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Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

Nr. 199.

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Mittwoch, 29. August 1928.

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Sö.Zahrg.

Der Weg zum Frieden

Zur Unterzeichnung des Uellogg-paKtes in Paris.

Von Dr. Waldemar Stein

In Paris erfolgte die Unterzeichnung des Kel- logg-Paktes, in dem die größten Nationen der Welt erklären,

„daß sie die Inanspruchnahme des Krieges als Lösung internationaler Streitigkeiten verurteilen und auf ihn als Werkzeug staatlicher Politik in ihren Beziehungen zueinander verzichten."

Nach einem Krieg, der die halbe Welt heimge­sucht und Millionen von Toten hinterlassen, will man versuchen, sich von diesen Methoden der Bar­barei für immer abzuwenden. Die Tatsache, daß die namhaftesten Nationen an der Wiege dieses Friedenswerkes stehen, läßt erkennen, wie sehr die Völker von der Sehnsucht nach dauerndem Frieden erfüllt sind. Immer wenn schreckliche Kriege vor- hergegangen sind, ist der Ruf nach Frieden am stärksten gewesen.

Der Krieg ist so alt wie die Menschheit, er ist immer dabei gewesen, so lange das Leid über die Erde geht. Auf allen Blättern der Geschichte be­gegnen wir seinen blutigen Spuren, ebenso wie dem tiefen Sehnen nach Frieden, nach einem gol­denen Zeitalter, das im Traume der Völker lebt feit den Atesten Zeiten.

Wie stark und eindringlich klingt diese Sehn­sucht aus den Psalmen der Propheten des Alten Testaments. Jsaias sieht den „Berg des Hauses Gottes über allen Bergen, und er wird ragen über alle Hügel, und ihm werden zuströmen alle Völker. Und viele Nationen werden gehen und sprechen: Auf laßt uns hinaufziehen zum Berge Gottes, zum Haufe des Gottes Jakobs, daß er uns feine Wege lehre, daß wir in seinen Pfaden wandeln, denn von Zion geht die Lehre aus und das Wort Gottes von Jerusalem. Und er wird richten zwischen Völ­kern und entscheiden zwischen vielen Nationen und sie werden umfchmieden ihre Schwerter zu Sicheln und ihre Lanzen zu Rebenmessern, nicht mehr wird ein Volk gegen das andere das Schwert erheben und sie werden den Krieg nicht mehr lernen."

Diese beseligende Erwartung des goldenen Zeit­alters findet man bei allen Völkern des Altertums. Fast immer knüpft sie sich an die Person eines Friedensfürsten, der fein Volk aus Kampf und Not hinausführt in das Gottesland des Friedens. Die Perser träumten von einem großen König, der sei­nen Speer über die ganze Welt hält, den Gottes­garten Wara anlegt und dort sein Volk ansiedelt, um es vor Krieg und Leid für immer zu bewahren. D? Sehnsucht der Inder geht nach Verunas, dem »,Tausendäugigen", der mit goldenem Wagen die Hunmelsweiten durchfährt und den Völkern den I^eden bringt. Bei den alten Germanen knüpfte sich der Traum nach einem seligen Weltenfrühling «u tCu<?nnen9°tt Baldur, der Beidablick zu seiner Menschen ist^ Unb ein Liebling der Götter und

kriegerprobten und sieggewohnten , °m£.rn leuchtete das goldene Zeitalter in Kampf di-Schien das Zeitalter des Augustus ble*er Aeit, so glaubte man in dem sebe! (Sin ?ri£« cUrr Hoffmmg Erfüllung zu S J?e'n Friedensruf ging durch die unermeß- lichen Weiten des römischen Reiches: Die Waffen Folien ruhen, die Volker keine Kriegssteuern mehr zahlen, dem Pflug (oll der Stier gehören, dem Frieden soll das Roß geboren werden, nirgends sei der Kampf unb keines Krieg« wollen wir fortan . Er ließ seine Legionen in Aegypten Stra&en bauen, <m der Donau SpnhXp®nwe,bef?Iber beackern, in Südgallien glanzen. Aber nur kurze Zeit bestand iieses F-redens werk und schließlich wurde Probus chlagen^" ben ""Zufriedenen Kriegsknechten er-

