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7tr. 175.

Dienstag, 31. Juli 1928.

S5.Jahrg.

Erscksemi sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Dnchenblätter" Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatlicher Bezugspreis 1,80 Mk.

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FuldaerZertung

Anzeiger für die Stadt Julda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

Friedensreden französischer Minister.

wtb. Paris, 30. Juli. (Eig. Funkm.). In I Lyon fand gestern eine Tagung der Eisenbahner, die Kriegsteilnehmer sind, statt. Unter- > richtsminister Herriot wohnte dem Festbankett f bei und hielt eine Ansprache, in der er nach dem i „Statin" ausführte:

„Wenn ich für den Frieden gearbeitet habe, so deshalb, weil dies der leidenschaftliche Gedanke aller Franzosen ist. Und wenn wir wünschen, daß Frankreich zu keinem Augenblick entwaffnet sein darf, so deshalb, weil dies immer eine Versuchung für die Länder wäre, die neben sich eine schwache Nation erblicken. Wenn wir wollen, daß Frank­reich stark und würdig bleibt, so deshalb, weil wir wissen, daß es ebensowenig wie in der Vergangen­heit auch in der Zukunft provozieren wird. Frank­reich tut alles, was es kann, um den Frieden in der Welt zu organisieren. Aber die Organisierung des Friedens muß mit Geduld, Methode und Kalt­blütigkeit verfolgt werden. Ich bin der Ansicht, daß Frankreich qualifiziert ist, diese organisatorische ■ Rolle zu spielen und daß wir, wenn wir mit allen ; unseren Kräften hierzu beitragen, damit die Ge- | faltenen am besten ehren."

Kriegsminister Painlev « äußerte sich bei dem Turnfest in Gayen über die Aufgabe des franzö- fischen Heeres. Er sagte:

„Keine Kundgebung ist friedfertiger als die heu­tige und niemand findet etwas außergewöhnliches darin, daß ein Kriegsminister hier präsidiert, da das französische Heer eine im Dienste des Friedens organisierte Macht ist. Eie bemüht sich, das Ideal Pafcals zu verwirklichen, der um die Konflikte zwischen der Gerechtigkeit und der Gewalt zu lösen,

wünschte, daß die Gerechtigkeit stark und die Gewalt gerecht sei."

*

Aus Paris wird gemeldet:

Der deutsche Botschafter v. Hoesch hatte in Ab­wesenheit des Außenministers Briand mit dem Ge- neralsekretär im französischen Außenministerium, B e r t h e l o t, eine Aussprache über den Zwei­brückener Flaggenzwischenfall und seine Folgen. Die Untersuchung ergab, daß auf beiden Seiten der aufrichtige Wunsch und der gute Wille besteht, die Angelegenhei im Geiste gegen­seitigen Verständnisses zu behandeln.

Wie die Telegraphen-Union dazu erfährt, haben die zwischen Berthelot und von Hoesch in Paris geführten Besprechungen über den Zweibrückener Flaggenzwischenfall einen durchaus harmoni­schen Verlauf genommen. Der Zwischenfall dürfte auf Grund dieser Besprechungen als praktisch bei­gelegt betrachtet werden.

Litwinow in Berlin.

Der stellvertretende russische Außenkommissar Litwinow weilt dem „B. T." zufolge in Berlin. Der russische Botschafter Krestinski gab zu Ehren des Volkskommissars ein Frühstück, an dem u. a. Staatssekretär v. Schubert und der z. Zt. in Ber­lin weitende deutsche Botschafter Graf Brockdorff- Rantzau teilnahmen. Der Volkskommissar, der tm Juni feinen Urlaub angetreten hatte, verbrachte diesen zunächst in Marienbad, wo er die Kur ge­brauchte. Anschließend daran begab er sich nach Tirol und hat nunmehr auf der Rückreise nach Mos­kau Berlin berührt.

Vorschläge zur Reichrreform.

Wie die „Voss. Ztg." dem DemokraUfchen Zer- tuirgsdienst entnimmt, hat das preußische Mitglied des Reichsreformausschusses Dr. Brecht in der von ihm als „geschäftstechnische Beratungsunterlage" vorgelegten noch unveröffentlichten Denkschrift sach­liche Vorschläge in zehn Leitsätzen zusammengefaßt. Auf den Inhalt dieser Leitsätze gestatte ein m der Denkschrift „Die Justiz" erschienener Aufsatz Brechts „Mögliches und Unmögliches" bestimmte Rück­schlüsse.

