Fuldaer Zeitung
3. Blatt.
Druck der Fuldaer Ackiendruckerei, Fulda
M <68.
Sonntag, den 22. Juli 1928.
Grüne Zniernationale.
Im Mai dieses Jahres wurde auf Anregung Le« tschechoslowakischen Unterrichtsministers Milan Hodsza in Prag eine sogenannte grüne Internationale geschaffen, die zwar ursprünglich lediglich ein innerpolitisches „Locarno" zwischen den deutschen, tschechischen und slowakischen Bauern der Tschechoslowakei darstellte, die aber dann auch zugleich in strikten Gegensatz zur Roten und Weißen Internationale gestellt wurde, darüber hinaus aber von ihrem Schöpfer Hodsza als „Kristallisationspunkt" für diejenigen bezeichnet wurde, „die Boden beflißen oder Boden bebauen und der vaterländischen Scholle anhängen, dabei aber die gleichen Gefühle bei anderen in Ehren halten und eine ihren Interessen entsprechende Politik zu befolgen wünschen." Ausdrücklich betont Hodsza, daß über die Ueberbrückung nationaler Gegensätze hinaus die Grüne Internationale die Grundlage für die Or- ganrsation der „friedlich gesinnten, arbeitliebenden, liberaldenkenden landwirtschaftlichen Klassen aller Völker und Rassen" sein sollte. Es wurde für diese Aufgabe tatsächlich sogleich auch eine Zentrale in Prag geschaffen, die den Mittelpunkt der zukünftigen internationalen Bauernorganisation darstellen soll. Lebhaftes Interesse fand diese Schöpfung bei den slawischen Bauernparteien in Rumänien, Serbien, Kroatien und Slowenien, auch sollen die polnischen und bulgarischen Bauern, sowie die zur Zeit in Entstehung begriffenen deutschen Bauernorganisationen Anteilnahme an dem Plan kund gegeben haben.
Ehe man sich mit den teilweise recht unerfreulichen Maßnahmen beschäftigt, die diese Gründung speziell in den slawischen Ländern gezeitigt hat, mag auf die prinzipielle Bedeutung einer solchen Grünen Internationale hingewiesen werden. Es handelt sich theoretisch dabei um den Aufbau einer Organisation, deren letztes Ziel die Herbeiführung einer die agrarpolitischen Betätigungen aller in Betracht kommenden Völker umfassenden Organisation wäre, die ihrerseits eine planmäßige, ökonomische, geographisch und klimatologisch den gegebenen Umständen angepaßte Weltlandwirtschaf t zu begründen hätte. Dieser Plan mag zunächst vollkommen utopisch erscheinen, insbesondere in einem Zeitalter, das entgegen seinen theoreti- schen Erkenntnissen — man erinnere sich an die Beschlüsse der ersten Weltwirffchastskonferenz — praktisch aus seiner problematffchen Situation durch Maßnahmen herauszukommen versucht, die jenen theoretischen Erkenntnissen schnurstracks zuwider, kaufen. Trotzdem muß man sich klar darüber sein, daß gar nicht mehr viel Zeit bleibt, bis die Welt vtäleicht schon vor der zwingenden Notwendigkeit steht, ein dem Ideal der Weltlandwirtsachft sich näherndes Agrarproduktionssystem zu schaffen. Man kann zur Stützung dieser Ansicht eine Feststellung heranziehen, die Professor Bernhard kürzlich in den Schweizerischen Landwirtschaftlichen Monatsheften ü' ;r die Ausdehnungsmöglichkeiten der landwirtschaftlichen Produktionsfläche der U. S. A. veröffentlichte. Er hat berechnet, daß für die bereits im Jahre 1950 zu erwartende Bevölkerung von zirka 150 Millionen Menschen bei Fortdauer der gegenwärtigen extensiven Produktionsmethoden die Ü. S. A. einer um 48 Prozent größeren Land- flAche bedürften, als ihr Gebiet überhaupt umfaßt. Selbst gesetzt, daß diese Berechnung zu knapp wäre, daß der kriftsche Zeitpunkt, wo ein Land von der riesigen Ausdehnung und den gewaltigen Pvo- duktionsmöglichkeiten der U. S. A., ein Cxport- staat ersten Ranges, seine Einwohner nicht mehr ernähren kann, sich noch um zehn, zwanzig oder dreißig Jahre hinausschieben ließe, eröffnete Bernhards Berechnung doch sehr düstere Perspektiven. Denn schließlich haben wir ja doch nicht das Recht, dem Schicksal unserer Söhne ober Enkel gegenüber gleichgültig zu sein. Es wird also unbedingt erforderlich sein, daß die Agrarwirtschaft aller Länder der Welt nicht nur mtt Entschiedenheit zu denk- bar weitgehendster Intensivierung ihrer Produk- tionsmechoden forffchreitet, sondern darüber hinaus zu einem internationalen Plan, der die natürlichen Gegebenheiten der einzelnen Länder zu ihrer best- möglichen Verwertung bringt und mit der Methode aufräumt, durch Prohibitivzölle und Exportdum-
I ping Produktionszweige zu schützen, die in dem I fraglichen Lande nicht am Platze sind.
