte Ba"ewitz mit wichtiger Miene. „Wir werden also sagen: Für den Fall ihres etwaigen Todes setzen die Ehegatten sich gegenseitig und von Stunde ab zu Erben alles dessen ein, was ihnen gehört und worüber sie gesetzlich verfügen können! Ist dir das in dieser Fassung so recht, mein Junge?"
„Wenn ich meinem teuren Weibe dergestalt alle Weiterungen und Schwierigkeiten vermeiden kann, ja! Wann wird der Notar morgen kommen?"
„Sagen wir: nachmittags zwei Uhr!" lächelte der biedere Onkel. „Diese Zeit paßt wohl am besten! Und wenn der Doktor es gestattet, können wir die Unterzeichnung in Mama's Zimmer vornehmen!"
„Aber," wandte Carmen furchtsam ein, „Hugo's Vater, wird der nicht auch dazu Herkommen?"
Bassewitz zuckte bedauernd die Achseln. „Der arme Mann! Leider hat er zur Zeit gerade mit seinem Po-
Schicksal, vor dem sie allein sie retten konnte.
Und da bezwang sie sich. Bleich wie der Tod legte sie ihre kleine Hand in die Stern’U’s, der sofort vuf- jauchzte: „Ah, mein Fräulein, geliebte Carmen, — lt1ein ganzes Leben soll Ihnen gehören, soll der Dankbarkeit, der Liebe für Sie gewidmet sein!"
Mit klangloser Stimme erwiderte sie: „Ich werde Ihnen eine ergebene und treue Frau sein, Herr von Sternau! Aber Sie dürfen sich nicht wundern, wenn ich anfangs traurig und wortkarg bin! Ich war so gar nicht barauf vorbereitet, Ihre Aufmerksamkeit erregt zu ha- ben, — Ihre Werbung überrascht mich! Später, wenn m*y uns erst besser kennen werden, dann--■ Sie
Bussen mir verzeihen! Ich habe so viel Kummer, so yr°6e Unruhen gehabt!!"
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chen. Auch in Spanien uni) Jugoslawien gibt es solche Einrichtungen.’ Bei uns ist das System anders. Wir begnügen uns mit einer katholischen Sonntagsfeier und machen alles andere gemeinsam mit Liberalismus, Sozialismus ufro.„ Mag lster nun jeder denken, wie er will: Ich für meinen Teil gebe dem holländischen System den Vorzug. In Zeiten der allgemeinen Wirrnis und ’ der trostlosen kulturellen Verwaschenheit soll j der Katholizismus jede Gelegenheit.wahrnehmen, ; die es ihm gestattet, den ganzen Einsatz seiner Wahrheit und seines Charakters zu machen. Man beachte bei uns das Programm jenes holländischen Senders, der manchmal auch deutsche Redner ! sprechen läßt, es ist der Sender von Huizen. Namentlich Sonntags abends höre man sich die Vor- ■ träge an, aber auch sonst. I
Nebenbei gesagt gibt es in Amsterdam noch viele d e u t s ch e M ä d ch e n, für die seelsorglich viel getan wird. Ich sah, wie die Dominikaner sich ihrer annahmen. Gegen Abend kam ein Schiff zurück, auf dem unsere Landsmänninnen einen Sonntagsausflug gemacht hatten. Der gute, Hirt war mitten unter den munteren Schäflein, die an der stillen Gracht einen wahrhaft deutschen Spektakel machten. Es berührte mich schmerzlich, aus langer Erfahrung hören zu müssen, daß diese Mädchen in der Großstadt Amsterdam sittlich weniger gefährdet sind als etwa hsi ihrem Urlaubsaufenthalt in der deutschen Heimat!!
Nun quer durch Mitteleuropa nach Salzburg. Hätte ich Geld für ein Flugzeug, dann wäre ich noch früh genug gekommen, um das 300- jährige Jubiläum des Domes dort zu feiern. In der Holzklasse der Armen aber gelang das nicht, und so erfuhr ich nur von Teilnehmern, wie herrlich alles gewesen sei. Die höchsten Staatsbeamten, Bischöfe, Aebte und was man will, war dabei gewesen. Auch die liberale Presse meinte, es habe Salzburg eine solche Versammlung noch nicht
Aber zur selben Zeit sah sie in ihrer Vorstellung aud) ihre geliebte Mutter in den Händen der Schergen S;e sah dieselbe aus dem gerissen notdürftig bekleidet da- vongeschleppt, — hinaus ins Elend, in die Fremde, die sie auch nicht behalten würde, — sie sah die Teure' Kummer und Entbehrungen aller Art enden, __
Hauswirtin hatte auf fein Geheiß eingekauft, aber in welchem Umfange! Sie konnte kaum alles schleppen, was sie hatte besorgen müssen, — alle diese Eßwaren, Weine, Heilmittel, Delikatessen, Blumen! Denn Sternau hatte natürlich auch und zwar in erster Linie an Blumen gedacht!
