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Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblakt.

Nr. 227.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter" Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatl. l,80 cinschl. Postgeb. (30 be?w. 48 Pf.), ohne Zustellg.

Sonntag, 30. September 1928.

Das Gebot -er Stunde.

Von Heinrich V o ck e l.

Durch das Vorgehen des Stahlhelms und durch die „besonders freudige" Unterstützung, die dieses Vorgehen bei den unter Hugenbergs Kommando stehenden Deutschnationalen fand, ist die von allen einsichtigen Leuten seit geraumer, Zeit schon be­obachtete Radikalisierung des deutschen öffentlichen Lebens aufs neue bedeutsam bestätigt worden. Und da die Radikalisierung sich keineswegs auf den äußersten rechten Flügel beschränkt, sondern auch die Ultras auf der Linken mit allen möglichen und unmöglichen Mitteln ihre Machtentfaltung betrei­ben, kann es sich sehr wohl ereignen, daß die schwe­ren Gewitterwolken am politischen Horizont eines Tages explodieren und ein Unwetter heroorbricht, dem dann vielleicht alles, was in den letzten zehn Jahren in aufbauender Tätigkeit geleistet worden ist, zum Opfer fällt. Bei dieser Sachlage ist es unabweisbare Pflicht aller staatsbejahenden Kreise, namentlich der sich ihrer besonderen Verantwortung immer voll bewußten Zentrumspartei, sich darüber klar zu werden, was zur Abwendung der unser Staatsleben bedrohenden Gefahr zu geschehen hat. Auf das „Geschehen", auf das Handeln, auf die Tat kommt es jetzt ganz allein an. Daß man vor der Tat zunächst das Gelände sondiert, daß man ZU eruieren versucht, was der Gegner beabsichtigt, daß man sich bemüht, die Schwächen und Blößen der feindlichen Position zu finden, ist selbstverständ­lich. Aber, diese Erkundungen haben unbedingt nur dann einen Zweck, wenn sie die Tat vorberei­ten. Mit warnenden Kassandrarufen allein wird nichts geschafft. Ebensowenig mit Beschwörungs­formeln an die Adresse der radikalisierten Wirr­köpfe. Die Tat ist jetzt alles.

Ein Wort zunächst über die politische Situation, in der unser Staat und mit ihm unser ordnunas- liebendes, arbeitsfreudiges und fleißiges Volk sich gegenwärtig befindet. Es hat keinen Zweck, sich der Tatsache zu verschließen, daß große Teile dieses Volkes durch Machenschaften ehrgeiziger und skru­pelloser Feinde der deutschen Republik in arge Verwirrung gebracht worden sind. Diese Feinde, die es geschickt verstehen, die politische Unzufrieden­heit großer Teile des deutschen Volkes demagogisch vor ihre Jnteressenziele zu spannen, lassen sich un- , schwer erkennen. Wir sehen die moskowitischen Machthaber als Hintermänner des linken Radika- nsmus deutlich sich abheben, und wir sehen Herrn Hugenberg mit seinen zwölf Getreuen als die Drahtzieher der sogen, „nationalen" Bewegung.

Volk soll von Wenigen und zum Teil sogar Außenstehenden auf Irrwege geführt wer- großen politischen Kampfbewegun- Mon xnfV°Ten dann noch die kläg-

Z" $Sc-b05 putsche Volk in rein materia- w- 'SÄWf flirte Senmgogen tollten °"”an mjt,r“i" Volkstum zu zerbrechen, das

Hon zu tragen und m bi?d^e ; Staat und Ra- überzeugt, daß die Mehrheit be5 nicht Demagogen folgen unb bienen mirr nt^ hnfe die Meisten unter uns sich teibenfehnfm* gegen eine Aufteilung der Ration in Heerlager von Klaffen und Stände» ? ort?b td^U sind ebenso überzeugt, daß bieie tmr

dann sich erhalten wird, wenn sie Ibrs^ nollMck^ Beschaulichkeit aufgibt, und der Gekäst^ aktiv begegnet. ihrerseits

