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Mittwoch, 25. Juli 1928

Fuldaer Zeitung (Amtliches ttreisblatt).

Nr. 170.

Franz Vlumkioff. Telephon 822.

Jaeneke, Sohn einer alten Fuldaer Familie, zwar des öfteren schon den Antrag auf Zulassung gestellt hat, diese Anträge aber vom Vorstand der Kasse jedesmal unter Angabe nicht stichhaltiger Gründe abgelehnt worden eien. Es wird beschlossen, diese Angelegenheit dem evan- gelischen Stadtausschuh zu unterbreiten, der sich mit dem Ausschuß der Krankenkasse ins Benehmen setzen soll. Falls auch hier Ablehnung erfolgen sollte, wird man Die Hilfe der der Krankenkasse übergeordneten Stellen in Anspruch nehmen.

Für die Beachtung des Bekenntnisses im ö f • fentlichen und kulturellen Leben treten wir selbst mit Nachdruck ein, häufig deshalb von Anhängern sogenannter „konfessioneller Weicher- zigkeit" getadelt. Obige Aeußerung mit ihrer scharfen Sprache gegen die Krankenkasse, die be­kanntlich gar manchen Zulassungsantrag ablehnt, und die Hervorhebung des Konfessionellen auch auf wirtschaftlich - geschäftlichem ® eh t ri, möge auch unseren Lesern wieder einmal deutlich zeigen, wie man in anderen Lagern auftntt und wie man dort über die mehr oder weniger un­eigennützigen Verkündiger „konfessioneller Welther- zigkeit" zur Tagesordnung übergeht. Wir empfeh­len das nicht zur Nachahmung, aber zur Kenntnis­nahme.

Dom ttrastwagen-verliehr.

Die Erfahrung hat gelehrt, daß in den Kreisen der Kraftfahrzeugführer über den Begriff des „entgegenkommenden Wegebenut­zer" noch nickt ausreicken-d und für sie selbst nur wertvolle Klarheit besteht. Bekanntlich hat nack Paragravh 22 Abs. 1 Satz 1 der Verordnung über den Kraftfahrzeuaverkehr in der Fassung vom 1b. März 1928 der Führer eines Kraftfahrzeuges ent­gegenkommenden anderen Wegebenutzern rechtzei­tig und genügend nach rechts auszuweichen oder aber, falls dies aus irgend welchen Gründen nicht möglich ist. so lange zu halten, bis der Weg wie­der' frei ist. Viele Kraftfahrzeugfuhrer klammern sich nun an die buchstäbliche Bedeutung des Wor­tes „entgegenkommend" und faßten die genannte Bestimmuna der Verordnung so auf, daß sie nur für den Fall Geltung habe, wenn sich die beiden in Betracht kommenden Fahrzeuge im Fahren os- finden aber nickt, wenn eins von ihnen fest steht: auch eine Anzahl von Gesetzauslegern stellt sich auf den gleichen Standpunkt. Diese Auffassung ist aber nicht' aufrecht zu erhalten. Eine Entscheidung des preußischen obersten Landesgerichts vom 23. 12. 27 schafft über diese strittige Frage in dankenswerter Weise völlige Klarheit. Die genannte Entscheidung führt aus:

„Die Eiaenschaft eines Entgegenkommenden hat auch der Wegebenutzer, der erkennbar seine Be­wegung vorübergehend gerade aus dem Grunde unterbricht, um 'den anderen vorbeizulassen, um ihm das vorgeschriebene Ausweichen nach rechts zu erleichtern und zu ermöglichen. Es sollen nach dem Sinn und Zweck der Vorschrift die Gefahren ver­hütet werden, die sich aus der Bewegung zweier Kraftfahrzeuge ergeben können. Dem, würde es durchaus widersprechen, wollte man die Anwen­dung für den Fall einer solchen Ruhestellung des einen Teiles ausschalten, obgleich sich beide Teile in dem Verkehr befinden, dessen Ordnung beabsich­tigt ist. Die gemeinsame Sorge muß es sein, daß die Vorbeifahrt glatt vonstatten nebt. Hebt eine Teil die Vorsicht und bleibt stehen, so kann der andere nicht der im Paragraph 22 verlangten Rücksichtnahme entbunden sein. Auch er bleibt verpflichtet, zum Erfolg, das ist zur Hintanhaltung einer Gefährdung, mützuwirken, indem er nach rechts ausweichend den erforderlichen bstand von dem zweiten Fahrzeug nimmt. Dies gilt jeden­falls dann, wenn er sieht, oder doch bei gehöriger Aufmerksamkeit sehen kann, daß die Fahrt des an­deren Wegebenutzers nur zur Befolgung der in der

Fulva, den 24. Juli 1928 Perfonennachrichten.

