Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblakk.
7lr. 184.
Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter" Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatl.1,80 einschl. Postgeb. (30 bezw. 48 Pf.), ohne ZusteNg.
Freitag, 10. August 1928.
SS.Zahrg.
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BorderUnterzeichnung desKellogqPaktes wird Stresemann nach Paris kommen? Nervosität in Frankreich.
Nach der Bestellung eines Vertreters für den erkrankten englischen Außenminister Chamberlain wird in Pariser politischen Kreisen lebhaft die Frage erörtert, ob unter den gegenwärtigen Umständen noch mit einem Kommen Stresemanns gerechnet werden könne. Man macht keinen Hehl daraus, daß man gerade jetzt eine Annahme der Einladung zur Unterzeichnung des Antikriegspaktes gern sehen würde. Dieser Wunsch darf wohl nicht so sehr mit dem gegenwärtigen Stand der deutschfranzösischen Beziehungen in Zusammenhang gebracht werden, als mit dem Bestreben des Quai d'Orsay, den Unterzeichnungsakt möglichst demonstrativ zu gestalten. Nachdem der Abschluß des Paktes in 'seiner gegenwärtigen Fassung einmal feststand, ist bekanntlich die Bemühung der Pariser Diplomatie darauf gerichtet gewesen, durch die Wahl der Stadt Paris als Unterzeichnungsort und durch eine gloriose Ausgestaltung des Abschlußaktes die eigene Patenschaft für den Antikriegspakt wieder anzumelden.
Wenn Strefemann unter Hinweis auf seinen Gesundheitszustand die Einladung zur Unterzeichnung des Paktes ablehnte, so wäre unter den gegenwärtigen Umständen der vorgesehene Charakter des gesamten Paktes in Frage gestellt. Es steht jetzt bereits fest, daß weder Chamberlain noch Mussolini die Unterzeichnung selbst vornehmen werden. Auch Primode Rivera ist noch sehr unschlüssig und dürfte im Falle der Abwesenheit Stresemanns ebenfalls zu einer Ablehnung kommen. Kellogg selbst hat seine Reise nach Europa an den Vorbehalt gebunden, daß die Außenminister der übrigen Mächte in Paris an« wes-md sein würden.
Der Pariser „Temps" warnt vor einem gläubigen Hinnehmen der Nachricht, die die Reisen Dr Stresemanns und des Staatssekretärs Kellogg nach Paris zur Unterzeichnung des Antikriegs-Paktes in Frage stellt. Kellogg habe offiziell seinen Entschluß, zur Unterzeichnung nach Paris zu kommen, bekannt gegeben. Mrs Stresemann angehe, so sei das Interesse an dieser Pariser Reise vom Stand- punkc der deutschen Politik und der europäischen
Entspannungspolitik zu offensichtlich, als daß der deutsche Außenminister seinen Entschluß von den besonderen Bestrebungen derjenigen abhänig machen dürfte, die von vornherein jede derartige De- marche mit einer jetzigen Räumung des deutschen Gebietes von alliierten Truppen in Verbindung brächten. Es sei gar nicht seltsam, daß man sich auf diese Weife bemühe, anläßlich des wichtigsten Ereignisses, das feit Unterzeichnung der Locarno-Ver- träge zu verzeichnen sei, eine Atmosphäre des Zweifels und der Hemmungen zu schaffen. Gewisse Kreise bemühten sich, die Bedeutung der Pa- riser Zusammenkunft dadurch zu verdunkeln, daß sie von einer Art improvisierter Konferenz sprächen, bei der die wichtigsten Fragen erörtert werden würden, während es sich um nicht anderes als um die Unterzeichnung des Paktes zur Aechtung des Krieges handle. Zu dem sei niemals ernstlich davon die Rede gewesen, daß die Frage der Rhein- landräumung anläßlich der Unterzeichnung des Paktes aufgeworfen werden solle. Er weist darauf hin, daß Stresemann nicht in Paris sondern im Rahmen des Völkerbundsrates dieses Problem entscheiden dürfte, das nicht mehr Frankreich, sondern sämtliche Mächte angehe, deren Truppen das Rheinland besetzt hielten.