Brecht folgert aus dem Umstand, daß sich die Reformarbeit auf Zweidrittelmehrheiten stützen soll und daß die zustimmenden Landesregierungen das Vertrauen ihres Landtages hinter sich haben müssen, die Notwendigkeit, nicht durch Verbindung von Fragen, die trennbar sind, jeden Schritt doppelt zu gefährden. Daher müsse bei dem grundlegenden Gesetz u .a. die aUgemeine territoriale Neuglie­derung und Typisierung des Ausbaus der Länder (Landespräsident usw.) zurückgestestt werden. Brecht unterscheidet zwischen preußischen (und den sich ihnen anschließenden) Ländern einerseits und außer- preußischen Ländern, wie Sachsen, andererseits und drittens süddeutschen Ländern, wie Bayern, wobei

eS jedem größeren Lande überlassen bleiben soll, welcher Grüvpe es sich zurechnen will. Nach außen treten die Unterschiede kaum hervor. Das Min­destmaß der Rechte des Reiches soll bei allen drei Gruppen grundsätzlich durch die Weimarer Ver­fassung umschrieben fein. Ministerialdirektor Brecht hat, wie die „Voss. Ztg." weiter meldet, auf eine Anfrage erklärt, daß seine Vorschläge nur der tech­nischen Erleichterung der Beratungen dienen sollen.

* Vertagung dreier politischer elsässischer Pro­zesse. Das Gericht ht Mülhausen hat die Ver- Handlungen dreier politischer elsässischer Prozesse bis nach den Eerichtsferien auf den 6. Oktober verschoben. Es handelt sich um die Klage von Ricklin und Rosse gegen den Druckereibesitzer Her- belis in Belfort wegen Beleidigung, der während des Colmarer Prozesses fälschlich mit Ricklin unter­zeichnete schwarz-weiß-rot umrandete Plakate an» kleben ließ, in denen er Ricklin separatistische Ten­denzen unterschob und die Oeffentlichkeit damit irre zu führen versuchte. Außerdem handelt es sich noch um zwei Verleumdungsklagen des Abge­ordneten von Gebweiler, Silger und des früheren Mgeordneten Silbermann gegen den Ge­neralsekretär der Demokratischen Allianz, Graff.

Hs katholische China nach Mschlch der Revolution.

Das kleine soeben etwas verspätet erschienene statistische Chinajahrbuch der Jesuiten von Schang­hai bringt folgende interessante Daten: China be­sitzt 73 kirchliche Sprengel, 67 Bischöfe, davon 6 einheimische. Die Kcttholikenzahl beträgt 2 439 220. Trotz der Wirren wuröen im Jahre 1926-27 380 438 Taufen gespendet, davon 26 373 Notkäufen, 67 237 Kindern von Christen, 230 033 Kindern von jpetben, 56 795 Erwachsenen, 18 986 Ehen wurden ^wolisch, geschlossen, 6 961 644 Beichten gehört, , ./.r 920 Kommunionen ausgeteilt. In 94 Ho- fpttalern pflegte man 54 732 Kranke, 110 Hospize beherbergten 8113 alte Leute, in 334 Waisenhäu­sern lebten 19 502 Kinder, 60 575 Kinder wurden wa ™ Werk der hl. Kindheit aufgenommen, o er-rrUnb Hilfsapotheken wurden in

i loq-x^Ert beansprucht. Sie .gaben in 1253 493 Falten Heilmittel. Die katbolische Kirche China leistet ein enormes caritatioes Werk'

Aus dem Unterrichtswefen folgende Ziffern: Die katholische Universität Peking hatte 160 Schü­ler, die Höhere Industrie- und Handelsschule zu Tientsin 126, die Universität „2turora" zu Schang­hai 450, die Lehrerbildungsanstalten 18 910 die höheren Schulen 13 845, die Volksschulen 67 064 Schüler. In Vor- und Gebetsschuten gab es 180 854 Kinder. Insgesamt zählt die katholische Mission 282 602 Schüler aller Art.

