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FuldaerZertung

Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

7lr. 154.

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Freitag, 6. Juli 1928.

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5S.Zahrg

Die Abstimmung über den Villigungsantrag

Die Neichstagsdebatte am Mittwoch und Donnerstag. — Die Zentrumserklärung. — Zweite Rede des Ranzlers

Europa am Scheidewege.

Von IosephEaillaux, früherem französischen Ministerpräsidenten.

NaMehende Ausführungen des französischen Staatsmannes in La Nacion verdienen besondere Beachtung, auch wenn man nicht in allen Teilen mit ihnen übereinstimm.s.

In einem meiner Bücher findet sich der Satz „Man kann seiner Zeit nur dienen, indem man ihr vorauseilt." Meiner festen Ueberzeugunq nach wird der Politiker nur dadurch zum Staatsmann, daß er gewissermaßen seherisch den Lauf der Dinge voraus zu ahnen vermag. Ohne sich durch die öffentliche Meinung beeinflussen zu lassen und sich um Beifall oder Tadel zu kümmern, muß er darauf bedacht sein, seine Zeitgenossen vor den Ge- fahren zu warnen, die er kommen sieht. Doch das Prophetenamt ist nicht leicht. „Auf den Vorläufer wartet stets schon der Henker" habe ich an anderer Stellie gesagt. Auch ohne gründliche Geschichts­forschung wird man die Gefahren kennen, denen alle diejenigen ausgesetzt waren und häufig erlegen sind, die kühnen Mutes den Leidenschaften, den Irrtümern, der Jllussion und dem Haß der Menge zu trotzen wagten.

Indessen können die vom Schicksal einmal dazu Bestimmten sich der chnen vorbehaltenen Aufgabe nicht entziehen. Eine innere Macht treibt sie und stützt sie. Jeder fühlt heute das Bedürfnis, auf die Frage, was aus Europa in zehn Jahren wer­den wird, eine Antwort zu suchen.

Ein Jahrzehnt! Wahrlich eine kurze Spanne Zeit. Es ist zu befürchten, daß auch nach Ablauf dieses so knappen Zeitraumes die Alte Welt sich noch nicht von der Betäubung, in die der Welt­krieg sie gestürzt hat, erholt haben wird. Bezeich­nend für das heutige Europa ist die Teilnahms­losigkeit seiner Völker. Es geht ihnen wie dem Schläfer, der beim Erwachen noch die Schrecken des Alpdrucks fühlt.

Die Alternative: Europa muß sich einigen ober untergehen, hat wohl schon jeden denkenden Men­schen beschäftigt. Aber wie soll die Einigung zu- standekomrnen? — Zunächst muß man sich darüber klar sein, daß die üblichen politischen Bespre­chungen und Verhandlungen nicht den geringsten Wert besitzen. Auch geschriebene Verträge, selbst trenn die Staaten sie rechtsverbindlich gemacht haben, sind nur von recht beschränkter Bedeutung. Sie vergehen wie Rauch im Winde, sobald der Sturm der Leidenschaften, der Erbitterung, der Rivalität zwischen den Völkern losbricht. Um die- fen Sturm zu vermeiden, bedürfen die Vereinba­rungen zwischen den Staaten — deren Wert ich keineswegs unterschätze und denen ich im Gegen­teil große Bedeutung beimesse, weniger wegen ihres tatsächlichen Inhalts als wegen des in ihnen angestrebten Zieles — einer zweifachen Unter- stützung, einer psychologischen und einer wirtschaft­lichen.

