Fuldaer Zeitung
2. Blatt.
Druck der Fuldaer Actiendruckere«. Fulda
M 158.
Samstag, den 16. Juni 1928.
Um die^ Mandschurei.
Von Dr. Wenz, Fulda.
Der S-eqeszug des „südchinesischen Bonaparte" Tschiang-kai-schek hat zu einem vollen Erfolge geführt. Peking, die alte chinesische Hauptstadt, ist in den Händen der Südtruppen und damit seit Beginn der nun 17 Jahre währenden Revolution das eigentliche China wieder unter einer einzigen Macht vereinigt. Das große Ziel ist erreicht. Möge es dem unglücklichen „Lande der Sonne" vergönnt fein, nun endlich nach den schweren Wirren zum Wiederaufbau schreiten zu können. Wir Deutsche wünschen insbesondere von ganzem Herzen, daß aus dem Durcheinander die nationale Wiedervereinigung hervorgehe und daß das chinesische 400- Millionenvolk im Weltkonzert die Stellung einnehme, die ihm nach seiner Bolkszahl, seiner Kultur und Geschichte, nach seinem Arbeitseifer und feiner Geschicklichkeit gebührt. Freilich stehen noch schwarze Wolken am chinesischen Himmel, die sich noch zu einem Unwetter entladen können. Wird der nationale Wille stark genug sein, den Ehrgeiz der einzelnen Generale zu bannen? Wird China die historische Stunde erkennen, die ihm nach den unsäglichen Leiden die Wiedererneuerung bringen kann? Niemals waren die Aussichten so günstig.
So reinen Herzens wie wir Deutsche werden sich freilich die verschiedenen Mächte nicht des schönen Erfolges freuen. Denn wenn das große Werk der nationalen Einigung gelingt, dann ist es vorbei mit der Vormachtstellung der Engländer, Amerikaner, Japaner und der europäischen Mächte, die bisher China als Milchkuh behandelt haben; dann hören auch für die anderen von selbst die Konzessionen auf, auf die wir laut Friedensvertrag verzichten mußten. Besonders empfindlich ist Japan getroffen worden; denn der Zusammenbruch der Nordtruppen unter Tschana-tso-lin war zugleich eine Niederlage Japans. Damit schließt sich für Japan ein neues Glied in der Kette seiner unglückseligen Außenpolitik an, die ihm in den letzten zehn Jahren nur Mißerfolg auf Mißerfolg brachte. Wenn Japan in China etwas zur Festigung seiner Macht unternehmen will, so tritt ihm auf allen Wegen Amerika entgegen. Unter dem amerikanischen Druck vermochte es nicht, die Süd truppen m der Provinz Schantung aufzuhalten; es mußte deren Vormarsch auf Peking untätig und zähneknirschend mitansehen; es konnte den Zusammenbruch seines Schützlings nicht aufhalten. Man geht wohl nicht fehl, wenn man das Attentat auf Tschang-tfo-lin auf dessen Flucht nach Mukden mit feiner Vorliebe für Japan in Zusammenhang bringt. Denn die nationale Welle hat auch im Machtbereich Tschang-tso-lins seine Wirkung getan. Die Javaner hatten einstmals große Hoffnungen auf Tschang-tso-lin gesetzt in der Erwartung. daß es ihm gelinge, wieder die Monarchie wenigstens in Nordchina einzuführen, selbstverständlich unter einem japanischen Prinzen. Denn, auf deutsche Verhältnisse übertragen, herrscht in Nordchina, der ostelbische Konservatismus, in Südchina die westelbische Demokratie vor. Japan sieht also einen schönen machtpolitischen Gegenwartstraum in Nichts zerrinnen; seine Stellung tn Nordchina ist ins Wanken geraten.
