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FuldaerZertung

Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

Nr. 209.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter" Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatl. 1,80 einschl. Postgeb. (30 bezw. 48 Pf.), ohne Zustellg.

Sonntag, 9. September 1928.

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55.Zahrg

Kommt es zu aussichtsreichen Räumungsverhandlungen?

Die Rebe bes Reichskanzlers in ber völkerbunbsversammlung. — (Eine pariser Konferenz in Sicht.

Wie angekündigt, ergriff Reichskanzler Müller als Führer der deutschen Delegation in Genf am Freitag nachmittag in der Vollversamm­lung des Völkerbundes das Wort. Am wichtigsten waren die Bemerkungen Müllers über die Ab» r ü st u n g s fr a g e. Er führte zu diesem Thema ause

Ls >>rgt auf der Hand, daß ein Land, das völ-

Die Regierungen müssen es über sich gewinnen, sich für einen der beiden Wege zu entscheiden, tznd es kann nicht zweifelhaft sein, auf welchen Weg oie Wahl fallen muß. wenn die Menschheit und ti)re Kultur glücklich fortschreiten sollen. Das ist Kne leere Ideologie, es ist Realpolitik im besten ^'nne des Wortes.

r^Der Rede des Kanzlers folgte starker Beifall, der nach der französischen Übersetzung fast noch '°^r wiederholte.

dem Reichskanzler sprach der kanadische dem^^rpräsident Mackenzie King, der die Be- der des Kellogg-Paktes als Konzentrierung mzrfTswegung gegen den Krieg aus dem Boden der neuen ."dssaßung und als wirksamste Kundgebung .-.Lne Wiederholung des Krieges würdigte. c^9en unterstrich er mit Nachdruck die Bor- E-nLL'-LL

fiW» 95.^ der Sitzung wartete der franzü- ptzye Außenminister Briand auf Reichskanzler

Gedanken der gr a d u a- i s e n Lösung einverstan- „ . für die Erreichung einer ersten Etappe die Voraussetzungen gegeben sind, kommt in der vorjährigen Resolution und der darin bestätigten Resolution vom Jahre 1926 unzweideu- tig zum Ausdruck. Es kommt mithin nur darauf an, die Beschlüsse der vorjährigen Konferenz zur Durchführung zu bringen. In der ersten Etappe tonn und muß erreicht werden, daß eine fühlbare Herabsetzung des gegenwärtigen Rüstungszustandes «"tritt. Ich richte demgemäß an die Bundesver­sammlung das dringende Ersuchen, sich endgAtig über die Einberufung einer ersten Entwaffnungs­konferenz schlüssig zu werden und Vorsorge dafür zu treffen, daß die technischen Arbeiten der vorbe­reitenden Abrüstungskommission nunmehr unver­züglich zum Abschluß gebracht werden.

Der Kanzler schloß: Der Mann aus dem Volke denkt, einfach und denkt deshalb richtig. Er lieft, daß die Regierungen sich feierlich auf die Erhaltung des Friedens verpflichten und er sieht andererseits, daß diese Regierungen gleichwohl an chren althergebrachten Machtpositionen festhalten und neu zu gewinnen suchen. Er liest, daß bei internationalen Verhandlungen in beredten Wor- ten das gegenseitige Vertrauen der Staaten zuein­ander proklamiert und die gegenseitige Verständi­gung der Völker als Ereignis gefeiert wird, und er fleht auf der anderen Seite, daß In der Praxis die Dinge beim alten bleiben, daß es nicht ein­mal gelungen ist, die aus dem Weltkrieg herrühren, den Schranken völlig zu beseitigen. So ist es denn nicht verwunderlich, wenn er schließlich dazu kommt, ein doppeltes Gesicht der internatio­nalen Politik zu konstatieren. In der Tat; es ist unmöglich, in der Politik auf beiden Wegen zugleich zu wandeln.