Politische Aufgabe ist es also, hns r;, f . Verantwortung für Ration und St„L ' 7 'enleJ deutsche Vo'kstttm in den Kampf Gewichte

dikalismns und den Materialismus Ra- einer einzigen Partei kann dieser e.n; D°n standen werden. Das soll er auch nicht Ä unsere Aufgabe als Partei klar und feben werden innerhalb der Partei stärker al-, muni> fere politische Kräfte mobilisieren. Das tnn r un= die anderen Parteien tun, die hier in w". °"ch kommen. Die politische Front, die den Sam t 1 gen Extremismus und Verflachung führen deckt sich nicht mit den konkreten ^Barteia-J?, ' Sie muß alle umfassen, die sich im Ziele einig

Wir beklagen alle die Mängel und Schwg^, ' der bestehenden politischen Ordnung und des hL” ngen parlamentarischen Snstems. Aber wir by/ fen und wollen nicht bei dem Beklagten dieser ler stehen bleiben, sondern wir müssen positive, p0, nttfebe Kampf-äele aufrichten, die groß genug sind, den Zusammenschluß der gesunden Kräfte zum Aus- eau des deutschen Dolksstaates von selber zu be- .atiaen. Ein derartiges Kampfziel erster Ordnung ist die Schaffung eines Wahlrechtes, das politisch zielsichere Persönsichkeiten in die Parlamente bringt und nicht unbeschriebene Listenmenschen: Persön- @7'• t "n' b'e bber parteiischen Kleinkram und Kleinkampf hinaiisgewachsen sind, die den Willen zmn politischen Gestalten in sich tragen und die öesbafb auch die politischen Kräfte in den Wahl­kreisen zusammenführen können.

Kampfziel ist die Stärkung — nicht der Stellung des Reichspräsidenten — fen« bern bte der Regierungsgewalt, um sie in die Laae , u letzen, den das Volksleben zerreißenden Begriff °er ungehemmten politischen Freiheit zu brechen 'rnd d-n Gedanken der ordnenden und geordneten aufzurichten. Es muß der Regierung er- ä’t't Erden von sich aus den entschlossenen Stahlhelm und Rotfront mit allen fu^®n- Daß eine neue Ord- nung her Pnrlamentsmaschine nötig ist, um eine derartig entschlossen handelnde Regierung Über- ^iupt Zu ermöglichen, bedarf kaum des Hinweises. Und schließlich gehört zu den Kampfzielen eine in­

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Zohrg 55.

nere Ordnung des deutschen Staatswesens, die eine klare Abgrenzung und eine weitgehende Verein­fachung des Verwaltungsapparates bringt.

In der Erreichung dieser Kampfziele sehen wir. abgesehen von den großen außenpolitischen Auf­gaben, die Hauptaufgabe der nächsten Zukunft. Wir werden die Zentrumspartei den Volksbegeh­ren von rechts und links zum Trotz hineinstellen in einen Kampf, der diese Ziele verfolgt.

Die amerikanische Note.

Die Note der amerikanischen Regierung, die in London und Paris als Antwort auf die britische Note vom 31. Juki und die ftanzösische Note vom 3. August überreicht wurde, stellt fest, daß das englisch-französische Marincabcommen für Amerika unannehmbar sei. Eine Beschränkung der See- rüstungen müßte sich auf alle Schiffstypen er­strecken, das genannte Abkommen lasse jedoch den unbeschränkten Bau von Kreuzern mit sechszölligen Geschützen, von Zerstörern und von Unterseebooten bis zu 600 Tonnen Raumgehalt zu. Es stehe fest, daß diese Schiffstypen sehr wirksame Kampfschiffe seien und einen erheblichen Offensivwert besäßen, besonders für eine Macht, die über gutverteilte Flottenstützpunkte in verschiedenen Teilen der Welt verfüge. Moderne Kreuzer mit sechszölligen Ge­schützen bildeten ja gegenwärtig den größten Teil der in der Welt vorhandenen Kampfschiffe. Dem- gegenüber bedeute die im Mkommen vorgeseheiie Beschränkung des Baues von 10 000-Tonnen-Kreu- zern mit Geschützen von mehr als sechs Zoll Durch­messer eine Beschränkung gerade der Schiffstypen, die den Bedürfnissen Amerikas entsprächen. Außer­dem würde die Beschränkung dieses Kreuzertyps die Offensivstärke des Staates enorm steigern, der eine große Handelsflotte besitze, die schon in Frie­denszeiten für eine Bestückung mit sechszölligen Geschützen eingerichtet werden könne.

