Fuldaer Zeitung
Rund um die Woche
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KLEINE ANZEIGEN
Belastung des deutschen Steuerzahlers mit Reparationszahlungen
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Die Spalten unserer Zeitungen waren eine qanze Woche voll von Berichten über die große Tagung der deutschen Katholiken in Magdeburg, auf die ich in meiner Weise auch noch einmal zurückkommen werde. Inzwischen aber möchte ich von einer kleineren Tagung ähnlicher Art erzählen, die allen Teilnehmern eine ganz seltene Freude ins Herz gegeben hat. Es waren nämlich am ersten Sonntag im September die Katholiken Thüringens in Weimar versammelt. Nicht wahr, Ihr merkt sofort, daß es über die Bedeutung eines Diasporakatholikentages hinaus eine eigene Bewandtnis damit haben muß, wenn dergleichen nun gerade in Weimar stattfindet. Wer hätte das vor Jahren auch nur geträumt, daß der Dechant jener Stadt die Versammlung der Thüringer Katholiken im Nationaltheater, ja, ja, im National- t h e a t e r, im berühmten Nationaltheater von Weimar, vor dem die beiden Dichter Schiller und Goethe die Wache halten, eine Katholikentagung würde eröffnen können mit Worten des Dankes an eine hochverehrte Generalintendanz, die diesen Raum, der die Geburt des neuen deutschen Dolks- staates sah, ohne jedes Zögern und sogar äußerst entgegenkommend den thüringischen Katholiken für ihr schönes Fest zur Verfügung gestellt hatte! Bel der Nationalversammlung bin ich nicht zu- gegen gewesen und weiß also nicht, wie würdig und wie gescheit die Gesichter derer dreingeschaut haben, die uns unsere neue Verfassung geschenkt haben Bestimmt aber haben sie nicht vornehmer und verklärter ausgesehen als die der treuen Katholiken, die aus allen Teilen des herrlichen Thüringens herbeigeeilt waren, und mit ihrer Zahl von 2000 den Raum vollkommen ausfüllten bis hoch auf die Galerien hinauf. Bestimmt war in jener Nationalversammlung auch nicht so etwas wie ein päpstlicher Kammerherr, der in der Galauniform am Dorstandstisch saß. Auch ein Bischof ist damals nicht zugegen gewesen und noch viel weniger hat er auf einem Sessel gethront, aus dem als letzter vor ihm Kaiser Wilhelm II. gesessen hat. Damals war dieser Sessel auf den Speicher gestellt worden.
Die einmütige Stimme des Glaubens erfüllte heute diesen geheiligten Raum. Auch die Klassiker draußen hatten allen Grund, mit diesen Katholiken zufrieden zu fein. Ihr Geist wurde oft genug von den Rednern beschworen, und es zeigte sich, wie mancherlei von der guten Weisheit Goethes sich mit der katholischen Art durchaus verträgt. Unser Schiller hätte wohl eine besondere Freude an jenem Mönch gehabt, der zwar kein Kapuziner, aber doch ein Franziskaner war, und der den deutschen Dichter darüber hätte belehren können, daß diese wirklichen Mönche ganz anders zu reden wissen, als der burleske Kapuziner aus dem Wallenstein, und daß ein prächtig dazwischen geworfener Kölner Witz doch weit über den Humor geht, den unser klassischer Idealismus jemals aufgebracht hat.
Gin interessantes Fest. — Thüringischer Katholikentag. — Ein pädagogisches Erlebnis. Te Deum im Nationaltheater in Weimar.
Wie wird das Wetter?
Das kräftige europäische Hochdruckgebiet erfährt auf der Rückseite eir=r zur AusbiAng ge
kommenen Tiefdruckrinne eine erneute Auffrischung und Verstärkung. Die Wetterlage wird daher nach vorübergehender Zunahme der Bewölkung ihren hette- ren Charakter wahren.
