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öS.Zahrg.

Sonntag, 1. Juli 1928.

M. 150.

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FuldaerZertung

Anzeiger für die Stabt Fulda und den Landkreis Fulda, b Amtliches Kreisblatk.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen:Die Welt im Bild" undBuchenblätter" Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda, Fernsprecher Nr. 9. ... Monatlicher Bezugspreis 1,80 Mk. :-:

Das neue Kabindt.

2lmtlich wird mitgeteilt:Ser Herr Reichs­präsident hat den Reichskanzler a. D., Reichsmim- ster a. D. und Abgeordneten Sjarmann Mulle r- Aranken zum Reichskanzler ernannt .Auf Vor­schlag des neu ernannten Reichskanzlers hat der Herr Reichspräsident die bisherigen Reichsmmister Dr. Stresemann (Auswärtiges), Dr Sur- iius (Wirtschaft), Groener (Reichswehr), Schätze! (Reichspost) in ihren Aemtern bestätigt and ferner den preußischen StaatsmiNlster a. D. Abg. S e v e r i n g zum Reichsminister des In­nern, den Reichsminister a. D. Abg. S) i lf e r - Ving zum Reichsfinanzminister, den Relchsmim- ster a. D. Wifsell zum ReichsarbeitsmiNlster, den badischen Minister a. D. D i e t r i ch - Baden zum Reichsminister für Ernährung und Landwirt- schäft, den Reichsminister a. D. K o ch -Weser zum Reichsjustizminister und den Geh. und Oberregie- rungsrat Abg. v. G u e r a r d zum Reichsverkehrs. Minister ernannt. Reichsminister v. Gouerard ist gleichzeitig mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Reichsministers für die besetzten Gebiete beauf­tragt worden." *

Aus Berlin wird uns geschrieben: Es ist ein gutes und richtiges Verhalten, den R e i ch s p r ä - (identen außer der politischen Dis- k u s s i o n zu lassen. Wir werden immer nach die­ser Linie verfahren. Wenn wir nun aber in diesem uAgenblick auf die Stellungnahme des Reichspräsi­denten gegen den Vizekanzler-Posten zu­rückkommen, so geschieht das in Abwehr falscher, unsere Partei betreffenden Pressedarstellunaen.

In solchen Pressemitteilungen wird gesagt, daß der Reichspräsident auf das erneute Ersuchen Mül­ler-Franken bezüglich Einrichtung des Amtes eines Vizekanzlers unter anderem erklärt habe,, daß er .es ablehnen müsse, sich von einer Fraktion für die Zusammensetzung des Reichskabinetts bindende Vorschriften machen zu lassen.

Wir müssen demnach die Frage aufwerfen: Was hat Müller-Franken dem fierrn Reichspräsidenten über die Auffassung des Zentrums gesagt?

Das Zentrum hat nie und nimmer irgendwie auch nur den Versuch gemacht, in die Verfassungs­mäßigen Rechte des Reichspräsidenten, die gerade beim Zentrum ihre stärkste Wahrung und Vertre- knra finden, ernzu greifen.

Demgegenüber hat das Zentrum erst recht nicht jemals den Reichspräsidentenfür die Zusammen­setzung des Reichskabinetts bindende Vorschriften" machen wollen. Wenn der Herr Reichspräsident wirchlich eine, derartige Aeußerung gemacht hat, dann muß er absolut falsch berichtet worden sein. Das Zentrum hat vielmehr ganz im Gegen­teil ausdriicklich Müller-Franken erklären lassen, daß an dem Bizekanzlerposten das Zustandekommen einer Regierung keineswegs scheitern lassen würde. Das ist die Wahrheit!

Die Zentrumspartei-Korrefpondenz verbreitet folgende Aeußerung aus Kreisen der Zentrums­fraktion des Reichstags:

Das neue Kabinett, das jetzt auf der Grundlage eines sogenannten Kabinetts der Persönlichkeiten gebildet wird, ist nichts weiter als ein Provisorium. Das entscheidende politische Gewicht wird in diesem Kabinett die Linke einnehmen. Sozialdemokra­ten und Demokraten zusammen verügen über die Mehrheit. An sich ist das kein Unglück. Diese Situation entspricht dem Wahlausfall, bei dem ja das Pendel soweit nach links ausschlug, wie nicht wieder seit der Revolution.

