Einzelbild herunterladen
 

uldaerZertung

Nr. 144.

*

5S.Zahrg

Samstag, 23. Juni 1928

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter" Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatlicher Bezugspreis 1,80 Ml.

Anzeigen-Preise: Kleinzeile <Colonel) lokal 0,15 Ml. auswärts 0,20 Ml Reklamezeile: lokal 0,60 Ml, auswärts 0,80 MC. Bei Wiederbolungen Rabatt. Postscheckkonto Frankfurt a. M. Nr 4051

Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

Um die große Koalition.

Günstigere Beurteilung der verständigungsmöglichkerten. — Ein Vermittlungsvorschlag von Guerards.

Nach Informationen aus parlamentarischen Kreisen ist die Entwicklung der Regierungsbildung am Donnerstag abend dahin zu kennzeichnen, daß die scharfe Zuspitzung vom Vormit­tag nicht mehr besteht. Am Vormittag hatte Hermann Müller die Absicht, dem Reichspräsiden­ten noch am Donnerstag Bericht zu erstatten und ihm zu sagen, daß die Verhandlungen über die Große Koalition kaum noch Aussichten auf Erfolg bieten dürsten. Dieser Besuch beim Reichspräsiden­ten ist nicht erfolgt. Dafür hat Staatssekretär Meißner mit Hermann Müller eine längere Besprechung gehabt, die dazu führte, daß Her­mann Müller die F r a k t i o n s f ü h r e r zu sich bat, um mit ihnen noch einmal die Möglichkeiten einer Verständigung über die Große Koalition zu erörtern. Offenbar hat Hermann Müller ht dieser Besprechung auch bereits Andeu­tungen in der Richtung der Weimarer Koalition als Ausweg nach Scheitern der Verhandlungen über die Große Koalition gemacht. Herr v. G u «- rard hat aber erklärt, daß das Zentrum die Weimarer Koalition nicht mitmachen würde. Es wird behauptet, daß auch der Vorsitzende der de­mokratischen Fraktion, Dr. Koch, sich diesem Standpunkt angeschlossen habe. Diese Ereignisse haben nun in parlamentarischen Kreisen doch wie­der zu einer günstigeren Beurteilung der Verständigungsmöglichkeiten über die Große Koalition geführt. Wie weit diese Auf­fassung berechtigt ist, wird nicht zuletzt von dem Ergebnis der Fraktionssitzung der Deutschen Volks­partei am Freitag abhängen. Als ein Symptom der Entspannung gegenüber der Lage vom Vormittag wird aber im Reichstag die Tatsache gewertet, daß Reichsminister Dr. Stresemann Donnerstag abend seinen Urlaub antritt, den er auf etwa acht Wochen berechnet hat. Dr. Stresemann wird zunächst in ein Sanatorium in der Nähe von Ba­den-Baden gehen, um dann die zweite Hälfte sei­nes Urlaubs in Karlsbad zu verbringen.

*

Die' „Tägl. Rundschau", die im Fettdruck her­vorhebt, daß der Gedanke der Großen Koalition noch von keiner Seite aufgegeben worden ist, er­klärt, daß in der Umbildung der Regie­rung in Preußen nach wie vor der Kern­punkt des ganzen Problems liege. Bleiben Regie­rung und Koalition in Preußen auf dem bisherigen ablehnenden Standpunkt bestehen, so werden auch die sachlichen Verhandlungen im Reich nicht zu einem guten Ende geführt werden können, selbst wenn man sachlich einander näher kommen sollte. Der Vorwärts ist heute gleichfalls auf einen ganz anderen Ton gestimmt als am Donnerstag. Wenn er auch erklärt, daß sich die Gegensätze der Klas­seninteressen, die in den Verhandlungen so scharf zum Ausdruck gekommen sind, nicht beseitigen las­sen, so hält er doch die Möglichkeit für gegeben, daß eine Verständigung über die Zusammenarbeit auf umgrenzten Gebieten zu erreichen sei, und zwar im Sinne des Wahlergebnisses vom 20. Mai, das

die eindeutige Mahnung bedeute, den Regierungs­kurs nach links zu drehen.

