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Nr. 151

Dienstag, 3. Juli 1928

mal eine Front aller anständigen Elemente zu> fammenfinben. Wer schließt sich davon aus?

Brauns zweifellos noch stark zu Gemüts geführt bekommen. /

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter" Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. :»: Monatlicher Bezugspreis 1,80 Mk.

wort des Vorsitzenden Dr. Weber eine Entschlie­ßung zur Annahme, in der die Vereinigung ihre Ziele darleqt und zum Zusammenschluß aller libe­ralen Männer und Frauen auffordert.

Der deutsche Reichskanzler Hermann Müller hat folgendes Telegramm an Bundeskanzler Dr. Seipel gerichtet:

„Indem ich Ihnen, Herr Bundeskanzler, von der Uebernahme des Amtes als Reichskanzler Mt- teilung zu machen mich beehre, bitte ich Sie ver­sichert zu sein, daß auch die neue deutsche Regierung in der Pflege inniger Beziehungen zu dem österreichischen Bruderstaat eine ihrer vor­nehmsten Aufgaben erblicken "wird. gez. Hermann Müller, Reichskanzler."

Bundeskanzler Dr. Seipel hat folgendes Ant- worttelegramm an Reichskanzler Hermann Müller gerichtet: : !' ’: 'M

„Mit dem wärmsten Dank für die freundliche Mitteilung von der Uebernahme der Reichsregie­rung durch Sie, Herr Reichskanzler, spreche ich Ihnen im eigenen und im Namen der Bundes­regierung di« herzlichsten Glückwünsche aus. Möge es der neuen Regierung, die fo hervorragende Per- sönlichkeiten zählt, gelingen, die zum Wohle des Deutschen Reiches angestrebten Ziele möglichst zu erreichen. Gleich Ihnen hoffe ich, daß innige und herzliche Beziehungen zwischen den beiden Bruder­staaten sich weiterhin ungeschwächt erhalten und sich auch zugunsten einer friedlichen Zukunft Euro­pas noch vertiefen werden. Ich werde mich glücklich schätzen, in diesem Sinne mit Ihnen ebenso wie mst ihren Vorgängern Zusammenarbeiten zu kön­nen. gez. Dr. Seipel, Bundeskanzler."

Die flmneftiefrage.

Rsichsjustizminister K o ch-Weser hat, laut Mon- tagspost, am Samstag und Sonntag mit den Fraktionsführern über die geplante Reichsamnestie verhandelt. Die Hauptschwierigkeiten bilden nach wie vor die Behandlung der wegen Kapitalver­brechen verurteilten politischen Straftäter, also der Fememörder und Max Hölz. Der frühere Vorschlag der Rechten, daß di« lebenslängliche Strafe der Fememörder auf 7% Jahre Festungshaft ermä­ßigt werden soll, wird, wie das Blatt schreibt, kei- nesfalls angenommen. Aeußerstes Zugeständnis wäre, daß die lebenslängliche Strafe in IV» Jahrs Zuchthaus umgewandelt wird. Unter diesen Umständen würden alle politischen Verbrecher der Linken entlassen werden, auch Max Hölz würde durch die Amnestie, falls das Reichsgericht nicht auf Grund der Wiederaufnahmeantrage feine Frei­lassung verfügt, in einem halben Jahr frekkommen. Die Femenmörder müßten dann noch sieben Jahre verbüßen.

In die Amnestie sollen auch solche Straftaten einbezogen werden, die aus sozialer Not be­gangen sind, sowie die Landesverratssachen, sobald die Tat nicht aus Eigennutz geschehen kst. Sämtliche Personen, die wegen Landesverrat, begangen durch die Presse, verurteilt worden sind, würden ent­lasten werden. Die laufenden Verfahren würden niedergeschlagen.