Weder Spanien noch Rußland sollen eingeladen werden.
wtb. Washington, 9. August. (Eig. Funkm.) Washington Times zufolge erklärte Kellogg, nach reichlicher Erwägung der Sachlage erwarteten die Vereinigten Staaten, daß weder Spanien noch Rußland zur Unterzeichnung des AnUkriegspaktes eingeladen werden. Ihr Beitritt zu dem Vertrage könne auf dem Wege der Erklärung ihrer Zustimmung erfolgen.
Besserung im Befinden Chamberlains.
Im Befinden Chamberlains ist eine bedeutende Besserung eingetreten. Er bleibt jedoch weiterhin ans Bett gefesselt.
Jas britisch-sraazösische MrineabkMNW.
Mitteilungen, die aus japanischen Marinekreisen stammen, deuten an, daß das englisch-französische Marineabkommen folgende Punkte enthalt:
1. Einteilung der Kreuzer in zwei Klassen, nämlich solche mit Geschützen über 6 und mit Geschützen unter 6 Zoll.
2. Einschränkung der Gesamttonnage der Zerstörer, deren Größe je 1800 Tonnen nicht überschreiten darf.
3. Einschränkung der Gesamttonnage der Unterseeboote über 600 Tonnen, deren Größe 1800 To. nicht übersteigen darf.
4. keine Einschränkung für Kriegsfahrzeuge unter 600 Tonnen.
Auf das Ersuchen, diese Mitteilung zu bestätigen, erklärte ein Beamter des Marineministeriums, sie sei zum Teil zutreffend, znm Teil nicht. Aber,
da die Einzelheiten der Vereinbarungen vertraulich seien, so sei er nicht in der Lage, zu sagen, was richtig und was falsch sei. Immerhin ließ er durchblicken, daß die Angaben über die Beschränkung des Tonnengehaltes der Unterseeboote auf 1800 Tonnen unrichtig seien. Der Beamte deutete ferner an, daß die amtlichen Stellen im allgemeinen mit der Vereinbarung zufrieden seien. Allerdings sei es zweifelhaft, ob Amerika diese Auffassung teilen werde. Als seine persönliche Ansicht fügte der Beamte hinzu, daß die ganze Angelegenheit voraussichtlich an den Völkerbund überwiesen werden würde. Vielleicht werde es dann dazu kommen, daß die Teilnehmer der Washingtoner Konferenz von 1921=22 eine neue Konferenz zur Erwägung der neu aufgeworfenen Fragen einberu- fen würden.
Gewerbeaufsicht durch das Reich.
, Wie der Demokratische Zeitungsdienst mitteilt, «rrd zurzeit im Reichsarbeitsministerium die Frage geprüft, ob es zweckmäßig fei, den Landesarbeits- umtern die Gewerbeaufsicht, die jetzt von den Lcm- desbehörden ausgeübt wird, als neue Aufgabe zu übertragen. Der Reichsarbeitsminister beabsichtigt, nach der gleichen Quelle, die Länder um ihre Stellungnahme zu diesem Gedanken zu erfuchen.
* Der ehemalige Grotzherzog von Baden gestor. ven. (Eig. Funkm.) Am Donnerstag früh %4 Uhr ist auf seinem Wohnsitz in Badenweiler der ehemalige Großherzog Friedrich von Baden im Alter von 71 Jahren verstorben.
