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Fuld aer Z ertun g

Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

Nr. 222.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter" Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatl. 1,80 einschl. Postgeb. (30 bezw. 48 Pf.), ohne Zustellg

Dienstag, 25. September 1928.

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Zahrg.55.

Um die WOW der deutschen RepmtilinWlungen

5lcht Milliarden Dollar als Schluhsumme genannt.

sangen im Bechältnis mit der Entwicklung der Sicher- heitsbedingungen ermöglichen. Sie stellt die Notwen- digkeit fest, die erste Etappe auf dem Gebiete der Her- abfetzung und Beschränkung der Rüstungen in der kür­zesten Frist zu vollenden, und nimmt mit Genugtuung Kenntnis von den Bemühungen gewisser Regierurigen, für die künftigen Arbeiten des Vorbereitenden Ab- rüftungsausschusses einen günstigen Boden vorzuberciten.

Die Bundesversammlung spricht die bestimmte Hoff­nung aus, daß die Regierungen, zwischen denen noch Meinungsverschiedenheiten über die Bedingungen für die Herabsetzung und Beschränkung der Rüstungen be­stehen, unverzügllch im Geiste größter Versöhnlichkeit und internationaler Solidarität die gemeinsamen Lösun­gen suchen, die den Erfolg der Arbeiten des Vorberei­tenden Abrüstungsausschusses ermöglichen, und gibt dem Völkerbundsrat die Anregung, den Präsidenten des Dor- bereitenden Abrüstungsausschusses zu beauftragen, sich mit den interessierten Regierungen in Verbindung zu halten, um den Stand ihrer Verhandlungen zu kennen und den Ausschuß am Ende dieses Jahres oder in allen Fällen am Anfang des Jahres 1929 einberufen zu. können."

Zur Begründung der Stimmenthaltung der deutschen Delegation gab Graf B e r n st o r f f in ihrem Namen folgende Erklärung ab:

Die deutsche Delegation hat von den Verhandlungen des dritten Dersammlungsausschusies und von der vom Redaktionskomite« dem Ausschuß vorgelegten Resolution Kenntnis genommen. Angesichts der unbestreitbaren Gegensätze zwischen dem Inhalt der vorliegenden Reso- lution und den von der deutschen Delegation dargeleg­ten Auffassungen sowie inbezug auf den Weg, den sie zu ihrer Verwirklichung ins Auge gefaßt hatte, sehen wir uns außerstande, dieser Resolution unsere Zustim­mung zu geben. Andererseits schließt die Resolution nicht sede Möglichkeit aus, zu der praktischen Verwirk- lichunq der von der deutschen Delegation dargelegten Auffassung zu gelangen. Unter diesen Umständen wird sie sich der Stimme enthalten, wenn die Reso­lution vor die VersamMluna gebracht wird und behält sich vor, bei dieser Gelegenheit eingehende Darlegungen zu machen.

Der dritte Versammlungsausschuß wird am Montag seine Arbeiten abschließen, so daß die Völ- kerbundsversammlung sich voraussichtlich a m Dienstog im Plenum mit der Abrüstungs- frage besoffen und dann wahrscheinlich am glei­chen Tage seine Arbeiten a b s ch l i e ß e n kann. Prälat Kaas, der Zentrumsvertreter in der deut­schen Delegation, hat Genf bereits verlassen und sich nach Trier begeben.

Das Marineabkommen.

In Ententekreisen hat die Erregung über den Dokumentendiebstahl, durch den das bisher so ängst­lich gehsimgehaltene englisch-französische Marine- abkommen bekannt geworden ist, beträchtliche Aus­maße angenommen. Der von der amerikanischen Hearstpresse veröffentlichte Erlaß des Quai d'Orsay enthält die Mitteilung, daß Frankreich auf die Fest­setzung einer Gesamttonnage verzichte, dafür aber die Berechtigung erhalten habe, eine unbeschränkte Zahl kleiner Tauch, boote zu bauen. Dieser Modus entspreche auch den Wünschen der japanischen Marine. Auf Englands Wunsch hin sei ferner die Beschränkung des Baues kleiner Kreuzer und der Ver­wendung üzölliger Geschütze aufgeho- den worden. Dadurch werde Englands Stärke in dieser Waffe erheblich vermehrt, da es vielmehr in Hilfskreuzer umwandelbare und für die Bestückung mit bzölligen Geschützen geeignete schnelle Dampfer besitze als die Vereinigten Staaten. In Zukunft solle nur der Bau der großen Kreuzer und der Tauchboote beschränkt sein, und man hoffe, daß auch Italien die Vorteile dieser Neurege­lung einsehen werd«.