Die „Voss. Ztg." berichtet über einen dem Zen- trumabgeordneten v. G u e r a r d zugoschriebenen Vermittlungsvorschlag zur Regelung der Frage der Regierungsumbildung in Preußen. Da­nach sollen die Reichstagsfraktionen der Weimarer Koalition zusagen, bei den entsprechenden preußi­schen Fraktionen dahin zu wirken, daß die Ver­handlungen über die Umbildung des preu­ßischen Kabinetts im Herbst aufge- nommenwerden.

Im Laufe des Freitag haben sich, wie wir hö­ren, führende Mitglieder der preußischen Koali­tionsparteien bemüht, festzustellen, ob von diesen Parteien der deutschen Volkspartei eine bestimmte Zusicherung für hi» Bildung der ^n-tfi+Hn in Preußen im Herbst gegeben werden könne. Da­bei ergab sich, daß vor Wiederzusammen­tritt des Landtags am 10. Juli eine entsprechende Stellungnahme der be­teiligten Fraktionen nicht zu erreichen ist.

*

Die Zentrumsfraktion des Reichs­tages trat am Donnerstag um vier Uhr zu­sammen, um den Bericht des Fraktionsvorsitzenden v. Guerard über den Stand der Regierungsver­handlungen entgegenzunehmen. Danach ist man in Zentrumskreisen hinsichtlich des Z u- standekommens der Regierung setzt o p t i m i st i s ch , da über alle wesentlichen Punkte in den Besprechungen am Donnerstag eine Ueber- einstimmung erreicht wurde, bzw noch in Aussicht steht. U. a. wird auch über die Schulfrage in einem kleineren Kreise noch verhandelt, und man hofft hier zu einer Einigung zu gelangen. Die Zentrumsfraktion vertagte sich nach Empfang des Berichts ohne Debatte, um um sechs Uhr noch ein­mal zusammen zu treten. In der Zwischenzeit hielt der Fraktionpvorstand des Zentrums eine Sitzung ab. Um fünf Uhr hatte der Fraktions- vorsttzende v. Guerard erneut eine Besprechuno mit dem Abg. Müller-Franken, die sich um die For­mulierung des Standpunktes in der Schulfrage drehen dürfte.

Auch die demokratische Reichstags­fraktion hielt am Donnerstag nachmsttag eine Fraktionssitzung ab, in der die Abg. Koch-Weser und Dietrich-Baden über die bisherigen Verhand­lungen zur Regierungsbildung berichteten. Es herrschte die Auffassung vor, daß die Verhandlun­gen über die Bildung der Großen Koalition noch nicht gescheitert sind, sondern daß bei gegenseitigem Entgegenkommen eine Lösung durchaus möglich sei

Dr. 5 frefemann fährt in Urlaub.

Reichsminister Dr. Stresemann hat Donnerstag abend Berlin zu einem längeren Genesungsurlaub verlassen.

Nach einer Funkmeldung ist der Reichsminister Dr. Stresemann am Freitag mit Gattin und Begleitung im Kurhaus Bülerhöhe bei Baden- Baden eingetroffen.

Dr. Brauns und die Sozialisten.

Das Reichsarbeitsministerium ist eines der schwierigsten und undankbarsten Aemter. Seit Jahren ‘ hat Dr. Brauns mit seltener Sachkunde, sozialpolitischem Weitblick und großem Erfolge das prakttsch zu verwirklichen versucht, was er früher in der christlichen Arbeiterbewegung verfocht. Die Sozialisten, insbesondere ihre Gewerkschaften, ha­ben auch in privaten Gesprächen oder in für ihre geschulten Funktionäre bestimmten Veröffentlichun­gen die besondere Eignung Dr. Brauns auch im Sinne der größeren Sicherung der Arbeiterschaft anerkannt. In ihren Leitungen und Ver­sammlungen jedoch haben sie ihn als „Reaktionär" und „Arbeiterschädling" ständig angeprangrrt. Konsequenterweise hätten sie nun, wo sie den über­ragenden Einfluß auf die Regierungszusammen­setzung ausüben, den von ihnen so arg mißkredi- tierten Arbeitsminister durch einen Mann aus ihren Reihen ersetzen müssen, zumal es sich um das für die Arbeiterschaft wichtigste Ressort handelt.