Zu dieser selben Angelegenheit lesen rott in der „Vossischen Zeitung" folgende sehr bemerkens­werte Ausführungen:

„Müller -Franken und Dr. Bell haben ent­sprechend den Beschlüssen der Nationalversamm­lung ihre Unterschrift unter das Friedensdiktat ge­testet, weil noch der Ueberzeugung der überwäl- tigendsn Mehrheit der Volksvertretung kein an­derer Ausweg blieb. Wie das alles kam, ist hun­dert- und tausendmal dargestellt worden. Die Un­terschrift war das letzte notwendige Glied einer Kette, in der Schicksal und Schuld eng verwoben sind, Schicksal der Nation, Schuld deren, die trotz dem grenzenlosen Opferwillen der Millionen das bittere Ende herbeiführten. Huqenberg selbst un­feine Freunde haben nach dem Zeugnis ihres Pro­pagandisten Ludwig Bernhard schon seit dem 19. Juni 1918 gewußt, daß der Krieg verloren sei. Sie haben dieses Wissen sorgfältig für sich behalten und haben im Gegenteil das Volk in den Glau­ben gewiegt, daß der Weg zum Endsieg offen fei. Sie haben seden Versuch eines Verständigungs­friedens vereitelt und statt dessen die Dolchstoß- legende verbreitet. Wenn es nach Recht und Ge­rechtigkeit geaangen wäre, so hätten ganz andere Leute statt Müller-Franken und Bell den bitter- schweren Weg nach Versailles antreten müsten. Aber freilich: jene waren, als es zum Klappen kam, spurlos verschwunden und überließen es an­deren, Schlimmes auf. sich zu nehmen, um noch Schlimmeres, um das Schlimmste zu verhüten. Und setzt baden sie die Stirn, in ihrer Presse, die Unterschriften Müller-Frankens und Bells anzu­prangern."

Die Liberale Vereinigung.

Aus Berlin wird gemeldet:

Unter zahlreicher Deteiligunq fand am Sonntag im Plenarsaal des Reichstags eine Tagung der Liberalen Vereinigung statt. Auf der Tagung waren zahlreiche führende Mitglieder der Meralen Be­wegung erschienen: auch Reichswehrminister Groe- ner war anwesend. Der Vorsitzende, Dr. August Weber begrüßte die Versammlung und sprach seine Freude über die Tagung aus. die dazu bestimmt sei, dem Liberalismus wieder einen neuenAus- blick zu eröffnen. Geheimrat Prof. Dr. Kahl teilte darauf mit, daß er ein Telegramm von Dr. Stresemann erhalten habe, der den Versammel­ten di« herzlichsten Grüße bestelle. Dr. Kahl fügte hinzu. er sei gewiß, diesen Gruß in aller Namen zurückgeben zu dürfen mit den Wünschen baldiger Wiederherstellung und völliger Genesung Dr. Stresemanns, der für linstr Vaterland uner­setzlich sei. Darauf erllärte Prof. Dr. Kabl, eine vollkommene Lösung des Problems der Liberalen Vereinigung könne nur in der Wiederher­stellung einer großen deutschen libe- ralen Partei mit parlamentarischer Einheits- front gefunden werden. Die Voraussetzungen hier- für seien bei dem Widerstand beider zunächst be­teiligten Parteien noch nicht gegeben. Umsomehr gelte es, die Hemmunqsgründe zu beseitigen. Der Liberalismus erstrebe die Anvassung der politischen Mittel an die durch die ieweiligen Zeitverhältnisso j herausgestellten Bedürfnisse von Volk und Staat.

"Nach einer Reihe anderer Ansprachen, u. a. von

polnische Wirtschaft.

Schmähungen Pilsudskis gegen das Parlament.

Marschall Pilsudskis erteilte einem Teil der pol- nischen Presse ein Interview, in dem er sich über

Die FreunWast Dischelt Jeutschlani! nnö Werreich

Telegrammwechsel zwischen Reichskanz* und Bundeskanzler.

freien Gewerkschaftler einig, sofern nicht Partei, feindschaft ihr Urteil trübt. Ich habe stets zu denen gehört, die Dr. Brauns im Sozialpolitischen gerecht geworden sind. Vom eigentlich Polittschen ist in die. fern Zusammenhang nicht die Rede. Und trotz all dieser Erkenntnis war in der Zentrumsfraktion tre Abneigung zur Uebernahme von Ministerien, wo man Geld eintreiben oder ausgeben, also mit Sympathien grausam spielen muß, in einem solchen Maße gewachsen, daß in der Fraktion selbst für die Nichtbeteiligung an der Regierung wohl eine große Mehrheit zu erzielen gewesen wäre, wenn man sie hätte empfehlen dürfen.

Die 5aar-vereiire.

Telegramm des Reichsministers für die befehlen Gefiele.

