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SS.Zahrg

Donnerstag, 12. Juli 1928

Nr. 159

Der versuch am Unlösbaren. jUÄÄ’ÄÄÄ Ms am Ende des vorigen Jahres der Völker- ordentlich ungünstig bezeichnet werden , r < <• r . _ .. < <7\*»*<* ,-Äa a*. ht/i ^v-vflAA mtonör nm

ich

Wenaus Ermordung und das Beichtgeheimnis

Berlin, L. 5. Juli 1928.

teilen können: Dr. Joseph Wirch M. D. R.

bundsrats in Genf eine Entschließung annahm, durch die der Kriegszustand zwischen Polen und Litauen als beendet erklärt wurde, herrschte in der Schweizer Konferenzstadt eitel Jubel und Freude. Rosenrote Optimisten glaubten, daß damit in der Tat der polnisch-litauische Konflikt, der Streit um Wilna, beendet sei und daß nun­mehr auch im Osten Europas an der polnisch-litau­ischen Grenze normale Zustände geschaffen würden. Freilich stellte sich sehr bald heraus, daß jede der in Frage kommenden Parteien die Entschließung des Völkerbundsrates anders als die andere Partei

ruhigung auslösen müßte, hat die ganze Sache nichts zu tun. Es ist wohl das Beste, wenn ich den Tatbestand selbst — zum ersten Male — der

Von den Sozialdemokraten, dem Zentrum, der Deutschen Volkspartei und den Demokraten ist ein Gesetzentwurf eingebracht worden, der fol- gendes besagt:

Es wird Straferlaß gewährt für die beim Inkrafttreten des Gesetzes rechtskräftig erkannten und noch nicht verbüßten Strafen, die von Gerich­ten des Reiches oder der Länder wegen Straf­taten verhängt wurden, die aus politischen Beweggründen begangen worden sind oder die we­gen Zuwiderhandlungen gegen das Militärstraf-

mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochachtung Ihr sehr ergebener Keßler.

in Litauen eine neue litauisch-polnische Konferenz .......ulls außer.

Wer und wie soll begnadigt werden?

Der 5lmnest:eantrag.

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Postscheckkonto Frankfurt a. M. Nr 4051.

Sehr verehrter Herr Graf!

In den letzten Tagen beschäftigte ich mich lebhaft mit ihrem Buche „Walter Rathenau, fein Laben und sein Werk." Sie sind Mit diesem schönen Werke der Per­sönlichkeit Rathenaus auch in den Zeitabschnitten gerecht geworden, wo er sich dem Politischen zugewandt hatte. Auch wenn man in einzelnen Teilen Ihrer Darstellung gern noch manche Ergänzungen sehen möchte, so hebt sich schon jetzt allmählich die Persönlichkeit unter Ihrer Mitwirkung im Leben unserer Zeit heraus.

Eine Stelle Ihres Buches aber bedarf einer Kor­rektur. Auf Seite 354 steht der Satz:

„Nach seiner Rückkehr nach Berlin, Ende Mai, mehrten sich die Anzeichen, dah sein Leben ernst- -hast bedroht sei. Ein katholischer Priester kam zum Reichskanzler Wirth und eröffnete ihm zitternd unter Bruch des Beichtgeheimnisses, ein Mann habe ihm im Beichtstuhl gestanden, daß er ausgelost sei, um Rathenau zu ermorden."

Ich betrachte es als eine Gewissenspfllcht, diese Darstellung nickt unwidersprochen zu lassen. Sie ist u n r i ch t ig. Eine solche Bemerkung müßte — in die Geschichte eingegangen — zu den schwersten Mißdeutungen Anlaß geben. Bei mir sind schon eine Anzahl Anfragen in dieser Sache eingelaufen. Von mir ist eine solche Darstellung niemals ausge- gsngen und auch Sie, hochverehrter Herr Graf, ho­ben von mir derartige Bemerkungen nie gehört. Mit einem „Bruch des Beichtgeheimnisses", der wie Sie wissen, bei den Katholiken die schwerste BeuN-

denn etwas tun?"

Unser Gespräch war damit nicht abgeschlossen. Rach einem nochmaligen Betonen der Ernsthaftig­keit der gemachten Mitteilung und der absoluten Notwendigkeit polizeilichen Schutzes verließ er ru­hig und gelassen, mit dem Ausdruck eines mir un­verständlichen Sichgeborgenfühlens, die Reichskanz­lei. Leider hat Rathenau, wie ich später hören mußte, sich den Schutz nochmals ausdrücklich ver- beten.