Man sprach von ernsten Dingen •
„Ich kam beim Polizeipräsidium vorbei," berichtete Bassewitz, „und konnte es mir nicht versagen, in diesem vorzusprechen. Der Präsident empfing mich natürlich. „Ich habe die Ehre, Ihnen mitzuteilen," sagte ich ihm, daß Fräulein Carmen de Rivas morgen den Ehekontrakt mit Herrn Baron Hugo von Sternau, dem Sohne des Majors von Sternau in Breslau, Ritter hoher Orden, unterzeichnen wird! Das ist unsere Antwort auf die nichtswürdigen Verleumdungen und Beleidigungen, mit denen man Frau de Nivas und Tochter, sowie auch mich und meinen Neffen bedacht hat!"
„Das war eine kategorische Antwort!" rief Sternau. „Und was sagte er dazu?"
Der alte Herr schmunzelte geheimnisvoll. „Ich habe jetzt keine Angst mehr vor dem, dessen Angriffe mich dis vor kurzem noch in Schrecken versetzten —"
„Sie meinen, daß Freiherr von Versen —?" forschte Carmen furchtsam, ohne jedoch zu vollenden.
„Liebes Kind, was kann der uns jetzt noch anhaben?" lächelte Bassewitz mitleidig. „Jetzt, da Sie im Begriff sind, sich mit dem Baron von Sternau zu vermählen, dessen Familie älter und berühmter als die seine ist, soll er es noch einmal wagen, zu behaupten, daß Sie feinen Sohn an sich locken, — mit langer Nase muß er ab- Zichen! Der ist abgetan! Sprechen wir von etwas anderem!"
„Und den Kontrakt, Onkel?" fragte Sternau.
„Ja, mein Junge!!" meinte der Alte halb fragend.
„Erinnerst du dich dessen, was ich dir gesagt habe, Onkel?"
Der Baron lachte aus.
„Seit du verliebt bist, hast du mancherlei gesagt! Was weinst du in diesem Falle?"
„Ich wünsche, daß meine geliebte Gattin Mitbesitze- rin meines gesamten gegenwärtigen Vermögens und zukünftigen Vermögens wird!"
„Jas ist zuviel, — das kann ich nicht annehmen!" rief Carmen errötend.
„Ich bitte Sie," sagte Sternau sanft, „mir werden künftig Freud’ und Leid miteinander teilen, weshalb also
Seit mehr als 100 Jahren
spart man in Stadt und Land
bei der
„Natürlich, er hat sie längst gegeben! Hugo hat ihm alles geschrieben! Der brave Mann weiß, daß sein Sohn ein reizendes, liebenswürdiges Mädchen verehrt, und wird entzückt sein, daß sie ihn endlich erhört hat! Ob er aber zur Hochzeit kommen kann, ist bei seinem alteingewurzelten Leiden doch noch sehr fraglich! Wir müssen von vornherein damit rechnen, daß er nicht zugegen fein wird!"
„Wann bekomme ich denselben denn zu sehen?"
„Nach der Hochzeit! Sobald die Mama hergestellt ist, reisen wir alle zu ihm nach Breslau! Und die Mama, denke ich, wird in vierzehn Tagen gesund sein! Gleich hernach ist die Hochzeit!"
„Noch so lange Zeit bis dahin!" seufzte Sternau.
„Nur noch so kurze Zeit!" dachte die arme Carmen.
26.
Im Atelier Sternau’s saßen die beiden Komplizen sich mit vergnügten Gesichtern gegenüber
„Endlich!" sagte der nunmehrige Verlobte mit tiefem Atemzug.
„Hm! Die Geschichte geht so leidlich!" nickte Bassewitz.