llg entwaffnet worden ist, den bisherigen Mißer- folg der Abrüstungsdebatten besonders stark empsin- bet. Mein Volk hat durch feine völlige Entwaff­nung eine Leistung ganz außerordentlicher Art vollbracht. Es sieht, daß es trotzdem aber aus dem geringfügigsten Anlaß von gewissen Stimmen des Auslandes mit den schwersten Verdäch- tlgungen und Vorwürfen überschüttet und womöglich als Feind des Weltfriedens hingestellt wird. Und gleichzeitig muß ich feftftellen, daß an- dereLänder den Ausbau ihrer militärischen Macht­mittel ungehindert fortfetzen, ohne dabei einer Kritik zu begegnen. Es muß endlich zur Erfüllung drs vertraglichen Versprechens kommen, daß der Entwaffnung Deutschlands Ne allgemeine Ab- rüfhmg nachfolgen soll. (Lebhafter Beifall in den verschiedenen TeÄen des Hauses.) Es muß endlich der Artikel der Satzung zur Durchführung gelan­gen, in dem diesem Versprechen zu einem Grundprin- zip des Völkerbundes gemacht worden ist. Ob man dabei, von Herabsetzung der Rüstung oder einfach von Abrüstung sprechen will, das macht, glaube ich, keinen Unterschied in der Sache selbst, bei der jeder­mann genau weiß, worum es sich handelt. Ich verstehe nicht, wie man daran zweifeln kann, daß ein Versagen des Völkerbundes in der Abrüstungs- ffage geradezu bedrohliche Folgen haben müßte. Der Völkerbund darf einfach an dieser Aufgabe "icht scheitern. Es darf einfach nicht dazu kom­men, daß die Hoffnungen der Völker auf das Her- annahen einer Zeit, wo nicht mehr Bajonette und Kanonen für ihr Schicksal entscheidend sind, ent­täuscht werden, daß der große Aufftieg in die Menschheit, der mit der Errichtung des Völkerbundes begonnen hat, sich in einen Abstieg verwandelt, der uns sicher auf ein tieferes Niveau des internatio- ffleir h e6ens ^hren würde, als es vorher bestand, faitm K DerIoren gegangene Vertrauen

r !?jT s n?t=beT 3u beleben fein würde.

-da) kann nicht den Einwand netten lallen daß em Problem von solcher Tragweite und Schwierig- ke't nicht in kurzer Zelt gelöst werden kann. Von der Tatsache, daß man den Besiegten des Welt- krieges gegenüber die sofortige Entwaffnung nicht für unmöglich gehalten hat, will ich dabei ganz absehen. Dagegen möchte ich betonen, daß Deutsch­land niemals das Bestreben gehabt hat, unerfüll- bare Maximalforderungen aufzustellen. Es hat sich von vornherein mit dem Gedanken der gr a d u a- l e n und etappenweisen Lösung einverstan- den erklärt. Daß aber für die Erreichung einer

Müller und vereinbarte nach kurzer Begrüßung mit ihm eine Zusammenkunft. Diese Unterredung hat abends um 7 Uhr am Sitz der deutschen Dele­gation stattgefunden. Rach Abschluß der Be­sprechung trat die deutsche Delegation zu einer Delegationssitzung zusammen.

Halbamtlich wird über die abendliche Unter­redung gemeldet: In Forfführung der vorgestrigen Besprechung zwischen dem Reichskanzler und dem französischen Außenminister über die Deutschland und Frankreich interessierenden Probleme stattete nach Schluß der Völkerbundsversammlung Briand dem Reichskanzler im Hotel „Metropole" einen Besuch ab. Im Anschluß an die Unterhaltung werden int Saufe der nächsten Tage zwischen dem Reichskanzler und den Vertretern der anderen Be­satzungsmächte Besprechungen über das gleiche Thema stattfinden, welche die gemeinsame Be­sprechung vorbereiten sollen.

Das Echo in Deutschlanb.

Wenn man davon absieht, daß die deutsch­nationalen Blätter es bedauern, daß wieder eine Gelegenheit versäumt wurde, für die Lösung der Rheinlandftage im deutschen Sinne zu werben und die unwürdige heutme Lage zu geißeln, kann man wohl von einer allgemeinen Zustimmung der Berliner Presse zu der Genfer Rede des Reichs­kanzlers Hermann Müller sprechen.

Die Deutsche Tageszeitung sagt: Das war eine deutsche Rede, aber eben auch nur eine Rede. Mel wichtiger ist das deutsche Handeln. Der Berl. Lokalanz. schreibt ähnlich: Für die zarten Ohren der Genfer delegierten hat der deutsche Reichskanz­ler viel mehr gesagt, als man dort gewohnt ist. Er hat rücksichtslos das Scheitern der Abrüstung festgestellt. Das wird ihm nicht vergessen werden. Auch nicht, wenn in Berlin die Folgerungen aus den jetzigen Genfer Verhandlungen und aus der gesamten LoearnopvlM gezogen werden müssen.