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Der amtliche britische Funkdienst meldet: Die amerikanische Note wird zurzeit von den zuständigen Regierungsstellen geprüft und wird auch vom Ka­binett in Erwägung gezogen werden. Das Kabinett wird darüber enffcheiden, welche weiteren Schritte möglich sind, um eine Basis für die Wiederauf­nahme der Arbeiten des vorbereitenden Abrüstungs- ausfchusses zu finden, was ja auch der einzige Zweck der von der britischen Regierung kürzlich ergriffe« nen Initiative war.

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In zuständigen französischen Kreisen lehnt man es vorerst ab, sich zu der überreichten amerika­nischen Note betreff enb das französisch-englische Flottenkompromiß zu äußern. Die in Frage kom­menden Stellen des Quai d'Orsay haben sich auf die Herstellung einer französischen Uebersetzung des englischen Originaltextes beschränkt. Es ist klar, so bemerkt die Agentur HavaL, daß die ftanzösische und englische Regierung, da sie bireft durch die Washingtoner Note betroffen sind, sich später wer­den verständigen müssen. Die ftanzösische Antwort wird also nicht vor Ablauf einiger Zeit übermittelt werden. Man beurteilt der Agentur Havas zufolge die Note dahin, daß sie die Fortsetzung der Verhandlungen in sich schließe und die Dis­kussion in keiner Weise beendige.

Die Sicherheit auf der Reichsbahn.

Das „Berk. Tageblatt" veröffentlicht einen Aus­zug aus dem Bericht des Untersuchungsausschusses für die Reichsbahn.

Die Zahl der Entgleisungen ist danach von 356 in dem Jahre 1913 auf durchschnittlich 443 in den letzten Jahren gestiegen. Sie Zahl der Zusam­menstöße hat sich von 308 auf 222 verringert. Da­gegen find die Unfälle infolge Ueberfährens von Fuhrwerken von 183 auf 255 im Jahre gestiegen. Die Ursachen aller Entgleisungen und Zufammen- stöße zusammengenommen lagen im Jahre 1913 Zu 4,5 Prozent in „Mängeln des Oberbaues", im Durchschnitt der Jahre 1925 bis 1928 zu 12,8 Pro- Zent. Ebenso waren „Mängel an Fahrzeugen" für Entgleisungen und Zusammenstöße im Jahre 1913 in 11,4 Prozent, im Durchschnitt der Jahre 1925 bis 1928 16 Prozent aller Unfälle die Ursache. Die falsche Handhabung des Dienstes hat in den letzten Jahren prozentual weniger Unglücksfälle als vor dem Kriege herbeigeführt. Der Untersuchungsaus­schuß verlangt zunächst, daß die PersonaGeanspru- chung stets unter der Grenze bleibt, bei der der Mensch infolge Ermüdung seine Arbeit nicht mehr mit der nötigen Zuverlässigkeit und Sorgfalt ver­richten kann. Ausdrücklich stellt der Ausschuß wei­terhin fest, daß das Personal im allgemeinen bis an die Grenze seiner Arbeitsfähigkeit beschäftigt ist. <>ei mehreren Dienststellen fei allerdings die Be­anspruchung derart gewesen, „daß teilweise eine ^Haftung des Personals im Interesse der De- knebssicherheit geboten erscheint." Der Ausschuß oeriaugt daher eine Revision der Dienstdauervor- hnpften. Der Ausschuß stellt fest, daß nach dem die Reichsbahnverwaltung bemüht war, den °u wieder in einen guten Zustand zu brin- r" » 3m Interesse der Betriebssicherheit fordert

Ausschuß eine allgemeine Aufnahme der neu« zeitlich»" Gleispflege. Der Ausschuß ist der Mei- baß die bisherigen Umbauguoten für den Er- ooer altert er Strecken nicht überall ausreichen.

aber auch die Annahme, daß die auf rein mechanische Prüfung eingestellten Lieferungsbedin­gungen, nickt mehr ausreichen, sondern durch eine bereits tn Aussicht genommene metallurgische Prü­fung des Schienenstoffes ergänzt werden müssen. ..Eine abschl»>ßende Regelung dieser Frage ist dringlich". Der Ausschuß empfiehlt eine gründ­liche Prüfung, ob die konstruktive Entwickelung von Lokomotiven und Wagen in einem richtigen Ver­

hältnis zum Oberbau und zu der Gleiskonstruktion stehen.