Der Reichsminister für die besetzten Gebiete v. Guerard hat an den Bund der Saarvereine, der in diesen Tagen in Heidelberg zu seiner dies- sährigen Tagung versammelt ist, ein Telegramm gerichtet, in dem er dem Bund zu seiner 8. Jahres­tagung herzliche Grüße und Wünsche für guten Verlauf und fruchtbare Auswirkung der Beratun- gen ausspricht. Saarnot und Besatzungsnot er­innerten gemeinsam das deutsche Volk an das, . . . was es den deutschen Brüdern und Schwestern

Geheimrat Prof. Dr. Memecke. Frhr. v. Rhein- im Westen schuldig sei. Die Kundgebung möge haben, Oberreaierungsrat Dr. Werttus, Prof. Dr. anspornen zu nimmermüdem Wirken für die Frei- Bergius-säeldelberg und Geh. Kommerzienrat Dr. heit von Rhein und Saar Schmidt-Braunschweig gelangte nach e-nem Schluß- ■»■■■■■■

In der Bayerischen Volkspartei-Korrespondenz wird zur neuen Kabinettsbildung folgendes ausge­sprochen:

„Die Einstellung der Reichstagsfraktion zum Kabinett der Persönlichkeiten ist dieselbe, wie sie die Reichstagssraktion der Deutschen Volkspartei bereits zum Ausdruck gebracht hat. Die Fraktion, der Bayerischen Volkspartei hat zu diesem Kabinett nicht Stellung zu nehmen. Die Fraktion betrach­tet sich durch die Mitarbeit Dr. Schätzels in fei­ner Weife dahin gebunden, daß sie die Maßnahmen dieses Kabinetts nun in jedem Falle unterstützen muß; sie behält sich für alle Fälle ihre Entschste- ßungsfreiheit vor, selbstverständlich auch die Frei­heit der Ablehnung. Herrn Dr. Schätze! wird man Dank wissen müssen dafür, daß er sich bereit er­klärte, sich der durchaus nicht leichten Aufgaben zu unterziehen.

Im übrigen geht man in politisch-parlamenta­rischen Kreisen dahin einig, daß dieses Kabinett der Persönlichkeiten nur ein Uebergangs- stadium ist oder die Vertagung der politischen Schwierigkeiten, die der großen Koalition noch im Wege stehen."

Die hier ausgesprochene Beurteilung des neuen Kabinetts wird, wie wir an dieser Stelle bereits mehrfach dargelegt haben, vom Zentrum du.- ch- aus geteilt.

Gekündigte Gefolgschaft.

Die rechtsradikale „Deutsche Zeitung" sagt im Zusammenhang mit der Betrachtuno der Kabinettsbildung Müller, daß die Wahl des Gene­ralfeldmarschalls v, Hindenburg zum Reichs­präsidenten ein Irrtum gewesen fei. Immerhin aber habe man die Zuversicht gehabt, er werde in der Stunde ernster Gefahren das Reich vor Unheil bewahren. Das sei nicht der Fall gewesen, denn jetzt hat, so sagt die „Deutsche Zeitung" wörtlich weiter, „der Herr Reichspräsident auf den Rat fei­ner Umgebung hin, ohne jeden äußeren Zwang und irgendwelchen Versuch eines Widerstandes in das rote Kabinett Müller gewilligt, und mir haben das Gefühl, als hätten wir ganz umsonst ein stolzes schwarz-weiß-rotes Wahrzeichen unver­gänglichen deutschen Heldentums zum weithin prangenden Zierstück des neuen Staatsgebäudes hergeaeben."

Daß Hindenburg schon lange für diejenigen Kreis«, die den Patriottsmus in Erbpacht genommen zu haben vorgeben, eine Enttäuschung bedeutete, ist ja bekannt gewesen. Daß sich aber eine „nationale Zeitung" eine solche Sprache gegenüber dem er­wählten Oberhaupt des deutschen Volkes hergos- nimmt, zeigt wieder einmal, daß diese Kreise nur solange vatriotisch find, als sie damit ihre eigenen Interessen fördern können.