Witterungsaussichten sür Sonntag: Heiter, trocken Temperaturen tagsüber mäßig ansteigend.
2. Blatt.
Druck der Jolton Actlendruckerei, Jolda
Jndusfrie • 300Mill Mark
Fo.
M 215.
Sonntag, ven 16. September 1928.
Woher kommt das Geld in den Normaljahren
Der Fall Stmnes
wird immer tragischer. Nun hat Stinnes sämtliche Vorstandsstellen und Aufsichtsratsposten In den von ihm beherrschten Gesellschaften Yes In. und Auslandes niederlegen muffen. Das ist tue Folge | von neuen überraschenden Enthüllungen tn dieser Affäre, bei denen sich herausgestellt hat, als daß Hugo Stinnes einer internationalen Fälscher- und Betrüger, bande sich bedient hat, um deutsche Kriegsanleihe als Altbesitz aufzu- kaufenund demReichzu prasentre- r en. Es stellt sich jetzt heraus, daß Stinnes vor allem in Ungarn über Agenten sehr zweifelhaften Rufes verfügte, die im deutschen Vurgerlland von den einfachen Leuten Kriegsanleihestücke aufkauften, die dann von Stinnes als Altanleihe dem Reich zur Einlösung vorgelegt wurden. Es hat sich weiter herausgestellt, daß mit Stinnes ein interna t i o n a l e r Ho ch st a p l e r namens I sitz o r G o ld w u r m, ein geborener Rumäne, der aber falsche Pässe, die ihn als Staatsangehörigen von fünf verschiedenen Nationen auswiesen, führte, in Verbindung stand, der ebenfalls in diese Dinge verwickelt ist und der vor allem sich in der Ausnutzung des Niederganges europäischer Valuten sich betätigte. Isidor Goldwurm war Gast von Sttnnes in Berlin, wo er monatelang in den feinsten Hotels wohnte. Es hat sich ferner herausge- stellt, daß nach den bisherigen Ergebnissen,der Untersuchungen der Schaden der dem Reiche entstanden sein würde, wenn die Operationen geglückt wären, schon jetzt sich auf über 10 Millionen Mark beläuft. Die Untersuchungsbehörde hofft, daß im Laufe der nächsten Woche ein vorläufiger Abschluß der Untersuchung erfolgen kann.
groß genug sei und daß, wenn man dem Ersuchen der katholischen Organisation nachgebe dann auch andere Forderungen folgen wurden! Es istgerade kein ehrendes Zeugnis für den Mut und die Er venntniskraft des Bölkerbundsrvtes, daß er sich durch eine derartige „Begründung dazu besinn men läßt, den Antrag unter den Tisch fallen zu lassen. .
Aber bezeichnend ist der Vorgang für ben Herrn Cushendun. Er ist Ire aus dem nicht- katholischen Teil dieses Landes, em Ulster, mann. Katholisch ist für ihn der Inbegriff alles Schrecklichen. In seinem Gehirn spukt noch alles was in den Tagen des Königs Heinrich> VIII unb feiner Tochter Elisabeth gegen den Katholtz smus in England ausgebrütet worden tst. V?n Toleranz und Weitherzigkeit gibt es in einem solchen Kopf noch keine Spur. Aber Cushendun ist der mächtige Repräsentant des konservativen England. Die Tatsache eröffnet für die e u r o p a t s ch e Politik keine erfreulichen Aussichten.
Bekenntnisschule geben, wo man sich eben im Intimsten versteht.
Ein Diasporakirchlein gleicht ost Bethlehem in dem Augenblick, in dem die armen Hirten schon gekommen sind, die reichen Kömge aber noch nicht. Aber auch die armen Hirten haben ihre Lieder und iedenfalls war es etwas unvergleichlich Etnztgar- tiges, als am Schluß im Nattonaltheater von We - mar als Krönung eines ebenso katholischen wie klassischen und deutschen Festes das »Großer Gott, wir loben Dich!" erklang. Was wohl der alte Goethe dabei gedacht hat?