Während des Weltkrieges wurde häufig die An­sicht laut: „Wenn die sich in den Gräben gegen­über liegenden Soldaten dieselbe Sprache ge­sprochen hätten, so wäre man schneller zum Frieden gekommen." Die Völker Europas werden nie ihre Sprachen aufgeben, aber sie werden eine Hilfs­sprachen erlernen können. Wie Briand sagt: sie könnten lernen, „europäisch" zu sprechen. Eine Welle gemeinsamer Ideen könnte Europa überflu- ten, die nationale Vorurteile hinwegspülen und die Völker allmählich mit einer einzigen Ideologie durchtränken, die sie schließlich beherrschen würde, ohne daß deshalb die besonderen Ideologien der einzelnen Länder aufgegeben zu werden brauchten. Die Aufgabe ist schwer, und es obliegt den Intel­lektuellen, sie zum glücklichen Ende zu bringen. Ich habe den Eindruck, daß der größere Teil von ihnen sie erfaßt hat, und diese auf neue Renaissance vor­bereitet ist. Um sie zum Erfolg zu führen, wird man den vielfach schon begonnenen Austausch von Studierenden und Professoren noch viel weiter aiis- bauen, auf Konferenzen in Berlin und Wien sich mit englischen und fran-ösischen, in Paris und Lon­don sich mit deutschen Angelegenheiten beschäftigen und durch die Presse alles verbreiten müssen, was zur Versöhnung der Völker beitragen kann. Vor­her wird aber noch eine Organisation zu schaffen sein, um die in den einzelnen Ländern zerstreuten Kräfte, die sich dieser Auwabe w'dmen wollen, »u sammeln. Erforderlich ist, daß auch die Regierungen durch ihre Universitäten, ihre Kultusministerien und großen wissenschaftlichen Gesellschaften im gleichen Sinne arbeiten.

Aber so sehr ich auch an die Macht der Ideen glaube, so sehr ich überzeugt bin, daß zur Zeit in Europa unter den geistig Eingestellten da? Ver­langen nach einer Einigung besteht, so fürchte ich doch, daß diese Bewegung nur kümmerliche Eraeh- nisse zeitigen wird, wenn nicht auch — materielle Interessen sie antreiben. Indessen beruhigt mich die Hoffnung, daß die Ducht der Tatsachen gebie- strisch die Einiouna der Alten Welt verlangt, und daher glaube ich. daß die nsocholoaische llnterffüf- ’’mn. die einer derartige Vereinbarung unter den Dostern nicht entbehren kann, ihr nicht fehlen wird.

Wiederholt ist gesagt, daß Europa sich im Laufe der letten hundert Jahre in eine gewaltige Werk­statt mit mehreren hundert Million-n Einwohnern verwandelt habe, die nur dadurch Nahrung finden, daß sie die Erzeugnisse ihrer Fabriken aeaen die Produkts der Neuländer in Amerika, Australien und Afrika austauschen. Der Weltkrieg hat hier eine Verschiebung bewirkt. Er bat die Völker, welche Europa zu verforgen pflegte, veranlaßt, ihren Bedarf im eigenen Lande oder aus außereuropäischen Märkten zu decken, vornehmlich

Nach dem Sozialdemokraten Breitscheidt, über dessen Ausführungen gestern schon berichtet wurde, ergriff am Mittwoch im Reichstag der Sprecher der zweitgrößten Fraktion, der Deutschnationale Graf Westarp das Wort. In einer übermäßig langen Rede hob er scharf hervor, daß in der Tat sich nunmehr der Kampf zwischen den Deutschnationalen und den Sozialdemokraten abrollen müsse. Von der Regierungserklärung meinte er, daß sie das geringste Maß der Wahrheit und Klarheit bar« stelle. Im Uebrigen verlas er ein absolut theo­retisches Agrarprogramm, das auf pure Agitation abgestellt war. Westarp überschritt die zugebilligte Zeit bet weitem. Es herrschte jedoch vollkommene Interessenlosigkeit. Der Verlust an politischem An- sehen und politischem Einfluß, den die Deutschna- tionalen durch das letzte Wahlergebnis erlitten haben, konnte in der Tat nicht drastischer doku­mentiert werden!

Namens der Zentrumsfraktion des Reichstages gab bei der Generaldebatte über die Rsgierungser- klärung Abgeordneter

Dr. pertifiug

folgende formulierte Erklärung ab:

Die Zentrumsfraktion betrachtet die heutige Reichs­regierung im Zusammenhang mit den Ergebnissen der Neuwahlen. Die stark veränderten Mehrheitsverhält- nisse im Reichstag haben den Weg für die Bildung einer der gesamtpolitischen Entwicklung Rechnung tragenden Regierung gewiesen. Demgemäß hat sich die Zentrums, froktion nach den Wahlen für die Schaffung der Gxo- ßen Koalition erklärt.

Die heute vorliegende politische Gestaltung ist eine zeitliche Notlösung. Im Hinblick hierauf glaubt die Zen- trumsfraktion heute von einer abschließenden Stellung- nähme absehen zu müssen. Sie beschränkt sich darauf, ihre Haltung zum Wortlaut der Regierungserklärung zu präzisieren.