Das Zentrum ist in diesem Kabinett nur schwach vertreten. Es entsendet nur einenlosen Verbin­dungsmann" in der Person des fierrn v. Guerand, der das Ministerium für Verkehr bauptamtlich und daneben die Verwaltung des Ministeriums für die besetzten Gebiete übernimmt. Damit unter- streicht das Zentrum den provisorischen Charakter dieses Kabinetts mit aller Deutlichkeit. Nachdem auf Grund von Zwischenspielen, deren letzten Hintergründe noch nicht vollkommen geklärt sind, das Zentrum seinen politischen Willen nicht durchsetzen konnte, nachdem man ihm den berechtig­ten Anspruch auf eine ausgesprochen politische Po­sition in diesem Kabinett versagte, nachdem ande­rerseits aber auch das Zentrum an Ministerfragen Nicht das Zustandekommen dieser Regierung, um die es sich ja selbst nachdrücklich bemüht hatte, schei­tern lassen wollte, blieb garnichtz anderes übrig, als diese, man möchte beinahe sagen, demonstrative Beteiligung. , r

Das Zentrum sieht in diesem Kabinett Müll-r lediglich ein Uebergangskabinett. Es ist nicht koalitionsmäßig und nicht fraktionell dieser Regie­rung gegenüber gebunden. Es wird feine Zu- stimmung zu allen Aktionen der Regierung, also auch schon zu der kommenden Regierungserklä­rung, ferner aber auch zu den demnächst als erste große politische Fragen zu behandelnden Probleme der Amnestie und des Nationalfeier­tags von jeweils besonders zu treffender Ent­scheidung abhängig machen. Das Zentrum behält sich also vollständig freie Hand gegenüber diesem Kabinett und seiner Betätigung.

Es ist für das Zentrum andererseits klar, daß der Uebergangscharakter dieses Kabinetts kein Zu­stand von unbeschränkter Dauer sein kann und fern darf. Spätestens im Herbst, wenn die normalen gesetzgeberischen Arbeiten in Fluß kommen, wird die Regierung eine festere Konstruktion und eine stärkere Gebundenheit in sich, wie aber auch eine engere Verbundenheit mit den diese Regierung stützen sollenden Parteien erfahren müssen. Dann werden wir uns wieder sprechen. Bis dahin wird ja dann auch die P r e u ß e n f r a g e, die in enger Beziehung zu der endgültigen Regierungsbildung im Reiche steht, ihre Klärung und Lösung gefun­den haben müssen. ~

Die VereinigungRepublikanische Presse fei- erte*am Freitag abend dem Jahrestag ihrer Grün­dung in den Festräumen der Presseabteilung der Reichsregierung durch einen Bierabend, an dem als Gäste zahlreiche Mitglieder der Reichsregierung der preußischen Regierung und der.Behörden teil- nahmen. Erschienen waren u. a. Reichstagsprast- dent Loebe, Lantdagspräsident Bartels, Reichs­kanzler Müller, die Reichsminister Severing, v. Gouerard, Koch und Hilferding, die preußischen Minister Dr. Grzeninski, Dr. Hirtsiefer, die Staats- sekretäre Dr. Pünder, Dr. Weismann, Dr. Brecht und der Reichspressechef Ministerialdirektor Zech- lin.

Der Vorsitzende der Vereinigung, Ministerial­direktor Dr. Spiecker, bezeichnete es in seiner Begrüßungsansprache als ein glückliches Omen, daß der erste Geburtstag der VereinigungRe­publikanische Presse" zufammenfalle mit der Ge­burt der neuen Reichsregierung, die trotz kleiner Schönheitsfehler bei i^rer Gründu"" doch so aus­sehe, wie sie sich gerade die republikanische Presse immer gewünscht habe. Der neuen Regierung, die das Vertrauen der Mitglieder der Vereinigung be­sitze, wolle er nur wünschen, daß sie die gleiche Le­bensdauer wie die Vereinigung republikanischer Presse habe, denn diese Vereinigung wolle noch recht lange zusammenbleiben und wirken am Aus­bau und Ausbau der deutschen Republik. Mini­sterialdirektor Dr. Spiecker schloß mit dem Wun­sche, daß das Vertrauen, das die Männer der repu­blikanischen Presse der Regierung entgegenbringe, auch von der Regierung erwidert werde und zu ei­nem vertrauensvollen Zusammenwirken führen möchte.

