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Anzeiger für die Stadt Julda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatk

Nr. 157.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter" Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9.

Monatlicher Bezugspreis 1.80 Mk.

Dienstag, 10. Iuli 1928.

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SS.Zahrg.

Der Krieg wirU vorbehaltlos geachtet iverbev.

Die klussprache über die Rheinland-Räumung.

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wtb Paris, 9. Juli. (Eig. Fun km.). „Matin" veröffentlicht ein Telegramm eines Berichterstatters in W a f h i n g t o n, in dem die Geschichte des An- tilrisgspaktes zufammenaefaßt wird. Neu ist die Feststellung, daß zum ersten Mal der Antikriegs­pakt durch Senator Borah vorgeschlagen wurde. Aus der Nachricht des Matin verdient noch hsrvor- g-choben zu werden, daß Senator Borah erklärt ha­ben soll, der neue Vertrag sei der raschen Zu- st mmung des Senators sicher und daß Kellogg zu verstehen gebe, er sei bereit, den Vertrag inP r i s mit den Ministern des Aeußern der interessier­

ten Mächte zu unterzeichnen.

Zu den europäischen Meldungen über die an­geblich geplante Abfassung eines besonderen Z u - saßprotokolls zum amerikanischen Kriegsäch- tungspakt, in welchem die einzelnen Mächte ihre respektiven Auffassungen präzisieren wollen, wird im amerikanischen Staatsdepardement erklärt, der Staatssekretär beabsichtige nicht, ein derartiges Protokoll zu unterzeichnen und glaube auch nicht, daß eine derartige Anregung erfolgen werde. Er hoffe vielmehr, daß in der nächsten Woche von den 14 Regierungen, denen der amerikan. Kriegsäch- tungsvorschlag zugegangen ist, die Erklärungen h'.er eintreffen werden, daß sie zur Unterzeichnung seines Vertragsentwurfs bereit seien.

Zur Räumungsfrage.

Unter der Ueberschrist „Erkenntnisse in der Räumungsfrage" stellt die Deutsche Diplomatisch-Politische Korrespondenz fest, daß die ernsten u nd würdigen Worte der deutschen Re­gierungserklärung über die Rheinlandräu­mung neben den Aeußerungen der hinreichend be­kannten Unentwegten in der Pariser Presse offenbar überall in der Welt zum Nachdenken angeregt haben. Wenigstens lägen heute fast gleich­zeitig eine Reihe verständnisvoller Auslassungen zu diesem Grundproblem der deutsch-französischen Beziehungen und damit der europäischen Beziehun­gen überhaupt vor, die ohne unmittelbaren Zu­sammenhang mit der Regierungserklärung vom Dienstag doch gleichsam eine Antwort darauf dar- stellcen.

Nachdem die Korrespondenz u. a. Hervss Aus- führungen im „Viktoire" und die des „Daily Chronicle" zu dem Thema der Rheinlandräumung besprochen und festgestellt hat, daß neben solchen Stimmen des gesundm Menschenverstandes und der politischen Erkenntnis die mit „wenn" und „aber" verklausulierten Einwendungen, wie sie z. B. der „Temps" macht, als Ausfluß einer kurzsichtigen, paragraphengepanzerten Gesinnung wirken, ver­wogt sie demgegenüber mit besonderem Nachdruck auf die Rede, die der frühere belgische Außen- m i n i st e r Vanderveld e, der erfolgreiche Ver- Ireter seines Landes in Genf und Loearno, in der belgtschen Kammer gehalten hat. Vandervelde ver­wies darauf, daß der Dawes-Plan und die Räu- mungssrage demnächst wieder aktuell würden. Er eruarte, daß er stets ein Gegner der militäri- ;en Rheinlandbesetzung gewesen sei, und daß diese uom Standpunkt der Sicherheit und von dem der ^eparanonszahlungen wertlos fei. „Glauben Sie" fragte er, „daß Deutschland darum freiwilligen Ver- pflichtungen nachkomme, weil alliierte Truppen im Rhein.and stehen? Dafür hat es andere Gründe, 3- ;?■ d°e Aufrechterhaltung seines Kredites." Als wemg kostspielige und sehr nützliche Geste empfahl Vandervelle, die zweite Rheinlandzone nicht erst . ■/<?' ^?dern bereits 1928 zu räumen. Der Augen - :ia dafüt sei gekommen, nachdem setz in der Regie rnng Manner von unzweifelhaft gmem Willen die Plage ihrer Vorgänger eingenommen und die Erklä- rnng abgegeben hatten, daß die deutsche Repu­blik unerschütterlich dastehe und ihr Friedenswille uuoediiigt sei. Offenbar mit einer Anspielung auf den Streit um die Lowener Inschrift stellt Vander- v,.de die beiden Methoden gegenüber, von denen oie eine die Wiederkehr der Schrecken des Krieges zu vermeiden und die andere die Argumente zur Verewigung des Haffes beizubringen suche und verweist aus die Vorgänge, die den falschen Eindruck Hervorrusen konnten, als sei das belgische Volk gegen die Annäherung. Dieser Eindruck sei unru- rreffend. Aber Belgien müsse auch, numn auch fern Einfluß nicht entscheidend sei, diesen Ein­fluß zum Guten gellend machen.