Wie das „Journal des D-bats" berichtet, ist im Ministerium für auswärtige Angelegenheiten «ine Untersuchung eingeleitet worden,'wie das Zirkular an die französischen Botschafter in Rom, Tokio und Washington über das französisch-britische See­abkommen in die Hände einiger Pressevertreter hat gelangen können. — Die Journalisten haben der Geheimdiplomatie, dieser Mutter der Kriege, wieder einmal «inen schweren Schlag »et« etzt.

*

Aus Anlaß der Deröffentstchung der Instruk­tion, die Staatssekretär Berthelot den französischen Botschaftern in Washington, Rom und Tokio in bezug auf das französisch-britische Seeabkommen hat zugehen lassen, veröffentlicht die Agentur Ha- vas folgende offenbar offiziöse Auslassung:

Wenn man auch die Veröffentlichung diploma­tischer Dokumente durch die Presse, die nicht die Archiv« der Regierung verlassen sollten, als be- douettich ansieht, so glaubt man doch, daß sie nur Folge haben kann, die bona fides und Korrekt- sleit der englischen und der französischen Regierung ^ dieser Frage zu beweisen Die verantwortlichen Staatsmänner beider Länder haben verschiedent- "ch die wahre Bedeutung des Abkommens ausein- andergesetzt, das weder ein Uebereinkommen der großen Generalstäbe noch eine politische Abmachung T’t- "?ch irgend welche Geheiwklauseln enthält. Die ' ^EEntlichung der französischen Instruktionen »a? • erneut diele offiziellen Erklärungen, die Hwefiel gezogen werden können. Tatsäch- sich haben die französische und die englische Regie- runq wegen des Mißerfolges der letzten Seeabrii- stungskonferenz in Genf einfach geglaubt, in Ver­handlungen eintreten zu sollen, um ein Verständi­gungsterrain zu suchen, das die Wiederaufnahme der Arbeiten dieser Kommission gestatte und ihr Gelingen begünstige. Sie sind zu einem Kompro­

wtb. Paris, 24. Sept. (Eia. Funkm.) Der „Ma- tin" beschäftigt sich in einem Artikel mit der Frage, welche Summe die Sachverständigen als die Repa- rationsschuld festsetzen würden. Der „Matin" fußt dabei auf den Ausführungen des früheren Direktors der Gegenstelle der Reparationskommission und des britischen Mitarbeiters des General Dawes, Geor­ges P. Auld. Auld geht von der Normaljahres­zahlung von 625 Mill. Dollar aus, beziffert den Iahresertrag der Eisenbahn- und Jndustrieobliga- tionen auf 240 Mill. Dollar und weist auf den im Versailler Vertrag vorgesehenen Zinssatz von 5 Prozent für die Reparationszahlungen hin. Daraus, daß er etwa 25 Iahreszahlungen von 625 Mill. Dollar (einschließlich der Herabsetzung der ersten 4 Jahreszahlungen) und 40 Jahreszahlungen pon 240 Millionen Dollars der Rechnung zu» gründe legt, erkennt man, daß unter Berück'sichti» B des Zinssatzes von 5 Prozent diese einem

tal von etwa 8 Milli ard en Dollar gleich kommen Man kann also den Betrag, den der Dawes-Ausschuß von Deutschland als Beitrag für den Wiederaufbau Europas vorsah, auf 8 Millian- k ™ beziffern. Das würde bedeuten, so fügt ^er "Matin hinzu, 200 Millionen Francs. Der

Anteil zu 53 Prozent würde sich auf 106 Milliarden Francs belaufen. Festzustellen wäre noch, was Frankreich seinen Alliierten an Kriegsschulden bereits bezahlt hat und noch zu be­zahlen haben wird.

Cushendun äußert sich.