Im 71. Lebensjahr verstarb in Kassel der zu­letzt im Ruhestand lebende frühere Bibliothekar an der Landesbibliothek in Kassel Prof. Dr. Wilhelm Lange Der Verstorbene war 20 Jahre Vor­standsmitglied des „Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde" und hat namentlich auf dem Ge- biet der Vorgeschichte unseres Heimatbezirkes bahn­brechend gewirkt.

Sodaiikät.

Die Bürger- und Junggesellen - Sodalität zu Herbstein feiert das 150jährige Jubi­läum ihres Bestehens. Diese ist aus unserer Fuldaer Sodalität hervorgegangen, indem im Jahre 1776 die Herbsteiner Sodalen, die ihr bis dahin angehört hatten, mit oberhirtlicher Genehmi­gung sich selbständig machten. Am 26. Januar 1778 wurden durch Papst Pius VI. die der Bürger­und Junggesellen-Sodakität zu Fulda verliehenen Privilegien auch der neuen Kongregation zu Herb­stein bewilligt. Am Mittwoch, den 25. Juli, am Feste des hl. Apostels Jakobus, des dortigen Kirchenpatrons, wird in Herbstein das Jubiläum festlich begangen. Um %10 Uhr findet ein feier­liches Hochamt mit Festpredigt statt: nachmittags wird eine Prozession gehalten. Wie am vorigen Sonntag bereits bei dem Gottesdienste mitgeteilt wurde, ist unsere Fuldaer Sodalität dazu herzlich eingeladen worderi. Mögen die So­dalen, denen es möglich ist, recht zahlreich dieser Einladung folgen! (Fulda ab 6.38, Lauterbach an 7.28, ab 7.57, Herbstein an 9.13 Uhr.)

Kleinstwohnungen.

In einer Reihe von Städten war der Prozent­satz an mehr- uni) vielräumigen Wohnungen in den letzten Jahren bedeutend größer als die Zahl der Wohnungen mit geringeren Wohneinheiten. Der W o hnu n g s a us s ch u ß des Deutschen Städtetages erklärt, wie die Deutsche Beam­tenbund-Korrespondenz mitteilt, auf seiner letzten Tagung, daß zur Beseitigung der Wohnungsnot auch die Herstellung von Kleinwohnungen, jedoch in der Ausstattung, wie sie die gegenwärtige Wohnungs­kultur verlangt, durchaus als geeignete Maß­nahme zur Ueberwindung der Verhältnisse am Wohnungsmarkt mit in Betracht kommt. Zweck- mÄßigerweise soll dabei die Grundrißanlage so ge­staltet werden, daß gegebenenfalls in einem spä­teren Zeitpunkt die Zusammenlegung von zwei Wohnung n durchgeführt werden kann.

Von der Freiwilligen Saniläkskolonne Fulda.

Vom Provinzial-Verbanü vom Roten Kreuz wurden in Anbetracht ihrer hervorragenden Ver­dienste für dos Kolonnenwesen ausgezeichnet: Der Vorsitzende und Kolonnenarzt Dr. Sebald mit der Derdienstmedaile für 10jährige Tätigkeit und der Kamerad Adam Pappert mit der Verdienstmedaille für 35jährige Tätigkeit.

Starke Betonung der Konfession.

In dem Bericht des „Fuldaer Anzeigers" über eine Hauptversammlung des Evangelischen Dolksvereins Fulda lesen wir u. a. folgendes:

Unter Verschiedenem wurde aus der Mitte der Ver­sammlung angefragt, wie es käme, daß den Mitgliedern der Allgemeinen Ortskrankenkasse, die dem Evangelischen Volksverein angehören, kein evangelischer Den- t i ft zur Behandlung zur Verfügung stände. Die Frage wurde dahingehend beantwortet, daß Herr Dentist

aus den umliegenden Häusern, "ist Krämern, Ge­müsehändlern, Handwerkern und Geschäftsleuten. Die vierzehn Tage gingen ihm, wie er versicherte, im Fluge herum und er gestand, noch selten einen o ruhigen Urlaub, ohne jede Hetze und Aufregung, verlebt zu haben. _ t . .