Japans Sorge hat sich nun der Mandschurei zugewandt. Es ist mit allen Mitteln bestrebt, das Uebergresten der Wirren auf dieses Zukunftsland zu verhindern. Die Erhaltung der Vormachtstellung in der Mandschurei ist allerdings zu einer Lebensfrage des japanischen Volkes geworden. Die Mandschurei ist das natürliche Auswanderungsund Ausbeutungsgebiet Japans. Das Mutterland gleicht einem Dampfkessel ohne Ventil. Auf der einen Seite Mangel an Nahrungsmitteln und Rohstoffen, auf der anderen Seite rasende Bevölkerungszunahme. 80 Millionen Menschen bei einem Geburtenüberschuß von 12,4 vom Tausend, das heißt fast eine Million Menschen mehr im Jahre. In diesen Zahlen liegt das ganze Problem der Zukunft Japans. Und das auf einem Grund und Boden, der kaum noch kulturfähiges Land' hat, keine Eisengruben, keine Baumwolle, keine Wolle, keine Rohhäute. Dabei ist die Grundlage der Kultur die im Religiösen wurzelnde Tradition der Familie, die den ausgesprochenen Ehrgeiz besitzt, möglichst viele Söhne zu zeugen Wohin mit den Menschen, die teilweise enger zusammengedrängk sind als etwa im Ruhrgebiet ober einer anderen Menschenanhäufung der Welt? Gewiß hat Japan im Norden noch dünnbevölkerte Gebiete und die
Regierung bietet den Siedlern frei Land und Geld, ober vergebens Der Japaner ist klimatisch im Gegensatz zum Chinesen zu wenig anpassungsfähig. Die wärmeren Länder der gemäßigten Zone und subtropische Länder sind sein Element; Tropen oder kälterem Klima vermag er sich nicht anzupassen. Aber die dem Japaner zusagenden Ländern, wie Nordamerika, Neuseeland und Ausstralien sperren sich gegen japanische Einwanderung ab. Japan ist darum geradezu mit Naturnotwendigkeit zu einem Uebergreifen auf den ostasiatischen Kontinent gezwungen.
Eigene Rohstoffquellen bedeuten für Japan nicht bloß Unabhängigkeit, sondern Ernährungsmöglichkeit für Millionen Menschen. In großzügiger Kolonialarbeit sucht nun Japan die natürlichen Reichtümer, die im Boden der Mandschurei schlummern, für sich auszunützen. Zur dauernden Besiedelung eignet sich allerdings für die Japaner nur der südliche Teil, besonders die Halbinsel Liau- tung, weil sie sich dem kalten Norden nicht anzupassen vermögen. Die Mandschurei ist ein Land von außerordentlicher Entwicklungsmögsichkeit. Die Becken der zahlreichen Ströme sind zum größ- ten Teil Tiefländer von erstaunlicher Fruchtbarkeit, das wellige Land im Norden und die Gebirgszone im Westen und Osten mit weiten Wäldern bestanden. Überall breitet sich die Landwirtschaft rasch aus und dringt auch fn die Urwälder vor. Neben ihr bilden die Viehzucht — auch die mandschurischen Pferde sind berühmt — und die Pelzjagd wichtige Erwerbsquellen. Im Süden werden neben den gewöhnlichen Getreidearten auch Reis, Baumwolle und Tabak gebaut und fetbft Seiden- und Bienenzucht getrieben. Das wichtigste Landesprodukt ist beute die Sojabohne, die als Volksnahrungsmittel feit vielen Jahrhunderten in der Mandschurei bekannt ist, aber erst durch die javanische Kolonialisierung eine weltwirtschaftliche Bedeutung erlangt hat. Heute werden Seifen, Oele, Farben, selbst Biskuits aus der Sojabohne gewonnen. Zur Zeit der Ernte laufen unzählige Güterzüge nach Dairen, dem Hafen am Gelben Meer, um die transport- fertigen Oelkuchen an die Schiffe zu bringen. Auch
die Industrie beruht haupffächlich auf den land- wirtfchastlichen Produkten. Dazu kommt ein großer Reichtum an nutzbaren Mineralien: Gold, Ober, Eisen, Kohle. So ist die Mandschurei int Gegensatz zum eigentlichen China ein Ausfuhrland von hervorragendem, ständig wachsendem Range. Das wirtschaftlich durch das Erdbeben so schwer getroffene japanische Inselreich wäre gar nicht im Stande, die Summe für diese großzügige Kolonialarbeit aufzubringen, wenn nicht die Kolonie selbst das eingelegte Kapital mit Zinsen heimzahlte.