Lord Cushendun hatte bei seiner erfolgten Rückkehr aus Genf nach London eine Unterredung mit einem Vertreter des Reuterbüros, bei der er u. a. sagte:

Es gibt heute kein Weltproblem, das wichtiger wäre, als.die Abrüstung. Wenn er sich gegen die übertriebene Ungeduld wende, mit der di« Fest­setzung des Datums für die nächste Tagung der vorbereitenden Abrüstungskanferenz gefordert werde, so deshalb, weil er sich wegen genügender Vor­bereitung sorge, die vorher getroffen werden müsse, damit man gegen die Möglichkeit eines ?'^hl sch läge s geschützt sei. Die Tatsache,

*£’ ^2kh?ndun, später in der dritten Komis, siuna ^I?lkerbundsversammlung der Entschli«. SunSelIRmt ^be. daß die vorbereitende Ab- d°s nRK'LL»!«*",» »--dm

4-. , Jahres zusammentreten soll, sei em Uebe in sim^ wirklich ernstes Bemühen, zu einer iu qe änqm ^3 in Wn Angelegenheiten aenau üLeiv^ mtt feinen Wünschen auch nicht 6« beÄÄm^ Angesichts der Festigkeit hinzu habe et h 9t£rt,en’ ^gte Lord Cushendun das Ergebnis daz rugest-mmt. Wenn

der vorbereitenden ^Lber ^"ng

erweisen würde/M^^nz es sich unmöglich Abrüstungsprogramm Ueberemstimmung über em antwortlichkeit niA ^d«rn, so wurde die Der- lasten. euf der englischen Delegation

Rheinlandes besia?" Raum ung des betrachte es als einen Ashendun: Ich sich dahin geeinigt hat, L Fortschritt, daß man amtliche Verhand ln^ bestimmt festgesetzte geführt werden sollen. 9cn in M« Sache zusagen, was sich aus der"?/ »oreilig, voraus- Zusammenkommens ergeben nung, daß es von hervorrag^.^ daß diese Sache von den betim6^ Wichtigkeit tft, besprochen wird, ist selbst schien Regierungen Schritt vorwärts. Cushendun üus tatsachllcher

könne nicht sagen, wann die Verband weiter, er aufgenommm würden. Ueber di-st ^der Genf nicht verhandeü worden; aber k?1?9C Jet. m auf Wiederaufnahme der Verhandlun„? k 9

deutschen Regierung ausgehe, so müb^ bi?f™ dre Initiative dazu ergreifen. Er wog. »*-'e aussagungen machen. Viel hänge auch ^ul«Vor- ob der Sachverständigenausschuß, der si^don ab, Reparationen befaßt, in der Lage sein' ^'»-^ Plan ausfindig zu machen, der annehmbar'

Abrüstungs-Resolution.

Die vom Abrüstungsausschuß der Völkerbund Versammlung unter S t i m m e nt h a ltyn ' Deutschlands und Ungarns angenom9 mene A b rüstunqsresolution hat in" lieber setzung folgenden Wortlaut:

„Die Völkerbundsversammlung erinnert an den engen Zusammenhang, der zwischen der internationalen Sj. cherheit und der Herabsetzung und Beschränkung der n ^wht. Sie ist der Meinung, daß die gegen. NöN-^^^^'^^beltsbedingungen, wie sie durch den allem ta&V ^rch die Friedensverträge und vor Hera,bisk>,n„ 'e aus diesen Verträgen hervorgegangene durch die Rüstungen gewisser Länder sowie schon jetzt d-n Ä^I?'' Locarno geschaffen worden sind, ventinn zur Schluß einer ersten allgemeinen Kon­gen ermöglichen dsttzung und Beschränkung der Rustun- glauben, daß jhr?« ^aß ferner die Regierungen, die leistet ist, dank der nt5f ausreichend gewahr- richtsbarkeit und SiSÄ^i Komitees für Schiedsge- die zur Verstärkun»ws'cheit über neue Mittel verfugen, deren Verwirklichunggeeignet find und der guten Dienste be5 nx» ^arf^aae unter Anrufung gierüngen echofft werdm ^onn"^^" burch diese Re- ist weiter der Auffassung «r Versammlung

Herabsetzung und Beschränkung?Konventzon zur nationale Sicherheit erhöhtvnd^? "L^7 '"ter- Ausschusses der SBorbereitenben &-S

