M ,80.
Sonntag, den 5. August 1928.
Fuldaer Zeitung
2. Blatt.
Druck der Fuldaer Ackiendcuckerei, Fulda
Kamera» . - -
Erinnerungen 311 den Tagen des ftricgsbeqinns. Von Hans Wirtz.
Der erste Tote.
Wir marschierten gegen L ü t t i ch Lagen auf Borposten im offenen Selb- Die Slugen brannten ins Dunkel hinein. In das große Geheimnis das gespenfterisch vor uns lag. , Am Koppelschloß welkte eine bleiche Rose. Wie ein letzter Duft von einer lieben Welt, aus der wir sinnend und kraftgeschwellt hinausgezogen waren. Der wehe Jubel von tausend winkenden Händen war verweht. Das Singen, das in lärmendem Rausch die kommende Wirklichkeit barmherzig verschleiern sollte, war jenseits der Grenze in unseren wunden Keksen verdorrt. Und von all dem heldischen Zauber, mit der die trunkene Heimat uns in den Straßen der Garnison und in den Dörfern unserer Reisefahrt den Auszug umstrahlt hatte, war nichts mehr übriggeblieben als ein quälendes Staunen vor dem rätselhaften Unbekannten.
Wir lagen in dem tückischen Gelände wie ein verlaufenes Kind, das die Mutter verloren hat. lieber uns Dunkel. Um uns Dunkel. In uns Dunkel. Das struppige Gewirr der belgischen Heiken spielte unseren flackernden Sinnen einen tanzenden Fangball: wie schwankende Mauern rückten sie von allen Seiten unheimlich lautlos gegen uns heran, daß der Atem stockte; wie schwarze Schlangen krochen sie vor unsere Füße; im nächsten Augenbick galoppieren sie als vermummte Reiter mit eingelegten Lanzen gegen den armseligen Widerstand einer Handvoll Feldsoldaten. Dann standen die gräßlichen Hecken in stummer Erstarrung wie ein stacheliger Wall vor den schmerzenden Augen. Und im nächsten Augenblick hüpften sie wie grinsende Teufel höhnend auseinander: „Krieg, 's ist Krieg . . ." Dann verschwand plötzlich der ganze Spuk in der gleichmäßig stumpfen Schwärze der Nacht. Ein war- mer Windstoß sprang vor unseren Füßen heulend auf, verkroch sich in dem ungastlichen Geheck, daß die dornigen Zweige zitterten. Und wir meinten: es seien trauernde Zypressen an verfallenen Gräbern...
*
Die erste Nacht vor dem Feinde. Der Kampf hat noch nicht begonnen. Oder wir sehen ihn noch nicht. Erfühlen ihn erst. Weil noch der eiserne Vorhang nicht hochgezogen ist, hinter dem das blutige Spiel vorbereitet___wird. Aber jede
Stunde kann das juttere Verhängnis seinen Anfang nehmen. Und dann--wir wissen nichts!
In die bleierne Stille der Nacht klatscht ein halblauter Knall. Und aus dem einen werden zwei, fcrei, eine ganze Garbe pfeifender, summender, zischender Mißtöne. Irgendwo her. Wir chrecken auf: Die ersten Schüsse. . . Etwas ganz Ungewohntes, Heißes prickelt uns ins Blut. Wir legen uns auf die Erde und horchen. Aber die Erde schläft. Und das Knallen hört auf. Ein paar geflüsterte Befehle. Und die Posten verkeilen sich vorwärts schleichend ins Gelände. Wieder ein Knall. Und in dem gleichen Augenblick beginnt es aus allen Hecken heraus zu brodeln. So glauben mir wenigstens: vor uns und rechts und links und hinter uns. Diese verwünschten Hecken. Wir fassen fester die Gewehre. Den Finger am Hahn. Ah-r wir schießen nicht. So hat man es uns gelehrt. Nach einer Weile ist es wieder still.
Im Osten fohlt es am Horizont. Wir suchen die Hecken ab und finden nichts. Bei der Feldwache sammeln wir uns. Einer fehlt. Wir warten und warten bis es fast hell geworden ist. Dann suchen wir den Kornraden.