Sternau fuhr auf. „So leidlich, lagen Sie? Hören Sie, — Sie sind ungenügsam, ohne es nötig zu haben! Biel eher könnte ich es fein, der ich mich einer Braut erfreue, welche an Kälte und Zurückhaltung nichts zu wim- scheu übrig läßt!"
„Haha, — zum Altar geht die freilich wie ein geprügelter Hund!" lachte Bassewitz roh.
„Für mich ist das sehr demütigend!" sagte Sternau gereizt. Aber Sie, — was verlangen Sie mehr?"
„Hm, ich möchte einige Wochen älter fein!" brummte Bassewitz.
„Bah, — die gehen schnell vorüber!"
„Aber nicht so schnell, daß sich nicht allerlei unliebsame Dinge in dieser Zeit ereignen könnten!"
„Fürchten Sie solche?"
„Eigentlich nicht, ich habe alles mögliche vorgesehen! Wir brauchen nur noch mit dem Zufall zu rechnen, mit dem Stein, den man nicht sieht, über den man aber stolpern und ich den Fuß brechen kann!"
„Unsinn! Wenn man den Weg gesäubert hat wie Sie, gibt es keine Steine mehr!"
„Einen doch: — er heißt Consentius!" lächelte Bassewitz höhnisch, indem er einen Brief aus der Tasche zog. „Der gute Mann lebt noch!!"
(Fortsetzung folgt.)
25.
Vöas Carmen in dieser Minute durchlebte war eine Welt voll» unaussprecher Quak Der welcher ihr die Hilfe aus aller Not brachte, verlangte dafür ja mehr von ihr als ihr Leben. Auf alles, was bisher ihr Glück ihre Hoffnung ausgemacht batte, sollte sie verzichten ' ihre Liebe verorten, den geleisteten Treueid brechen, selbst ihr Herz zerfleischen!
Er ließ sie nicht vollenden. „Ich liebe Sie fo sehr, Carmen! Und es wird mir gelingen, mir Ihre Neigung 3U gewinnen, stammelte er, ihre Hand mit feinen Küj- fen bedeckend. „Ich bin sicher, der Tag kommt, an welchem auch Sie mich lieben werden!"
Sie entzog ihm ihre Hand, zitternd, langsam.
Locarnopakt war eine Bestätigung für den Optimismus Erzbergers, er beseitigte zwar nicht den Versailler Vertrag, aber er schuf eine Plattform für Deutschland, mit der Entente über die Rechte Deutschlands aus dem Versaiber Vertrag zu verhandeln, ein Fortschritt, der heute nur schwer zu würdigen ist, weil wir ihn bereits als selbstverständlich hinnehmen.
Wir haben inzwischen gelernt, vor ollem durch die letzten Verhandlungen in Genf, daß wir die Politik der Franzosen auch dann sehr kritisch betrachten müssen, wenn sie uns äußerlich entgegenkommen. Das ist eigentlich selbstverständlich, da ter Franzose nur französische Politik machen kann Wenn hin und wieder der französischr Außenminister in Idealismus schwelgt, so ist die? kein Grund zu Übersehen, daß dieser Außenminister em Franzose bleibt und daß er überdies alt genug ist, uni mit Geschenken zu geizen. In Genf hat man den Deutschen den Vorschlag der „Veriohnungs- und Feststellungskommission" gemocht und Pomcare hat neuerdings sich über die Fixierung der deutschen Reparation-schuld in einer ganz neuen, sozusagen elastischen Weise geäußert, die man gewissen übereifrigen Krff en der V:rständigungepolitiker in
Cv NMSMU5 und 3.1U;ion.