Die Deutsche Allgem. Ztg. erllärt: Reichskanzler Müller hat, das muß auch der parteipokitische Geg­ner zugeben, im Genfer Plenum eine ausgezeich­nete und deutliche Rede gehalten. Mit großer Ruhe und Entschiedenheft wurden Gedanken vor­getragen, die von dem Vertreter eines anderen

großen Staates wohl an dieser Stelle noch nie­mals mit solcher Kraft vernommen worden sind.

Die Germania schreibt: Die Unzweideutig- keft, mit der der Kanzler Deutschlands Lebens- forderungen formulierte, bestärkt unsere Hoffnung, daß et auch gegenüber den Besatzungsmächten fest bleibt und nicht etwa Zugeständnisse macht, die in Widerspruch mit den Wünschen des deutschen Vol- kes stehen. Ob fteilich diese Offenheit und dieser Bekennermut in Genf ein geneigtes Ohr findet, muß der Widerhall in den kommenden Tagen zeigen.

Die Voss. Ztg. stellt fest: Alles in allem ge­nommen, wirkte die Rede des Kanzlers ausgezeich­net. Insbesondere die Schlußsätze, in denen ener­gisch der Friedenswille Deutschlands betont wurde, sanden Widerhall in der ganzen Versammlung.

Das Berl. Tageblatt betont: Es war eine Rede, die nicht auf Wirkungen ausging und bewußt auf alle oratorischen Künste verzichtete. Eine Rede, die man lediglich um ihres Inhalts willen auf­merksam anhörte, und deren Feststellungen, maß­voll in der Form, entschieden in der Sache, nament- llch da, wo sie die Mißerfolge der Abrüstungsar- beiten und die Zwiespältigkeit der Politik gewisser Regierungen kritifierte, sehr zum Nachdenken zwan-

Der Vorwärts urteilt: Es war eine der stärk­sten und kühnsten Reden, die bisher überhaupt in Genf vernommen wurden. Die Worte, die Reichs­kanzler Müller fand, um die skandalöse Hinaus­schiebung der Abrüstungskonferenz zu verurteilen, ließen an Deutlichkeit kaum zu wünschen übrig. Von besonderer Schärfe war seine Zurückweisung der gestrigen Rede des Belgiers Hymans. Freilich nannte Müller keine Namen, aber jeder verstand sofort, gegen wen sich diese Polemik richtete. Am stärksten aber war der Schlußteil von Müllers Rede, der eine unzweideutige Anspielung auf die fortdauernde Besetzung deutschen Bo­dens bildete. Er gebrauchte dabei den in diesem Saal sehr gewagten Ausdruck von dem „doppelten Gesicht" der internationalen Politik. Diese Dinge mußten einmal in Genf gesagt werden. ES war das erste Mal, daß ein Deutscher sie aussprach, und dieser Deutsche konnte nur ein Sozialdemokrat sein.

Der Eindruck in töten.

wtb. Wien, 8. Sept. (Gig. Funkm.). Die Gen- ser Rede des Reichskanzlers Hermann Müller, besonders seine Erklärungen über die Abrüstungs- rage und die Forderung nach Einberufung einer ersten Entwaffnungskonferenz finden in der hiesi­gen Presse vo l l e Z u st i m m u n g. Die christlich- oziale „Reichspost" schreibt: Die Rede Hermann Müllers zeichnet sich vor allem dadurch aus, daß aus ihr deutlich, offen und eindrucksvoll rütfijatt» lose Ehrlichkeit spricht. Seine Worte zur Abrü- rungsfrage kann jeder ehrliche Friedensfreund nur mit Beifall aufnehmen. Eindrucksvoll waren auch die Sätze, in denen der Reichskanzler in diesem Zusammenhang über die Mission des Völkerbundes prach. Besonders wertvoll macht sie der Umstand, daß sich ein sozialdemokratischer Reichs­kanzler in ihnen in einer Weise zum Völker- bund bekannte und den Glauben an dessen Zu­kunft zum Ausdruck brachte, wie es fein Bür­gerlicher jemals ft örter getan hat.