Drei Schritte vor einem Heckenbusch liegt er. Lang ausgestreckt. Kopf und Hals sind von einer roten Gloriole umblüht. Blut. Er ist tot. W'r umstehen ihn hilflos:
Das ist also der Anfang . . .
Wir legen ihn auf den Rücken. Sein Gesicht ist gelbgrün wie das Gras, in das er feine Hände verwühlt hat. Der graue Waffenrock ist rot gefärbt, und über die welke Rose an seinem Koppel ist ein dünner Blutfaden geflossen--.
Wir bedecken ihn mit grünen Zweigen. Und gehen dann zur Kompanie zurück. Stumpf und fröstelnd.
*
Sehen tausend winkende Hände am Bahnhof. Hören große Tränen in die stolzen Lieder tropfen. Augen schauen uns nach, liebe Augen . . . Sie werden noch viel weinen müssen. Denn, der
Da« heilige Recht.
Roman von Emil Frank.
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Das schied also aus. Die Angelegenheit schien sich also immer mehr zu komplizieren. Heute morgen nun erfuhr ich aus dem Polizeipräsidium, ein steinalter Herr habe nach Fräulein Dagmar Hjelmar gefragt und sei in den „Rautenkranz" gewiesen worden. Ich weiß jetzt, daß es der Großvater des jungen Mädchens ist. Und nun kommt das Merkwürdige: Frau Gyllenborg erklärte — ich war selbst dabei! — den Aufenthalt des Mädchens nicht zu wissen. Das muh doch den Verdacht erwecken, irgend jemand hat ein Interesse daran, sie verborgen zu halten. Es wäre selbstverständlich Torheit, anzunehmen, Herr Sjöberg könnte mit dem Diebstahl in einem Zusammenhang stehen. Aber er scheint ein besonderes Interesse daran zu haben, Fräulein Dagmar in seinem Hause zu verwahren. Hinter dieses Geheimnis muß ich unbedingt kommen. Vielleicht liefert es mir den Schlüssel für alle anderen Ereignisse, die wir zu enträseln suchen."
„Und ich soll Ihnen dabei helfen?" fragte Axel in atemloser Spannung.
„Ich wäre Ihnen jedenfalls sehr dankbar dafür."
„Sagen Sie es mir, was ich tun kann! Mit Freuden stelle ich mich Ihnen zur Verfügung! Je restloser diese ganze Sache aufgeklärt wird, desto makelloser steht Dagmar auch in den Augen der Welt da. Wer sie auch nur ein wenig kennt, muß ihr nachfühlen, wie sehr sie darunter leidet, daß weder für ihre Schuld noch für ihre Unschuld Beweise vorhanden sind."
„Schön, Herr Dahlgren! Sie müssen also diesen Herrn Larsson" —
„Dagmars Großvater!"
„Jawohl, aufsuchen und ihm alles erzählen, was Sie ron Fräulein Hjelmar und mir wissen. Ich bin über- ieuflt: im „Rautenkranz" wird augenblicklich der Schlacht- ,lan festgesetzt. Herr Sjöberg entscheidet darüber, ob sfrau Gyllenborg des Mädchens Aufenthalt verraten soll »der nicht. In einem wie dem anderen Falle muß der
da an der Hecke liegt, ist nur — einer. Ist nur der erste Tote.
Die Weichsel.
Warschau ist gefallen. Monate haben wir darum gekämpft. Uns an die Drahtverhaue und an die Flatterminen herangewühlt wie die Maulwürfe. letzt weht von Fort „Vier", vor dem am letzten Tage so viel Schlesier und Hallenser verblutet sind, unsere Fahne.
Aber aus Prag« — jenseits der Weichsel — wird noch wütend geschossen.
Bataillonsbefehl: „eine Offizierspatrouille mit einem Halbzug hat über die Weichsel zu setzen und festzustellen, wie stark Praga noch besetzt ist." Zwei Offiziere und vierzig Mann melden sich freiwillig. In mehreren Booten stoßen wir vom Ufer ab.