Nach der mit Beifall aufgenommenen Begrüß­ungsansprache führte Reichsinnenminister Seve - ring, mit herzlichen Kundgebungen empfangen, nach einer launigen Einleitung folgendes aus:

Ich glaube, es ist in der Tat ein gutes Omen, daß Ihr Jahrestag zusammenfällt mit dem Ge­burtstag der neuen Regierung. Dieses Zusam­mentreffen veranlaßt mich zu der Bitte an Sie, den Irrungen und Wirrungen bei der Regierungs. bildung keine allzu große Bedeutung in der näch­sten Zeit beizulegen: denn wir müssen die gemein­same Kamv^ront behalten. Es ist uns deswegen befonbers schwer, heute abend zu reden, weil man über Fragen der Reichsreform, Demokra­tisierung der Verwaltung, grundsätzlich sehr viel sagen und auch sehr viel schreiben kann; wenn wenn man aber versuchen wollte, über die ersten

Zentrum und R

Aus Fraktionskreisen wird uns geschrie­ben:

Die Lage ist entwirrt. Aus dem Gespinst von Fäden, die offen und versteckt gezogen worden sind, hat sich etwas heraus entwickelt, was man eine notdürftige Lösung nennen kann. Nun mag sich der Zorn, der sich in diesen Tagen gegen ein Zentrum entlud, das nicht willens war, sich alles bieten zu lassen, wieder legen. Was da aber so urplötzlich gegen das Zentrum aufgewirbelt wurde war mehr als bloße Verstimmung, und auch wohl mehr, als gereizte Bemerkungen und indiskrete Ausplaudereien imVorwärts" oder in derKöl­nischen .Zeitung" erraten lassen.

Was ist geschehen? Und warum kam es so?

Der Wahlausfall hat innerhalb der Zentrums­partei in zweifacher Hinsicht Klarheit geschaffen. Er hat erstens die Erkenntnis in Zentrumskreisen verstärkt, daß politische Verantwortung Risiko be­deutet, und daß man durch jahrelange politische Verantwortung in den Wählermassen auch unver­standen bleiben kann. Der Wahlausfall hat aber auch hinsichtlich der zu erwartenden Regierungsbil­dung allenthalben die Auffassung gekräftigt, daß nunmehr der Volkswille in der Uebernahme der Verantwortung durch die Sozialdemokratie möglichst voll zum Ausdruck gelangen müßte. Da­runter konnte nicht bloß die Uebernahme des Kanz- leramtes verstanden werden. Finanz und Arbeit sind die Reichsämter, aus deren Wirksamkeit er­fahrungsgemäß immer wieder Ansatzpunkte zu Un­zufriedenheit und Verstimmung werden können. Und darum müßte, so schien es weften Kreisen der Zentrumspartei richtig, gerade auf diesen Gebie­ten die siegreiche Oppositionspartei von sich aus einmal die Grenzen des Möglichen abstecken und sie gegenüber Strömungen in eigenen Reihen ver­teidigen.

Dem Reichsparteivorstand war es nicht schwer parallel mit diesen Auffassungen den Gedanken zu vertiefen, daß eine Zentrumspartei auch in solcher Lage, ihrer Uebetiieferung entsprechend, eine posi- tive Haltung einnehmen, das heißt, zur loh- alen Mitarbeit bereit sein müsse. Demge- mäß erklärte sie sich sofort zu Verhandlungen über die Bildung einer Regierung der Großen Koalition bereit. Sie hat die Vorbereitungen dazu so ernst genommen, daß sie in besonderen Ausschüssen Vor­arbeiten zu Vorschlägen für die Grundlage des Regierungsprogramms vornehmen ließ. Die auf die Große Koalition gerichteten Bemühungen des Herrn Müller-Franken sind bekanntlich an Schwie­rigkeiten, die bei der Deutschen Volkspartei lagen, nach langem Hin und Her gescheitert. Die sach­lichen Voraussetzungen mit dem Zentrum waren im wesentlichen geklärt. Darauf griff der Beauf­tragte des Reichspräsidenten ben Plan zur Schaf­fung eines Kabinetts von Persönlichkei­ten auf. Auch hierin traf er auf ein zur Mitar­beit bereites Zentrum.