Der Mann im Monde.
diesem Antrag mit geradezu dürftiger Begründung, So etwas kann es doch nur in einer daß das Komitee für den Kinderschutz ohnehin schon
Der Nichtige.
Im Bölkerbundsrat stand, wie schon kurz gemeldet, in der Sitzung vom 12. September ein An- trag des internationalen Verbandes katholischer Frauenvereine zur Beschlußfassung dahingehend, daß für das Kinderschutz- Komitee des Völkerbundes eine katholische Beisitzerin aus den Reihen des bezeichneten Verbandes gestellt werde. Der internationale Verband katholischer Frauenvereine ist in 27 Nationen verbreitet und zählt über 25 Millionen Mitglieder. Berichterstatter war der Delegierte Chiles, Mllegas, der den Antrag angesichts der größeren Bedeutung des Verbandes zur Annahme empfahl.
Was aber geschah? Der Vertreter Englands, Außenminister Lord Cushendun widersprach
Bei der neuen Verhaftung in der Kriegsan- leihebetrugsaffäre handelt es sich um den Direktor des Berliner-Oesterreichisch-Deuffchen Reisebüros in der Taubenstraße 34, Leo Hirsch.
Unsere Tabelle zeigt die großen Schwierigkeiten, die uns im Jahre 1928—29 bevorstehen. Am 1. September begann das erste „Normaljahr" der Dawes-Zahlungen. Sämtliche Erleichterungen und Ermäßigungen, die uns in den Uebergangsjahren gewährt wurden, kommen nunmehr in Forffall. Während vor vier Jahren der deutsche Steuerzahler mit 15,90 Mark jährlicher Dawes-Zahlung pro Kopf belastet war, soll er künftig mehr als das Doppelte, nämlich 38,75 Mark auf bringen. Immer brechender erhebt sich die Frage, ob wir L ;e Lasten wirklich tragen können.
Wenn man so etwas sieht, bann schöpft man wirklich wieder Mut. Das um so mehr, als diese Katholiken bei aller Begeisterung ihre praktischen Aufgaben nicht vergaßen. Die eine von den zwei Hauptreden galt dem Kampfe für die Bekenntnisschule. Ich erinnere mich, wie darin manches gesagt wurde, was ich in dieser Form noch nie gehört habe. Es war nicht nur das Sprüchlein
„Wie der Acker, so die Rübchen, Wie die Väter, so die Bübchen, Wie die Mütter, so die Töchter, Doch gewöhnlich etwas schlechter", nein, es war eine ganz feine Ausführung darüber, wie sich die Religion so selbstverständlich nut dem Unterricht verbindet. Dieser Redner, der aus eigener Praxis erzählte und darum so sehr zu fesseln wußte, berichtet von einem Spaziergang, den er zwecks naturkundlichen Unterrichts mit den Schülerinnen eines Lyzeums gemacht hatte. Die ganze Klasse war auf einmal erstaunt stehen geblieben vor dem Schauspiel einiger Birkenblättlein, die sich soeben, fast unter den Augen der Schauenden noch, aus den Knospen gerollt hatten. Jeder suchte nach Ausdrücken, um ihre Schönheit zu bezeichnen. Wie zart, sagte ein McDchen, wie durchsichtig fein, ein anderes; wie unberührt, ein drittes; wie makel- los ein viertes, und wie man nun alles zusammen- fassen wollte, da sprang wie von selbst von einem Mädchenmund der Ausruf: „Wie jungfräulich schön!" Wer begreift nicht, daß auf einmal alle an Maria dachten, und wie selbstverständlich war es, daß nun unwillkürlich alle Stimmen sich ver- einigten zu dem Maienliede: „Wunderschön Präch.