Das ist, sehr verehrter Herr Graf, der genaue Hergang der Sache. Sie verstehen, daß die in ihrem Buche gemachte kurze Mitteilung mit der obigen Darstellung nicht vereinbar ist. Von einem „Bruch des Beichtgeheimnisses" kann keine Rede sein. Nie- mand weiß und auch ick kann nicht sagen, woher der betreffende katholische Priester sein Wissen hatte. Es entsprach zweifellos seiner Amtsbefugnis, mir diese Mitteilung zu machen. Und wenn ein ka-

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und .Buchenblätter" Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckexei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9.

Monatlicher Bezugspreis 1.80 Mk. :•:

reicht, die auf den Standpunkt Litauens bezüglich der Sicherheitsfrage eingeht und ihn als gegen die Abmachungen von Genf verstoßend bezeichnet In der Note, von der gleichzeitig der Reichsregie- rung eine Abschrift zugeleitet wurde, wird pol- nischerfeits die Erwartung ausgesprochen, daß Li­tauen feinen bisherigen Standpunkt revidieren werde. Sei dies nicht der Fall, so würde Polen gezwungen fein, das Scheitern der polnisch- litauischen Verhandlungen dem Völkerbunde mit- zuteilen. In der Note, die ziemlich kurz gehalten ist, wird betont, daß Litauen auf einer neuen Kon- ferenz in Königsberg, die im Juli oder August noch vor der Eröffnung der Genfer Ratstagung stattfinden soll, die letzte Möglichkeit habe, die pol­nische Misteilung über das Scheitern der Verhand­lungen durch Revision seiner seitherigen Stellung­nahme zu vermeiden.

ordentlich ungünstig bezeichnet werden müssen. Dann aber kommt die Frage wieder vor den Döl- kerbundrat, der sich damit einem sehr schwierigen Problem gegenübersieht, dessen Lösung nur da­durch erleichtert wird, daß es sich bei Litauen um einen verhältnismäßig kleinen und unbedeutenden

Staat handelt.

Polnische Note an Litauen.

Der schroffe Abbruch der Kownoer Verhand­lungen zwischen Polen und Litauen über die Ent- schadigungs» und Sicherheitsfrage hat zu einem polnischen Schritt geführt, der die Gegensätze zwi­schen Warschau und Kowno mit greller Deutlich­keit beleuchtet. Der Berliner Geschäftsträger Po­lens hat dem litauischen Gesandten eine Note über.

tholischer Priester den Gang in die Reichskanzlei zu einer solchen Mitteilung antritt, ist er sich ge­wiß der ganzen Verantwortlichkeit seiner Handlung bewußt. Ich wäre Ihnen deshalb, sehr verehrter Herr Graf, int Interesse der historischen Wahrheit sehr verbunden, wenn Sie bereit wären, Ihre kurze Mitteilung in Ihrem sonst von mir so geschätzten Buck zu korrigieren. Soweit ich im Laufe der Jahre die Ehre hatte, Sie kennen und schätzen zu lernen, bin ich fest überzeugt, daß Sie dieser Bitte um Be­richtigung gerne nachkommen werden.

Mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochachtung Ihr sehr ergebener Dr. Wirth.

28, Kötbenerstr. Berlin W, den 6. Juli 1928.

Sehr verehrter Herr Reichskanzler!

Für Ihren Brief, der dazu beiträgt, eine wich­tige Episode aus den letzten tragischen Schicksals­tagen Rathenaus klarzustellen, werden Ihnen alle, die sich für die neueste deutsche Geschichte interes­sieren, dankbar sein. Ich bedaure, daß wir die­sen Vorgang nicht ausführlich besprochen haben, und daß ich daher bei meiner Darstellung eine andere Quelle benutzte, die ich allerdings Grund hatte für unbedingt zuverlässig zu halten. Aus Ihrem Brief ersieht man setzt mit überzeugender Anschaulichkeit den tatsächlichen Vorgang und gleichzeitig auch die hohe Gewissenhaftigkeit des katholischen Geistlichen, der, ohne die durch die kirchlichen Vorschriften gezogenen Schranken zu verletzen, das Aeußerste getan hat, um die ver­hängnisvolle Tat zu verhindern. Ganz besonders freut es mich auch, aus Ihrem Brief entnehmen zu dürfen, daß Sie die Absicht haben, das Bild, das ich von unserem gemeinsamen Freunde von mei­nem Blickpunkt aus gezeichnet habe, von dem Ihri­gen, in manchen Beziehungen verschiedenen Stand­punkt aus zu ergänzen. Gerade Sie, der Sie fast allein Walter Rathenau auf den ihm zukommen­den Platz im politischen Leben der deutschen Re- pu-blit gehoben haben, sind wie kein Anderer dazu berufen, über seine politische Wirksamkeit Wesent­liches zu sagen.