Eine wundersame, warme Nacht. Wie ein Sommerfest am Züricher See. In sprühenden Kaskaden spannen ungezählte Raketen ein magisches Geleuchte von weißen und roten und grünen Halbbogen über das Wasser. Bauen singende Brücken über unsere Boote. Als ob sie uns sagen wollten: „Seht nur, so schön ist die Welt, und über euch wachen die Sterne." Und die Weichsel schäumt und gurgelt dazu eine schwermütig verträumte Melodie. Die Geschütze schweigen. Wir rudern in weiten Abständen auf Praga zu. Haben schon die Mitte des Stromes erreicht. Da flammen am anderen Ufer drei riesige Scheinwerfer auf. Gießen die grelle Glast ihrer gierigen Glasaugen auf unsere Kähne, daß mir erschrok- ken geblendet sind. Wir setzen das Rudern aus. Vielleicht: daß sie uns dann von drüben nicht sehen. Aber sie haben uns gesehen.
Batterien brüllen. Die Maschinengewehre talken. Ein Kahn verstrudelt sich in den Wellen. Und ist nicht mehr da. Der andere dreht sich wie betrunken im Kreise. Ein Volltreffer zersplittert das tanzende Schifflein und seine Soldaten. Ein
drittes und ein viertes Boot wird zusarnmen- geschossen. Ein paar Menschenleiber fliegen m großem Bogen ins Wasser.
Schwimmend und auf Planken treibend werden sechs Infanteristen und ein Leutnant von einem Nachbarbataillon aus dem Fluß gefischt.
Und die anderen. . .? Die Weichsel aber singt ihre verträumte Melodie.
*
„wir lugen hinaus in die sonnige weit . . .“
Vor Verdun. Den dritten Tag schon im Trommelfeuer. Wir vegetierten ohne Hoffnung auf Erlösung. Das Grabenstück links von, uns ist ein wirrer Haufen toll gewordener Fontänen: aus schwarzem Qualm fliegen wüste Erdklumpen, Beine, Rümpfe, Gewehre oder Uniformstücke. Eine Fontäne neben der anderen. Manchmal auch drei, vier durcheinander. Ob da noch einer lebt? Wir denken nicht daran. Denken überhaupt nicht mehr. Haben nur noch den einen verschwommenen Rest von Empfindung, daß wir noch amLeben sind. Warum, und wie lange noch: das kann unser Hirn nicht mehr bewältigen. Weil wir keinen Verstand mehr haben.
Da springt einer aus seinem Loch heraus. Ein junger Lehrers aus Breslau. Wirft die Arme in die Luft und jauchzt mit unmenschlich jubelndem Klang ein Lied in den Himmel hinauf: „Wir lugen hinaus in die sonnige Welt . . ." Singt und singt und hebt die Arme immer höher, als wollte er in eine Sonne greifen, die nicht zu sehen war. Die Töne schwingen — wie int Echo verloren — zu uns hin. Wir reißen die verklebten Augen auf. Sehen den jungen Kameraden ganz frei da stehen. Hören und hören: „. . . sonnige Welt .... sonnige Welt . . . ." Und begreifest nichts.
Eine Fontäne schießt in die Höhe. Und dann war nichts mehr da als ein großes Loch . . .
Rund um die Woche.
Das neue Auto. — Radio undZprechfilm. — Kommunismus u. Bourgeoisie.
Nun ist er also Autobesitzer geworden. Es kam gewissermaßen plötzlich, selbst für feine Frau. Acht Tage lang und mehr fragte sie fort- gesetzt zwei Stunden lang, in denen er rätselhaft verschwand: „Wo ist doch mein Mann?" Aber es war nicht dahinterzukommen, und das Geheimnis wuchs nur, da er jedesmal nüchtern nach Hause kam. Heute hat sich das Rätsel gelöst. Er hatte Autofahren gelernt. Nun ist der Kursus aus, und mit strahlendem Gesicht, den Führerschein in der Tasche, fährt er mit einem tadellosen Opel vor . . . Ein neues Familienleben beginnt. Erstens hat man nun dauernd einen interessanten Gesprächsstoff,, an dem sich auch die kleinen Göhren schon beteiligen. Ferner lernen Mann und Frau ganz neu einander kennen, wo sie nun mitsahren darf auf seinen zahlreichen Reisen. Liebend schmiegt sie sich an ihn, der nun wirklich ihr Führer durchs Leben geworden ist. Am Fenster stehen die Kleinen und schauest heraus, als warteten sie auf einen Käufer. Der kleine Opel, der nicht viel über 3000 Mark gekostet hat, eine geringe Summe, die man ja nicht aus einmal bezahlt, fährt nun dauernd ein Familienidyll über die Landstraße. Der Hafen der Ehe, schon etwas eintönig geworden mit seiner stehenden, von nicht immer einwandfreiem Fischgeruch erfüllten Luft, öffnete sich wieder dem Ozean des Lebens.