Es bedarf keiner weiteten Erläuterung, rote weit die Welt noch von der Wirklichkeit einer so umfassenden und selbstlosen landwirtschaftlichen Kooperative der einzelnen Länder entfernt ist. Angesichts der Notwendigkeit aber, in absehbarer Zeit dahin kommen zu müssen, ist es notwendig, auf die Grundfehler aufmerksam zu machen, an denen die von Hodsza ins Leben gerufene Grüne Internationale, die einen derartigen Plan usurpieren will, krankt. Fast unmittelbar im Anschluß an die Bekanntgabe des Programms der ffche- chifchen Grünen Internationale sind in den führenden slawischen Staaten Töne laut geworden, die das Werk zum Werkzeug der Staatenfeindschaft und politischer Rivalität degradieren wollen. Auf der seit 1922 zu einer ständigen Einrichtung gewordenen Zusammenkunft tschechischer und südslawischer
Rund um
Fabula Gold-Halter. — Eine Mystikerin Werfels Abituriententag. — Sozialismus
Das ist nun die erste Plauderei, die ich mit meinem neuen „Fabula-Gold-Halter" schreibe. Zwischendurch betrachte ich dieses dem Mann in Monde von der Aura-Gesellschaft in München so freundlich überlassene Stück, lieber lökarittige Goldfeder, härteste Osmiumspitze und allerlei Fi» nessen außerdem, Herz, was willst du noch mehr? Ein Schriftsteller verwächst mit seiner Feder. Sie wird lebendig an seiner Hand wie ein neuer Finger. Victor Hugo konnte überhaupt erst schreiben, wenn er die Feder angesetzt hatte. Es war so, als kämen bet ihm die Gedanken aus der Feder. Das müssen ja heute goldene Gedanken werden!
Mit einem religösen Wort will ich die Feder einweihen. Ich lese eben in der „Geistlichen Stadt Gottes der Mystikerin Maria von Agreda." Es steht da ein Satz, der mich inmitten all der Unglücksfälle, die sich jetzt geradezu häufen, außerordentlich ergreift. Er lautet: „Was die öffentlichen Drangsale, Geißeln und Unglücksfälle betrifft, so sind dieselben sozusagen die unzertrennlichen Folgen der Unordnungen, welche untet den Sterblichen herrschen." DiesefrommeundklugeFrauhat imTief. sten den Zusammenhang aller Dinge gefühlt. Eine menschliche Unordnung pflanzt sich nach ihr ge- heimnisvoll fort in die Unordnung der Natur. Ist es nicht wirklich, als zürnten die Elemente dem armen Menschen, der seinen Bund mit Gott gelöst hat und die Anarchie seines eigenes Daseins nun auch in der Anarchie des Meeres und der Stürme wiederfindec? Ein großes Schiff, der „Angamos", ist untergegangen, ein anderes befand sich in größ. ter Gefahr, in der Arktis finkt Flugzeug um Flugzeug in die eisige Flut, Wirbelstürme haben getobt Wer Schanghai, und Zahllose sind umgekommen in den Ueberschwemmungen in Japan. Auch in Europa rasen wilde Naturkräfte, und es scheint, als verliere der Mensch nun ganz die Macht über sie, wo er im Stolz seiner Entdeckungen seiner Herrschaft sich rühmt. In der Strindbergschen „Kronbraut" geschieht in irgendeiner Szene ein ungeheures Verbrechen, und siehe da, sogleich beginnt das ungeheure Mühlrad im Hintergründe der Bühne stöhnend rückwärts zu gehen. Der Zuschauer empfindet ein Grauen, im Grunde das Grauen über sich selbst, das in einer Art magischem Zusammenhang steht mit dem Gang der in ihrer ungeheueren Sicherheit plötzlich so irregeroorbenen Natur.