Für den in manchen Direktionsbezirken (Süd- deutschland) noch verhältnismäßig großen Bestand an überalterten Wagen sei eine beschleunigte Ausmusterung zu verlangen. An den Signalen wird ebenfalls Kritik geübt. Es wird eine Ver­einheitlichung der Signalbilder gefordert. Der Ausschuß bringt „mit allem Nachdruck zum Aus­druck", daß die Herstellung eines Abstellbahnhofes mit den dazu gehörigen Einrichtungen in München „unter allen Umständen mit größter Beschleuni­gung gefordert werden muß."

Sie zahlreichen Kraftwagenunfälle auf den Wegübergängen haben den Ausschuß zu der Fest­stellung veranlaßt, daß an vielen llebergängen die unbedingt zu fordernde Uedersichtlichkeit zu wün­schen übrig läßt, ober garnicb* vorhanden ist. Hier müsse in verstärktem Maße Abhilfe geschaffen wer­den. Ser Ausschuß richtet an den Reichsverkehrs­minister als oberstes Aufsichtsorgan schließlich den Appell, „die Umgestaltung und Vereinheitlichung der Fahrdienstvorschriften entsprechend der neuen Bau- und Betriebsordnung im Benehmen mit der Reichsbahngesellschaft baldigst in die Hand zu neh­men und einheitliche Vorschriften anzustreben."

* Reichskanzler Hermann Rüttler traf in Kiel ein, von wo er sich nach Schleswig begab und fer­ner Flensburg besuchte. Am Samstag begibt sich der Kanzler nach der Volkshochschule Harrisleefekd, an deren Einweihung er teilnimmt.

* Ser neue Generalsiaalsanwatt in Berlin. Der zum Generalstaatsanwalt am Landgericht I in Berlin ernannte Oberstaatsanwalt Sr. Wilde wird Hannover, die Stätte feiner bisherigen Tätig­keit am 15. Oktober verlassen. Sie „Hannoversche Volkszeitung" schreibt zur Versetzung Sr. Wil­des: „Im katholischen Vereinsleben von Hanno­ver hat sich Sr. Wilde, gebürtig aus Krefeld, ge­boren 1875, stets sehr rege betätigt, er war auch Mitglied des Zentralaussäzusses der Zentrumspar­tei. Sie besten Wünsche begleiten ihn in seinen neuen Wirkungskreis. So ehrenvoll die Berufung für Sr. Wilde selbst ist, so sehr wird sie in Han­nover zweifellos mit gemischten Gefühlen ausge­nommen werden. Nur ungern sieht man ihn hier scheiden, denn "Sr. Wilde hat es in de» fünf Jah­ren seines hiesigen Wirkens in ausgesprochenem Maße verstanden, sich die größte Wertschätzung und das vollste Vertrauen der weitesten Kreise der Be­völkerung zu erringen. Nahm er doch weit über die Sphäre feines Berufes hinaus am öffentlichen Leben Hannovers den regsten Anteil und brachte allen Fragen, auch des Wirtschaftslebens, das leb­hafteste Interesse entgegen."

* Kein Besuch des Schahs von Persien in (Eu­ropa. Wie Reuter erfährt, wird die Nachricht, daß der Sckab von Persien in diesem Winter eu­ropäischen Städten einen Besuch abftatten werde, in Teheran amtlich dementiert.

* Entschließung der konservativen Parteikonfe­renz in England.' Sie Jahreskonferenz der Kon­servativen Partei in Parmouth wurde beendet. Sie nahm eine Entschließung an, die allen Regierungs­ämtern nahelegt, bei Lieferungskontrakten briti­schen und Reichswaren den Vorzug zu geben.

* Sie Regierungsbildung in Schweden. (Eig. Funkm aus Stockholm.) Der König hat heute den Führer der Konservativen, Admiral Lindmann, mit der Bildung der neuen Regierung beauftragt. Admiral Lindmann hat den Auftrag angenommen.

* Hohe italienische Ordensauszeichnuna für Ministerpräsident Bartet. Ser italienische Gesandte Majoni bat dem Minisfervräsidenten Prof. Bartel das Großkreuz und dos Band des Ordens vom Heiligen Mauritius und Lazarus überreicht.