Der Gedanke an das goldene Zeitalter, das ein- mal kommen werde, hat auch im Mittelalt in Sage und Lied seine sehnsuchtsvollen Spuren hin­terlassen. Immer in Zeiten des Krieges und der Not klammerten sich die Völker an Hoftnunaen und Prophezeiungen, wie sie in der Sage von der Schlacht am Birkenbaum und dem großen Frie- densfürsten bis in unsere heutigen Tage sich erhal- ten haben. Die Zeit der Wiedertäufer, wie der Bauernbewegung, der englischen Revolution von 1642, die französische Revolution von 1789, wie die russische Revolution in unserer Zeit erhielten ihren inneren Antrieb durch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Immer hat es auch Mächte und Männer ge­geben, die sich bemüht haben, dem Friedenssehnen Erfüllung zu geben. Der Völkerbunds - Gedanken hat auch schon in früheren Jahrhunderten edle Geister entflammt und zur Tat getrieben. Es sei nur erinnert an die Schaffung des Gottesfriedens im Mittelalter, um den sich namentlich der edle Abt Odilo von Clugny Verdienste erworben hat. Die Treuga Dei, der Gottesfrieden, hatte schließlich von Frankreich, Italien, Spanien, England und Deutschland Besitz ergriffen. Darnach sollte an allen Lschlichen Hauptfesten und in jeder Woche vom ^klstwoch abend bis Montag früh (in Deutschland

Freitag, in England von Samstag an) alle walttaten verpönt sein. Heinrich IV.. Frankreichs Srofier König, von dem das bekannte Wort stammt, £2?’cl*r Dauer des Sonntags sein Huhn im Topf 2?,Jn Ale, plante gemeinsam mit seinem Minister vuuy dle Gründung eines christlich - europäischen Staatenbundes zur friedlichen Schlichtung ent- standener Streitigkeiten. Ein oberster Friedens- MNat sollte an ber Spitze stehen und nur eine

Streitmacht gehalten werden, um die Staaten ge­gen Russen und Türken zu schützen.

Groß und zahlreich waren auch die Erfolge, die von jeher das Papsttum für den Frieden errungen hat, oft ist die Kirche bitrd) ihre vermittelnde Tä­tigkeit zum Retter ganzer Länder geworden. Hat nicht Leo I. den Hunnenkönig Attila von Rom ferngehalten, war es nicht Innocenz, der Rom vor dem Westgotenkönig Alarich gerettet hat? Gregor der Große hat bei dem Longobardenkömg Arnulf vermittelt und Leo IV. Rom von der Sarazenen- Herrschaft befreit. Wer denkt nicht auch an die edlen Bemühungen, die Benedikt XV. im Weltkrieg für den Frieden bewiesen hat? Sein Werk, für das er mit hingebender Vaterliebe gearbeitet und gelebt, ist leider erfolglos geblieben. Die furcht­bare Kriegsfurie raste bis zum schrecklichen Ende. Unter dem tiefen Eindruck ihrer blutigen Jahre ha­ben sich jetzt die Völker der Erde zufammengefun- den, um den Krieg auszuschalten aus der rnensch- lirfjen Kultur. Ob ihr Werk glücklicher und dauer­hafter sein wird, als die in vergangenen Jahr­hunderten, das steht noch dahin. Eines ist wichtig: die Entscheidung über Krieg und Frieden ist nicht mehr in die Hände Einzelner, sondern der Völker gelegt. Der Weg über Locarno, Genf und Paris soll dahin führen, da sie dieses Gut immerdar zum Segen verwalten.

Der Text des Paktes.

Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ....

tief durchdrungen von ihrer erhabenen Pflicht, die Wohlfahrt der Menschheit zu fördern.

in der Ueberzeugung, daß die Zeit gekommen ist, einen offenen Verzicht auf den Krieg als Werkzeug nationaler Politik aus­zusprechen. um die jetzt glücklicherweise zwischen ihren Völkern bestehenden friedlichen und freund­schaftlichen Beziehungen dauernd aufrechtzuerhalten, in der Ueberzeugung, daß jede Veränderung in ihren gegenseitigen Beziehungen nur durch fried­liche Mittel angestrebt werden und nur das Ergebnis eines friedlichen und geordneten Ver­fahrens sein sollte und daß jede Signatarmacht, die in Zukunft danach strebt, ihre nationalen Inte­ressen dadurch zu fördern, daß sie zum Kriege schreitet, dadurch der Vortelle, die dieser Vertrag gewährt, verlustig erllärt werden sollte,

in der Hoffnung, daß, durch ihr Beispiel er­mutigt, alle anderen Nationen der Welt sich diesem im Interesse der Menschheit gelegenen Bestreben anschließen werden und durch ihren Beitritt, zu diesem Vertrage, sobald er in Kraft tritt, ihre Völker an seinen segensreichen Bestimmungen teil­nehmen lassen werden, und daß sich so die zivili­sierten Nationen der Welt in dem gemeinsamen Verzicht auf den Krieg als Werkzeug ihrer natio­nalen Politik zusammensinden werden,

haben beschlossen, einen Vertrag zu schließen, und zu diesem Zweck zu ihren Bevollmächtigten ernannt: . . .

die nach Austausch ihrer in guter und gehöriger Form befundenen Vollmachten die folgenden Artikel

vereinbart haben:

Artikel 1.