Diese Episode möge für jene Leute eine be­scheidene Anregung, die nicht zum Reisen kom- men, sein. Sie wendet sich an die Daheimgehlie- benen. Än jene auch, die mit geheimer Traurig­keit und etwas Neid in den Ferienzugen soviel glückliche Reisende sehen und es beklagen, ms Da­heim verbannt zu sein, fei es aus Gründen rrne immer. Sie sollen einmal versuchen, ob sie mckt in ihren freien Tagen, in denen sie daheim bleiben müssen, das Beispiel dieses Schriftstellers nachahmen können und vielleicht erkennen lernen, daß da- Gute und Schöne nicht immer in jener verhei. ßungsvollen Ferne liegt, nach der wir haschen und jagen und die uns gleichwohl oft genug enttäuscht

Serienreifen ?u WT*pn allerdings nut Leute unternehmen, die eine gewisse Intelligenz be- sitzen. Andere müssen schon „verreisen , wenn ft- auf Reisen gehen.

kMerlei Nahrungssoryen.

Von Medizinalrat Dr. Weber in Waldkirch lBaden>

Soll ich Fleisch essen? Ja aber in mäßigen Mengen und nickt alle Tage. Fleisch spendet uns das für den Aufbau und den Ersatz Kor^r gewebes notwendige Eiweiß tn der konzentrier testen Form. Das billigste und dennoch em voll- wertiges Fleisch ist das der Seefische tn frifdjem "ÄS

man Gicht? Das 'st nicht richtig bcto^ man nur, wenn man eine ererote Anlage dazu hat, derzufolge sich die Stosswechselvorgange in regelwidriger Weise abspielen. Wer eine ! <ck Veranlagung hat, also zu Gicht neigt, wird gut tun, den Fleischgenuß möglichst cinzuschrankem Ohne diese erbliche Anlage kann man aber olmck essen, so viel man will, man wird nie Gicht davon bekommen. Läßt sich das Fleischeiwelß ohne Scha­den durch Pflanzeneiweiß ersetzen? Ja. Das Pflanzeneiweiß ist dem Fleischeiweiß vollkommen gleichwertig, nur ist die Pflanzenkost viel schwerer verdaulich und man braucht mehr, um den Eiweiß­bedarf zu decken, sodaß Magen und Darm viel länger belastet werden, als durch Fleischko.t

Läßt sich die Pflanzenkost ganz durch Fleisch- kost ersetzen? Nein. Die Gemüse sind die wichtig­sten Mineral-Salzquellen für unfern Körper und deshalb nickt zu entbehren. Besonders das- Eisen und den Phosphor entnehmen wir den Pflanzen. Deshalb soll man auch schon kleine Kinder an Ge- müse gewöhnen. Der Säugling von emhalb Jahr verträgt schon sehr gut Spinat und Karotten und gedeiht prächtig dabei.

Ist Gefrierfleisch minderwertiger als Frisch- fleisch? Nein. Der Nährwert ist genau derselbe. Durch das Frieren wird die Fleischfaser der Ver­dauung sogar besonders leicht zugänglich gemacht. Auch im Geschmack steht es dem Frischfleisch nicht

Verkehrsordnung gegebenen Weisung zum Anhal­ten für kurze Zeit eingestellt wird

Das oberste Landesgericht wußte ganz bestimmt, aus welchen Gründen es die vorstehende Entschei­dung gefällt hat, und es kann jedem Kraftfahr­zeugführer nur dringend geraten werden, ihr ote größte Aufmerksamkeit zu schenken. Es soll , ohne weiteres zugegeben werden, daß die Gefahr für sie beiden entgegenkommenden Kraftfahrzeuge bedeu­tend größer ist, wenn sie sich bei her Begegnung in Bewegung befinden; leugnen läßt fick aber je­denfalls auch nicht, daß auch bei dem Vorbeifahren an einem in Ruhe befindlichen Kraftfahrzeug die Gefahr besteht, daß es angefahren wird, wenn nicht die zum glatten Vorheifahren erforderliche Distanz innegehalten wird. Tatsächlich ist also gar kein Grund vorhanden, bezüglich des Paragraph 22 der Verordnung einen Unterschied zu machen zwischen einem in der Fahrt befindlichen entgegen­kommenden und einem in der entgegengesetzten Fahrtrichtung in Ruhe befindlichen Fahrzeuge; dann ist aber auch gar kein Grund vorhanden, dem Führer des fahrenden Fahrz°uges in dem ersten Falle die Verpflichtung der Beachtung des Para­graphen 22 aufzuerlegen und ihn im zweiten Falls von dieser Vernflicktüng zu entbinden. Den Be­weis, daß diese Entscheidung des Obersten Landesge- richts die einzig richtige ist, liefert der nachfolgende Paragraph 23 der Verordnung, der das Ueber- holen eines in der Fahrtrichtung befindlichen Fahr­zeuges behandelt und durchaus nicht ausfchsießlick ein in der Fahrtrichtung fick befindendes stehen­des. In diesem Paragraph 23 haben wir eine un­bedingt zutreffende Parallele zu dem in Red" ste­henden Paragraph 22 der Verordnung. Jeder KraftsahrzeiigfüHrer tut hoher gut, das in Ruhe .befindliche Fahrzeug beim Dorbeifahren und beim Ueberholen oenau so zu behandeln wie das in der Fahrt befindliche.