* Rückreise König Alfons' nach Madrid. Ser König von Spanien hat in Begleitung des spani­schen Botschafters Paris verlassen, um sich nach Ma­drid zurückzubegeben.

* Reformen In Afghanistan. Aus Peschauer wird gemeldet: Sas Journal von Kabul meldet, daß die afghanische Regierung beschloß, ein verant­wortliches Ministerium zu bilden. Sas Blatt meint, der Augenblick sei gekommen, ein solches Kabinett zu ernennen. Sas Blatt teilt ferner mit, ein Presse­gesetz sei augenblicklich in Vorbereitung. Der da­mit betraute Ausschuß sei geteilter Meinung über die Gewährung der Pressefreiheit.

* Umwandlung chinesischer Gefandschaften in Botschasten. Sie Agentur Ido-Pacific berichtet aus Tokio: China plant, seine Gesandtschaften in Japan, Frankreich, England, den Vereinigten Staaten und Belgien in Boffchaffen umzuwan- deln. Es erwartet eine entsprechende Maßnahme für die Gesandtschaften dieser Länder in China.

*3n Rordaftika nieberaegangene Flieger müs­sen losgekauft werden. Wie aus Casablanca ge­meldet wird, sind der französische Flieger Vidal und sein Begleiter, die kürzlich in Spanisch-Ma­rokko notlanden mußten und von einem Singe» borenen stamm gefangen gehalten wur­den, nach schwierigen Verhandlungen gegen Löse­geld sreige-laffen worden. Um die Loskaufung Zweier anderer französischer Fliegeroffiziere sind seit Wochen Verhandlungen im Gange, die jedoch bisher ergebnislos gewesen sind.

* Die Zugzusmmnenstötzr bei Nürnberg werden zur dauernden Einrichtung. (Eig. Funkm.) Am 29. September gegen 1 Uhr nachts ist bei Anhalten des beschleunigten Personenzuges 848 Berlin-Mün­chen in Station Ludwig stabt dessen Zuaangs- lokomottve auf den Zug aufgestoßen. Ein Personen­wagen ist entgleist, ein Güterwagen wurde beschä­digt. Neun Reisende wurden leicht ver­letzt. Zug 848 erhielt 37 Minuten Verspätung.

vor zehn Zähren.

Traurige aber nützliche Erinnerungen.

In diesen Tagen vollendet sich das erste Sezen» nium feit der Schicksalswende des deutz'chen Volkes von 1918.

In den letzten September- und den ersten Okto» berfagen fiel die folgenschwere Entscheidung. Richt um alte Wunden aufzureißen, vielmehr einer un­begreiflicherweise auch heute noch bestehenden Un­kenntnis über die damaligen wirklichen Vorgänge entgegenzuarbeiten, die gerade in diesen Tagen von radikaler Seite wieder für eine großangelegt systematische Propaganda des Hasses gegen diesen neuen Staat nutzbar gemacht wird, sollen die nach­folgenden Sarlegungen dienen.

Wir beschränken uns ausdrücklich auf die w ö r l- liche Wiedergabe der aktenmäßig feftstehen- den Tatbestände. Rur absolut erwiesene und au­thentisch belegte geschichtliche Tatsachen werden in nachstehenden Zeilen mitgeteilt.

Sie militärische Lage im September 1918 nö­tigte zur Erwägung von Schritten für ein F r i e- bensangebot an den Präsidenten Wilson. Unter dem 21. September 1918 mel­det aus dem Großen Hauptquartier Freiherr von ß e r s n e r dem Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, daß General Ludendorff ihn, Lers- ner, gefragt habe, ob der Staatssekretär gedächte, durch' Fürst Hohenlohe-Langenburg in Bern an Amerika wegen Friedensverhandlungen heranzu­treten.