Indem ich Ihnen, sehr verehtter Herr Reichs­kanzler, noch einmal für die überaus wertvolle Ergänzung meiner Darstellung danke, verbleibe

In seinem Bucke „Walter Rathenau, sein Le­ben und sein Werk" (Verlag Hermann Klemm A- G., Berlin-Gnmewald) kommt der Verfasser H a rr y G r a f K e ß l e r auf Seite 354 auf den Be- such eines katholischen Priesters beim Reichskanzler Wirth zu sprechen, der ihm, angeblich „unter Bruck des Beichtgeheimnisses", zitternd eröffnet habe, ein Mann habe ihm im Beichtstuhl gestanden, daß er ausgelost sei, um Rathenau zu ermorden.

Diese Mitteilung, die einen geschichtlichen Vor­gang nicht richtig widergibt, hat zu einem Brief­wechsel zwischen Dr. Wirch und dem Verfasser des Buche--, geführt, der in der nächsten Nummer der „Deutschen Republik", der von Dr. Wirch heraus­gegebenen Wochenschrift veröffentlicht wird und den wir den Lesern unseres Blattes schon jetzt mit-

FuldaerZertung

Anzeiger für die Stabt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches kreisblatt.

Die Erklärungen bet Länderregierungen zur Amnestiefrage sind dem ReichsjuMmmisterium jetzt zugegangen. Reichsjustizminffter Koch-Weser hat in' einer Besprechung mit den Parteiführern von dem Inhalt dieser Erklärungen Mitteilung gemacht. Die Antwotten der Ländertegiierungen sind st. „Voss. Ztg." so verschiedenartig ausgefallen und enthalten so viele Ei-nzelwünsche, daß die Der- ftandigung hierüber in den kurzen zur Verfügung stehenden Zeittaum schwierig erscheinen würde.

Es soll eine nochmalige Besprechung des Reichs­justizministers mit den Parteiführern stattfinden. Dabei ist daran gedacht, die Amnestierung der von Ländergerichten verurteilten politischen Ver­brecher nunmehr so durchzuführen, daß der.Reichs- tag das Amnestiegesetz mit zwei Drittel Mehrheit beschließt. Die Möglichkeit, eine Zweidrittelmehrheit zu erreichen, ist dadurch gegeben, daß an der, Amne­stierung sowohl die Deutschnationalen wie die Kom­munisten Interesse haben. Durch eine Zweidrittel. Mehrheit könnte auch in diesem einzelnen Falle die Gültigkeit des Amnestiegesetzes gegenüber den Urteilen der Ländergerichte gesichert werden.

auffaßte und wenn auch in der Theorie der Kriegs­zustand zwischen Polen und Litauen beendet war, so blieb in der Praxis doch alles beim Alten.

