FuldaerZertung
Anzeiger für die Stadt Julda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.
Nr. 156.
Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Duchenblätter" Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatlicher VezuaSvreis 1,80 Mk.
Sonntag, S. Juli 1928.
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55.Zahrg.
fln die arbeit!
Mit einer Mehrheit von fast Zwei-Drittel der anwesenden Reichstagsabgeordneten hat die Regierungserklärung die Billigung gefunden, die dos Kabinett in Funktion setzt. Der Reichskanzler Müller kann mit diesem ersten Erfolg zufrieden sein, das Faszit aus den Reichstagswahlen vom 20. Mai ist damit praktisch gezogen. Ein besonderes Interesse boten die Erklärungen der Fraktionen zu den Mitteilungen des Reichskanzlers nicht. Obwohl der Reichstagspräsident durch die Wegnahme des Red- nerpultes den Versuch gemacht hatte, die Parteien in eine mehr individuelle Aussprache hineinzumanö- verieren, hielten sich die Fraktionsreüner ganz in rhrem alten Rahmen von Fraktionserklärungen, eine lebende Aussprache von Mensch zu Mensch fand nicht statt. Wie früher, so brachten auch setzt wieder die Fraktionsredner fast insgesamt ihre fertigen Manuskripte mit, wenn auch das Ablesen für sie diesesmal etwas umständlicher war. So blieb der Akt der Regierungserklärung mit den Kommentaren der Fraktionen eine mehr zeremonielle Angelegenheit.
Der Reichstag rüstet sich jetzt für die Sommerferien, will aber im Laufe der nächsten Woche noch eine Probe dafür ablegen, ob er zu einer fruchtbaren Arbeit imstande ist. Cs wird sich dann auch zeigen, ob die Billigungserklärung mehr als eine formale Angelegenheit ist. Wir sind im Augenblick nicht besonders optimistisch, da wir uns noch Mir lebhaft der Schwierigkeiten erinnern, die bei Beginn der Regierungsverhandlungen die Versuche erlebten, das neue Kabinett auf einen sachlichen Programmboden zu stellen. Einige Fragen, die damals bereits besprochen waren, sind inzwischen in mterfrakftonellen Besprechungen der Regierungsparteien neu in Angriff genommen worden. Dazu gehören in erster Linie die Frage derL ahnst e ue rs en k u n g und des Amnestiegeset- ie s. Die letzten Besprechungen über die Lohn- iteuersenkung haben am Donnerstag unter Führung des Reichsfinanzministers Hilferding stattgefunden. Sie sollen im Kabinett in diesen Tagen Weiter geführt werden. Der Ertrag der Lohnsteuer ist gesetzlich auf 1300 Millionen Mark jähr» lich begrenzt. Da der wirkliche Ertrag aber erheblich höher ist, hat bereits im Dezember vorigen Jahres eins Ermäßigung stattgefunden, die allerdings auf einen starken Widerstand im Reichsrat gestoßen ist. Dis Länder und Gemeinden erhalten 75 Prozent des Ertrages der Einkommensteuer und fühlen sich natürlich benachteiligt, wenn hier von reichswegen her Senkungen vorgenom- men werden. Bei den anfänglichen Regierungsverhandlungen hatte auch die Deutsche Volkspartei itarke Bedenken, die allerdings langsam der Bereitwilligkeit wichen, wenigstens in eine Prüfung ver Senkungsmöglichkeit einzutreten. Diese Prü- lung ist inzwischen vom Reichsfinanzministerium vorgenommen worden und zu einem bejahen-
" Ergebnis gekommen. Die Widerstände der kn?1 k-r . °bpr noch nicht ganz überwunden. So
^'wielsweise Bayern seine Zustimmung an töihu !;ln.Buna geknüpft, daß die Senkungsaktwn einmal bis zum 1. Januar hinaus- und daß sie unter Mitwirkung aller der Länder zustande kommt. Ob e. Bedenken schon in der nächsten f '£. 3U_ ber®inben, ist im Augenblick noch zwei-
Da man ab„ ^t, eine Einigung ’ ^Qben die Sozialdemokraten einst- tina*fepnfmHrf>”iVd,let' DOn 0u5 einen Jnitia- THe finnnSn? NM Materie einzubringen. 2. Ä , Mmdereinnahme der jetzt geplan- 1928?29lfliüe70Um?imeIau?t fid) ^r das Jahr 50 Million Davon entfallen
nffi» " wir die Lohnabzugs-Steuer- ble Ber-
> ^Sr°seder Amnestie ist man bereits wei- f hu ®rt,flcs Kompromiß vor-
(Ss üUu) Die u^iYtetnörbei* in fei« «en Bereich aber nicht die Politisch^ Verbreche!, die an der Ermordung Erzbergers und Ra- t h e n a u s beteiligt waren. Roch fern Komvromist wird die lebenslängliche Zuchthausstrafe auf Jahre Gefängnis herabgesetzt, so zum Beifviel Mar Hoelz, der seit sieben Jahren im Zuchthaus fitet noch ein halbes Jahr wird absitzen müssen ebe er ferne Freiheit wiedererlangt. Die schwebenden Der- fahren sollen im allgemeinen niedergeschlagen wer-
mit Ausnahme der Fälle, in denen es fi* um M^d oder Totschlag handelt. Die Amnestievorlage wird nur für das Reich Geltung besitzen, jedoch soll nur den Ländern verhandelt werden, damit sie ähn. "ch uvrgehen wie das Reich.