Ein besonderer Vorzug der Mandschurei ist ihre ausgezeichnete Aufgeschlossenheit, die die wirtschaftliche Durchdringung des Landes wesentlich erleichtert. Nach Süden läuft der schiffbare Liau ins Gelbe Meer, nach Norden der fischreiche Sungari mit' seinen mächtigen Neben- und Zuflüssen. Der nördliche Grenzstrom ist der Amur. Dazu kommen noch die aus der Zeit des russischen Einflusses stammenden Eisenbahnen, nämlich die durch ihre politischen Verwicklungen bekannte chinesische Ostbahn und die nach Süden führende Transmandschurische Eisenbahn. Dieses Eisenbahnnetz hat Japan noch stark ausgebaut. Kein Wunder also, daß die Japaner ein Uebergreifen des südchine- sischen Einflusses mit allen Mitteln verhindern wollen.
Und doch dürfen wir uns nicht verhehlen, daß die machtpolitische Stellung Japans in der Mandschurei nicht sehr günstig ist. Der Japaner ist kein Pionier; die Kleinarbeit bei der kolonialen Erschließung eines Landes schätzt er nicht. Er ist darum auch weniger als Siedler ins Land gezogen, sondern als Organisator, als Grundbesitzer und als Kaufmann. Die Siedlung überläßt er den Chinesen, die gerade in der letzten Zeit unter dem Drucke der chinesischen Wirren und Hungersnot in ungeheueren Scharen ins Land strömten. Dieser gewaltige chinesffche Wanderdruck kann den Japanern eines Tages gefährlich werden. Letzten Endes entscheidet doch die Masse und diese ist in wenigen Jahren in dem Lande, das die Größe Deutschlands besitzt, auf 60 Millionen Menschen angewachsen. Die japanischen kolonialen Metho-
Gottesdienstordnum.
«acholischer ®oitesöienft.
Sonnt <1 1 17. Juni, zulda. Dorn. 1. Beichiaelegen» beiten sind: Samstag morgen? von */«6 Ubr ab; nachmittags von 2—3 für Kinder; von */»5—7 Uhr und von V,8 Uhr ab für Erwachsene; Sonntag morgens von *'»6 Uhr ab. 2. SonntagSgotteSdienste: ’/«6, 6, */«7 und 7 Uhr hl. Messen mit Gelegenheit zum Empfang der hl. Kommunion. V,7 Uhr hl. Messe und Kpmmunion der Jungfr.-Sodalität in der Marienkapelle. 8 Uhr Vsarr» amt mit Predigt, Umgang und Komm, der Kinder des 6. Schuljahre? 'und der christenlehrpflicht. Jungfrauen. VilO Uhr Kathedralamt mit Predigt, '/dl Uhr Christen- lehre für die Jünglinge. */< 12 Uhr letzte hl. Messe mit Predigt. '/,2 Andacht zum hl. Altarssakrament _ Um ’/*3 Andacht und Predigt für die Jungfr.-Sodalität in der Marienkapelle. 4 Uhr Sakraments. Bruderschaft mit Predigt, Andacht und Segen. Um 7 Uhr abends ist die Andacht mit Segen in der Marienkapelle. 3. WerktaaSgotteSdienste: Jeden Morgen von V«6—7 Uhr halbstündlich hl. Messen mit Austeilung der hl. Kom. V<8 Uhr PfarrnotteSdienst mit hl. Kommunion. 