Es gehört gewiß zu den schönsten Erlebnissen, die man haben kann, wenn man bei einem Menschen beobachtet, wie er sich durch die Wirrnis der Zeit wieder zu den ewigen Sternen durchkämpft. Vielleicht ist Franz Werfel einer von diesen Menschen. Sein jüngster Roman nennt sich:, „Der Abitnrientag". Es ist eine Erzählung, die sich nur an Reife wendet. Durch die jüngsten Vorgänge in mancher Oberprima, die die breiteste Oeffentlichkeit beschäftigt haben, erhält das Buch eine besondere Aktualität. Lehrer, Studienräte und Studiendirektoren sollten es mit Aufmerksamkeit le- sen. Hier kommt es mir nur auf ein Sätzchen an.
Parlamentarier kam es zu Aeußerungen slawischen Hasses gegen die „germanische" Gefahr, daß schon hier die tiefe Kluft erkennbar wird, die das von Hodsza geplante Werk von einer wirklichen Koope- rative trennt. Ueberhaup! ist der Ausgangspunkt, den diese Grüne Internattonale genommen hat, falsch. Parteiorganisationen, rote die, aus denen sie hervorgegangen ist, dürften ein für allemal nicht zur Beschlagnahme einer solch unschätzbar wichtigen Idee zugelassen werden. Dafür gibt es bereits berufene Instanzen, wie die Internationale Land- wirtschaftliche Kommission, die ständige Internationale Konferenz der agrarsozialen Körperschaften und Vereinigungen, zwischen denen einerseits und der (politischen) Oeffentlichkeit andererseits die auf dem 13. Internationalen Landwirtekongreß in Rom im Mai 1927 angeregte Einrichtung ständiger interparlamentarischer Agrarkonferenzen die Vermitt» lerrolle übernehmen könnte.
die Woche.
über die viele« Unglücksfälle. — Franz und Ehe. — Der neue Bildungsausschutz.
das der Held des Stückes gegen Schluß spricht. Es ist der Richter, der sich selbst als schuldig erkannt hat und der sich außerstande fühlt, nun über den Klienten noch zu Gerichte zu sitzen. In all dieser entsetzlichen Tragik hat Sebastian ein eigentümliches Erlebnis. Plötzlich, so heißt es, „hob er die Arme und griff, seinen Kopf zurücklegend, hoch über sich hinaus. So suchen auf alten Bildern biblische Gestalten das flatternde Kleid der aufwärts entftür- zenden Engel zu erhaschen. Der Schreck der Verkündigung verlor sich wie ein feuriger Punkt im Raum. Und wirklich, Sebastian hatte einen der unwiederholbaren Augenblicke unseres Daseins erlebt, in denen -es zur Zündung kommt zwischen Gott und Mensch."