* Plötzlicher Tod eines Volkparteilichen Abgeordneten. Der langjährige preußische Landtags- obgeordnete der Deutschen Volkspartei, Dr. Wilhelm S p j ck e r n a g e l, ist in der Nacht zum Vuttwoch in Berlin an den Folgen einer Kops- roieerkrankung plötzlich verstorben. Dr. Spickernagel war Referent in der Presseabteilung der Reichs- ^^lerung. Später wurde er Beigeordneter des Deutschen Städtetages und leitete in dieser Cigen- dessen Presseabteilung. Dr. Spickernagel, der r n öon nur 38 Jahren erreicht hat, ist in den ty^'.en Jahren vor allem als Herausgeber der Zeit- den 6es Dechen Städtetages bekannt gewor-
* Die evangelische Kirche am Berfassungstage. Der preußische Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung hat dem evangelischen Ober- kirchenrat der älteren preußischen Provinzen in einem Schreiben mitgeteilt, daß für die Feier des Verfassungstages am 11. August in der gesamten Staatsverwaltung die Anordnungen des Jahres 1927 bestehen bleiben. Der Minister würde es begrüßen, wenn entfprechend auch kirchlicherseits verfahren und demgemäß, wie im Vorjahre, in allen größeren Orten in den Hauptkirchen Gottesdienst abgehalten würde und sich auch in kleineren Orten und auf dem Lande die Kirche in geeigneter Weise an der Begehung des Versassungstages beteiligte. Sollte dies am 11. August selbst nicht möglich fein, so wäre es erwünscht, wenn am Sonntag, den 12. August, in den Kirchen nachträglich
| des Verfassungstages gedacht würde. Der evan- ! gelische Oberkirchenrat hat wie im Vorjahre das ■ Schreiben des Ministers den evangelischen Konsistorien der Kirchenprovinzen zur Bekanntgabe an die Gemeinden übermittelt.
* Rückkehr Hindenburgs nach Berlin. Nach Abschluß der Schießübungen der Reichsmarine kehrte Reichspräsident von Hindenburg Mittwoch abend 18 Uhr mit dem Linienschiff „Schleswig-Holstein" nach der K i e l e r Föhrde zurück, wo er wiederum auf den Flottcntender ,.Hela" umstieg, der ihn.nach dem Bahnhofsauai brachte. Aus dem Kai hatte sich - eine vieltausendköpfige Menge angesammelt. Als 1 der Flottentender um 7.10 Uhr am Bahnhofs-Kai 1 anlegte, wurde der Reichspräsident von begeisterten Hurra-Rufen empfangen. Nach kurzen Abschiedsworten an den an Bord zurückbleibenden Chef der Marineleitung, Admiral Zenker, sowie an den Reichswehrminister, der bis Donnerstag in Kiel verbleibt, begab sich der Reichspräsident in Begleitung seines Sohnes sowie mehrerer höherer Marineoffiziere in den Bahnhof. 7.33 Uhr verließ. Reichspräsident von Hindenburg Kiel mit dem fahrplanmäßigen D-Zuge nach Hamburg.
Stefan Raditsch t.
Der kroatische Bauernführer Stephan Raditsch, dessen Zustand in unserem gestrigen Leitartikel als hoffnungslos bezeichnet wurde, ist am RUtkwoch abend 20.55 Uhr in Agram gestorben.
In seinem Befinden hatte sich, wie gemeldet wird, um 7 Uhr abends eine leichte Besserung gezeigt. sodaß die Aerzte sich entfernten und nur die nächsten Familienmitglieder am Krankenlager zurückblieben. Um 8.55 Uhr stellte sich die Verschlim- derung im Befinden des Kranken ein, die nach wenigen Minuten den Tod herbeiführte. Es dauerte länger als eine Stunde, bis die Nachricht in den Gast- und Kaffeehäusern bekannt wurde. Um 11 Uhr abends wurden Extraausgaben der Blätter herausgegeben, und das Publikum umstand in großen Scharen die Redaktionen der Zeitungen, um Neuigkeiten zu erfahren. Zu Ruhestörungen ist es nicht gekommen.
Die ägyptische Reformarbeit.
Der Generalfekrelär des ägyptischen Senats über seine Eindrücke in Deutschland.