Die Löwener Inschrift.

Theodor Wolff schreibt im „Berliner Tageblatt" kn einer Besprechung der Regierungserklärung zur Außenpolitik:

Wenn Stresemann mit einer jener traditionel­len Rundblickreden, in denen die Minister des Aeu­ßern von Osten nach Westen streifen, in die De­batte eingegriffen' hätte, dann hätte er wohl auch einige Worte über die Einweihung der neuen Universität in Löwen gesagt. Auch da sind Gefühlsworte, die man achten muß- Es ist sehr viel darüber berichtet und sehr viel darüber gestritten morden, durch welche Schuld oder durch welches Unglück das herrliche alte Universitätsge­bäude an einem der unvergeßlichen Kriegstage von den Flammen erfaßt wurde und in Schutt und Asche zerfiel. Natürlich hat niemand böswillig die Brandfackel hineingeworfen, der wüste Sturm der Kriegsleidenschaften, der vernichtend durch die Straßen von Löwen raste, trug irgendeinen Fun­ken zu den dürren Dachbalken, für die Zerstörung der berühmten Bibliothek sprach keine der „mili- fiarischen Notwendigkeiten", hier wirkte jene rnili- mr-stischk» Theorie, die durch rücksichtslose Härte den ■^ieg ab kürzen wollte und ihn durch Aufreizung und Ausbreitung de? Hasses verlängerte, n i ch t

mit. Die Amerikaner, die Carnegie-Stiftung be­sonders, haben, als Ehrengabe für Belgien und für die Wissenschaft, die Universität wieder auf- gebaut. Man weiß, daß Herr Withney Warren, der den Bau leitete, durch eine Inschrift die Er­innerung an den „furor teutonicus" verewigen wollte, Hoover und Nicholas Murray Butler, der Präsident der Carnegie-Stiftung, diesen Architek­turschmuck scharf verurteilten und (der katholische Theologieprofessor) Monsignore Ladeuze, der Rek­tor der Universität, unterstützt vom Lehrerkollegium und umheult von allen Chauvinisten, das pathe­tische Mauerstück herausbrechen und durch eine un­beschriebene Balustrade ersetzen ließ. Diese mutige Professorentat in dem Lande, dessen Tür eine ihr eigenes Recht sich schaffende Strategie gewaltsam geöffnet hatte, verdient umsomehr unsere Anerken­nung, da wir nicht immer in der Lage sind, ihr ähnliche Beispiele professoraler Geisteskraft gegen­überzustellen. . . Man hak in Deutfchland sich mit dem Kampf, den die Hoover und Murray Butler und die Professoren in Löwen gegen die furiose Teutoneninschrift geführt haben, wenig befaßt. Da Stresemann fehlte, das offizielle Wort ausblieb, muß wenigstens das unoffizielle zeigen, daß man hier die unsichtbare Schrift des Geistes, die auf der Universitätswand den eingemeißelten Haß er­setzt hat, zu lesen vermag. Und bet solchen An­lässen sollte man immer wieder betonen, daß es Aufgabe einer ehrlichen Forschung nur sein kann, dort, wo der unwahre Spruch von Ver­sailles eingemeißelt ist, die Wahrheit hin- zuschreiben — nicht eine neue Unwahr­heit, sondern den siebzigmal kritisch überprüften, tendenzfreien Wahrheitsspruch. Ebenso verwerflich wie eine falsche Gefühlspolitik ist eine falsche Gefühlswissenschaft, ebenso abzulehnen wie die anklagenden Füchse sind die ahnungslos blöckenden Lämmer, und wir lassen uns weder eine Solidarität mit allem, was vor und im Krieae geschah, aufzwingen, noch eine Solidarität mit st- nem Nationalismus, der ehemals das Stahlbad an­pries und jetzt in einem allgemeinen Reinigungs­bade sich mitzuwaschen versucht.