Tatsächlich, mein Fabula-Gold-Halter ist ausgezeichnet. Für ruhige und ernste Erwägungen hat er Verständnis und bringt sie prächtig aufs Papier. Nun will ich aber sehen, ob er auch in erregten Augenblicken standhätt. Ob er nicht kleckst, wenn den Verfasser die Wut packt. Das passiert bei mir immer, wenn ich den Vorwärts lese. Nicht gemeint ist die Politik. Die hat so lange kein Interesse, als eben der Amerikaner da sitzt und den Kurs bestimmt. Ob diese oder jene Partei, das spielt im Augenblick keine so große Rolle, und man merkt ja auch, daß die Herren nicht ihr fieben riskieren oder ihren Posten. Wenn ich dieses Kabinett der Persönlichkeiten daherkommen sehe, bann denke ich an fienaus Maiennacht oder an jenes andere Lied: „Da kommt auf weichem Silberschuh die Maiennacht geschritten ..." Ich weiß nicht, vielleicht heißt es auch, auf „holdem" Silber» schuh, aber ein leiser Gang ist es ganz bestimmt Nein, ich werde wütend, wenn ich so kleine Dinge lese, die beiläufig hn Feuilleton stehen. Etwa einen Traktat über die neue Ehegesetzgebung und die Erleichterung der Ehescheidung Was da im Einzel, neu gesagt wird, klingt nicht eigentlich gottlos, aber diese ganze Art, wie über die Dinge gesprochen wird, die nun doch einmal die Fundamente der Gesellschaft sind. So als genügte etwa ein Mehrheitsbeschluß, um morgen die Zettehe einzuführen. In einer anders gearteten Koalition wird man sich am Ende für die Kameradschaftsehe einsetzen. Wenn man schon anfängt mit den eroiaen Sternen Billard zu spielen, bann wirb es halb um bas Göttliche an ihnen geschehen fein, llnb das ist bas Furchtbare und das Zerfetzende dieses Dauerangrif. fes auf die Religion, daß er nicht mehr mit Fanfaren und Trommelschlag gemacht wird, wie etwa in der Roten Fahne, sondern daß man unsere heiligsten Wahrheiten wie feuilletonistische Seisenbla- sen in die Lust bläst. Was wohl aus dem kommen- den Schulgesetz werden wirb?
Im neuen Bildungsausschuß des Reichstages sitzen 9 Soizaldemokraten, 5 Deutschnationale, 4 Zentrumsleute, 3 Kommunisten, 2 Volksparteiler, 2 Demokraten und 1 Mitglied der Bayerischen Volksvartei. Wenn die Toleranz den nicht auf dem Boden des Christentums stehenden Mitgliedern dieses Ausschusses nicht auch eine Seifenblase wäre,
bann ließ sich Einiges hoffen. Aber wir erleben es Tag für Tag, daß es eine Toleranz praktisch nicht gibt. Fortgesetzt noch geschehen Vergewaltigungen der Religion in Mexiko, aber im Ernst regt sich kein Vertreter der Toleranz dagegen auf, wäh. rend man über die Todesurteile in Rußland Zeter und Mordio schreit. Man sieht, wie hier mit ungleichen Maßen gemessen wird und baß es niemals der Toleranz wegen ist, wenn man tolerant ist, sondern irgendeines Interesses wegen, dem man mit Toleranz dient. Wären die Katholiken Mextz kos Petroleumkönige, würde man ihnen wahrscheinlich Toleranz im Ueberfluß erweisen. Diese, Bildungsausschuß hat die verschiedensten Gesichter. Jede Partei darin hat von Bildung ihre eigene» Vorstellungen. Wir werden es noch einmal erleben müssen, daß die höchsten Gegenstände bei Gesetzgebung und die heiligsten Ideale des Dolke- zu Objekten des parlamentarischen Kuhhandelwerben. So steht es heute in Deutschland, und fi steht es in der ganzen Welt. Christentum als parlamentarische Schmugglerware — im „christliches Europa . . .