Nach mancherlei Hin und Her kam man dann endlich so weit, daß eine polnische Delegation unter Leitung des polnischen Außenministers Zaloski und eine litauische Delegation unter Führung des litau­ischen Ministerpräsidenten Woldmaras sich an einen Verhandlungstisch setzten, und zwar geschah das in Königsberg am 30. März ds. Js. Acan war freilich vorsichtig genug, diese Konferenz von vorn­herein nur als Vorkonferenz zu bezeichnen, denn niemand konnte sich im Unklaren darüber fein, daß praktische Ergebnisse in Königsberg nicht erzielt werden würden. Diese Voraussage erwies sich auch durchaus als richtig, denn, als man in Königsberg am 2. April auseinanderging, war weiter nichts er­reicht, als daß die Einsetzung von drei Kommis­sionen beschlossen worden war, von denen sich die erste mit den Wirtschafts, und Verkehrsfragen, die zweite mit der Frage der Sicherheit und die dritte mit dem f»genannten örtlichen Verkehr, d. h. dem {»genannten kleinen Grenzverkehr beschäftigen sollten. Der polnische Außenminister ließ die Ge­legenheit insofern nicht ungenutzt vorübergehen, als er den Litauen den Abschluß eines Nichtan­griffspaktes anbot, worauf man litauischerseits er­klärte, daß man dieses Projekt erst einmal ein­gehend prüfen müsse. Die drei in Königsberg ein- gesetzten Kommissionen haben dann auch im Laufe des Mai getagt, ohne daß irgendwelche Verein­barungen erzielt worden wären. Aussicht auf solche Vereinbarungen bestanden überhaupt nur bei der Kommission, die sich mit dem kleinen Grenzver­kehr beschäftigte und die in Berlin tagte.

Inzwischen ist die polnisch-litauische Frage be­kanntlich auf der letzten Ratstagung in Genf erneut angeschnitten worden, man beschloß jedoch nur, das Problem auf die Tagesordnung der September-Ta­gung zu setzen, unterließ es jedoch nicht, Herrn Woldemaras gute Ratschläge, sich versöhnlich zu zeigen, mit auf den Weg zu geben. An solchen Ratschlägen an die litauische Adresse hat es ohne­hin nicht gefehlt, man weiß, daß Woldemaras von Chamberlain nach London eingeladen wurde und daß man dort einen so starken Druck auf den litau­ischen Ministerpräsidenten ausübte, daß dieser sich veranlaßt sah, durch seinen Staatspräsidenten die seit langem angekündigte neue Verfassung in Kraft setzen zu lassen. Diese Verfassung erklärt Wilna als litauische Hauptstadt und macht jeder künftigen litauischen Regierung den Verzicht auf bas Wilnagebiet nahezu zur Unmöglichkeit. Herr Woldemaras ließ es dabei nicht bewenden, er hielt gelegentlich bes Kongresses der litauischen Schützen- verbande Mitte vorigen Monats in Kowno auch eine sehr kriegerische Ansprache, in der er betonte, daß die Liste der für die Unabhängigkeit Litauens gefallenen Schützen noch nicht abgeschlossen sei, da es notwendig sein werde, für Wilna und weiter für die Unabhängigkeit Litauens zu kämpfen.

In einer derartigen Atmosphäre konnten die er. neuten ^snmW'Msverhandlungen, die jetzt gleich, zeitig in W a r s ch a u und in Kowno stattfanden, naturgemäß zu keinem Ziele fiihren. Es überrascht denn auch keineswegs, wenn nunmehr gemeldet wird, daß diese Verhandlungen wieder ergebnislos verlaufen sind. In den Kownoer Verhandlungen hatte Litauen dem polnischen Nichtangriffspakt einen eigenen Entwurf entgegengestellt, einen Vertragsentwurf, durch den Polen anerkannt hätte, daß da? Wilnagebiet strittig ist. Außerdem aber verlangten die Litauen auch noch die Entmilitari­sierung einer 50-Kilometerzone an der litauisch-pol­nischen Grenze. Dieser Vorschlag war für die Polen naturgemäß unannehmbar. Bei den Verhand- lungen über den Bahn- und Postve/rkehr olaer stellte sich Litauen nach wie vor auf den Stand punkt, haß ein direkter Verkehr Zwischen dem Wil­nagebiet und Litauen unmöqlick ist, da durch die Errichtung von Paß- und Zollstellen Litauen die jetzige Grenze, die von Litauen stets nur als De­markationslinie bezeichnet wird, anerkannt wird, daß mithin die Wiederaufnahme des Verkehrs zwischen den beiden Ländern nur über eine ost- preußische Grenzstation an der litauischen Grenze möglich sei. Das aber wiederum ist ein Smnd- punkt. der für Polen unannehmbar ist, da Polen alles daran gelegen fein muß, die Abschnürung des Wilnagebietes zu beseitigen und diesem Produk­tionsgebiet das litauische Hinterland zu öffnen.