Französische Rbrüftungrdebatle.

wtb. Paris. 9. Juli. (Eig. Funkm.). Gestern Hai die sozialistische Partei des Seine-Departements zwecks Vorbereitung des im August in Brüssel statt­findenden sozialistischen Kongresses ge­tagt. Zur Frage der Wrüstung brachten die links­stehenden Elemente eine Entschließung ein, die eine energische Aktion zugunsten eines allgemeinen und vollständig durchgeführten Abrüstungs- planes fordert. In der Enffchließung wird auch verlangt, die Internationale möge die ausweichen­den Methoden bekämpfen, die die Regierungen bis jetzt angewandt hätten. Unter Berücksichtigung der gegenwärtigen politischen Lage in Frankreich könne die Tätigkeit der französischen Regierung in Genf nicht als geeignet angesehen werden, dem Sinne nach der Polllik der Internationale zu entsprechen. Infolgedessen sei der Nationalrat der Ansicht, daß es nicht mehr angebracht sei, einem Sozialisten zu erlauben, die französische Regierung weiter im Völkerbund zu vertreten. Dieser Entschließung wurde eine andere von den gemäßigten Kreisen cntgegengestellt, die dem sozialistischen Abgeordne­ten Paul Boncour erlaubt, weiter fein Amt als französischer Delegierter beim Völkerbund zu versehen, aber die Partei über seine persönlichen Bemühungen und über die Arbeiten des Völker­bundes auf dem Laufenden zu halten. Da im Au­genblick der Abstimmung keine Uebereinsttmmuag darüber erzielt werden konnte, ob über beide Ent­schließungen abgest-mmt werden sollte oder nicht, wurde beschlossen, eine Abstimmung über zweierlei Arten von Fragen einzuführen und zwar 1. über die Kritik, die gegen den Völkerbund vorgebracht wird und 2. über die Erlaubnis bezw. das Verbot für Paul Boncour, weiterhin französischer Dele­gierter beim Völkerbund zu fein. Was den ersten Fragekomplex, also die Kritik am Völkerbund, be­trifft. fo wurde der betreffende Teil der bei den linksstehenden Elementen eingebrachten Entschlie­ßung mit 1625 Stimmen angenommen gegen 1135 Stimmen, die auf den entsprechenden Teil der Entschließun-g der Gemäßigten fielen. 1536 Stim­men waren auf dem Kongreß nicht anwesend, be­ziehungsweise enthielten sich. Was den zweiten Fragenkompler, alfo die Frage, ob Paul Boncour weiter französifcher Delegierter beim Völkerbund bleiben soll oder nicht anbetrifft, so wurde diesem gemäß der Entschließung der gemäßigten Richtung mit 1325 Stimmen die Erlaubnis zuerkannt, wei­ter französischer Völkerbundsdelegierter zu bleiben. 1026 sprachen sich dagegen aus. 2127 Stimmen waren auf dem Kongreß nicht anwesend oder ent­hielten sich. Der Nationalrat der Partei, den man den kleinen sozialistischen Kongreß nennt, wird Ende dieser Woche zusammentreten, um endgültig die Stellungnahme der französischen Sozialisten auf dem Internationalen Soziasistenkongreß festzu- legen.

Die Tagung öes Liberalismus.