In ähnlicher Weise äußern sich die -Wiener Neuesten Nachrichten" und die „Neue Freie Presse".

Die sozialdemokratische Arbeiterzeitung enthält sich eines Kommentars.

Der Widerhall in Frankreich.

wtb. Paris, 8. Sept. (Eig. Funkm.) Zu der gestrigen Rede Hermann Müllers in Genf schreibt der Berichterstatter des „M a t i n", die Rede sei gut aufgebaut, aber die Dinge seien nicht so ein­fach und so leicht, wie der Mann des Volkes sich gern einbilde. Es werde Zeit nötig sein, um die Massen in den anderen Ländern davon zu über­zeugen, daß Deutschland wirklich entwaffnet sei, obwohl es ein Berufsheer besitze, eine ungeheure Industriemacht, Millionen von Menschen, die den Krieg mitgemacht hätten, eine in der physischen Kul­tur und Disziplin erzogenes Volk. Nur etappen­weise könne ein materiell und geistig so ausgerüste. tes Volk die anderen davon überzeugen, daß sie abrüsten könnten.

Der Sonderberichterstatter des Petit Pa­rilien schreibt, wenn Hermann Müller den Wunsch äußert, daß das Abrüstungsproblem so schnell wie möglich eine den Willen der Völker ausdrückende Lösung finden möge, nehme er nur die These auf, die die französischen Wortführer so oft verfochten hätten. Nur in einem Punkte scheine Müller über das Maß hinaus zu gehen, nämlich, wenn er be­haupte, daß Deutschland alle möglichen Sicherheits. garantien gegeben habe und wenn er so tue, als ob er die berechtigte Beunruhigung, die der Ver­treter Belgiens zum Ausdruck gebracht habe, nicht begreife.

Der Genfer Berichterstatter des „Petit Journal" schreibt, es sei der Wunsch der in Gen: vertretenen Völker, die Abrüstungsarbeiten zu for­dern, aber habe Hermann Müller denn zum Bei­spiel die Vereinigten Staaten davon über­zeugen können, daß sie ihre Zustimmung zu dem französisch-britischen Seeabkommen geben und daß sie ihren Platz in ber vorbereitenden Abrüstungs­konferenz wieder einnehmen? Im übrigen nennt der Berichterstatter die Rede geschickt und ener­gisch-

„Ouotidien" vertritt den Standpunkt, daß die Klagen, die Hermann Müller vorbrachte, in gewis­ser Beziehung berechtigt seien. Der Entwaff­nung Deutschlands hätten die übrigen Völker in der Abrüstung folgen müssen, zu der die großen Natio­nen, wie es scheine, auch unter Einschluß der Ver­einigten Staaten, noch nicht geneigt* seien.

„Ere Nouvelle" sagt: Indem der Reichskanzler die Abrüstung fordert, bleibt er seiner Parteidok­trin treu, ohne feiner eigenen Meinung untreu zu werden. Es ist unmöglich bei Müller Ja und bei Deutschland Nein zu sagen. Es ist uns aber nicht verboten, alles, was berechtigt ist, anzunehmen in den Forderungen, die der Reichskanzler sich berech­tigt glaubt, im Namen Deutschlands vorzutragen.

„Gaulols" lehnt die Rede Müllers namentlich hinsichtlich der Abrüstungsfrage ab und schreibt: Müller drückt sich aus wie Litwinoff. Das genügt, damit das Auditorium von Genf feinen Worten nicht mehr Bedeutung zumißt als ihnen zu­kommt.

Die Besprechung dervesatzungsmächte

wtb. London, 8. Sept. (Eig. Funkm.). Dem „Daily Telegraph" wird auf Genf gemeldet: In der gestrigen langen Besprechung, die zwischen Briand (Frankreich), Cushendun (Enoland, Scia- loja (Italien), Hymans (Belgien) statffand, sei die Lags erörtert worden, die durch das Ersuchen des Reichskanzlers um dis Rheinlandräumung entstan­den ist. Die genannten Delegierten wünschten an­scheinend alle, daß Verhandlungen mit der deut­schen Delegation in der nahen Zukunft be­ginnen, seien jedoch entschlossen, weder privat noch in Anwesenheit des Reichskanzlers zufarnmen- zukommen, solange der Kanzler nicht formell seine Anregungen und Vorschläge zu ihrer Kenntnis ge- bracht hat. Eine zuständige Autorität habe erklärt, der Kanzler sollte von sich aus den Plan wieder aufnehmen, den Stresemann1926 in Thoiry ausein­andergesetzt hat.