Eine immerwährende Hochzeitsreise ist das Dasein geworden, und die Vagabundenlust des Zigeuners fügt sich wie selbstverständlich in das solideste bürgerliche Dasein. Rennt man hier und da auch einmal gegen einen Pfahl, so hat es bis jetzt doch noch keine ernsten Reparaturen gekostet, und immerhin sitzt man im schwankendsten Auto noch immer sicherer als in einem D-Zug, wo man obendrein noch riskiert, daß man von Hamburg bis Köln stehen muß, wie mir es neulich passiert ist. Köstlich, wie man auf solcher Fahrt auch den größten Feinden des ehelichen Glückes einfach entrinnt. Spricht sie zum Beispiel von Haus- hciltungsvechnungen, dann legt er einfach paar Kilometer zu, und jedes Gespräch geht im Brausen unter. Sagt sie aber: „Lieber Mann, ich gönne dir ja alles", so senkt er sogleich vor Rührung die Geschwindigkeit, gewinnt Zeit für die zärtlichsten Blicke, nun, und im Busche singt die
Nachtigall ... Ist er bedroht, mahnt sie zur Eile, stellt man ihr aber nach, so rast er davon. Also, ihr lieben Eheleute, versucht's doch einmal im Auto, und sogleich wird die Romantik wiederkehren.
Man sieht: es ist nicht jede Erfindung vom Teufel, und die meisten werden nur des Teufels, wenn man sie ihm willig überläßt. So wäre ich zum Beispiel dafür, es leistete sich jede Familie, die es eben kann, einen Radioapparat. Mttn muß eben bedenken, daß auch die besten Menschen einander einmal Leid werden, und da ist so eine Abwechslung in der Familie prächtig. Was leistet allein schon die Freiübung, die der Lautsprecher am Morgen kommandiert! Schon die Vorstellung, daß nun Millionen Menschen ihre Arme und Beine strecken, auf dem Boden liegen, Bauch-, Rücken- und Herzmuskel üben, wirkt geradezu erfrischend. Und wenn plötzlich beim Mittagsmahl ein hübscher Walzer beginnt, wer wird dann noch die Suppe nicht schmackhaft finden? Auch ein Grammophon leistet herrliche Dienste, und wie manches schöne Lied, wie manche treffliche Rede steuert es bei zur Familienunterhaltung. Immer neue Erfindungen auch auf dem Gebiete der Schallplattten bringen diese Instrumente zu einer staunenswerten Vollkommenheit. Bald wird es auch Hausapparate für Film geben, und wenn dann noch der tönende Film hinzukommt, Herz was willst du noch mehr?
Die kleinen Freuden sind so wichtig, genau so wie die kleinen Verstimmungen das tägliche Leben beschweren. Was wäre ich oft trostlos, hätte ich nicht einen Hund mit einem Klingelchen, eine Katze mit einem Rosaband, einen kleinen Bären, ein Engelchen, das immer in die Posaune stößt, und neuerdings auch einen Seehund auf meinem Tisch! An langen Abenden nehme ich sie alle vor unb unterhalte mich mit dieser Menagerie der Ausgestopften. Und der Gummimann ist auch noch da, der auf meiner Telephon klingel steht und immer auf die ganze Welt pfeift. Don der Kuckucksuhr ganz abgesehen, die vom Schwarzwald erzählt und Tag und Nacht mit ihren Tannenzapfen spielt.... Ganz gewiß bedarf es der Strenge der religiösen und sittlichen Grundsätze, soll ein Eheleben, und übrigens jedes andere auch, richtig im Gange bleiben. Aber es ist doch ein Unterschied, ob diese Grundsätze wie Strahlen aus einem heiteren Him.
alte Herr wissen, wie er sich zu verhalten hat. Ich denke mir, es wird Ihnen nicht schwer fallen, das Vertrauen des alten Mannes zu gewinnen. Sv viel ich weiß, ist er der Pächter Ihres Landgutes in Dalarne. Bleiben Sw bei ihm und geben Sie mir über alles Mitteilung."