Sn der Sitzung der Internationalen Liberalen Konferenz, die in London stattfand, protestierte --loyd George scharf gegen die Abwesenheit der Vertreter des italienischen und spani- l ch e n Liberalismus. Er sagte, man wisse, daß in beiden Fällen technische Schwierigkeiten die Ursache für ihre Abwesenheit seien, da die Liberalen dieser Länder nicht organisiert sind. Aber die, Führer des italienischen und spanifchen Liberalismus seien allen Liberalen als Männer von europäischem Ruf

und als Märtyrer des Liberalismus bekannt. Es käme ihm feige vor, von den Berattingen Män­ner dieser Art äuszuschließen, die als Flüchtlinge ihres Heimatlandes leiden müßten.

Im weiteren Verlauf der Konferenz machte Generalsekretär Pfeiffer darauf aufmerksam, daß die russischen und italienischen Liberalen die „Entente Internationale" der Liberalen dazu benutzen woll­ten, um ben Kommunismus bezw. den Faszismus zu bekämpfen. Rach längerer Beratung wurde be­schlossen, den Vollzugsausschuß zu erfuchen, diese Frage wohlwollend und eingehend zu prüfen und auf der nächsten Konferenz Bericht zu erstattten. Es folgte eine Aussprache über die Entschließun­gen der Genfer Weltwirtschaftskon­ferenz. Hierzu führte der Chefredakteur des Fach­blattes „Economist", Layton, aus: Wenn auch in einigen Fällen die Tarife erhöht wurden, so sei doch im allgemeinen ein entschiedener Stillstand in dieser Bewegung eingetteten. Die Lage sei jedenfalls viel befser, als sie sein würde, wenn die ungeheuren Tariferhöhungen, die im vergangenen Jahre geplant wurden, vorgenommen worden seien.

Den letzten Pnntt der Tagesordnung bildete eine Aussprache über die wirtschaftliche Lage des inter­nationalen Liberalismus im Gegensatz zu der des Faschismus und des Sozialismus, wobei auch Prof. Dr. Moritz-Bvnn (Deutschland) das Wort ergriff. Hierauf wurde di« Konferenz ge- schlossen. ______

Vie Lohmann-Geschäfte.

Das Reich muß zahlen.

Das VDZ.-Büro meldet: Die Abwicklung der Geschäfte des Kapitäns z. S. Lohmann (die sogenannte Pboebusaffäre), die den letzten Reichs­tag und den Haushaltsausfchuß sehr eingehend be­schäftigt hat, ist noch nicht beendet. Der Unter* ausfchuß, der zur Uederwachung dieser Abwicklung vom Reichstag eingesetzt ist, dürfte voraussichtlich auch während der neuen Tagungsperiode den ab­schließenden Bericht der im Reichswehrministerium eingesetzten Abwicklungsgruppe nicht erhalten. Ge­genwärtig sind die Liquidationsverhandlungen für die meisten mit dem Fall Lohmann in Verbindung stehenden Unternehmungen noch im Gange. Für die Sirius-Hochseefischerei G. m. b. H. schweben aussichtsreiche Verkaufsverhandlungen. Aus dem Film-Verleih der Phoebus-A. G. sind dem Reiche eine Millior, Mark garantiert; es wird aber damit gerechnet, daß diele Summe durch die tatsächlichen Einnahmen überschritten wird. Der von der Giro- Zentrale an die Phoebus-A. G. geleistete Kredit von fast zwei Millionen Mark ist bereits abgedeckt worden. In diesem Falle konnte sich das Reich der Zahlung nicht entziehen, da die Kreditanweisung durch die Unterschrift des Chefs der Marineleitung und zweier Minister verbürgt war.

Ob gerichtliche Regreßansprüche gegen die bei­den Großbanken für die Entgegennahme der nur vom Kapitän Lohmann unterzeichneten Bürg- schaftserklänrng mit Aussicht auf Erfolg geltend ge­