äs

miß gelangt, das den übrigen interessierten Mäch- ten enffprechend einem durchaus normalen und korrekten Verfahren mitgeteilt wurde. Dieses rein technische Kompromiß ist in keiner Weise endgültig, noch unantastbar. Es wird von den Vertretern sämtlicher interefsierten Länder auf der nächsten Seeabrüstckngskonferenz erörtert und na­türlich abgeändert werden können. Aus diesen Er­klärungen ergibt sich offenkundig, daß die englische und die französische Regierung aufgrund der ihnen zustehenden Rechte gehandelt haben zu dem aus­schließlichen Zweck, ein allgemeines Abkommen zu begünstigen, und daß die jetzige Deröffenllichung, weit davon entfernt, ihre Aktion zu behindern, nur ihren Geist der Versöhnung und Verständigung hervorhebt.

Kus russischer Quelle.

Aus Moskau wird gemeldet: Das zentrale Militärblatt Krasnaja Swesda veröffentlicht den ausführlich en Inhalt des englisch-französischen Abkommens.

Das Abkommen enthält danach sieben einzelne Abmachungen: 1. das Flottenabkommen, das auch di- Flottenzusammenarbeit im Stillen Ozean, die Aufteilung des Mittelmeeres in englische und fron» zösische Einflußsphären, die Anerkennung englischer Sonderinteressen in Gibraltar und französischer in Tanger, und die Schaffung neutraler Seezonen un­ter besonderem Protektorat des Völkerbundes um- faßt; 2. eine Abmachung, die die Zusammenarbeit der englischen und französischen .ßuftftreitträfte außerhalb der europäischen Länder sowie im Falle eines Krieges eines der vertragsschließenden Telle mit der Sowjetunion vorsieht; außerdem enthält das Abkommen eine besondere Abmachung zwischen Frankreich und England über die Zusammenarbeit der Luftstreitkräfte im Mittelmeerbecken, in dem die Rolle jedes der beiden Teilnehmer bei aktiven Mi­litäraktionen gegen das Land, gegen das diefe Zu­sammenarbeit gerichtet sein wird, festgelegt wird; als derartiges Land kann sich jedes Land, gegen das der Völkerbund vorgehen wird, oder auch die Sowjetunion erweisen; 3. enthält das Kompromiß eine Abmachung über die militärische Instruktions­arbeit in den Ländern des Orients; 4. eine Ab­machung über den Erkundungsdienst in den Län­dern des Orient einschließlich der Sowjetunion. Dies« Abmachung ist ihrem Typ. nach analog dem 1913 zwischen England und Frankreich abgeschlos- fenen Sonderabkommen über die Zusammenarbeit der Militärattaches und der Militär- und Marine- Erkundungsorgane gegen das Deuffche Reich; 5. eine Abmachung hinsichtlich ausgebildeter Reserven, in der die Nichtausdehnung der Rüstungseinfchrän- kung auf ausgebildete Reserven vorgesehen ist; 6. die Koordinierung der englischen und der fran- zösischen Politik in der Rhein- und Reparations­frage; 7. die Koordinierung der englischen und der französischen Politik auf dem Balkan und in den an die Sowjetunion angrenzenden Ländern.

Das Saargebiet.

Herve über die Abstimmung im Saargebiet.

In der „Victoire" erllärt Herve, die Volks­abstimmung im Saargebiet werde unzweifelhaft zu Gunsten Deutschlands ausfallen, und es sei klug, diesem bereits jetzt Rechnung zu tragen. Es sei deshalb Pflicht einer llardenkenden und Weitblickenden französischen Regierung, unterstützt von einer intelligenten und patriotischen Press«, an Deutschland heranzutreten und folgenden Vorschlag zu unterbreiten:

„Mir wollen für unseren Teil zulassen, daß Ihr den Anschluß Oesterreichs an Dentsch- land durchführt, aber unter einer doppelten Be­dingung, nämlich 1. ein Ostlocarno und 2. Verzicht auf die Volksabstimmung im Saargebiet int Jahre 1935, d. h. definitive Anerkennung deS gegentoärtigen staius quo, also Neutralität des Saar gebietes innerhalb des französischen Zoll­systems. ___

Derfaffungs - Stürmer.