Studiert man die Ziffern im einzelnen, fo sieht man, wie das christliche Apostolat in China durch die politischen Ereignisse erschwert wurde, beson­ders im Gebiet Ost-Mitte sowie auch in Honan und Kiangsi. In vielen Gemeinden konnte der Mis­sionar im ganzen Jahre keine Besuche machen. Hier gab es nicht einmal Gelegenheit zum Sakra- mentenempfang. Die Schülerzahl sank um min­destens 31000! Das Werk der hl. Kindheit nahm 12 000 Kinder weniger als im Vorjahr auf. Weil irn Norden die Missionsarbeit sich ziemlich normal entfalten konnte, fank die Gesamtkatholi­kenzahl Chinas nicht, vielmehr kamen 56 773 Reu- christen hinzu.

Außer den oben genannten Bilüungs- und Ca- ritasroerten existieren im katholischen China noch etwa 100 Laboratorien und Berufsschulen mit 6000 Praktikanten bzw. Hörern, 8 Lanldwirt- schaftsschulen, 15 Druckereien, mehrere Ausfotzasyle eine Taubstummenschule, ein Blindenheim, ' eine Hebammenschule etc.

Fügen wir die Leistungen der Kirche in Heran­bildung des einheimischen Klerus zu. 51 einheimi- iche Priester wurden aeweiht, in den Priestersemi­

naren befanden sich 759 Studierende, in den Un- terfeminarien (Kleinen Seminarien) 2121 Schüler, in den apostolischen Schulen 1072.

Wir lassen nun den Vertreter der Fides-Korre- spondenz in Peking eine Rückschau über die Re­volution halten. Er schreibt:

„Im Augenblick, wo die Revolution in der Er­oberung von Peking ihr Hauptziel erreicht hat, fei . es gestattet, einen kurzen Rückblick auf die Ereig­nisse vom Standpunkt der katholischen Missionen aus zu werfen. Offen gesagt, die Bilanz drückt nicht nieder. Gewiß gab es schmerzliche Episoden, die zum guten Teil von den Bolschewisten herbei­geführt wurden. Aber China ist groß, wirklich groß, und unterscheidet sich nach Gegenden. Krieg und Revolution haben nicht überall gewütet, und wo Krieg und Revolution ihre Wirkung taten, ge« Aah dies nicht in gleicher Weife. Es gab schwere Fasle von Räubereien, aber ein großer Irrtum, wäre es, anzunehmen, daß ganz China davon betroffen wurde. Die nach Europa gelangten Kor­respondenzen erweckten oft den Eindruck, als wenn China ganz und gar eine Hölle wäre, deren Blut alle Missionare verschlang. Wir wollen die schmerz- lichen Verluste in keiner Weise herabmindern. Jede zerstörte Kapelle, jede zerstörte Schule, jedes ver- nichtete Missionshaus war der Verlust jahrzehnte­langer Arbeit und unendlicher Opfer. In der chi­nesischen Armee war auch nicht jeder Soldof ein Barbar. Wer den Weltkrieg mitgemacht hat, weiß, daß Plünderungen und Zerstörungen in Kirchen und Häusern nicht immer zu einer allgemeinen Verurteilung des Geistes einer Truppe berechtig­ten. Man muß überhaupt in Ehina nicht fo sehr auf einzelne Ereignisse sehen. Der soziale Wirbel­sturm, der durch das Land braust, ist das Beach­tenswerteste. Die augenblickliche Revolution ist eine der größten der Geschichte. Sie leitet sich aus Dem Recht der Nation auf ihre volle Souveräni­tät her, ihre Nährkräfte waren Bolschewistenpro- paganda und die ungleichen Verträge mit den Westmachten. Die Wendung gegen die Mission be­wirkte den Mord dreier Missionare. Zwei wei- tere wurden von Räubern getötet. Viele Christen mußten bas Leben lassen. Aber wenn man alles abwägt, müssen mir dem Himmel danken, daß cs nicht schlimmer steht. Leben doch 3 131 katholische Priester in China! Der Nationalistensieg stellt die Frage der ungleichen Verträge wieder zur Diskus­sion. Die Chinesen wollen keine Vorrechte vor den i Europäern, sondern nur Gleichstellung. Gibt man klug ihren Wünschen nach, fo mag der Fremden- 1