So ist man denn auch diesmal keinen Schritt

-oorangekommen, der Verlauf der Verhandlungen hat vielmehr nur erneut bestätigt, daß es sich bei all diesen Bemühungen um einen Versuch am Un­lösbaren handelt. Die Dinge liegen eben nach wie vor so, daß Polen sich auf die Entscheidung der Botschafterkonferenz stützt und Wilna demzu­folge als fein Eigentum betrachtet, während Li­tauen auf Grund der fowjet - russisch = litauischen Vorträge Anspruch auf Wilna erhebt. Unter diesen 5----- , ..... ------

Umständen ist auch gar nicht zu übersehen, wie man Oefstntlichkeit unterbreite. Es ist richtig, daß in je- Überhaupt weiterkommen will, Im August soll 1 neu düsteren Tagen der Geschichte Deutschlands, wo

gefetz von Militärgerichten bis zum 1. Oktober 1920 rechtskräftig erkannt worden sind. Anhängige Ver­fahren werden eingestellt, wenn die Tat vor dem 1. Januar 1928 begangen ist. Neue Verfahren werden nicht eingeleitet. Ausgeschlossen von der Straffreiheit sind Landesverrat und Ver­rat militärischer Geheimnisse, wenn die Tat aus Eigennutz begangen ist, ferner Verbre­chen gegen das Leben und solche Straftaten, zu deren Durchführung der Täter ein Verbrechen gegen das Leben begangen hat. Strafen wegen Verbrechen gegen das Leben werden ge m i I b e r t Freiheitsstrafen werden auf die Hälfte herabgesetzt. Dabei tritt an die Stelle von Zuchthaus Gsfäng- nis. Lebenslängliche Zuchchausstrafen werden in Gefängnis von 7V« Jahren umgewandelt. Ist be­reits ein Gnadenerweis erfolgt, so tritt die Milde­rung bei der im Gnadenerweis festgesetzten Strafe ein. Erlittene Untersuchungshaft und erlittene Strafhaft werden auf die gemilderte Strafe an­gerechnet. Enthält eine Gesamtstrafe Einzelstrafen wegen einer Zuwiderhandlung, die unter das Am- nestieg-setz fällt, so wird dieser Teil der Gesamt- ftrafe im Falle des Straferlasses in voller Höhe, im Falle der Strafmiberung zur Hälfte der Ge­samtstrafe in Abzug gebracht. Sind wegen des Zusammentreffens mit Zuchthausstrafen wegen der unter das Gesetz fallenden Zuwiderhandlung bei der Bildung einer Gesamtstrafe Gefängnisstrafen in Zuchthausstrafen umgewandelt worden, so wird die gekürzte Gesamtstrafe in Gefängnis von glei­cher Dauer umgewandelt. Vermerke über Stra­fen, die unter das Amnestiegesetz fallen, sind im Strafregister zu tilgen. Der Gesetzentwurf tragt verfassungsändernden Charakter.

Hus den Parlamenten.

Reichstag.

Der Reichstag hat nach viertägiger Unterbre- chung feine Beratungen wieder aufgenommen und ist nach Erledigung einiger Rechnungssachen in die Beratung des Gesetzentwurfes über den Na­tionalfeiertag eingetreten. Mit der Beratung wer- den verbunden Anträge der Kommunisten auf Einsetzung des 1. Mai als gesetzlichen Feiertag und der Deutschnationalen auf Bestim­mung des 18. Januar zum Nationalfeiertag.

Reichsinnenminister Seoering begründet eingehend den Gesetzentwurf und hebt hervor, daß genau vor sechs Jahren Zentrum, Sozialdemokra­ten und Demokraten einen Initiativantrag glei- chen Inhalts eingebracht hätten. In den verflos- fenen sechs Jahren habe der Gedanke des Verfas- fungstages im Volke Wurzel geschlagen. Nicht nur in Berlin seien amtlich zentrale Verfassungs­feiern, sondern auch im Reiche Feiern von zahl­reichen privaten Vereinigungen veranstaltet wor­den. Der 11. August habe das vollendet, was der Kongreß der Arbeiter- und Soldatenräte begon­nen habe. Er habe den Rechtsboden geschaffen, auf dem heute im Sinne des Fortschritts auf po­litischem, fozialem und kulturellem Gebiet weiter gearbeitet werden könne. Auch die Tatsache, daß sich das deutsche Volk, wie es in der Verfassung heißt, diese Verfassung selbst gegeben habe, recht- fertige es, den Tag ihrer Schöpfung zum Feier­tag zu erheben. Der 11. August sei der Tag des nationalen Aufbaues, der Wiedergewinnung des nationalen Selbstvertrauens. Deshalb bitte er um Annahme der Vorlage.