3m Stadium der Vorbereitung der Großen Koa­

lition war zweierlei geschehen, was das spätere

praktischen Schritte derartiger Reformen zu reden, dann würde sich in der Praxis bald ergeben das lassen Sie sich von einem Praktiker der Verwaltung sagen daß die nächsten Tage diesen ersten Schritten Barrieren errichten werden. Des­halb rede ich über diese ersten Schritte gar nicht. Sie dürfen aber überzeugt sein, daß dieses Schwei­gen nicht Untätigkeit und Passivität bedeuten soll. Ich dar-f Ihnen versprechen, daß ich versuchen werde, aus meinem Ministerium ein aktives Ber- fafsun gsministerium zu machen (Lebhafter Be>- fall). Herr Ministerialdirektor Spiecker hatte da­von gesprochen, daß er der neuen Regierung ein ebenso langes Leben wünsche, wie der Vereinigung Republikanische Presse. Ich verzeichne diesen Wunsch mit Genugtuung und glaube im Sinne aller Mitglieder der Reichsregierung sprechen zu können, wenn ich hinzufüge, daß es unsere feste Ab- sicht ist, recht lange in dieser Regierung leben zu bleiben (Beifall). Ich vertrage Spott. Es 'st mir lieb, wenn das graue Einerlei des Tages mit spöttischen Bemerkungen begleitet wird. Man soll sich doch auch gesagt sein lassen, daß man eine kurze Ferienpause auch lange ausdehnen kann. Wir haben die Absicht, vier Jahre Ferien zu ma- eben. Ferien von Regierungskrisen, Programment­würfen und Richtlinien-Beratungen, um in den Ferien davon vier Jahre praktischer Arbeit zum Aufbau der Republik zu leisten. (Lebhafter Bei- fall). Wenn gesagt worden ist, daß dieses Mini­sterium ein Ministerium des Abbruchs oder ein Ministerium auf Abbruch fei, dann möchte ich den Erfindern dieser Bezeichnung sagen, daß sie sich rr<Es ift nicht ein Ministerium auf Abbruch, aber man kann die Konzession machen, es ein Ministe­rium auf Umbau nt nennen. In einigen Mo- raten wollen wir dieser Regierung kräftigere

Tragbalken unterziehen und ich bin der festen Ueberzeugung, mit diesen Tragbal­

ken wird es möglich sein, vier Jahre lang in der Tat praktische Arbeit zum sozialen und zum demokratischen Aufbau der Republik zu leisten. Wir sind überzeugt, daß wir im Verein Republikanische Presse" gute Gehilfen in dieser Arbeit finden werden. Wenn es dahin kommt, baß wir eineEntente cordiale" schließen zwischen den Vertretern der öff-ntlichen Meinung und den Ver­tretern der Republik, dann muß es gelingen, dann werden wir in vier Jahren, also am 29. Juni 1932, Erfolge für die Republik buchen können.

Der Rede des Reichsinnenministers folgte stür­mischer Beifall.

Verhalten des Zentrums mitbeeinffußte: Müller- Franken trat von sich aus an den bisherigen Reichsarbeitsminister Dr. Brauns vorn Zentrum heran, mit der Bitte, seine Arbeit im neuen Kabi­nett fortzusetzen. Man weiß, daß diesbezügliche Wünsche auch von freigewerkschaftlicher Seite ge­äußert worden sind. Zugleich bot er dem Frak­tionsvorsitzenden von GuLrard das Ministerium für die besetzten Gebiete und die Dizekanzlerschaft an. Die Frage der Opportunität einer Bgibehal- hing des Arbeitsministeriums war innerhalb des Zentrums umstritten, in der Partei, wie in der Fraktion. Im Hinblick auf die koalftionspolitischen Verhandlungen des Herrn Müller-Franken erklär­ten sich Fraktionsvorstand und Reichstagsfraktion grundsätzlich bereit, einer Berufung des jetzigen Reichsarbeitsministers zuzustimmen. Die Frage wurde indes erneut aufgerollt, als die Große Koa­lition gescheitert und das Kabinett der Persönlich­keiten in Erwägungen gezogen wurde. Nun glaubte die Zentrumsfraktiön die schwere soziale Verantwor­tung, die in der Beibehaltung des Arbeitsmmi- fteriums gegeben war, nur tragen zu können, wenn gleich er zeit das politische Gewicht des Zen­trums im Kabinett besonders unterstrichen würde. Man durfte wohl annehmen, daß die Schaffung eines Vizekanzlers zu Gunsten des Zentrums, an­gesichts der seinerzeitigen Anregung Müller-Fran­kens, die am leichtesten zu erreichende Möglichkeit wäre. Die Forderung des Vizekanzlers war im Plan der Großen Koalition bei den Erwägungen der Zentrumsfraktion in den Hintergrund getreten. Mit dessen Scheitern nahm die Frattivn den Gedan­ken wieder auf.