haß, der jetzt fast erloschen ist, gänzlich aufhören; sonst wird er allerdings zu einer Stärke anschwel­len, die man heute noch nicht abschätzen kann. Die nationalistischen Autoritäten scheinen möglichst schnell Ordnung schaffen zu wollen. Sie bekämpfen den bolschewistischen Einfluß, wo er noch auf den sozialen Organismus einzuwirken versucht. Für die Ausschreitungen des chinesischen Bolschew's- mus ist Rußland verantwortlich. Der gute Sinn des Chinesen und die angeborene Milde seines Charakters haben schon einen verbrecherischen, zu Ausschreitungen neigenden Bolschewismus abge- lehnt. Die Revolution hat die Tiefen aufgewühlt. Sie eröffnet für China eine neue Zeit. Angesichts der Lage unserer Kirche in China dürfen wir hof­fen, daß alles, was geschah, dienen wird, um dieses fo reich begabte Volk zu einem fruchtbringenden Wirken in der Geschichte der Menschheit zu führen."

Der Handstreich Amerikas.

„Times" berichtet aus Tokio: Kelloggs Note cm China wird hier nicht besonders begrüßt, weil Tokio und Nanking gegenwärtig ht Streit liegen. Die Presse zeigt das Bestreben, die Vereinigten Staaten zu kritisieren, weil sie von dem Grund­sätze der Gemeinsamkeit des Handelns, den die Washingtoner Konferenz bekräftigte, abgegangen feien. Das Blatt „Asahi" vertritt die Ansicht, daß Kelloggs Vorgehen Japan in Schwierigkeiten bringe. Das Oppositionsblatt „Hochi" erklärt, es fei „ein gemeiner Trick" von den Vereinigten Staaten, die die Washingtoner Konferenz veranstaltet und den Neunmächteverttag unterzeichnet hätten, zu ver­suchen, den Taris ohne Rücksicht auf andere zu ändern.

Krife in Rumänien.

Scharfe Angriffe der nationalen Bauernpartei gegen die rumänische Regierung.

In den Sitzungen des von der nationalen Bauernpartei Rumäniens einberufenen Gegen- parlaments wurde die Regierung von den Abgeordneten Madgearu, Popovici und Maniu heftig angegriffen. Es wurde ein Beschluß ange­nommen, in dem die Regierung als Feind des Vaterlandes erklärt und betont wird, daß die na­tionale Bauernpartei, wenn sie ans Ruder tönte, bis auf eine Anleihe bezüglichen Verträge und Ge­setze als null und nichtig betrachten mürbe. Nach der Sitzung fanden in denSttaßen von Bukarest kleinere Kundgebungen statt, doch kam es megen des starken Polizei- und Militäraufge­bots nicht zu Ruhestörungen. Der rumänischen Presse mürbe durch die Zensur verboten, sich mit Sitzungen des Gegenparlaments zu befchäftt- gen. ____

Die Vorgänge in Aegypten.

Aus Kairo wird gemeldet:

Das nationalistische Blatt „Al Belagh" veröf- fentlicht einen Appell der Witwe Zaghlul Paschas an ihre Söhne, in dem sie sie auffor- bert, zu kämpfen, um zu zeigen, daß der Geist Zaghlul Paschas noch am Leben fei. Es heißt in diesem Slppell u. a.: „Ich verließ Aegypten, nie­dergeschlagen wegen des Todes Saads. Ich bin zurückgekehrt, niedergeschkagen wegen des Der» luftes der Freiheit meiner Kinder und der Berfaf- fung meines Landes."

Frau Zaghlul erhebt Einspruch gegen die Be­handlungsweise der Polizei anläßlich ihrer Rück- kehr vor einigen Tagen und ermahnt die Nation, nicht schwach zu werden.

S *

In K a i r o versammelten sich die der Wafb- Partei angehörgien Senatoren und Deputierten in einem Privathause in Widerspruch zu der Regie­rungsverfügung, die derartige Zusammenkünfte verbietet. In der Versammlung wurde ein Be­schluß angenommen, der erklärt, daß das Parla­ment noch immer bestehe und berechtigt fei, im Einklang mit der Verfassung zusammenzutreten. Die Regierung wird in dem Beschluß aufgefordert, zurückzutreten.