* „Wo aber kann ich Sie erreichen?"
“Stufen Sie einfach das Präsidium an. Dort ist man jederzeit über meinen Aufenthalt orientiert und gibt den Ruf weiter."
Axel'konnte' sich vor Freude kaum fassen. Begeistert drückte er die Hand des Beamten: „Ich brauche Ihnen wohl nicht erst zu versichern, mit welchem Eifer ich Ihre Aufträge zu erfüllen suchen werde." —
,',Sie arbeiten aber möglicherweise gegen Herrn Sjö- berg!"
„Bah, das kümmert mich wenig! Für mich ist die Hauptsache, daß Dagmars Unschuld einwandfrei nachgewiesen wird!"
„Das wird uns gelingen. Verlassen Sie sich darauf!" Gladjen gab Axel noch den Gasthof an, in dem Larsson wohnte. Dann trennten sich die beiden.
Bengt Sjöberg kehrte in strahlendster Laune nach Hause zurück. Sogleich fragte er nach Axel. Verdrossen hörte er die Antwort: Axel sei unmittelbar nach ihm fortgegangen und bisher noch nicht wiedergekommen.
Nanu, was sollte denn das heißen? Erst hatte es der Junge so eilig, daß er sogar mit ihm gehen wollte, um ihm den Fall unterwegs vorzutragen, der zur Entscheidung vorlag und jetzt bummelte er einfach herum? Das wollte er ihm aber doch deutlich zu fühlen geben!
2Sar erst der alte Larsson glücklich aus Stockholm bugsiert, bann konnte er sich auch einmal etwas Er- holung gönnen. Mochten doch die beiden Dahlgrens kräftiger ins Geschirr gehen!
cines hätte er fast vergessen: Dagmar mußte auf den Besuch des Großvaters entsprechend vorbereitet werden. Haha, das konnte unmöglich so schwer fein, solch ein Unschuldslämmlein einzuwickeln! Selbstverständlich trug er kein Verlangen danach, daß die Unterhaltung vor Zeugen stattfand! Aber wofür war denn
Anne Pjersson da! Die vermittelte solche Sachen sehr geschickt.
Anne verstand ohne viele Worte. Bald kam Dagmar schreckensbleich in Sjöbergs Arbeitszimmer. Aber der Fabrikant war außerordentlich freundlich.
„Nun, wie gefällt es Ihnen in meinem Hause?"
„Ich komme mir hier wie erlöst vor und kann Ihnen nicht genug danken, daß Sie mir das Vertrauen schenken."
„Das freut mich! Sie tragen also wahrscheinlich kein Verlangen danach, uns wieder zu verlassen, nicht wahr?"
„Um Gottes willen, Herr Sjöberg, soll ich denn gehen?"
„Im Gegenteil! Meine Tochter ist voll des Lobes über Sie, und ich habe mich ja auch durch den Augenschein überzeugt, daß Sie in Olafs Pflege sehr geschickt und geduldig sind. Ich hatte also recht, als ich Ihnen sagte: ich gebe nichts auf Zeugnisse und Empfehlungen. Ja, nun wollte ich noch eines mit Ihnen besprechen: Möglicherweise kommt Ihr Großvater her. Ich hörte schon, daß er sich nach Ihrem Aufenthalt erkundigt hat. Kennen Sie Ihren Großvater? Nein? Nun, ich kenne ihn, er ist ja der Pächter unseres Gutes in Dalarne. Ein wunderlicher alter Mann, sage ich Ihnen. Gewiß hat Ihnen Ihre Mutter manches von ihm erzählt. Nicht? Das läßt sich denken! Er hat sie ja in seiner Verschrobenheit mit Schimpf und Schande aus dem Hause gejagt, als sie erklärte, sie wollte Ihren Vater heiraten."