Und nun ereignet sich das Seltsame: Der Be­auftragte des Reichspräsidenten macht Schwierig­keiten, Kreise der Deutschen Volkspartei, insbe­sondere beten Vorsitzender, Dr. Stresemann, protestieren mehr ober weniger heftig dagegen. Darauf wurde auch noch bekannt, daß der Herr Reichspräsident selber nicht geneigt sei, von dem ihm zustehenden Recht der Ernennung eines Vize­kanzlers Gebrauch zu machen. Die Zenttumsftak- tion hat dem Herrn Reichspräsidenten nicht nur keinerleiVorschriften" über die Ausübung der ihm durch Reichsversassung und Geschäftsordnung der Regierung gegebenen Befugnisse gemacht, fie hat auch in keinem Stadium der Verhandlungen, weder mittelbar, noch unmittelbar, mit dem Herrn Reichsvräfidenten Verhandlungen darüber gepflo­gen. Sie hat vielmehr nur einen Anspruch geltend gemacht, der von seinem Beauftragten selbst bei der Regierungsbildung als selbstverständlich aner­kannt worden war.

Die Zentrumsfraktion hatte angeregt, die Vize-. kanzlerschaft mit einem der drei Ministerkandibaten, und zwar mit Dr. W i r t h zu verbinden. Dr. Wirth hatte alle Differenzen mit der Partei und Fraktion ausgeräumt, der Fraktionsvorstand hatte ihn mit als Unterhändler für die Regierungsbildung be­stimmt. Bei den Verhandlungen hat er außer­ordentlich fruchtbar mitgervirkt. Es war erklärlick.

daß sie ihn auch zum Ministeramt präsentierte und, bei feiner politischen Bedeutung, gleicherzeit mit dem Gedanken der Uebertragung des Vizekanzler- amt es. Je mehr sich der Widerstand von außen verstärkte, umso klarer trat der politische Hinter­grund dieser Weigerung hervor, umso eindringlicher mußte ober auch bas Zentrum auf der Forderung bestehen, seine Stellung im Kabinett auf eine andere Weise zu festigen. So entstand die Forderung nach einem Ministerium von besonderer politischer Be­deutung. Wir glauben, daß die Auswahl der Res- sorts durch die Sozialdemokratie ben Anspruch des Zentrums als erklärlich erscheinen läßt. Trotzdem stieß die Zentrumsfraktion auf Widerspruch und Ablehnung.

Unter diesen Umständen hätte der Konstikt, zu Ende gedacht, sehr wahrscheinlich zu einem Schei­tern der Bemühungen Müller-Franken und zur Rückgabe seines Auftrages führen müssen. Der Fraktionsvorstand hat in einem gewissen Gegensatz zu einer starken Stimmung in Frakttonskreisen geglaubt, die Hand zu einerNotlösung bieten zu müssen, um einer Dauerkrise vorzubeugen und das Zustandekommen einer verfassungsmäßi­gen Regierung zu ermöglichen. Sein Ensschluß gab dem sozialdemokratischen Reichskanzler die Möglich­keit, in wenigen Stunden das Kabinett zu bilden. Die Deutsche Volkspartei hat das Gelingen der Großen Koalition bekanntlich um viele Tage hm- ausgeschoben und zum Schluß zum Scheitern ge­bracht.

Wir haben nicht gesehen, daß es dabei zu solch unliebsamen Erörterungen kam, wie wir sie in die- fen Tagen erleben mußten. Auch ein bedenkliches Zeichen der Zeit.