Aus Mexiko.

Dte Freunde des Präsidenten Calles erklä­re», Calles habe ihnen mitgeteilt, daß er nach Ab­lauf feiner Amtszeit am 1. Dezember dieses Iah- res fein Präsidentfchaftsamt niederlegen werde. Man nimmt allgemein an, daß Aaron Saenz als Nachfolger von Calles die Präsident- schüft übernehmen werbe.

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Wie das Ministerium des Aeußern anfünbigt, bedeutet die Tatsache, daß die msxikanffche Regie­rung die Einladung des Völkerbundes zum Welt- wirtschaftskongreß angenommen hat, keine Aende- rung in der Haltung Mexikos gegenüber dem Völ­kerbund. Mexiko wünsche nach wie vor keine Aufnahme in den Völkerbund. Wäre die Teil- nähme des heutigen Mexiko mit feiner Gewissens- bedrückung eine Ehre für den Völkerbund?

• Veröffentlichung des Jahresberichts des Gene­ralsekretärs des Völkerbundes. Der Jahresbericht des Generalsekretärs des Völkerbundes über die Tätigkeit des Völkerbundes seit der letzten Völker- bundsversammlung ist veröffentlicht worden. Der Bericht gibt auf 120 Folioseiten einen Ueberblick über die Arbeiten der verschiedenen Völkerbunds­organe.

* Englische fiommuniffen reisen nach Rußland. Mehrere tausend Frauen veranstalteten in Lon­don unter freiernHimmel eine kommunistische Kund­gebung, um 50 Frauen, sogenannten „Friedens­botschaftern", und 50 Frauen der Gewerkschaften, * 1 die sich mit dem Dampfer „Sowjet" nach Rußland , beaeben. Lebewohl zu sagen. j

Zur heutigen vöikerwanderung.

Don Arthur Ramcke.

Im Frühjahr 1924 trat auf Anregung Italiens in Rom die erste internationale Wanderungskonfe- renz zusammen. Die Bedeutung des Ein- und Aus- wanderungsproblems für fast alle Kulturländer kam in der außerordentlich zahlreichen Beteiligung zum Ausdruck; nicht weniger als 58 Staaten hatten ihre Vertreter entsandt. Schon vor dem Kriege verursachte die moderne Völkerwanderung den Re­gierungen manche Sorge. Die Bestrebungen, zu internationalen Vereinbarungen zu gelangen, führ- ten aber zu keinen praktischen Ergebnissen. In­folge der wirtschaftlichen Zerrüttung Europas kom. plizierte sich das Wanderungsproblem, und alle Lösungsversuche stießen auf unüberwindliche Hemmnisse. Die Einwanderungs- wie die Aus- wanberungslärtder sind natürlich bemüht, aus der modernen Völkerwanderung den größten Nutzen zu ziehen. Die Staaten, die gezwungen sind, wert­volle Volksteile für lange Zeit ober für immer in andere Länder abwandern zu 'affen, wollen ihre Volkskraft möglichst dorthin abgeben, von wo für das Heimatland wirtschaftliche Vorteile zu ermar» ten sind. In der letzten Zeit hat namentlich Italien versucht, feine Auswanderungspolitik nach solchen Gesichtspunkten zu leiten.