Wenn man diese wohlgeschulten Chöre hörte, wenn man die Studenten sah, die in vollem Wichs die Fahnen bewachten, wenn man den Reden lauschte und das Ganze in dem künstterisch so eindrucksvollen Raum auf sich wirken ließ, dann hatte man das Gefühl einer vollkommenen Befriedigung, ja, man mußte sich sagen, daß solche Feste eigentlich nur von Katholiken gefeiert werden können, weil eben doch ein Bischof dazu gehört und eine große Form, groß genug, um echtes deutsches Wesen, klassische Bildung und christlichen Geist in einer einzigen strahlenden Einheit zusammenzufassen. Es nahmen denn auch alle, Juden wie Protestanten einen herzlichen Anteil an einem Fest, das nur der Ausdruck der eigenen Freude und Kraft, keineswegs aber irgendeiner hetzerischen Absicht war.
Unwillkürlich vergleicht man solche Feste mit anderen, wie sie heute unser Leben begleiten. Was sind da doch für Unterschiede! Es gab hier Arbeiter, und andere einfache und auch arme Menschen, die fast 300 Kilometer Bahnfahrt gemacht hatten, um dabei fein zu können. Eine in den dürftigsten Verhältnissen lebende Familie hatte seit einem hal- >ben Jahr die paar RM. zufammengespart, die ihr die Reise zum Katholikentag ermöglichten; für sie ein Vermögen. Man sah sie schon früh morgens in der Kirche, und sie hielten aus bis zum späten Abend. Leichte Unterhaltung gab es dort nicht; es ging auch kein Karussell, man sah nicht einmal Zirkus, Ringkämpfer und Boxer. Wer Herzens- glück und heilige Begeisterung, das gab es um so mehr. Und davon haben diese wenigen Tausenden mehr mit nach Hause genommen, als jene Hunderttausende, die sich so manches Mal in unseren großen Stabten heute sammeln.
Die Frage der Reparationszahlungen noch ungelöst
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Manuela.
Roman von Gustav Rehfeld
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„Das behauptet sie garnicht, Papa!"
„Kennst du sie denn?"
„Ja, ich kenne sie!" erwiderte Alexander fest.
„Ah, sie hat sich also an dich herangemacht, die Hochstaplerin! Was ihr bei dem Vater mißlang, glaubt sie bei dem Sohne mit mehr Glück durchsetzen zu können! Sie ist in ihrer Att nicht dumm, die Person!!"
„Papa, ich bitte dich, sprich nicht fo kränkende Wort- aus, die du alsbald bereuen müßtest! Die arme Frau hat in den ganzen langen Jahren ein Leben steter Arbeit geführt —"
„Das mag sie dir weismachen!"
„Das wirst du erfahren, wenn du dich nach ihr erkundigst! Nichts Edleres, nichts Würdevolleres kann es geben als eine Mutter, die sich ganz ihrem Kinde widmet, die dasselbe zu einem vollendeten jungen Mädchen erzieht
„Und die dasselbe abschickt, einen Gimpel emzufan- gen, weil ihre eigenen verblühten Reize nicht mehr ziehen dürsten!"
„Du verleumdest eine Unschuldige, Papa! Du hast nicht das Recht, in solchen Ausdrücken von einer Dame zu sprechen, die du nicht kennst!!"
„Hahaha, ob ich sie kenne! Eine Betrügerin ist die junge wie die alte!"
„Und ich sage dir, eine solche Behauptung ist deiner unwürdig!" rief Alexander, kaum noch an sich haltend.
Der Freiherr sprang wütend auf und herrschte den Sohn in maßlosem Zorn an: „Höre doch einer den Grünschnabel! Wirft sich zum Ritter eines Geschöpfes auf, das ihn zum Narren hält, wie die würdige Mama mich! Mochtest du nicht gar deinen Vater fordern, weil er es wagte, die Ehre des Fräulein Rivas anzutasten?"