Ob das jetzt dem Reichstags vorgelegte, vom -ueichsrat bereits erledigte Gesetz über den Ratio- alfeiertag Annahme findet, ist eine noch offene 'frage., Von der Seite des Zentrums werden ihm keinerlei Schwierigkeiten gemacht werden. Aber ^-wt ist noch keine feste Mehrheit für das Gesetz gejichert. Roch eine andere Frage, die bei den programmatischen Regierungsverhandlungen eine ^euwng ein« wichtige Rolle spielte, nämlich die des c? u? E r k r e u z e r s, ist bis zum Herbst zurück- gestellt. Im September soll eine finanzielle Nachprüfung dieser Etatposition erfolgen und von ihrem Ergebnis wird die Entscheidung des Reichskabinetts abhängig fein, lieber diesen Punkt hat sich ja der Reichskanzler Müller in seiner zweiten Rede recht deutlich ausgesprochen.
Während der Sommerfellen wird dann den Ministerien Gelegenheit gegeben sein, die polifischen Arbeiten vorzubereiten, auf die die neuen Minister lo großen Wert legen. Dazu gehören vor allem bis Reformarbeiten hinsichtlich der Reichsverwal- tuno und des Strafrechts. Es ist die Absicht des
TeleWNlNMW zMen dem ReWprWeuten unö Dem Manischen Königspaare.
wtb. Berlin, 7. Juli. (Eia. Funkm.) Bei dem Herrn Reichsvräsidenten ist folgendes Telegramm des Königs und der Königin von Afghanistan aus Kabul eingegangen:
„Unsere Reise in Deutschland ist dank der Liebenswürdigkeit Eurer Exzellenz und der freunb- schaftlichen Gefühle der edlen deutschen Nation fo verlausen, daß wir mit sehr freudiger Erinnerung daran in unsere Heimat zurückgekehrt sind. Diese Erinnerung wird bei unS als die beste Befestigung und Stärkung der freundschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Staaten angesehen werden. Deshalb sprechen wir unsere besten Wünsche für die Gesundheit Eurer Exzellenz und den Aufftieg der deutschen Nation aus und danken nochmals für die innigen Sympathien, die uns dargebracht worden sind.
Aman Ullah und Suraja."
Der Herr Reichspräsident hat folgendes Antworttelegramm gesandt:
„Euren Majestäten danke ich auch km Namen der deutschen Regierung und des deutschen Volkes für den liebenswürdigen Ausdruck freundschaftlicher Gefühle. Eurer Majestäten Eindrücke von Deutschland und die hier angeknüpften persönlichen Beziehungen werden sicher zur Befestigung und Stärkung der Freundschaft zwischen den beiden Staaten beitragen. Das deutsche Volk und die deutsche Regierung vereinigen sich mit mir in dem Wunsche für Eurer Majestäten Wohlergehen zum Segen Afghanistans und seines Volkes."