9 Uhr letzte hl. Meise mit Austeilung der hl. Kommunion. Montag abend um V»8 Uhr Andacht mit Segen. — Stabtpfarrfirdfe. Beichte: Samstag nachm. von 8—7, 71/«—8*/i, Sonntag früh 5'/«—7 Uhr. SonntaoS-GotteS- dienste: 6 hl. Messe mit Ansprache, 6'/« hl. Mefle und Kommunion der Jungfrauen. 8 erster Schulgottesdienst, Predigt und Kommunion des 6. Schuljahres. 9*/» Uhr Pfarramt und Predigt. 11 zweiter Schulgottesdienst und Pred. 9V« Christen!, der Jünglinge in der Severikircke. 2*'i Segensandacht. SV* Andacht der Jungfr.-Sodalität. Die heilige Kommunion wird von 5*/«—71/» Uhr jede halbe Stunde gespendet, außerdem um 8V, und 9s/« Uhr. WerktagSgotteSdienste: 6, 6Vi, 7V« und 8 Uhr. Mittwoch, Freitag, Samstag früh um 6 Uhr Beichtgelegenheit. Freitag abend ist um 8 Uhr Legensandacht. — Pfarrkirche zum heiligen Seift. 7 Uhr Frühmesse mit Ansprache. 8 Uhr Hochamt mit Predigt. e/«ll Uhr ist Kindergottesdienst mit Ansprache. Vil2 Christenlehre für die Jünalinge. Abends um 8 Uhr SegenSandacbt. Werktags 6 Uhr hl. Messe. 7V« Uhr Schulgottesdienst. Beichtgelegenheit jeden Morgen von */»7 bis 7 Uhr und Samstag von 4—0 Uhr. Sonntag Morgen 6—7 Uhr. Austeilung der hl. Kommunion vor und nach jedem Gottesdienst, Sonntag auch im Hochamt. Nächsten Sonntaa ist Monatskommunion der Jungfrauen in der 7 Utz'-Messe. Das 6. Schuljahr im Hochamt. — St. Sturmiur-pfarrkirche. */«8 Komm.-Austlg. l/i8 Uhr Frühmesse mit Predigt. Kommunion der Jungfrauen. 9 Ubr Hochamt mit Predigt. */i2 Herz»Jesu » Andacht.
Um V,3 Uhr Andacht für 'den Jungfrauen - Verein. — llbteikirche der Venediktinerinnen. Sonntags 6 Konvent» amt, 3 Vesper; werktags 6 stille Messe, um */s9 Uhr Konventamt, 3 Vesper. — herz-lesu-veim. Um 8 Uhr Amt und Predigt. 2 Andacht und Segen. Werktags ist die hl. Mefle um 6. Mittwoch 81/« Segensandacht. — Piedhofrkapelle am zranzoienwäldchen. Sonntag: 6V« hl. Mefle mit Ansprache und Kommunion - Austeilung. Werktags: 6*/« hl. Messe mit Kommunion-Auteilung. — Seoerihir-be. 7 bl. Mefle. 8 OberrealschulgotteSdienst. — Frauenberg. Hl. Messen von 5 bis 7 Uhr. Um 8 Uhr Singmesse mit Predigt und liturg. Gebeten. 9 Uhr Hochamt mit Predigt. 2 Uhr Predigt, Andacht und Umgang für die Fünf-Wunden-Bruderschaft. Abends um */»8 Uhr Herz-Jesu.Andacht mit kurzer Predigt. (Während des Monats Juni findet jeden Abend an den Werktagen um 8 Uhr. an den Sonn- und Feiertagen um *i,8 Uhr eine öffentliche Andacht zu Ehren des göttlichen Herzens Jesu vor dem ausgesetzten Aller- heiligsten statt, am letzten Juni, sowie an den Sonn» und Feiertagen mit einer kurzen Predigt. — Die Nachmittagsandachten an den Diene tagen und Freitagen fallen in diesem Monat aus).
Heuender-. V.9 Uhr Amt und Predigt. — Lehnerz ’/»10 Uhr Amt und Predigt. — vieterrhan. 8 Uhr Amt und Predigt.
Samstag, 23. Juni. Zrauenbrrg. Nachm. V»5 feiert. Vesper mit sakram. Segen.