Dagmar schaute verwundert auf. Das konnte unmöglich richtig fein! Mutter hatte doch oft genug erzählt, sie hätte den Vater erst in der Fremde kennen gelernt. Vielleicht irrte Herr Sjöberg! Aber warum schaute er sie dabei so listig zwinkernd an?
„Sehen Sie mal, liebes Kind, diese Dalekarlier sind wunderliche Leute: wenn es sich um ihre und der Ihren Ehre handelt, dann verstehen sie wahrhaftig keinen Spaß. Und nun soll ja der Großvater auf irgend eine Weise erfahren haben, was Ihnen mit dem Gericht widerfahren ist, und sofort reift er aus feiner Einsamkeit ab, um Sie hier abzuholen, weil er es als Schmach empfindet, daß Sie mit diesem Makel unter den Menschen herumlaufen. Seiner verrückten Anschauungsweise
mel kommen oder ob sie wie finstere Asketenaugen unser Dasein beäugen.
Rede ich dem Auto, dem Grammophon, dem sprechende Film und ähnlichen Dingen das Wort, sollte man doch darüber das gute Buch nicht vergessen oder wenigstens eine gehaltvolle Zeitschrift. Traf ich da neulich einige Kommunisten, die in ihrer Art Idealisten waren. Wie immer, so sprachen sie über die Aussichten der Weltrevolution. Einer war dabei, der die Dinge tiefer schaute. Er nahm eine der Illustrierten vor, mit denen sich, mie er sich ausdrückte, die bourgeoise Welt die Zeit vertreibt. Daneben legte er dann eine kummu- nistische Illustrierte und fragte mich nach dem Unterschied. Der war nun allerdings verblüffend. Da war zum Beispiel ein Mädchen dargestellt, das sich zum Sport bekleidet hat. Diese Gestalt, die also doch nur halb verhüllt war, wirkte indes fet» neswsgs lüstern. Man sah nur ein Bild der Gesundheit und der lelbstbewußten Kraft. Daneben dann die bourgeoisen Frauengestalten, die einmal noch nicht weniger Stoff an sich hatten, obendrein aber in ihrer ganzen Haltung so mondän, so seelisch krank, so unbedeutend auch und so verlebt dreinschauten, daß man sich bald über die beiderseitigen Werte vollkommen im Reinen war. lle- berlegen lächelte dann der Kommunist und erzählte von seinen Bemühungen, sich der Bildung zu bemächtigen. So viel weiß man dort nämlich auch, daß es ohne Bildung keine Herrschaft gibt. Jever oibjektiv Denkende wird auch zugeben, daß bet aller Grobheit des kommunistischen Tones sich dennoch die Bildung in jenem Lager dauernd hebt und daß selbst die „Rote Fahne" von heute und die vor fünf Jahren ungeheuer von einander abstechen. Immer wieder mache ich die Beobachtung, daß es nur wenigs Menschen in bürgerlichen Kreisen gibt, die noch ein lebendiges Interesse an den Kulturfragen nehmen. Sie losen weder Bücher noch Zeitschriften, weshalb denn unsere christlich orientierten und etwas ernsteren Zeitschriften samt und sonders ein schweres Dasein, führen. Selbst die Zeitungen sind genötigt, so vielen guten Stoff, den die Redaktionen gern bringen mochten, zurückzustellen, weil das Publikum nun einmal feine Launen hat und unterhalten sein will. In die christliche Familie gehören aber gute Bücher, die man bei seinem Buchhändler leicht erfragen kann. Andere sind auch in der Zeitung angezeigt, oder man hat Freunde, die da etwas Bescheid wissen Immer solltest du an irgendetwas lesen. So viel Zeit findet sich schon. Möglichst sollte man auch das Vorlesen nicht ganz verkommen lassen.