Die Hohen Vertragschließenden Parteien erklären feierlich int Namen ihrer Völker, daß sie den Krieg als Mittel für die Lösung internationaler Streit­fälle verurteilen und auf ihn als Werkzeug natio­naler Politik in ihren gegenseitigen Beziehungen

verzichten.

Artikel 2.

Die Hohen Vertragschließenden Parteien ver­einbaren, daß die Regelung und Entscheidung aller Streitigkeiten oder Konflikte, die zwischen ihnen entstehen könnten, welcher Art ober welchen Ur­sprungs sie auch sein mögen, niemals anders als durch friedliche Mittel angestrebt werden soll.

Artikel 3.

Dieser Vertrag soll durch die in der Präambel genannten Hohen Vertragschließenden Parteien ge­mäß den Vorschriften chrer Verfassung ratifiziert ?^tb®n und soll zwischen ihnen in Kraft treten, r 5IIe Ratifikationsurkunden in Washington hinterlegt worden find.

nachdem er gemäß dem ä Kraft getreten ist, solange aL notmenbig für den Beitritt aller anderen Mächte Welt offen stehen Jede Urkunde über den Beitritt einer Macht soll m Washington hinterlegt werden, und der Vertrag soll sofort nach der Hin­terlegung zwischen der so beigetretenen Macht und den anderen an ihm beteiligten Mächten in Kraft treten.

Die Regierung der Vereinigten Staaten ist ver- pftichtet, jeder in der Präambel genannten und jeder später diesem Vertrage beitretenden Regie­rung eine beglaubigte Abschrift des Vertrages und jeder Ratisikationsurkunde oder Beitrittserklärung zu übermitteln.

Die Regierung der Vereinigten Staaten ist ferner verpflichtet, diese Regierungen sofort telegraphisch von der bei ihr erfolgten Hinterlegung jeder Rati­fikationsurkunde ober Beitrittserklärung in Kennt­nis zu setzen.

Zu Urkunb besten haben bie Bevollmächtigten diesen Vertrag in französischer und englischer,

Sprache, wobei beide Texte gleichwertig sind, un- terzeichnet unb ihre Siegel baruntergesetzt.

Geschehen in Paris am 27. August tm Jahre Emtausenbneunhundertundachtundzwanzig.

Die Unterzeichnung.

Sitton um V-3 Uhr, eine Halde Stunde vor dem offiziellen Beginn der Feierlichkeit, erfolgt die Auf­fahrt der Delegierten. Als erster betritt Kellogg das französische Außenministerium, von einem Stab diplomatischer Attaches und uniformierter Huissiers in Briands Arbeitszimmer geleitet, wo sich die Au­ßenminister unb Bevollmächtigten versammeln. Einer der letzten ist Stresemann, von dem Bot­schafter v. Hoesch bis ins Vorzimmer geleitet.

Der Uhrensaal, in dem die Unterzeichnung statt- findet, und bie angeschlossenen Salons haben sich inzwischen mit den geladenen Gästen gefüllt. In der ersten Sitzreihe hat P o i n c a r 6 zwischen Frau Kellogg und seiner eigenen Frau Platz genommen, rechts und links non ihm die Mitglieder des fran­zösischen Kabinetts; hinter ihm das diplomatische Korps unb bas vollzählich geladene Personal der fremden Missionen.

Auf einem kleinen Tischchen liegt der Vertrag aufgeschlagen, in ber Staatsdruckerei auf handge­schöpftem Büttenpapier gedruckt, ein typogra­phisches Meisterwerk, in prächtigen gold­verzierten Leberdeckeln gebunden. Der Text in Englisch und Französisch füllt drei Seiten; die vierte Seite ist frei für die Unterschriften unb die wächser­nen Siegel.