macht werden können, unterliegt noch der Prüfung der Sachverständigen. Aus dem Geschäft mit der Berliner Bacon-Co. (Speckverwertung) läßt sich eine angemessene Schadloshaltung des Reiches bis­her kaum erwarten. Für die Beteiligung an den Casparwerken ist die dem Dr. Caspar von Kapitän Lohmann zugesagte jährliche Rente von 24 000 Mk. durch eine einmalige Abfindungssumme von 150000 Mark abgegolten worden. Die Deschimag erhielt 200 000 Mark Abfindung. Das dem Motorjacht- klub Wannsee gewährte Darlehen ist durch eine erststellige Hypothek auf das Klubgrundstück gedeckt. Die Berliner Grundstticke in der Tiergartenstraße und am Lützowuser dürften sich günstig verwerten lassen, dagegen Wird wegen des von Kapitän Loh­mann am Travemünder Flugplatz angekauften Pö- tenitzer Geländes eine Anfechtungsklage gegen die Maklerfirma angestrengt werden mit dem Ziel, die Rückzahlung des Kaufpreises gegen Rückgabe des Grundstücks zu erreichen. Die Maklerfirma hat dem Kapitän Lohmann 820000 Mark für das Grundstück einschließlich der Maklergebühren abgenommen, während d"" «-"»»ufar nur i- nen Kaufpreis von 175000Markerhal- t e n hat. Die Firma hat auch jede Aufklärung und Rechnungslegung über die große Differenz von über 600 000 Mark verweigert.

Nachdem bisherigen Verlauf der gesamten "'b- wicklungsverhandlungen bat sich die Bereich ng des Haushaltsausschusses über den dem Reiche "tt- standenen Schaden nicht wesentlich geändert. Dir Endsumme steht freilich noch nicht fest.

* Die Deutschnationalen haben am Sonntag von 10 Uhr vorrnittaas bis 10 Uhr abends in Ber­sin beraten, ob am Monarchismus entgegen der Ansicht Lambachs festnihalten oder dem Repu- blikanismus Zugeständnisse zu machen seien. Die Mehrheit beschloß das erneute Bekenntnis zu den monarchischen Grundsätzen und mißbilligte Lam­bachs Verhalten. Ueber die Ausschlußanträge soll der zuständige Landesverband enffcheiden. Man kann sich nur wundern, daß die Deutschnationalen ihre theoretische Frage: Monarchie oder Re­publik so ernsthaft diskutieren. Es gibt dringen­dere politische Probleme.

Mstimmungsdenkmal in fiUenfieiit.

Das zur Erinnerung an die Abstimmung im Jahre 1920 in Jakobsbera errichtete Denkmal wurde enthüllt. Die Weihefeier wurde durch einen großen Festzug eingeleitet, an dem vor allem die Heimattreuen aus Ost. und Westpreußen, int gan­zen etwa 5 000 Personen mit mehr als 100 Fah­nen teilnahmen. Vor dem Abstimmungsdenkmäl in Jakobsberg sprach nach der Festrede des stellver- tretenden Vorsitzenden des Ostdeutschen Heimo t- dienstes, Schriftsteller Max Worgitzki, als Vertreter der Reichs» und Staatsbehörden Oberpräsident Siehr. Trotz aller erdenklichen Schwierigkeiten hätten Ostpreußens Söhne und Töchter der Heimat

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$om „unertchlichen Druck des Zentrums Don Adam Stegerwald.

In den letzten Tagen haben, weil die Zentrums­partei bei der Regierungsbildung sich gegen die ihr zugedachte unwürdige Rolle 'zur Wehr setzte, be­stimmte Kreise wieder einmal die Volksseele gegen den angeblich unerträglichen „Zentrumsdruck" zum Kochen zu bringen versucht. Im Interesse von Wahrheit und Klarheit dürfte folgendes zu verge- genwärtigen notwendig fein:

Wie haben sich feit der Weimarer Nationalver­sammlung die politischen Dinge in Deutschland ab­gespielt?

Seit Weimar sind 9 Jahre und 7 Monate ver­strichen. In dieser Zeit mußte die Zentrumspartei 5 Jahre und 7 Monate den Reichskanzler stellen.

Wo und wann hat sich die Zentrumspartei da­nach gedrängt? Im Juni 1920, bei der ersten Reichstagswahl nach Weimar, war der Sieger des Wahlkampfes die Deutsche Dolkspartei. Herr Reichspräsident Ebert hat damals dem inzwischen verstorbenen Herrn Minister Heinze von der Deut­schen Volkspartei die Regierungsbildung übertra­gen. Nach kurzen Bemühungen hat er feinen Auf­trag ergebnislos zurückgegeben.