Alles in allem meine ich, daß heute das Christentum sich zu sehr vom Menschlichen gelöst hat. Wenn man einen findet, der auf ollen möglichen Gebieten beschlagen ist und der obendrein Interesse
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Die weltberühmten Pfarrer Kneipp-Pillen zuverlässig z. Blütreiniguri;’ u. Stuhlgang-Regelung
Rbeum. Sop&re 2. Cal. 3. 3i>nip. I. Aloe 4- ln allen ßpoiheken ML 1. -
für Sport und Kino hat, so ist das nicht selten dben darum ein „lauer" Christ, während doch in einer menschlichen Seele sich diese Dinge mit rechter Freude an Gott wohl vereinbaren ließen. Umgekehrt meint mancher sein Christentum dadurch do- kumentieren zu müssen, daß er über Radio, Kino, Sport und was dergleichen mehr ist, ständig zu Gericht sitzt und in allen Illustrierten nach nicht ganz geschlossenen Blusen sucht, um sich dann nach Herzenlust skandalieren zu können. Und doch sollte der christliche Mensch eben nur eine Blume sein, die in der Sonne steht ... ein lichter, verklärter, aber doch ein echter Mensch . . . wie des Menschen Sohn... DerMann im Monde,
wie wird das Wetter?
Die Luftdruckverteilung über dem europäischen Festland ist sehr gleichförmig geworden, sodaß besonders auch wegen der schon vorhandenen Temperaturgegensätze zur Ausbildung flacher Teiltiefs und damit auch bei uns zum Auftreten gewitterartiger Störungen kommt. Die Temperaturen erfahren zunächst wenig Aenderung.
Witterungsaussichten für Sonntag: Wolkig bis aufheiternd, nur noch vereinzelt Niederschläge, mäßig warm.
hätte es eher entsprochen, wären Sie ins Wasser gegangen. Es ist hall ein wunderlicher Heiliger, Ihr Groß- vater! lieber achtzig Jahre zählt er, da ist mit solchen Leuten nicht viel anzufangen. Ich glaube, Sie hätte» bei ihm die Hölle auf Erden!"
„Aber er hat doch ein Anrecht auf mich!"
„Hätte er sich dann nicht früher um Sie bekümmern können? Nein, liebes Kind, jetzt erst besinnt er sich auf Sie, wo er meint, mit feiner letzten Kraft noch an Ihnen erziehen zu können. Wenn ich Ihnen raten soll: gehen Sie nicht mit! Ueberlaffen Sie die Verhandlungen mit dem alten Herrn ruhig mir. Ich werde es rasch heraus haben, was er von Ihnen will, ob er es gut mit Ihnen meint oder nicht."
Dagmar saß mit gesenktem Haupte da. Vieles, was Sjöberg sagte, kam ihr so seltsam zweideutig vor. Aber die Folgerung, die er zog, entsprach ganz und gar ihrer eigenen Ansicht: unmöglich konnte sie, die Bemakelte, im Hause des Großvaters eine Zuflucht suchen. Zögernd stimmte sie zu, Herr Sjöberg mochte mit dem Großvater verhandeln. Doch immer wieder dachte sie: Was mag er doch nur für ein Interesse haben, mich in seinem Hause zu behalten!
Sie wollte sich entfernen, da rief der Fabrikant ihr noch zu: „Sie haben meinen Neffen Axel schon früher ge- tannt? Nun, Sie brauchen nicht gleich so rot zu werden, liebes Kind! Ich traue Ihnen auch in dieser Beziehung gewiß nichts Schlechtes zu. Aber vor diesen jungen Leuten muß man sich in acht nehmen! Die taugen samt und sonders nicht viel, gehen darauf aus, jungen Mäd- che die Kopfe zu verdrehen und lachen sie hinterher aus. Axel ist auch kein Heiliger, das weiß ich!" Mehr noch als die Worte hätten Blicke und Bewegungen ihr verraten müssen, was Herr Sjöberg meinte. Und da bäumte sich alles in ihr auf. Das verdiente Axel nicht, daß man ihn verdächtigte! An ihr hatte er durchaus ehrenhaft und ritterlich gehandelt. Das sagte sie Bengt Sjöberg mit großem Nachdruck.
„Umso besser, liebes Kind!" Er winkte verabschiedend und lächelte listig hinter ihr drein. So, auch das wäre geordnet. Nun mochte der alte Narr kommen und seine Enkelin fordern! (Forts, folgt.)