Güterverkehr der Reichsbahn mit Großraumwagen.

Für bestimmte Verkehrsbeziehungen mit ständi­gem Masienverkehr ist die Reichsbahn dazu über» gegangen, an Stelle der normalen Güterwagen von 15 Tonnen und 20 Tonnen Ladegewicht Wagen von besonders großem Fassungsvermögen einzu- stellen. So sind in den letzten Jahren 280 Groß­raumwagen mit einem Ladegewicht von 40 bis 60 Tonnen zwischen bestimmten Stationen in den Dienst gestellt worden. Die Versender und Emp­fänger haben sich bereits vielfach mit ihren Lade- einricktungen auf die neuen Großraumwagen ein­gerichtet.

Serienreife zu Hause.

Ein Schriftsteller erzählte einmal, wie er eine vierzehntägige Urlaubszeit zu Hause verbrachte. Er stand sehr spät auf, übereilte sich weder bei der Toilette, noch beim Frühstück, las ganz ausführlich die Morgenzeitung bei einer guten Zigarre oder Zigarette, dann machte er einen Rundgang durch fein Zimmer. Er beobachtete den Einfall der Son­nenstrahlen durchs Fenster, die Farbenreflexe an der Tapete, betrachtete Bilder und Einrichtungen genau. Es fiel ihm ein, daß er an einem Eckplatz noch nie im Sesiel gesessen war und von hier aus seine vier Wände betrachtet hatte: sie kamen ihm von diesem Platz aus neu und schöner vor. Aehn- liche Ueberraschungen erlebte er, als er, nachdem er seine Wohnung auf diese Weise ganz gründlich bereist hatte, die Aussichten von seinen Fenstern nacheinander gründlich studierte. Er mußte erken­nen, wie achtlos er an sehr vielen interessanten Anblicken voriibergesehen hatte, wie wenig er eigentlich seine Nachbarschaft kannte. Nach einigen Tagen bereiste er ebenso eingehend die benachbarten Straßen und Gassen, dann die Lokale. Er unter­hielt sich, was er sonst nie getan, mit den Leuten

Verkehrsnachrichten.

Mein Omnibus fährt am Donnerskag, den 26. b.

Ulfs, nach

Maria-Ehrenberg.

Einige Plätze sind noch frei. Hin- und Rückfahrt Mk. 2.80.

Anmeldungen erbeten.

AU XO LI N KOPFWASSER

nehmen heisst, richtige Haarpflege betreiben

F . WOLFF S SOHN

Das heilige Recht.

Roman von Emil Frank.

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Wie ein Baker fein verschüchtertes Kind liebkost, so streichelte Lars Larsson Eriks fiebcrglühendes Haupt. Die Blicke seiner blauen Augen ruhten auf dem Stapel von Schriftstücken, und er nickte immer wieder, als erriete er ohne weiteres die Herkunft und die Bedeutung dieser Papiere.

Der Alte dämpfte seine Stimme zu geheimnisvollem Raunen: „Herr Dahlgren, halten Sie mich nicht für auf­dringlich! Nie war ich es, möchte es am wenigsten in dieser Stunde sein. Aber die Zeit scheint mir gekom­men, wo ich Ihnen Antwort geben muß, soweit ich dazu imstande bin. Und dann sollen Sie mich richten! Und ich werde Sie segnen, mag Ihr Spruch lauten wie er will! Ich bin der Mörder Ihres Vaters!"

Wie, der junge Mensch hörte ein solches Bekenntnis und er fuhr nicht wild auf? Er stürzte sich nicht aus den Mann, der sich so schwer bezichtigt hatte? Er weinte?