Das Programm der Reichsregierung enthätt 'n ei­nem reichlichen Ausmaß Erwägungen, Anregungen, Vorschläge und stellt viele Prüfungen in Aussicht. Die Zukunft muß erweisen, was die Regierung von der Fülle der formulierten Aufgaben zu verwirklichen vermag.

Die auf Weiterverfoigung einer Politik friedlicher Verständigung und europäischer Solidarität Hinz!elenden Bestrebungen der Reichs: egierung, die zugleich den na­tionalen Belangen und den Sorgen der noch besetzten Gebiete und der Grenzlande gerecht werden wollen, Hü­ben unsere ungeteilte Zustimmung. Wir begrüßen, daß die Regierungserklärung unseres österreichischen Bruder­volkes gedachte, und daß wir auf dem Wege des geistigen und kulturellen Zusammenwachsens in der gegenseitigen Rechtsangleichung uns näher kommen.

In dem innerpolitischen Arbeitsprogramm werden eine Reihe von Vorlagen angekündigt, die teils vom Reichsrat bereits verabschiedet, teils dort zur Beratung stehen oder deren Vorarbeiten in den beteiligten Ressorts abgeschlossen waren. Das gilt insbesondere für die in Aussicht gestellten Sozialgesetze. Es liegt im Sinne po­litischer Wahrhaftigkeit, wenn wir heute, angesichts ent- stellender agitatorischer Auswüchse im letzten Wahlkampf, auf diese Tatsache ausdrücklich Hinweisen.

Wir wollen auch keinen Zweifel darüber aufkom­men lassen, daß wir einige Fragen des innerstaatlichen, wirtschaftlichen und geistig-kulturellen Lebens, für deren Erwähnung unsere im ersten Stadium der Verhandlun­gen über die Regierungsbildung gemachten Vorscbläae grundlegende Anregungen gegeben haben, f(härter sehen, als sie in der Erklärung der Regierung zum Ausdruck gelangen. Wir denken unter anderem an die Rrtorm des geltenden Wahlsystems, an Vorschläge zum Schutze des Mittelstandes und der Landwirtschaft, zur Weiterbil­dung des staatlichen Schutzes der Allgemeinheit gegen­über Großbildungen in der Wirtschaft, an die Reichs- schulgesetzgebung, an die positive Förderung der Familie.

in den Vereinigten Staaten. Dies ist der Punkt, wo Europa sich auf sich selbst besinnen muß. Es gibt nur einen Weg: es muß die Bedürfnisse seiner Bewohner in einem Maße entwickeln, daß es innerhalb seiner Grenzen den im Auslande ver­lorenen Markt wiederfindet.

Diese Verbrauchssteigerung setzt zwei Bedin­gungen voraus: die Ausdehnung der einzelnen na­tionalen Märkte und eine allgemeine Löhner- Höhung. Mit anderen Worten: die Schaffung neuer Verbraucher in Europa und gleichzeitige Er­höhung der Kaufkraft der Bewohner der Alten Welt. Die Ausdehnung der Einzelmärkte erfordert den Abschluß liberaler Handelsverträge, die allmäh­lich zum Freihandel innerhalb Gesamteuropas führen und kriegerische Zusammenstöße zwischen seinen Völkern verhindern müssen, genau wie der Krieg zwischen den einzelnen Staaten der nord- amerikanischen Union zu einer Unmöglichkeit wurde, sobald nach einem ernsthaften Konflikt zwischen zweien dieser Staaten, der fast zum be­waffneten Zusammenstoß geführt hätte, feierlich festgelegt wurde, daß keine Zollgrenzen in dem gewaltigen Gebiet zwischen dem Atlantischen und dem Stillen Ozean geduldet werden können.

Man wird einwenden, daß die Alte Welt sich nie auf eine Aushebung der Zollgrenzen einlassen wird, da sich für den Zollschutz allzu viele private Jnteresien einsetzen. Sicher dürfte der Widerstand gegen ein derartiges Freihandelssystem schwer zu überwinden sein. Er geht vor allem von den gro­ßen Feudalherren unserer Zeit aus, den Kohlen- und Staklkönigen. Aber darf man denn nicht hof­fen, daß diese ihre Einstellung ändern? Werden nicht auch sie die Notwendigkeit fühlen, sich zusammen zu schließen und sich zu verständigen? Die bereits bestehenden Kartelle, wie wir sie auf dem Gebiete des Stahls und der chemifchen Industrie kennen, sind vielleicht die Vorläufer eines internationalen Riesenkonzerns, der, wenn er Wirklichkeit geworden