Was aber geschieht? Die Sozialdemokraten ersuchen den Reichsarbeitsminister Dr. Brauns dringend um die Uebernahme des Reichsarbeits- ministeriums auch in der neuen Regierung. Dabei mag die Furcht vor der Verantwortung mitge- sprochsn haben. Jedenfalls liegt darin eine poft» tive Anerkennung der segensreichen Tätigkeit Dr. Brauns, die mit' den schweren Angriffen in der sozialistischen Presse nicht zu vereinbaren wäre, wenn bei den letzteren eben nicht rein agita­torische Gründe maßgebend gewesen wären. In der Anerkennung Dr. Bauns seitens der Soziali­sten liegt auch zugleich eine Anerkennung der soli­den Grundsätze der christlichen Gewerkschaften, denen Dr. Brauns nahesteht.

— -

* Lin deutschnationaler Abgeordneter gegen Monarchie. Der dcutschnationale Reichstagsabge­ordnete Lambach führt in einem Artikel in der deutschnationalen „politischen Wochenschrift" vorn 17. Juni u. a. folgendes aus: „Wäre nach dem Tode E b e r t' s Jarres oder Marx oder Thälmann Reichspräsident geworden, so hätten wir auch heute noch in Deutschland eine lebendig flutende Bewe­gung zur Wiederaufrichtung der Monarchie. Da­durch aber, daß der monarchistische Teil unseres Kolkes Hindenburg .zum Reichspräsidenten er»

kor, ist der Monarchismus zu Grabe getragen worden. Oder glaubt ein politisch Einsichtiger, daß es bei uns über den eigentlichen Anhang des Ab­geordneten E v e r l i n g hinaus außerhalb Bay­erns noch nennenswerte Spuren eines aksiven, ziel­klaren Monarchismus gibt? In Ungarn ja, aber nicht in Deutschand". Lambach nennt den ganzen Verlust der Deutschnationalen einen „Verlust des Monarchismus", und er setzt sich für eine entschie­dene Aenderung der grundfätzlichen Auffassung der Deutschnationalen dahin ein, daß auch Republi­kaner in den deutschnationalen Reihen Platz fin­den können. Des weiteren fordert Lambach einen Wechsel in der Führung. Die deutschnationale Presse ist über diese Dinge außerordentlich betre­ten, sie nimmt kaum dazu Stellung.

* Ablehnung von Mißtrauensanträgen gegen die würtlembergische Regierung. In der Nach- mittaqssitzung des württernbergischen Landtages wurden die demokratischen und sozialdemokratischen Mißtrauensanträge gegen die Gesamtregierung mit 40 Stimmen der Rechten, des Zentrums und des Christlichen Volksdienstes gegen 34 Stimmen der Demokraten, Sozialdemokraten und Kommunisten bei vier Stimmenthaltungen der Deutschen Volks­partei abgelehnt. Der kommunistische Mißtrauens- antrag wurde gegen die Stimmen der Kommuni­sten abgelehnt und der sozialdemokratische Miß­trauensantrag gegen den Kultusminister Bazille, da zwei Mitglieder der Oppositionsparteien fehl- ten, zurückgezogen. Der Landtag hat sich hier­aus vertagt.

Der Nrieqsachtungspaktt.

Die Meldungen der Newyorker Blätter über den angeblichen Tert des Kriegsächtungspaktes werden im Staatsdepartement als den Tatsachen uorauseilend bezeichnet. Es wird jedoch hinzuge­fügt, der Staatssekretär hoffe, daß in den nächsten Tagen eine EiniguM mit Frankreich erzielt werde. Von Seiten Englands und Italiens seien Einwen­dungen gegen den von amerikanischer Seite vorge­schlagenen Text der Paktartikel nicht zu befürchten.

Frankreich zieht seine Vorbehalte zurück.

Der Washingtoner Korrespondent von „Herold and Tribüne" meldet seinem Blatt, die französische Regierung habe sich bereit erklärt, ihre Vorbehalte zum Kriegsächtungspakt zurückzuziehen^

Die Zrankenstabilisierung.

Poincare über das französische Finanz- und Schuldenproblem.