; Trotz allem wollte die Zentrumsleitung die . I Frage der Beteiligung — auch die Besetzung des Arbeitsministeriums inbegriffen, — zu positi­vem Abschluß bringen. Allerdings unter einer I politischen Ergänzung. Wie heute die Sozialdemo­kratie, im Besitze des Finanz- und des Arbeitsmini, steriums, sich mit der Absteckung der Grenzen des I wirtschaftlich Möglichen verantwortlich abmühen muß, um fern von den nur rlassenegoistischen Anfor­derungen, auch wenn sie sozial berechtigt sind, Den I Gesamtausgleich im Staate zu vollziehen, und wie sie sich auch politisch gleichzeitig durch Führung des Kanzleramtes wie des Reichsinnenministeriums be- I rechtigterweise zu decken sucht, hat auch das Zen- I trum ein politisches Aequivalent er­strebt. Und das mit vollem Recht. Darin I war sich Vorstand wie Fraktion wohl einig. Meine I Person spielte in dieser Erwägung keine I Rolle. Es ging um eine große politische Sache. Wir I wollten das durch die Last der Verantwortung I von vielen Jahren etwas müde gewordenen Zentr. I durch eine politische Belebung erneut stär- | ken. Darin waren sich Stegerwald und die Frak- I tion völlig einig. Und mir das Ansinnen zuzu- schieben — entgegen der fast einmütigen Ansicht der

I Fraktion — in den Wagen der Regierung sofort ein- I zusteigen, auch, wie mir ein Kollege von links sagte, I unter dem Risiko eines Beinbruches, ist völlig un« I politisch gedacht. Entweder bleibt das Zentrum I bei der Hervorhebung seiner polittschen Stel­lung im Kabinett einig und ich ging mit, ober wir verzichteten auf die politische Einheit und damit auf

I neuen politischen Aufstieg.

Die uns auf den Weg geworfenen Hindernisse I gewinnen ober ebenso politische Bedeutung. Be- i sonders auch der Schuß aus der Bühler- I höhe bei Baden-Baden (Stresemann). Er ging I durch das Büro des Palais in der Wilhelmstr. und traf — den großen sozialpolitischen Führer Deutsch- I lands, Dr. Brauns. Als deshalb die Fraktion des Zentrums den Beschluß faßte, ein politi- I f ch e s Ministerium zu verfangen, war die Distan­zierung von der Regieningsbildung gegeben. Klar, I deutlich und für jeden verständlich unterstrich meine Rede in der Fraktion die distanzierende Wirkung dieses Beschlusses. Das war keine Kampfansage I gegen Severing, sondern der deutliche Wink: I Schafft die Sache ohne das Zentrum. Deshalb I wunderten wir uns nicht, daß noch am Mittwoch I in später Abendstunde im Vorzimmer des Zen- I trums sich ein prominenter Führer der Sozialdemo. I kratte einfand, um mit uns die Möglichkeit zu be­sprechen, doch noch in letzter Stunde das Werk zu I retten und eine Notlösung vorzubereiten. Der Brückenschlag entfprang unserer Initiative. Die Notlösung ist Befreiung der Sozialdemokratte aus

I drohender Unfruchtbarkeit. Dazu regte ich die Ein. I beziebung eines Ministers aus dem Zentrum an, und dann entschlossen wir uns, den rettenden Brückenschlag in der Fraktion durchzubiegen.

Die Sozialdemokratte möge aus dieser Crklä» I rung ersehen, daß es uns um eine loyale M i t- a r b e i t mit ihr zu tun war. Stegerwald und ich

I waren uns darin einig. Sie mögen diese Erklä­rung bei ihren künftigen politischen Handlungen und Absichten nicht unberücksichtigt lassen. Beson- bers bann nicht, wenn sie nicht Gefahr laufen will, bas Spiel gewisser liberaler Kreise mitzumachen, benen es barauf ankommt, die politi- sche Arbeitsgemeinschaft zwischen Zentrum und Sozialdemokratte in Zukunft auszuschalten. Ich denke da insbesondere art einen Artikel in der „Kölnischen Zeitung", der unter Mißbrauch streng vertraulicher und durchaus loyal gemeinter (Erörte­rungen beim Zentrum den Gedankengang ausge- löst hat, als ob Sozialdemokraten und Liberale uns nur die Rolle des Zuschauers zugedacht hatten. Sollte heute der Gedanke des Großblockes schon in der Theorie gepflegt werden, dann aller­dings gewänne das politische Bild ein anderes Ge­sicht. Die kommende Regierungserklärung wird uns darüber Klarheit geben müssen.

Die Hetz-vriider.