Hatte die Zenttumsfrakffon im Interesse einer Dauerlösung ein Marimum an politischem Einfluß angestrebt, so mußte sie, nachdem alle ihre Wünsche abgelehnt waren, folgerichtig zu einer ganz anders gearteten Beteiligung an der Regierung gelangen. Sie stellt dem Kabinett Muller einen Vertrauens­mann zur Verfügung. Mehr nicht. Diese Lö­sung entflammt selbstverständlich der Initiative des Zentrums und brauchte ihm nicht erst, wie in einem Berliner Abendblatt zu lesen war von anderer Seite nahegelegt zu werden. Die Fraktion ist als solche an das Kabinett nicht gebunden für ihre Haltung zur Regierung im Konkreten wirb die Regierungserklärung von entscheidender Be­deutung fein. Diele Lösung ist eine vorläufige. Der Charakter des Uebergangskabinetts ist auf die stärkste Weisung zum Ausdruck gebracht.

Die Gegner des Zenttums geben sich der Hoff­nung hin, ihm eine Niederlage bereitet zu haben. Sie haben uns von einer Verantwortung entbun­den, die wir nach Lage der Sache ,zu übernehmen gewollt waen. Die jetzige Nollöfung senkt unsere Verantwortung in dieser Regierung auf ein Mi­nimum. Mit der Wlösung des Zentrums vom Arbeitsministerum aber sind die bisherigen Vor­aussetzungen einer gewissen doppelsinnigen Politik sozialiftischerseits weggefallen. Die Möglichkeiten einer agitatorischen Ausnutzung der angeblich fo- zialfeindlichen Haltung des Zentrums im Hinblick auf die Arbeiten und Verantwortungen im Ar­beitsministerium sind nicht mehr gegeben.

Die jetzige Lage ist für die Zentrumspartei nicht unangenehm. Zum ersten Male von schwerer Ver­antwortung entbunben, ist ihr die Freiheit gegeben, kritisch zu prüfen, was andere tun. Sie wird die kommenden Monate zur Stärkung ihrer Rei­hen benutzen, und sie wird ihre gesammelte Kraft zu gegebener Zeit einzusetzen wissen.

DieTägliche Rundschau" geht ein.

Das Blatt Dr. Sttesemanns ein Opfer des Geldmangels.

DieTägliche Rundschau", die bekannt, ist als Organ des Evangelischen Bundes und gleichzeitig des Herm Dr. Stresemann, veröffentlicht eine 9Rit- teilung an ihr« Leser, in der es heißt:

Zu unserem schmerzlichen Bedauem müssen wir unfern Lesern die Mitteilung machen, daß der Deutsche Volksdienstverlag mit dem 30. Juni 1928 in Liquidation tritt und dieTägliche Rund» schau" mit diesem Tage ihr Erscheinen einstweilen einstellt. Die Inhaber des Volksdienstverlages glau­ben, nachdem aussichtsreiche Verhandlungen mit einem großen Berliner Verlag zwecks Uebernahme derTäglichen Rundschau" im letzten Augenblick sich zerschlagen haben, den derzeitigen ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnissen dadurch Rechnung tra­gen zu müssen, daß sie von einer Weiter sührung der Zeitung vorerst Abstand nehmen. Sie sind aber fest entschlossen, das Blatt binnen kurzer Zeit in neuer Zusammensetzung der Gesellschafter und unter Schaffung einer gesicherten finanziellen Grundlage wieder aufleben zu lassen.

Hochverratsverfahren gegen Ruth Fischer. Gegen Ruth Fischer, die wegen Ausschlusses aus der K. P. D. nicht wieder in den Reichstag ge­wählt worden war, ist vom Untersuchungsrichter des Reichsgerichts ein Strafverfahren wegen Hoch­verrats eingeleitet worden.

Erholungsreise Tschitscherins nach Deutschland. DieTägl. Rundschau" meldet: Der Gesundheits­zustand Tschitscherins hat sich derart verschlechtert, daß er den deutschen Botschafter in Moskau nicht empfangen konnte. Tschitscherin wird Ende Juli in ein deutsches Bad fahren. Sein in Urlaub be­findlicher Gehilfe Litwinow ist eiligst nach Moskau zurückberufen worden.

* Vertrauensvotum für Poincare. Die von dem Abgeordneten Danielou eingebrachte Tagesordnung, die der Regierung das Verttaueen der Kammer ausspricht, wurde mit 455 gegen 126 Stimmen an-