*
wtb. Berlin, 7. Juli. (Eig. Funkm.) Privatmeldung. Der Reichspräsident empfing heute vormittag den Reichsminister a. D. von Keudell und nahm den Vorttag des Reichskanzlers Müller entgegen.
Der Nationalfeiertag.
Der Gesetzentwurf und die Begründung.
Dem Reichstag liegt der vom Reichsrat beschlossene Entwurf eines Gesetzes über den Nationalfeiertag vor. Er trägt die Unterschrift des neuen Reichsministers des Innern Severing. Der Ent- wurf, der am Dienstag im Plenum des Reichstages zur Beratung kommt, hat folgenden Wortlaut:
§ 1. Nationalfeiertag beS deutschen Volkes ist der 11. August als Verfassungstag. Er ist Fest- oder allgemeiner Feiertag im Sinne reichs- und landesrechtlicher Vorschriften.
§ 2. Am Nationalfeiertag sind alle öffentlichen Gebäude in den Reichsfarben zu beflaggen. In allen Schulen sind für Lehrer und Schüler verbindliche, der Bedeutung des Tages entsprechende Feiern zu veranstalten: fällt der Nationalfeiertag in die Schulferien, so finden diese Gedenkfeiern bei Schluß oder Wiederbeginn des Unterrichts statt.
In der Begründung wird ausgeführt, daß der Gedanke einer reichsgesetzlichen Festlegung des DerfassungstageS als Nationalfeiertag immer mehr
Boden gewonnen habe. In bett letzten sechs Jahren sei ber Tag stets von ber Reichsregierung unter Beteiligung des Herrn Reichspräsidenten und von ber Mehrzahl ber deutschen Länder durch Beflaggung der Dienstgebäude und Veranstaltung besonderer Feiern festlich begangen worden. Im vergangenen Jahre habe darüber hinaus z. B. ber Magistrat ber Stabt Berlin am Versassungstage sämtliche städtischen Büros unb Kassen für ben ganzen Tag geschlossen, b. h. praktisch ben Verfassungstag zum Feiertag erhoben. Auf seine Jm- tiative habe ferner eine eindrucksvolle gemeinsame Verfassungs-Abendfeier ber Reichsregierung, ber preußischen Staatsregierung unb des Magistrats Berlins stattgefunden! an die sich ein großer Fackelzug ber Verbände anschloß, lieber die Veranstaltung einer ähnlichen gemeinsamen Abendfeier in Berlin auch in diesem Jahre haben sich das Reich, Preußen und ber Magistrat Berlin bereits in den Erunbzügen geeinigt. Während also die Frage einer zusammenfassenden reichsgesetzlichen allgemeinen Regelung ber Feier- unb Gedenktage noch nicht spruchreif zu fein scheine, bedeute die gesetzlich« Festlegung des Nationalfeiertages lediglich die Bestätigung einer längere Jahre hindurch im Reiche unb in ber Mehrzahl ber deutschen Länder bereits bestehenden Hebung, soweit nicht — wie in Baden — ber Verfassungstag bereits durch landesrechtllche Vorschriften zum gesetzlichen Feiertag erklärt worben sei.
Die Begründung gibt auch eine eingefjenbe Darstellung von ber bis auf das Jahr 1922 zurück- reichenden Entstehungsgeschichte des Gedankens, den Verfassungstag zum Nationalfeiertag zu erklären. Eleichzeifig unterstreicht sie nochmals ben Beschluß bes Reichsrats vom 7. Juli 1927, womit bieser einen Antrag Bayerns, ben damals vorliegenden Gesetzentwurf für verfafsungsändernb zu erklären, mit 42 gegen 25 Stimmen abgelehnt hat. Aber auch bei ber Annahme des jetzt dem Reichstag zugeleiteten Gesetzentwurfs im Reichsrat am 24. Mai b. I., bie mit 47 gegen 19 Stimmen bei zwei Enthaltungen erfolgte, würbe gleichzeitig bie Frage, ob ber Entwurf verfassungscnbernden Charakter' habe, mit 52 gegen 11 Stimmen bei 5 Stimmenenthaltuttgen verneint.
Zur Frage beS Nafionalfeiertags wirb als Sprecher des Zenttums der Abgeordnete Dr. Bell in ber Reichstagssitzmig am kommenden Dienstag ben Standpunkt der Fraktion zum Ausdmck bringen.