Wäre mein Fabula-Gold-Halter nicht gut, dam hätte es sicher jetzt einen Klecks gegeben. Nun abei hat er feine Probe bestanden. Und fromm, wi« Sr begonnen, so soll er auch schließen mit einen Wort, das ich eben in einer neuen kleinen Diogry phie des Ignatius von Loyala lese (von Alben Otto S. I. bei Kühlen, Gladbach). Als bai Germanikum, das deutsche Kolleg in Rom, einst ii Not mar, da schrieb der Heilige, indem er Papf und Karbinäle um Hilfe anging: „Alle, die bai Heil Deutschlands ersehnen, haben bas wirksamst« und beinahe einzige Heilmittel, Um die dort sin tenbe unb in vielen Gegenden gesunkene Relig'oi zu stützen unb wiederherzustellen, darin erkannt daß eine große Schar tüchtiger Männer des Volkes an das Kolleg geschickt werben .... Solang« ich lebe, werde ich sorgen. Man mag mich vev kaufen! Diese Deutschen verlasse ich nicht!" Sei kluge Heilige iah klar und richtig. Die „Zündiin; zwischen Gott und Mensch" ist in unserm Volk« unterbrochen. Sie wiederherstellen, bas heiß Deutschland einen unb retten.
Der Mann im Monde.
♦ Brand in einem bekannten Pariser Konzert saal. Am Donnerstag nachmittag brach aus bis her noch unbekannter Ursache in dem neuen P a rifer Pleyel-Konzertsaal, in dem Br. Furtwäng ler unb Bruno Walter bei ihrem Konzert in Pari, so glänzenbe Triumphe gefeiert haben, eine Feu ersbrunst aus, die ttotz des Eingreifens von füll Feuerwehrmannschaften rasch um sich griff. VS den Aufräumungsarbeiten entdeckte man im Wascki raum die Leiche eines Mannes, der verrnutliä erstickt ist. Im ganzen sind bei den Löscharbeitei acht Feuerwehrleute leicht verletzt worden. Di« gesamte Einrichtung des großen Saales ist zerstör worben, während bas Aeußere des Gebäudes nich gelitten hat. Der Sachschaden soll beträchtlich fein — Wie zu bem Brande im Pleyel-Saal noch mit geteilt wird, handelt es sich bei dem ums Lebei gekommenen Amerikaner um den 44jährigen Pia nisten Oliver Denton aus dem Staate Massa chussettes. ,
töte w'rd öas Wetter?
Die Randstörungen des im Nordosten liegenden Ties druckgebiets werden auch an den nächsten Tagen die Wit terung Mitieleuopas nur vorübergehend mit Bewölkun« beeinflussen. Niederschläge treten sehr wahrscheinliö jedoch nicht auf.
Witterungsaussichten für Sonntag: Wolkig bis heiter trocken, mäßig warm, westliche Winde.
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Schriftleiter: Dr. phil. Johannes Kramer
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Eon Rudolf Happ. —---
Jährendes Volk.
Sn der Wetterau hatten sie stch niedergelassen, in den wetten Ebenen grasten ihre Herden, von der Kinzig bis hinab zum grünen Rhein.
Den Himmlischen mußten fie danken die sie vom rauhen Vogelsberg und von der steinigen Rhön hierher geführt hatten.
Was gab es hier aber auch für Weiden! Immer glatter und glänzender wurden die Pferde, immer run- der und voller die Rinder, immer reicher floß die Milch Fast mühelos ließ sich der lehmige Boden pflügen, locker lag die Scholle wie Mehl, mannshoch standen die Halme und die Aehren strotzten in Körnern.
Hier ließ es sich gut und sorglos leben: hier wollten sie bleiben. Später, nach Jahren könnten sie es vielleicht auch einmal drüben jenseits vom Main versuchen.
Doch da kamen aus Gallien und von der Donau her die Welschen, die ländergierigen Römer. Sie bauten drüben feste Heerlager; sie fetzten über den Strom und drangen auf die Hirten ein.
Die aber zeigten ihnen, wer hier Herr im Lande war. In dicht geschlossenem Keil, Mann an Mann, so gingen sie gegen die Friedensstörer vor. Sie warfen ihre Speere, schlugen mit den Kolben und den Keulen drein und hieben mit den Beilen auf sie ein; von den Flanken her schleuderten sie Steine und schnellten ihre Pfeile auf sie ab; so rissen sie die Kohorten auseinander. Schnell drangen sie in die Lücke ein, stürzten sich ins Gewühl und wüteten mit den Schwertern; ihre Lanzenreiter aber kamen wie der Sturmwind von den Seiten herangebraust und brachten Entsetzen und heillose Verwirrung in die nachrückenden Reihen.