Langsam erhob sich Erik. In seinem Gesicht wechselte glühende Röte mit schneeigem Weiß. Das Licht seiner Augen schien erloschen zu sein. Mit tonloser Stimme murmelte er: „Ich sehe ein, daß sich diese Aussprache nicht vermeiden läßt. Setzen Sie sich, Vater Larsson! Ich weih von den Dingen, über die Sie zu mir reden wollen, wahrscheinlich mehr als Sie selbst!"

,Aus den Papieren da?"

,Ia, aus diesen Papieren!"

„Aber Ihr Vater war doch unschuldig!" schrie Larsson auf.

,Hch weiß es! Alles weiß ich!"

„Und Sie wenden sich nicht voll Abscheu von mir ab? Don dem Mörder Ihres schuldlosen Vaters?"

„Das Schicksal und eines anderen Schuld hat Sie dazu werden lassen. Sie haben meinen Vater nicht feige aus dem Hinterhalte ermordet! Das hat der andere ge­tan, der meinem Vater so vieles zu verdanken hatte."

„Bengt Sjöberg!" rief der Alte mit einer Stimme, die furchtbar wie das Brüllen eines wilden Tieres klang. Und nach geraumem Schweigen, während seine mächtige

Brust in keuchenden Stößen sich bewegtee, setzte er hinzu: „Haben Sie Erbarmen, Herr Dahlgren! sagen Sie mir alles! Für mich ist dieses Wissen größte Wohl­tat! Und auch ich will Ihnen nichts verschweigen, was Sie zu trösten vermag."

Da erzählte Erik, was er aus den Aufzeichnungen des Vaters, aus den Briefen der Mutter erfahren hatte. Alle die Stellen, die Anklagen gegen Bengt Sjöberg enthiel­ten, las er dem Alten vor.

Als Erik davon sprach, daß Sjöberg die Erfindungen des Vaters sich widerrechtlich angeeignet hatte, da lachte Larsson nur hart auf. „Das sieht diesem Schuft ähnlich!" sagte er voll Verachtung.

Dann aber, als er die Briefe der Mutter vorlas, aus denen Sjöbergs Schuld an Ulla unzweideutig hervor- ging, wandelte sich Larfsons Wesen in grauenvoller Weise. O nein, er tobte und klagte nicht, stieß keine Ver­wünschungen aus. Aber sein zerfurchtes Gesicht versteinte schier. Die geballten Fäuste fielen schwer wie Schmiede­hämmer auf die Platte des Schreibtisches, als wäre es der Feind, auf dessen Haupt er sie niederschmettern ließ. Nach diesem Beweise für die ungebrochene Kraft feines Körpers trat er schweigend an das Fenster und starrte hinaus auf den vom Mondlicht übergossenen Vorplatz des Hauses. Lange .lange, stand er so da, und Erik störte ihn nicht. Die Zeit zum Reden würde schon noch kom­men! 0, und bann mußte das Unfaßbare geschehen; er würde für Bengt Sjöberg bitten! Um Jngeborgs willen!

Nach geraumer Zeit wandte sich Larsson langsam um und fragte: „Wann reifen Sie?"

„Wohin denn?"

„Nun, nach Stockholm."

„Aber ich bin ja hier noch nicht fertig. Erst mutz meine Arbeit beendet fein."

Da starrte ihn der Greis in so fassungslosem Erstau­nen an, daß Erik bis in die Tiefen seiner Seele er­schauerte, weil er sich den Grund dieses Staunens wohl denken konnte.

Es bedeutete: Wie, du weißt, was dieser Sjöberg deinem Vater, deiner ganzen Familie angetan hat und du willst ihn nicht zur Rechenschaft riehen^

Dann duckte Lars scheu zusammen. Die gestrafften Züge feines Greisengesichtes entspannten sich. Leise meinte ere: „Freilich, Sie wissen ja noch nicht alles. Nun, so muß ich auch das letzte erzählen, um Ihren Mannes­zorn gegen den Mann zu wecken, der wie ein wildes Tier gehandelt hat: grausam und hinterlistig zugleich I Dann werden Sie nichts mehr nach Ihrer Arbeit fragen, werden unverzüglich abreifen, damit all das grauenhafte Unrecht endlich gesühnt wird!"

Und er berichtete von der Flucht seiner Tochter, von dem Zettel, den sie hinterlassen, von seinen heißen Mühen, den Mann ausfindig zu machen, der zum Schur­ken an seinem geliebten Kinde geworden war.