Maria Ehrenberg. Sonntag, den 1. Juli, Mariä Heimsuchung ab 5 Uhr Beichte. 8 Uhr hl. Messe. Um 9 IT’- '•'»i-.t und Hochamt.
Evangelischer Gottesdienst.
Sonnt >g, den 17. Juni. (2. Sonntag nach Trini» tatis.) Zulda Vorm. 8 Ubr und 9 V« Uhr MissionS- predi er Buse - HerSfeld. 11 Uhr Kindergottesdienst. Amtswoche Pfarrer Weber. — Bieberstein Vorm. 9V« Pfarrer Dr. Fritich — Großenlüder. 10 Uhr Pfarrer Hattendorfs. — Bad Salzschlirf. 10 Uhr Pfarrer Weber.
Mittwoch, 20. Juni. Zulda. Um 8 Uhr abends Btbelstunde (Schwesternhaus).
Lvangel. landerklrchl. Semeinichaft, Zulda, vuttlarstr. 17.
Sonntag. 17. Juni. Abends um 8 Uhr Bibelstunde. I Dienstag abend 8'/« Uhr Bibel» und Gebetstunde. I Jedermann ist herzlich ein'eladeu.
Lims Vatererbe.
Roman von Karola Hellmuth.
35] ---------
Dietrich hot die Worte nicht gehört, aber aus den Mienen der Leute hat er gesehen, daß man über ihn sprach. Wie gehetzt eilt er weiter. Ach, die Leute werden wohl bald mit Fingern auf mich zeigen, denkt er erbittert.
Dor dem Gericht macht er seine Aussagen klar und bündig. Er sagt, er habe in der Erbitterung gehandelt, weil er gesehen, daß ein anderer seine Braut im Arme gehabt. Erst jetzt bekommt er feinen glücklicheren Nebenbuhler richtig zu sehen und die Verachtung steigt in ihm hoch, als er sieht, an welch alten Mann sich Luise verkauft hat.
Auch Walter Howard sucht seinen Nebenbuhler und sein Haß und Rachedurst vermehrt sich noch, als er den hübschen, schlanken Burschen mit dem vornehmen Rassegesicht und den wirklich tadellosen Manieren erblickt. Er ist schlau genug, sich zu sagen, daß die Liebe keine einseitige war, daß Luise diesen Mann wohl wirklich geliebt hat. Doch gerade diese Erkenntnis vermehrt seinen Zorn. Auch Luise soll es ihm büßen, daß sie die Vorstellung in ihm erweckt hat, sein Gegner sei ein dummer, grober Bauernbursche gewesen. Mit diesem Mann wäre er auch auf anderem Wege fertig geworden. Nun er aber einmal den Klageweg beschritten hat, wird er auch nicht ruhen, noch rasten, bis fein Gegner verurteilt ist.
Sehr belastend ist es für Dietrich, daß sowohl Howard als auch Luise eidlich erhärten, Dietrich habe sie überfallen und feinen Gegner, nachdem er ihn durch einen Schlag betäubt, in den Teich geworfen. Luisens Aussagen verliest der Richter. Da sie durch Krankheit am Erscheinen verhindert ist, so hat man sie vorher auf dem Riedhof vernommen.
Die Beratung der Schöffen dauert ziemlich lange. Endlich verkünden sie den Urteilsspruch. Er lautet: „Vierzehn Tage Haft, in Anbetracht, daß der Angeklagte bisher unbescholten war und sich in gereiztem Zustand befand."
Wie vernichtet sinkt Dietrich auf die Bank zurück, und verbirgt fein Gesicht in den Händen.
Ein Murmeln geht durch die Zuhörerschaft; man schimpft auf den aufgeblasenen Howard, der jetzt so stolz und siegesbewußt den Saal verläßt; man bedauert den Burschen, der durch die unüberlegte Tat seinem Leben diesen Fleck zugefügt hat.