Auf den Glockenschlag 3 Uhr erfolgt in feier- lichem Aufmarsch der Einzug der Bevollmächtigten. Hinter dem Schweizer vom Vestibül und zwei Huis­siers mit gezogenem Degen folgen Briand und die vierznh Delegierten in ber vom Protokoll festge­legten Reihenfolge; Stresemann als erster, Benesch ber Außenminister der Tschechoslowakei, als letzter. Im Saal hat sich alles von den Sitzen er­hoben, während die Vertreter ber fünfzehn Na­tionen in ber gleichen Reihenfolge, wie sie gekom­men sind, am roten Tisch Platz nehmen. Acht riesige Scheinwerfer beginnen ihr Spiel, tauchen den Saal in eine Flut weißen Lichtes. Ein halbes Hundert Photographen und Kino-Operateure ist in Tätigkeit getreten, um auch bie kleinste Phase der Zeremonie ber Mit- unb Nachwelt zu erhalten.

Zur Rechten Briands nahm Reichsaußenmini. fter Dr. Stresemann, zu feiner Linken Staats­sekretär Kellogg Platz. Sofort erhob sich Briand und verlas eine Rede, die schweigend angehört wurde. Die Stellen seiner Ausführungen, in denen er die Tendenz des Paktes kennzeichnete, wurden in besonders feierlichem Tone vorgetragen. Alsdann wurde eine englische Uebersetzung der Rede Briands von dem Dolmetscher des Quai d'Orsai, Camerlink, verlesen. Darauf erhob sich Briand nochmals, um den Text des Paktes in französischer Sprache zu verlesen. Hierauf trug ebenfalls Dolmetscher Ca­merlink die englstche Uebersetzung des Paktes vor. Unmittelbar darauf forderte Briand die Bevoll­mächtigten der Erftunterzeichnung auf, in alphade- tkfcher Benennung den Pakt zu unterzeichnen. Es unterzeichnete zuerst Reichsaußenmivister Dr. Stre­semann für Deutschland, und dann folgten: Staats­sekretär Kellogg für Amerika, Briand für Frank­reich, Lord Eushendun für England, Senator Mar- chan für Australien, Premierminister Mackenzie King für Kanada, Oberkommissar Sir C. V. Parr für Neuseeland, Oberkommisfar Smith für die Süd­afrikanische Union, Außenminister Hvmans für Bel- oien, Botschaftsrat Manzoni für Italien, Lord Eushendun für Indien. Eosgrave für Irland, Graf IIchiba für Japan, Außenminister Zalefki für Polen und Außenminister Benesch für die Tschechoslowa­kei. Bei jeder neuen Unterzeichnung wurde von den im Saale Anwesenden Beifall geklatscht. Als­dann begaben sich die Bevollmächtigten in den Sa­lon de la Rotonde, wo ihnen ein Tee serviert wurde.

was Briand sagte.

In der Begrüßungsansprache, die Außenmini­ster Briand im Uhrensaal des Quai d'Orsay hielt, heißt es u. a.:

„Meine Herren! Ich bin mir vollauf bewußt, daß eine Feieevlichkeit wie diese durch Schweigen gewinnen würde Ich möchte lieber, ohne viele Worte zu machen, jeden von Ihnen sich einfach im Namen seines Landes erhöben sehen, um feine Unterschrift unter die bedeu­tendste aus dem Frieden geborene Kollektivatte fetzen zu sehen. Mer ich würde Frankreich gegenüber meiner Ausgabe mich schlecht entledigen, wollte ich nicht sagen, wie geehrt es sich dadurch fühlt, die Delegierten zwecks Unterzeichnung eines allgemein en Paktes zur Aechtung des Krieges zu empfangen.

Wenn man als Ehrentitel die moralische Stellung, die sich Frankreich durch seine ständigen Bemühungen im Dienste des Friedens geschaffen hat, anerkennen wul, jo nehme ich eine derartige Ehrung im Namen der Regie­rung der französischen Republik an und gebe der Genug, tuung meines ganzen Volkes Ausdnick, das glücklich ist, sich endlich im Innersten seiner nationalen Psyche ver- ftanben zu fühlen. , ,

Indem ich Sie willkommen heiße meine Herren, be- glück wünsche ich mich dazu, hier mit Ausnahme derer, die durch Gefundheitsrücksichten oder durch die auf ihnen lastenden Obliegenheiten gebieterisch ferngehalten wur- den alle Staatsmänner zu sehen, die m chrer Eigen­schaft als Außenminister persönlich an der Schöpfung, Vorbereitung oder Ausarbeitung des neuen Paktes mit teilqenommen haben.