Der Stahlhelm für Abänderung der Weimarer Verfassung.

Der Bundesvorstand des Stahlhelms, der am Samstag und Sonntag in Magdeburg tagte, um die Ziele und Wege seines zukünftigen politischen Kampfes zu erörtern, hat eine Entschließung an­genommen, in der die Bundesführung beauftragt wird, ein Volksbegehren über die Änderung der Verfassung des Deuffche» Reiches vom 11. August 1919 einzuleiten und durchzuführen.

Polittscher Zusammenstoß in Falkensee.

In der Nacht zum Sonntag kam es in Falken- ee bei Spandau zu einem schweren politischen Zusammenstoß zwischen Stahlhelmern und Reichsbanner. Im Verlaufe einer Schießerei und Schlägerei wurden fünf Mitglieder des Röichs- lanners und sechs Angehörige des Stahlhelms er- heblich verletzt. Die Ortspolizei und das ilebersallkommando in Spandau mußten eingreifen, um weitere Ausschreitungen zu verhindern. Die Falkenseer Polizei hat umfangreiche Ermittlungen angestellt, um den Sachverhalt zu flätr**.

* Der Reichspräsident hat in persönlichem in herzlichem Tone gehaltenen Schreiben den Provtn. zen Oberschlesien und Niederschlesien einen aufrichtigen Dank für den freundlichen Empfang zum Ausdruck gebracht, den er während einer Reise durch die beiden Provinzen gefunden hat.

Regierungskrisen in den Ländern.

Wie im Reich, so herrscht auch in ben Ländern und Gemeinden bei den Wahlen zu den Parla­menten das Verhältniswahlsystem. Die Folge ist, daß es auch in den Ländern und Gemeinden genau so viel Parteien gibt, wie im Reich, ja stellen oeise noch erheblich mehr. Engste Vereinsinteressen oder Gefühle persönlicher Abneigung gegen diesen ober jenen Kanbibaten vermehren bie Parteilisten. So kommt es, baß nicht nur im Reich, sonbern auch in den Ländern bie Regierungsbildung sehr schwer ist, obenbrein genügen bie geringsten Anlässe, um eine Regierung zusammenbrechen zu lassen.

In Thüringen hat ber Fall des Staats­anwaltes Dr. Frieders vor einigen Monaten eine Regierungskrise veranlaßt. Das Weimarer Kabi­nett lehnte es ab, dem Willen des thüringischen Landtags nachzukommen, und Dr. Frieders, der wegen eines angeblichen Meineides verurteilt wor­den war, zu begnadigen. Hier handelte es sich also darum, die Autorität des Parlaments gegenüber ben Männern ber Regierung wieder zur Geltung zu bringen. Zum Herold ber Parlamentsrechte machten sich bie Demokraten, benen ja auch Dr. Friebers parteipolitisch nah« stanb. Die Regierung mußte abtreten, weil bie Demokraten ihre Minister zurückzogen. Seitbem sinb nun runb zwei Monate vergangen, ohne baß bisher zu erkennen wäre, wie nun eine neue Regierung gebildet werden konnte. Die Sozialdemokraten und Kommunisten betreiben die Auflösung des Landtags, um neue Mehrheitsverhältnisse herbeizuführen. Wahrschein­lich aber würden neue Wahlen kein anderes Ergeb­nis haben, als daß, wegen der Verhältniswahl, sich bie Zahl ber Parteien noch weiter vermehrt unb die Regierungsbildung noch schwerer würbe, als sie es heute ist.