Der Gerichtsdiener tritt zu Dietrich und fragt ihn etwas. Dietrich folgt ihm willenlos, ihm ist es ja ganz gleich, wohin man ihn führt.
Auch dieser schwere Tag ist nun bald vorüber, frühzeitig schon bricht die Dämmerung herein. Der Schulze ist ins Haus gegangen; die Unrast, die ihn den ganzen Tag umhergetrieben, macht einer gewissen Abgestumpftheit Platz. Die Dienstboten haben noch in Scheune und Stallungen zu tun, er selbst kann heute keine rechte Arbeit mehr beginnen. So geht er zu seiner Frau in hie Wohnstube. In der Küche, durch die er geht, ist es schon fast dunkel, ßeni hat noch kein Licht angezündet.
Gespenstisch leuchten die roten Flammen auf dem Herdfeuer, ßeni steht davor, sie hantiert mit Töpfen und Pfannen, aber kein lustiges ßieb mischt sich in das Klirren des Kochgeschirrs; heute will kein Ton über die Lippen. Zwanzigmal wohl ist sie in der letzten Stunde zum Fenster gelaufen und hat den Weg überblickt, ob Dieter noch nicht komme und immer wieder muß sie der angstvoll harrenden Frau in der Wohnstube sagen: „Ich sehe noch nichts!" Nun ist es zu dunkel, um noch weit hinausblicken zu können, da geht die Haustüre. Seni atmet auf, doch es ist nur der Schulze der langsam, wie ein ganz alter Mann in die Küche tritt.
„Hast du noch nichts von Dieter gesehen, Onkel Franz?" Der Angeredete schüttelt den Kopf.
„Ist mir unbegreiflich, wo der Junge steckt, die Gerichtsverhandlung kann doch nicht so lange dauern."
Er geht zu feiner Frau in die Wohnstube. Frau Anna sitzt immer noch auf dem gleichen Fleck seit dem Mittag; die Füße sind ihr wie gelähmt, sie kann nichts tun als beten.
Der Wind, der schon den ganzen Tag gewütet, ist zum Sturm geworden; heulend fährt er ums Haus, er rüttelt an jedem losen Fensterladen und wirst mit zornigem Klirren ein paar Dachpfannen herunter. Klatschend
schlägt der Regen gegen die Fenster in dicken, unheimlichen Tropfen. Auf dem Hofe schlägt der Hofhund an, „das wird Dieter fein!"
ßeni zündet rasch die ßampe an und bringt sie ins Zimmer, bann horcht sie auf, die zur Tenne führende Türe ist geöffnet worden.
„Guten Abend!"
Eine fremde Männerstimme sagt es, Dietrichs Stimme ist es nicht.
ßeni geht hinaus. In der Küche steht ein junger Bursche, triefend von Wasser; er hat einen Brief in der Hand, den er ßeni reicht.
„Einen Gruß von Dietrich Barkamp, ich sollte das Schreiben seinem Vater bringen."
In der Stube ertönt ein Schrei. Frau Anna ist ohnmächtig vom Stuhl gesunken. Der Schulze nimmt feine Frau auf seine starken Arme und trägt sie zum Sofa; dann geht er in die Küche. Sein Gesicht ist kalkweiß, aber den Kopf trägt er aufrecht.
„ßeni, geh zur Tante hinein und hilf ihr, gib mir den Brief!"
Er reicht dem Burschen ein Geldstück, das dieser nimmt und verschwindet.
Der Schulze tritt mit dem Brief unter die ßampe. Als er ihn liest, sinkt seine Gestalt zusammen. Kurz nur ist der Inhalt: „ßiebe Eltern! Ich bin zu 14 Tagen Hast verurteilt und habe meine Strafe gleich angetreten. Wenn Ihr mir verzeihen könnt und ich wieder nach Hause kommen darf, so müßt Ihr mir ein ßebenszeichen geben; sonst denke ich, Ihr wollt mich nicht Wiedersehen und gehe in die weite Welt. Euer unglücklicher Dietrich "
Wie ein Schwerkranker schleppt sich der Schulze in die Stube.