Seine Ruhe endlich auch verlierend, entgegnete Alexander:
„Nenne sie doch anders! Du weißt recht gut, welcher Name ihr gebührt!"
Jiafca!"
„Die, welche du solcherweise herabziehst, ist die Komtesse Carmen Witzleben, die Tochter deines Vetters!"
„Möchtest du nicht noch hinzufügen, daß du sie liebst?" höhnte der Freiherr mit bleichen Lippen.
„Nun denn: — ja, ich liebe sie, und sie ist meiner Liebe würdig!" versetzte Alexander kühn.
„Und ttachtet nach deinem Vermögen!"
„Sie hat ein Recht auf das ganze Vermögen, welches du der Mutter wie der Tochter ungerechterweise vorenthältst! Und wenn du meinst, daß es durch den Tod des Großonkels ein Teil von dem geworden ist, welches mir — eines Tages gehören wird, so irrst du dich: — ich werde niemals zögern, meiner Kusine zu geben, was mir nicht gehört!"
„Was dir nicht gehört!" lachte der Freiherr fanatisch auf. „Sage doch lieber, daß du ihr dann alles geben mußt, was dein ist! Du denkst wie alle anderen," zischte er zwischen den Zähnen hervor, „ich sei reich, ich habe Millionen über Millionen aufgehäuft und dazu noch das Erbe deiner Mutter und deines Großonkels bekommen! Nun wohl, so erfahre denn die Wahrheit: Seit zwanzig Jahren stehe ich am Rande eines Abgrundes, — seit zwanzig Jahre halte ich mich mit Mühe über Wasser! Bodo Witzleben starb gerade zur rechten Zeit, um mir, dem zukünftigen Erben des Vermögens, wieder Kredit zu verschaffen, sonst wäre ich damals schon verloren gewesen! Und ich bin es noch, wenn du deine Bemühungen fortsetzest mir die Witzleben'schen Millionen zu entziehen!"
„Mein Gott!" rief Alexander voll Entsetzen aus.
-chaha, jetzt gehen dir die Augen auf, was?" zischte Georg von Versen unheimlich. „Aber das ist noch nicht alles! Ich hin sogar außer stände ,das Vermögen herauszugeben, — ich besitze gar nicht einmal mehr soviel! Wenn ich all mein Eigentum zu Geld machen würde, es genügte bei weitem nicht!"
„Mein Gott!" wiederholte der junge Mann, sich den Kopf mit beiden Händen haltend.
„Jetzt endlich kapierst du, was? Jetzt endlich siehst du ein, wie verzweifelt unsere Lage ist! Aber das genügt nicht, — es ist noch schlimmer! Bin ich genötigt, das Witzleben'sche Vermögen herauszugeben, so ist es auch mit meinem Kredit vorbei. — i<6 kann meinen Vervklick-
Lungen nicht mehr Nachkommen, — ich falliere, — ich mache betrügerischen Bankerott und komme vor den Strafrichter! Nun kennst du meine Lage, nun weißt du alles! Handle darnach! Entehre dich, deine Schwester, deinen Vater wegen eines Frauenzimmers, das mich übrigens noch kennen lernen soll! O, wir haben noch eine Polizei und ich weiß, was ich zu tun habe!"
14.
Mit diesen letzten drohenden Worten war der Freiherr aus dem Zimmer gestürmt und hatte seinen Sohn allein gelassen. Dieser hörte noch, wie er im Vorzimmer dem Kammerdiener zurief:
„Meinen Hut — meine Handschuhe!"
Dann war er verschwunden. Wohin ging er? Welche Tollheiten, welche Ungerechtigkeiten würde er in seinem maßlosen Zorn begehen? Zu welcher neuen Schlechtigkeit würde er sich hinreißen lassen? So fragte sich Alexander verzweifelt, sobald er sich allein sah. Doch riesengroß schoß über alle Erwägungen der Gedanke empor:
„Mein Vater ist entehrt, — meine Schwester und ich — wir sind es ebenfalls!"