Bengt Sjöberg hielt sich wieder einmal tn Dahlgrens- hemrnet auf. So ängstlich er auch vermieden hatte, vor einem Menschen von seinen Sorgen zu sprechen: Sjöberg schien sie doch erraten zu haben. Er lockte ihm das Geheimnis ab und versprach ihm mit Wort und Hand­schlag, nach dem Schuldigen zu fahnden.

Nach einigen Tagen aber tat er, als müsse er so rasch als möglich abreifen. Und auf Larfsons erstaunte Frage, ob er denn fein Versprechen vergessen habe, gab er be­kümmert zur Antwort: Das sei es ja eben, was ihn aus Dahlgrenshemmet triebe.

0, er verstand es meisterhaft, durch halbe Andeutun­gen die Neugier des Pächters zu reizen, bis er schließlich — als könnte er sich nicht mehr anders helfen — Olaf Dahlgrens Namen nannte.

So sehr Larsson auch durch die Sucht nach Rache verblendet war: an Olaf Dahlgrens Schuld hatte er doch nicht glauben wollen. Jetzt geriet Sengt Sjöberg in Eifer. Ob er etwa glaube, daß er eine solche Beschuldi­gung gegen den Menschen Vorbringen würde ,ber ihm wie ein lieber Bruber nahestand, wenn er von dessen Schuld nicht vollkommen überzeugt wäre

Wie schlau er es anfing, Beweise für diese Worte zu erbringen! Und Larsson ließ sich schließlich doch über­zeugen, denn Sjöberg brachte ja auch eine Zeugin bei, die bereit war, jeden Eid zu leisten, daß sie Herrn Dahlgren und Fräulein Ulla bei gegenseitigen Liebkosungen über­rascht hätte.

Anne Pjersson hieß dieses Mädchen, das fein Zeugnis anbot, so daß Larsson schließlich glauben mußte.

Und bann erzählte Lars Larsson von ber gemeinsamen Wanberung zur Hohe bes Stabjan, von bem Zweikampf mit Olaf Dahlgren an bem schauerlichen Abgrunbe, an dem sie beide heute gestanden hätten. Auch er — Lars­son — hätte sterben wollen, obgleich er seinem Gegner an Körperkraft überlegen war. Und im letzten Augen­blicke hätte ihn Olaf Dahlgren von seiner Unschuld über­zeugt. Doch eine höhere Gewalt hätte ihn in den Ab­grund geschleudert, in dem er zerschmettert liegen blieb.

„So, junger Herr, jetzt wissen Sie, mit welchen Mit­teln Bengt Sjöberg arbeitete, um mich zu der furchtbaren Tat zu treiben. Mit kluger Ueberlegung hat er mich zum Mord an Ihrem Vater verleitet. Sie werden wissen, was Sie zu tun haben!"

Erik schüttelte in unsäglicher Qual den Kopf. End­lich bekannte er: „Wie kann ich den Mann zur Rechen­schaft ziehen, dessen Tochter ich liebe? Seine Tat trennt uns für immer. Nie werde ich das Glück finden, das ich an ihrer Seite erträumte. Aber ich werde nicht auf- hären, sie zu lieben. Darum muß ich ihren Vater scho­nen! Glauben Sie nicht, daß ich ihm mein Wissen vorent­halten werde! Ich habe eine Pflicht gegen mich und mei­nen Bruder zu erfüllen, indem ich von Bengt Sjöberg verlange, daß er unser Haus verläßt, in bas er sich burch Lug und Trug eingeschlichen hat. Aber ich kann ihn weder vor Gericht fordern, noch kann ich ihn strafen wie Sie es erwarten. Würde ich Bengt Sjöberg vernichten, so zerstörte ich auch den letzten kargen Rest von Glück seiner Tochter, die ich über alles liebe. Können Sie das nicht begreifen?"

Lars Larsson gab zunächst keine Antwort. Dann mur­melte er unverständliche Worte. Endlich reckte er sich auf und sagte: „Sie mögen recht haben, junger Herr. Ich habe Zeit! So lange Sie hier oben zu tun haben, soll Sjöberg kein Haar gekrümmt werden. Erst müssen Sie mit ihm ins Reine kommen. Dann rede ich mit ihm!"

Erleichtert atmete Erik auf. Daß Larsson fein Wort hielt, darauf konnte er sich verlassen wie auf einen feier­lichen Eid. Bengt Sjöbergs Leben war so lange ge­sichert, als er hier verweilte. Dann aber wollte er sich schützend vor den Mann stellen, der nur deswegen Scho­nung verdiente, weil er Jngeborgs Vater war.