Wir schulden besonderen Dank denen, die sich der Mühe einer langen Reise unterzogen, um an dieser Kundgebung teilzunehmen. Ich zweifle nicht daran, daß sie sämtlich bereit sind, sich mir im gleichen Gefühl der Dankbarkeit gegenüber demjenigen unserer Kollegen anzuschließen, der nicht zögerte, uns hier M der vollen moralischen Autorität seines Namens und des großen von ihm vertretenen Landes die Versicherung seines Glaubens an die Bedeutung des Paktes, den wir unter­zeichnen werden, zu überbringen. Unter uns im glei­chen Saale sitzend, in dem fein berühmter Vorgänger,

Präsident Wilson, bereits an den Friedensarbeiten im hohen Bewußtsein der Rolle seines Landes teilnahm, kann der verehrte Herr Kellogg mit gerechtfertigtem Stolz den ganzen so durchlaufenen Weg ermessen, seit­dem wir beide die Möglichkeit dieses gewaltigen diplo­matischen Beginnens prüften. Niemand war mehr qua­lifiziert, an der heute zu gutem Ende geführten Ver­handlung den hervorragenden Anteil, der ihm zukommt, unb ber ihm stets in der Erinneruna ber Menschheit zu Ehren gereichen wirb, zu übernehmen. Sein Opti­mismus und feine Zähigkeit haben über den menschlichen Skeptizismus den Sieg davongetragen. Seine Loyali­tät und fein ehrlicher Glaube und der gute Wille, mit dem er durch klare und deutliche Erklärungen berech­tigte Besorgnisse zu zerstreuen sich bemühte, haben 'hm das Vertrauen aller Teilnehmer eingetragen. Sun Klarblick endlich hat ihm gezeigt, was man von den Re­gierungen erwarten kann, die durch eine aus der Tiefe kommende Sehnsucht der Völker geleitet werden.

Kann der zivilisierten Welt eine bessere Lehre gebo­ten werden als dieses Schauspiel einer Zusammenkunft, in der zur Unterzeichnung eines Paktes gegen den Krieg Deutschland aus freien Stücken und ohne Zögern zwischen fämilichen anderen Signataren, seinen früheren Gegnern, Platz nimmt? Gibt es noch eine schlagendere Illustration, wenn auf diese Weise dem Vertreter Frank­reichs. der zum erstenmal feit mehr als einem Jahrhundert einen deutschen Außenminister auf dem Boden Frankreichs empfängt, Gelegenheit gegeben wird, ihm den gleichen Empfang zu bereiten, wie all feinen ausländischen Kollegen? Ich füge hinzu, meins Herren, da dieser Vertreter Deutschlands Stresemann heißt, kann man glauben, daß ick besonders glücklich bin, dem ausgezeichneten Geist unb Mut bes hervorragenden Staatsmannes Anerkennung zu zollen, ber während breier Jahre nicht gezögert hat, sich unter feiner Verant­wortung dem Werke der europäischen Zusammenarbeit für die Aufrechterhaltung des Friedens zu widmen.

Meine Herren! Da ich mich habe verleiten lassen, Namen zu nennen, werden . Sie es mir nicht üb elnehm en, und Lord Eushenidun wird mir gewiß dafür Dank wis­sen, wenn ich unter uns das brüderliche Gedenken art Sir Austen Chamberlain wachrufe, dem alle unser.! Wünsche für schnelle und vollständige Wiederherstellung der Gesundheit gewidmet sind. Wenn ich an die uner­müdliche Hingabe denke, die die Sache des Friedens stets in bi elfer so edlen Seele wachgerufen hat, kann ich nicht umhin, mir die Freude vorzustellen, die ein so entfebfoffener Gegner des Krieges an dem Schauspiel einer derartigen Zusammenkunft empfunden hätte. Wir werden von keiner Kundgebung für den Frieden seine Anwesenheit, ob unsichtbare oder wirkliche, fortdenken können.