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Der Haushaltsausschutz beS Reichstags ist von 28 auf 35 Mitglieder verstärkt worben. Das bebingte, daß drei Vorsitzende gewählt wurden. Hauptvorsitzender ist der sozialdemokratische Abgeordnete Heilmann, erster Stellver» treter ber deutschnaiionale Abgeordnete Schultz- Bromberg und als zweiter stellvertretender Vorsitzender wurde ber Zentrumsabgeordnete Klö ckner gewählt.
Zentrums, ber jetzigen Regierung jede Art ber Unterstützung zu gewähren. Sie wirb da Halt machen, wo bas „liberal-sozialistische Sa- binett" mit ben kulturpolitischen Anschauungen ben Zentrumsfraktion in Widerspruch geraten sollte. Wir wünschen der neuen Regierungskoalition, baß die nächste Woche, die letzte vor ben Reichstagsferien, für ihre künftigen Arbeiten eine günstige Prognose eröffnen möge.
Legitimismus in Oesterreich.
Seit Oktober 1927 hat ein kleines a l t österreichisches Blatt wieder stärkere Propaganda gemacht. Das Blatt heißt „Information für das österreichische Volk". Das Blatt brachte kürzlich eine Meldung über bie Gründung eines Österreich'/, fchen Heimatbundes mit dem Zweck, baß sich die einzelnen österreichischen patriotischen Organisationen zusammenschließen, um nicht neben, sondern miteinander „für österreichische Kultur unb österreichische Tradition, wie auch für die stete Erstarkung und Aufrechterhaltung bes österreichischen Gebankens zu arbeiten."
Der österreichische Heimotbunb führt nur ganz wenige Veranstaltungen im Jahre durch. Bei seiner Gründung setzte er sich zusammen aus dem „Verein Sllt-Oesterreich" (Präsident Gesandter von Monllong, Vizepräsident: Dr. Löhr, Ausschußmit- glieder: Generalintendant Dr. Straub, Statthal- tereirat Baron Erb unb Simmel), dem „ßueger- Bunb" (Obmann: Kerschbauer), bem Pfadfinderkorps „Ostmark" (Oberfeldmeister: Winter; Obmann: Oberst Reis), der „Vereinigung öfter». Na- tional-Komitee", bem „Bunb vaterlänbischer Mittelschüler", Vorsitzender: Baron Ennis), dem „Aka- bemischen Korps" Ottonsn. .Der gesamte Bund ist eine verschleierte Erweiterung bes „Reichsbundes her Oesterreicher", der vollkommen in altösterreichi- scher Tendenz lebt. Das Organ ist bie „Jnfonna- twn , welche zunächst besondere Gratissendungen vornimmt. Das Blatt steht der mittelstänbischen Volkspartei nahe (Hornick) unb wirbt für ben Hei- matbunb unter ber Firma „Antimarxismus". Die Bewegung dürfte aber keine besondere Bedeutung erlangen.
Am 5. Mai hatte ber Heimatbund eine Gorlice- gedenkseier einberufen. Außer den Mitgliedern waren vertreten eine große Anzahl von Kameradschaftsverbänden, außerdem ber Reichsbund der Oesterreicher, vertreten durch Oberst Pohl und Graf Montjoye, ferner ber General ber Infanterie
Kestranek, Gesandter a. D. Baron Wense, sowie eine größere Anzahl von Offizieren.
Das Wiederaufleben dieser leaitimistischon Organisation hat zwar keine besondere Bedeutung, muß aber erwähnt werden im Zusammenhang mit der kürzlichen Rede des Grafen A p p o n y i in Ungarn, der sich für den pragmatischen Legitimismus einsetzte.
* Gesandter Auritl bei Seipel. Der italienische Gesandte Auriti ist in Wien e i n g e t r o f f en unb von Bundeskanzler Seipel empfangen worden.
* Gnadengesuch für bie im Schachty Prozctz zum lobe verurteilten. Die Verteidiger der im Schachtyprozeß zum Tode verurteilten Ingenieure Gorletzki, Jussewitsch, Bojarinow, Budny und Krschischanowski haben beim Zentralexekutivkomitee für die Verurteilten ein Gnadengesuch eingereicht.