Seit einiger Zeit befindet sich der Neffe des verstorbenen ägyptischen Ministerpräsidenten und Führers der Wafd-Partei Zaglul Pascha, der stellvertretende Generalsekretär des ägyptischen Senats, Amin I u s s u f B e y, in Deutschland, um in- dustrielle und soziale Einrichtungen, besonders das Genossenschaftswesen, zu studieren. Amin Jussuf Bey, der der Schöpfer der ägyptischen Konsumgen offen schäften ist, gewährte dem Pertreter des W. T. B. eine Unterredung, um seine Anerkennung und die Eindrücke zum Ausdruck zu bringen, die sich aus der Besichtigung einer Reihe deutscher Großbetriebe in den verschiedenen Städten ergaben. Der ägyptische Jurist Amin Jussuf Bey ist von Hause aus Rechtsanwalt. Er gab eine interessante Darstellung der vost ihm in den Jahren 1919-20, als in Aegypten eine schwere Krisis herrschte, zur Verhinderung der Spekulation in Gegenständen des täglichen Bedarfs der armen Bevölkerung aus dem Boden gestampften genossen- schaftlichen Einrichtungen. 100 freiwillige Beiträge zu je 100 ägyptischen Pfund waren die finanzielle Grundlage des Unternehmens, das die Preise für die hauptsächlichsten Lebensrnittel in wenigen Monaten um 30 bis 60 Prozent drückte und binnen kurzem auf 26 genossenschaftliche Verteilungsstellen mit einer halben Million Pfund Kapital und einer Ersparnis für die arme Bevölkerung von 40 Mill. Mark im Jahr anwuchs.
„Ihre eigenen genossenschaftlichen O r g a n i s a t i o n en haben großen Eindruck auf mich gemacht, besonders die Einrichtun. gen in den großen deutschen Werken, die auf dieser Grundlage für die eigene Arbeiter- und Angestelltenschaft errichtet worden sind und bis zu 15 Prozent billigere Preise für die wichtigsten Gegenstände des täglichen Bedarfs gewähren können", so führte Amin Jussuf Bey weiter aus. „Ich erblicke In einem derartigen Verfahren eine Möglichkeit, den Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit zu mildern und vielleicht auszugleichen, weil so ohne fortwährende Lohnerhöhungen der effektive Standard bet Lebenshaltung gehoben werden kann und die Äon« sumfähigteit wächst."
Die deutsche Wirtschaft hat nach Ansicht dieses ägyptischen Politikers die Möglichkeit, die im Krieg und in der Nachkriegszeit verlorene führende Stellung im ägyptischen Außenhandel wiederzugewinnen, wenn sie sich mehr auf direkte Propaganda und auf direkten Bezug der ägyptischen Landesprodukte einstellt; denn der ägyptische Fellcch, so erklärt Amin Jussuf Bey, erhält nur etwa 10 Prozent des Gewinnes, der mit feinen Erzeugnissen auf dem Weg bis zum letzten Käufer der- Baumwolle usw. erzielt wird. Er hat im Kriege z. B. bei dem abnormen Preise non 40 Pfund für den Doppelzentner seinerseits nm 12 bis 14 Pfund erhalten. Amin Jussuf Bey empfiehlt den Weg der Kollektivpropaganda für die Verbreitung exakter Kenntnisse über die deutschen Jndustrieerzeügnisse in Aegyten und spricht sich mit höchster Anerkennung über die Leistungen der deutschen Technik und Drgenifation aus, deren Feststellung während eines etwa vierwöchigen Aufenthaltes er der Unterstützung deutscher Behörden und wirtschaftlicher Organisationen verdanke.
Die Finanzlage Chinas.
Die Londoner „Times" meldet aus Schanghai: Der nationalistische Finanzminister S u n g hat dem Zentralvollzugsausschuß der Kuomintang einen Bericht über die finanzielle Lage Chinas unterbreitet, worin unumwunden erklärt wird, daß die Hilfsquellen des Landes durch den Bürgerkrieg und die unsinnige Verschwendung derartig mitgenommen seien, daß nichts für die innere Verwaltung übrig bleibe. Sung glaubt, daß die Tarifautonomie nötig sei, fügt aber hinzu, eine einseitige Erklärung Chinas in diesem Sinne könne nur zu diplomatischen Schwierigkeiten führen; das Problem sollte deshalb durch regelrechte Verhandlungen erledigt werden. Das einzige Heilmittel, das es gebe, sei die nationale Vereinheitlichung der Finanzen, ein genaues Budget und ein Budgetausschuß mit vollen Machtbefugnissen und einer uneingeschränkten Kontrolle über die Einnahmen und Ausgaben. Gegenwärtig feien 100 chinesische Kaufleute und Bankiers nach Nanking unterwegs, die die Handelskammern in Schanghai, Nantav und Tschapei sowie den Bankierverband und 60 Gilden vertreten und der Konferenz Forderungen nach Vereinheitlichung des Finanzwesens, Demobilisierung der Truppen ur»d einer nationalen Budget- und Tarifautonomie vorlegen wollen. Die allgemeine Ansicht der Geschäftsleute sei aber, daß zunächst die ersteren Forderungen erfüllt sein müßten, bevor die Tarifautonomie erlangbar sei.