Eine Lust war es für sie, so zu kämpfen — fürwahr ein Götterfest.
Aber so viele sie auch niederstreckten, so viele sie auch gefangen nahmen, immer neue Scharen kamen von Mainz herüber. Gegen diese Uebermacht konnte auf die Dauer auch der kühnste Mut nicht stand- halten.
Weiter und weiter wurden sie zurückgedrängt, bis auf den Vogelsberg hinauf — und nun standen sie wieder an der Grenze des alten Buchenlandes.
Wie aber sollten sie bei ihren Volksgenossen unterkommen, die selbst so wenig Weiden hatten? Die wollten auch nicht mit ihnen teilen und sagten, sie sollten ruhig weiter ziehen bis hinauf in die Berge, da gab’ es genug Waldweiden.
Da zog der Hunno Diotrich mit seiner Hundertschaft den Ortsweg hinauf, bis auf die Matte um die Milse- bürg. Droben hielten sie Umschau. Sie sahen hinunter in die Waldtäler der Bieber, der Wanne, der Nässe, des Scheppenbaches und der Brand. Ihre Kundschafter kamen und meldeten, sie hätten drunten nur wenige Hüt- ten gefunden, und so beschlossen sie zu bleiben und sich hier anzusiedeln.
Sogleich bestimmten sie in großen Zügen ihre Mark: von der Haun bis zur Brand und der Wasserkuppe, von der Nüst bis zum Weiherberg, zum Teufelstein und Gie- belrain. Die Mannen umritten das Gebiet, hieben mit den Beilen ihr Markzeichen in Grenzbäume ein und suchten sich unterwegs schon ihre Siedelstellen aus.
Wo aber in.der Mitte der Mark ,am Fuße der Haselliede (Hessenliede) die Traisbach mit starker Quelle dem steinigen Boden entspringt, da wählte sich Dietrich den Platz für seinen Herrenhof und erklärte den weiten Umkreis als feine Hofmark. Der Zehnschaft des tapferen Liuthart wies er als der Schutzgarde feines Hofes den nahen Talgrund der unteren Bieber als gemeine Dorf» mark an; die anderen durften siedeln, wo fie wollten. Jeder Einzelsiedler erhielt feine Hofmark für Weide und Saatfeld, und dazu etwas Wald. Aller Wald aber, der nidjt verteilt war, blieb Gemeingut aller Markgenoffen für Jagd, Weide und Holzung.
Ms Dingplatz für die Markversammlung und das Sonnwendfest und im Falle der Not auch als Fliehburg wurde natürlich die Milseburg bestimmt; denn kein anderer Berg lag so wie sie mitten in der Mark, kein anderer hatte eine so schöne Matte, aber auch keiner eine so gewaltige Ringmauer.
Sa war nun alles geregelt und geordnet und ein jeder wußte Bescheid.
Bevor sie jedoch auseinander gingen, versammelte Dietrich noch einmal sein ganzes Volk auf dem Givfel I der Berges. |
Die Opferflamme lohte, die Frauen unb Kinder knieten mit gefalteten Händen, entblößten Hauptes standen die Mannen in der Runde, als Allmunt, der Priester, des Edelings Oheim, feine Stimme zu feierlichem Bittgebete erhob.
Waltender Wodan, Vater in Walhall, höchster der Hohen, Herrscher der Heerschar, segne die Söhne des fahrenden Volkes, schütze uns schirmend mit deinem Schild.
Freia, du hohe, huldvolle Frau, schirme die Hütten, schütze den Herd, trockne die Tränen, wehre dem Wehe, schenke uns Freude und häuslichen Frieden.
Donar, du Herr des rollenden Donners, halte die flackernde Flamme in Hut, spalte den Stein und spende den Segen wogendem Halm und weidender Herde.
Tiu, lichter Sonnensohn, weihe Wehr und Waffen, Roß und Reiter, Zaum und Zügel, hilf die Heimat hüten.