Es kam Fehrenbach. Wenige Tage später er­folgte die Abreise des Reichskanzlers Fehrenbach, des Reichsaußenministers Simon, des Reichswehr­ministers Geßler und des Reichsinnenministers Koch zur Konferenz nach S p a a, zur ersten Be­gegnung mit den Ministern der Ententestaaten nach dem Weltkriege. Und wie war diese Begeg­nung? Von einer Seitentür des Konferenzsaales hat man die deutschen Minister, wie Fehrenbach mehrfach erzählte, hereingelassen und ihnen am „Katzentisch" den Platz angewiesen.

In solcher Situation wollte in Deutschland die Reichsführung, den Kanzlerposten, keine der Par­teien haben! Damals waren alle Parteien froh, daß sich die Zentrumspartei zur Annahme der Kanzlerfchast bereitgefunden hat.

Ein Jahr später kam das Londoner Uftimatum. Fehrenbach trat zurück, die Deutsche Volkspartei fchlug sich seitwärts in die Büsche. Dr. Wirth wurde von der Sozialdemokratie zur Kanzlerschaft gedränat; er mußte sehen, wie er in kurzer Zeit eine Milliarde Goldmark aufbrachte, was damals fast alle deutschen Finanzleute und Wirtschaftsfüh­rer für unmöglich bellen. Deutschland wurde ent­waffnet, es mußte sich die größten Demütigungen gefallen lassen.

In solcher Situation wollte wieder keine Partei den Kanzler stellen. Im November 1923 kam Herr Dr. Marx, nachdem vorher Dr. Stresemann

in drei Monaten zweimal gestürzt worden war. Damals standen wir vor dem Hitler-Ludendorff- Putsch in München, vor dem Küstriner Putsch. Der Reichspräsident Ebert überlegte in dieser Zeit stän­dig mit Herrn General Seeckt und mit dem da­maligen preußischen Polizeiminister Severing, wie wohl das deutsche Volk über den Winter 1923=24 hinübergebracht werden könnte. Interessante Ein­zelheiten aus dieser Zeit könnte der heutige Reichs­innenminister Severing erzählen.

Und das war die Stunde, in der Herr Dr. Marx die Mark stabilisieren mußte! Nach dem zweiten Sturz Dr. Luthers im Mai 1926 schrieb Herr Reichspräsident von Hindenburg an Herrn Reichs­kanzler Marx einen Offenen Brief und appel­lierte an fein vaterländisches Pflichtge - fühl zur erneuten Uebernafjme der Reichskanzler, schäft. Lediglich im Januar 1927, nachdem die Zentrumspartei monatelang die Große Koalition als die richtige politische Kräftegruvpierung gefor­dert hatte und diese von der Sozialdemokratie und der Deuffchen Volkspartei zerschlagen worden mar, hat es die Zentrumspartei abgelehnt, in derselben Stunde sich an einem Rechtskabinett mit einem volksparteilichen Kanzler zu beteiligen. Jetzt for­derte sie den Kanzler.

Von einem starken Druck des Zentrums konnte in Deutschland lediglich die Rede fein bei der Bil­dung der letzten Rechtskoalftion. Und hier mußte das Zentrum nicht aus Herrschsucht, sondern weil Weimar und Locarno gerettet werden mußten, einen starken Druck ausüben. Zudem war damals die Zentrumspartei Gegner der Rechlskoalition Die letzte Reichstagswahl hat ihr Recht darin gegeben, daß die politische Gesamffituation im Januar 1927 für eine Rechtskoalition nicht reif war.

Und wie sieht es mit dem angeblich unerträg­lichen Zentrumsdruck in den Reichsministerien ans? Unter einem Dutzend Staatssekretären bekennt sich einer zum Zentrum: unter den Ministerialdttst. koren und -räten des Reiches sind keine zehn Prozent Zentrumsangehörige!

Und das nach mehr als S^jähriger Zentrums­kanzlerschaft. Diese Tatsachen müssen einmal aus­gesprochen werden in einer Stunde, in der man di< Volksseele zum Kochen bringen möchte gegen da; Zentrum. . ..

* Die polnisch-litauischen Verhandlungen k fiorono sind völlig ergebnislos abgebrochen worden. Die polnischen Unterhändler verlassen mit dem Rigaer Zug Litauen.