„Die Schande, o die Schande!" stöhnt er, „ein Barkamp hinter Schloß und Riegel! Die ßeute werden mit Fingern auf den Sträfling zeigen!"
ßenis Bemühungen ist es gelungen, die Tante wieder zu sich zu bringen, doch mit dem Erwachen kommt ihr auch die Erinnerung wieder. Ihre Augen suchen in stummer und doch entsetzlich weher Bitte bas Auge ihres Mannes. Dieser beugt sich über sie und nimmt ihre Hand
den werden sich einmal rächen, wenn in Mukden statt eines Freundes Japans ein Führer der nationalen Sache regiert. Und mit den Einwanderern strömen auch die Ideen des geistigen Vaters der nationalen Bewegung, Sunyatsens, ins Land.
Mit den neuen Ereignissen werden auch die sämtlichen mandschurischen Probleme ttneber aufgerollt und damit wird die mandschurische Frage wieder zu einer internationalen und die Mandschurei wieder zu einem Brandherd. Wir brauchen uns nur des russisch-japanischen Krieges, der 1905 um die Bevormundung der Mandschurei geführt wurde, zu erinnern. Einmal schon war die Hoffnung Japans, die ganze Mandschurei mit sämtlichen angrenzenden Gebieten als japanisches Land ansprechen zu dürfen, greifbar nahe, als mt Weltkriege Japans Militär bis zum Baikalsee vor- geschoben war. Aber die Großmächte, Amerika voran, riefen Japan zurück. Schranken überall.
Trotz aller politischen Schwierigkeiten ist Japan in die unerbittliche Notwendigkeit versetzt, seine Position in der Mandschurei mit zäher Energie zu verteidigen. Japans Gesicht ist der Lage seiner wichtigen Städte und Häfen nach natürlicherweise nach Osten zum Pazifischen Ozean gekehrt. Aber die geschlossene angelsächsische Front zwang es, sich umzuroenden und den Blick auf Ostasien zu richten. Sein Ziel ist die Vorherrschaft Wer Ost» asien und dazu braucht es die ganze Mandschurei und sucht darum so viel in seinen Besitz zu bringen, als die Schwäche Chinas und Rußlands und der Einspruch der Amerikaner und Engländer erlauben. Die Schlüsselstellung hiezu ist die Beherrschung des Gelben Meeres. Die japanische Sperrstellung auf der mandschurischen Halbinsel Liautung sowie die Halbinsel Korea sind fest in javanischen Händen. Japan hat also recht erhebliche Trümpfe für die Sicherung seiner Position in Ostasien in der Hand. —■■■■!■—
Wissenschaft und Zorschung.
---- Einweihung be» neuen heims der Deusschen Forschungsanstalt für Psychiatrie. Im Rahmen der Ta- gung ber Kaiser-Wilhelm-Gesellschast in München fanb am Mittwoch bie feierliche Einweihung des Anstaltsneubaues ber Deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie in München in Anwesenheit ber Vertreter ber Staatsregierung, bes Reichsministeriums bes Innern sowie ber ärztlichen Wissenschaft bes In- und Auslandes statt. Professor Spielmeyer brachte als Vorstand der Forschungsanstalt den Dank an die Rockefell er Foundation, die die Mittel zum Bau in Höhe von 325 000 Dollar gegeben hatte, zum Ausdruck. Kultusminister Dr. ©olbenberger gedachte bes großen Forschers Krae- pelin, auf dessen Anregung ber Bau biefer Anstatt zu- rückzufiihren fei. Ferner sprach u. a. Professor Baumann-Utrecht als Vertreter bes Komitees, bas sich zu Ehren Äraepelins zu seinem 70. Geburtstage aus füh- renben Wissenschaftlern bes Auslandes gebildet hatte. Im Namen dieses internationalen Kollegiums überreichte ber Vorstand der Forfchnngsanstatt, Prof Spielmeyer, die von dem Komitee gestiftete goldene Kraepelin-Me- daille zum ersten Male dem Direktor bes Kaiser-Wil» Helm-Instituts für Hirnforschung in Berlin, Prof. Dr. Oskar Sogt, für feine grunblegenben Untersuchungen über bie architektonische Gliederung ber Großhirnrinde
— von bet Universität Frankfurt a. 21t. Der Herr Minister für Wissenschaft, Kunst unb Volksbildung hat in ber Philosophischen Fakultät ben ordentlichen Professor Dr. Hans Cornelius und in der Naturwissenschaftlichen Fakultät den ordentlichen Professor Dr. Friedrich Schumann mit Ende bes Sommerfemefteos von ben amtlichen Verpflichtungen entbunben. — Dem italienischen Generalkonsul Dr. Chiovenba ist vom Wintersemester 1928 ab bie Ermächtigung erteilt worben, in ber Philosophischen Fakultät italienische Vorträge abzuhatten.