Abg. Sollmann (Soz.) tritt für den Ent­wurf ein, während der deutschnationale Redner Schlange den Wunsch des deutschen Volkes nach einem neuen Feiertag bestreitet. Dazu sei die Zeit der deutschen Lebenskrisen nicht geeignet. Redner tritt für den Antrag seiner Partei ein, den 18. Jan uar als Nationalfeiertag zu erklären.

Abg. Dr. Bell, der im Namen des Zentrums spricht, ftimmt grundsätzlich dem Gedanken des Na­tionalfeiertags zu, hat aber Bedenken gegen den 11. August, weil er in die Zeit der landwirtschaft­lichen Erntearbeiten fällt. Der Volksparteiler Dr. Moldenhauer erkennt den 11. August zwar als wichtigen Merktag der deutschen Geschichte an, da aber weite Teile des deutschen Volkes der Weimarer Verfassung ablehnend gegenüberständen, könne man ihnen diesen Tag als Nationalfeiertag nicht aufzwingen. Denn dadurch würde die natio­nale Zerklüftung nur gesteigert werden. Der De­mokrat K ü l z ist für den Regierungsentwurf, wäh­rend die übrigen Parteien erklären lassen, daß sie gegen den Entwurf stimmen werden. Mit 214 gegen 136 Stimmen wird schließlich dis Ueberwei- fung an den Rechtsausschuß beschlossen. Darauf vertagt sich der Reichstag auf Mittwoch morgen 15 Uhr.

Für den Fall, daß in der Frage des Verfaf- fungstages keine reichsgesetzliche Regelung vor dem 11. August erfolgen sollte, dürfte der „Voss. Ztg." zufolge das preußische Staatsmini st e- rium den von dem Urteil des Staatsgerichtshofes gezeigten Weg gehen und eine Verordnung erlassen, die sich speziell mii dem 11. August 1928 beschäf-

wir um die Erhaltung der Einheit unseres Vater­landes aufs tiefste besorgt waren und wo innerlicher Zerfall und Bürgerkrieg sich drohend auf uns her­abzusenken schienen, ein katholischer Priester in das Reichskanzlerhaus tarn und mir einfach und schlicht in wenigen Worten und zugleich in ernster Form eröffnete, daß das Leben des Ministers Rathenau bedroht fei. Von mir selbst wurden Gegenfragen begreiflicherweise nicht gestellt. Der ganze Vor­gang vollzog sich nur zwischen dem katholischen Geistlichen und mir. Ich war mir des Ernstes die­ser Mitteilung wohl bewußt und machte darüber auch an die zuständige Stelle der Reichskanzlei selbst die entsprechende Mitteilung. Dann wurde Rathenau selbst gerufen. In eindringlichen Wor­ten beschwor ich ihn, doch endlich seinen Widerstand M'gen einen starken Sicherheitsdienst aufzugeben. Nn seiner bekannten und vielen seiner Freunde wohl vertrauten Art lehnte er diesen entschieden ab. Ich eröffnete ihm darauf den oben geschilderten Vorgang und frug ihn, ob er einsähe, daß der Schritt des katholischen Priesters eine hochernste Sache sei. Meine Mitteilung machte auf Minister Rathenau einen tiefen Eindruck. Bleich und re­gungslos stand er wohl zwei Minuten vor mir. Keiner von uns wagte aud) nur mit einem Wort die Stille zu unterbrechen. Rathenaus Augen wa­ren wie auf ein fernes Land gerichtet. Er kämpfte sichtlich lange mit sich. Plötzlich nahmen fein Ge­sicht und feine Augen den Ausdruck unendlicher Güte und Milde an. Mit einer Seelenruhe, wie ich sie nie an ihm gesehen hatte, ttotzdem ich das Maß feiner inneren Beherrschtheit bei Besprechungen mancher ernsthaften Frage sachlicher und persönli­cher Art kennen gelernt hatte, näherte er sich mir, legte beide Hände auf meine Schultern und sagte:

„Lieber Freund, es ist nichts. Wer sollte mir

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