Japans Antwort an die füdchinesische Regierung.
Der japanische Gesandte in Peking überreichte dem Minister des Aeußeren der südchinesischen Regierung eine Antwortnote, in der der Empfang der Note vom 19. Juli über die Aufhebung der chinesisch-japanischen Verträge von 1896 und über die Behandlung der Ausländer in China während der Verhandlungen über neue- Verträge bestätigt wird. Die japanifche Antwort stützt sich auf Artikel 26, in dem eine automatische Verlängerung der Verträge bestimmt wird, und sagt weiter: Wenn die südchin'esische Regierung die jüngsten Erklärungen zurückzieht und die Gültigkeit der bestehenden Verträge anerkennt, wird Japan gern zu einer Revision der Verträge bereit sein, andernfalls wäre es genötigt, die für notwendig gehaltenen Maßnahmen zur Wahrung der vertraglich aewährleisteten Rechte und Jntereffen zu ergreifen.
Die Brüsseler Zozialistenkonserenz.
Am 5. August hat in Brüssel die Internationale Sozialistenkonferenz begonnen, die bis zu dem 11. August dauern soll. Die Tagesordnung umfaßt sozusagen das gefamte Gebiet der Politik und des wirtschaftlichen Lebens und die Stellung der Arbeiterschaft in Politik und Wirtschaft. Die Konferenz findet in einem Augenblick statt, da auch die dritte, die Moskauer Internationale, ihren Weltkongreß abhält, und es ist selbstverständlich, daß sich beide mit einander beschäftigen. Schon auf den bisherigen Sitzungen des Moskauer Kongresses hat es an heftigen Anfeindungen gegen die Ideen und Methoden der zweiten Internationale nicht gefehlt, in Brüssel hat man sich inzwischen beeilt, die Antwort zu geben. Ein eigener Tagungs- abschnitt hat sich mit den unterdrückten Parteien der Sozialistischen Internationale befaßt und habet leidenschaftliche Anklageworte gegen den Bolschewismus und Faschismus gefunden, den man immer mehr mit dem Bolschewismus identifizieren müsse.
Der Brüsseler Kongreß, der erst am kommenden Samstag zu Ende geht, scheint dadurch bemerkenswert zu werden, daß man eine bewußte Umstellung der Propaganda und der attuellen Entschließungen aus der dogmatischen Ideologie in die Möglichkeiten der politischen Praxis zu versuchen sich be« müht. Schon die Ankündigungen in der deutschen sozialdemokratischen Presse ließen das vermuten. So schrieb z. B. der „Vorwärts" in seiner letzten SonntagSnummer: „In harter Schule hat die sozialistische Arbeiterinternationale lernen müssen, daß es zweierlei ist, Prinzipien zu propagieren und für ihre Verwirklichung zu arbeiten. Solange für ihrs Settionen keine Möglichkett besteht, unmittelbaren praktischen Einfluß auf die Zustande hn eigenen Staat und auf das Verhältnis der Staaten zu einander auszuüben, ist die Beschränkung auf die Propaganda das von selbst gegebene. Man mag aus der Not der Machtlosigkeit eine Tugend machen- darf aber nicht in selbstgewählter Armut verharren, nicht vor der Möglichkeit; durch Machtausübung den Fortschritt der sozialisttschen Ideen zu fördern, die Augen verschließen... Brüssel wird gegen Moskau ein Programm sachlicher, nüchterner Arbeit aufftellen."