In der Sitzung der französischen Kammer am Donnerstag ergriff Poincare das Wort, um in Fortsetzung der Diskussion der Interpellatio­nen über die Finanz- und die allgemeine Politik der Regierung im Hinblick auf die bevorstehende Stabilisierung der Währung namentlich über die Finanzlage Erklärungen abzugeben. Er begann damit, daß er diejenigen ironisierte, die die Regie­rungserklärung zwar als zu umfangreich bezeichnet haben, aber doch noch Aufklärungen fordern. Als die jetzige Regierung ans Ruder gekommen sei, habe sie nicht verheimlicht, daß sie eine ernste Partie spiele. Ohne seine Verpflichtungen zu ver­leugnen, habe Frankreich der Welt inzwischen den Beweis seiner Loyalität gegeben. Die Regierung habe andererseits auch die schwebende Schuld in beträchtlichem Maße verringert. Viele Kapitalisten, die ihr Geld ins Ausland zu bringen pflegten, seien nach Wiedergewinnung des Vertrauens ande­rer Ansicht geworden. Seit 18 Monaten — das müsse man zugestehen — habe die Bank von Frankreich immer intervenieren müssen, um die tatsächliche Stabilisierung nicht zu gefährden. Poin­care ging bann näher auf den Mechanismus dieser Operation ein. Er wies darauf hin, daß die Hausse-Spekulationen auf den Frank zu einer Ver­mehrung des üblichen gedeckten Notenumlaufes ge­führt habe. Die Höhe des Notenumlaufs drohe eine Steigerung der Lebensmittelpreise nach sich zu ziehen. Ohne Stabilisierung werde die Bank von Frankreich große Schwierigkeiten haben, die Spekulation einzudämmen. Poincare erklärte als­dann, daß er eigentlich Anhänger einer teilweisen Revalorisierung sei; aber

diese würde die wirtschaftliche Lage des Landes beunruhigen; außerdem würden dadurch die Ein­nahmen des Schatzamtes verringert, was eine Er­höhung der Lasten zur Folge habe. Eine Revalo­risierung würde auch eine Herabsetzung der De- amtengehälter und der zu zahlenden Pensionen im Gefolge haben. Aus allen diesen Gründen habe die Regierung sich für die Stabili­sierung entschieden.

Im weiteren Verlauf seiner Rede kam Poin­care aus die interalliierten Schulden zu sprechen und erklärte, wenn die Möglichkeit einer Eesamtregelung der internationalen Schulden ins Auge gefaßt werden sollte, so wären wir sehr gern zu einer sehr gründlichen Prüfung der Frage bereit unter der Bedingung, daß die Interessen Frankreichs nicht verletzt werden. Poincare ging dann auf die Auswirkungen der Stabilisierung auf die schwebende Schuld ein und stellte fest, daß die auswärtige schwebende Schuld vollkommen ge­tilgt sei, und daß die innere schwebende Schuld von 94 auf 75 Milliarden herabgesetzt werden konnte.

Nach der Beendigung der Rede Poincares wurde die Fortsetzung der Aussprache auf Mittwoch vertagt. Die nächste Kammersitzung findet am Samstag um 5.30 Uhr nachmittags zur Entgegen­nahme des Stabilisierungsgesetzenttvurfs statt.

* Inkrafttreten des deutsch-griechische» Han­delsvertrages. Durch Notenwechsel vom 20. Juni ist mit der griechischen Regierung auf Grund des Schlußprotodlls zu Artikel 28 des am 24. März 1928 unterzeichneten deutsch-griechischen Handels- und Schiffahrtsvertrages das vorläufige Jnkraft- tteten dieses Vertrages für dm 1. Juli d. I. vereinbart worden.