Indem wir die in der Regierungserklärung um­schriebene Grundrichtung bejahen, möchten wir ergän­zend auf folgendes Hinweisen:

Die Regierungserklärung spricht ausführlich vom Schutz und der

Förderung der Landwirtschaft

und Wiederherstellung ihrer Rentabilität. Die aufge­nommenen Anregungen zur technischen Intensivierung und Qualitätssteigerung sind unmißverständlich, unsicher dagegen die Forderung auf unvermeidlich notwendigen Handelspakttischen Schutz der deutschen Landwirtschaft. Man kann das offene Bekenntnis der heutigen Reichs­regierung zu dem vom letzten Reichstag beschlossenen Hilfswerk so auffaffen, als ob alles Notwendige darin enthalten wäre. Wir sind der Ansicht, daß dieses Hi fs- werk eines wetteren Ausbaues bedarf. Der Hinweis auf die Beachtung der Ergebnisse der Genfer Weltwirt­schaftskonferenz soll wohl keinen Gegensatz anbeuten, zu­mal gerade in diesen Beschlüssen die Notwendigkeit der Aufrechterhaltung des Zollschutzes der landwirtschaftli­chen Erzeugung anerkannt wird, und solange nicht an­dere aussichtsreiche Maßnahmen sich in der deutschen Landwirtschaft erfolgreich ausgewirkt haben. Alle Ver­sicherungen und Anträge auf Hebung her Landwirtschaft und verständnisvolle Pflege des Landvolkes, insbeson­dere auf dem Gebiete der Siedlung sind bedeutungslos, wenn nicht gleicherzett alle Vorkehrungen zur Festigung und Erhaltung der Rentabilität einschließlich des not­wendigen ZMchutzes bannt verbunden werden.

Die in der Regierungserklärung gekennzeichnete Ein- stellung des Staates zu den großen

monopasistifchen Organisationen

in unserem Wirtschaftsleben entspricht unserer Auffassung insoweit es sich hier darum handelt, die Allgemeinheit gegenüber wirtschaftlich unbegründeten monopolistischen Maßnahmen zu schützen. Die Regierungserklärung er- weckt stellenweise den Eindruck, als ob wir hier unmit­telbar vor praktischen Erfolgen ständen. Eine genaue Prüfung des Wortlautes dagegen ist geeignet, dahm- gehende Erwartungen zu dämpfen, da sich die Sätze ge­genseitig einschränken und aufheben.

Die Erklärungen der Regierung über ihr

Steuerprogramm

lasten zu unserer Genugtuung erkennen, daß die demo- kratifchen und sozialistischen Mitglieder des Reichskab:> nette die Auftastung verlassen haben, auf Grund deren sie den letzten Etat ablehnten. Wir verzeichnen diese er­freuliche Tatsache.

Die Zentrumsftaktion wünscht eine großzügige Ent­wicklung der AuslandskulturpÄttik von Reichswegen. Die kulturelle

Weltgeltung Deutschland«,

die Förderung der überstaatlichen kulturellen Gemein­schaftsarbeit, di« Sorge um das Auslandsdsutfchtum und die deutschen Minderheiten muß umfassender und plan­voller herausgearbeitet werden, als es bisher mit unzu­reichenden Mitteln und Einrichtungen geschehen ist. Die Forderung einer sozialen Bildungspolitik werden wir mit Nachdruck unterstützen. Dabei denken wir daran, daß für alte Schichten des Volkes eine lebendige Anteil­nahme am deutschen Kulturbesitz geschaffen werde.

In der

S'' :rage

wird die Vorlage eines Reichsschulgesetzes uns Gelegen­heit bieten, unseren Standpunkt erneut darzulegen. Die Zentrumsfraktion wird keiner Lösung dieser für die in­nere Dolkseniwicklung enftcheidenden Frage zustimmen, die nicht der in der Reichsverfastung gewährleisteten Ge- wistensfreibeit und dem Elternrecht entfprtcht. Wir sind der Auffassung, daß der Staat eines feiner bedeutsam­sten Reckte ausübt, wenn er den Unterricht und die Cr- zichung der Kinder entwickelt und fördert. Es muß in der Tat Ziel der deutschen Kulturpolitik sein, den Hoch- stand des deutschen Schulwesens weiter zu entwckieln. Dieser Fortschritt muß aber in Einklang gebracht wer­den mit unveräußerlichen Menschenrechten und Fami- lienrechten, ebenso mit den Rechten der Religionsgesell-

ist, die Zollgrenzen ganz von selbst zu Fall bringen muß.