Diese Grundhaltung der Brüsseler Konferenz findet natürlich das Bedauern des radikalen Flügels in der deutschen sozialisttschen Pattei und im Lager der unabhängigen Splitterparteien, die in Brüssel tiertreten sind. Aber diese Splittergruppen sind überall sehr schwach, außer in Oesterreich, und können den Gang der Brüsseler Entschließungen nicht sonderlich bestimmen. „In allen großen Parteien," schrieb die radikale Leipziger Volkszeitung letzten Sonntag, „beherrscht der Reformismus die Führung." Die besondere Auswahl der Redner ist ebenfalls eine Bestätigung dafür. Sprach doch z. B. über das wichtige Thema der weltwirtschasts- polttischen Situation und die Entwicklung des Ka- pitalismus ein so kühler und vorsichtiger Mann wie Naphtali, der ftüh er Redakteur in der Handels- rebaftion der Frankfutter Zeitung gewesen ist. Die Auffassung scheint sich im Sozialismus der zweften Internationale allenthalben durchgefetzt zu haben, daß die radikale Tonart zwar die Propaganda erleichtett, aber die politische Tatttaft lähmt, und daß der Sozialismus da, wo er gegen die Grundgedanken bet Demokratie sich versündigt, sich in eine Position hineinstellt, in der er machtlos wird. Im Bereiche der Politik und der Wittschast wftken nämlich nicht nur die Ideen, sondern auch die Tatsachen und die Verhältnisse.
Neben diesen Entwicklungen hat die Brüsseler Konferenz noch in zweifacher Hinsicht Interesse geweckt. Zunächst durch die Verhandlungen in der besonderen „Frauentagung". Es war dott von "ben Vertreterinnen von 17 Ländern unter Führung Deutschlands und Oesterreichs eine Resolution zur Bevölkerungspolitik eingebracht worden, in der die Abtteibung zwar als ein schweres Hebel bezeichnet wurde, die aber deren Bestrafung verurteilte, solange die Gesellschaft nicht ausreichend für Mutter und Kind sorge. Dieser Passus sand die Mißbilligung der ftanzösischen und belgischen Frauen, die allerdings nicht endgültige Stellung nehmen wollten. Dies taten aber sehr energisch die holländischen und vor allem die englischer Sozialistinnen, sodaß die Resolution erst angenommen werden konnte, als der ganze Passus aus- gemerzt worden war. Die belgischen Vettreterinnen und einige holländische und französische tiaten aber später einer deutschen und österreichischen Erllärung zum Abtreibungsparagraphen bei. Eine große Ueberraschung war in derselben Versammlung auch das Plädoyer einer ftanzösischen Vertreterin für die Mobilisierung her Frau in Kriegszeiten. Ihr wurde aber so heftig von allen Seiten zugesetzt, daß sie schließlich keinen Widerspruch mehr wagte. Das zweite bemerkenswette Vorkommnis bildete die Rede des ftanzösischen Vertteters Leon Blum auf dem Festbankett zu Gunsten einer sofortigen und völlig entschädigungslosen Räumung des besetzten Rheinlandes. Eine Rede, die die französische Presse natürlich ebenso aufgeregt hat, wie sich die bolschewistische Presse entsetzt zeigt über den Reformismus in der gesamten bisherigen Grundhaltung der Brüsseler Konferenz. Aber Brüssel, die Haupfftadt des in feiner Neutralität 1914 verletzten Belgiens, ist nun einmal eine Warnung für eine Internationale, deren gesamte politische Vergangenheit bis zum Kriegsausbruch sich in geharnischten und ideologischen Resolutionen erschöpfte ,und doch nicht im geringsten fähig war, die Politik der europäischen Staaten so zu beeinflussen, daß weder der Krieg ausbrach, noch ein Diktat wie das von Versailles möglich wurde. Die Schlußarbeiten der Konferenz werden sich mit dem Kolonialproblem und der Abrüstungskrage befassen