V ? s „ticken Botschafters in Moskau, Der Tod dec-deutsch orff^UnfeQU, hat Erbes Grafen v. Br ® jn Weimarer Na- innerungen an roo man sich darüber
rtDrLalCnha?3 poälisch zweckmäßig sei, das Ver- ftrüt ob i unterschreiben oder nicht. Da- saiger As,ettanqcschlossen und die Argumentation ?'m-raers angeschlossen und die Verantwortung ^.^Unterzeichnung auf sich genommen. Brock- dorff-Rantzau, der Außenminister, war mit Scheidemann anderer Meinung. In jener Zett mürbe der Graf ein erbitterter Gegner Er.chergers. Was Erzberaer zu seiner Stellungnahme^ veranlaßte, waren Ueberlcgungeit über ine Folgen eines weiteren Vordringens. der Ententetruppen über das besetzte Rheingebiet hinaus, war aber auch die Hoffnung, daß sich der Versailler Vertrag in wichtigen Punkten selbst korrigieren wurde wenn er einmal in Funktion trete. Von Brockdorfff- Rantzan dagegen rechnete damit, daß es, der Enr- cnte mit ihren Drohungen nicht ernst Jem werde, in daß man die Siegerstaaten untereinander entzweien würde, wenn sie sich bereit machen mußten, den Krieg weiter sortzusetzen. Es ist heute nicht mehr unschwer zu entscheiden, wer von beiden Männern sich einem berechtigten Optimismus hin- gegeben hat ober eine Politik der Illusion befürwortete. Nichts wäre wahrscheinlich den Ententegeneralen willkommener gewesen als ein Einmarsch durch das Brandenburger Tor und die innere Auflösung Deutschlands. Revolutionäre, bolschewistiscl)e Bewegungen, hätte man mit brutaler, Gewalt niedergehalten und wir wären wohl bis zur Elbe, wenn nicht darüber hinaus, besetztes Gebiet geworden, und vielleicht wäre der Schutzwall, den Polen gegen das bolschewistische Rußland darstellt, mindestens noch um Ostpreußen verstärkt worden. Grundsätzlich kann man wohl sagen, daß alle Va- banque-Politik eine Politik der Illusion ist.
Jllusionspolitik war auch das Auftreten von H u g o S t i n n e s auf der Reparationskonferenz in Spaa, Jllusionspolitik das ganze völkische Getue in der Nachkriegszeit. Nun sagt man uns allerdings, daß auch die großen Hoffnungen, die sich in Deuffchland an das Locarno-Abkommen abgeschlossen hätten, nichts anderes gewesen seien als Seifenblasen, als schillernde Illusion. Es wäre die höchste Zeit, einen anderen Weg zu suchen, als den bisher begangenen, jedenfalls müsse der bisherige Verständigungskurs aufgegeben werden. An das Locarnoabkommen haben sich, wie man gerne zugeben wird, sehr erhebliche Illusionen geknüpft. Aber sie haben mit dem politischen Kurs, der nach Locarno geführt hat, keine unbedingt notwendigen Beziehungen gehabt. Sie sind vielmehr auf ganz persönliche Momente zurückzuführen, nämlich auf das Bedürfnis der für das Locarnoabkommen verantwortlichen Diplomaten, das was vereinbart wurde, in einem anderen Lichte hinzustellen, als tatsächlich richtig gewesen wäre. Man hatte das Bedürfnis, die Kritik in Deutschland durch die Belebung weitgehender Hoffnungen mundtot zu machen einmal aus einem gewissen diplomatischen Eitelkeitsbetrieb heraus — man wollte unbedingt etne>n großen Erfolg präsentieren —, dann aber «nM wohl, weil man der Masse unseres Volkes nicht recht zutraute, die politische Bedeutung des Locarnopaktes objektiv und positiv zu würdigen. Man hielt das Volk für wundergläubig und wollte ihm daher ein politisches Mirakel vorsetzen. Der
Deutschland geradezu Purzelbäume des Vergnügens bewirkt haben. Offenvar ist man geneigt, wieder in ganz schlimme Illusionen zu verfallen. Illusionen, die mit dem Optimimus einer geduldigen, aber hoffnungsvollen Verständigungspolitik nicht bas geringste mehr zu tun haben. Die deutschfranzösische Verständigungspolitik tut gut daran, einen deutlichen Grenzstrich zu ziehen zwischen sich und diesen impulsiven Illusionisten, deren Ge- schäftstüchtigkeit, allmählich bedenklich wird. Damit nicht die Enttäuschungen, die für diese Leute unausbleiblich sind dem offiziellen außenpolitischen Kurs selbst zur Last gelegt werden. Nichts wäre schlimmer für unser Land, das nur in geringem Maße wirklich selbständige Politik machen iCrn, die Erklärungen und Maßnahmen der frau- zösischen Politik lediglich so auszulegen, wie wir es gerne w ü nschen möchten, nicht aber nach den Intentionen, die in Frankreich selbst dahinter stek- ken. Enttäuschungen und die Neigung zu einer Deiverado-Politik, zu einer Politik verzweifelter Maßnahmen, ist heute noch fast ebenso stark wie in jenen Tagen, da von Prockdorff-Rantzau bte Entente mit bem k-eutschen Chaos nachträglich glaubte besiegen zu können