Ich glaube nicht, meine Herren, über die Ansicht irgend eines von 3f)nen hinauszugehen, wenn ich er­kläre, daß das Ereignis dieses Tages ein neues Da­tum in der Geschichte der Menschheit bar* stellt. Zum erstenmal tut auf einem allgemeinen, sämt­lichen ber Nationen der Welt zugänglichen Gebiet ein Friedenskongreß etwas anderes, als politisch die un­mittelbaren Bedingungen eines Sonderfriedens zu re­geln, so wie sie sich aus den Entscheidungen des Krieges ergeben. Zum erstenmal stellt auf einem allgemeinen unb absoluten Gebiet ein wirklich der Errichtung des Friedens errichteter Vertrag, der ein neues Recht inau­guriert unb von allen politischen Erwägungen befreit ist, Prämissen anstatt Konklusionen. Es handelt sich hier nicht um eine Liquidation des Krieges. Der Pakt v-on Paris, geboren aus dem Frieden und durch­drungen von einer freien juristischen Auffassung, kann und muß ein wirklicher Vertrag der Eintracht fein. Deshalb hat zweifellos Kellogg, als er Wert darauf legte, der französischen Regierung das Vorrecht, sie zu empfangen, vorzubshalten, in zarter Weise dem Bot­schafter Frankreichs angebeutet, daß die Nachbar­schaft des Place be la Concorde ihm für die Unterzeich- nuno des Paktes angezetgt zu fein scheine.

„Welches ist aber nun , fuhr Briand fort, „bie neue Konzeption, die das wesentliche Charakteristikum des neuen Paktes gegen den Krieg ausmacht? Zum ersten Mal vor den Augen der ganzen Welt wird in einem Vertrag der bie Ehre großer Nationen engagiert, dem Krieg ohne Vorbehalt als Mittel der nationalen Politik abgefdjmoren, unb zwar in feiner spezifischen und gefährlichsten Form: der egoistische, einseitig gewollte. Krieg.

Ein derartiger Krieg, der eh^mls als göttliches Recht angesehen mürbe unb eine wesentliche Forderung ber na­tionalen Souveränität barfteHte, ist heute von Rechts we­gen besten entkleidet, was feine größte Gefährlichkeit be­deutet: der Gesetzmäßigkeit. Mit dem Fluche ber Ungesetzlichkeit beloben, ist er der sicheren Mißbilli- gung unb ber wahrscheinlichen Feindschaft aller Unter­zeichner des Vertrages ausgesetzt.

Die Folgen biefer rechtmäßigen Verurteilung des Krieges, fuhr Briand fort, feien, daß bie latenten Gefah­ren dieser ultima ratio, bie ftänbtg unb drohend über dem wirtschaftlichen, politischen unb sozialen Leben ber Völker schwebten, endlich gebannt seien. Ihr Verschwin- den gebe den internationalen Diskussionen endlich die notwendige wahre Freiheft. Sie gebe auch den kleinen Nationen endlich ihre volle Unabhängigkeit. Die falsche Auftastung, daß das nationale Prestige unb das nationale Interesse von der militärischen Stärke bedingt sei, werde gleichzeitig verschwinden. Ein derartiger Pakt sei wirk­sam, auch wenn ihm zunächst die Sanktionen fehlten. Sei es denn Realismus, fragte Briand, wenn man die gro­ßen moralischen Kräfte, bie Macht ber öffentlichen Mei­nung aus ber Domäne ber Tatsachen ausschließen zu kön­nen vermeint?

Kein Staat werbe es mehr wagen können, die Miß­billigung aller Paktunterzeichner gegen sich heraufzube­schwören und sich der positiven Gefahr einer allgemeinen Solidarität auszusetzen, deren Folgen er nur zu deutlich Zu spüren bekommen würde.

Briand gedachte dann derjenigen Staaten, bie für den Augenblick aus „praktischen Gründen" noch nicht an ber Unterzeichnung des Paktes teflnehmen können. Er gab dabei der festen Zuversicht Ausdruck, daß, wenn heute auch nur 15 Bevollmächtigte versammelt seien, diese doch die Zustimmung der gesamten Menschheit hinter sich hätten. Deshalb habe die französische Regie- rung auch die Flaggen aller Nationen auf dem Außen­ministerium gehißt!

„In wenigen Augenblicken", schloß Briand, „wird der Telegraph der Welt die Geburt einer neuen Hoffnung verkünden. Es wird uns eine heilige Pflicht fein, alles zu tun, was möglich und notwendig ist, um diese Hoff­nung nicht zu enttäuschen.

„Den Frieden erklärt zu haben, ist. gut, ist viel, aber man muß ihn auch organisieren. Den Lösungen durch die Gewalt müffen wir die Lösungen durch das Recht entge­gensetzen. Das ist das Werk von morgen."

In dieser denkwürdigen Stunde, schwinge sich das Ge­wissen der Völker, gereinigt von jedem nationalen Egois­mus, in jene erhabenen Regionen auf, wo sich die mensch­liche Brüderlichkeit in einem einzigen gemeinsamen Herz- schlag äußern kann. Es ist hier nicht eine einzige Nation