Wie wird das Wetter ?
Der heftige Wirbelsturm, ber heute früh über bet Nordsee lagerte, verlagert sich allmählich weiter ostwärts. Don seiner Rückseite bringen kühlere Luftwaffen südlich vor unb bringen auch in unser Gebiet neben Gewittern unb Schauern einen Rückgang ber Temperatur.
Vorhersage bis Samstag abenb: Wolkig, meist trocken, nur mäßig warm, abflauenbe nordwestliche Winde.
Prospekt« Puren , Nervenarzt
Nervös - Erschöpft«, auaua bei Frankfurt
„Mutter, Gott hat uns schwer heimgesucht, Dieter ist zu vierzehn Tagen Hast verurteilt." Er lieft ihr Dietrichs Brief vor. In banger, entsetzter Frage hängen bie Augen ber Mutter an bem wie zu Stein erstarrten Gesicht ihres Mannes, boch zu fagen wagt sie nichts. Auch ßeni ist für einen Moment wie starr bei biefer Eröffnung; boch bann eilt sie auf ben Schulzen zu unb umklammert mit beiben Händen feinen Arm.
„Onkel Franz, bu mußt zu Dietrich gehen, gleich morgen, bu mußt ihm Trost bringen, fönst muß er ja verzweifeln!"
Voll unenblicher Dankbarkeit ruhen Frau Annas Augen auf bem in edler Begeisterung leuchtenden Gesicht des jungen Mädchens; der Schulze aber blickt ßeni mit kaltem Spott an.
„So, ich muß? Wer sagt das? Wer will mich zwingen ,ben verkommenen Musje Sohn im Kasten aujzu- suchen?"
„Onkel Franz, wüte nicht gegen dich selbst. Der kalte Hohn ist ein schlechter Mantel für dein blutendes Herz. Du barfft uns ruhig zeigen, baß bu leidest, wahrer Schmerz adelt ben Menschen unb ehrt ihn."
Einen Augenblick noch blickt ber Schulze bas Mädchen kalt lächelnd an, bann aber senkt er vor dem Blick edler, reiner ßiebe, ber ihm entgegenleuchtet, bas graue Haupt.
„ßeni, bu hast gesiegt, bir kann man nicht wider- stehen! Ich werbe zu ihm gehen, aber bei dir kann er sich dafür bebauten."
„Unb ich bebanfe mich bei bir, bester Onkel Franz!", jubelt bas Mäbchen und bann eilt es in die Küche und von ihren ßippen erschallt ein fröhliches Lieb.
Der Schulze hat sich am Tisch niedergelassen unb den Kopf in die Hand gestützt.
„Das Mädchen ist unser guter Engel! Siehst du Mutter, jetzt werden wir dafür belohnt, daß wir die verlassene Waise einst liebreich ausgenommen."
Frau Anna lächelt matt, zum ersten Mal seit langet Zeit. „Ja, Vater, bu hast recht! Wie freue ich mich jetzt, daß ich damals meine Natur besiegt habe unb gut zu bem Mädchen gewesen bin. Unser Herrgott belohnt boch alles!"
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