Der Parlamentsskandal in Jugoslavien

Die letzten Meldungen aus Jugoflawien be­sagen, daß die Bevölkerung ob der Mordvorgänge in der Skupschtina zwar sehr erschüttert fei, daß aber noch überall im Lande, auch in Kroatien, Ruhe herrsche. Wie lange diese Ruhe noch an­halten werde, könne allerdings nicht gesagt wer­den. Sie ist vor allem ein Ausdruck der ersten großen Bestürzung, der leicht ein gewaltiger Sturm nachfolgen könnte, wmn sich die Verdächtigungen bewahrheiten sollten, daß nämlich der Montenegri­ner Ratschitsch nicht etwa aus einem rein per­sönlichen schnellen Impuls gehandelt hätte, son­dern als ein 'Beauftragter, der auch von Regie­rungskreisen protegiert werde. Die Regierung hat gegen die kroatische Opposition in der letzten Zeit schwere Kämpfe durchführen müssen und ist auch vor Gewaltsamkeiten nicht zurückgeschreckt, als es sich für sie darum handelte, die gegen das Netz- tuno-Abkommm und gegen Italien demonstrieren­den Studenten zur Ruhe zu bringen. Die Schüsse in der Skupschtina sind ein Beweis dafür, daß die mit Gewalt zur Ordnung gerufene Opposition im Lande noch nicht daran benft, sich zu fügen, ja, baß bie Regierung noch ein hohes Maß von Energie wirb aufbringen müssen, wenn sie mit Erfolg ihre außenpolitischen Pläne zur Durch­führung bringen will. Der Höhepunkt der Aus- einandersetzungen scheint noch keineswegs erreicht. Man muß vor allen Dingen erst abwarten, wie bet Ausbruch bet Leidenschaften in Kroatien fein wird, wenn der erste Schrecken überstanden ist.

Der serbische König hat kürzlich den Chestedak- teur des Pariser „Malin", Sauerwein, zu einem politischen Gespräch über Jugoslawien eingeladen und dabei geäußert, daß man sich im Auslände über das Maß der nationalpolitischen Gegensätze in Jugoflawien, namentlich zwischen den Serben und Kroaten, sehr überttiebcne Vorstellungen macht. Das Land fühle sich in allen seinen Ländern durchaus zusammengehörig und habe ein einheit­liches Staatsbewußtsein, bie Sprache ber einzelnen Lanbesteile weise nur ganz geringfügige Verschie­denheiten voneinander auf, bie nicht größer feien als die Verschiedenheiten der Dialekte m den euro­päischen Großstaaten. Zu irgendwelchem Pessimis­mus hinsichtlich des inneren Zusammenhaltes des jugoslawischen Staates sei kein hinreichender An­laß gegeben. Die Schüsse Ratschitschs auf bie Führer bet Kroatenpattei scheinen aber biefe opti­mistischen Erklärungen nicht getabe bestätigen zu wollen. Allerdings ist bet Mörder kein Vertreter ber. sogenannten „serbianischen" Interessen, er stammt aus Montenegro, will aber fein Attentat im Bewußtsein ber Notwendigkeit bet großserstv- schen Einheitspolitik abgegeben haben. Daß ihm dieses Motiv vorgeschwebt hat, baß er in den Kroaten und ihren Führern bie Zerstörer des jugoslawischen Einheitsbewußtseins treffen wollte, bleibt boch ein Beweis dafür, baß die kroatische Polittk den Anschein einer partikularistischen er­weckte.

Die Wogen ber politischen Leidenschaft waren in ben letzten Wochen in ber Skupschtina außer- orbentlich hoch gegangen. Die Regierung hatte bekanntlich bas mit Mussolini abgeschlossene Net- tuno-Abkommen zur Ratifikation vorgelegt in ber Hoffnung, dadurch bie schwüle Atmosphäre zwi­schen Belgrab unb Rom zu bereinigen unb als Folgewirkung davon eine Anleihe in England unb Frankreich unterbringen zu können. Das Nettuno- Abkommen wird getabe von ben Kroaten aufs heftigste bekämpft, weil man befürchtet, baß es ber geschäftlichen Penetration des westlichen Jugo­flawien burch Italien zu große Chancen einräumen würbe. So begann beim gleich eine organisierte Demonstration gegen bie Absichten ber Regierung, an bie sich naturgemäß lärmende Kundgebungen auch gegen Italien anknüpften. Daß diese in Italien ein unmittelbares Echo fanden, ist . verständlich.