• b'Annuncio auf bem Index. Die „Germania" meldet aus Rom: Durch eine vom Papst bestätigte Entscheidung haben bie zum Heiligen Offizium gehörigen Karbinäle alle seit dem Dekret vom 8. Mai 1911 noch erschienenen glaubens- und sittenwidrigen Schriftwerke Gabriela d'Annuncios auf den Index der verbotenen Bücher gesetzte
D'e Räumungsfrage.
Aus Brüssel wird gemeldet:
In seinen Ausführungen zum Haushalt bes Ministeriums bes Auswärtigen in ber belgischen Kammer berührte Hymans auch bie Räumungsfrage. Er führte dazu u. a. aus:
„Ich habe seinerzeit Belgiens Haltung in ber Räumungsfrage in Ausdrücken borgelegt, bie im Inland wie im Ausland Billigung gefunden haben. Die Frage hat zahlreiche Kommentare und interessante Veröffentlichungen hervorgerufen, aber den Bezirk einer studienweisen Beschäftigung und Theorie nicht verlassen. Es liegt in dieser Hinsicht keinerlei diplomatische Tatsache vor, und Belgien hat die Gewißheit, daß es zu allen Beratungen der interessierten Mächte über die delikaten unb vielverschlungenen Reparationen u. bie Räumung des Rhsinlanbes hinzugezogen werden wird. Diese Frage ist dieser Tage wieder aufgetaucht, und ber deutsche Reichskanzler hat die von Deutschland *n dieser Hinsicht erhobenen Ansprüche dargelegt, ohne sich im übrigen genauer darüber zu äußern, wekbe Losungen und unter welchen Bedingungen er sie wünscht.'
Der indische arbeitet.
Von Dr Alphons Nobel. •
Brilisch-Jndien dürfte halb soviel Industriearbeiter haben als Deutschland. Diese Zahl mag dem hoch scheinen, der sich Indien als romantisches Land denkt, mit Pagoden, Moscheen und Tempeln, voller Urwälder und zum größten Teil bedeckt mit Dschungeln, durch das der Elefant trompetend !sins Bahn bricht, wo der Tiger nächtens auf Brut« schleicht, und aus dessen Gewirr die Riesenschlange züngelnd ihren Kopf erhebt. Andererseits erscheinen die vier Millionen indische Industriearbeiter allzuwenige in einem Lande, das zehnmal so groß als Deutschland ist, und zweieinhalb mal so viel Einwohner als die Vereinigten Staaten von Nordamerika hat.
In ber Tat ist bie industrielle Entwicklung Indiens erst in den Anfängen begriffen. Don hett »' m Gewerbezweigen ist einzig die Textilwirtin die Wagschale fallend, jene Baumwollspin, nereien und -Webereien, die in allen Ländern bet! Welt, auch in England und Deutschland und Nord, amerita, erst recht in Japan und China und Indien, die kapitalisfische Epoche einleiten. In diestm Sinne befindet sich Indien im Zeitalter des Fr ih- kapitalismus; man kann es mit dem England bes ausgehenden 18. Jahrhunderts vergleichen. Dieses indische Textilindustrie dürste aber bereits den Umfang der deutschen erreicht haben; auch arbeitet fies bereits für das Ausland exportiert ihre 2Bar-n, nachdem sie zuvor einen sehr großen Teil des heimischen Bedarfes gedeckt hat. Dabei fällt ja die eigene Baummollproduktion Indiens, bie zweitgrößte ber Welt, ins Gewicht. Der Rohstoff wächst also im Lande.Erst recht gilt bas für die Jute-Ibn- dustrie, den anderen Zweig der indischen Tertil- wirischaft: denn Jute wächst in der Welt überhaupt nur in Indien. Dagegen Ist die Wollindustrie unbedeutend.
Alles in allem mag Indien eine Million Textilarbeiter zählen. Sie leben in Bombay und Abme- babab, in Bangalore, in Cawnpore, in Nagpur unb Madras, ben Hauptsitzen ber Daumwollindu- ftrie, während sich um Cälkutta und Datka bis Proletarierstädte der Jutearbeiter drängen.