Die deutschnationale Presse vom Schlage des Hugenberg'schen Lokalanzeigers — es gibt auch eine anständige deutschnationale Presse! — nahm die Kabinettsbildung durch Müller -Fran­ken zum Anlaß, um an dessen Mitwirkung bei der Unterzeichnung des Versailler Friedens zu erinnern und in diesem Zusammenhang« auch den Mitunter­zeichner, Zentrumsminister Bell, zu schmähen. Das ist die Methode, die die Schüsse in Griesbach auf Erzberger und später auf R a t h e n a u ausgelöst hat. Müller und Bell haben damals an­deren, die sich seitwärts in die Büsche schlugen, die Verantwortung und den Schimpf abgenommen mit dem Ergebnis, daß sie heute noch von diesen selben Elementen, die zu dieser Zeit zu feige waren, um sich zu der Verantwortung zu bekennen, besudelt werden. Keine Abfuhr kann scharf genug fein, um dieser verderblichen und ver­brecherischen wiederbeginnenden Hetze von Anfang an entgegenzutreten. Hier muß sich wirklich ein- i

Die deutschnationale Reichstags- frattiQn trat Montag vormittag zu einer Sit- jung zusammen, die sich zunächst mit dem politi­schen und geschäiftsorbnungsmäßigen Arbeitsplan der Fraktion beschäftigte Nachmittags soll, wie das Nachrichtenbüro des V.D.Z. erfährt, in einer weiteren Sitzung die Wahl des F r a k t i o n s - vorsitzenden vorgenommen werden. Die Wie- derwahl des bisherigen Fraktionsvorsitzenden Graf Westarp gilt als sicher.

Wirth zur Lage.

3ff -er „Großblock" von Liberalen und Sozialisten geplant?

In einigen Zentrumsblättern äußert sich Dr. Wirth über die Vorgänge bei der Kabinettsbildung u. a. folgendermaßen:

Jahrelange Kampfgenossenschaft mit der Lin- ken um das Leben der deutschen Demokratie sollte bei der Regierungsbildung bewußt politisch eingc- setzt werden, um der Sozialdemokratie »fair play" zu sichern. Ziel und Wege unserer Politik waren geklärt und abgesprochen. Jlloyali- tat hatte die Zentrumspartei zerrissen. Wir dach- ten nicht mehr an wohlwollende Neutralität, son­dern an attine treue Mitarbeit.

2lber die Wirkungen des Wahlkampfes waren noch nicht genügend eingerechnet worden. Die Aussprachen im Reichsparteivorstand des Zentrums wie in der Fraktion zeigten leider eine gewisse M u digkeit, ja sogar, wie Stegerwald und ich mit Bedauern konstatierten, eine Art Scheu vor der Uebernahme wichtiger, besonders verantwor­tungsvoller Posten in der Reichsreqierung. Cs trat eine fast unpolitische, ob der Wirkungen des Wahlkampfes mutlose Stimmung ein, die von nur schon oft als die Flucht aus dem Politi- scheu bezeichnet worden ist. Das zu konstatieren ist gewiß bedauerlich, ist aber eine reale politische Tat­sache. In erster Linie erstreckte sich diese Müdigkeit auffallenderweise aus das Reichsarbeitsministe- rium, dessen Inhaber, Dr. Brauns nach 8 Jah­ren als Führer der deutschen Sozial- Politik unwidersprochenermaßen gilt. Ihm ge­genüber hatten sich auch in der Sozialdemokratie gerade fn den letzten Tagen die agitatorischen Aus­lassungen des Wahlkampfes völlig verflüchtet. Hein, rich Brauns ist der große Sozialpoliti- ker Deutschlands. Und man darf überzeugt fein, daß man, je mehr die Zeit Distanz ihm gegen­über gewinnt, die letzten Jahre als eine historische soziale Leistung großen Ranges anerkennen wird. Darin sind sich heute die ch r i st l i ch e n und

FuldaerZertung

Anzeiger für die Stabt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches kreisblatt.