Siefer Entschluß Ludendorffs war heroorgegan- gen durch die Erkenntnis, daß die Offensive vom August 1918 gescheitert war und daß die daran ge­knüpften Hoffnungen zusammengebrochen waren. Es wurden am 29. und 30. September 1918 im Großen Hauptquartier Beratungen gepflogen, de­ren Ergebnis in einem Telegramm von Hintze an das Berliner Auswärtige Amt vom 29. Sep­tember 1918, 9.40 Uhr nachmittags, folgender­maßen festgesetzt ist:

„Bitte auf Grund Befehl Seiner Majestät und Zu­stimmung des Herrn Reichskanzlers, in Wien und Kon­stantinopel vertraulich mitteilen, daß ich vorschlage, Präsiden Wilson Frieden anzubieten auf Grund feiner 14 Punkte, und ihn einzuladen, Friedenskonferenz nach Washington zu berufen nach Aufforderung zu so­fortigem Waffenstillstand . . .

Wenn unsere Verbündeten zustimmen, würde die irt Bildung begriffene neue Reichsregieruna den Vorschlag auf geeignetem Wege an Präsident Wilson gelangen lassen, so daß der Vorschlag erst von ihr ausgchen würde".

Am 30. September 1918 telegraphiert v. Hintze:

„Gesamte Lage zwingt uns, baldigst mit Friedens­angebot an Amerika heranzutreten "

Am gleichen Tage meldet Freiherr von Lersnsr an das Auswärtige Amt aus dem Großen Haupt­quartier folgendes:

„Oberste Heeresleitung bitte von allen Veröffent­lichungen über unseren Friedensschritt Kenntnis zu. er­halten, damit F«e die 2i>w-e rechtzeitig Kenochrichtinen kann. Es besteht sonst Gefahr, daß Demoralisation eintritt."

Und nun kommt der verhängnisvolle 1. Okto­ber 1918. An diesem Tage überstürzen sich die Ereignisse. Sie Oberste Heeresleitung drängt im­mer und immer stärker auf sofortige Ab­sendung des Friedensangebotes. Statt alles andern geben wir nachstehend nur den Wortlaut der amtlichen Telegramme wieder: sie wirken ohne weitere Begleitbemerkungen erschüt­ternd.

Folgende TelegraRnne wurden am 1. Oktober 1918 aus dem Aauptguartier abgesetzt:

Großes Hauptquartier, den 1. Oktober 1918.

1 Uhr nachmittags.

Der Kais. Legationsrat an Auswärtiges Amt.

General Ludendorff bat soeben Freiherr von Grünau und mich in Gegenwart von Oberst Heye, Euer Ex^ei- lenz seine dringende Bitte zu übermitteln, daß unser Friedensangebot fofort hinausgeht.

Heute halte die Truppe, was morgen geschehen könne, sei nicht vorauszusehen.

Ich habe daraus fjingemtefen, daß es doch nichts an unserer Lage ändern könne, ob unser Angebot heute oder in den nächsten Tagen erfolge Baron Griinau wird Euer Exzellenz gleichfalls später drahten, daß er noch mit seiner Seiner Majestät Rücksprache nehme» wird.

gez. Lersner

Großes Hauptquartier, 1. Oktober 1918

1 Uhr 30 nachmittags.

An

Major Frhr. 0. d. Bussche

für den Vizekanzler von Payer.

Wenn bis heute abend 7 bis 8 Uhr Sicherheit vor­handen ist, daß Prinz Max von Baden die Regierung bildet, so bin ich mit dem Aufschub big morgen vor­mittag einverstanden.

. Sollte dagegen die Bildung der Regierung irgend­wie zweifelhaft fein, so hafte ich die Ausgabe der Er­klärung an die fremden Regierungen heute nach/ für geboten

gez. v. Hindenburg

*

Großes Hauptquartier, den 1. Oktober 1918.

2 Uhr nachmittags.

Der Kais. Wirkliche Legattonsrat an Auswärtiges Amt. Geheim.

General ßubenborff lagt mir eben in Gegenwart von Oberst Heye und Lersner, Euer Exzellenz feine dringende Bitte zu übermitteln, das Friedensangebot sofort binausgehen zu lassen und damit nicht erst bis zur Bildung der neuen Regierung zu warten, die sich verzögern könne.

Heute hielte die Truppe noch und wir seien noch in einer würdigen Lage; es könne aber jeden Augenblick ein Durchbruch erfolgen und dann käme unser Angebot im allerungünstigsten Moment. Er käme sich vor wie ein Hasardspieler, und es könne jederzeit irgendwo eine Division versagen.

Ich habe den Eindruck, daß man hier völlig die Rer- ven verloren hat, und möchte glauben, daß wir schlimm.