Es kam zu beiderseitigen diplomatischen Inter­ventionen, bie in der Skupschtina einen lebhaften Nachhall erfuhren. Währenb also bie Kroatenfüh- rer jegliche Form von Nachgiebigkeit gegenüber Italien unb auch das Nettuno-Abkommen ablehn­ten, scheinen die unmittelbar an ber Küste des Adriatischen Meeres wohnenden Dalmatiner und Montenegriner sich eine größere Unabhängigkeit von den italienischen Aspirationen unb Bedrohun­gen dadurch erringen zu wollen, daß sie bie Autorität der Regierung möglichst unterstützen, b.h. eine geschlossene Front aller Parteien um bie Regierung schaffen wollen.

Populär ist also bie Politik des Außenmini­sters Marinkowitsch, von ber bie Kroaten sagen, daß es sich bei ihr nur um bie Ausführung von Befehlen aus Lonbon, Paris unb Rom handele, keinesfalls. Wenn bie jetzt zwischen Italien und Jugoslawien bestehenden Wirtschaftsverhältnisse ge­ordnet weiterlausen sollen, dann muß bas Net- tuno-Abkommen bis zum 28. Juni ratifiziert fein. Ob bazu bie Skupschtina gegenwärtig unter bem Einfluß der Schießereien in ber Lage fein wird, ist schwerlich anzunehmen. Die Regierung, die, wie gesagt, gegenwärtig mit sehr schlimmen Ver­dächtigungen belastet wird, hilft sich vorläufig mit dem Belagerungszustand. Für fie wird es jetzt darauf ankommen müssen, ihre Autorität unter allen Umständen durchzusetzen. Der Außenminister Marinkowitsch selbst weilte während ber Morbtat auf ber Bukarester Konferenz bet Kleinen Ent­ente. Verliert bie Regierung bie Kühlheit ihrer Entschlüsse ober verfällt sie in Nachgiebigkeiten,! so ist ein Enbe ber Schwierigkeiten noch nicht abzu- sehen. Merkwürdigerweise sieht man auch in bett Vorgängen in ber Skupschtina einen Beweis für das Versagen des parlamentarischen Systems und spielt mit ber Hoffnung, daß sich vielleicht jetzt irgendein General an die Spitze ber Politik wirst, um ben gordischen Knoten, ben bie inneren Lan­desverhältnisse augenblicklich barbieten, mit einem scharfen Schwerthieb zu burchschlagen. Genannt wird ber General Schiwkowitsch. Daß der Par­lamentarismus in Jugoflawien bisher der politi­schen Schwierigkeiten noch nicht Herr geworben ist, stimmt allerbings. Es ist aber auch richtig, baß ber Parlamentarismus in allen Ländern nur mit starken Reibungen zu funftionieren vermag, wo das System nicht unverfälscht in reiner Form durchgeführt ist, so etwa wie in Englanb.

*

Die Todesanzeige der bäuerlich-demokratischen Koalition für die verstorbenen Abgeordneten Paul R a d i t s ch und Dr. Basaritsichek, die am Donnerstag vormittag in der Nationalversamm­lung angeschlagen wurde, hat in politischen Kreis >n Aufsehen erregt. Es heißt darin, daß die Abgeord- neten in einer Sitzung der Nationalversammlung als Opfer eines vorbereiteten verbrecherischen An­schlages im gesetzlichen und gerechten Kampf für Gleichberechtigung und Menschlichkeit gefallen sind. Französische Stimmen zur Lage in Jugoslawien.

wtb Paris, 22. Juni. (@ig. Funkm.) Zur Sage in Jugoslavien schreibt „Populaire": Die Regie­rung Wukitschewitsch in ihrer gegenwärtigen oder in ihrer abgeänderten Zusammensetzung, die immer aber die Regierung des Königs Alexanders sein werde, befreit von der Kontrolle durch die Kammer, werde wahrscheinlich die Abkommen von Nettuno ratifizieren, aber die italienisch- jugoslavische Spannung werde dadurch nicht gemildert werden. Im Gegenteil, das Vor­handensein einer königlichen Diktatur gegenüber der Diktatur Mussolinis werde ben Augenblick nur näher bringen, in dem es zum Zusammenstoß zwi­schen Italien und Jugoslavien kommen werde. Mit dem Ausruf „Achtung vor den Balkangefahren!" schließt die Betrachtung. , . -