wtb. Parls„ 8. Sept. (Eig. Funkm.). Der Genfer Berichterstatter des „Oeuvre,, will ein Ur­teil Driands über die gestrige Rede des Reichskanz­ler DLüllers wiedergeben können. Briand habe sich, so behauptet der Korrespondent, dahin geäußert, dqß die Rede des Reichskanzlers angesichts ber Lage, in der er sich befindet, und angesichts seiner Parteizugehörigkeit nicht anders ausfallen konnte. Im übrigen, schreibt bas Blatt, man rounbere sich, in der Rede Müllers nichts von ber Annahme ber internationalen Kon­trolle zu finben, ohne bie eine Einschränkung ber Bewaffnung nicht denkbar fein werde.

Rheinlandkonferenz in Paris?

wtb. London, 8. Sept. (Eig. Funkm.). Reuter berichtet aus Genf, dort herrsche allgemein die Ansicht, daß etwaige Rheinlandbesprechungen nicht endgültiger Art seien und nur zur Schaffung einer gemeinsamen Grundlage für Verhandlung en führen werden, bie wahrscheinlich in Paris statt- flnbcn werden.

Die Hbrüstungsberatuugen.

wtb. Paris, 8. Sept. (Eig. Funkm.). Dem „Oeuvre" wird aus Genf gemeldet: Frankreich sei nach Abschluß des französisch-britischen Seekom- promisses fest entschlossen, gegen jede Oppo­sition die Einberufung des Abrüst» U n o <-" u - s ch u s se s für Anfang Dezember und die der allgemeinen Abrüstungskonferenz für Mitte bes kommenden Jahres zu fordern.

Der Traum bes Proletariers.

Bon Dr. Jos. Albert.

Das Feuer und ber Eifer, mit dem seit 1918 bie Sozialpolitik nach allen Richtungen betrieben wurde, konnte sich doch nie in jenen Dingen ganz erschöpfen, die wir mit Lohnerhöhung, Arbeits- teilung, Versicherungen, Hygiene u. ä. bezeichnen. All diese Dinge erfordern in ganz hohem Maße bas Augenmerk der Führer, aber bie erfolgreichste So­zialpolitik war bis jetzt nicht in ber Lage, jenen Traum bes einfachen Mannes zu verwirklichen, ber zutiefst in feiner Seele liegt, den Traum, der die menschenwürdige Anerkennung jeder Persön­lichkeit und Existenz auf dieser Erde ersehnt. Diesen Traum haben die, die „im Schatten woh­nen", in allen Jahrtausenden gehabt, und sie hatten ihn am lebendigsten in jener Periode, in der bie Hochkultur der Nationen schon überschritten und die Dekadenz, die Zivilisation in Kraft war. Ganz natürlich. Denn in dieser Periode erweiterte sich für den Blick des einfachen Mannes die erstrebens­werte „schönere Welt" ins Riesenhafte. Das Leben warf seine Netze aus und schillerte in allen Far­ben. Wie weit ber Abstand war von dieser ele­ganten Welt!

Die Moderne hat eine bequeme Bezeichnung für bie beiden Exponenten unserer Zeit — für die „da unten" und die „da oben" gesunden. Sie ge­braucht die Formel: Proletariat und Intelligenz. Um die Kluft zwischen beiden zu überbrücken, sind viele Abhandlungen geschrieben worden. Sie gip­feln hauptsächlich in zwei Forderungen. Einmal, daß der Intelligente sich nicht als Uebcrlegener vom Volke abkehren, sondern unter das Volk gehen, feine Nöte studieren und sich als Helfer und Bera­ter erweisen solle. Die Forderung wird in erster Linie aus menschlich denkenden akademischen Krei- fen selbst erhoben. Nicht zuletzt von jenen, die als Werkstudenten sich emporgearbeitet haben, und heute, da sie ihre beruflichen Ziele erreichten, am besten wissen, wie es da unten aussieht. Die zweite Forderung, bie am meisten von ber anderen Seite, also den Vertretern der proletarischen Schicht, von Gewerkschaftsführern und Organisatoren erhoben wird, geht dahin, daß der Proletarier sich aller möglichen Bildungsmittel bedienen müsse, um von sich aus bas Ersehnte zu erreichen und den Abstand zwischen oben und unten zu verringern. Volkshoch, schulen, Abendkurse und dergleichen waren ja ber Ausfluß dieser Idee, und mancher Proletarier hat sich eine Fülle von Wissen erworben.