Wie eng die Wanderungsfragen mit der allge­meinen Politik zusammenhängen, und zu welchen Konflikten sie führen können, neigt deutlich das Ha« lienische Beispiel. Aus diesem Grunde kam auch die römische Konferenz über allgemeine Erörterun­gen nicht hinaus. Die vierzehntägige Beratung förderte zwar wertvolles Material zutage; es mür­ben auch zahlreiche Beschlüsse gefaßt und den Re­gierungen unterbreitet, aber bis heute hat noch kein Antrag der Konferenz Eingang in die Gesetzgebung der Staaten gefunden. Das, roas der erste Wan­derungskongreß erreichte, war für den Anfang im» merhin genug, denn es gipfelte in der Feststellung, daß die Formen der Auswanderung und die Regle­mentierung der Einwanderer sich mit den Grund­sätzen 'der modernen Kultur- und Wirtschaftsauf- fossung nicht mehr vertragen. Diese Tatsache hat auch die zweite Internationale Wanderiingskonfe- renz beschäfttgt, bte kürzlich in Havanna tagte. Es waren dort vierzig Staaten vertreten, unter denen eine Anzahl nur diplomatische Beobachtungsposten besetzt hatte, während andere Länder sich nur aus Repräsentationsgründen vertreten ließen. Dis Gründe hierfür liegen in den politischen Schwierig­keiten, die vorläufig noch der internationalen Rege, lung entgegenstehen. Die letzte panamerikanische Konferenz in der kubanischen Hauptstadt bildete in gewissem Sinne den Vorläufer der zweiten Wan- berungstagung, denn sie befaßte sich ebenfalls mit Wanderungsfragen und stellte sogar Leitsätze auf, die aber nicht einmütig gebilligt wurden. Die Nordamerikanische Union, die jede internationale Regelung ablehnt, setzte hier den Antrag durch, daß fortan in amerikanischen Ländern nur Einwande­rer mit Arbeitskontrakten zugelassen werden sollen. Gleichzeitig wurde von nordamerikanischer Seite gefordert, daß den Einwanderern, die im Besitze ge­wisser Barmittel sind, die Vergünstigungen aus der Einwanderungsgesetzgebung nicht mehr zu ge­währen sind. Diese einfettige Stellungnahme Nord- amerifas setzt sich über die wirtschaftlichen Erfor­dernisse der anderen Länder des amerikanischen Kontinents aus egoistischen Beweggründen her­aus hinweg; sie läßt die historische Entwicklung der Landesverfassungen außer acht und versucht, die interne Gesetzgebung dieser Staaten zu beeinflussen. Obwohl zum Beispiel Argentinien und die Ver­einigten Staaten auf demselben Kontinent liegen, könnte die Problemstellung ihrer Einwanderungs- gesetzgebung nicht entgegengesetzter fein. Wählend die Union die Einwanderung rücksichtslos kontin­gentiert, öffnet Argentinien, getreu dem Sinne -ei­ner Verfassung, heute noch jedem seine Grenzen, der den Willen hat, den Boden zu bearbeiten, ein Handwerk zu betreiben ober bie Künste zu vermeh- ren.

Die Gegensätze in der Wcmberungspolitik ka­men auch bei der zweiten Konferenz in Havana zum Ausdruck Der Ausgang der Beratungen er­weckt keine großen Hoffnungen auf baldige Ver­besserung der Auswandererverhältnisfe und auf ein- heitliche Regelung der internationalen Wände- rungsfragen. Die Vertreter der einzelnen Staaten sind politisch nicht unabhängig genug, um ihren Wünschen den nötigen Nachdruck zu verleihen und die Verhältnisse ungeschminkt zu schildern, roas al- tein zur Klärung der Probleme und zur Abstellung der ärgsten Mißstände beitragen kann. Die Ab­sicht der nordamerikanischen Delegierten, ihre Mei- nung über die gesetzliche Regelung der Einroande- rungsfragen als allgemein verbindlich durchzudrü^ ken, scheiterte. Die Mehrheit der Konferenz konnte sich nicht dem Standpunkt anschließen, daß die Ein- wanderungsgesetzgebung ausschließlich Sache jedes Einwanderungslandes fei, also zu den inneren An­gelegenheiten gehöre, in die sich niemand einzu« mischen habe. Diese Haltung der Konferenz ist ver- ständlich, denn es handelt sich bei diesen Verhand­lungen ausdrücklich um die internationale Rege­lung der Wanderungsfragen. Die Anwesenheit der nordamerikanischen Delegierten verhinderte größere Fortschritte nach dieser Richtung hin. Innerhalb des begrenzten Derhandlungsrahmens verblieben aber noch ein Reihe wichtiger Aufgaben, die mehr hu­manitären Charakter tragen und sich mit der äu­ßeren Lage der Auswanderer beschäftigen. Di« Anregungen, die den Regierungen und Varianten, ten unterbreitet werden fallen, lassen noch viele Wünsche offen. Hier werden aber im Laufe bei Zeit Verbesserungen in der Fürsorge durchzusetzen