Die indische Texttlindustrie hat den Engländern außerordentliche Verluste zugefügt. Früher trugen die Inder in England gesponnene unb gewebte Kleiber — heute beginnen sie ben englischen Export nach China unb Afrika streitig zu machen. Die Konkurrenzfähigkeit der englischen Garne und Tuche aber wirb teuer genug vom indischen Volke erlauft burch bas indische Arbeiierelend.
Wir sind feit der Reise einer deutsch-englischen Gewerkschaftskommission nach Indien im Besitze genauerer Lohnaufstellungen. Die Wochenlöhne betrugen in Cawnpare bestenfalls an 13 Mark, in Indore 15 Mark, in Nagpore 17 Mark, in Calkntta 13 Mark; aber es waren nur die besten Falle. In allen diesen Städten gibt es tausende von Arbeitern und Arbeiterinnen, die weniger als 7 Mark die Woche, ja, in der Iuteindustrie Calkuttas weniger als 4 Mark in der Woche verdienen! Dis Folgen dieser Zustände sind ein erbärmliches Wohnungswesen (ein Wohnraum von 6 Quabrat» Metern oft für 5 Personen), sind überaus schlechte Nahrungsverhältnisse, und ermöglichen sowohl Seuchen wie die unverhältnismäßig hohe Sterb- lichkeitsziffer und vor allem, die große Säuglingssterblichkeit. Denn es ist nicht so, wie es englische und indische Unternehmer darzustellen beließen: daß nämlich diese niedrigen Nominallöhne in Wck- lichkeit hohe Reallöhne seien oder doch wenigs! ns als solche empfunden würden. Das Existenzm oi. mum für eine fünfköpfige Familie beträgt auch in Bombay an 50 Mark monatlich, wobei schon bie allergrößte orientalische Anspruchslosigkeit eingerechnet ist. Da die indischen Arbeiter in der Mchr- zahl weniger Geld haben, hungern sie. Der n- blick der unterernährten indischen Arbeiter ist jedem Reisenden bekannt.
Die erwähnte Gewerkschaftskommissiott hak deutscherseits unter bem Titel: „Das werktätige Indien" ein Buch herausgebracht, bas bie Re'ul- täte ber Erkundungsreise enthält. So interessant bie Mitteilungen und so fesselnd die Schilderungen vom werktätigen Indien sind — mit der Erklärung dieser Zustände scheinen es sich die Verfasser (Furtwängler und Schrader) zu leicht gemacht zu haben« Sie schieben alles auf die Engländer, die üblich-n Agitattonsreden der extremen Inder, vor ollem der indischen Kommunisten wiederholend. Englands sauge Indien aus, seine eigene wirttchaftliche Entwickelung werbe systematisch durch die british®' Zoll- und Steuerpolitik gehemmt, eine indische Gewerkschaftsbewegung mit Gummiknüppel unb Maschinengewehr am Lohnkampf gehindert. Das alles traf sicherlich in der Vergangenheit zu; und manches trifft auch heute noch zu. Aber alles, ben gon. zen elenden Zustand bes modernen Indien aus ben Sünden der Engländer zu erklären, geht denn doch zu weit. Die Sowjetpropoganda und ihr indischer Vertrauensmann, der Kommunistenfübrer Roy behaupten das zwar; aber allzuviele Erscheinungen widersprechen einer so einfachen Analyse«
Wenn die Engländer behaupten, aus Verantwortungsgefühl für ben Fortschritt ber Menschbeit unb für bie Ausbreitung der Zivilisation die schwe- ren Opfer ihrer kolonialen 'Arbeit Indien auf sich zu nehmen, so ist bas natürlich Unsinn. Unb zwar zum Teil Heuchelei, zum Teil die übliche angeliä-j'- fische gutgläubige Anmaßung. Aber eine Politik, wie sie ihnen von den indischen Feinden unterschoben wirb, wäre heute sehr unklug von England. Man kann heute nicht mehr aus Kolonien Gewinn« pressen, wie vor hundert Jahren. Könnte man das, und genügte dazu Skrupellosigkeit, nun, bann müßten bie Portugiesen aus ihren Kolonien die reichsten Renten ziehen. Zudem haben die Engländer ein Interesse an der Sympathie ber indischen Proletariermassen. Ich weiß von Fällen, wo englische Beamte in Indien gegen ben Widerstand