Zum Schluffe der feierlichen Opferhandlung sprach der Führer: Leute, die Hohen, die Himmlischen haben uns eine neue Heimat geschenkt. Scheltet sie nicht, daß sie voller Waldberge ist. Mit der Zeit werdet ihr sie lieb gewinnen, wenn ihr erst fühlt, wie schön sie ist, da sie im Abendglanz vor eurem Blicke liegt, wenn ihr mit den Herden hinabsteigt zu des Hauses Frieden im stillen Grunde.
Mannen, jetzt heißt es fleißig wirken, um Hof, Weide und Feld zu schaffen, doch brennet den Wald nicht nieder; denn er ist heilig. Fürs Saaffeld sucht euch guten Boden aus, daß ihr im nächsten Jahre keinen Mangel habt an Brot und Grütze. Dann baut euch feste Häuser, die allen Wettern trotzen.
Nun haltet gute Nachbarschaft und bringt nicht ohne Grunb in fremde Marken ein; für Fehden haben mir jetzt keine Zeit. Wem Unrecht widerfährt, der hole sich das Recht vor unfern Schöffen am offenen Gericht.
liebt euch fleißig in den Waffen, wie roir’s immer taten; und pflegt die Pferde gut, auf daß fie rüstig sind, wenn wir einmal zu Felde ziehen müssen, was vielleicht schon bald geschehen kann.
I JHr Burschen, eifert euren Vätern nach, daß ihr echt« Kerle werdet, auf die man sich verlassen kann, roenn’i einmal gilt, den Römling aus unseren Gauen hinaus zuhauen.
So, nun zieht mit Donars Hammerfegen; nur di« Ausgelosten bleiben hier, um treu die Wacht der Marl zu halten.
Siedelnde Leute.
Zu Bieberaha, am Fuße der Haselliede, wird fleißig gearbeitet; denn Diotrich braucht für seine vielen Leut« Brot und Winterdach. Noch wohnen fie in den Wanderhütten unter den Eichen, neben dem Bächlein; die abei sind für dauernde Siedlung zu eng, zu klein. Häusel wollen fie bauen, am Liedenhange sollen sie stehen, das sie Schutz haben vor den rauhen Winden.
Ein schwerer Herbst unb ein schlimmer Winter lieg) hinter ihnen. In ber Mulde zwischen Haselliede uni Hofberg mußte ein Stück Wald niedergelegt werden Schwere Arbeit war es, die mächtigen Eichen mit bei Axt zu fällen, sie fortguriWt unb aufzuschichten, unt bann gar die tiefen Wurzelstöcke aus dem Boden heraus- zuroden . . . unb dabei wurde es grimmig kalt Iw Frühjahr das durchwühlte Land zu ebnen unb zu pflügen, ging auch nicht leicht. Drum freuen sich bie Leute, ba sie das neue Feld nun grünen sehen mit Gerste und Hafer; bald werden sie noch Erbsen, Bohnen und Linsen säen, und ist ein windstiller Tag, so soll auch noch Lein dazu kommen.
Das Vieh hat schlimme Zeiten durchgemacht. Die Kälte in den Notställen machte ihm nicht viel aus, es ist ja abgehärtet, — aber der Hunger! denn im Herbste konnte nur wenig Winterfutter zusammengerafft werden. Nun steht es elend aus. Doch es beginnt ber Grunb unb auch der Wald zu grünen; so streift es denn von Grund zu Grund und durch die Wälder. Nur abends wird es zum Hof zurückgetrieben unb bleibt bie Nacht hinburch im dichten Hürdenpferch, wo es sicher ist vor Bär unb Wolf. Der alte Schäfer zieht mit feinen Schafen unb ben munteren Stimmern hinauf zum breiten Hofbergrücken, wo sie zwischen Dornen unb Wacholdern zwar nur kurzes Gras, doch würzige Kräuter finden. Die Pferde grafen in dem weitläufigen Stangengehege am Wasserlauf.
(Fortsetzung folgt.)