t c | die Gründe äußerte, die ihn bewogen, die Mini-

Die Bemühungen, dem liberalen Gedanken der sterpräsidentenschast an Dr. Bartel abzugeben. Der sich ,n der Deutschnationalen Volksvartei, der Deut- Marschall sparte hierbei nicht mit überaus scharfen ftben SSoIfäpartei, der Demokratischen Partei, der I Angriffen gegen das polnische Parlament, deren! Wirtschastspartel Notherbergen gesucht hatte, wie- Drastik alles bisher von ihm Gehörte überbot, der em eigenes Haus zu bauen, dauern also fort Er hätte Urlaub nehmen können, ohne zurückzutre- Die deutschen Katholiken, deren geschworener Feind ten, so versicherte bet Marschall am Eingang seiner bieset Liberalismus ist, müssen die Benmhungen I Unterredung, und fern Gesundheitszustand wäre dauernd wachsam verfolgen und in geschlossener es nicht gewesen, der ihn veranlaßt hätte, die Einigkeit bie Abwehr vorbereiten. I Ministerpräsidentenschaft abzugeben. Hingegen habe

ri*. 13rwc I er deshalb demissioniert, weil er den Posten eines!

ur- Drauns "vscyieo. Regierungschefs, wie er in Polen verfassungs-.

Am 30. Juni verabschiedete sich Reichsminister mäßig umgrenzt sei, m'cht mehr länger habe ertragen Dr. Brauns von der Beamten-, Angestellten- I können. Pilsudski beschwerte sich bann darüber, und Arbeiterschaft feines Ministeriums. Staats- daß die polnische Verfassung dem Staatspräsidenten! fetretär Dr. Geib gab dem g ro ß e n B e b a u e rn M wenig Macht kaffe. Er dürfe sich nicht einmal Ausdruck, mit dem die Angehörigen des Reichs- I Diener und Dienstmädchen selbst wählen. Man arbeitsministeriums den Minister nach achtjähriger I könne sagen, daß bie polnische Verfassung den Amtszeit scheiden sehen und gedachte mit warmen I Staatspräsidenten niederträchtig behandele, wie nie- Worten der g r o ß e n V e r d i e n st e d e s M i n i- I mand in der Welt mit seiner Geliebten umgehe, sters um den Ausbau der deutschen! Wenn er sich nicht so beherrscht hätte, so würde Sozialpolitik. Er begrüßte ferner den I er nichts anderes getan haben, als die Herren neuemannnten Reichsarbeitsminister Wissest. I Abgeordneten in einem fort zu schlagen und auf Reichsarbeitsminister Wissell dankte für die Be. I ihnen herumzutreten wegen ihrer Arbeitsmethoden, grüßung und würdigte aufs herLichste die be- I Da bi« Herren Abgeordneten bei ihren Arbeiten deutenden Leistungen feines Vorgängers. Er I vollständig unbillige Methoden anwendeten, so könne bat die Angehörigen des Ministeriums um Unter- I er dies weder ansehen noch anhören. Er selbst, sttitzung bei der Erfüllung feiner Aufgaben. Er so versicherte der Marschall, fei auch ein Redner, werde für ihre Sorgen und Nöte stets ein offenes I Aber wenn er wochenlang reden sollte, so würde Ohr haben. I er sich als gemeinen Fetzen betradjten. Die Abge-

Die Leistungen Dr. Brauns sind bei seinem Ab- I ordneten aber redeten Monate lang. Dabei be« schied von allen Seiten, namentlich auch von den I nehmen sie sich, als ob der Sitzungssaal ein Mrts- Sozialdemokraten in führender Stellung I haus wäre. Spreche einer, so gingen 50 im Saale vorbehaltlos anerkannt worden. Und was hat I herum, 40 redeten miteinander, 100 erzählten sich man vorher gegen Brauns gehetzt! Wenn wir I Anekdoten; nur die Herren Minister müßten sich auch um der deutschen Sozialpolitik willen das I anständig benehmen, während die Herren 9tbge- Ausscheiden Brauns aus dem Kabinett aufs tiefste I ordneten brüllten, kurz, sich wie Schweine be- bedauern, so ist es doch gui, deß einmal die Hetze I nehmen dürsten. Dazu hätten die Minister noch die gegen ihn, die z. B. vom Deutschen Rentnerbund I Pflicht, dem Parlament gegenüber Ehrfurcht zu ganz persönlich gegen den Priest e r gerichtet I zeigen.

wurde, aufhören muß. Diese Kritiker werden durch j Pilsudski erklärte sodann, daß er persönlich als bie Weiterentwicklung ihr Unrecht gegen Dr. Diktator Polens das Parlament emberufeji und

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