Er hatte begriffen, der Unglückliche. Zwischen zwei schreckliche Alternativen gestellt, fragte er sich jetzt, wo das Recht, wo die Pflicht läge. Dort erwarteten ihn zwei unglückliche Frauen, von denen die eine seiner Rechtschaffenheit, die andere seiner Liebe vertraute. Ach, daß das Recht auch auf ihrer Seite war, daran zweifelte er nicht mehr, ttotz des Zornes, des Wütens und der Drohungen desjenigen, der beide herabzog, um ihr Eigentum für sich zu behalten!
Diese schreckliche Wahrheit, hereingcbrochen über ihn wie ein Blitzstrahl, — er wagte nicht mehr, sie offen auszusprechen, — er suchte sie sich selbst zu verhehlen. Sollte er den Vater in den Abgrund stoßen, ihn, die Schwester, sich selbst ruinieren? Kinder eines Bankerotteurs, eines Betrügers! Ah, wie das schmerzte! Und fluchtartig ver- ließ er auch das Bibliothekzimmer, das ihn so gedemüttgt, so vernichtet' gesehen hatte.
Seine Verzweiflung kannte keine Grenzen. Um wieviel größer noch würde dieselbe gewesen sein, wenn er hätte ahnen können, was diese selbe Stunde über diejenigen, die ihm das Teuerste im Leben waren, verhän- aen sollte!"
Halb von Sinnen, verließ Alexander von Versen da, Witzleben'sche Palais, suchte die Schwester auf und teilte ihr schluchzend und stammelnd, unzusammenhängend und doch schrecklich klar die ganze traurige Wahrheit mit.
Und dann weinten sie zusammen in unendlicher Der- zweiflung.
Tilli war es, die sich zuerst faßte. Mit ihrem Ta- schentuch die eigenen, dann des Bruders Tränen trocknend, sagte sie: „Alex, du darfst nicht mehr meinen, wir müssen jetzt diese traurigen, diese häßlichen Dinge besprechen, über welche wir niemand um Rat fragen dürfen. Und wenn wir sie besprochen haben, müßen wir einen Entschluß fassen!"
Das Ergebnis der Aussprache zwischen Bruder und Schwester war zunächst folgender Brief Alexanders an Frau de Rivas:
„Gnädige Frau!
Verdammen Sie mich nicht! Ich bin sehr unglücklich, doch verdiene ich Ihre Achtung nach wie vor. Doll Verzweiflung schreibe ich es nieder, das Schreckliche: — Ich sehe mich genötigt, auf Fräulein Earmen's Hand zu verzichten! Ein unübersteigbares Hindernis richtet sich zwi- schen uns auf, — weiter danf ich nichts sagen! Die Ehre verbietet mir, ein Geheimnis zu verraten, welches nicht das meine ist!
Mit blutendem Herzen ziehe ich mich zurück und verschwinde, — die weite Ferne wird mich aufnehmen wie ein Grab. Seien Sie überzeugt, daß ich, wenn irgend möglich, Ihnen eines Tages beweisen werde, daß Sie keinen ergebeneren Freund haben als Ihren
Alexander von Versen."
„So ist es gut!" lobte Tilli, als sie die Worte gelesen hatte. „Dein armes Herz wird dir jetzt um fo schwerer geworden sein!" —
Als der Brief an Manuela's Adresse gelangte, hatte diese soeben ein anderes amtlich aussehendes Schreiben erhalten, besten Inhalt folgender war:
Die unverehelichte Manuela de Rivas und ihre Tochter werden hierdurch aufgefordert, sich binnen vierundzwanzig Stunden auf dem Polizeipräsidium, Alexander- sttaße, Zimmer 26, bei Vermeidung der gesetzlichen Strafe, einzufinden. Das Kgl. Präsidium."
Eortsetzung folgt.)