Beide Forderungen, die in hundert verschiedenen Arten wiederkehren, sind an sich gut. Ader beide übersehen dennoch ein zweifaches. Sie scheiden erstens auf ber intellektuellen Seite nicht ben Schein von der Wahrheit, und zweitens überschätzen sie den Wert des reinen Intellektualismus. Um das Wesentliche des Problems herauszufinden, muß man zunächst fragen: ist es möglich, daß der e h r- liche Proletarier gegen den ehrlichen pflicht- getreuen Intelligenten einen Kampf führt? Dis Frage ist zu verneinen. Der Kampf und die Ab­neigung des Proletariers geht nicht gegen den In- tellektuellen als solchen, denn jeder Arbeiter weiß, daß der Geist eine starke, bewegende Kraft im menschlichen Dasein ist, die für die Allgemeinheit Werte vorausberechnet, die sonst nie gefunden wür­den. Der Akademiker, der bescheiden und gewissen- haft seinem Berufe lebt, wirb ebenso selten eine Angriffsfläche für den einfachen Mann bieten wie der gewissenhafte und menschwürbig auftretende Industrielle. Selbst diejenigen, die der Meinung sind, daß das Geld eine gleiche Verteilung auf der Erde haben müsse und die darum den Reich, begüterten unb Kapitalisten hassen, machen in ihrem Hasse doch vor diesen gewissenhaften Typen Halt.

Wogegen richtet sich also ber Kampf? — Er richtet sich zuerst unb zumeist gegen allen schein, baren Besseren unb unb gegen alle, bie ihre materiellen unb geistigen Güter dazu benutzen, sich ostentativ als besser auszugeben. Diese Säte, gorien sind die ärgerniserregenden und repräsen. tieren gleichzeitig bas Gros der heutigen Jnfla- tionsintelligenz. Gegen sie richtet sich bas Prole­tariat wie überhaupt jeder anständig empfindende Mensch. Also gegenbieScheinkultur un. serer Zelt. Dadurch gewinnt die Bewegung aber eine moralische Berechtigung, und es ist Zeil, baß den verworrenen Gefühlen und ©ebantengän« gen der sich gegen das „oben" aufbäumenden Menschheit endlich überall diese eine klare Richtung gegeben wirb. Nicht um einen bebauernsroerten Volkshaß zu schüren, sondern um bas instinktmäßig Gute, bas in der Bewegung steckt, gerade von einem Haß gegen das wirklich Bessere in der Welt abzulenken unb es gegen die unlautere Scheinhaf- tigteit zu mobilisieren. Auch nicht einmal als Haß gegen die bebauernsmerten Träger dieser Scheinkultur, sondern als Kraft zur Abwendung unb Verachtung ber scheinhaften Dinge.

Das eigentliche Reich des Geistigen wirb von einer bestimmten Menschenschicht degradiert. Man sieht täglich diese Typen ber Modernen, die sich als „intelligente" Menschen präsentieren, ohne es in Wahrheit zu sein Mr kennen diese angelernten Gesten, dieses „Auftreten", diese vielen Blasierten, die merken lassen, daß es nichts Neues für sie auf ber Welt mehr gibt, und daß sie über diesen da unten stehen, wir kennen diese „Helden" unserer Tage, bie auf irgendeinem Gebiet einen Rekord geleistet haben und nun sich so gebärden, als gäbe es nichts anderes und Ebenbürtiges mehr auf die» er Welt. Sie verstehen mit guter Geste sich ben Mantel ber Intelligenz umzuhängen, auch wenn ihre Leistung nur eine Probe der robusten Kraft war. Die Scheinintelligenz unb bie Ueberheb» llchkeit begegnet uns auf allen Straßen, sie steht auf öffentlichen Plätzen, sitzt In Cafes unb Thea-