Auch in Württemberg ttiselts. Die bortige Regierung Bolz-Bazille verfügt über keine posi­tive Mehrheit im Parlament, sonbern höchstens, wenn man sich so ausdrücken darf, über eine nega­tive Mehrheit. Von ben achtzig Stimmen des Landtags besitzt sie vierzig. Daraus folgt, daß sie ein positives Vertrauensvotum nicht durchsetzen kann, da Anttäge, bei deren Abstimmung Stimmen­gleichheit vorhanden ist, als abgelehnt gelten. Miß» ttauenSanträge gewinnen ebenfalls nie eine Mehr­heit, da ja die Minister selbst ihre Stimmen gemäß ihrem eigenen Interesse abgeben. Hinter der Regie­rung in Württemberg stehen die Deutschnationalm, das Zentrum unb ber Christliche Volksdienst mit 40 Abgeordneten, gegen die Regierung bie Demo­kraten, bie Sozialdemokraten unb Kommunisten mit zusammen 36 Abgeordneten. Es ist dem Kabinett Bolz möglich, positiv zu arbeiten, solange die Deutsche Volkspartei mit ihren vier Abgeordneten burch Stimmenthaltung bie Regierung arbeiten läßt. Das hat sie bisher getan, obwohl sie sich gegen bie Bestallung des Kultusministeriums mit Bazille sehr energisch ausgesprochen hat. Der Christliche Volks- bienft mit seinen drei Abgeorbneten hält dem Ka­binett in höherem Maße die Treue, als er anfäng­lich glaubte zusagen zu können. Kurz unb gut, das Kabinett Bolz kann nur leben, solange es bie brei Abgeorbneten des Christlichen Volksbienstes ober die vier Abgeordneten ber Deutschen Volkspartei leben lassen wollen. Diese Minoritäten haben bas Heft in der Hand, eine bezeichnen!)« Illustration wieder für die so hoch gepriesene Gerechrigkeit des Verhältniswahlsystems. Neuerdings ist nun die Deutsche Volkspattei einmal wieder recht un­geduldig geworden. Ihr Führer, Abgeordneter Rath, verlangte kürzlich eine andere Einstellung des Kabinettes zu den Fragen der Gliederung der fiänber im Reich, des 8. Schuljahres und der Ver­teilung der Schullasten wie auch eine andere Ein- stellung im Verhältnis zur Kurie. Zwar lehnte es der Abgeordnete Rath ab, die Regierung zu stür­zen und eine neue Koalition mit den Sozialdemo­kraten zu erzwingen, ober er sagte, daß man solche Konsequmz nicht mehr scheuen wurde, wenn Ba­zille nicht sehr bald eine andere Kulturpolitik ein« schlage. So kriselts also auch in Württemberg, von einer Stabilität der dortigen Regierung kann nicht gesprochen werden.

In Mecklenburg-Strelitz regiert ziem­lich auf eigene Faust der Führer der Sozialdemo«, krati«, Freiherr von Reibnitz. Die Sozialdemokraten, die Demokraten und die Handwerker hüben zu­sammen bie Mehrheit. Demokraten unb Handwerker sind zu einer „Wirtschaftlichen Arbeitsgemeinschaft" verbunden. Es hat sich nun herausgestellt, daß die Sozialdemokratm sich mit ben Demokraten nicht richtig verstehen, dies aber weniger aus politischen als aus rein persönlichen Gründen. So hat denn jetzt bie Fraktion ber Wirtschaftlichen Arbeits­gemeinschaft an bie sozialbemottatische Fraktion ein Schreiben gerichtet, in bem sie sich mit ber Amts- führung des Ministerpräsibenten von Reibnitz nicht mehr eintierftonben erklärt, ihm das schärffte Miß- trauen ausspricht unb ihren Verzicht erklärt, weiter an ben Sitzungen des Staatsministeriums teilzu­nehmen. Die Sozialdemottatie möge sich ihre Mehr­heit bei der Deutschen Volkspartei, dem Bauern­bund und der Aufwertungspattei holen.

In Mecklenburg-Sttelitz herrsche also akute Re­gierungskrisis . Zwar wirkt bas gegenüber ben Reichsverhältnissen wie eine Liliput-Operette, aber was bort geschieht, ist immerhin lehrreich, ebenst lehrreich wie es die Vorgänge in Thüringen und Württemberg sind. Die Männer, welche heute die Vorarbeiten für bie Neugestaltung des Reichs urd ber Reichsverwaltung leisten, sollten boch einma' ihr Augenmerk auf biefe lächerlichen Zustande rich­ten unb Mittel ausfindig machen, die die deutsche Oeffentlichkeit von solchen schlechtgespielten Par- samentSrperetten verschonen "cfen.

* Die Reiche Dr. Brückners gefunden. Wie von amtlicher Seit« aus Schwerin gemeldet wird, wurde die Leiche des feit Dienstag, ben 18. September,