Wahrscheinlich wird die so interesiante Bewe­gung, die sich am Horizont abzeichnet, erst jetzt richtig einsetzen, da der Wettbewerb Amerikas Eu­ropa von allen Seiten zu erdrücken droht. Um für ihren ungeheueren inneren Markt solide Grund­lagen zu haben, werden die amerikanischen Indu­strieellen sich unzweffelhäft genötigt sehen, die Alte Welt mit ihren Erzeugnissen zu überschwemmen, wenn diese sie nicht mit gleichen Waffen bekämpft. Es genügt nicht, daß Europa sich nur mit Zolltari- fen dagegen wehrt. Gleich der amerikanischen braucht die europäische Industrie ausgedehnte Ab­satzgebiete, um ihre Gestehungskosten zu verringern und gleichzeitig die Löhne ihrer Arbeiter erhöhen zu können, die ja ihre wichtigsten Abnehmer sind. Ferner muß es seine Methoden vervollkommnen, unwirffchaftliche Fabriken schließen, die Ausstattung an Maschinen erneuern, kurz: den Betrieb rationa­lisieren, was nur durch eine allgemeine Verstän­digung geschehen kann.

Es liegt in der Natur des Menschen, daß er zu derart umfassenden Vereinbarungen nur unter Schwierigkeiten gelangt, denn nur die harte Not­wendigkeit bringt ihn dazu. Die von den U. S A. ausgehende Drohung wird Europa zur Einigung zwingen, und so wird die Neue Welt gegen ihren Willen der Alten einen wichtigen Dienst leisten.

Bin ich zu sehr Optimist, der allzu großes Ver­trauen in die menschliche Vernunft setzt, wenn ich hoffe, daß Europa sich binnen einem Jahrzehnt auf dem Wege des Zusammenschlusses befinden und nicht länger aus einem Nebeneinander gieriger Völker bestehen wirb? Sicherlich wäre ich zufrieden, wenn es nach einer Dekade anfänat, die ersten Schritte auf diesem Wege zu tun. Aber wird es sich wenig­stens zu diesem bereit finden?

Wenn innerhalb der nächsten zehn Jahre der von gewissenlosen Interessenten genährte Haß und

schäften, die nach unserer Auffaffung für die Behauptun des beutfdjen Volkstums unersetzlich sind.

Die Reichsregierung bat in ihrer Erklärung weite» Maßnahmen zum Schutze und zur

Förderung der Familie, insbesondere der Kinderreichen angekündigt. Wir war schen, daß sie über die Weiterführung bereits wirtiwn- Einrichtungen hinaus unverzüglich in eine ernfth'tt Prüfung des Planes zwecks Schaffung einer Elte » schaftsversicherung auf der Grundlage der Verannr i tung der Familie und des Gesamtvolkes eintritt. Schutz des Familienlebens schließt nach unte-t Usberzeugung mehr in sich ein - als bloß wirtschaftliche und wohnungspolitiichs Existenzsich«r'-n< Neben sie muß die positive Arbeit der staatlichen G. '-t gebung für die Erhaltung der geistigen und fiit' ' > Grundlagen unseres Volkslebens und ein geistig f/ti reller Iugendsckmtz gesetzt werden. Die Veracht machung der Ehe und der Würde der Mutterschaf! : Wort und Bild, Erteichteningen der Ehescheidung '>n weitere Abschwächung der Strafbestimmungen gegen Al treibung stehen im schärfsten Widerspruch zu dem in der Weimarer Verfassung hochgewerteten Familien,-: danken. Die Zentrumsfraktion wird mit aller verfügbare Kraft alles abweisen, was zerstörend wirken und oH gesetzgeberischen und verwaltungsmäßigen Maßnal men fördern, die der Erhaltung der tiefsten Bolksgrunt lagen dienlich sein können.

Indern die Zentrumsfraktion die Erklärung de Reichsregierung zur Kenntnis nimmt, erwartet sie oo ihr, daß sie in die Bearbeitung ihres Programm eintritt.