gesehen. Man sagte mir, es fei dieses herrliche Gelingen nur dadurch zustande gekommen, dag alle ohne Unterschied und ohne persönlichen Ehrgeiz mitgearbeitet hatten. So glichen sie dem Geiste nach jenen alten Zünften, die man dort sah in all ihrer malerischen Pracht. Einigkeit macht stark, Einigkeit, die praktisch nichts anderes ist als Einordnung und Unter« 0rb2as9atte5 hörte ich in Linz, wo eine wichtige Tagung des rührigen Borromausvererns statt- fand. Es ist die alte Freundschaft zwischen den österreichischen und den relchsdeutschen Borro- mäusvereinen neu besiegelt und in einem neuen gemeinsammen Arbeitsprogramm fruchtbar gemacht worden. Von allen Seiten waren, wie das bei diesen immer prächtig vorbereiteten Tagungen schon selbstverständlich ist, Klerus und Laien herbeigeeilt, alles Menschen, die nicht kritisieren, son- dern arbeiten wollen. Man überlege sich, wie bedeutend diese Tagungen gerade m diesem Augen- blick sind. Das ist praktische Verwirklichung des Anschlußgedankens. Das heißt sich brüderlich über die politischen Grenzen hinweg zu- famtnenftnben. So versteht man, daß auch die Regierungen die Sache freundlich ansehen. per Borromänsverein hat sich auf der ganzen Lime durchgesetzt. Die unentwegte grundsätzliche Treue und das charaktervolle Festhalten an feiner Fahne haben sich herrlich bewährt.
Wollte ich all das Erhebende, das ich diese Woche sehen durfte, zusammenstellen, es gäbe eine dicke Chronik. Und immer, wenn ich dergleichen erlebe, wünsche ich, es möchten auch alle die, die in der Einsamkeit ihrer Geschäftszimmer arbeiten müssen, dabei sein, namentlich unsere nut Sorgen beladenen Abgeordneten. So leicht gehen ja die lebendigen Ströme des Neuen und vor allem auch des Religiösen, an den Parlamenten und selbst an den Redaktionen vorüber. Trotzdem ist gerade dieses das Wichtigste. Derlei Gedanken habe ich oft, wenn ich vom D-Zug-Fenster über die Felder schaue, wo jetzt die Kartoffelfeuer rau chen. Gewiß ist alles kahl und leer. Ein paar Gänse halten die Nachlese. Das Fest ist vorüber. Was ist es eben wieder anders, als die Sehnsucht nach einem neuen Frühling?
Wo ich dieses schreibe, bin ich schon wieder weit weg vom lieben Oberösterreich. Was denkst du wohl, wo? Nun, ich habe mir eine Nacht um die Ohren geschlagen, um endlich einmal — es lag am Wege — Konnersreuth aufzusuchen. Da sitze ich nun auf einer Bauernstube und sinne nach über den an Ereignissen so reichen Tag. Ich kam nicht als Zweifler, denn in solchen Dingen sagt mir mein Instinkt immer das Rechte. Auch Neugierde lag mir fern, ist es doch geradezu gefühlsroh, aus reiner Neugierde einen Menschen, gar ein zartes Mägdlein, zu betrachten, das so leidet wie die liebe, kleine Therese. Ich kam als armer Sünder. Es wirkte auch der Anblick dieser Stigmatisierten keineswegs auf mich wie eine Sensation. Für den Gläubigen, der im Wunder lebt, gibt es doch keine Sensation mehr! Es tragen doch Zehntausende unter uns unsichtbar die Wundmale Christi. Eigentlich trägt sie jeder Christ, der, wie Paulus, mit Christus gekreuzigt ist. Mr haben ja ganze Klöster, wo dauernd liebende Seelen das Leiden des Herrn betrachten. Wahrhaftig, es gibt mehr auf Erden als Kino, Sport, Radio und Illustrierte. Ja, es gibt mehr. Und dieses sonderbare Geheimnis mitleidender Passion, das leuchtet eben dort auf, und das ist unvergeßlich rührend und schön. Hätten wir nur mehr solcher, die selber
Eh' es wintert, schmücke Dein Heim" mit
Tapeten
vom
Manuela.
Roman von Gustav Rehseid 47]