Die Zentrumsfraktion will hierbei, ihren staatspolst! fchen Traditionen entsprechend, ihre Mitarbeit nicht nrt sagen und behält sich jedoch im einzelnen ihre Stellung nähme vor.

Der nächste Redner war der K o m m u n ■ I Ewert - Thüringen. Er erklärte, nach dem Wibi siege der Arbeiter fei die neue Regierung und h Programm ein Betrug an den arbeitende! Massen. Die Regierung sei eine Fortsetzung de . Bürgerblockregierung mit sozialdemokra , tischer Beteiligung.

Der Redner der Deutschen Dolksparfe I war Herr Scholz. Er führt aus, feine Freund hätten sich die Regierungsbildung anders oorge stellt. Man hätte nur wenige große Probleme 11 die Spitze des neuen Regierungsprogramms fte' >i sollen. An erster Stelle stehe das w e l t w i sch östliche Problem der interatliie, -i Schulvenregelung im Zusammenhang mit den T t butleiftungen Deutschlands. Hier hatte sich r n Einheitsfront nationakwirtschaftlicher Verteidigern von der äußersten Rechten bis zur äußersten Lin fen bilden können. (Unruhe bei den Kommunisten. Die Dsutschnationalen hätten mindestens ebeitii leicht wie die Deutsche Volkspartei für die mvt schaftlichen Aufgaben eine Koalition mit der So zialdemokratie bilden können. In diesen Dinge, stehe die deutschnationale Fraktion ihrer Zufgm mensetzung nach den Sozialdemokraten näher n', die Volkspartei. In der Frage der V e r w a ' tungsreform hätte die Deutsche Dolksparts bestimmtere Zusagen in der Regierungsbildung ge wünscht. Das andere große Problem ist bei Finanzausgleich und hier sind wir Anhänger - dezentralisierten Einheitsstaates. Wir begrii • in der Regierungserklärung die Zusage, daß i bisherige Kurs der Außenpolitik fortgesetzt werf r soll. Mit großer Genugtuung haben wir die Sä'< der Regierungserklärung über Maßnahmen i Behebung der Not der Landwir schäft gehört. So eindeutig waren solche Ausfi. . rungen noch in keiner früheren Regierungsc" klärung, auch nicht in den der Deutschnationalen.

das Mißtrauen zwischen den Völkern nicht oer- schwinden, wenn Europa weiter schläft, so ist fein Bestand ernsthaft gefährdet. Uneinig, von Jnteres- senkonflikten und Leidenschaften zerrissen, wirt- schaftlich abhängig, wird es zu Grunde gehen müssen. Es gleicht heute dem Kranken, der aus Angst vor der Operation iahrelang ein trauriges Dasein führt und immer hinfälliger wird. Eine vorübergehende Besserung täuscht ihn zuweilen über fein endgültiges Geschick hinweg, das seine Hartnäckigkeit unabwendbar macht. — Angesichts dieser Uneinigkeit fällt den persönlich Jntereffierten — denen von jeher aller Fortschritt in der Welt zu danken ist — die Aufgabe zu, die öffentliche Mei- nung der Welt zu unterrichten und ihr das Bild eines einigen Europas vor Augen zu halten. Sie dürfen nicht müde werden, immer wieder zu be­tonen, daß der Zusammenschluß der Völker der

Welt für sie eine Lebensfrage bedeutet. Allen, die durch die Fehler des Versailler Vertrages und der übrigen Friedensverträge ehrlich beküm­mert sind, muß bewiesen werden, daß das Werk der Diplomaten nur durch die Sicherung des Frie­dens und eine gründliche Umgestaltung der Alten Welt wieder gut gemacht werden kann. Dies läßt sich nicht mit der Methode einer Politik erreichen wie sie feit Jahrtausenden getrieben wurde, ober heute veraltet sind. In Zukunft darf es keinen Streit über Grenzen mehr geben, da dann nur neue Ungerechtigkeiten an Stelle der alten treten würden. Uebergeorbneten Organisationen wäre die Sorge für die Sicherheit und den Schutz unter­drückter Minderheiten anzuvertrauen.

Außerhalb des oben gekennzeichneten Weges gibt es keine Möglichkeit des Bestehens unseres ge­meinsamen Vaterlandes Europa. Wenn es sich nicht aufrafft, steht ihm das Schicksal Babylons und Ninives bevor.